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»Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.« Goethe

11. Jahrestag eines rechten Mordes in Neukölln: Remembering Luke Holland - In Erinnerung an Luke Holland

Luke Holland wurde nur 31 Jahre alt. Denn am 20. September 2015 wurde er am frühen Morgen von einem Neonazi auf offener Straße in Neukölln ermordet.

Dieses Bild zeigt eine Schwarz-Weiß-Grafik mit einem Porträt und der Aufschrift „Remembering Luke Holland – In Gedenken“.

Grafik: https://burak.blackblogs.org

Luke kam aus Manchester und zog 2014 nach Berlin. Er wurde ermordet, weil er Englisch sprach. Kurz vor der Tat beschwerte sich der Mörder darüber, dass in der Bar, vor der er den Mord beging, „nur noch Englisch und Spanisch gesprochen" werde. In seiner Wohnung wurden zahlreiche Nazi-Devotionalien, Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. Ein rechtes Tatmotiv wollten Richter und Staatsanwälte aber trotzdem nicht feststellen. 
Lukes Vater Philip Holland geht davon aus, dass Lukes Mörder 2012 auch Burak Bektaş ermordet hat und der fehlende Ermittlungsdruck nach dem Mord an Burak dem Verdächtigen das Selbstvertrauen gegeben hat, auch seinen Sohn Luke umzubringen. Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum „Neukölln-Komplex" kritisierte er die polizeilichen Ermittlungen scharf. 
An Lukes 11. Todestag kommen wir an der Todesstelle zusammen, um ihm zu gedenken. Bringt gerne Blumen und Kerzen mit. Niemand wird vergessen!

Remembering Luke Holland - In Erinnerung an Luke Holland
11. Jahrestag eines rechten Mordes in Neukölln

Kundgebung Sonntag, 20. September 2026, 15:00 Uhr
 - Luke Holland Gedenkort Ringbahnstraße Ecke Walterstraße (Nähe S-Bahnhof Neukölln) Berlin

Die Broschüre „Handeln statt Reinwaschen! Betroffene und Zivilgesellschaft zum Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ‚Neukölln-Komplex'" von Betroffenen und Zivilgesellschaft zum Parlamentarischen Untersuchungsausschuss »Neukölln-Komplex« befindet sich hier als PDF-Datei und hier als E-Book-Reader.


Luke Holland was only 31 years old. On September 20, 2015, he was murdered in the early morning by a neo-Nazi on the street in Neukölln.


Luke came from Manchester and moved to Berlin in 2014. He was murdered because he spoke English. Shortly before the crime, the murderer complained that "only English and Spanish were spoken" in the bar in front of which he committed the murder. Nazi memorabilia, weapons, ammunition, and explosives were found in his apartment. However, judges and prosecutors still did not want to establish a right-wing motive for the crime.

Luke's father, Philip Holland, believes that Luke's murderer also murdered Burak Bektaş in 2012 and that the lack of investigative pressure after Burak's murder gave him the confidence to kill his son Luke as well. In the parliamentary committee of inquiry into the "Neukölln complex," he sharply criticized the police investigations.

On the 11th anniversary of Luke's death, we will gather at the site of his death to commemorate him. Please feel free to bring flowers and candles. No one will be forgotten!

In Memory of Luke Holland
11th Anniversary of a Right-Wing Murder in Neukölln
Rally Sunday, September 20, 2026, 3:00 p.m.
 - Luke Holland memorial site Ringbahnstraße corner of Walterstraße (near Neukölln S-Bahn station)

 

Quelle / Source



 

Wer mit Transparent demonstriert, wird von der Polizei fotografiert? GFF klagt gegen anlassloses Fotografieren bei Versammlungen

Berlin, 17. September 2026 - Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hat heute vor dem Verwaltungsgericht Berlin Klage gegen die anlasslose und systematische fotografische Erfassung von Transparenten und den dahinterstehenden Teilnehmenden durch die Polizei eingereicht. Die Klägerin hatte am 20. September 2025 auf einer feministischen Demonstration ein Transparent für die Legalisierung von Abtreibung in Berlin gehalten und war von der Polizei fotografiert worden. In diesem Vorgehen sieht die GFF eine Verletzung der Versammlungsfreiheit. Mit der Klage soll festgestellt werden, dass die Polizei Protestierende und ihre politischen Botschaften nicht ohne einen Anlass, wie beispielsweise den Verdacht einer Straftat oder eine konkrete Gefahr, fotografieren darf. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Menschen ihre Versammlungsfreiheit ausüben können – ohne befürchten zu müssen in polizeilichen Datenbanken aufgenommen zu werden.

„Protest und das Zeigen von Transparenten ist eine zulässige Ausübung von Versammlungsfreiheit – und ein wesentlicher Baustein unserer Demokratie. Wo keine Gefahr und kein Strafverdacht besteht, sollte auch niemand von der Polizei fotografiert und damit eingeschüchtert werden“, sagt Luise Bublitz, Juristin und Verfahrenskoordinatorin bei der GFF.

Die #nofundis-Versammlung ist ein jährlich stattfindender Gegenprotest zum „Marsch für das Leben“ und setzt sich für die Legalisierung von Abtreibung und reproduktive Selbstbestimmung ein. Die Klägerin hielt ein Transparent mit der Aufschrift „Abtreibung legalisieren“. Auf Nachfrage bei einem Polizisten stellte sich heraus, dass die Berliner Beamt*innen intern angewiesen wurden, alle Plakate und Transparente mit politischen Botschaften zu fotografieren. Die Anweisung unterscheide nicht danach, ob der Verdacht einer Straftat besteht oder nicht.

Das Vorgehen der Polizei schränkt die Versammlungsfreiheit ein. Es kann Demoteilnehmer*innen einschüchtern und davon abhalten, in Zukunft an Protesten teilzunehmen oder Plakate und Transparente mitzubringen. Für diesen massiven Grundrechtseingriff fehlt der Polizei eine Rechtsgrundlage. Der Fall muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Polizei Versammlungen zunehmend repressiv begleitet.

Die GFF hat bereits mit anderen Klagen vor dem Berliner Verwaltungsgericht die Versammlungsfreiheit verteidigt – unter anderem gegen den Einsatz von Schmerzgriffen bei friedlichen Demonstrationen und Sprachauflagen durch die Polizei sowie das anlasslose Speichern von Daten von Demoteilnehmer*innen beim Verfassungsschutz.

Weitere Informationen zum Verfahren

Quelle: Pressemitteilung 17. September 2026


 

k9 » größenwahn » politischer fiimabend: Rebel Without a Cause - ... denn sie wissen nicht, was sie tun

Der Flyer zum Film mit Text aus dem Beitrag und Angaben zum Ort und Zeit.

Flyer zum Film

Zukunftsangst und Richtungslosigkeit us-amerikanischer Teenager der 50er Jahre und ihre Rebellion gegen die satte Selbstzufriedenheit ihrer gutbürgerlichen Elternhäuser bestimmen das Klima des Dramas dreier Halbwüchsiger, die ihre Aggressionen als Mitglieder einer motorisierten Bande bei gefährlichen, in einem Fall tödlichen Spielen abreagieren. Aus heutiger Sicht jedoch in etwas seltsamer Weinerlich- oder Rührseligkeit.

Nicholas Ray 1955 USA mit James Dean+Natalie Wood 106 min Denn Sie wissen nicht, was sie tun machte James Dean zu einer Ikone des Kinos. Der Mythos wurde noch verstärkt durch den frühen Unfalltod des Stars, der mit seinem Porsche in den Tod raste.

Alle drei Hauptdarsteller – James Dean, Sal Mineound Natalie Wood – starben unter tragischen Umständen vorzeitig. Dean starb bei einem Autounfall im September 1955, Mineo wurde im Februar 1976 ermordet und Wood ertrank im Spätherbst 1981. Edward Platt tötete sich im März 1974 selbst.

WikiPedia

combatiente zeigt geschichtsbewußt:

revolucion muß sein!
filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen
kinzigstraße 9 « 10247 berlin + U5 samariterstraße + S frankfurter allee


 

Blogkino: "Schlacht um Algier" - La battaglia di Algeri (1956)

Heute zeigen wir in unserer Reihe Blogkino den italienisch-algerischen Spielfilm "Die Schlacht um Algier" aus dem Jahr 1966. Der mit Laiendartsteller*Innen besetzte Film feierte seine Premiere im September 1966 bei den Filmfestspielen von Venedig. In Frankreich und England war er bis 1971 verboten. Auch in anderen Ländern versuchten Organisationen wie die Organisation de l’armée secrète (OAS) Aufführungen zu verhindern und zu sabotieren. In lateinamerikanischen Regimen wurde der Film in den 1970er Jahren zur Unterweisung in Foltermethoden benutzt.

Zur Handlung schreibt Wikipedia: "Die Handlung spielt in Algier im Jahr 1957. Die Einheiten der französischen Armee werden von Colonel Mathieu befehligt. Er jagt in der verwinkelten Altstadt, der Kasbah, die Urheber immer neuer Bombenanschläge der FLN, die sich zunehmend auch gegen Zivilisten richten. Die Aufständischen werden von Ali La Pointe befehligt, der als Attentäter vom Kleinkriminellen zum Leiter des Widerstands aufsteigt. Die Grausamkeiten beider Seiten wie die Folter von Verdächtigen durch die Franzosen und die Morde der FLN an „Verrätern“ werden ungeschönt dargestellt."


  


 

Jenseits von Klimaoptimismus und Klimapessimismus oder: Ausgehend von der Annahme, dass wir am Arsch sind

Ich hatte recht mit dem Klimawandel, was seine Schwere und seine Dringlichkeit angeht.

Ich habe mir noch nie in meinem ganzen Leben so sehr gewünscht, mich in einer Sache zu irren.

Aber wir dürfen nicht in einfache Fallen wie Optimismus tappen. Oder Pessimismus. Wir dürfen nicht zulassen, dass „wir sind am Arsch“ das Ende der Diskussion ist, aber wir können auch nicht so tun, als wären wir nicht auch, nun ja, irgendwie in Schwierigkeiten. Wir stecken irgendwie in der Scheiße. Das muss einfach der Anfang der Diskussion sein, nicht ihr Ende. Dieser Sommer war verheerend und könnte in den Geschichtsbüchern (falls wir noch da sind, um Geschichtsbücher zu schreiben) als der Sommer in die Geschichte eingehen, in dem die globale Erwärmung wirklich und wahrhaftig zu einer gegenwärtigen Bedrohung wurde und nicht nur zu einer zukünftigen.

Dieser Sommer war verheerend, aber wenn wir die Überschwemmungen in Nepal sehen, wenn wir aus tausend Meilen oder zehn Meilen Entfernung am Rauch von Waldbränden ersticken, während wir zusehen, wie sich der Ozean erwärmt, und lesen, dass Korallenriffe wahrscheinlich der Vergangenheit angehören, müssen wir uns daran erinnern: Das ist nicht die neue Normalität. Das ist das Beste, was es geben wird.

Aus der Vogelperspektive sind zwei Menschen auf einem weiten, vollständig ausgetrockneten Boden zu sehen. Die Erde ist von tiefen Rissen durchzogen und in unzählige unregelmäßige, harte Schollen aufgebrochen. Eine Person in gelb-orangefarbener Kleidung arbeitet gebückt mit einem langen Werkzeug am Boden. Daneben hockt eine zweite Person in einem roten Oberteil neben einem dunklen Behälter oder Eimer. Das tief stehende Sonnenlicht fällt von rechts ein und lässt die beiden Menschen lange Schatten nach links werfen. Die warmen Braun-, Orange- und Rottöne sowie die rissige Erde bestimmen das gesamte Bild und vermitteln einen starken Eindruck von Trockenheit und Dürre.

Vater pflanzt Bäume für die Zukunft
Foto: Artdevera17
Creative-Commons-Lizenz: „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“.

Dieser Sommer war verheerend, aber er ist nicht die neue Normalität. Vielleicht erreichen wir nie eine neue Normalität. Es wird nie wieder eine Normalität geben, es sei denn, wir stoppen die alles vernichtenden Wahnsinnigen, die wissentlich und willentlich jeden Menschen, jedes Tier, jede Pflanze und jedes Ökosystem auf dem Planeten zerstören. Solange wir die Infrastruktur für fossile Brennstoffe nicht stilllegen, wird es nie eine neue Normalität geben. Wir können unsere Gesellschaft und unser Leben an eine veränderte Welt anpassen, aber es ist viel schwieriger, sich an eine sich ständig verändernde Welt anzupassen.

Irgendwann wird die Erwärmung natürlich aufhören. Entweder wir stellen die klimawandelverursachende Infrastruktur ab, oder das Klima wird diese Infrastruktur irgendwann für uns zerstören. Da ich das Leben schätze - sowohl mein eigenes als auch das der Menschen, Tiere und Pflanzen um mich herum - ziehe ich es bei weitem vor, auf Ersteres hinzuarbeiten, anstatt Letzteres einfach hinzunehmen. Die UN gab letzte Woche zu, dass es unmöglich ist, die Erwärmung innerhalb der von ihr erhofften Schwelle von 1,5 Grad Celsius zu halten, und das Internet füllte sich daraufhin mit Meinungsbeiträgen. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich mich darüber aufregen würde, dass Leute Kommentare schreiben. Ich bin lieber ein Typ, der erst mal einen kühlen Kopf bewahrt, als einer, der sofort heißläuft - also habe ich mir etwas Zeit gelassen und ein paar Gespräche geführt.

Die meisten Gespräche führten allerdings zu nichts, denn nichts bringt ein höfliches Gespräch schneller zum Erliegen als das Thema Klimawandel.

Die UN gab letzte Woche zu, dass es unmöglich ist, die Erwärmung innerhalb der erhofften 1,5-Grad-Celsius-Grenze zu halten, und die Leute sagten: „Wie können sie es wagen, aufzugeben?“, und die Leute sagten: „Da kann man nichts mehr tun“, und die Leute sagten: „Ist schon okay, sie haben einen guten, soliden Plan vorgelegt, um die Erwärmung zu senken, und ich bin sicher, dass er funktionieren wird“ - und mir gefällt keine dieser Reaktionen.

Ich habe eigentlich kein Problem mit dem Bericht selbst. Man kann ein Problem nicht lösen, ohne es nüchtern zu betrachten, ohne die Realität der Situation zu akzeptieren. Arrogante Selbstüberschätzung wird jeden Krieg verlieren. Wir werden die 1,5-Grad-Grenze sehr bald überschreiten (und der einzige Grund, warum wir das noch nicht getan haben, ist, dass sie auf der Grundlage von 20-Jahres-Durchschnittswerten berechnet wird, nicht für jedes einzelne Jahr). Das ist die Wahrheit.

Es ist auch die Wahrheit, dass die Regierungen und Konzerne dieser Welt ihre Verantwortung nicht ernst nehmen und die meisten von ihnen keinerlei Anzeichen dafür gezeigt haben, dass sie es jemals tun werden. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass der derzeitige Status quo zu etwas anderem als einem Untergang unvorstellbaren Ausmaßes führen wird.

Weder naiver Optimismus noch fatalistischer Pessimismus werden uns retten, und beides sind Formen der Verleugnung, die, ehrlich gesagt, genauso peinlich sind wie die regelrechte Leugnung des Klimawandels.

Naiver Optimismus ist der Glaube, dass sich die Lage bereits verbessert. Nicht, dass sich die Erde abkühlt, sondern dass wir auf dem besten Weg sind, die Schäden zu verlangsamen und umzukehren. Davon gibt es verschiedene Varianten: Manche glauben, dass die Infrastruktur für fossile Brennstoffe weltweit abgebaut wird (während fossile Brennstoffe jedes Jahr einen geringeren Anteil an der gesamten Stromerzeugung ausmachen, steigt die tatsächlich verbrannte Menge an Kohle und Gas, weil die Gesamtstromerzeugung zunimmt); manche glauben, sobald ihre Kandidaten an der Macht sind, wird es eine ausreichend große Verschiebung nach links geben, ohne dass die politischen und wirtschaftlichen Systeme grundlegend verändert werden müssen; manche glauben, dass uns die Kalte Fusion bald unbegrenzte saubere Energie liefern wird (seit Jahrzehnten heißt es schon, das stünde kurz bevor) und sich alles von selbst lösen wird.

Naiver Optimismus ist der Glaube, dass das Problem in den Griff bekommen wird. Es ist eine Art, die Verantwortung für die Schaffung einer besseren Welt abzuschütteln.

Fatalistischer Pessimismus ist die logische Folge davon. Der oft verspottete „Doomerismus“ ist eine weitere Art, Verantwortung abzuschieben. Wenn man nichts tun kann, kann man einfach die Hände in die Luft werfen und sich vom Problem abwenden. Wenn man nichts tun kann, kann man genauso gut tun, was man will.

Wir müssen gemeinsam die Verantwortung dafür übernehmen, dieses Chaos zu beseitigen. Und damit meine ich nicht, Glühbirnen gegen LEDs auszutauschen und so zu tun, als würde Recycling tatsächlich funktionieren (fast überall, wo ich je gelebt habe, kann man zusehen, wie das Recycling in demselben LKW abtransportiert wird wie der Müll). Systemische Probleme löst man nicht mit individuellen Lösungen, und die Besessenheit vom eigenen CO₂-Fußabdruck war eine Idee, die uns von British Petroleum aufgezwungen wurde.

Verantwortung dafür zu übernehmen, das Problem zu beheben, bedeutet nicht, Schuld zu akzeptieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld. Es ist nicht meine Schuld, dass ich in einer transphoben Welt lebe (zum Beispiel). Ich habe nicht die Bedingungen geschaffen, unter denen Menschen Trans-Personen misstrauen und ihnen Schaden zufügen. Aber meine eigene Befreiung liegt in meiner eigenen Verantwortung. Ich kann nicht herumsitzen und darauf warten, dass meine Unterdrücker das für mich tun.

Der meiste liberale Aktivismus neigt dazu, diesen Unterschied zu vergessen. In der gängigsten liberalen Denkweise darf man einer unterdrückten Person niemals sagen, dass ihre Freiheit in ihrer eigenen Verantwortung liegt, weil das implizieren könnte, dass die Unterdrückung ihre eigene Schuld ist. Aber wenn wir den Menschen die Verantwortung nehmen, nehmen wir ihnen auch ihre Handlungsfähigkeit. LGBT-Rechte - und materielle Ressourcen wie kostenlose Kliniken und Programme zur gegenseitigen Hilfe - wurden uns nicht von oben herab gewährt. Sie wurden aufgebaut, größtenteils von den Überlebenden des AIDS-Völkermords. Wir haben Handlungsfähigkeit, weil wir Verantwortung für unsere eigene Freiheit und unser Überleben übernommen haben.

Allerdings erfordern manche systemischen Veränderungen tatsächlich individuelle Veränderungen. Wir sollten wahrscheinlich weniger fliegen. Wir sollten wahrscheinlich deutlich weniger Fleisch essen. Wir sollten wahrscheinlich weniger Auto fahren und uns von benzinbetriebenen Autos verabschieden. Aber all diese Dinge spielen nur dann eine Rolle, wenn sie in großem Maßstab geschehen - es geht nicht darum, dein individuelles Verkehrsmittel zu ändern, sondern darum, unsere Infrastruktur so zu verändern, dass Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen und Fahrrad fahren können. Es geht nicht darum, vegan zu leben, sondern darum, eine Lebensmittelwirtschaft zu entwickeln, die saisonale Lebensmittel bevorzugt, die überwiegend pflanzlich sind.

Ein „individueller Boykott“ ist kein Boykott, sondern eine Lebensstilentscheidung. Ein Boykott ist eine organisierte, kollektive Aktion - oder gar keine Aktion. Wenn eine einzelne Person streikt, ist das kein Streik. Es muss ein bedeutender Prozentsatz der Belegschaft die Arbeit niederlegen, wenn man kollektive Macht aufbauen will (und nicht einfach nur gefeuert wird). Die meisten von uns wissen, dass wir aus diesem Schlamassel nicht herauskommen, indem wir als Einzelne unsere Gewohnheiten ändern. Die meisten von uns sind außerdem in einer Gesellschaft aufgewachsen, die uns systematisch jegliches Gefühl von Selbstbestimmung nimmt. In der Schule bist du den Autoritäten untergeordnet und sollst so lernen, wie sie es erwarten. An der Uni ist es dasselbe. Lehrende und Verwaltungsangestellte kontrollieren dich, obwohl du die Lehrenden dafür bezahlst, dich zu unterrichten, und die Verwaltungsangestellten dafür, den Betrieb am Laufen zu halten.

Im Berufsleben ist es genauso. Lohnarbeit sollte eigentlich eine vertragliche Vereinbarung zwischen Gleichberechtigten sein: Das Restaurant will, dass sein Geschirr gespült wird, und du willst bezahlt werden. Aber dein Chef schimpft mit dir, schreibt dir vor, was du tun darfst und was nicht, obwohl du für ihn Geld verdienst.

Im öffentlichen Leben als Erwachsener in einer Demokratie ist es irgendwie immer noch dasselbe: Du wirst von den Institutionen überwacht und kontrolliert, für die du bezahlst, die du angeblich durch deine Stimme gestärkt hast.

Wir werden von Geburt an darauf trainiert, keine Handlungsfähigkeit zu haben. Und die Leute fragen sich, warum wir als Gesellschaft Schwierigkeiten haben, den Klimawandel sinnvoll anzugehen.

Die wenige Handlungsfähigkeit, die uns gewährt wird, ist in der Regel kleinräumig und individuell. Wir können entscheiden, wofür wir unser Geld ausgeben, wir können entscheiden, wen wir wählen. Was wir jedoch brauchen, ist, unsere kollektive Handlungsfähigkeit zu finden.

Gemeinsam Macht aufbauen, lernen, unsere Handlungsfähigkeit auszuüben - das ist kein kleiner Teil dessen, was nötig ist, um den Klimawandel anzugehen. Eure Arbeitsstätte gewerkschaftlich organisieren (oder eure Gewerkschaft dazu bringen, demokratischer zu handeln). Arbeitergenossenschaften gründen und für Demokratie am Arbeitsplatz kämpfen. Zu lernen, einander als Gleichberechtigte zu behandeln und Konflikte zu entschärfen - so bauen wir Macht auf.

Kindern Verantwortung beizubringen sollte so sein wie ihnen das Fahrradfahren beizubringen: Vielleicht brauchen sie anfangs Stützräder, aber euer Ziel ist es, diese Räder abzunehmen. Wir alle brauchen von Zeit zu Zeit Orientierung und Anleitung, besonders kleine Kinder, aber ein Freund von mir drückt es immer so aus: „Wenn du Verantwortung für jemanden trägst, ist es dein oberstes Ziel, ihn zu befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen, damit er Selbstbestimmung über sich selbst erlangt. Du musst dich selbst überflüssig machen.“

Ich bin mir sicher, dass es pädagogische Methoden gibt, die Kindern beibringen, nicht nur über ihre eigene Bildung, sondern auch gemeinsam Selbstbestimmung zu erlangen. Ich kenne mich mit Schulen einfach nicht so gut aus wie mit Arbeitsplätzen. Jede nüchterne Analyse der Klimasituation führt unweigerlich zu dem Schluss, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Man könnte sogar sagen: „Wir sind am Arsch“, obwohl diese Formulierung natürlich dazu neigt, Leute abzuschrecken.

Es ist ein heikler Balanceakt, den ich noch nicht ganz beherrsche. Wie sagen wir den Leuten: „Es ist nicht alles in Ordnung, und eine verdammte Menge Menschen wird sterben - darunter möglicherweise auch du und ich, aber vor allem Menschen in anderen Ländern - und das macht es nicht okay“, und zwar mit genug Aufrichtigkeit, um die Leute zum Handeln zu bewegen, ohne sie dabei in die Verzweiflung zu treiben?

Meine Theorie ist, dass wir unsere nüchterne Analyse des Problems, wann immer möglich, mit Maßnahmen verbinden müssen, die die Menschen ergreifen können. Handeln, nicht Hoffnung, ist das Gegenmittel gegen Verzweiflung.

Der Haken ist natürlich, dass keine einzelne Maßnahme uns retten wird.

Gut, dass es also 8,3 Milliarden Menschen auf dieser Welt gibt. Das sind 8,3 Milliarden Menschen, deren Zukunft davon abhängt, den Omnicid unseres Planeten zu stoppen. Das sind 8,3 Milliarden Menschen, die den Ausbau der Infrastruktur für fossile Brennstoffe stoppen können, die alternative Verkehrsinfrastrukturen entwickeln können, die andere Lebensmittelversorgungsketten aufbauen können. Das sind 8,3 Milliarden Menschen, die [ZENSIERT] oder [ZENSIERT] tun können oder direkt zu [ZENSIERT] gehen und dann [ZENSIERT] können. (Hast du gedacht, wir würden da kampflos davonkommen?) Seit Jahren bezeichne ich den Faschismus als den Miniboss und den Klimawandel als den Big Boss, aber das heißt nicht, dass der Faschismus ein geringeres Problem ist. Du musst zuerst den Miniboss bekämpfen. Er steht zwischen dir und dem Big Boss. Aber, um meine Videospiel-Analogie fortzusetzen: Der Kampf gegen den Miniboss lehrt dich, wie man den Big Boss besiegt. Du sammelst Erfahrungspunkte. Du steigst ein Level auf. Du bekommst neue Zaubersprüche … okay, vielleicht nicht ganz so.

Der derzeitige Aufstieg des Faschismus scheint direkt auf den Klimawandel zurückzuführen zu sein. Kein Teil von mir glaubt, dass die regierenden rechten Politiker den Klimawandel tatsächlich anzweifeln - seine Schwere herunterzuspielen und zu leugnen, ist stattdessen ein kalkulierter Schachzug ihrerseits.

Denn rechte Regierungen bereiten sich auf den Klimawandel vor. Sie schließen Grenzen, bauen Mauern. Der globale Norden weiß, dass der globale Süden in Schwierigkeiten steckt, also verriegeln sie die Türen.

Das ist die „Ich hab meins, scheiß auf euch“-Einstellung gegenüber der Apokalypse. Rechte Spinner ohne systemische Macht bauen Bunker, füllen sie mit Trockennahrung und Munition und fantasieren davon, jeden zu erschießen, der versucht, ihre Bohnen und ihren Reis zu stehlen, weil sie nicht vorhaben, zu teilen. Rechte Spinner mit systemischer Macht tun dasselbe, aber auf nationalstaatlicher Ebene. „Festung Europa“ und Trumps USA verschließen beide die Türen, damit sie nicht teilen müssen, wenn es weltweit schlimm wird.

Milliarden und Abermilliarden von Menschen leben in Regionen, die mit extremer Hitze und unerträglichen Außentemperaturen zu kämpfen haben, und es ist entsetzlich böse, die Luken zu verriegeln, gerade jetzt, wo immer mehr Menschen in Not geraten. (Und natürlich ist es nicht der globale Süden, der uns überhaupt erst in dieses Schlamassel gebracht hat.)

Um den Klimawandel zu bekämpfen, müssen wir den Klimafaschismus bekämpfen. Daran führt kein Weg vorbei. Es gibt eine mächtige Minderheit von Menschen, die beschlossen haben, dass das Ende naht, und die, anstatt die schlimmsten Auswirkungen abzumildern, einfach Menschen töten werden. Wir müssen sie aufhalten. Ich weiß nicht genau, wie, aber ich will sagen, dass mein Großvater und der Bruder meiner Großmutter beide am letzten großen weltweiten Kampf gegen den Faschismus beteiligt waren - und ihre Lösung bestand jeweils aus Torpedos und Luftangriffen. Aber um konkret zu werden: Ich glaube, einige Maßnahmen, die wir ergreifen können, sind - in keiner bestimmten Reihenfolge:

  • Entwickelt die Fähigkeit, kollektives Handeln auf horizontaler Ebene zu gestalten (wie zum Beispiel, aber nicht beschränkt auf Gewerkschaften, kollektive Arbeitsstätten, Aktivistengruppen, Direkten-Aktionsgruppen). Unterstützt Menschen, die diese Art von Handlungsfähigkeit aufbauen: Kauft in Unternehmen ein, die den Beschäftigten gehören, überschreitet keine Streikpostenketten, geht bei Protesten auf die Straße und seid dabei.
  • Bekämpft den Ausbau der Infrastruktur für fossile Brennstoffe - durch Lobbyarbeit und direkte Aktionen.
  • Bekämpft den Aufstieg des Klimafaschismus - durch Gemeinschaftsorganisation und Gemeinschaftsverteidigung, wenn möglich mit gesetzgeberischen Mitteln und, falls nötig, durch Aufstand.
  • Unterstützt Menschen, die im Kampf gegen Faschismus und Klimawandel verhaftet werden.
  • Kämpft gegen die Trägheit, die uns mit dem Status quo zufrieden sein lässt - egal, ob diese Zufriedenheit durch Verleugnung, naiven Optimismus oder fatalistischen Pessimismus entsteht.
  • Schafft widerstandsfähige Gemeinschaften durch individuelle und gemeinschaftliche Vorsorge: Gründet Prepper-Organisationen, die gegenseitige Hilfe und den Austausch von Fähigkeiten mit dem Sammeln von Ressourcen, dem Erlernen von Fertigkeiten, dem Aufbau von Beziehungen und der Schaffung von Infrastruktur verbinden.
  • Engagiert euch in der Katastrophenhilfe, sei es durch Arbeit vor Ort, durch Spendensammlungen oder durch das Sammeln von Hilfsgütern zur Unterstützung der Helfer vor Ort.
  • Bereite deine Stadt darauf vor, Klimaflüchtlinge aufzunehmen - durch den Ausbau der Infrastruktur wie Wohnraum und anderer Systeme, die eine höhere Bevölkerungsdichte ermöglichen, sowie durch das Erlernen multikultureller und mehrsprachiger Organisationsformen.
  • Bereite dich darauf vor, selbst Klimaflüchtling zu sein.
  • Baue eine widerstandsfähige Infrastruktur auf. Isoliere alle Wohngebäude gegen Temperaturschwankungen und Rauch. Richte Klimaanlagen ein. Richte Kühlzentren ein.
  • Lebe dein bestes Leben hier und jetzt, denn die Zukunft ist alles andere als garantiert. Sag deinen Freunden, dass du sie liebst. Passt aufeinander auf.
  • Gib deine Zukunft nicht auf. Fang nicht mit dem Rauchen an.
  • Sei mutig. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Vorhandensein von Tapferkeit.
  • Deeskaliert alle Konflikte, die nicht mit dem Feind zu tun haben. Der Feind will, dass wir uns gegenseitig bekämpfen. Wir wollen, dass wir gemeinsam gegen den Feind kämpfen. Unterstützt Menschen, die anders kämpfen als ihr.
  • Sprecht mit den Menschen über den Klimawandel und helft ihnen, ihre Angst, ihre Hoffnungslosigkeit, ihren Fatalismus und ihre Naivität zu überwinden. Helft ihnen zu erkennen, dass es Dinge gibt, die sie tun können.
  • Geht nicht davon aus, dass wir gewinnen werden. Geht nicht davon aus, dass wir verlieren werden. Bleibt mit dem Kopf im Spiel.
  • Am wenigsten wichtig, aber wahrscheinlich dennoch von gewissem Wert: Entwickelt die Gewohnheiten eines einfachen Lebens, um die Welt vorwegzunehmen, die wir schaffen wollen. Reduzieren, wiederverwenden, recyceln. Baut mehr eurer eigenen Lebensmittel an. Teilt mehr Essen mit anderen. Esst weniger Fleisch. Haltet Hühner im Garten. Verbraucht weniger Strom. Kauft euch (ironischerweise) ein Elektroauto, fahrt aber insgesamt weniger und bildet öfter Fahrgemeinschaften. Fliegt weniger oder gar nicht. Wenn es in deinem Bundesland erlaubt ist, lass dir eine Solarstromanlage installieren (tu das aber bitte nicht illegal, es ist ein Risiko für die Elektriker, wenn deine Region nicht darauf vorbereitet ist, das korrekt durchzuführen). Nimm dir wahrscheinlich nicht alle möglichen „guten Klimagewohnheiten“ auf einmal vor, sondern probier ein paar aus und schau, was du dauerhaft beibehalten kannst. Einfach zu leben ist wahrscheinlich sowieso eine bessere Art zu leben, aber verwechsle das niemals mit den systematischen Veränderungen, die notwendig sind.

Quelle:  "Beyond Climate Optimism, Beyond Climate Pessimism or: Starting From the Position That We’re Fucked" von Margaret Killjoy, 11. September 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Geht hin und vermehrt euch! Mögen 10 – 100 – 1000 Server aus dem Boden sprießen

Zentral steht ein großer Textblock mit der Überschrift 'GOODBYE A/I'. Darunter folgt in schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund die Mitteilung, dass Autistici/Inventati neunzehn Tage vor der Frist eingestellt wird. Rechts daneben befindet sich eine stilisierte Kalendergrafik. Im oberen rechten Bereich steht ein rot unterlegtes Logo mit dem Schriftzug 'NOBLOGS' und dem Zusatz 'Welcome to A/I'. Am unteren Rand sind weitere Informationen und Logos abgebildet, darunter 'sabot.media', der Hinweis auf einen vollständigen Artikel sowie auf ein kostenloses Buch.

In diesen Zeiten fanatischer, ideologischer und grundloser Unterdrückung habt ihr uns oft gefragt: „Wie können wir euch unterstützen?“

Die erste Antwort, die uns in den Sinn gekommen ist, lautet: Wenn ihr helfen wollt, schafft neue Räume im Netz. Es gibt viel zu wenige autonome Server da draußen, sei es für E-Mail und Webhosting oder für andere nützliche Kommunikationsmittel.

Diese Idee ist keineswegs neu. Wir wiederholen sie schon seit März 2001, als A/I sein Abenteuer begann. Schon damals hatten wir begonnen, zur Einrichtung unzähliger selbstverwalteter Server aufzurufen, und mit dieser Hoffnung im Hinterkopf prägten wir den pseudobiblischen Satz: „Geht hin und vermehrt euch, sagten die Heuschrecken!“

So sehr diese Worte damals auch wie eine paranoide Cyberpunk-Prophezeiung geklungen haben mögen, heute erweisen sie sich als dringende Notwendigkeit.

Geht also hin und vermehrt euch. Macht es uns nach. Kopiert, was wir getan haben. Kopiert den Code, den wir verwendet haben. Kopiert die Idee, der wir Gestalt zu geben versucht haben. Oder nehmt einfach, was ihr von uns braucht, und remixt es. Wenn es etwas gibt, das unsere Gegner fürchten und verabscheuen – jetzt, in der Vergangenheit und für immer –, dann ist es unsere Fähigkeit, den Virus der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zu verbreiten und Infrastrukturen des Widerstands fraktal zu vervielfältigen.

Autistici/Inventati, das sind nicht nur wir. Autistici/Inventati mag sterben, aber Tausende sind bereits entstanden und Tausende weitere werden folgen.

Und das ist noch nicht alles. Was sich überall um uns herum abspielt, ist eine koordinierte Strategie zur Eskalation der Repression mit dem Ziel, nicht nur die Spielregeln, sondern das Spielfeld selbst grundlegend zu verändern. Das bedeutet, dass das, was gerade geschieht, nicht nur eine Handvoll Menschen betrifft, sondern gemeinsam und so breit wie möglich angegangen werden muss – von Einzelpersonen, autonomen Projekten, Organisationen und der gesamten Gesellschaft.

Auf dem Spiel stehen die Meinungs-, Informations- und Vereinigungsfreiheit sowie die bloße Existenz einer Infrastruktur, die in der Lage ist, dem Autoritarismus Widerstand zu leisten (nicht nur in den Vereinigten Staaten). Auf dem Spiel steht die Möglichkeit, überall weiterzukämpfen, um grundlegende Gemeingüter – wie Kommunikationsinfrastrukturen – vor dem Imperialismus bestimmter Akteure zu verteidigen.

Das geht weit über uns selbst hinaus. Es betrifft jeden, der leben will, ohne sich als Ware zu fühlen, und danach strebt, sein Leben und seine Beziehungen selbst zu bestimmen. Wenn wir diesem voranschreitenden Techno-Faschismus Widerstand leisten wollen, brauchen wir eine breite internationale Solidaritätsbewegung, um Rahmenbedingungen zum Schutz autonomer Infrastrukturen und Räume zu schaffen, die frei von jeglicher autoritärer Absicht sind.

Kommen wir also zurück zu der Frage, mit der wir begonnen haben: Wir sind euch allen dankbar, die ihr die Geschichte dessen erzählt habt, was uns widerfahren ist. Wir sind dankbar für die breite Solidarität, die ihr uns entgegengebracht habt, und für euer Verständnis dafür, dass das, was uns widerfahren ist, nur ein kleiner Schritt in der Kette von Ereignissen ist, die sich wahrscheinlich entfalten werden – sicherlich zum Schlechten, aber vielleicht auch zum Guten.

Diese Vision erfüllt unsere Herzen. Doch nun ist es an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen und unsere Vorstellungskraft über die schrumpfenden Horizonte des Möglichen hinauszuschieben, die uns diese dunklen Zeiten aufzwingen. Unsere Hoffnung ist, dass dieser Angriff auf die Freiheit der Netzwerke einen kraftvollen und kreativen kollektiven Widerstand entfesselt. Mögen tausend Plattformen erblühen, mögen tausend Hacktivisten-Kollektive entstehen, mögen tausend Server in Betrieb gehen! Möge das Ende von A/I eine Unzahl von Infrastrukturen des Widerstands hervorbringen, wie wir sie uns zuvor nie hätten vorstellen können.

Geht hinaus und vermehrt euch, sagten die Heuschrecken! Und wenn ihr schon dabei seid, versucht euch eine Welt des Kampfes, des Widerstands und der Selbstverwaltung vorzustellen, wie ihr sie noch nie gesehen habt.

KOLLEKTIV AUTISTICI/INVENTATI

Quelle / Eigene  Übersetzung, 12. September 2026


 

Blogkino Special: Winstanley (1975)

Heute anlässlich des gestrigen 350. Todestages von Gerrard Winstanley mal ein Blogkino Special außer der Reihe: Den britische Spielfilm Winstanley von 1975 - anlässlich des damaligen 300. Todestags:

Gerrard Winstanley, Sozialreformer und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, versucht zusammen mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, den sogenannten „Diggers“, eine autarke Bauerngemeinschaft auf Gemeinschaftsland zu gründen. Ihre Bemühungen stoßen auf eine Reihe von Schwierigkeiten, darunter die „Ranters“, die den Gedanken des Gehorsams gänzlich ablehnen und an die Freiheit von allen traditionellen Zwängen glauben sowie daran, dass „Sünde“ lediglich ein Produkt der Vorstellungskraft ist...


 

Gerrard Winstanley: „Die Erde zu einer gemeinsamen Schatzkammer machen“

Zum 350. Todestag des englischen Revolutionärs und „Digger“ Gerrard Winstanley (1609–1676)

 Ein gestricktes Dreieck, das an einem Stacheldrahtzaun auf dem Winter Hill direkt oberhalb von Bolton befestigt ist. Der Text auf dem Dreieck lautet: „Die Erde wurde zu einem gemeinsamen Schatz für alle gemacht / Gerrard Winstanley.“ Dieses Foto entstand während der Gedenkfeier zum Massenbesitzfriedensbruch von 1896.

Gerrard Winstanley: „Die Erde ist ein gemeinsamer Schatz, der allen gehört.“
Foto: Pierre Marshall – Eigenes Werk
Lizenz: CC BY 4.0

Auf dem Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit in den Jahren 1649–1650 setzte sich Gerrard Winstanley mit radikal-protestantischer Sprache für eine frühe Form des anarchistischen Kommunismus ein. Winstanley prangerte Zwangsherrschaft („Regierung durch das Schwert“) und Privateigentum („meins und deins“) an und strebte durch gewaltfreie direkte Aktionen danach, egalitäre Gemeinschaften zu schaffen, in denen alles gemeinsam genutzt würde.

In seiner ersten explizit politischen Schrift, The New Law of Righteousness (1649), argumentierte Winstanley, dass der Wunsch, andere zu seinem eigenen Vorteil zu beherrschen und auszubeuten, nicht nur zur Entstehung von Regierung oder „Herrschaft und Macht“ führe, sodass „ein Teil der Menschheit“ „über einen anderen“ herrschen könne, sondern dass durch diese hierarchische Herrschaft auch das Privateigentum etabliert werde, „wodurch andere Mitgeschöpfe daran gehindert werden, Nahrung von ihrer Mutter Erde zu suchen“, die sich die Reichen und Mächtigen als ihr Eigentum angeeignet haben.

Winstanley prangerte alle Formen der Herrschaft an, denn: „Jeder, der Macht in seine Hände bekommt, tyrannisiert andere; so verhalten sich viele Ehemänner, Eltern, Herren und Richter, die nach dem Fleisch leben, wie unterdrückende Herren gegenüber denen, die unter ihnen stehen; ohne zu wissen, dass ihre Frauen, Kinder, Diener und Untertanen ihre Mitgeschöpfe sind und das gleiche Recht haben, mit ihnen an dem Segen der Freiheit teilzuhaben.“

Winstanley befürwortete gewaltfreie direkte Aktion, denn „die Zeit rückt nun näher, in der die Menschen nicht mehr von Gerechtigkeit reden, sondern Gerechtigkeit handeln werden.“ Schafft das Privateigentum ab, und es „wird keinen Bedarf mehr an Anwälten, Gefängnissen oder Strafmechanismen geben, denn alle werden in der Schöpfung gerecht wandeln und handeln.“ Die Menschen werden nicht länger „durch Armut zum Rauben und Stehlen gezwungen“ sein. Die Erde und ihre Reichtümer sollen zu einem gemeinsamen Schatz für alle werden, aus dem sich jeder frei nehmen kann, was er braucht, während er durch „den Schweiß seiner eigenen Stirn“ dazu beiträgt, anstatt von der Arbeit anderer zu leben.

Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von The New Law of Righteousness brachte Winstanley eine weitere Broschüre heraus, The True Levellers Standard Advanced, in der er das englische Volk dazu aufrief, sich das Land zurückzuholen, während er und eine Gruppe von „Diggers“ begannen, „Brachland“ (unbewirtschaftetes Land) am (St.) George’s Hill in Surrey zu bewirtschaften. Indem sie auf George Hill „gemeinsam die Erde umgruben und bearbeiteten“, wollten die Diggers eine Bewegung inspirieren, die „alle Allmenden und Brachflächen in England und auf der ganzen Welt“ für sich beanspruchte, ohne dass jemand „irgendein Eigentum besaß; sondern die Erde als gemeinsamen Schatz betrachtete, so wie sie ursprünglich für alle geschaffen wurde“.

In dieser Broschüre wandte sich Winstanley gegen die Lohnarbeit, die er als eine Form der Knechtschaft betrachtete, und sagte den „Lohnarbeitern“, dass „ihr armen Leute“ durch eure Arbeit „sowohl Gelehrte als auch Reiche zu euren Unterdrückern macht“.

Winstanley erkannte, dass die Herren ihre Macht über die arbeitende Masse verlieren würden, wenn sich die Arbeiter weigerten, ihren Befehlen zu folgen. Er plädierte für eine allgemeine Weigerung, „gegen Lohn zu arbeiten“ – eine Art Generalstreik –, denn „durch ihre Arbeit“ hätten die Armen „Tyrannen und die Tyrannei emporgehoben; und indem sie sich weigern, gegen Lohn zu arbeiten, werden sie diese wieder zu Fall bringen“.

Die Digger-Bewegung hatte einigen Erfolg, doch bis zum Sommer 1650 waren alle Digger-„Kolonien“ vom sogenannten „Commonwealth“, der kurzlebigen englischen Republik, gewaltsam niedergeschlagen worden.

Es ist bemerkenswert, wie sehr Winstanleys Ideen denen späterer selbsternannter Anarchisten vorausgehen. Er prangerte die Trennung zwischen Herren und Dienern an, die private Aneignung von Land, das Bündnis zwischen politischer Macht und Privateigentum, die Unterwerfung unter den Markt, die Lohnarbeit, das Strafrechtssystem, die institutionalisierte Gewalt des Staates, die institutionalisierte Religion sowie die Anwälte, Professoren und Priester (die intellektuelle Klasse), die die ideologische Rechtfertigung für dieses System der Ausbeutung und Herrschaft lieferten. Er befürwortete gewaltfreie direkte Aktionen, um der Marktwirtschaft Widerstand zu leisten und die Gemeingüter zurückzugewinnen, indem egalitäre, nicht-hierarchische Gemeinschaften geschaffen wurden, in denen die Menschen als Gleiche zusammenarbeiten und frei aus den gemeinsamen Vorratskammern nehmen könnten, was sie brauchten. Er wandte sich auch gegen jene Reformer und Revolutionäre, die danach strebten, die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen, die sie unweigerlich dazu nutzen würden, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Nach der Niederschlagung der Digger-Bewegung schwieg Winstanley bis 1652, als er seine letzte Broschüre veröffentlichte: The Law of Freedom in a Platform. Während Marxisten The Law of Freedom als Winstanleys krönenden Erfolg betrachten, ist es aus anarchistischer Sicht lediglich eine Fußnote zu seinen libertär-kommunistischen Schriften von 1649–1650. Obwohl er sich weiterhin für den Kommunismus aussprach, glaubte Winstanley nun, dass dieser nur durch einen zwingenden staatlichen und rechtlichen Apparat umgesetzt und aufrechterhalten werden könne.

Weiterführende Literatur:

Gerrard Winstanley, The Law of Freedom and Other Writings (Penguin, 1973), hrsg. von Christopher Hill

John Gurney, Gerrard Winstanley: The Digger’s Life and Legacy (Pluto, 2013)

Robert Graham (Hrsg.) Anarchism: A Documentary History of Libertarian Ideas, Band 1 (Black Rose)

 

Quelle: Gerrard Winstanley: “To make the Earth a Common Treasury” in FreedomNews, 10. September 2026
Text: Robert Graham

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Nicht autorisiert]


 

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