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»Au point de vue barbare, liberté est synonyme d’isolement: [...]« Pierre Joseph Proudhon

Erfolg gegen Debanking: Gericht stärkt Vereinigungsfreiheit und setzt Sparkassen Grenzen

Das Landgericht Göttingen (LG) hat heute im Hauptsacheverfahren entschieden, dass die Sparkasse Göttingen das Konto der Roten Hilfe nicht kündigen durfte. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hatte zusammen mit Rechtsanwalt Jasper Prigge das Verfahren der Roten Hilfe gegen die Sparkasse Göttingen unterstützt.

Bereits im Eilverfahren hatten sowohl das LG Göttingen als auch das Oberlandesgericht Braunschweig (OLG) zugunsten der Roten Hilfe entschieden und die Sparkasse verpflichtet, das Konto vorerst weiterzuführen. Mit dem heutigen Urteil ist nun auch im Hauptsacheverfahren geklärt: Für die Kündigung von Konten zivilgesellschaftlicher Organisationen gelten enge grundrechtliche Grenzen.

Die Sparkasse Göttingen hatte das Konto der Roten Hilfe am 9. Dezember 2025 gekündigt. Im anschließenden Rechtsstreit führte sie unter anderem einen erhöhten Prüfaufwand im Zusammenhang mit Spendenkampagnen der Organisation an. Dabei ging es um Spenden zur Unterstützung von Menschen in politischen Strafverfahren, etwa für Anwalts- und Prozesskosten oder für die Abwehr drohender Auslieferungen. Die Kündigung erfolgte kurz nachdem die US-Regierung die sogenannte Antifa Ost aus Deutschland als terroristische Organisation eingestuft hatte. Die Bezeichnung „Antifa Ost“ wird dabei für verschiedene Personen und Zusammenhänge verwendet und erweckt den Eindruck einer einheitlich organisierten Gruppe. Die Sparkasse befürchtete nach eigenen Angaben Risiken für den internationalen Zahlungsverkehr und verwies auf das SWIFT-System. Den damit verbundenen zusätzlichen Aufwand und die Risiken machte sie zum Grund für die Kündigung.

Für die GFF ging es in dem Verfahren um die Voraussetzungen, unter denen zivilgesellschaftliche Organisationen ihre Arbeit ausüben können. Sie sind auf ein Konto angewiesen, um Spenden zu empfangen, Rechnungen zu bezahlen und ihre Arbeit abzuwickeln. Wird ihnen diese Möglichkeit ohne ausreichenden Grund entzogen, kann das ihre Tätigkeit und ihre Vereinigungsfreiheit erheblich beeinträchtigen.

„Ein Vereinsverbot durch die Hintertür darf es nicht geben. Wer einer zivilgesellschaftlichen Organisation das Bankkonto entzieht, nimmt ihr die Grundlage für ihre Arbeit. Ohne ausreichenden Grund kann das in einem Rechtsstaat nicht akzeptabel sein“, betont Jannik Jaschinski, Rechtsanwalt und Verfahrenskoordinator bei der GFF.

Das heutige Urteil ist deshalb über den konkreten Fall hinaus von Bedeutung. Es stärkt die Vereinigungsfreiheit und setzt dem Entzug grundlegender Infrastruktur für zivilgesellschaftliche Organisationen Grenzen.

Der Fall der Roten Hilfe zeigt zugleich: Die Politik der US-Regierung darf nicht durch vorauseilenden Gehorsam deutscher Institutionen und Unternehmen auf die deutsche Zivilgesellschaft durchschlagen. Eine lebendige und wehrhafte Demokratie muss sich gegen solche Versuche politischer Einflussnahme und Einschüchterung durch die US-Regierung behaupten.


Weitere Informationen zum Verfahren.

Quelle: Pressemitteilung Gesellschaft für Freiheitsrechte, 08.101.2026


 

Die tollste Stadt in Baltimore oder: Ich habe Molly Crabapple auf einem Festival zum „Bund“ interviewt

In letzter Zeit interessiere ich mich mehr für das Schreiben dieser etwas längeren Beiträge, und die kosten mich mehr Kraft. Deshalb werde ich vielleicht nur noch 2–3 Mal im Monat etwas posten statt jede Woche – mal sehen. Danke für eure Unterstützung, das bedeutet mir unglaublich viel.

In dem Beitrag dieser Woche geht es um meinen Ausflug nach Baltimore am vergangenen Wochenende, wo ich die Autorin Molly Crabapple auf der Bühne zu ihrem Buch Here Where We Live is Our Country interviewt habe, das ihr über diesen Affiliate-Link bei einer Buchhandlung kaufen könnt, die von queeren und von den Beschäftigten selbst geführt wird. Oder ihr holt es euch in eurer Bibliothek.

Die großartigste Stadt in Baltimore

Baltimore ist im September grün, oder vielleicht sagen wir es mal so, es ist überwuchert.

Das Foto zeigt das Zentrum von Baltimore beleuchtet in der Dämmerung  während der "blauen Stunde"
Ein Panorama vom Inner Harbor in Baltimore.
Foto: Patrick Gillespie
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Die Betonlärmschutzwände, die sich rund um die Autobahn erheben, sind mit Efeu überwuchert. Wenn man von Westen hereinfährt, kommt man durch kurvige Schluchten, und die Straßenlaternen sind mit Efeu überwuchert. Die Brücken sind mit Rost, Graffiti und Efeu überwuchert. Es ist eine wunderschöne Stadt, geradezu schockierend schön.

Letzten Sonntag war ich in der Stadt, um gemeinsam mit Molly Crabapple beim Baltimore Book Festival einen Vortrag zu halten. Nach unserem Vortrag aß ich einen veganen Sloppy Joe von Red Emma’s und unterhielt mich mit alten Freunden, als jemand auf die Mitarbeiter des Bauamts hinwies, die entlang des Gehwegs Bäume pflanzten. Meinem Freund zufolge kann man, wenn man ein Haus in Baltimore besitzt, einfach bei der Stadt anrufen, und schon pflanzen sie Bäume vor deinem Haus.

Baumbestand ist einer der wichtigsten Faktoren für die Klimaresilienz von Städten (und Städte sind mit ihrer höheren Bevölkerungsdichte und geringeren Treibhausgasemissionen pro Kopf entscheidend für die Eindämmung des Klimawandels im weiteren Sinne). Betonierte, schattenlose Städte schaffen ihr eigenes Mikroklima und eine Hitzekuppel. Städte mit Baumbestand sind viel, viel kühler und können Regenwasser besser ableiten.

Natürlich sind es dank Umweltrassismus und Klassismus vor allem wohlhabendere Städte, die ihren Baumbestand erhalten.

Baltimore war, zumindest in meinem Leben, noch nie der Ort, den man als „wohlhabendere Stadt“ bezeichnen würde. Der Stadt haftet vor allem der Ruf von Armut und Gewalt an. Als die Stadt in den 1980er Jahren den Spitznamen „Charm City“ annahm, fingen die Leute an, sie „Harm City“ zu nennen. Als die Stadt 1988 den Slogan „Die Stadt, die liest“ annahm und ihn auf Parkbänke und Bushaltestellen brachte, fingen die Leute an zu sagen: „Die Stadt, die blutet.“
Anfang der 2000er Jahre entschied der Bürgermeister, dass Baltimore unter einem Übermaß an Bescheidenheit litt, und änderte den Slogan sowie die Beschriftung der Bänke in „Baltimore: die großartigste Stadt Amerikas“. Die meisten Leute schauten sich die Armut und die Mordrate an und dachten: „Na ja, das stimmt doch ganz offensichtlich nicht.“

Ich habe viel Zeit in Baltimore verbracht und ich liebe die Stadt, aber mir hat die Abwandlung „Baltimore: die großartigste Stadt in Baltimore“ immer am besten gefallen.

Baltimore ist nicht reich, aber es ist grün. Bäume erobern die Außenbezirke zurück, und die Stadt pflanzt mehr Bäume an den Gehwegen. Derzeit liegt Baltimore bei der Baumbedeckung auf Platz 19 im ganzen Land und hat doppelt so viele Bäume pro Einwohner wie Portland, Oregon.
Baltimore ist eine arme Stadt, aber es ist eine Stadt, die die Frage stellt: „Warum können wir nicht trotzdem reiche Leute haben?“ Warum können wir keine Bäume haben, warum können wir keine Sozialprogramme haben, warum können wir keinen Zugang zur Kunst haben? Warum können wir nicht zu der Stadt werden, die liest?

Und genau das tun soziale Bewegungen, echte soziale Bewegungen, von der Art, die zu Revolutionen werden können. Sie schenken armen Menschen ein reichhaltiges Leben.

Deshalb überrascht es mich nicht, dass das Buchfestival der Stadt auf der Straße neben „Red Emma’s“ stattfindet, der Buchhandlung, die nach Emma Goldman benannt ist, einer Anarchistin, die die USA während der ersten „Roten Angst“ abgeschoben haben. Denn echte soziale Bewegungen veranstalten Buchfestivals, und echte soziale Bewegungen stehen nicht außerhalb der Gesellschaft, sie nehmen an ihr teil. Sie prägen sie.


Für mich ist es leicht, Baltimore zu romantisieren. Ich bin etwa eine Stunde von der Stadt entfernt aufgewachsen, und dort habe ich gelernt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Als ich fünfzehn oder sechzehn war, fuhren meine Freundin und ich mit dem Bus zur U-Bahn und dann zur Stadtbahn, um barfuß im Inner Harbor herumzustolzieren (meine Eltern mussten schließlich die Regel aufstellen, dass ich das Viertel nicht ohne Schuhe verlassen durfte). Als ich siebzehn war, fing ich an, Kunstunterricht bei dem Goth-Paar zu nehmen, das zu meinen Mentoren wurde: Steven Archer und Donna Lynch von der Band Ego Likeness, und ich fuhr jeden Samstag in die Stadt, um etwas über das Leben und die Kunst zu lernen.

Als ich 19 war, brach ich die Kunstschule ab und landete als Straßenkind in einer besetzten Wohnung in Towson, einem Vorort von Baltimore, der später als Geburtsort von St. Luigi Mangione berühmt wurde.

Ich lernte, ein Punk zu sein, indem ich per Anhalter in die Stadt fuhr und zu Konzerten im Keller des „Love Not Bombs“-Hauses ging.

Als ich 22 war, schrieb ich mein erstes Theorie-Zine mit dem Untertitel „Feministische Theorie für anarchistische Männer“, während ich im ersten „Red Emma’s“ saß, einem schummrig beleuchteten, aber liebevoll geschmückten Kellercafé in der St. Paul Street. Ein anarchistischer Stahlbauer hatte den Ort mit wunderschönem industriell anmutendem Schmiedeeisen und umfunktionierten Zahnrädern ausgebaut. Ich saß auf der Couch und nutzte ihre Buchhandlung als Nachschlagebibliothek. Ich habe nie etwas gekauft, und sie haben mich nie rausgeworfen.

Baltimore hat mich aufgefangen, als ich Mitte zwanzig mit gebrochenem Herzen von der Westküste zu ihr zurückkrabbelte. In einem eiskalten Winter lief ich jeden Tag die Falls Road von Fells Point in die Innenstadt entlang – so traurig wie nie zuvor in meinem Leben. Jedes Mal blieb ich vor der Edgar-Allan-Poe-Statue stehen, um mich mit einem anderen traurigen Schriftsteller auszutauschen. Wenn er es bis 40 geschafft hat, sagte ich mir, dann schaffe ich das sicher auch.


Letzten Sonntag konnte ich nach meinem Vortrag nicht allzu lange verweilen. Die Hundebetreuung war ins Wasser gefallen, und Rintrah war allein zu Hause, also wurde es ein Blitzbesuch. Als ich die Stadt verließ und auf der 83 nach Norden fuhr, versank ich in Gedanken. Ich bog in die Umgehungsstraße ein – in die falsche Richtung – und fuhr an dem Abschnitt der 695 vorbei, an dem mein Freund Darkstar vor dreiundzwanzig Jahren verblutet war.

Er starb bei einer Trunkenheitsfahrt, wie ein Arschloch, wie ein Idiot. Er war nicht immer beides, aber an einem Tag war er beides – und das war sein letzter Tag. Er starb 2003 auf dem Heimweg, nachdem er bei Kinkos Kopien seiner anarchistischen Zines erschwindelt hatte. Er schrieb von irischer Folklore inspirierte Geschichten, und wir haben einen besonderen Menschen verloren, als wir ihn an Dummheit und Arschlochverhalten verloren haben. Er hatte Bewährung bekommen, nachdem er etwa einen Monat im Gefängnis verbracht hatte, weil er sich in Michigan gegen ein paar Studentenverbindungsjungs verteidigt hatte. Er war nach Maryland zurückgeschickt worden und durfte den Ort nicht verlassen – doch dieser Reisende hatte Schwierigkeiten, an einem Ort zu leben, und kam damit schlecht zurecht.

Soweit ich weiß, verstreuten sich um zwei Uhr morgens Zines und „Natty Bo“ (das lokale Scheißbier) über die Fahrspuren, als er auf der Autobahn von der Auffahrt kommend ins Schleudern geriet.

Edgar Allan Poe starb betrunken in der Gosse in Baltimore, und Darkstar starb betrunken auf dem Bürgersteig von Baltimore, und beide schrieben wunderschöne Geschichten, und ich habe zu beiden aufgeschaut, und ich bin jetzt älter, als es beiden jemals gelungen ist.

Auch der Vater meines Freundes hat sich in Baltimore zu Tode getrunken. Einmal, während eines seiner vielen Krankenhausaufenthalte in der Innenstadt, stand er auf und ging einfach weg. Dieser Typ, in seinem Krankenhauskittel, einen Infusionsständer hinter sich herziehend, lief die paar Blocks bis zu Edgar Allan Poes Grab. Dort holte ihn das Krankenhauspersonal ein – er rauchte gerade Zigaretten und unterhielt sich mit dem Schutzpatron der Goth-Szene. Sie schleppten ihn zurück in sein Bett. Er starb ein paar Jahre später.

Ich weiß nicht, ob er selbst geschrieben hat, aber sein Sohn ist einer der besten Autoren, die ich kenne.


Früher wurde in Baltimore etwa einmal am Tag jemand ermordet. In den letzten Jahren ist die Zahl rapide gesunken, auf ein Drittel davon. Soweit ich das beurteilen kann, liegt das am Vormarsch von Lösungen für Probleme, die nicht von der Polizei kommen, darunter gemeindebasierte Interventionen, aufsuchende Sozialarbeit und Therapie. Die Polizei schreibt sich das natürlich als Verdienst zu, aber es ist nie eine gute Idee, der Polizei einfach zu glauben, und Baltimore hat eine der bekanntesten korrupten Polizeibehörden im ganzen Land.

Baltimore ist außerdem eine Genossenschaftsstadt. Überall entstehen von Arbeitnehmern geführte Genossenschaften (hier ist eine Liste von 30 davon), die daran arbeiten, die wirtschaftliche Ausbeutung zu beenden, unter der arme Gemeinden leiden. In Baltimore gibt es zwei verschiedene Eisdielen, die von den Beschäftigten und von Schwarzen geführt werden. Es gibt ein Piercing-Studio in Arbeitnehmerhand. Cafés in Arbeitnehmerhand können Kaffee servieren, der von einer Rösterei in Arbeitnehmerhand geröstet wurde. Eine Baufirma in Arbeitnehmerhand renoviert verlassene Immobilien und lässt ihre eigenen Mitarbeiter dort einziehen – so wie ich es früher als Hausbesetzer gemacht habe, nur noch einen Schritt weiter.

Und ich kann den Boom der mitarbeitergeführten Unternehmen in Baltimore auf die Truppe zurückführen, die vor mehr als zwei Jahrzehnten den ersten „Red Emma’s“-Standort in jenem Keller in der St. Paul Street eröffnet hat. Sie sind mittlerweile an ihrem vierten Standort, aber dank der Finanzierungsarbeit des Baltimore Roundtable for Economic Democracy (BRED, wie in „get that bread“) gehört ihnen das Gebäude. Heutzutage verfügt Red Emma’s über ein vollwertiges Café und Restaurant, eine zweistöckige Buchhandlung und eine freie Schule im ebenerdigen Keller. Soweit ich weiß, befindet sich der Großteil im Besitz von People of Color.

Letztendlich sind sie eine linke Buchhandlung mit breitem Spektrum, also nicht speziell und ausschließlich anarchistisch, aber sie hatten schon immer das Ziel, einen Raum zu schaffen, der sowohl einladend als auch radikal ist. Und das schaffen sie auch.

Das Baltimore Book Festival, das offizielle Festival der Stadt, findet in der Straße neben Red Emma’s statt. Das ist es, was ich an Baltimore mehr als alles andere liebe. Ich liebe eine Stadt, in der sich die Linke nicht als vom Volk getrennt sieht.

Ich kann dir keine Utopie schildern. Als ich dort war, sagte ich zu meiner Freundin: „Baltimore ist so verdammt schön“, und sie sah mich besorgt an. „Geistig oder physisch?“, fragte sie.

Sie war Aktivistin und hatte sich schon seit Jahrzehnten mit der Stadt, ihrer Politik und ihrer Regierung herumgeschlagen. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Stadt geht weiter, und selbst trotz des dramatischen Rückgangs der Kriminalität ist sie immer noch weitaus gefährlicher als die durchschnittliche amerikanische Stadt.

„Ich meinte physisch“, sagte ich. „Aber ich schätze, beides.“


Die Anarchisten von Chicago in den 1880er Jahren und die Bundisten in Polen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hätten sich in einigen wichtigen Punkten einig gewesen (Ja zum Sozialismus, Nein zu Königen) und in anderen uneinig (die Rolle staatlicher Strukturen in der Revolution).

Beide haben – und das ist wichtig – unermüdlich daran gearbeitet, den Armen, den Verarmten, den Kämpfenden Kultur zu bringen. Das heißt: sich selbst. Wenn ich über die Chicagoer Anarchisten lese, beeindruckt es mich, wie sehr sie Kultur schätzten. Da waren Menschen, die 12 oder 14 Stunden am Tag arbeiteten, sechs Tage die Woche, und trotzdem bestanden sie darauf, dass sie Kultur verdienten, dass sie Bildung verdienten.

Mittellose Menschen finanzierten Zeitungen, die sie buchstäblich mit Radikalen auf der ganzen Welt in Kontakt brachten. Einwanderer, die in Illinois in Fabriken arbeiteten, konnten über die anarchistische Bewegung in Südamerika und in Asien lesen. Sie veranstalteten Theateraufführungen und Festivals. Sie machten Picknicks und organisierten Paraden. Sie brachten sich gegenseitig etwas bei. Und sie übten den Umgang mit Schusswaffen, marschierten gemeinsam und viele von ihnen starben gemeinsam.

Ich könnte an diesem Absatz fast nichts ändern und würde trotzdem über die Bundisten sprechen – oder über soziale Bewegungen auf der ganzen Welt, die etwas auf sich halten.

Wir schaffen Kultur und verteidigen sie dann.


Buchcover von Molly Crabapple: 'Here Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish Bund'. Die Illustration zeigt jüdische Widerstandskämpfer des frühen 20. Jahrhunderts vor einer großen roten Flagge mit jiddischer Aufschrift. Ein violetter Kreis markiert das Buch als New York Times Bestseller.
ISBN 9780593229453
Erschienen am 07. April 2026
Herausgegeben von One World
480 Seiten

Also bin ich am Sonntag nach Baltimore gefahren, um auf dem Buchfestival zu sprechen und mich in Nostalgie zu verlieren – und beides ist mir gelungen. Obwohl, um ehrlich zu sein: Über radikale Geschichte zu sprechen und mich in Nostalgie zu verlieren, sind zwei der Dinge, die ich am besten kann.
Ich war dort, um mit meiner Freundin Molly Crabapple zu sprechen, die ein Buch mit dem Titel Here Where We Live is Our Country herausgebracht hat, eine Geschichte des Jüdischen Arbeiterbunds. Niemand, schon gar nicht der Verlag, hatte erwartet, dass dieses antizionistische Buch über osteuropäische Geschichte ein Bestseller werden würde. Alle haben unterschätzt, wie bereit die Menschen waren, die Geschichte einer der größten Gruppen antizionistischer Juden in der Geschichte zu hören.

Molly ist Sozialdemokratin. Ich bin Anarchistin. Und wir saßen auf der Bühne und sprachen über die polnische Stadt Białystok, wo vor hundert Jahren der Bund (jüdische Sozialdemokraten) und das „Schwarze Banner“ (jüdische Anarchisten) im Kampf gegen Antisemitismus und die Herrschaft des Zaren nur rein technisch auf derselben Seite standen. Es waren zwei Gruppen, die um einen Anteil an der Revolution kämpften, um Einflussgebiete. (Spoiler: Die Bolschewiken nutzten beide als nützliche Idioten aus, verrieten beide und töteten Unmengen von Bundisten, Anarchisten und Bolschewiken gleichermaßen.)
Und mir sind die Unterschiede zwischen „Black Banner“ und dem Bund wichtig – und gleichzeitig sind sie mir egal. Je älter ich werde, desto leichter fällt es mir, versehentlich die Konflikte einer längst vergangenen Ära neu aufrollen zu wollen, aber Geschichtsforschung ist kein Wettbewerb darum, wer die besten Beweise ausgraben kann, um die eigene aktuelle Position zu untermauern. Das ist nicht das Wichtige an der Geschichte.

Das Wichtige an der Geschichte ist, dass sie uns hilft zu erkennen, woher wir kommen und woher unsere Probleme stammen. Man kann keinen Verlauf anhand eines einzigen Bezugspunkts nachzeichnen. Wenn man nur weiß, was gerade passiert, hat man keine Ahnung, wohin die Reise geht (und wenn man nur die Vergangenheit kennt, hat man überhaupt nichts Nützliches).

Erst durch die Kenntnis der Vergangenheit können wir Muster und Trends erkennen. Eine soziale Bewegung kann es nicht geben ohne – nun ja – Bewegung.

Ohne Entwicklung. Und eine Entwicklung gibt es nicht ohne Geschichte.

Was Mollys Buch wirklich gut macht – abgesehen davon, dass es ein zugängliches, aber ernsthaftes Stück Geschichtsschreibung ist –, ist, dass es eine Gegenerzählung zu den Zionisten bietet. Es präsentiert eine jüdische Geschichte, die nicht in irgendein ethnonationalistisches Völkermordprojekt verwickelt ist.

Ich bin kein Jude, aber so viele Menschen, die ich liebe – sowohl Familie als auch Freunde – sind es. In den ersten Jahren meines Podcasts habe ich mich stark auf Osteuropa konzentriert, und die Geschichte der Linken ist seit der Gründung der modernen Linken eng mit der jüdischen Geschichte verwoben.
Viele der ersten Linken aller Strömungen waren antisemitisch oder begannen ihre linke Laufbahn zumindest als Antisemiten. Seht ihr, jahrhundertelang waren Juden die Sündenböcke der Reichen gewesen. David Graeber spricht darüber in der Einleitung zu seinem Buch Debt: Im Grunde war Geldverleih für mittelalterliche Christen eine Sünde, daher gehörten Juden, denen die meisten anderen Tätigkeiten verwehrt waren, zu den wenigen, die Geld verleihen konnten. Und ihnen waren die meisten anderen Berufe verboten. Immer wenn die Armen dann anfingen, über ihre Armut zu murren, sagte der Adel: „Gebt den Juden die Schuld“, und es kam zu entsetzlicher Gewalt gegen die Juden.

Der eigentliche Klassenfeind, das Königshaus, blieb unangefochten.

Dann, im frühen 19. Jahrhundert, wurde die europäische Linke vom Nationalismus mitgerissen (und hat ihn im Grunde selbst erfunden). Überall gab es diese großen Reiche, die multikulturell waren (wenn auch nicht gerade egalitär). Die Osmanen, die Russen – sie nahmen gerne deine Steuern ein, egal welcher ethnischen Gruppe du angehörtest oder welchen Glauben du ausübtest. Viele frühe linke Bewegungen waren also Nationalisten, die „Polen den Polen“ oder Ähnliches forderten, weil es wie eine gute Alternative zur imperialen Herrschaft klang.

Aber die Juden waren ein Volk ohne Heimat, daher ergab das nationalistische Projekt für sie nicht so viel Sinn. Sie lebten schon seit Jahrhunderten an diesen verschiedenen Orten, und viele von ihnen dachten: „Nun, hier, wo ich lebe, ist mein Land.“ Allein durch ihre Existenz erschwerten sie somit das nationalistische Projekt, die Welt in Ethnostaaten aufzuteilen. Der Zionismus war im Wesentlichen die Bereitschaft, sich diesem Projekt anzuschließen, sich dem antisemitischen Drang des europäischen Nationalismus zu beugen.

Antizionistische Juden, wie der Bund, über den Molly schreibt, sagten stattdessen: „Was wäre, wenn niemand einen Ethnostaat bekäme? Was wäre, wenn wir einfach weiterhin multikulturell leben würden, aber ohne ein ausbeuterisches, tyrannisches Imperium?“

Der linke Nationalismus war die entstehende Form des Linken. Der Internationalismus war seine ausgereifte Form. Und damit das Linke erwachsen werden konnte, musste es von einer der staatenlosen Gruppen Europas geprägt werden – es musste von den Juden geprägt werden.

Zionismus und Ethnonationalismus hätten sich jeder ausdenken können (und tatsächlich waren viele frühe Zionisten keine Juden, sondern wollten einfach nur, dass die Juden Europa verlassen). Antizionismus und Internationalismus – das waren Ideen, die aus der einzigartigen jüdischen Erfahrung hervorgingen.


Es war schön, mit Molly auf der Bühne zu stehen und sie über den Bund zu interviewen, über Geschichte zu sprechen und darüber, warum sie für uns heute wichtig ist. Das Zelt war brechend voll, und die Hälfte der Fragen drehte sich um den direkten Einfluss des Bunds auf die moderne amerikanische Politik.
Die Vergangenheit lebt, und sie ist wichtig.

Es war schön, danach auf dem Bürgersteig zu stehen, auf der Straße, die neben der nach Emma Goldman (selbst eine osteuropäische Jüdin) benannten Buchhandlung gesperrt worden war, und das Gefühl zu haben, Teil der Fortsetzung eines großartigen und langjährigen Projekts zu sein – des Projekts, uns selbst Kultur zu schaffen.

Das ist letztendlich alles, was wir tun können. Wir können darauf bestehen, dass wir schöne Dinge haben können, und wir können schöne Dinge für uns selbst schaffen, und wir können versuchen, diese Dinge zu verteidigen. Und ich habe meinen Sloppy Joe gegessen und mich mit alten Freunden unterhalten, habe zugesehen, wie in Baltimore Bäume gepflanzt wurden, und bin dann nach Westen in die Berge gefahren, wo ich überhaupt nicht viel über andere Menschen nachdenken muss. Mein Hund hat sich gefreut, mich zu sehen.


Quelle: "The Greatest City in Baltimore or: I interviewed Molly Crabapple about the Bund at a festival" von Margaret Killjoy, 23. September 2026

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Molly Crabapple ist eine in New York lebende Künstlerin und Autorin. Sie ist Autorin von zwei Büchern, Drawing Blood und Brothers of the Gun (zusammen mit Marwan Hisham), das auf der Longlist für den National Book Award stand. Sie war 2020 New America Fellow, und ihre Reportage wurde mit dem Bernhard-Preis für Journalismus ausgezeichnet und wurde

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Faschismus kommt nicht überraschend und fällt auch nicht vom Himmel: Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus

Mit ihren Theorien zum Totalitarismus richtete Hannah Arendt den Blick auf die Wirkungsweisen totalitärer Herrschaft und auf die Voraussetzungen politischen Handelns. Kontroverse Debatten löste 1963 ihr Buch über den Eichmann-Prozess aus. Im Gespräch mit Günter Gaus spricht Arendt unter anderem über ihre Sicht auf Eichmann als kleingeistigen „Hanswurst“ im Räderwerk des Nationalsozialismus.

Die jüdisch-deutsche Publizistin Hannah Arendt (1906–1975), die 1933 über Paris in die USA emigrierte, lehnte die Bezeichnung „Philosophin“ für sich selbst ab. Auch im Interview mit Günter Gaus von 1963, das im ZDF am 28. Oktober 1964 ausgestrahlt wurde, zieht Arendt es vor, ihre Arbeiten als Beitrag zur politischen Theorie zu verstehen: Der Mensch ist für sie nicht nur ein denkendes, sondern immer auch ein handelndes Wesen.

Im Gespräch spricht Arendt über ihre Jugend in Deutschland bis zum Reichstagsbrand 1933, über ihre Hinwendung zur politischen Opposition und ihre Emigration, über die Gleichschaltung der Intellektuellen im nationalsozialistischen Deutschland, über ihr bewusstes Festhalten an der deutschen Sprache und über Auschwitz als einen Zivilisationsbruch, nach dem von „Wiedergutmachung“ nicht mehr im eigentlichen Sinne gesprochen werden könne. Breiten Raum nehmen außerdem ihr Verhältnis zum Nachkriegsdeutschland, die Kritik an ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess und ihr Werk Vita activa ein.

Mehr als sechzig Jahre später gewinnt dieses Gespräch eine bedrückende Aktualität. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erhielt die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen und wurde mit großem Abstand stärkste Kraft. Sie gewann 38 der 41 Direktmandate. Von einer politischen Entwicklung, die plötzlich und unerwartet über das Land hereingebrochen wäre, kann deshalb kaum gesprochen werden. Die Stärke der AfD ist weder über Nacht entstanden noch war sie vor der Wahl verborgen.

Gerade deshalb erscheint ein Gedanke Arendts aus dem Gespräch bemerkenswert: ihre Skepsis gegenüber der nachträglichen Behauptung, historische Entwicklungen seien vollkommen überraschend gekommen. Politische Verhältnisse entstehen nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie werden vorbereitet, normalisiert, hingenommen, unterstützt oder bekämpft – durch Institutionen, öffentliche Debatten und durch das Handeln oder Nichthandeln von Menschen.

Wer angesichts des Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt vor allem von einer „Überraschung“ spricht, läuft daher Gefahr, den Blick auf die lange Vorgeschichte zu verstellen. Seit Jahren waren die politischen Positionen der AfD, ihre zunehmende Stärke und ihre Verankerung insbesondere in Teilen Ostdeutschlands öffentlich sichtbar. Überraschend mag die Höhe des Ergebnisses für manche gewesen sein. Dass eine solche Entwicklung möglich war, war es nicht.

Das macht Arendts Gespräch nicht zu einem Kommentar über eine Partei, die zu ihren Lebzeiten nicht existierte. Aber ihre Überlegungen über politische Verantwortung, Anpassung, Urteilsfähigkeit und die Rolle des Einzelnen in gesellschaftlichen Prozessen bieten einen Anlass, genauer hinzusehen – gerade dann, wenn politische Entwicklungen im Nachhinein als etwas dargestellt werden, das niemand habe kommen sehen können.

(Mit Informationen des ZDF: Gaus, Günter. 1964. Zur Person: Hannah Arendt)

 

Wer mit Transparent demonstriert, wird von der Polizei fotografiert? GFF klagt gegen anlassloses Fotografieren bei Versammlungen

Berlin, 17. September 2026 - Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hat heute vor dem Verwaltungsgericht Berlin Klage gegen die anlasslose und systematische fotografische Erfassung von Transparenten und den dahinterstehenden Teilnehmenden durch die Polizei eingereicht. Die Klägerin hatte am 20. September 2025 auf einer feministischen Demonstration ein Transparent für die Legalisierung von Abtreibung in Berlin gehalten und war von der Polizei fotografiert worden. In diesem Vorgehen sieht die GFF eine Verletzung der Versammlungsfreiheit. Mit der Klage soll festgestellt werden, dass die Polizei Protestierende und ihre politischen Botschaften nicht ohne einen Anlass, wie beispielsweise den Verdacht einer Straftat oder eine konkrete Gefahr, fotografieren darf. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Menschen ihre Versammlungsfreiheit ausüben können – ohne befürchten zu müssen in polizeilichen Datenbanken aufgenommen zu werden.

„Protest und das Zeigen von Transparenten ist eine zulässige Ausübung von Versammlungsfreiheit – und ein wesentlicher Baustein unserer Demokratie. Wo keine Gefahr und kein Strafverdacht besteht, sollte auch niemand von der Polizei fotografiert und damit eingeschüchtert werden“, sagt Luise Bublitz, Juristin und Verfahrenskoordinatorin bei der GFF.

Die #nofundis-Versammlung ist ein jährlich stattfindender Gegenprotest zum „Marsch für das Leben“ und setzt sich für die Legalisierung von Abtreibung und reproduktive Selbstbestimmung ein. Die Klägerin hielt ein Transparent mit der Aufschrift „Abtreibung legalisieren“. Auf Nachfrage bei einem Polizisten stellte sich heraus, dass die Berliner Beamt*innen intern angewiesen wurden, alle Plakate und Transparente mit politischen Botschaften zu fotografieren. Die Anweisung unterscheide nicht danach, ob der Verdacht einer Straftat besteht oder nicht.

Das Vorgehen der Polizei schränkt die Versammlungsfreiheit ein. Es kann Demoteilnehmer*innen einschüchtern und davon abhalten, in Zukunft an Protesten teilzunehmen oder Plakate und Transparente mitzubringen. Für diesen massiven Grundrechtseingriff fehlt der Polizei eine Rechtsgrundlage. Der Fall muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Polizei Versammlungen zunehmend repressiv begleitet.

Die GFF hat bereits mit anderen Klagen vor dem Berliner Verwaltungsgericht die Versammlungsfreiheit verteidigt – unter anderem gegen den Einsatz von Schmerzgriffen bei friedlichen Demonstrationen und Sprachauflagen durch die Polizei sowie das anlasslose Speichern von Daten von Demoteilnehmer*innen beim Verfassungsschutz.

Weitere Informationen zum Verfahren

Quelle: Pressemitteilung 17. September 2026


 

Gerrard Winstanley: „Die Erde zu einer gemeinsamen Schatzkammer machen“

Zum 350. Todestag des englischen Revolutionärs und „Digger“ Gerrard Winstanley (1609–1676)

 Ein gestricktes Dreieck, das an einem Stacheldrahtzaun auf dem Winter Hill direkt oberhalb von Bolton befestigt ist. Der Text auf dem Dreieck lautet: „Die Erde wurde zu einem gemeinsamen Schatz für alle gemacht / Gerrard Winstanley.“ Dieses Foto entstand während der Gedenkfeier zum Massenbesitzfriedensbruch von 1896.

Gerrard Winstanley: „Die Erde ist ein gemeinsamer Schatz, der allen gehört.“
Foto: Pierre Marshall – Eigenes Werk
Lizenz: CC BY 4.0

Auf dem Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit in den Jahren 1649–1650 setzte sich Gerrard Winstanley mit radikal-protestantischer Sprache für eine frühe Form des anarchistischen Kommunismus ein. Winstanley prangerte Zwangsherrschaft („Regierung durch das Schwert“) und Privateigentum („meins und deins“) an und strebte durch gewaltfreie direkte Aktionen danach, egalitäre Gemeinschaften zu schaffen, in denen alles gemeinsam genutzt würde.

In seiner ersten explizit politischen Schrift, The New Law of Righteousness (1649), argumentierte Winstanley, dass der Wunsch, andere zu seinem eigenen Vorteil zu beherrschen und auszubeuten, nicht nur zur Entstehung von Regierung oder „Herrschaft und Macht“ führe, sodass „ein Teil der Menschheit“ „über einen anderen“ herrschen könne, sondern dass durch diese hierarchische Herrschaft auch das Privateigentum etabliert werde, „wodurch andere Mitgeschöpfe daran gehindert werden, Nahrung von ihrer Mutter Erde zu suchen“, die sich die Reichen und Mächtigen als ihr Eigentum angeeignet haben.

Winstanley prangerte alle Formen der Herrschaft an, denn: „Jeder, der Macht in seine Hände bekommt, tyrannisiert andere; so verhalten sich viele Ehemänner, Eltern, Herren und Richter, die nach dem Fleisch leben, wie unterdrückende Herren gegenüber denen, die unter ihnen stehen; ohne zu wissen, dass ihre Frauen, Kinder, Diener und Untertanen ihre Mitgeschöpfe sind und das gleiche Recht haben, mit ihnen an dem Segen der Freiheit teilzuhaben.“

Winstanley befürwortete gewaltfreie direkte Aktion, denn „die Zeit rückt nun näher, in der die Menschen nicht mehr von Gerechtigkeit reden, sondern Gerechtigkeit handeln werden.“ Schafft das Privateigentum ab, und es „wird keinen Bedarf mehr an Anwälten, Gefängnissen oder Strafmechanismen geben, denn alle werden in der Schöpfung gerecht wandeln und handeln.“ Die Menschen werden nicht länger „durch Armut zum Rauben und Stehlen gezwungen“ sein. Die Erde und ihre Reichtümer sollen zu einem gemeinsamen Schatz für alle werden, aus dem sich jeder frei nehmen kann, was er braucht, während er durch „den Schweiß seiner eigenen Stirn“ dazu beiträgt, anstatt von der Arbeit anderer zu leben.

Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von The New Law of Righteousness brachte Winstanley eine weitere Broschüre heraus, The True Levellers Standard Advanced, in der er das englische Volk dazu aufrief, sich das Land zurückzuholen, während er und eine Gruppe von „Diggers“ begannen, „Brachland“ (unbewirtschaftetes Land) am (St.) George’s Hill in Surrey zu bewirtschaften. Indem sie auf George Hill „gemeinsam die Erde umgruben und bearbeiteten“, wollten die Diggers eine Bewegung inspirieren, die „alle Allmenden und Brachflächen in England und auf der ganzen Welt“ für sich beanspruchte, ohne dass jemand „irgendein Eigentum besaß; sondern die Erde als gemeinsamen Schatz betrachtete, so wie sie ursprünglich für alle geschaffen wurde“.

In dieser Broschüre wandte sich Winstanley gegen die Lohnarbeit, die er als eine Form der Knechtschaft betrachtete, und sagte den „Lohnarbeitern“, dass „ihr armen Leute“ durch eure Arbeit „sowohl Gelehrte als auch Reiche zu euren Unterdrückern macht“.

Winstanley erkannte, dass die Herren ihre Macht über die arbeitende Masse verlieren würden, wenn sich die Arbeiter weigerten, ihren Befehlen zu folgen. Er plädierte für eine allgemeine Weigerung, „gegen Lohn zu arbeiten“ – eine Art Generalstreik –, denn „durch ihre Arbeit“ hätten die Armen „Tyrannen und die Tyrannei emporgehoben; und indem sie sich weigern, gegen Lohn zu arbeiten, werden sie diese wieder zu Fall bringen“.

Die Digger-Bewegung hatte einigen Erfolg, doch bis zum Sommer 1650 waren alle Digger-„Kolonien“ vom sogenannten „Commonwealth“, der kurzlebigen englischen Republik, gewaltsam niedergeschlagen worden.

Es ist bemerkenswert, wie sehr Winstanleys Ideen denen späterer selbsternannter Anarchisten vorausgehen. Er prangerte die Trennung zwischen Herren und Dienern an, die private Aneignung von Land, das Bündnis zwischen politischer Macht und Privateigentum, die Unterwerfung unter den Markt, die Lohnarbeit, das Strafrechtssystem, die institutionalisierte Gewalt des Staates, die institutionalisierte Religion sowie die Anwälte, Professoren und Priester (die intellektuelle Klasse), die die ideologische Rechtfertigung für dieses System der Ausbeutung und Herrschaft lieferten. Er befürwortete gewaltfreie direkte Aktionen, um der Marktwirtschaft Widerstand zu leisten und die Gemeingüter zurückzugewinnen, indem egalitäre, nicht-hierarchische Gemeinschaften geschaffen wurden, in denen die Menschen als Gleiche zusammenarbeiten und frei aus den gemeinsamen Vorratskammern nehmen könnten, was sie brauchten. Er wandte sich auch gegen jene Reformer und Revolutionäre, die danach strebten, die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen, die sie unweigerlich dazu nutzen würden, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Nach der Niederschlagung der Digger-Bewegung schwieg Winstanley bis 1652, als er seine letzte Broschüre veröffentlichte: The Law of Freedom in a Platform. Während Marxisten The Law of Freedom als Winstanleys krönenden Erfolg betrachten, ist es aus anarchistischer Sicht lediglich eine Fußnote zu seinen libertär-kommunistischen Schriften von 1649–1650. Obwohl er sich weiterhin für den Kommunismus aussprach, glaubte Winstanley nun, dass dieser nur durch einen zwingenden staatlichen und rechtlichen Apparat umgesetzt und aufrechterhalten werden könne.

Weiterführende Literatur:

Gerrard Winstanley, The Law of Freedom and Other Writings (Penguin, 1973), hrsg. von Christopher Hill

John Gurney, Gerrard Winstanley: The Digger’s Life and Legacy (Pluto, 2013)

Robert Graham (Hrsg.) Anarchism: A Documentary History of Libertarian Ideas, Band 1 (Black Rose)

 

Quelle: Gerrard Winstanley: “To make the Earth a Common Treasury” in FreedomNews, 10. September 2026
Text: Robert Graham

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Nicht autorisiert]


 

Kriminalpolizei durchsucht erneut das AZ Aachen

Das Foto zeigt die demolierte Tür des AZ
Polizeiarbeit...

Nach den Ereignissen des gestrigen Tages, nachzuvollziehen in der Pressemitteilung zu den Ereignissen am 6.9., kam es am Montag, den 07.09.2026 zu weiteren Maßnahmen am Autonomen Zentrum.

Als in den Morgenstunden des 7. Septembers die letzten Personen das AZ verlassen hatten und die Maßnahmen beendet waren, wurde das AZ verschlossen und der Zutritt verwehrt. Gegen 17 Uhr versammelten sich Beamte der Kriminalpolizei vor dem AZ. Obwohl während der gesamten Zeit der Vorstandes erreichbar war, wurde die Tür erneut aufgebrochen und unsere Räumlichkeiten von der Kriminalpolizei durchsucht, ohne ihn hinzuzuziehen. 

Wir forderten die Polizei mehrfach dazu auf, uns einen Durchsuchungsbeschluss zu zeigen, uns einen Grund für die Durchsuchung zu nennen und uns an die Einsatzleitung zu vermitteln. Diese Forderungen wurden verweigert oder vertröstet. Der offizielle Grund der Durchsuchung wurde uns erst um 18:30 Uhr, mehr als eine Stunde nach dem Eindringen der Kriminalpolizei in das Autonome Zentrum, mitgeteilt. Das erneute gewaltvolle Eindringen wurde mit dem vortäglichen Tatvorwurf im Rahmen der Demonstration legitimiert. 

Unser Recht, die Durchsuchung durch unseren Vorstand und eine*n weiteren Zeug*in begleiten zu lassen wurde uns, auch nach mehrfachen Kommunikationsversuchen, verwehrt. Auch unabhängige Zeugen des Ordnungsamtes, welche bei solchen Durchsuchungen anwesend sein müssen, wenn keine anderen
befugten Personen dabei sind, waren zu keinem Zeitpunkt vor Ort. Mehrfach wurde unsererseits Widerspruch gegen die Maßnahmen eingelegt, auch durch unseren Anwalt, welcher uns telefonisch begleitete, und mit dem die Polizei die Kooperation verweigerte.

Gegen 21 Uhr wurde die Maßnahme seitens der Polizei beendet und wir konnten uns ein Bild des Zustandes unserer Räumlichkeiten machen. Der verursachte Sachschaden ist noch nicht zu beziffern, ist aber erheblich. Ein Protokoll der beschlagnahmten Gegenstände wurde unserem Vorstand, der verspätet der Maßnahme beiwohnen konnte, vor Ort nicht ausgehändigt.

Während die AfD in Sachsen-Anhalt zur stärksten Kraft gewählt wurde und deutschlandweit alternative Jugendzentren von Neonazis angegriffen werden, werden durch den Staat antifaschistische Strukturen gelähmt und mit massiven Repressionen belegt. 
Was wir hier erlebt haben, ist schlicht eine Machtdemonstration. Die Erfahrung zeigt, dass solches Fehlverhalten für die Polizei in der Regel folgenlos bleibt und dass Betroffene dieser Willkür auf den Schäden (körperlich, emotional oder finanziell) sitzen bleiben. Das Ende des Einsatzes ist nicht das Ende der Repression. Das volle Ausmaß wird sich in Zukunft noch zeigen.

In Zeiten der autoritären Zuspitzung, wenn der Staat zu antidemokratischen Mitteln greift um Antifaschismus und linke Organisierung zu kriminalisieren, müssen wir uns entschlossen dagegen stellen. Sich politisch zu organisieren, sich frei zu bewegen, gegen Unrecht laut zu sein, sich um einander zu kümmern anstatt sich gegenseitig klein zu machen, einander zu respektieren auch wenn wir nicht einer Meinung sind, das sind die Grundsätze unserer Räume, für die wir einstehen.

Wir sind dankbar für alle, die sich in den letzten Tagen solidarisch mit uns gezeigt haben und sich gegen Willkür und Repression aussprechen. Wir ziehen daraus Kraft und Motivation weiter zusammen zu stehen, uns zu wehren, zu kämpfen.

Wir machen weiter. Kein Schritt zurück.
AZ bleibt!

Autonomes Zentrum Aachen

Quelle: Pressemitteilung 8.9.2026


 

A/I shuts down - Stay human

Zentral steht ein großer Textblock mit der Überschrift 'GOODBYE A/I'. Darunter folgt in schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund die Mitteilung, dass Autistici/Inventati neunzehn Tage vor der Frist eingestellt wird. Rechts daneben befindet sich eine stilisierte Kalendergrafik. Im oberen rechten Bereich steht ein rot unterlegtes Logo mit dem Schriftzug 'NOBLOGS' und dem Zusatz 'Welcome to A/I'. Am unteren Rand sind weitere Informationen und Logos abgebildet, darunter 'sabot.media', der Hinweis auf einen vollständigen Artikel sowie auf ein kostenloses Buch.

An dem Tag, als wir erfuhren, dass wir als globale Terrororganisation eingestuft worden waren, haben wir versprochen, dass wir versuchen würden, so lange wie möglich Widerstand zu leisten, dass wir nicht nachgeben würden, solange wir noch Möglichkeiten sähen, unsere Position zu verteidigen. Seit Jahren pflegen und verteidigen wir stolz eine freie, datenschutzfreundliche, autonome und politisch engagierte Infrastruktur.

„Bleibt menschlich“ ist für uns keine leere Floskel.

Es bedeutet vor allem, dass wir eine Verantwortung haben, unsere Nutzer*innen zu schützen – jene, die die menschlichen Netzwerke aufbauen, auf die wir uns verlassen, und die Gemeinschaften, die uns mit Botschaften der Unterstützung und Solidarität überschüttet haben.

Wir können uns nicht auf einen Kampf einlassen oder uns Manipulationen aussetzen, die das Leben dieser Menschen und ihrer Angehörigen bedrohen und sie der Gnade von Autokraten, Faschisten und Behörden ausliefern, die extralegale Maßnahmen ergreifen. Die Möglichkeit, dass unsere Arbeit rechtliche und finanzielle Konsequenzen für diejenigen nach sich ziehen könnte, die uns nahestehen – oder auch nur irgendetwas mit uns zu tun haben –, lässt uns keine andere Wahl.

A/I wird geschlossen. Das Kollektiv Autistici/Inventati löst sich auf und wird in Kürze alle von uns angebotenen Dienste einstellen.

Es gibt keinen einfachen Weg, dies anzukündigen oder zu erklären

Jeder Tag, an dem wir nach dem 26. August 2026 online geblieben sind, war ein Sieg, doch nun sind wir gezwungen, aufzuhören.

Keiner von uns hält heldenhafte Gesten und Märtyrer für besonders bewundernswert, daher werden wir keine Opfer verlangen. Weder von uns noch von irgendjemand anderem. In diesem politischen Klima gefährdet die Fortsetzung unserer Dienste unsere Nutzer und alle, die Teil unserer Gemeinschaften sind. In einer Welt, in der Anschuldigungen jeglichen Bezug zur Realität verloren haben, können wir nur damit rechnen, dass die Repressionen zunehmend unverhältnismäßig ausfallen werden. Unter diesen Umständen sind wir nicht mehr in der Lage, unsere ursprüngliche Mission aufrechtzuerhalten – nämlich sichere und nichtkommerzielle digitale Tools anzubieten.

Diese 25 Jahre waren fantastisch. Es war eine „unglaubliche Reise“.

Schaltet jetzt eure PCs aus, geht raus aus euren Wohnungen, kämpft, umarmt euch und hört nicht auf zu lächeln. Wir hören auf, aber der Widerstand und die Ideen hören nicht auf. Bleibt menschlich.

Wir werden euch bald Anleitungen schicken, wie ihr den Inhalt eurer Blogs, E-Mail-Postfächer und Websites sichern könnt, zusammen mit weiteren technischen Empfehlungen. Aber denkt daran: Genauso wie die Domain autistici.org ohne Vorwarnung unerreichbar gemacht wurde, könnten wir in den nächsten Tagen ähnliche Probleme erleben, die wir vielleicht nicht vorhersehen können.

 

Autistici/Inventati-Kollektiv

Quelle: keepitfree.ai, 6. September 2026

Wikipedia zu Autistici/Inventati
Listung in den USA

Eigene Übersetzung, Danke an Thomas für die Links


 

Buchtipp: Freiheitsschiffe. Die unbekannte Geschichte der Flucht aus der Sklaverei auf dem Seeweg

Das Cover ezigt den Einband des Buches mit Titel und Autorenangabe sowie einem Stich eines Segelschifffes

Buchcover

»Freiheitsschiffe« beschreibt die dramatische Geschichte versklavter Afroamerikaner, die sich auf Schiffen versteckten, die sie in die Freiheit brachten. Bis zu 100.000 versklavten Menschen gelang die Flucht aus der Knechtschaft in den Südstaaten. Sie entkamen entlang eines Netzwerks von Fluchtwegen, das heute als Underground Railroad bekannt ist. Eine immens große Zahl von Fluchtversuchen fand jedoch nicht zu Lande, sondern auf dem Seeweg statt. Die dramatischen Berichte der Entkommenen von heimlichen Verschwörungen und wehenden Segeln machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre.

Marcus Rediker vermittelt mit seiner detailgenauen Recherche einen tiefen Einblick in die geheime Welt der blinden Passagiere und der Schiffe, die sie in die Freiheit brachten. Er beleuchtet die wenig bekannten Geschichten von Freiheitssuchenden, die ihren Blick aufs Meer richteten. Er berichtet von den Tausenden, die sich heimlich unter Deck versteckten, zum Teil entdeckt wurden und erneut flohen. Er erzählt die Geschichte von Frederick Douglass, der als Matrose verkleidet auf einem Schiff entkam und nach seiner Flucht zu einem der bekanntesten Abolitionisten wurde, und von Harriet Tubman, einer ehemaligen Sklavin, die zu einer der Architektinnen der Underground Railroad wurde.

Marcus Rediker beweist erneut seine überragende Kompetenz in der Geschichtsforschung von unten und begibt sich auf eine spannende Reise entlang der Küsten des Atlantiks, auf den Spuren derer, die bei ihrer Suche nach Freiheit alles riskierten.

Freiheitsschiffe
Die unbekannte Geschichte der Flucht aus der Sklaverei auf dem Seeweg
26,00 €
Aus dem Englischen von Emma Hill, 400 Seiten, broschiert, mit Illustrationen 
SBN 978-3-86241-519-9
Erschienen 09/2026

 


 

Aufrüstung trifft Widerstand: Rheinmetall-Entwaffnen-Camp startet in Köln

Das Bild ist ein politisches Plakat mit einer markanten Farbgestaltung in Magenta, Schwarz und Weiß.TextinhalteAm oberen Bildrand steht in großen, magentafarbenen Großbuchstaben: „KAMPF DEN KRIEGSTREIBERN“.Darunter folgt in kleinerer Schrift: „- FÜR UNSERE ZUKUNFT!“.Oben links befindet sich ein Logo der Initiative „RHEINMETALL ENTWAFFNEN“. Der Name „Rheinmetall“ ist in Schwarz geschrieben, das Wort „ENTWAFFNEN“ steht darunter in weißen Buchstaben auf einem magentafarbenen, stempelartigen Balken.Im mittleren Bereich sind zwei magentafarbene Textbalken mit weißer Schrift platziert:„CAMP + AKTIONSTAGE IN KÖLN 1.-6.9.“„NATO-MANÖVER IN HAMBURG 24.-26.9.“Bildmotive (Fotomontage)Die untere Hälfte des Plakats besteht aus einer schwarz-weißen Fotomontage, die vor einem hellen, magentafarbenen Hintergrund steht:Hintergrund: Auf der rechten Seite sind die markanten Zwillingstürme des Kölner Doms zu sehen. Links davon erstreckt sich eine große Bogenbrücke über einen Fluss (die Kölner Hohenzollernbrücke).Vordergrund rechts: Ein moderner Militärpanzer fährt von rechts nach links durch das Bild. Aus seinem Rohr bricht eine dunkle Rauchwolke aus, die den Kölner Dom teilweise verdeckt. Am Panzer und an der Rauchwolke sind zwei grafische, magentafarbene Sterne angebracht.Vordergrund links: Eine Gruppe von demonstrierenden Menschen ist im Profil zu sehen. Sie laufen von links nach rechts in Richtung des Panzers. Einige Personen halten Protestschilder in die Höhe, auf denen unter anderem „CHOICE“ zu lesen ist.Köln, 1. September 2026. Das antimilitaristische und internationalistische Bündnis „Rheinmetall Entwaffnen“ hat am Dienstag sein diesjähriges Camp in Köln eröffnet. Unter dem Motto „Kampf den Kriegstreibern – Für unsere Zukunft!“ finden bis zum 6. September Workshops, Diskussionsveranstaltungen, Demonstrationen und weitere Aktionen statt. Nach Angaben der Organisator*innen werden im Laufe der Woche mehrere Tausend Teilnehmende erwartet.

Antikriegstag eröffnet eine Woche des Protests

Zum Auftakt beteiligt sich das Bündnis am 1. September gemeinsam mit dem Kölner Friedensforum an einer Demonstration zum Antikriegstag. In den darauffolgenden Tagen sind an verschiedenen Orten in Köln politische Veranstaltungen und Aktionen geplant. Den öffentlichen Höhepunkt bildet eine große Abschlussdemonstration am Samstag, dem 5. September. Das Camp endet am 6. September.

Mit der Aktionswoche will das Bündnis auf die Folgen von Aufrüstung, Rüstungsproduktion und zunehmender Militarisierung aufmerksam machen. Es kritisiert, dass die Bundesregierung umfangreiche Mittel für militärische Zwecke bereitstellt, während zugleich Kürzungen im Sozialbereich beschlossen werden und die Klimakrise immer deutlicher spürbar wird.

Die Jahre 2025 und 2026 seien durch milliardenschwere Aufrüstungsprogramme, soziale Einschnitte und eskalierende Kriege beziehungsweise militärische Konflikte geprägt – unter anderem mit Blick auf Iran, Palästina und Kurdistan. Die Kosten dieser Politik trügen letztlich die Menschen, erklärt das Bündnis.

Bewaffnete Bundeswehrsoldaten vor dem Camp – Anmelder spricht von Einschüchterungsversuch

Bereits vor dem offiziellen Beginn des Camps postierten sich bewaffnete Feldjäger*innen der Bundeswehr im unmittelbaren Bereich des Camp-Eingangs auf. Der Anmelder des Camps bewertet das Auftreten als Versuch, Teilnehmende einzuschüchtern und zu provozieren.

„Dass bewaffnete Bundeswehrsoldaten unmittelbar vor Beginn unseres angemeldeten Camps am Eingang aufgetreten sind, haben wir als gezielten Einschüchterungs- und Provokationsversuch erlebt. Politischer Protest darf nicht durch bewaffnete Präsenz unter Druck gesetzt werden. Wir lassen uns davon nicht einschüchtern und setzen unser Programm wie geplant und mit noch stärkerer Kraft fort“, erklärt, der Anmelder des Camps.

„Wir stellen uns der Kriegsmaschinerie entgegen“

Mit öffentlich angekündigten Aktionen will das Bündnis während der Protestwoche Rüstungsproduktion, Bundeswehrstandorte und die aus seiner Sicht zunehmende Militarisierung des gesellschaftlichen Alltags zum Thema machen und in ihren gewohnten Abläufen stören.

„Wir werden nicht hinnehmen, dass Rüstungsproduktion, Bundeswehrstandorte und alltägliche Militarisierung in Köln ungestört weiterlaufen. Im vergangenen Jahr haben wir gezeigt, dass sich Menschen für Frieden und gegen Aufrüstung zusammenschließen. Daran knüpfen wir an“, erklärt das Bündnis.

Das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp versteht sich als Ort des Austauschs, der politischen Bildung und des gemeinsamen Protests gegen Krieg, Aufrüstung und die Profite der Rüstungsindustrie. Zugleich soll es internationale Solidarität mit Menschen stärken, die von Krieg, Besatzung und militärischer Gewalt betroffen sind.

Termine auf einen Blick

1. September: Auftaktdemonstration zum Antikriegstag
Beginn: 17:30
Treffpunkt: Friesenplatz

1. bis 6. September: Camp, Workshops und Aktionen
Ort: Wiese am Fernsehturm/Colonius, Venloerstr. 130
50.94505° N, 6.93171° E.

Programm

5. September: Große Abschlussdemonstration
Beginn: 05.09., 13:00 Uhr
Treffpunkt: Dom/Hauptbahnhof

Quelle: Pressemitteilung


 

Buchvorstellung: Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt - Kämpfe, Kontinuitäten und Wandel

Das Buchcover zeigt neben Titel und Autor*innen ein Foto einer Demonstration, bei der Menschen ein Seitentransparent mit dem Text "Feuer + Flamme für's Partriarchat!" tragen.

ISBN 978-3-7560-3346-1 206 Seiten 39€

Die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend war und ist umkämpft. Es gab Versuche, die Schilderungen Betroffener zu leugnen und die Arbeit der Fachberatungsstellen als unseriös zu verunglimpfen. Dennoch ist der Kampf gegen sexualisierte Gewalt gesellschaftlich nicht mehr wegzudenken.

In diesem Sammelband wird die Frage behandelt, welche Angriffe es gegen Betroffene und die spezialisierte Fachberatung gab, welche Strategien erfolgreich waren und welche Lehren sich ziehen lassen.

Es kommen Betroffene, Berater:innen, Wissenschaftler:innen und Anwält:innen zu Wort. Es wird deutlich, dass patriarchale und adultistische Strukturen der Gesellschaft sexualisierte Gewalt hervorbringen und die Arbeit dagegen notwendiger denn je ist.

Herausgegeben von Franziska Drohsel, Clemens Fobian, Dorothea Zimmermann (2026)

Freitag, 11. September, 20 Uhr

Versammlungsraum Mehringhof
Gneisenaustr. 2a

2. Hinterhof

Metro-Station Mehringdamm

Eintritt: frei!

Via Schwarze Risse