trueten.de

»La politique est la science de la liberté: le gouvernement de l'homme par l'homme, sous quelque nom qu' il se déguise, est oppression; la plus haute perfection de la société se trouve dans l'union de l'ordre et de l' anarchie.« Pierre Joseph Proudhon

A/I shuts down - Stay human

Zentral steht ein großer Textblock mit der Überschrift 'GOODBYE A/I'. Darunter folgt in schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund die Mitteilung, dass Autistici/Inventati neunzehn Tage vor der Frist eingestellt wird. Rechts daneben befindet sich eine stilisierte Kalendergrafik. Im oberen rechten Bereich steht ein rot unterlegtes Logo mit dem Schriftzug 'NOBLOGS' und dem Zusatz 'Welcome to A/I'. Am unteren Rand sind weitere Informationen und Logos abgebildet, darunter 'sabot.media', der Hinweis auf einen vollständigen Artikel sowie auf ein kostenloses Buch.

An dem Tag, als wir erfuhren, dass wir als globale Terrororganisation eingestuft worden waren, haben wir versprochen, dass wir versuchen würden, so lange wie möglich Widerstand zu leisten, dass wir nicht nachgeben würden, solange wir noch Möglichkeiten sähen, unsere Position zu verteidigen. Seit Jahren pflegen und verteidigen wir stolz eine freie, datenschutzfreundliche, autonome und politisch engagierte Infrastruktur.

„Bleibt menschlich“ ist für uns keine leere Floskel.

Es bedeutet vor allem, dass wir eine Verantwortung haben, unsere Nutzer*innen zu schützen – jene, die die menschlichen Netzwerke aufbauen, auf die wir uns verlassen, und die Gemeinschaften, die uns mit Botschaften der Unterstützung und Solidarität überschüttet haben.

Wir können uns nicht auf einen Kampf einlassen oder uns Manipulationen aussetzen, die das Leben dieser Menschen und ihrer Angehörigen bedrohen und sie der Gnade von Autokraten, Faschisten und Behörden ausliefern, die extralegale Maßnahmen ergreifen. Die Möglichkeit, dass unsere Arbeit rechtliche und finanzielle Konsequenzen für diejenigen nach sich ziehen könnte, die uns nahestehen – oder auch nur irgendetwas mit uns zu tun haben –, lässt uns keine andere Wahl.

A/I wird geschlossen. Das Kollektiv Autistici/Inventati löst sich auf und wird in Kürze alle von uns angebotenen Dienste einstellen.

Es gibt keinen einfachen Weg, dies anzukündigen oder zu erklären

Jeder Tag, an dem wir nach dem 26. August 2026 online geblieben sind, war ein Sieg, doch nun sind wir gezwungen, aufzuhören.

Keiner von uns hält heldenhafte Gesten und Märtyrer für besonders bewundernswert, daher werden wir keine Opfer verlangen. Weder von uns noch von irgendjemand anderem. In diesem politischen Klima gefährdet die Fortsetzung unserer Dienste unsere Nutzer und alle, die Teil unserer Gemeinschaften sind. In einer Welt, in der Anschuldigungen jeglichen Bezug zur Realität verloren haben, können wir nur damit rechnen, dass die Repressionen zunehmend unverhältnismäßig ausfallen werden. Unter diesen Umständen sind wir nicht mehr in der Lage, unsere ursprüngliche Mission aufrechtzuerhalten – nämlich sichere und nichtkommerzielle digitale Tools anzubieten.

Diese 25 Jahre waren fantastisch. Es war eine „unglaubliche Reise“.

Schaltet jetzt eure PCs aus, geht raus aus euren Wohnungen, kämpft, umarmt euch und hört nicht auf zu lächeln. Wir hören auf, aber der Widerstand und die Ideen hören nicht auf. Bleibt menschlich.

Wir werden euch bald Anleitungen schicken, wie ihr den Inhalt eurer Blogs, E-Mail-Postfächer und Websites sichern könnt, zusammen mit weiteren technischen Empfehlungen. Aber denkt daran: Genauso wie die Domain autistici.org ohne Vorwarnung unerreichbar gemacht wurde, könnten wir in den nächsten Tagen ähnliche Probleme erleben, die wir vielleicht nicht vorhersehen können.

 

Autistici/Inventati-Kollektiv

Quelle: keepitfree.ai, 6. September 2026

Wikipedia zu Autistici/Inventati
Listung in den USA

Eigene Übersetzung, Danke an Thomas für die Links


 

Die Leute reißen wirklich massenhaft Flock-Kameras ab. Oder: Die öffentliche Unterstützung krimineller Handlungen ist ein Hauptantrieb für gesellschaftlichen Wandel

Vor drei Wochen haben in Winona, Minnesota, eine oder mehrere unbekannte Personen jede einzelne Flock-Kamera in der Stadt abgerissen und gestohlen. Vier Paare mit je zwei Kameras, die auf die Ein- und Ausfahrtsstraßen der Stadt gerichtet waren.

Die Polizei veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite einen Aufruf, in dem sie die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Aufklärung des Verbrechens bat – nur um von Menschen überschwemmt zu werden, die die Vandalen unterstützten.

Letzte Woche in Winona, Minnesota, erklärte die Polizei ihre Kapitulation.

Das Vertrauen unserer Gemeinschaft ist die Grundlage für eine effektive Polizeiarbeit, und wir haben hart daran gearbeitet, dieses Vertrauen aufzubauen und zu bewahren. Zwar war Flock ein wertvolles Instrument, doch glauben wir, dass sein Einsatz zu wachsenden Bedenken hinsichtlich des Vertrauens in die Polizeiarbeit beigetragen hat – sowohl vor Ort als auch landesweit und landesweit. Nach reiflicher Überlegung hat die Polizei von Winona beschlossen, keine Flock-Kameras mehr in der Stadt Winona zu installieren.

Und ich habe mindestens zwei weitere Gerichtsbezirke ausgemacht, die dem gleichen Muster gefolgt sind.

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025 Foto: Julian Focareta Lizenz: CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Soziale Bewegungen sind gerade dann wirksam, wenn Solidarität zwischen ihrer breiten Basis und den Menschen herrscht, die kriminelle direkte Aktionen begehen. Wenn soziale Bewegungen hinter ihren „Kriminellen“ stehen, gewinnen sie.

Winona, Minnesota, ist kein Einzelfall. Gerade in diesem Jahr haben Menschen im ganzen Land – egal ob in „roten“ oder „blauen“ Bundesstaaten – den Überwachungsstaat angegriffen und wurden dafür als Helden gefeiert.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich jemals eine populärere Verbrechenswelle gesehen habe.

Letzte Woche habe ich in einer Stadt im „Rust Belt“ meine Reifen wechseln lassen und mich eine Weile mit den Leuten dort unterhalten. Im Gespräch kam das Thema Überwachungskameras zur Sprache.

„Wo sind denn all unsere mit Mais gefütterten Arschlöcher? Die müssen endlich was gegen diesen Scheiß unternehmen“, sagte mir ein Mann.

„Du weißt doch, die haben Schrotflinten“, stimmte ich zu.

Im Nachhinein habe ich gute Nachrichten für den Reifenmann. Mit Schrotflinte und Winkelschleifer (und Handbandsäge), mit Expansionsschaum und Sprühfarbe sind die Leute tatsächlich da draußen und zerstören diese Kameras massenhaft. Viele werden dabei erwischt (meistens von anderen Kameras), aber nicht alle. Am 13. August veröffentlichte die Stadt Charlotte in North Carolina einen Beitrag auf ihrer offiziellen Facebook-Seite, in dem sie die Öffentlichkeit um Hilfe bat, um diejenigen aufzuspüren, die Expansionsschaum auf ihre Kennzeichenlesekameras gesprüht hatten. Dabei gaben sie versehentlich zu, dass diese Kameras mehr als nur Kennzeichen erfassen. Bislang gibt es mehr als 70.000 Kommentare zu diesem Beitrag, die überwiegend die Zerstörung dieser Kameras befürworten.

In Monterey, Kalifornien, wurde ein 40-jähriger Mann namens Marcus Bee festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, einfach mit seinem Pick-up (der mit Frontschutzbügeln ausgestattet ist, die beim Rammen helfen) über drei Flock-Kameras gefahren zu sein und/oder ein Abschleppseil angebracht zu haben, um sie aus dem Boden zu ziehen. Er wurde von anderen Überwachungskameras in der Gegend erfasst.

Auf der anderen Seite des Landes und mit Hilfe eines im Grunde gegensätzlichen Fahrzeugs muss sich ein 21-Jähriger nun vor Gericht verantworten, da er angeblich mit einem Baseballschläger auf einen Subaru Forester geklettert ist, um mehrere Kameras zu zerstören.

Vor zwei Wochen berichtete die „New York Post“, dass Long Island von einer Welle von Vandalismus gegen die Kameras heimgesucht wurde, wobei jeweils unterschiedliche Angriffsmethoden zum Einsatz kamen (was auf verschiedene Täter hindeutet). Einige wurden abgeschnitten. Eine wurde überfahren. Bei einer anderen wurden die Kabel abgezogen. Zwei wurden mit Sprühfarbe besprüht. Eine wurde einfach in die andere Richtung gedreht. Selbst auf dieser rechtsgerichteten Seite stehen die Kommentare voll und ganz hinter den Vandalen.

Am 21. Juli wurde ein Teenager in Jacksonville Beach, Florida, festgenommen, weil er die Linsen von drei Kameras mit Sprühfarbe besprüht hatte.

Aus Houston, Texas, wurde berichtet, dass in einer Nacht vier Kameras heruntergeschnitten wurden, nachdem es im vergangenen Monat bereits eine Reihe weiterer Angriffe gegeben hatte. Die Masten wurden einfach dort liegen gelassen, wo sie hingefallen waren.

Ein 37-jähriger unabhängiger Kandidat für das Repräsentantenhaus von Tennessee, Adam Lee Heimerman, wurde festgenommen, weil er angeblich vier Kameras zerschossen haben soll. Einmal, so lässt der Bericht vermuten, war er beim Gottesdienst, ging auf den Parkplatz hinaus und schoss eine Überwachungskamera kaputt, während andere drinnen beteten.

Ein besonders aktiver (beschuldigter) Vandale ist ein 41-jähriger Ingenieur der Luftwaffe, Jeffrey Sovern, der sich in Bezug auf die Zerstörung von 13 „Flock“-Kameras in Virginia im letzten Jahr für nicht schuldig erklärt hat. Ihm wird vorgeworfen, die Masten mit einer Zange demontiert zu haben.

Ein Mann namens Ed Kahle aus Pinal County, Arizona, zeigt keine Reue dafür, dass er mit seinem Arbeits-Lkw rückwärts in eine „Flock“-Kamera gefahren ist. „Wir leben hier draußen, weil wir Ruhe wollen. Wir wollen keinen Ärger machen. Und jetzt werde ich überwacht?“. Die Sheriffs von Pinal County kündigten an, dass sie den Vertrag für die Kameras nicht verlängern werden.

In Fairbault, Minnesota, wird ein 41-jähriger Mann namens Justin Lee Campbell wegen des Durchschneidens der Kabel einer „Flock“-Kamera in drei Fällen strafrechtlich verfolgt. Er wurde von einigen Ladenmitarbeitern verpetzt, denen er damit geprahlt hatte, die Kamera zerstört zu haben. Aber anderswo im selben Bundesstaat wurden in Edina drei Kameras übermalt, und in Plymouth wurden zwei Kameras deinstalliert.

In mindestens fünf Gemeinden in Michigan wurden Kameras deinstalliert oder zerstört. In Westland, Michigan, hat die Polizei ebenfalls kapituliert.

Die Flock-Kamera in Ash Grove, Missouri, wurde von Unbekannten entfernt, die sich ihr von hinten näherten, sodass sie keine Aufnahmen des Angriffs machen konnte.

Der 21-jährige Alex Rattenborg aus Iowa City wurde wegen Sachbeschädigung dritten Grades angeklagt, weil er eine Flock-Kamera abmontiert hatte; er wurde anschließend von anderen Überwachungskameras erfasst, doch die Polizei in Iowa fahndet weiterhin nach den Tätern, die für zwei weitere zerstörte Kameras verantwortlich sind.

Der Sheriff von Lumpkin County, Georgia, versucht verzweifelt, denjenigen zu finden, der eine Kamera zerstört hat. Sein Facebook-Beitrag dazu hat 17.000 Kommentare, die den Vandalismus gutheißen.

Das Foto zeigt die Flock Sock, montiert an einer Kamera auf einem Stock.

Die "Flock Sock" Quelle: SquidLink (MakerWorld)

Ein 3D-Designer namens SquidInk hat den „Flock Sock“ entwickelt, eine 3D-druckbare Hülle, die man über einen Besenstiel stülpen und damit Flock-Kameras zerstörungsfrei abdecken kann.

Der vielleicht höflichste aller Menschen, die direkte Aktionen durchführen, ist ein 77-jähriger Republikaner im Ruhestand aus Florida, der „Flock Blocker“, der seine reichlich vorhandene Freizeit damit verbringt, in einem Campingstuhl zu sitzen – mit einem Anti-Flock-Schild an einer 10-Fuß-Stange – und so die Kameras zu blockieren. Als ich zum ersten Mal Videos in den sozialen Medien sah, in denen Methoden zur Zerstörung dieser Kameras verglichen wurden, fielen mir zwei Dinge besonders auf. Erstens, dass der Hass auf diese Kameras universell ist. Da gibt es zum einen eine stark tätowierte Person wie diese hier, die im Black-Bloc-Look gekleidet ist, und zum anderen ein Unternehmen, das Sicherheitsausrüstung für Schweißer herstellt – beide liefern dieselbe Art von Inhalten an ihr vermutlich unterschiedliches Publikum. (In den Kommentaren zu beiden Beiträgen wird jedoch die Schnittgeschwindigkeit und die leise Leistung der handgeführten Bandsäge empfohlen.)

Das andere, was mir auffiel … als ich diese Art von Inhalten zum ersten Mal sah, befürchtete ich, dass es sich nur um theatralische Social-Media-Beiträge handelte. Klar, vielleicht haben ein paar Leute mal eine oder zwei Kameras zerstört, aber ich ging davon aus, dass das nicht weit verbreitet war.

Doch dann habe ich angefangen zu recherchieren.

Und diese Kameras werden tatsächlich eine nach der anderen, zu zweit, von Einzelpersonen und kleinen Gruppen im ganzen Land zerstört. Die meisten kommen damit durch. Viele werden erwischt, und manche haben bereits eine Gefängnisstrafe verbüßt. Mir ist noch keine einzige Quelle bekannt, die all diese Angriffe erfasst und/oder den Leuten die Möglichkeit bietet, diejenigen zu unterstützen, die erwischt wurden, aber hoffentlich wird so etwas noch auftauchen (oder existiert bereits und wird mir irgendwann auffallen). Ursprünglich hatte ich vor, mehr über die Entstehung von ALPRs (automatische Kennzeichenleser) und Flock sowie dessen Konkurrenten wie Axon zu schreiben. Das werde ich in Zukunft tun. Aber ich vertraue euch genug, um zu verstehen, dass diese Kameras auf entsetzliche Weise missbraucht wurden, immer und immer wieder; dass selbst wenn Städte beschließen, keine ALPR-Daten an die ICE weiterzugeben, die örtliche Polizei die Informationen trotzdem an ihre Kumpels bei der ICE weitergibt; dass fehlerhafte KI-Informationen bereits zu brutalen Übergriffen durch die Polizei geführt haben; und dass diese Kameras – sofern die Demokratie in den USA fortbesteht – wahrscheinlich als Verstoß gegen den vierten Verfassungszusatz eingestuft werden – für die meisten ähnlichen Technologien ist mittlerweile ein Durchsuchungsbefehl erforderlich.

Zu lange schon haben die Menschen in diesem Land die Ausweitung des Überwachungsstaates mitangesehen. Es scheint, als hätten die Leute nun wirklich, endlich genug davon. Und dass alle Versuche, die Arbeiterklasse entlang der Linien des Kulturkriegs zu spalten, gerade scheitern – und das ist gut so. Beide Seiten geben sich weiterhin gegenseitig die Schuld an der Überwachung – in den Kommentaren der „New York Post“ werden diese Kameras als Kommunismus bezeichnet. Anderswo nennen die Leute sie Faschismus. Was sie tatsächlich sind, ist Autoritarismus. Und das ist etwas, das wir gemeinsam zerstören müssen.

Ich werde niemals, wirklich niemals, Menschen dazu ermutigen, Dinge zu tun, zu denen ich persönlich nicht bereit bin. Ich bin nicht da draußen und zerstöre Flock-Kameras. Aber ich werde öffentlich meine Unterstützung für die Menschen bekunden, die das tun – und genau das werde ich von euch verlangen: Seid offen und öffentlich in eurer Verurteilung des Überwachungsstaats und in eurer Unterstützung für diejenigen, die direkt dagegen kämpfen.

Ich war noch nie ein großer Anhänger von Online-Aktivismus, aber es scheint, als sei „direkte und ehrliche Unterstützung für Menschen, die Straftaten begangen haben“ die wirksamste Form davon, die ich je gesehen habe. Luigi Mangione hat den Gesundheitsverantwortlichen Angst gemacht, aber nicht so sehr wie der Aufschrei der Unterstützung, den er erhielt.

Und diese Kameras? Sie werden abmontiert, wenn ein paar mutige Seelen sie abreißen, und sie bleiben abmontiert, wenn es eine massive Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung gibt. Wenn der Staat erkennt, dass seine Legitimität auf dem Spiel steht. Dann geben sie dem Volk nach.

Wie Frederick Douglass es formulierte:

Macht räumt nichts ein, ohne dass es gefordert wird. Das war noch nie so und wird auch nie so sein. Finde heraus, was ein Volk stillschweigend hinnimmt, und du hast das genaue Maß an Ungerechtigkeit und Unrecht erkannt, das ihm auferlegt wird – und das wird so lange andauern, bis es entweder mit Worten oder mit Schlägen oder mit beidem bekämpft wird. Die Grenzen der Tyrannen werden durch die Ausdauer derer bestimmt, die sie unterdrücken.

Quelle:  "People Really Are Cutting Down Flock Cameras En Masse or: public support for criminal activity is a primary driver of social change" von Margaret Killjoy, 19. August 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Berlin: Demo gegen KI-Videoüberwachung und die digitale Aufrüstung der Polizei

Das Foto von © Björn Obmann zeigt das Transsparent mit dem Text "Gegen die digitale Aufrüstung der Polizei" sowie vier verpixelte Träger*innen
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Noch vor der Sommerpause will der Bundestag ein massives Überwachungspaket beschließen – mit KI-Fahndung, biometrischem Internetabgleich und Palantir-Software für die Polizei. Über 1.000 Menschen protestierten am 13. Juni 2026 in Berlin gegen die geplante digitale Aufrüstung und Massenüberwachung. Die Demonstration zog lautstark und begleitet von Pyro und Rauch von der Warschauer Straße zum Görlitzer Park und weiter zum Rio-Reiser-Platz.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Bundesregierung plant, Polizei und BAMF zu erlauben, Gesichtsbilder und Stimmen mit dem gesamten öffentlichen Internet abzugleichen. Auch der Einsatz dystopischer Programme wie Palantir & Co soll kommen – und dazu sollen gigantische Datenmengen zur automatisierten Analyse zusammengezogen werden. Massenhaft dürften persönliche Daten außerdem ohne Anonymisierung zum Training von Polizei-KI genutzt und an private Unternehmen weitergegeben werden. Der Bundesrat möchte diese Gesetzentwürfe durch Befugnisse zur Live-Gesichtserkennung noch weiter verschärfen. Zugleich gibt es einen neuen Anlauf zur Vorratsdatenspeicherung.
Der schwarz-rote Senat in Berlin will die Polizei zudem aufrüsten mit KI-gesteuerten Kameras an sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten (KBOs) wie zum Beispiel in der Rigaer Straße oder dem Görlitzer Park.

Es reicht! Dagegen gehen wir lautstark auf die Straße!

Links

Wenn wir uns von den lügenden Maschinen abwenden oder: eine Verkündung von Untergang und Hoffnung, verbunden mit schlechtem Gerede über KI

Die KI Grafik zeigt Leiterbahnen undn Lötpunkte als Synonym für elektronisch / künstlich in einem Gehirnähnlichen Umriss, der in verschiedenen Blau/Weißverläufen eingefärbt ist
Mit KI erzeugte Grafik über KI
Quelle: JPxG - DALL-E 3
Gemeinfrei
KI könnte die Zivilisation zerstören.

KI könnte die Zivilisation zerstören, oder zumindest das Internet, aber ich will dir keine falschen Hoffnungen machen.

KI hat etwas an sich, das zu großspurigen Aussagen, zu Verkündigungen einer neuen Göttlichkeit oder des Untergangs führt. Es gibt Leute, Leute in Machtpositionen, die glauben, dass die Copy-Paste-Maschinen, die sie gebaut haben, bald zu Göttern aufsteigen werden, und diese Leute in Machtpositionen ergreifen rücksichtslos Maßnahmen, weil sie davon ausgehen, dass das stimmt. Dann gibt es Leute wie mich, die Essays schreiben, die mit Sätzen wie „KI könnte die Zivilisation zerstören” anfangen.

Wahrscheinlich liege ich falsch. Von all den Zeiten, in denen die Zivilisation erschüttert wurde, von all den Zeiten, in denen die Zivilisation ins Wanken geriet, zumindest in den letzten tausend Jahren, hat sie sich zusammengehalten.

Aber bitte habt Geduld mit mir, während ich Übertreibungen benutze, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen.

Die moderne Gesellschaft basiert auf Vernetzung, globalem Handel, Netzwerkstandards, Kommunikation und unserer Fähigkeit, bestimmte Informationen zu überprüfen. Sie basiert auf einem allgemeinen Gefühl des Vertrauens. Das scheint gefährdet zu sein.

Erwachsene von heute, mich eingeschlossen, leiden unter Leichtgläubigkeit. Wir sind daran gewöhnt, dass wir, wenn wir zum Telefon greifen und die Stimme unserer Mutter hören, mit unserer Mutter sprechen. Wir sind es gewohnt, den Nachrichten zu glauben, wenn wir klare Videos von Ereignissen sehen. Klar, Dunkelkammer-Tricks, Photoshop und CGI gibt es schon seit geraumer Zeit, aber die überwiegende Mehrheit der Fotos, die wir gesehen haben, sind tatsächliche Darstellungen dessen, was die Kamera gesehen hat. Wenn wir ein einzelnes Foto sehen, vertrauen wir ihm vielleicht nicht. Wenn wir Fotos und Videos aus mehreren Blickwinkeln und Videoaussagen von mehreren Zeugen sehen, glauben wir daran.

Wir leiden unter Leichtgläubigkeit, und für uns bricht gerade die Realität zusammen, weil wir so daran gewöhnt sind, den Beweisen unserer eigenen Augen zu glauben. Wir alle (oder vielleicht bin es nur ich) haben lustige oder seltsame Videos in den sozialen Medien geteilt, nur um später zu erfahren (um ein konkretes Beispiel zu nennen), dass Kängurus tatsächlich nicht rückwärts springen können.

Weil wir dazu neigen, zu glauben, was wir sehen, werden wir leicht von Social-Media-Algorithmen isoliert, die uns unterschiedliche Sichtweisen der Realität vermitteln. Erst letzte Woche habe ich sowohl ein KI-Video gesehen, in dem jemand in einem lächerlichen Kostüm vor der Einwanderungsbehörde ICE davonläuft, als auch ein KI-Foto, auf dem dankbare Einwohner einer Stadt die ICE mit kostenlosem Kaffee und Willkommensschildern begrüßen. Was auch immer du bereits glaubst, es gibt KI-Schund, den du verschlingen kannst.

Diese Abschottung der Realität war schon vorher ein Problem, und es wird noch schlimmer werden, da falsche Bilder und Videos immer einfacher zu produzieren und immer schwerer zu erkennen sind. „Medienkompetenz” wird immer schwieriger zu vermitteln. KI verbessert sich schneller, als die Öffentlichkeit lernt, sie zu erkennen. Diese Abschottung der Realität ist ein Problem, das mir schon seit einiger Zeit bewusst ist und über das ich immer wieder höre. Im Moment besteht das Problem darin, dass wir dazu neigen, das zu glauben, was wir sehen.

Die nächsten Generationen werden meiner Meinung nach unter einem im Wesentlichen umgekehrten Problem leiden.

Ein Kind, das heute geboren wird, wird nie eine Welt erleben, in der es einen Grund gibt zu glauben, dass realistische Bilder, Videos oder Audiodateien die Realität widerspiegeln oder dass eine Person die Worte geschrieben hat, die es liest. Anstatt davon auszugehen, dass jedes fotorealistische Bild (oder glaubwürdig klingende Audioaufnahme) echt ist, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, könnten sie einfach annehmen, dass jedes Bild und jeder Text von den monströsen Lügenmaschinen erzeugt wurde, die in Lagerhäusern außerhalb unserer Städte stehen und unser ganzes Wasser und unsere ganze Energie verbrauchen. Ein Video, das als Beweismittel vor Gericht verwendet wird, wird ungefähr so glaubwürdig erscheinen, als hätte der Staatsanwalt eine Diashow mit Ölgemälden gezeigt.

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass ein Kommentar in einem Forum von einem Menschen geschrieben wurde, keinen Grund zu vermuten, dass die Influencer auf YouTube echte Menschen mit echten Meinungen oder echten Informationen sind. Ein anderer Spieler in einem Online-Spiel ist genauso wenig wahrscheinlich eine Person wie auch nicht.

Die einzigen überprüfbaren Interaktionen sind diejenigen mit Menschen, die wir persönlich getroffen haben oder die direkt von Menschen überprüft wurden, die wir persönlich getroffen haben.

Wenn diese Kultur des Misstrauens zur Norm wird, sind die Auswirkungen davon erstaunlich und weitreichend. Im Grunde genommen werden die einzigen nachprüfbaren Erfahrungen die sein, die von Angesicht zu Angesicht gemacht werden. Vertrauen wird nur dort zu finden sein, wo es verdient ist, und in einer Kultur, die von Lügenmaschinen beherrscht wird, könnten Ehrlichkeit und Menschlichkeit über alles andere gestellt werden.

In Kreisen von Kriminalitätsbekämpfungsaktivisten nennen wir das ein Vertrauensnetzwerk. Vertrauensnetzwerke sind wichtig, wenn man direkte Aktionen plant, die einen in Gefahr bringen, aber sie waren bisher nicht nötig, wenn man nachschauen wollte, wie man eine Deckenleuchte verkabelt, oder wenn man wissen wollte, wie der Kampf gegen den Autoritarismus in Myanmar (oder Minnesota) läuft.

Das Internet wird sich grundlegend verändern und nicht mehr ein Ort sein, an dem man Dinge lernen kann, sondern nur noch eine Art seltsame kollektive Halluzination. Wir werden Fahrer in einem Nebel aus Desinformation sein, deren Weg nur von den schwachen Scheinwerfern des Vertrauens beleuchtet wird.

Es gibt Leute, die an Technologien wie digitalen Signaturen arbeiten, die es Computern ermöglichen, einander zu vertrauen. Videokameras könnten mit Signaturen ausgestattet werden, die Spoofing verhindern (oder erschweren). Aber ich bin skeptisch, dass diese Technologie durchweg zuverlässig sein wird, geschweige denn benutzerfreundlich genug, um sich so weit zu verbreiten, dass sie das Blatt gegen Desinformation wenden kann.

Ich bin vorsichtig gegenüber jedem, der großspurige Untergangsprognosen macht, und du solltest mir gegenüber vorsichtig sein. Aber das beste Szenario, das ich mir vorstellen kann, versetzt uns ungefähr zurück ins 18. Jahrhundert, vor das Aufkommen der Fotografie. Doch obwohl Zeitungen und Journalisten schon immer voreingenommen waren (und vor dem 20. Jahrhundert noch viel mehr), konnte man früher zumindest darauf vertrauen, dass dieser oder jener Artikel von einer Person geschrieben wurde und zumindest die Meinung des Autors wiedergibt. Heute gibt es keinen Grund mehr, einer Meldung zu vertrauen, es sei denn, man vertraut dem Verfasser.

In der Welt der Belletristik sind wir bereits seit mehreren Jahren in diesem Niedergang begriffen. Niemand macht sich die Mühe, Geschichten zu lesen, die niemand geschrieben hat, und Belletristikmagazine haben in der Regel ziemlich strenge Richtlinien gegen den Einsatz von KI. Diese Richtlinien werden immer schwieriger durchzusetzen. Der größte Vorteil, den ich als Autor habe, wenn ich Beiträge bei diesen Magazinen einreiche, ist, dass die Leute wissen, wer ich bin. Ich habe einen guten Ruf, weil mich niemand beschuldigt hat, meine Texte mit KI zu manipulieren (obwohl ich zugegebenermaßen Emdashes liebe). Ich kann mir nicht vorstellen, wie viel schwieriger es heute ist, in diesem Bereich Fuß zu fassen, und es wird nur noch schlimmer werden.

Vertrauen ist schon jetzt eine soziale Währung. Deshalb teile ich keine Spendenaufrufe, die nicht von mir oder jemandem, den ich gut kenne und dem ich vertraue, persönlich geprüft wurden. Der Wert von Vertrauen als soziale Währung wird aber nur noch steigen. Leute, die den Infos, die sie im Internet lesen, oder den Fotos und Videos, die sie sehen, vertrauen, werden hoffnungslos naiv wirken.

Die weniger leichtgläubige Kultur, die wir vielleicht aufbauen werden, hat aber auch eine gewisse Schönheit. Seit Jahrzehnten verspricht uns die Science-Fiction eine vollständig onlinebasierte Dystopie, in der die Menschen mit Schund gefüttert werden, diesen begierig verschlingen und die physische Welt dem Verfall preisgeben. Ich bin ein professioneller Optimist und glaube nicht, dass es so kommen wird. Sicher, meine eigene Generation und sogar die Zoomers werden sich vielleicht nicht daran anpassen, aber jüngere Menschen werden es wahrscheinlich tun.

Die einzig logische Reaktion auf ein Internet voller Desinformation ist die Rückkehr zu persönlichen Interaktionen. Live-Theater und Live-Musik werden umso wichtiger werden. Journalisten könnten mehr Vorträge vor Ort über das halten, was sie gesehen haben. Wenn wir verzweifelt nach Influencern und heißen Takes suchen, könnten wir sogar die Rückkehr eines der ältesten Berufe der Welt erleben – der Seifenkistenredner, die an Straßenecken stehen und so unterhaltsam wie möglich über dieses oder jenes Thema schwadronieren. (Im Ernst, ich war schockiert, wie verbreitet diese Form der Unterhaltung bis zum Aufkommen des Radios war. Ein guter Seifenkistenredner war gleichzeitig Theoretiker und Komiker und konnte Dutzende oder Hunderte von Menschen in seinen Bann ziehen). Vielleicht werde ich vom Podcasting zum Live-Storytelling wechseln. Vielleicht werde ich glücklicher sein, wenn auch wahrscheinlich ärmer.

Wir werden vielleicht mehr miteinander reden. Wir werden vielleicht Vertrauen aufbauen. Wir werden vielleicht eine Gemeinschaft aufbauen. Wir könnten lernen, dem Lokalen Vorrang zu geben. Wir könnten Dinge mit unseren Händen herstellen und mit unserem Mund sprechen. Wenn ich utopische Aussagen machen soll, würde ich sagen, dass wir vielleicht lernen werden, uns mit lokalen Räten selbst zu regieren, diese lokalen Räte dann zu einem Verband zusammenzuschließen und eine egalitäre Gesellschaft von unten nach oben aufzubauen. Vielleicht werden wir diese Kultur des Misstrauens so weit ausdehnen, dass wir aufhören, Kapitalisten zu vertrauen, und aufhören, den Menschen zu vertrauen, die uns autoritäre Alternativen zum Kapitalismus versprechen.

Vielleicht führt dieser große Neustart des Vertrauens zu einem großen Wiederaufbau. Vielleicht bauen wir eine bessere Welt, größtenteils (aber wahrscheinlich nicht komplett) offline.

Und ich werde mir einen neuen Job suchen müssen.

Aber das ist für mich in Ordnung.

Quelle: „When We Walk Away From the Lying Machines or: a pronouncement of doom and hope, tied into talking trash on AI” von Margaret Killjoy, 04.02.2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Reise in die USA? NoWay!

Das Foto zeigt die Schuhe einer Person, die vor einem auf dem Boden gesprayten "Willkommen" Graffiti steht.
Foto: Jon Tyson auf Unsplash
Wir wussten, dass dies kommen würde, aber jetzt läuft die Uhr. Von Privacy International:

„Gestern hat die Trump-Regierung eine vorgeschlagene Änderung der Politik für Reisende in die USA angekündigt. Sie betrifft die Befugnisse der Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) zur Datenerhebung.“

„Wenn die vorgeschlagenen Änderungen nach der 60-tägigen Konsultationsphase angenommen werden, werden Millionen von Reisenden in die USA gezwungen sein, eine mobile App der US-Regierung zu nutzen und ihre Social-Media-Aktivitäten der letzten fünf Jahre sowie ihre E-Mail-Adressen der letzten zehn Jahre, einschließlich derjenigen von Familienmitgliedern, offenzulegen. Außerdem wird die Erfassung von DNA vorgeschlagen.“

Privacy International verlinkte auf einen Eintrag im Federal Register, in dem die vorgeschlagenen Anforderungen beschrieben werden, und fasste diesen zusammen:

• Alle Besucher müssen „ihre Social-Media-Aktivitäten der letzten 5 Jahre“ einreichen.
• ESTA-Anträge (Electronic System for Travel Authorization) werden „hochwertige Datenfelder“ enthalten, „sofern dies möglich ist“.
• „Telefonnummern, die in den letzten fünf Jahren verwendet wurden“
• „E-Mail-Adressen, die in den letzten zehn Jahren verwendet wurden“
• „In den letzten fünf Jahren verwendete Telefonnummern von Familienangehörigen (sic)“.
• Biometrische Daten – Gesicht, Fingerabdruck, DNA und Iris.
• In den letzten fünf Jahren verwendete geschäftliche Telefonnummern.
• In den letzten zehn Jahren verwendete geschäftliche E-Mail-Adressen.

Der Eintrag im Bundesregister besagt, dass Kommentare erwünscht sind und (spätestens bis zum 9. Februar 2026) eingereicht werden müssen, um berücksichtigt zu werden.

Danke an Quaewpos für das Teilen des Beitrages von Brian Krebs.

Übersetzung / Bearbeitung: Thomas Trueten

Ich glaube nicht, dass mein Handy mein Freund ist oder: Ich nehme mir vor, noch schlechter darin zu werden, oder: Ich nehme mir vor, noch schlechter darin zu werden, Leuten zu antworten

Die Nachrichten dieser Woche sind echt schlimm, und es fühlt sich komisch an, über irgendwas anderes zu schreiben als über das, was gerade in der Welt passiert. Aber ich weiß nicht, ob ich zu diesem neuen Krieg schon viel zu sagen habe, noch nicht. Ich habe meine ersten Erfahrungen bei den Antikriegsprotesten 2002 und 2003 gemacht, aber ehrlich gesagt hatte keiner von uns – weder die großen Demonstrationen mit Plakaten noch die Kids in Schwarz, die die Fenster der Rekrutierungszentren eingeschlagen haben – viel Erfolg oder schien viel zu bewirken. Es war wahrscheinlich trotzdem sinnvoll, aber selbst die wenigen Lektionen, die ich aus dieser Zeit gelernt habe, scheinen in der heutigen Zeit irrelevant zu sein. 2003 haben wir versucht, eine neokonservative Regierung zu stoppen. 2026 versuchen wir, eine faschistische Regierung zu stoppen.

Wenn ich mir unsicher bin, empfehle ich meistens die Arbeit von CrimethInc, und ihre Analyse hier scheint solide zu sein (der ganze Artikel ist lesenswert).
Unbeliebte Kriege ohne klares Mandat – vor allem Kriege, die zu Opfern unter US-Soldaten oder anderen Opfern im eigenen Land führen – können den Untergang eines Regimes bedeuten. Es ist unsere Aufgabe, diesen Krieg – zusammen mit Trumps anderen Fehlern und den kommenden Kriegen – zu einem Mühlstein um den Hals der gesamten herrschenden Klasse zu machen. Es wird so viel Kraft der Bevölkerung erfordern, Trump zu stürzen, dass wir ähnlich ehrgeizige Vorschläge populär machen sollten – und nicht einfach eine Rückkehr zu einem unpopulären zentristischen Status quo fordern.

Wie auch immer, ich fühle mich etwas angespannt, wenn ich über etwas anderes schreibe, und ich bin mir sicher, dass ich zu diesen Themen noch mehr zu sagen haben werde. Aber darüber habe ich diese Woche nicht geschrieben. Stattdessen habe ich über Aufmerksamkeit geschrieben.

Ich glaube nicht, dass mein Handy mein Freund ist


Die KI Grafik zeigt eine androgyne Person in der Rückansicht, die von lauter klingelnden Handys umgeben ist, versucht sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Das Bild ist schwarz-weiß mit harten Kontrasten gestaltet
Grafik: Thomas Trueten
Ich glaube nicht, dass mein Handy mein Freund ist. In meiner Tasche steckt ein Ablenkungsgerät, das vibriert und piept und mir Informationen liefert, ob ich diese Informationen nun will oder nicht, und ich glaube nicht, dass es mein Bestes im Sinn hat.

Ich liebe es, Nachrichten von meinen Lieben zu sehen. Ich liebe es, Produktbewertungen nachschlagen zu können, während ich im Laden bin. Ich liebe Podcasts und Hörbücher. Ich liebe Wikipedia; Gott segne Wikipedia. Aber wenn ich mein Handy aus Versehen in den Sofakissen liegen lasse, schaffe ich auf jeden Fall mehr beim Schreiben.

Das bedeutet indirekt, dass eines meiner Ziele für 2026 darin besteht, schwerer erreichbar zu sein.

Als SMS das Telefonieren als Standardform der Fernkommunikation abgelöst haben, fühlte sich das wie Freiheit an. Asynchrone Kommunikation. Ich musste nicht mehr jedes Mal alles unterbrechen, was ich gerade tat, wenn jemand eine Frage hatte, weil niemand eine sofortige Antwort erwartete. Ich konnte mich später darum kümmern. Die Kommunikation musste meine Aufmerksamkeit nicht mehr unterbrechen.

Ich fange an zu glauben, dass Textnachrichten das „Jetzt kaufen, später bezahlen“ der Aufmerksamkeitswelt sind. Auf Kredit zu kaufen ist bequem und gefährlich, und man kann leicht tief in Schulden versinken, in einen Teufelskreis, aus dem man nie wieder herauskommt.

Nachdem ich heute Morgen fleißig eine Stunde im Bett verbracht habe, um Nachrichten zu lesen, habe ich immer noch 103 ungelesene E-Mails in vier Konten, 54 ungelesene Signal-Nachrichten (viele davon von Menschen, die ich sehr liebe), ein paar Nachrichten in Bluesky, die ich einfach nie lesen werde, etwa ein Dutzend Nachrichten hier auf Substack, die ich wahrscheinlich lesen werde, auf die ich aber vielleicht nicht zurückkommen werde, und von meinen Instagram-Nachrichten will ich gar nicht erst anfangen. Wenn mir jemand eine normale SMS schickt, nun, dann möge Gott ihm beistehen, denn ich werde es nicht tun.

Ich glaube nicht, dass ich in irgendeiner Weise einzigartig bin. Da ich in der Öffentlichkeit arbeite, bekomme ich wahrscheinlich mehr Nachrichten von Fremden als der Durchschnittsmensch, aber die Sache ist die: Auch Nachrichten von meinen Freunden und meiner Familie liegen in meinem Posteingang und werden nicht beantwortet.

Ich versuche seit Jahren, meinen Posteingang leer zu halten. Ich werde wahrscheinlich weiter versuchen, den Berg an E-Mails abzuarbeiten. Aber es ist einfach zu viel, und ich glaube nicht, dass das gut für mich ist. Ich dachte, asynchrone Kommunikation würde mir mehr Freiraum verschaffen, aber stattdessen zehren alle ungelesenen (oder unbeantworteten) Nachrichten an meinem Gehirn und meiner Konzentrationsfähigkeit. Das Klischee „Tod durch tausend Schnitte“ trifft hier zu. Ich ziehe es vor, mich am Telefon zu unterhalten – eine Stunde Gespräch alle paar Monate fühlt sich viel verbindlicher an als das endlose, langsame Spiel des SMS-Schreibens „Wie geht es dir?“

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund habe ich Probleme in lauten Umgebungen, in denen viele Geräusche gleichzeitig zu hören sind. Wenn ich mit anderen Leuten Filme schaue, muss ich den Film pausieren, wenn jemand anfängt zu reden. Ich mag es nicht, wenn im Auto laut Musik läuft, während ich mich mit jemandem unterhalte, und ehrlich gesagt ist leise Musik vielleicht sogar noch schlimmer. Wenn ich alleine fahre, höre ich Musik oder Hörbücher, bis ich zu sehr in Gedanken versinke – dann muss ich die Musik pausieren.

Meine persönliche Hölle ist eine überfüllte Bar mit mehreren Fernsehern, auf denen verschiedene Sendungen laufen, während alle lauter als die anderen schreien, um sich gegen die Musik und den Lärm durchzusetzen.

Ich schreibe meistens in Stille. Während ich das hier schreibe, ist es so still, dass ich meinen Hund atmen hören kann. Es ist aber auch so still, dass ich meine Dusche tropfen hören kann – nur eine weitere Erinnerung an die unendliche To-do-Liste des Lebens.

Wenn ich an einem Ort mit vielen Ablenkungen schreibe, vielleicht an einem öffentlichen Ort, höre ich laute Musik, um alles andere zu übertönen. Normalerweise etwas Repetitives und Schweres wie Doom Metal.

Ich bin skeptisch gegenüber allen Menschen oder Bewegungen, die die Vergangenheit romantisieren. Wer von „einfacheren Zeiten” träumt, nimmt wahrscheinlich die Existenz von Antibiotika als selbstverständlich hin oder hat nicht so viel Zeit wie ich damit verbracht, über Menschen zu lesen, die jung an Tuberkulose gestorben sind.

Ich bin skeptisch gegenüber Menschen, die die Vergangenheit romantisieren, aber ich mache es auch. Ich glaube, dass es wirklich etwas Besseres gab, als „das Internet” noch über eine Box lief, die an die Steckdose in unserem Wohnzimmer angeschlossen war, und man mit Handys nur telefonieren konnte. Denn ich glaube nicht, dass es gut für uns ist, ständig mit Tausenden von Menschen in Kontakt zu stehen. Ich glaube nicht, dass es gut für unser Selbstwertgefühl ist, und ich glaube nicht, dass es gut für unsere Aufmerksamkeitsspanne ist.

Ich denke, Aufmerksamkeit ist wie ein Muskel, der durch Training gestärkt wird und ohne Training verkümmert.

Ich hab in meinem Kopf eine kleine Rangliste, welche Art von Unterhaltung ich mir ansehen kann, je nachdem, wie stark meine Aufmerksamkeit gerade ist. Lange Bücher, Gedichte, kurze Bücher, Kurzgeschichten, lange Essays, alte Filme, neue Filme, Fernsehsendungen, Videospiele, Doomscrolling, in absteigender Reihenfolge. (Komischerweise sind Podcasts nicht dabei, weil ich die höre, während ich putze, Auto fahre oder was anderes mache). Ich beschäftige mich mit all dem, und das ist kein Aufruf an alle, nicht mehr auf ihre Handys zu schauen, um „Krieg und Frieden“ zu lesen, aber verdammt noch mal, ich würde mir gerne vorstellen, dass ich eines Tages tatsächlich „Krieg und Frieden“ lese. Ich beschäftige mich in meinem Job so viel mit Tolstoi (er ist eine Nebenfigur in fast jeder Geschichte über europäische Radikale an der Wende zum 20. Jahrhundert), dass ich wirklich gerne mehr über seine Ansichten erfahren würde, als seine Kurzgeschichten zu bieten haben.

Aber um sich zum Lesen hinzusetzen, darf man nicht von einer Million Dingen abgelenkt werden.

Und leider gehört es zu diesen Ablenkungen, ständig erreichbar zu sein. Nicht nur wegen des Summens in meiner Hosentasche, sondern auch wegen der Lawine von Nachrichten, die sich schnell ansammeln, wenn wir uns von unseren Laptops und Handys entfernen.

Ich habe mich sogar nach einem Festnetzanschluss für mein Haus umgesehen, damit ich mein Handy und WLAN für ein paar Tage ausschalten kann, aber in Notfällen trotzdem erreichbar bin. Aber ein Festnetzanschluss ist ziemlich teuer. Also werde ich mich stattdessen auf Disziplin verlassen.

Die Disziplin, mein Handy zwölf Stunden lang in meinen Sofakissen liegen zu lassen. Die Disziplin, Nachrichten ungelesen zu lassen. Die Disziplin, schlechter darin zu werden, mit Leuten zu kommunizieren.

Um es klar zu sagen: Ich will nicht, dass mich alle in Ruhe lassen. Ich liebe es, von Lesern und Zuhörern zu hören. Das motiviert mich manchmal, weil ich dann denke, dass ich vielleicht doch kein totaler Versager bin, weil etwas, das ich vor zehn Jahren gemacht habe, heute noch Menschen hilft. Ich liebe meine Freunde, und ich liebe es, dass ich durch mein lebenslanges Engagement und meine Reisen so viele Menschen kennengelernt habe, die mir am Herzen liegen und von deren Tagen, Träumen, Kämpfen und Erfolgen ich hören möchte.

In meinem Posteingang verstecken sich echte Verbindungen zu Menschen, die ich liebe. In meinem Posteingang verstecken sich einmalige Gelegenheiten, großartige Arbeit zu leisten. In meinem Posteingang verstecken sich unglaubliche Essays von brillanten Autoren, deren Arbeit ich liebe.

Ich weiß nicht, wo die Balance liegt, zwischen dem Ein- und Ausschalten des Zugangs zu Informationen und Verbindungen.

Ich hoffe, dass ich dieses Jahr der Antwort näher komme.

Und ja, ich weiß, wie ironisch es ist, diesen Beitrag mit einem Abonnement-Button zu beenden. Aber wenn du mehr von mir lesen möchtest, ist das eine gute Möglichkeit, dies zu tun.

Quelle: Margaret Killjoy, I Don't Think My Phone is My Friend or: I resolve to get worse at getting back to people, 07. Januar 2026
Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [authorisiert]


Palantir macht Politik in Deutschland

Das Diagramm zeigt die Entwicklung des Börsenkurses von Palantir von Januar 2021 bis Dezember 2025
Aktienkurs des Unternehmens. Daten von boerse.de
Das Handelsblatt veröffentlichte am 16. Dezember 2025 ein langes Interview mit Alex Karp, der 2002 in Frankfurt am Main promoviert hat. Der Mitgründer und Palantir-Chef wurde durch das Datenanalyse-Unternehmen zum Multimilliardär. Karp verkauft seine Datenkraken-Software mittlerweile nicht nur an die USA und von ihnen unterstütze Diktaturen, sondern auch an deutsche Repressionsbehörden. Palantir normalisiert damit autoritäre Politik weltweit. Schon in der Einleitung attestiert die Zeitung „besonders in der Migrationspolitik“ Alex Karp „verstörend radikale Ansichten“ – gemeint sind Karps rechtsradikale Ansichten zur deutschen Migrationspolitik.

(...)

Zur ausführlichen Übersicht bei der autonomen Antifa Freiburg.

fedizine - eine anarchistische Einführung in föderierte soziale Medien

Die Grafik zeigt ein Netz, verschiedene Planeten und das Ⓐ
Headergrafik von fedizine
Seit einiger Zeit ist die anarchistische Einführung in föderierte soziale Medien via Fedizine nicht mehr downloadbar. Bis das wieder funktioniert, stellen wir die deutschsprachigen Versionen zur Verfügung. Worum geht es dabei?

"Viele Anarchist:innen nutzen, wohl oder übel, soziale Medien wie Twitter, Instagram und Facebook. Das ist Mist. Es existiert allerdings ein alternatives, open-source Netzwerk sozialer Medien, das an anarchistischen Werten ausgerichtet ist – das Fediverse. Anstatt eines Aufmerksamkeit und Daten einsaugenden kapitalistischen Strudels, ist das Fediverse ein tatsächliches soziales Netzwerk, welches aus einer Vielzahl dezentraler, autonomer, föderierter Server (sog. Instanzen) besteht. Im Fediverse kontrollieren wir die Infrastruktur und moderieren selbst unsere Räume. Anstatt durch süchtig-machende Algorithmen geleitet zu werden, können wir uns hier auf Basis unserer (eigenen) Neigungen, Wünsche und Bedürfnisse versammeln und Dinge miteinander teilen. Viele Anarchist:innen, die versuchen den Fallen der großen kommerziellen Social Media Plattformen aus dem Weg zu gehen, sind bereits hier und teilen ihre Projekte, Kunst und Ideen. Komm rum!" (Aus der Einführung)
Aus den Tiefen des Internets gerettet mit der WayBackMachine von archive.org - Ursprünglich gepostet auf https://distro.f-91w.club/fedizine-de

Rückzug aus dem Panoptikum oder: Ein paar Monate mit Linux und GrapheneOS

Anfang dieses Jahres habe ich aus Gründen, die vielleicht klar sind, angefangen, neue Datenschutzgewohnheiten zu entwickeln. Ich wollte weg von Apple, Google, Meta, X, Amazon und all diesen milliardenschweren Tech-Ökosystemen, die dich nicht als Kunden, sondern als Produkt sehen.

Eine Person sitzt mit einem Hoodie vor einem Laptop. Die Kapuze ist ins Gesicht gezogen. Neben dem Laptop liegt ein Smartphone.
Grafik: Thomas Trueten
Lizenz: CC BY 4.0
Ich gebe meine Daten und mein Geld generell nicht gerne an Milliardäre weiter, aber das war weniger eine moralische als eine strategische Entscheidung. Vor dem aktuellen Aufstieg des Faschismus hatte ich keine besondere Angst davor, dass Tech-Unternehmen mit meinen Daten viel mehr machen würden, als sie an Werbetreibende zu verkaufen. Jetzt, wo die Tech-Welt immer mehr mit autoritären Staaten verschmilzt, gibt es tausend Gründe, sich ein bisschen weniger durchschaubar zu machen, tausend Gründe, die Algorithmen zu verwirren oder ihnen zumindest weniger zu geben, womit sie arbeiten können.

Ich wusste, dass ich nicht einfach von heute auf morgen aufhören konnte, und ich habe es auch noch nicht geschafft. Alles-oder-nichts-Lösungen sind keine Lösungen, sondern Wunschträume. Ich mache die Schritte, die ich machen kann. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Content-Ersteller, daher werde ich soziale Medien nicht komplett aufgeben – und ich werde auch nicht vollständig von macOS weggehen, da es derzeit ein wichtiger Teil meines Audio-Workflows ist.

Ich habe viele Schritte unternommen, aber die beiden größten sind, dass ich den Großteil meiner Arbeit von einem MacBook Air auf ein Thinkpad mit Linux verlagert und mein iPhone durch ein Pixel mit GrapheneOS ersetzt habe. Ich habe Gmail gegen Protonmail und meinen Google-Kalender gegen Proton Calendar ausgetauscht. Ich sage dir nicht, dass du die gleichen Schritte wie ich unternehmen sollst, aber für mich funktionieren sie bisher.
LinuxSeit Jahren schwärmen meine Freunde von Linux, aber ich konnte mich nicht so recht dafür begeistern. Das erste Mal habe ich Linux als Teenager auf einem Computer installiert, aber da ich am Computer hauptsächlich Medieninhalte erstelle und weniger mit dem Computer selbst arbeite, bin ich vor Jahrzehnten zu macOS gewechselt und habe es nie bereut. Ich mochte die elegante Benutzeroberfläche und wollte nicht meine ganze Zeit damit verbringen, mich darum zu kümmern, was unter der Haube vor sich geht.

Aber wenn man nicht unter die Motorhaube eines Autos schaut, versteht man es auch nicht wirklich. Dort könnte alles Mögliche passieren. Und eine Sache, die immer häufiger vorkommt, ist, dass der Computer Daten sammelt. Manchmal verkaufen Unternehmen diese Daten, manchmal werden sie von Strafverfolgungsbehörden angefordert.

Also habe ich mir ein ThinkPad X1 gekauft, Ubuntu heruntergeladen und installiert. Der ganze Prozess war relativ schmerzlos, und wenn ich nur einen Computer zum Schreiben, Surfen im Internet und zum Abrufen meiner E-Mails gebraucht hätte, wäre es auch dabei geblieben. Einige Dinge waren nur kleine Ärgernisse – ich konnte zwar dieselbe Dockingstation verwenden, um meinen Computer an Maus und Tastatur anzuschließen, aber ich musste das HDMI-Kabel direkt an den Laptop anschließen, anstatt es im Anschluss zu lassen. Andererseits hat ein ThinkPad ja einen HDMI-Anschluss. Jedes neue Peripheriegerät, das ich unter Linux anschließen will, ist entweder einfach oder schwierig ... und für manche finde ich einfach keine Treiber, oder wenn doch, muss ich in der Befehlszeile herumprobieren, was mir einfach nicht liegt.

Als ich Scrivener, meine Lieblings-Schreibsoftware für Linux, ausprobieren wollte, musste ich erst mal ein paar Stunden in Tutorials verbringen und an der Befehlszeile rumspielen, von der ich kaum Ahnung habe. Aber ich hab's geschafft.

Es gibt ein paar Dinge, die mir sowohl am Thinkpad als auch an Linux besser gefallen. Die Tastatur des Thinkpads ist super, und ich finde es gut, dass es sowohl USB-A- als auch USB-C-Anschlüsse gibt, ohne dass man mit Adaptern rumspielen muss. Auch wenn es ein Plastikgehäuse hat, ist es robuster als ein Mac. Und vor allem finde ich es toll, dass mein Computer mir vertraut und mir sagt, was er macht. Es gibt einen Hardware-Schalter zum Stummschalten des Mikrofons und eine integrierte Abdeckung für die Webcam.

Bisher musste ich das MacBook zum Aufnehmen behalten, weil mein USB-Audio-Interface nicht gut mit Linux funktioniert.

Und die Software, die ich für die Musikproduktion verwende (Reason Studios), läuft nicht nativ unter Linux. Würde ich anderen Leuten empfehlen, ihren Windows- oder Mac-Laptop gegen einen Linux-Rechner auszutauschen? Das kommt drauf an. Wenn du bereit bist, dich gelegentlich mit der Technik auseinanderzusetzen und Probleme zu beheben, ist Linux super. Wenn du keine spezielle Software benötigst (z. B. für die Medienproduktion), ist es ideal.

Wenn du nicht willst, dass dein Computer dir jede Kleinigkeit verrät, ist Linux super. Und dieser letzte Punkt ... der wird heutzutage immer wichtiger.
GrapheneOSInsgesamt vertraue ich iOS in Sachen Telefonsicherheit eher als Android. Als Anekdote: Als bei der ersten Amtseinführung von Trump Hunderte von Menschen festgenommen wurden, wurden ihnen alle ihre Telefone von der Polizei beschlagnahmt. Die Polizei konnte die Android-Geräte knacken, aber nicht die iPhones, zumindest laut den Ergebnissen der Untersuchung. Das war allerdings vor acht Jahren, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das, was damals galt, heute noch gilt. Seit einiger Zeit gibt es einen Wettlauf zwischen der Polizei und den Handyherstellern in Sachen Sicherheit. Im Allgemeinen hat Apple jedoch Verschlüsselung und Sicherheit priorisiert.

Warum habe ich dann iOS für eine Android-Variante verlassen? Nun, ich vertraue auf Apples Fähigkeit, Hardware-Verschlüsselung zu entwickeln. Ich misstraue nur zunehmend ihren Datenschutzpraktiken. Und GrapheneOS wurde mir von Leuten, denen ich vertraue, als datenschutzorientiertes Betriebssystem empfohlen. Es läuft nur auf Google-Pixel-Handys, was ein bisschen ironisch ist, wenn man bedenkt, dass mein Ziel darin besteht, mein Leben von Google zu befreien, aber im Grunde genommen sind Google-Pixel-Handys Android-Handys, die auf einem vergleichbaren Niveau der Hardwaresicherheit wie iPhones gebaut sind.

Ich hab ein gebrauchtes Google Pixel gekauft, ein oder zwei Generationen alt, für wenig Geld, und dann GrapheneOS installiert. Das war ziemlich einfach. Das Ergebnis ist ein Smartphone, das mir vertraut, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Wenn ich es mit einer Auto-Stereoanlage verbinde, fragt es mich, ob ich möchte, dass das Auto meine Anrufhistorie und meine Kontakte herunterlädt (das möchte ich nicht). Man kann die Ortungsdienste jederzeit deaktivieren. Man kann das Mikrofon und die Kamera jederzeit ausschalten. Wenn du noch mehr Wert auf Sicherheit legst als ich, kannst du den Google Play Store komplett ignorieren und nur „fdroid“ verwenden, um ausschließlich Open-Source-Software zu installieren. Wenn du ein halbwegs normales Leben führen möchtest, kannst du Apps aus dem Google Play Store herunterladen. GrapheneOS isoliert jede App von den anderen, sodass sie keine Daten untereinander austauschen können. So wird verhindert, dass sie ein zu detailliertes Profil deiner Aktivitäten erstellen.

Ehrlich gesagt vermisse ich mein iPhone überhaupt nicht, und das war der einfachste Umstieg, den ich je gemacht habe. Die Bluetooth-Verbindung ist sogar praktischer und einfacher zu bedienen als bei iOS. Mit GrapheneOS kannst du unter die Haube schauen, aber du wirst nicht dazu gezwungen. Mehr sicherheitsorientierte Programmierung sollte so funktionieren.

De-GooglingDe-Googling ist schwierig. Ich benutze seit zwanzig Jahren mehrere verschiedene Gmail-Adressen. Ich habe ein Protonmail-Konto eingerichtet (das nicht in den USA ansässig und auf Datenschutz ausgerichtet ist, wenn auch keineswegs perfekt) und verlagere nach und nach meine Dienste von Gmail zu Protonmail. Im Grunde gehe ich jedes Mal, wenn ich eine E-Mail von diesem oder jenem Dienst an Gmail erhalte, diese durch und stelle sie so ein, dass sie in Zukunft an Protonmail gesendet wird. Man kann auch eine automatische Weiterleitung einrichten, aber ich träume davon, eines Tages diese Gmail-Adressen zu schließen, daher muss ich alles umleiten.

Proton Calendar funktioniert gut genug, und Zoom-Einladungen für die Arbeit werden dort problemlos angezeigt. Ich habe meine Daten aus Google Kalender exportiert und in Proton Calendar importiert, allerdings nicht ganz fehlerfrei, sodass ich einen wichtigen Termin verpasst habe. Ich finde es auch schwieriger, gemeinsame Kalender einzurichten, aber ich denke, es ist möglich.

Youtube ist jetzt echt nervig, weil es wieder Werbung gibt. (Ich hab für Premium bezahlt, weil ich viel Youtube schaue). Ich werde wahrscheinlich nachgeben und ein Google-Konto behalten, nur um Premium Youtube zu haben, was natürlich eine Menge algorithmischer Daten über mich sammelt, aber ich brauche meine Holz- und Garten-Anleitungsvideos und bin es leid, immer wieder die gleiche Werbung zu sehen.

Ein Gmail-Konto für bestimmte Zwecke zu behalten, könnte auch Sinn machen, zum Beispiel wenn du eine „offizielle“ Identität für Banken, Behörden, Vermieter und so weiter hast.

De-SpotifyIch weiß nicht, ob die Daten, die Spotify sammelt, für repressive Regierungen wirklich nützlich sind, aber es könnte sein, und ich versuche generell, mich von einem Leben mit Algorithmen zu lösen, deshalb habe ich Spotify aufgegeben. Ich höre MP3s, die ich größtenteils bei Bandcamp kaufe und von denen ich einige seit meiner Jugend auf dieser oder jener Festplatte habe. Podcasts höre ich jetzt mit AntennaPod, das eine viel schönere Benutzeroberfläche hat als Spotify ... und weil ich Musik und Podcasts auf verschiedenen Apps höre, ist es einfacher, den Überblick über meine Podcasts zu behalten. Und ich bin von Audible zu Libro.fm gewechselt, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen, weil es nur Vorteile und keine Nachteile gibt.

Noch zu tunAll das ist ein fortlaufender Prozess. Es wird nie perfekt sein. Aber ich entalgorithmiere mich langsam, entferne mich langsam vom Panoptikum, und es läuft recht gut. Ich möchte noch mehr tun, vor allem meine Computerkenntnisse verbessern – bis Leute Programme entwickeln, die so einfach zu bedienen sind wie Signal oder GrapheneOS. Ich möchte die Firewall in meinem Heimnetzwerk so programmieren, dass „intelligente“ Geräte (wie mein Fernseher) nichts ins Internet senden, was ich nicht möchte. Ich möchte besser verstehen, wie Fahrzeuge mit meinem Zuhause kommunizieren, und Wege finden, meine Fahrdaten besser zu schützen.

Das ist ähnlich wie bei der allgemeinen Vorbereitung: Es geht nicht darum, vollkommen vorbereitet zu sein. Es geht darum, über dein Bedrohungsmodell nachzudenken und Lösungen zu finden, die eine vernünftige Antwort auf diese Bedrohungen sind.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: Edging Back From the Panopticon or: A Few Months With Linux and GrapheneOS,  21. Mai 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


Dein Bedrohungsmodell hat sich geändert oder: Reduziere Deinen digitalen Fingerabdruck

Egal, wer du bist und was du machst, wenn du in den USA lebst, hat sich dein Bedrohungsmodell geändert. Das gilt wahrscheinlich überall auf der Welt, weil die politische Lage hier die politische Lage weltweit durcheinanderbringt, aber ich kann wirklich nur für die USA sprechen. Die Dinge sind jetzt anders. Das müssen wir akzeptieren.

Die Grafik zeigt ein Bedrohungsmodell mit den Begriffen: ": Big Brother Datensicherheit Polizei Auto Television and Handy"
Ein Bedrohungsmodell, generiert von einer KI
Wenn du eine Sicherheitsstrategie entwickelst (für ein Haus, ein Netzwerk, eine Person, eine Protestkundgebung oder was auch immer), arbeitest du mit einem sogenannten „Bedrohungsmodell“. Das ist ein ziemlich einfaches Konzept: Es bringt nichts, sich gegen jede mögliche Bedrohung zu schützen, also entwickelst du stattdessen ein Modell der wahrscheinlichsten Bedrohungen und bereitest dich auf diese vor.

Wir alle erstellen Bedrohungsmodelle, ob bewusst oder unbewusst. Wir betrachten die Welt um uns herum, überlegen, was uns schaden könnte, und ergreifen Maßnahmen, um dieses Risiko auf der Grundlage unserer eigenen Bedrohungsmodelle zu minimieren. In Vororten und Städten werden die Türen häufiger abgeschlossen als in ländlichen Gebieten. Die Menschen an der Westküste achten mehr auf Waldbrandkarten und Evakuierungsrouten, während die Menschen an der Ostküste in Bezug auf Brandschutz laxer sind. Soldaten rauchen häufiger als der Rest der Bevölkerung (etwa jeder Vierte statt jeder Fünfte). Ich vermute, dass in einem Kriegsgebiet die langfristige Gesundheit in der Bedrohungsanalyse eine geringere Priorität hat.

Ich kann dir nicht sagen, wie dein Bedrohungsmodell vor einem Jahr aussah, nur dass es jetzt anders ist. Ich kann dir nicht einmal sagen, wie dein neues Bedrohungsmodell aussieht. Das Bedrohungsmodell einer cis-Frau unterscheidet sich von dem einer trans-Frau, das sich wiederum von dem eines trans-Mannes unterscheidet, das sich wiederum von dem eines cis-Mannes unterscheidet. Jemand, der mit einem Studentenvisum hier ist, befindet sich in einer prekäreren Situation als ein US-Bürger. Ein Bundesbeamter und ein Bauarbeiter können sich beide in einer wirtschaftlichen Notlage befinden, aber das sieht nicht ganz gleich aus. Natürlich hat jeder, unabhängig von seiner Identität, etwas zu verlieren, wenn es darum geht, sich in einem totalitären Regime zurechtzufinden.

Es lohnt sich, sich Zeit für die Erstellung eines Bedrohungsmodells zu nehmen, damit du dich auf die Situationen vorbereiten kannst, die du für am wahrscheinlichsten hältst. Das kannst du mit deinen Freunden, Mitbewohnern, deiner Familie und/oder deiner lokalen Community machen. Setzt euch zusammen und sprecht darüber, was euch Sorgen macht.

Ich kann dir nicht sagen, worüber du dir Sorgen machen solltest, aber ich kann dir einige Veränderungen aufzeigen und habe ein paar Vorschläge, wie du damit umgehen kannst, insbesondere in Bezug auf deine digitalen Spuren.

Vor zwanzig Jahren kannte ich all diese technikbegeisterten Aktivisten, die die Vorzüge von Linux und Datenschutz priesen. Sie versuchten uns zu warnen, dass wir unsere Daten nicht in die Hände von Unternehmen fallen lassen sollten. Vor zwanzig Jahren habe ich nicht wirklich darauf gehört, weil mein Bedrohungsmodell mir keine allzu großen Sorgen um den Datenschutz machte.

Vor einem Jahr habe ich die politische Lage eher als Dreikampf gesehen. Das ist zwar etwas vereinfacht, aber man könnte „die Linke“ (und vor allem diejenigen, die eine freiere und kooperativere Welt wollen) in einer Ecke sehen. Der Kapitalismus und seine großen Unternehmen waren in einer anderen Ecke (was wir Neoliberalismus nennen, was sich von „liberal sein“ unterscheidet, da politische Begriffe so verwirrend sind). Die dritte Ecke war die Staatsmacht. Der Staat war zwar selbst weitgehend neoliberal, aber er unterschied sich deutlich von den Unternehmen, und zwischen beiden gab es Spannungen.

Nehmen wir zum Beispiel den Datenschutz bei E-Mails. Es gab schon immer E-Mail-Anbieter, die sich speziell auf die Bereitstellung von Diensten für Aktivisten konzentriert haben (wie riseup.net), aber die meisten Aktivisten bevorzugten weiterhin Gmail. Warum? In gewisser Weise war die Antwort: Bequemlichkeit. Aber es gab auch Argumente dafür, dass Google tatsächlich die sicherere Plattform war. Megakonzerne haben wesentlich mehr Ressourcen, um Hacker zu bekämpfen und sich sogar gegen den Staat zu behaupten. Reiche Unternehmenskunden bestehen darauf, dass ihre Daten sicher bleiben, also hat Google hart daran gearbeitet, diese Daten zu schützen, auch vor der US-Regierung.

Aber die Dinge ändern sich. Da sich derzeit Milliardäre anstellen, um sich vor Trump zu verbeugen, und Gesetze verschärft werden, um die Repressionsmacht des Staates zu erhöhen, ist es immer unwahrscheinlicher, dass große Tech-Unternehmen uns noch nennenswerten Schutz bieten werden.

Die großen Tech-Unternehmen haben uns schon immer ausspioniert. Das steht in den Datenschutzrichtlinien, die wir ohne zu lesen anklicken. Es ist nur so, dass sie mit diesen Daten nichts besonders Gefährliches anzufangen schienen, sodass es uns (mich eingeschlossen) nicht wirklich interessiert hat. Große Smart-TVs sind um ein Vielfaches billiger als normale Bildschirme, nicht weil die Technologie grundlegend anders ist, sondern weil die Produktionskosten für einen Smart-TV durch den Verkauf der Nutzerdaten ausgeglichen werden können. Eine schockierende Vielzahl von Tools in unserem Leben macht das. Apps, für die wir auf unseren Handys bezahlen, sammeln und verkaufen unsere Daten. Websites, die wir besuchen, sammeln und verkaufen unsere Daten. Soziale Medien sammeln und verkaufen unsere Daten.

Tech-Unternehmen haben kleine Biografien über jeden einzelnen von uns erstellt. Das war schon immer etwas beunruhigend, hatte aber bisher kaum Auswirkungen auf unsere tatsächliche Sicherheit.

Nun könnte sich das ändern.

Zum Glück ist es noch nicht „zu spät“. Wir können und sollten daran arbeiten, den Schaden rückgängig zu machen. Wir können auf ein sich änderndes Bedrohungsmodell reagieren, indem wir unsere Sicherheitsgewohnheiten ändern (oder ganz neue entwickeln). Wenn es um unsere eigene Sicherheit geht, muss man sich daran erinnern, dass Perfektion der Feind des Guten ist: Manchmal geben Menschen, wenn sie erkennen, dass sie niemals perfekte Sicherheit erreichen können, die Bemühungen um Sicherheit ganz auf. Das ist unsinnig. Jeder, der schon einmal ein Rollenspiel gespielt hat, sollte sofort erkennen, dass das unsinnig ist. Ein +1-Schild macht dich nicht unbesiegbar, es macht dich nur 5 % schwerer zu treffen. Es lohnt sich, unglaubliche Anstrengungen zu unternehmen, um einen +1-Schild zu bekommen.

Zitate zum Thema Bedrohung auf Wikipedia
WikiPedia Zitate zum Thema Bedrohung
Sicherheitsmaßnahmen sind Gewohnheiten, die du dir mit der Zeit aneignest. Schau dir keine Liste mit Vorschlägen an und denke: „Das kann ich alles nicht, also mache ich gar nichts davon.“ Nicht alle diese Vorschläge sind ohnehin auf dich zutreffend. Für die meisten Menschen ist es nicht das Ziel, „von der Bildfläche zu verschwinden“ und ein digitaler Geist zu werden, sondern ihre digitalen Spuren zu begrenzen und zu kontrollieren.

Einiges davon ist ziemlich aufwendig. So ist das nun mal.

Hier sind ein paar Vorschläge. Betrachte diese Liste als „vielleicht solltest du das mal machen“.

  • Installiere als Erstes Signal auf deinem Handy und Computer und benutze es anstelle von SMS. Mit Signal kannst du noch weitere Schritte unternehmen, z. B. das Verschwinden von Nachrichten aktivieren und die Vorschau von Benachrichtigungen deaktivieren, aber schon allein die Umstellung auf Signal reduziert die Menge der Daten, die dem Staat zur Verfügung stehen, erheblich.

  • Überleg dir, von Windows oder Mac auf Linux umzusteigen. Das ist zwar weniger bequem, und obwohl Linux in Sachen Benutzerfreundlichkeit große Fortschritte gemacht hat, erfordert es immer noch mehr Arbeit und einen gewissen Lernaufwand. Aber es ist definitiv günstiger – die gesamte Software ist kostenlos. Einige Programme kannst du auf einem Linux-Computer nicht verwenden, daher brauchst du möglicherweise einen zweiten Computer für bestimmte Aufgaben oder musst dich mit virtuellen Maschinen vertraut machen.

  • Wenn du nicht auf Linux umsteigen kannst, schau dir Anleitungen an, wie du die Privatsphäre von Windows oder Mac verbessern kannst. Es gibt eine ganze Reihe von Datenschutzkontrollen.

  • Verzichte nach Möglichkeit auf Cloud-basierte Programme, insbesondere auf unverschlüsselte Programme, die deine Daten sammeln, um ein Profil von dir zu erstellen und/oder KI-Modelle zu trainieren. Je mehr du in der Cloud arbeitest, desto größer ist deine „Angriffsfläche“. Das heißt, desto mehr Möglichkeiten gibt es, deine Sicherheit zu gefährden. Unverschlüsselte Daten können von der Polizei angefordert werden, und alles deutet darauf hin, dass dieser Prozess einfacher und nicht schwieriger wird. Such nach „End-to-End“-Verschlüsselung.

  • Andere empfehlen, einfach von US-basierten Cloud-Diensten wegzugehen.

  • Verleg deine Social-Media-Konten weg von deinem richtigen Namen. Jemand, der deinen Ausweis sieht (z. B. an der Grenze oder bei einer internen Kontrolle), sollte nicht sofort unzählige Infos über deine Familie, deine Gewohnheiten und deine politischen Ansichten finden können. Wenn du keine Person des öffentlichen Lebens bist (oder eine solche werden willst), dann mach deine Accounts privat und nur für Freunde sichtbar. Lösche alte Beiträge und Bilder (einige Dienste, wie z. B. Meta, ermöglichen es dir, deine Daten in großen Mengen herunterzuladen, sodass du nicht riskierst, alle deine Fotos zu verlieren). Hilf deinen Freunden und deiner Familie dabei, ihre sozialen Medien zu überprüfen, um sicherzustellen, dass keine Fotos öffentlich zugänglich sind.

  • Erwäge, unter deinem richtigen Namen eine "öffentliche" Social-Media-Präsenz (insbesondere auf Meta und/oder X) zu haben, die völlig harmlos ist, während du für dein tatsächliches Leben eine verdeckte Social-Media-Präsenz beibehältst.

  • Schließ alte Konten. Wenn du einen Dienst, insbesondere einen Social-Media-Dienst, nicht mehr nutzt, deaktivier dein Konto. Einige Dienste, wie z. B. X, löschen deine Daten nicht, wenn du dich abmeldest, aber es gibt Anwendungen, mit denen du alle deine Daten in einem Rutsch löschen kannst.

  • Verlass X. Twitter gibt's nicht mehr. Es wurde nicht „umbenannt“, es ist weg. Seine Daten wurden von einem Faschisten gekauft, der daran arbeitet, einen totalitären Staat aufzubauen. Lösche deine Daten und lösche deinen Account. Es tut mir leid.

  • Instagram-Stories werden standardmäßig für immer gespeichert und sind daher für jeden zugänglich, der Zugriff auf deine Daten hat. Es gibt eine Einstellung, um dies zu deaktivieren, und du kannst alte Stories aus deinem Archiv löschen, allerdings nur einzeln.

  • Entgoogeln Sie Ihr Leben. Wechseln Sie zu Duck Duck Go, einer datenschutzorientierten Suchmaschine. Seitdem das Internet von KI-artikeln überschwemmt wird, ist Google ohnehin immer weniger nützlich. Wenn Sie Gmail oder andere Google-Dienste weiterhin nutzen müssen, verwenden Sie einen Browser wie Firefox, mit dem Sie „Container“ einrichten können, damit Google den Rest Ihres Surfverhaltens und Ihren Computer nicht ausspionieren kann.

  • Hör auf, Chrome zu benutzen. Firefox und Brave sind zwei Browser, die auf Sicherheit setzen. Firefox hat eine längere Geschichte als vertrauenswürdiger Browser. Brave basiert auf „Chromium“, einer Open-Source-Architektur von Google, was bedeutet, dass es viele „Chrome-only“-Webanwendungen ausführen kann und dabei einigermaßen sicher bleibt.

  • Investiere in ein VPN, mit dem du deinen Internetverkehr umleiten kannst. Dies könnte mit zunehmendem Totalitarismus immer wichtiger werden. Nicht alle VPNs sind in Bezug auf Komfort, Geschwindigkeit und Sicherheit gleich.

  • Beginne mit der „Telefonhygiene“. Lösche nicht verwendete Apps. Gewöhne dir an, dein Telefon manchmal zu Hause zu lassen, da es ständig einen Standortprotokoll hinterlässt und es ein Leichtes ist, anhand unserer Telefongewohnheiten Profile über uns zu erstellen. Nimm dein Handy möglichst nicht zu Demos mit, auch nicht zu legalen. Besorg dir eine Faraday-Tasche, die alle Übertragungen von deinem Handy blockiert, und lass es manchmal darin, vor allem, wenn du das Gefühl hast, dass du es an Orte mitnehmen musst, an denen du es besser nicht dabei haben solltest.

  • Es gibt ein sicherheitsorientiertes Handy-Betriebssystem namens GrapheneOS, das auf Pixel-Handys installiert werden kann und dir unglaublich viel Kontrolle darüber gibt, wie Daten gesammelt und übertragen werden.

  • Verbinde dein Handy nicht mehr direkt mit deinem Auto, denn dein Auto greift auf alle Informationen auf deinem Handy zu (oder zumindest auf deine Kontakte und Anrufprotokolle) und verkauft diese wahrscheinlich an Werbetreibende und gibt sie an die Polizei weiter. Verwende einen Aux-Anschluss, um Musik zu hören, oder einen kleinen Bluetooth-Dongle, wenn dein Handy keinen Kopfhöreranschluss hat. GrapheneOS (und vermutlich auch andere Handy-Betriebssysteme) können sich mit einem Gerät verbinden, ohne Kontakte und Anrufprotokolle preiszugeben.

Es gibt noch mehr (fast unvorstellbar viel mehr), was du tun kannst, um deinen digitalen Fingerabdruck zu reduzieren. Dein Fernseher verkauft deine Daten. Du kannst auf physische Medien umsteigen. Du kannst auf Piraterie umsteigen. Du kannst einen „selbst gehosteten“ Medienserver wie Plex einrichten und dann deinen Fernseher mit einer Firewall schützen, sodass er nur mit deinem lokalen Netzwerk kommunizieren kann.

Auch dein Auto ist ein Verräter, und alle großen Autohersteller verkaufen deine Daten – wo du warst, wie du fährst, manchmal sogar, mit wem du fährst. Hier gibt es zwei verschiedene Gefahren: Erstens werden die Daten vom Auto über eine Antenne an den Hersteller übertragen, der diese Daten verkauft und möglicherweise an die Polizei weitergibt. Alle neueren Autos machen das. Zweitens werden noch mehr Daten (der Zeitstempel jedes Öffnens der Tür, die GPS-Koordinaten des Autos zu jedem Zeitpunkt, der Inhalt jeder Kamera im Auto, innen und außen) unverschlüsselt auf einer Festplatte im Auto gespeichert, auf die jede Strafverfolgungsbehörde Zugriff hat, die physische Kontrolle über das Auto erlangt.

Leider kenne ich keinen Hersteller, der sich auf Datenschutz konzentriert (der Wert deiner Daten muss für sie zu hoch sein, als dass sie darauf verzichten wollen), und ich kenne auch niemanden, der daran arbeitet, Autos zu „jailbreaken“, damit sie tatsächlich von ihren angeblichen Besitzern kontrolliert werden können. Ich habe den Eindruck, dass Autos, die vor etwa 2014 gebaut wurden, deutlich weniger Kapazitäten zum Speichern und Übertragen von Daten haben, aber natürlich ist die Wartung älterer Fahrzeuge komplizierter und teurer.

Meines Wissens gibt es noch keine Tools dafür. Ich kann nur hoffen, dass daran gearbeitet wird. Ich hoffe, dass die aktuelle Situation dazu führt, dass robustere und benutzerfreundlichere digitale Tools mit Fokus auf Sicherheit entwickelt werden. Ich hoffe, dass wir die Kontrolle über unsere Autos und deren Daten zurückgewinnen können. Ich hoffe, dass anonymes Filesharing einfacher wird. Ich hoffe, dass Leute einen Weg finden, YouTube auf dem Fernseher zu schauen, ohne Daten preiszugeben. Ich hoffe, dass Leute offene, vorprogrammierte Plug-and-Play-Firewalls entwickeln, die an Heimrouter angeschlossen werden können, um auch technisch weniger versierten Nutzern die Möglichkeit zu geben, ihre Daten zu schützen.

Natürlich hoffe ich auch, dass die sozialen Bewegungen, die sich dem Faschismus entgegenstellen, weiter wachsen und irgendwann (bald?) den faschistischen Staat zerschlagen und dann ihre eigene Macht erkennen und, anstatt eine Rückkehr zum alten Status quo zu akzeptieren, voranschreiten, um die Natur nationaler Grenzen, die Existenz des Kapitalismus und die Bedrohung durch den Klimawandel in Frage zu stellen.

Ich habe viele Hoffnungen.

Ich glaube, wir können es schaffen.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: "Your Threat Model Has Changed or: reducing your digital fingerprint",  23. April 2025

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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten