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»The boundaries which divide Life from Death are at best shadowy and vague. Who shall say where the one ends, and where the other begins?« Edgar Allan Poe

k9 » größenwahn » politischer fiimabend: „Autour du Feu“- der Feuerkreis

Der Flyer zeigt Jacques Fasel 1985 beim Prozess in Fribourg in einer Illustration von Luigi Olivadoti sowie Angaben zum Film aus dem Textbeitrag
Flyer zum Film (Vorderseite)
In einem Wald treffen zwei ehemalige Mitglieder der bewaffneten antikapitalistischen Westschweizer Gruppierung La Bande à Fasel an nem Lagerfeuer auf drei junge Aktivistinnen der ZAD Le Mormont von XR Rebellion u. in der Schweiz aktiven antirassistischen Kollektiven. Eine Nacht lang diskutieren sie Fragen über den zivilen Ungehorsam u. radikalere Formen des Widerstands. Wie weit darf man gehen, um seine Ideale zu verteidigen?

Dokumentarfilm: „AUTOUR DU FEU“ - der Feuerkreis

Laura Cazador & Amanda Cortös 2024 OmU

Jacques Fasel und Daniel Bloch sitzen eine Nacht lang mit drei jungen Aktivistinnen aus der Klimabewegung und antirassistischen Kollektiven um ein Lagerfeuer im Wald und sprechen über Formen des Widerstands und der Repression im Lauf der Zeit. Mit seiner Bande überfiel der Anarchist Jacques Fasel in den Siebzigern Poststellen und Geldtransporter in der Romandie, mit der Beute finanzierten sie autonome Projekte. „Wir hatten Freude daran, in den sozialen Krieg zu ziehen. Der Begriff «revolutionär» war angemessen, weil wir glaubten, die Revolution würde zu unseren Lebzeiten stattfinden. Ich unterstützte die ‚Anti-AKW-Bewegung, die Antigefängnisbewegung und kleinere Projekte wie unabhängige Radios und eine Theatergruppe“ Er wurde oft gefasst, saß lange im Knast ist mehrfach ausgebrochen. "Das Gefängnis hat mich gestärkt" Der Film stellt nun sein Handeln jenem junger Aktivistinnen gegenüber.

Ein Gespräch über die Revolution als Prozess, den Wald als Rückzugsort - und Technologie als Waffe.

«Es muss nicht immer Forelle in Champagnersauce sein»

combatiente zeigt geschichtsbewußt:

revolucion muß sein!
filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen
kinzigstraße 9 « 10247 berlin + Us samariterstraße + S frankfurter allee

Fenian Bastards oder: Das enttäuschende Erbe der irischstämmigen Amerikaner

Ich bin nicht besonders stolz darauf, irischstämmiger Amerikaner zu sein. Wenn du mich kennst, mag dich das überraschen – ich rede ständig über meine irischen Wurzeln und darüber, dass die Iren seit 800 Jahren dafür kämpfen, sich vom kolonialen Joch zu befreien.

Ich habe das ganz klar – und ein bisschen peinlicherweise – zu einem ziemlich großen Teil meiner Persönlichkeit gemacht. Es ist nicht der irische Teil des Irisch-Amerikanischseins, auf den ich nicht stolz bin, sondern der amerikanische Teil, und wo diese beiden Wörter aufeinandertreffen.

Um es ganz offen zu sagen: Wir irisch-amerikanischen Leute haben es echt vermasselt. In Irland waren wir Revolutionäre. In Amerika waren wir Polizisten, Kolonisatoren und Rassenunruhestifter. Wir haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen, sobald wir konnten, und unser Erbe und unsere Sprache gegen Weißsein und verwässerte Kulturreste eingetauscht, die wie grünes Bier und Kleeblätter aussehen.

Ich sage „wir“, als wäre ich nicht erst mehrere Generationen später in diese Situation hineingeboren worden, als hätte meine Großmutter die Muttersprache ihrer Eltern kaum gesprochen. Sie wurde (natürlich) in Boston als Tochter von Einwanderern aus Galway geboren, die verzweifelt wollten, dass ihre Kinder sich assimilieren. Ihr Vater floh kurz vor dem Aufstand aus Irland, aber jeder seiner Brüder kämpfte darin und wurde dafür verhaftet.

Der vielleicht stolzeste Moment meines Lebens war es, einem dieser Brüder an seinem hundertsten Geburtstag die Hand zu schütteln. Dieser Mann lebte in drei verschiedenen Jahrhunderten, und soweit ich das beurteilen kann, kämpfte er in einem gescheiterten Aufstand, einer größtenteils erfolgreichen Revolution und einem Bürgerkrieg gegen die Revolutionäre, die das Land verkauften – und das alles, bevor er fünfundzwanzig wurde. Als ich ihn traf, war er schon seit Jahrzehnten blind, aber er grinste über beide Ohren, als er die Nachkommen seines Bruders traf. Er lebte länger als die berühmt-berüchtigte langlebige Königin, die später das Reich regierte, gegen das er zu den Waffen griff, und das, obwohl er in einer Steinhütte lebte.

Ihn getroffen zu haben, ist etwas, worauf ich stolz bin. Das ist ein Vermächtnis, das mir wichtig ist.

Den Familiennamen meiner Großmutter kann ich bis zur Schlacht von Clontarf im Jahr 1014 zurückverfolgen, als die Iren die Wikinger von ihren Küsten vertrieben.

St. Patrick’s Day? Der St. Patrick’s Day ist mir scheißegal. Ich habe heute Morgen in einem Café einen grünen St. Patrick’s Day-Milchshake getrunken und er hat nach Zahnpasta geschmeckt.

Ich habe ihn trotzdem getrunken, weil er aus Zucker bestand und ich im Grunde ein Kobold bin. Ich hoffe, dass das, dass ich ihn trotzdem getrunken habe, nicht irgendwie Teil der Metapher wird, die ich hier aufbaue.

Weder irischstämmige noch nicht-irischstämmige Amerikaner können uns ertragen, wenn wir mit unserem Erbe angeben, egal ob wir grünen Plastikmüll tragen und nach Whiskey schreien oder IRA-Lieder singen und ein Erbe der Rebellion für uns beanspruchen, dem wir sicher nicht gerecht zu werden scheinen. Niemand kann uns ausstehen, und ich nehme es ihnen nicht übel. Es ist vernünftig, jeder weißen Person zu misstrauen (oder sie nicht zu mögen), die Unterdrückungspunkte für sich beansprucht, indem sie davon redet, dass sie früher nicht weiß war (was wir mit unseren italienisch-amerikanischen Brüdern gemeinsam haben, ist, dass wir uns darüber beschweren, nicht immer weiß zu sein, katholisch zu sein und unsere Geschichte des radikalen Linksextremismus aufzugeben).

Es stimmt, dass die Iren während des größten Teils der amerikanischen Geschichte nicht ganz weiß waren, aber wir hatten es hier nie auch nur halb so schlimm wie Schwarze oder indigene Völker, und wir sind nun schon seit hundert Jahren weiß, weil wir am Scheideweg dem Teufel begegnet sind und ihm unsere Seele verkauft haben. Um ehrlich zu sein – und um eine Büchse Würmer zu öffnen, die niemand essen möchte: Irisch-Amerikaner haben im protestantischen Amerika mindestens genauso viel Unterdrückung erfahren, weil sie katholisch waren, wie weil sie Iren waren (schau dir die Geschichte der zweiten Inkarnation des KKK an, um mehr darüber zu erfahren). Aber noch einmal: Der Katholizismus ist derzeit kein Faktor der Unterdrückung in diesem Land, und während Geschichte wichtig ist, sind die gegenwärtigen Verhältnisse wichtiger.

Es gibt ein Erbe der irischstämmigen Amerikaner, das es wert ist, beachtet zu werden, aber es ist begraben unter Polizisten, weißen Supremacisten (aber ich wiederhole mich) und Leprechaun-Hüten.

Der historische Stich zeigt eine geheime Versammlung von Bergarbeitern
'The Strike in the Coal Mines - Meeting of Molly M'Guire Men".'
Aus Harper's Weekly, 31. Januar 1874.
Was ein Erbe angeht, das es wert ist, beachtet zu werden, kann ich in ein paar Richtungen weisen. Erstens, und das kenne ich am besten, sind die Molly Maguires aus den Kohlefeldern von Pennsylvania. Als Großbritannien in den 1840er Jahren seinen zweiten Völkermord an Irland verübte, indem es die Insel aushungerte, flohen die Menschen nach Nordamerika und brachten einige altehrwürdige Traditionen der Arbeiterklasse mit. (Der erste Völkermord an den Iren geschah durch Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert im Zuge des Englischen Bürgerkriegs. Frag mich, warum mir die frühe antimonarchistische Bewegung in England völlig egal ist.)

Das ist zwar etwas vereinfacht dargestellt, aber ich kann auf zwei konkurrierende Theorien des Arbeiterkampfes verweisen, die im 19. Jahrhundert um Relevanz wetteiferten. Die eine, hauptsächlich aus England importiert, war der Gewerkschaftswesen. Streiks, Arbeitsniederlegungen, Tarifverhandlungen. Sozialismus als etwas, das man anstreben und aufbauen muss. Die andere, aus Irland, lautete im Grunde: „Gründe mit deinen Freunden eine Geheimgesellschaft, betrink dich, zieh Frauenkleider an und töte die Reichen, während sie in ihren Betten schlafen.“ Das ist eine ziemlich coole Tradition. Sie stammt von den Leuten, die Engels (von Marx und Engels) für zu barbarisch-sozialistisch hielt, um jemals gute und ordentliche marxistische Sozialisten zu werden.

(Im Ernst, es ist faszinierend, wie besessen von Irland Engels war, und zwar auf die ganz falsche Art und Weise.)

Aber die Molly Maguires. Es gab also diese losen Geheimgesellschaften während der gesamten irischen Geschichte (oder zumindest seitdem es englische Grundbesitzer gab, die man erwürgen konnte), aber die heute berühmteste ist die, die es bis in die Kohlebergwerke Amerikas geschafft hat: die Molly Maguires. Ihr Crossdressing war nicht wirklich eine Gender-Sache, und es war auch nicht wirklich eine Verkleidung. Es war eher ein magischer Akt der Verwandlung. Sie wurden zu etwas anderem, wenn sie sich verkleideten, um Sabotage und Gewalt zu verüben. Das ist eine Drag-Tradition, hinter der ich stehen kann.

Die meisten irischen Bergleute waren froh genug, den Gewerkschaften nach britischem Vorbild beizutreten, und ehrlich gesagt ist Gewerkschaftswesen insgesamt wahrscheinlich der bessere Weg, um die Macht der Arbeiterklasse aufzubauen. Aber wann immer die Bosse anfingen, gegen die Gewerkschaften vorzugehen und die Organisierung unter Strafe zu stellen, standen die Fenian-Bastarde schon bereit. Aufstand und Revolution sind keine Gegensätze; sie sind sich ergänzende Strategien. Akzeptiert die Gewerkschaften, oder ihr bekommt es mit den Mollies zu tun.

Obwohl der Staat eine mächtige Sache ist und die Molly Maguires größtenteils verschwanden, nachdem eine Menge von ihnen gehängt worden waren. So ist das eben. Irland erlangte 1922 den größten Teil seiner Unabhängigkeit, obwohl Michael Collins und einige der anderen revolutionären Führer einen Kompromiss akzeptierten und bald darauf gegen ihr eigenes Land in den Krieg zogen, was zu der Teilung führte, die das Land heute hat. (Meine irische Familie redet nicht gern über Politik, aber meiner Tante wurde erzählt, dass mein revolutionärer Onkel bis zu seinem Lebensende jedes Mal spuckte, wenn er den Namen Michael Collins hörte.)

Aber Revolutionäre auf der ganzen Welt sind darauf angewiesen, einen Ort zu haben, an den sie gehen können, wenn es zu Hause zu heiß wird. Für die Russen war es die Schweiz. Für die Iren war es Amerika. Das ist eine Geschichte, in die ich hier und da in den Drehbüchern verschiedener Episoden hineingeschaut habe, die ich mir aber noch nicht vollständig angesehen habe. Eine Geschichte der irisch-amerikanischen Revolutionäre, die Spenden sammelten, Waffen kauften, bereit zum Krieg nach Irland zurückkehrten und sogar in Kanada einmarschierten. (Im Ernst. Sie dachten, wenn sie Kanada erobern könnten, könnten sie es den Briten als Lösegeld für Irlands Freiheit anbieten. Das ist nicht gerade der antikolonialistischste Schachzug, aber es ist seltsam und es ist passiert, und ich werde irgendwann darauf eingehen.)

Das Foto zeigt den anlässlich des Saint Patrick’s Day traditionell grün gefärbten Chicago River an dessen Promenade Menschen spazieren und der von Wolkenkratzern umgeben ist.
Der anlässlich des Saint Patrick’s Day traditionell grün gefärbte Chicago River
Foto: Knowledge Seeker
Lizenz: Public Domain
Das ging jahrzehntelang so weiter. Die Fenian Brotherhood wurde 1858 gegründet, ein amerikanisches Pendant zur Irish Republican Brotherhood, aus der später die Irish Republican Army hervorging. Aber es gab auch Leute wie den irischen (nicht-amerikanischen) Syndikalisten Jim Larkin, der 1917 in Chicago den Dil Pickle Club mitbegründete, zusammen mit einem amerikanischen IWW-Bombenbauer namens Jack Jones (ich glaube nicht, dass er in einer Gewerkschaft für Bombenbauer war, er war einfach ein Gewerkschafter, der Bomben baute, um Chefs in die Luft zu jagen. Das war damals so üblich). Dieser Club war ein Ausgehort und einer der wenigen Orte in Chicago, an denen Menschen verschiedener Hautfarben zusammenkamen. Und dort verbrachte Jim Larkin seine Zeit im Exil, bevor er in ein weitgehend freies Irland zurückkehrte. Vor der Revolution gab es in Irland nicht viel anarchistische Geschichte (obwohl Syndikalisten und Anarchisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine größere Rolle im revolutionären Kampf spielten), aber ich habe eine Theorie, warum es dort keine Anarchistenbewegung mit großem A gab. Ich habe sogar irgendwo Notizen zu dieser Theorie, aber sie liegen mir gerade nicht vor, denn das hier ist kein gut durchdachter Essay, sondern ein Rant, den ich geschrieben habe, weil ich sauer war, dass mein St. Patrick’s Day-Milchshake nach Zahnpasta schmeckte und ich ihn trotzdem getrunken habe. Scheiße, ich glaube, dieser Milchshake ist doch Teil der Metapher.

Im Laufe der gesamten anarchistischen Geschichte finde ich, dass europäische Anarchisten weniger damit beschäftigt waren, den Anarchismus in die Kolonien zu exportieren, als vielmehr damit, antikoloniale Kämpfe zu unterstützen und indigene Methoden des Aufstands zu importieren, die dann in Europa verarbeitet und wieder exportiert wurden. Da ist der griechische anarchistische Arzt Plotino Rhodakanaty, der nach Mexiko ging, um von den Menschen etwas über traditionelle Landnutzung zu lernen, und am Ende eine Generation indigener mexikanischer Anarchisten inspirierte. Da ist die Veteranin der Pariser Kommune, Louis Michel, die sich im Exil mit den indigenen Völkern Neukaledoniens solidarisierte und dort ihr anarchistisches Denken weiterentwickelte. Da ist der Naturforscher Peter Kropotkin, der den Großteil seiner Theorien zum anarchistischen Kommunismus durch das Studium der Natur und der Anthropologie entwickelte, unter anderem in sibirischen Gemeinschaften. Und dann gibt es noch… britische Anarchisten, die (soweit ich weiß) die einzigen Menschen in Großbritannien waren, die die irische Unabhängigkeit und die Gewalt der Unterdrückten unterstützten. Die Herausgeber britischer anarchistischer Zeitungen in den 1880er- und 1890er-Jahren versuchten nicht, den Anarchismus nach Irland zu exportieren, sondern sammelten Spenden für irische Revolutionäre und machten sich Notizen über irische Methoden des Sozialismus und des Widerstands. Wie die irischen Geheimgesellschaften. Möglicherweise (das habe ich auf meinem Red-String-Board noch nicht ganz nachverfolgt) der Vorläufer von Affinitätsgruppen.

Direkte Aktion, Aufstand und gemeinschaftliche Landnutzung waren bereits Kernprinzipien der irischen Kultur. Irgendwo in mir habe ich einen guten und ordentlichen Aufsatz über die Abschaffung der Weißheit, darüber, wie wir, um die weiße Vorherrschaft zu zerstören, die Weißheit als soziales Konstrukt zerstören müssen. Ich werde ihn irgendwann schreiben (andere haben ihn bereits geschrieben, aber wer lernt nicht gerne, einen guten Coversong zu spielen? Es ist wie bei der Volksmusik; die Abschaffung der Weißheit ist für alle da).

In der Zwischenzeit denk daran: Wenn wir Irland richtig feiern wollten, würden wir heute palästinensische Flaggen hissen und kein Grün tragen. Einige Episoden, die ich gemacht habe und in denen es um solche Themen ging:

Quelle: "Fenian Bastards or: the disappointing legacy of Irish-Americans", 18. März 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

18. März: Freiheit für alle politischen Gefangenen!

Das SharePic zur Kundgebung in Stammheim zeigt die Gefängnismauer sowie die Eckdaten zur Kundgebung: 18.03. // 18 Uhr // Justizvollzugsanstalt Stammheim
SharePic zur Kundgebung in Stammheim
Der 18. März als internationaler Kampftag für die Freilassung aller politischen Gefangenen knüpft an eine lange Tradition der revolutionären ArbeiterInnenbewegung an.

Am 18.3.1848 stand das sich gerade entwickelnde Proletariat auf den Barrikaden, 23 Jahre später, am 18.3.1871, kam es zum ersten Mal zu einer breit in der verarmten Bevölkerung verankerten Zerschlagung parlamentarisch-monarchistischer Machtstrukturen durch die proletarische Klasse. An diesem Tag griffen die Pariser Arbeiterinnen und Arbeiter zu den Waffen und schufen für einen kurzen Zeitraum eine selbstverwaltete Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung, die als Pariser Commune bekannt wurde. Nach nur 71 Tagen wurde der Versuch, sich von den Fesseln der Herrschaft zu befreien, brutal niedergeschlagen.

Die militärisch hochgerüstete Reaktion übte nach ihrem Sieg über die Kommunard_innen blutige Rache. Mehr als 20.000 Männer und Frauen wurden getötet, über 13.000 Menschen zu meist lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Doch im kollektiven Gedächtnis der sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Bewegungen blieb die Commune nicht in erster Linie als Niederlage haften, sondern als die Geschichte eines gemeinsamen Aufbruchs. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein galt der 18. März als „Tag der Commune“.

1923 erklärte die ein Jahr zuvor gegründete Internationale Rote Hilfe (RHI) den Tag zum „Internationalen Tag der Hilfe für die politischen Gefangenen“. Der Faschismus jedoch sollte dieser Tradition ein Ende setzen.

1996 initiierte der „Förderverein Libertad! für internationale Kommunikation und Solidarität“ zusammen mit der Roten Hilfe e.V. zum ersten Mal wieder einen Aktionstag für die Freiheit der politischen Gefangenen. Seitdem werden an diesem Tag vielfältige Aktionen und Veranstaltungen durchgeführt; die Rote Hilfe versucht mit der jährlichen Sonderausgabe zum 18. März, den politischen Gefangenen eine Stimme zu verleihen sowie den verschiedenen Solidaritäts- und Antirepressionsinitiativen eine Plattform zu bieten, um die Themen „Staatliche Repression“ und „Politische Gefangene“ ins Bewusstsein zu rufen.

Auch 2026 gibt es bundesweit gibt es viele Aktionen, an denen ihr euch beteiligen könnt. Eine Übersicht gibt es beim Bundesvorstand der Roten Hilfe.


Iranische Anarchisten: „Wir machen weiter mit dem Organisieren und Widerstand“

Zweites Interview mit der Anarchist Front über Unterdrückung und Widerstandsfähigkeit, regionalen Krieg und Internet-Sperren

Das Foto zeigt den Text in arabischen Schriftzeichen
Graffiti: „Wir wollen weder König noch (obersten) Führer; weder schlecht noch schlechter“.
Als ihr das letzte Mal mit Freedom gesprochen habt, breiteten sich die Proteste im Iran schnell aus und wurden immer heftiger, aber die Unterdrückung wurde auch immer stärker. Könnt ihr uns sagen, was seitdem passiert ist und was eure Gruppe gemacht hat?

Seit unserem letzten Interview hat sich die Lage im Iran auf gewaltsame und beispiellose Weise verändert. Die weit verbreiteten Proteste in vielen Städten wurden mit harter Repression beantwortet. Sicherheitskräfte haben Demonstranten mit scharfer Munition angegriffen; Tausende wurden getötet oder verletzt, Zehntausende wurden verhaftet. Eine Atmosphäre strenger Sicherheitsvorkehrungen hat sich im ganzen Land ausgebreitet. Es gibt auch Berichte und dokumentierte Beweise dafür, dass unter den aktuellen Kriegsbedingungen einige Gefangene an Orten festgehalten werden, die Luftangriffen ausgesetzt sind, und praktisch als menschliche Schutzschilde benutzt werden.

Inmitten dieser Situation, bevor die Bewegung die Chance hatte, sich neu zu organisieren, kam es zu einer weiteren Entwicklung: Am 28. Februar 2026 begannen groß angelegte Militärangriffe der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, bei denen Hunderte von Zielen im ganzen Land getroffen wurden. Mehrere hochrangige Kommandeure und Politiker der Islamischen Republik wurden bei diesen Angriffen getötet, und das Land befindet sich nun im Kriegszustand. Die Machtstruktur der Islamischen Republik steht vor einer schweren Krise, doch die politische Zukunft des Landes bleibt ungewiss und umstritten.

US-amerikanische und israelische Streitkräfte haben zahlreiche Ziele im Iran angegriffen, wobei neben militärischen Zielen auch Zivilisten getötet wurden. Gleichzeitig hat die Islamische Republik ihre Raketenkapazitäten genutzt, um Ziele in der Region anzugreifen. Diese Auseinandersetzungen bedrohen das Leben von Millionen von Menschen in der gesamten Region, und bisher haben Hunderte von Zivilisten ihr Leben verloren. Die historischen Erfahrungen der Region zeigen auch, dass ausländische Interventionen selten zu echter Freiheit geführt haben und oft neue Formen der Herrschaft, Instabilität und geopolitischen Konkurrenz mit sich gebracht haben.



Unter diesen Bedingungen haben wir unsere Aktivitäten als Anarchisten fortgesetzt. Wir haben versucht, zu verhindern, dass diese Stimmen inmitten von Unterdrückung und Krieg zum Schweigen gebracht werden, indem wir Ereignisse dokumentiert, Erklärungen veröffentlicht, Netzwerke internationaler Solidarität aufrechterhalten und die Stimmen von Arbeiter*innen, Frauen und verschiedenen Bereichen der Gesellschaft nach außen getragen haben. Gleichzeitig haben wir einen wichtigen Schwerpunkt darauf gelegt, Diskussionen über Selbstorganisation und horizontale Organisation in Nachbarschaften, Arbeitsstätten und Universitäten auszuweiten und diese Kerne mit breiteren Netzwerken sozialer Solidarität zu verbinden. Wir glauben, dass ohne solche sozialen Grundlagen jede Protestwelle anfällig für staatliche Repression bleiben wird.

Konnten sich die Menschen gegen die Repression, der sie ausgesetzt waren, verteidigen?

In vielen Fällen haben die Menschen versucht, sich auf unterschiedliche Weise zu verteidigen: von der Schaffung solidarischer Netzwerke zur Versorgung der Verletzten und zur Unterstützung der Familien von Inhaftierten bis hin zu verschiedenen Formen des Straßenwiderstands. Wir müssen jedoch realistisch sein: Der Repressionsapparat der Islamischen Republik ist extrem umfangreich und hochgradig organisiert, was eine kollektive Verteidigung erschwert.

Unter solchen Bedingungen haben die Menschen Methoden wie schnelle Zerstreuung auf den Straßen, anonyme Organisation und gegenseitige Unterstützung innerhalb der Nachbarschaften entwickelt. In einigen Regionen wie Kurdistan und Belutschistan, wo es eine längere Geschichte des sozialen Widerstands gibt, konnten sich die lokalen Gemeinschaften in einigen Fällen besser schützen. In den großen Städten war die Unterdrückung jedoch extrem hart.

Die am stärksten gefährdete Gruppe sind nach wie vor politische Gefangene, insbesondere diejenigen, die während der jüngsten Proteste festgenommen wurden. Sie werden unter extrem gefährlichen Bedingungen festgehalten und sind weiterhin von schweren Strafen oder sogar der Hinrichtung bedroht. Die Erfahrungen dieser Zeit zeigen, dass lokale soziale Solidaritätsnetzwerke eine wichtige Rolle bei der sozialen Verteidigung und der Aufrechterhaltung des Widerstands spielen können.

Als wir Anarchist Front das letzte Mal interviewt haben, hatte die iranische Regierung gerade das Internet komplett abgeschaltet. Gab es seitdem wesentliche Veränderungen in eurer Fähigkeit zu kommunizieren und auf das Internet zuzugreifen? Konnten die Menschen diese Einschränkungen umgehen?

Die iranische Regierung nutzt weiterhin Internetabschaltungen oder -beschränkungen als eines ihrer wichtigsten Mittel der Unterdrückung.

In den letzten Jahren fiel eine weitgehende Abschaltung des Internets meist mit gewaltsamen Razzien und direkten Schüssen auf Demonstranten zusammen. Mit dem Ausbruch des Krieges wurden erneut großflächige Internetabschaltungen durchgeführt, wodurch Millionen von Menschen der Online-Kommunikation beraubt wurden. Schon vor dem Krieg, während der jüngsten Proteste, waren die Internetbeschränkungen strenger und länger als zuvor geworden und hatten die Kommunikation zwischen Aktivisten wochenlang unterbrochen.

Das Diagramm zeigt den Einbruch der Internetaktivitäten im Iran zwischen 24.02.2026 und 01.03.2026
Das Diagramm zeigt den Einbruch der Internetaktivitäten im Iran zwischen 24.02.2026 und 01.03.2026
Trotzdem haben die Menschen viel Erfahrung und Geschick darin gesammelt, diese Einschränkungen zu umgehen. Tools wie V2Ray-Protokolle und Anwendungen wie Psiphon und Lantern sind weit verbreitet, und wann immer eine Verbindung verfügbar ist, bleibt Telegram eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen. Auch Satelliten-Internet ist für einige Aktivisten wichtig geworden, obwohl der Zugang dazu nach wie vor begrenzt ist.

Gleichzeitig hat die Erfahrung dieser Jahre gezeigt, dass sich keine soziale Bewegung allein auf das Internet verlassen kann. Die eigentliche Grundlage jeder sozialen Bewegung wird durch direkte Beziehungen, gegenseitiges Vertrauen und echte Verbindungen zwischen den Menschen geschaffen.

Sie haben vor der Gefahr gewarnt, dass Royalisten (die bei den Protesten eine kleine Minderheit darstellten) versuchen könnten, diese als Ausgangspunkt für ihre eigene politische Bewegung zu nutzen. Inwieweit sind sie Ihrer Meinung nach damit erfolgreich gewesen?

Monarchistische Strömungen haben versucht, sich mithilfe der von ihnen kontrollierten Medienplattformen und mit Unterstützung bestimmter ausländischer Regierungen als einzige politische Alternative zu präsentieren. Reza Pahlavi und seine Anhänger haben aktiv versucht, sich als Übergangsregierung zu positionieren, und wurden dabei von persischsprachigen Medien und einigen westlichen Regierungen unterstützt.

Die tatsächliche soziale Basis dieser Strömung innerhalb des Iran ist jedoch weitaus begrenzter, als ihre Medienpräsenz vermuten lässt. Viele der Menschen, die an den Protesten teilgenommen haben, sind im Wesentlichen gegen alle Formen des Autoritarismus auf die Straße gegangen und sehen die Rückkehr der Monarchie nicht als Lösung an.

Tatsächlich ist sich ein großer Teil der iranischen Gesellschaft sehr wohl bewusst, dass es keine Lösung ist, eine Form des Autoritarismus durch eine andere zu ersetzen. Aus diesem Grund betonen wir weiterhin, dass die Zukunft der Freiheit im Iran weder in der Wiederherstellung der Monarchie noch in der Fortführung anderer autoritärer Strukturen liegt, sondern in der sozialen Selbstverwaltung und demokratischen Formen der Gesellschaftsorganisation.



Aus unserer Sicht kann die Befreiung des iranischen Volkes nicht das Ergebnis von Projekten sein, die von ausländischen Mächten aufgezwungen werden. Freiheit kann nur aus dem Kampf und dem Willen des Volkes selbst entstehen, und die Umwandlung sozialer Bewegungen in Instrumente staatlicher Rivalitäten wird letztendlich der Gesellschaft schaden.

Gibt es noch etwas, das unsere Leser über die Situation im Iran wissen sollten, und gibt es Möglichkeiten, wie sie Unterstützung leisten können?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Menschen im Iran nicht nur passive Opfer dieses Krieges sind. Innerhalb der iranischen Gesellschaft gibt es viele soziale Bewegungen: Arbeiter, Frauen, Studenten, ethnische Gemeinschaften und anarchistische Aktivisten, die unter extrem schwierigen Bedingungen weiter Widerstand leisten und sich organisieren. Die iranische Gesellschaft ist komplex, multiethnisch und dynamisch, und der Kampf für Freiheit geht in vielen Formen weiter. Am wichtigsten ist die internationale Solidarität zwischen den Volksbewegungen, nicht die Unterstützung von staatlichen Projekten oder Alternativen, die von oben aufgezwungen werden.

Leser außerhalb des Iran können eine wichtige Rolle spielen, indem sie unabhängige Stimmen verstärken und übersetzen, Solidaritätsveranstaltungen organisieren und dazu beitragen, soziale Kämpfe im Iran sichtbarer zu machen. Je mehr diese Stimmen gehört werden, desto schwieriger wird es, sie zum Schweigen zu bringen.

Wir sind hier. Wir organisieren uns weiter und leisten Widerstand.

Weder Mullahs noch Schah!

Frau! – Leben! – Freiheit!

Oberes Foto: „Wir wollen weder König noch (obersten) Führer; weder schlecht noch schlechter“. Radical Graffiti. Andere Medien: Anarchist Front auf Telegram

Quelle: Iranian anarchists: “We continue to organise and resist” von Gabriel Fonten, 10. März 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Iranische Anarchisten: Der Aufstand ist „echte Selbstorganisation durch einfache Menschen“

Interview mit Mitgliedern der Anarchist Front, einem Kollektiv, das Informationen über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet

Vermummte bei den Riots
Screenshot: freedomnews
Der Aufstand im Iran dauert nun schon über eine Woche an. Es ist nicht nur ein wirtschaftlicher Protest, sondern auch eine praktische Revolte gegen die gesamte Logik der Staatsmacht. Die Menschen haben die Kontrolle über die Straßen gestört, die Symbole der Unterdrückung zerstört und sich den Kugeln entgegen gestellt. Das ist genau Anarchie in Aktion: Lähmung der Regierungsmaschinerie von unten, ohne dass eine sofortige Ablösung durch eine neue Macht nötig ist.

Das Regime reagierte mit direkten Schüssen, Razzien in Krankenhäusern und Massenverhaftungen, doch die Niederschlagung ist bisher gescheitert. Sporadische und flexible Taktiken (Autos anzünden, Kameras zerstören und Einsatzwege blockieren) haben die Macht vom Zentrum an den Rand verlagert und Raum für echte Selbstverwaltung geschaffen: Massenspenden, Verteidigung von Krankenhäusern und direkte Informationsverbreitung ohne Zwischenhändler.

Um mehr zu erfahren, haben wir einige Fragen an die Anarchist Front geschickt, ein Kollektiv, das Informationen über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet.

Wie groß ist die Unterstützung für die Streiks in der Bevölkerung?

Die Unterstützung für radikale Streiks und Proteste im Iran ist extrem weit verbreitet. Von den zweiunddreißig Provinzen des Iran haben nur zwei oder drei nicht an diesen Streiks und Protesten teilgenommen.

Wie würdest du den aktuellen Generalstreik im Iran charakterisieren? Was hat den Streik ausgelöst?

Das Foto zeigt eine abendliche Situation mit Menschen, die auf der Straße sitzen oder knien, ihnen gegenüber Sicherheitskräfte auf Motorrädern
Sitzblockade vs. Motorradbullen
Derzeit finden Streiks und Proteste gleichzeitig statt, und die Situation eskaliert rasch. Was als friedliche Schließung des Großen Basars von Teheran durch Ladenbesitzer begann, wurde gewalttätig, nachdem Sicherheitskräfte eingriffen. Von dort aus breiteten sich die Proteste schnell auf Städte im ganzen Land aus.

Im Zentrum dieser Unruhen stehen unerträglicher wirtschaftlicher Druck und eine galoppierende Inflation, die das tägliche Leben für große Teile der Gesellschaft unmöglich gemacht haben. Die ersten Streiks entstanden unter Handyverkäufern, ausgelöst durch das Chaos schwankender Wechselkurse und die explodierenden Kosten für importierte Waren.

Diese Proteste sind vollkommen spontan und selbstorganisiert. Es gibt keine Führung, keine politische Fraktion, die sie lenkt, und kein zentrales Kommando, das Befehle erteilt. Das ist Wut, die direkt von der Basis kommt.

Gleichzeitig versucht der Sohn des ehemaligen iranischen Königs erneut, aus der Situation Kapital zu schlagen. Wann immer im Iran Proteste ausbrechen, beeilt er sich, sie als seine eigenen zu beanspruchen. Zwar hat er einige Anhänger im Land, doch der Großteil seiner Anhängerschaft lebt im Ausland. Abgesehen von den Royalisten haben Jahrzehnte der Unterdrückung durch die Islamische Republik die Möglichkeit, dass andere organisierte Oppositionskräfte im Land entstehen, praktisch zunichte gemacht.

Wie werden die Proteste organisiert und welche Gruppen versuchen, davon zu profitieren?

Diese Welle begann mit der Schließung von Märkten als Reaktion auf den katastrophalen Zusammenbruch des Rial, extreme Inflation, steigende Steuern und die völlige Unfähigkeit des Regimes, die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Sie verwandelte sich rasch in aufgestaute Wut gegen die gesamte Machtstruktur. Slogans wie „Tod für Khamenei“ und „Basij, Sepah, ISIS – ihr seid alle gleich“ spiegeln die Tiefe dieser Wut wider.

Die eigentlichen Ursachen sind der totale wirtschaftliche Zusammenbruch des Regimes, der auf systemische Korruption, massive Militärausgaben und ausländische Sanktionen zurückzuführen ist. Sanktionen sind jedoch lediglich ein Vorwand, den das Regime nutzt, um Unterdrückung zu rechtfertigen.



Naziabad

Die Organisation ist weitgehend horizontal und dezentral: über soziale Netzwerke, lokale Aufrufe von Basarhändlern und die organische Ausbreitung der Wut auf der Straße – ohne zentralen Anführer oder leitende Partei. Genau darin liegt ihre Stärke: echte Selbstorganisation von einfachen Menschen gegen die Herrschaft.

Doch genau hier liegt die Gefahr. Exilierte Oppositionsgruppen – insbesondere Royalisten, die mit Reza Pahlavi verbündet sind – sind auf den Plan getreten und versuchen, diesen Volksaufstand zu kapern. Durch Aufrufe aus dem Ausland streuen sie Slogans wie „Lang lebe der Schah“ ein, um die Proteste in Richtung der Wiederherstellung einer weiteren Erbmonarchie zu lenken – einer, die früher das Volk durch die SAVAK und blutige Unterdrückung zermalmte und nun versucht, die Macht durch diplomatisches Lächeln und leere Versprechungen zurückzugewinnen.

Neben diesen Gruppen unterstützen auch Anarchisten, Teile der Kommunisten, Teile der Liberalen und Republikaner diese Bewegung und hoffen, vom Sturz der Islamischen Republik zu profitieren.

Unterdessen versuchen Teile der Islamischen Republik selbst, diesen Aufstand als interne reformistische Bewegung darzustellen, um das Regime in abgewandelter Form zu erhalten.

Könntet ihr euch als Kollektiv vorstellen: Woher kommt ihr, was ist euer Ziel, wie seid ihr organisiert?

Menschen an einer Straße reißen einen Fahnenmast mit der iranischen Fahne um.
Die iranische Fahne wird herunter geholt.
Die Anarchistische Front ist die neueste Form eines Weges, der 2009 begann – ein Weg, der von vielen Höhen und Tiefen geprägt war, von The Voice of Anarchism bis zur Federation of the Era of Anarchism. Heute, mit einer erneuerten Struktur, die erfahrene Genoss*innen und neue Kräfte zusammenbringt, legen wir erneut den Schwerpunkt auf Selbstorganisation und radikalen Kampf – sowohl bei der Schärfung des politischen Bewusstseins als auch bei der aktiven Förderung und Unterstützung von Kämpfen vor Ort.

Die Anarchist Front gründet auf den Prinzipien der Solidarität, des Antiautoritarismus und des unerbittlichen Widerstands gegen alle Formen der Herrschaft. Wir wollen die bestehende Ordnung nicht reformieren; wir wollen sie zerstören – damit keine Macht, keine Klasse und keine Grenzen mehr bestehen. Unser Kampf wurzelt in den historischen Protesten und dem Widerstand der Menschen im Iran und in Afghanistan, bleibt aber gleichzeitig tief mit der globalen anarchistischen Bewegung verbunden.

Während unser Hauptaugenmerk auf dem Iran und Afghanistan liegt, reicht unser Horizont weit über Grenzen hinaus. Wir streben nach einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und echte gegenseitige Hilfe verwirklicht werden – ohne jegliche Form von Herrschaft oder Ausbeutung. Für uns ist Anarchismus nicht nur eine Theorie; er ist eine Lebensweise, eine Handlungsweise und der Prozess des Aufbaus einer Welt, die frei von Macht, Unterdrückung und Lügen ist.

Ein Großteil eurer Berichterstattung konzentriert sich auf Gewalt gegen Frauen. Seht ihr das als Teil des aktuellen Streiks?

Heute sind Frauen, Studierende und Jugendliche aktiv auf den Straßen präsent. Sie bildeten den sozialen Kern der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Daher ja – die aktuellen Streiks stehen im Einklang mit den Forderungen der Mahsa-Bewegung und mit den Kämpfen für Frauenrechte.

Wir glauben, dass diese Bewegung, während sie den Geist von „Frau, Leben, Freiheit“ bewahrt, auch eine Gelegenheit für passivere und konservativere Teile der Gesellschaft geschaffen hat, sich dem kollektiven Kampf gegen die Islamische Republik anzuschließen und sich mit anderen zu vereinen.



Trauerzug für den Demonstranten Ismail Qureshindi

Unser Hauptanliegen – abgesehen von der Konfrontation mit der kriminellen Islamischen Republik, die erst letzte Nacht mehr als sieben Menschen in unserer Region getötet hat – ist die Konfrontation mit royalistischen Strömungen, die die Bewegung unterwandert haben und die Situation ausnutzen. Ihre frauenfeindlichen Tendenzen sind sowohl in ihrem Diskurs als auch in ihrer politischen Praxis deutlich sichtbar.

Wie ist die Lage des Anarchismus im Iran und in Afghanistan, und vor welchen Herausforderungen stehen Aktivist*innen?

Drohungen, Vorladungen, Schläge, Morddrohungen, Inhaftierungen und sexuelle Gewalt sind Realitäten, mit denen Anarchist*innen in den letzten zwei Jahren und schon davor konfrontiert waren.

Allein in den letzten fünf Monaten wurden zwei unserer Genoss*innen verhaftet und vier weitere vorgeladen. Die Bedingungen im Iran sind für uns extrem gefährlich. Derzeit sitzt einer unserer direkten Genoss*innen von der Anarchistischen Front, Afshin Heyratian, im Evin-Gefängnis ein. Andere anarchistische Genoss*innen sind in Gefängnissen in der Provinz Yazd inhaftiert.

Wir hoffen, dass wir durch den Kampf unsere Genoss*innen befreien und sichere Bedingungen für uns schaffen können.

Siehst du die Gefahr einer ausländischen Intervention im Iran? Was wäre das Ergebnis?

Zwei Personen knien sich auf der Straße gegenüber und zeigen das Victory Zeichen
Wir werden siegen!
Wie bereits erwähnt, sind Royalisten und Anhänger von Reza Pahlavi stark von westlichen Mächten abhängig. Zusammen mit anderen Teilen der Opposition haben sie Bedingungen geschaffen, unter denen westliche Regierungen – unter dem Deckmantel, dem iranischen Volk zu helfen – offen über Militärschläge oder eine mediale Intervention im Iran diskutieren.

Trump und Netanjahu haben dem Iran wiederholt mit militärischen Maßnahmen gedroht, besonders in Zeiten aktiver Proteste.

Wir nutzen diese Gelegenheit, um unsere absolute und bedingungslose Ablehnung jeglicher militärischer Besetzung oder ausländischer Intervention westlicher Staaten im Iran zu bekräftigen – auf jeder Ebene und in jeder Form.

Genauso wie wir während des zwölftägigen Iran-Israel-Konflikts in den Bereichen Berichterstattung, gegenseitige Hilfe und Widerstand im Iran präsent waren, betonen wir: Sollte es zu einer ausländischen Intervention kommen, haben wir sowohl den Willen als auch die Bereitschaft, uns ihr entgegenzustellen.

Wir sind eine lokale Kraft, bestehend aus horizontalen und vielfältigen Netzwerken anarchistischer Aktivist*innen, die sich zuvor im Rahmen der „Federation of the Era of Anarchism“ organisiert haben. Wir sind in erster Linie keine militaristische Gruppe. Je nach den zukünftigen Entwicklungen können wir jedoch neue Positionen einnehmen und uns entsprechend vorbereiten.

Wir sehen die iranische Gesellschaft insgesamt nicht als begierig auf eine ausländische Intervention an.

Und schließlich: Wie können Menschen im Ausland über die Ereignisse im Iran und in Afghanistan auf dem Laufenden bleiben?

Zwei Vermummte halten das Logo der Anarchist Front, dadrüber der Text "Anarchist News"
SharePic der Anarchist Front
Wir bieten Echtzeit-Berichterstattung und Organisation auf Persisch. Unsere Reporter stehen in direktem Kontakt und sind physisch in den großen iranischen Städten präsent. Am Ende jedes Tages veröffentlicht die Nachrichten- und Journalismusplattform der Anarchistischen Front einen umfassenden Tagesbericht auf Persisch.

Außerdem veröffentlichen wir tägliche Nachrichten auf Italienisch, Spanisch (Argentinien), Arabisch, Englisch und gelegentlich auf Deutsch und Schwedisch. Es gibt auch eine Plattform für Genoss*innen aus nicht-persischsprachigen Ländern, einschließlich einer internationalen Koordinierungsgruppe. Wir erhalten Berichte aus aller Welt und agieren als anarchistische politische Kraft, die während andauernder Krisen Solidarität und Unterstützung bietet.

Was Afghanistan und Tadschikistan betrifft: Unsere Genoss*innen sind in Afghanistan vor Ort, und wir haben auch Genoss*innen in Tadschikistan. Ähnlich wie im Iran betreiben wir in diesen Regionen sowohl Nachrichtenarbeit als auch praktische Aktionen.

Unsere letzte Forderung ist das anhaltende Bewusstsein freier Menschen aller Richtungen auf der ganzen Welt. Wir bitten sie, den Blick nicht von den konkreten Bedingungen im Nahen Osten und in Nordafrika – insbesondere im Iran und in Afghanistan – abzuwenden und sich gegen Falschinformationen, irreführende Darstellungen und große Erzählungen zu wehren, die die Gesellschaft, ihre Dynamik und ihre Forderungen aus der politischen Analyse ausblenden.

Wir rufen außerdem zu Solidarität und gegenseitiger Zusammenarbeit auf.

Quelle: "Iranian anarchists: Uprising is “genuine self-organisation by ordinary people”Iranian anarchists: Uprising is “genuine self-organisation by ordinary people”" von Gabriel Fonten, 05. Januar 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

„Eine Welt, die von Gewalt regiert wird“: Der Angriff auf Venezuela und die kommenden Konflikte

„Wir leben in einer Welt, die von Stärke regiert wird, die von Gewalt regiert wird, die von Macht regiert wird“, erklärte Stephen Miller am 5. Januar 2026 gegenüber CNN-Moderator Jake Tapper und legte damit das faschistische Programm dar, mit dem er die gewaltsame Eroberung Grönlands rechtfertigte. „Das sind die eisernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit.“

Das Foto zeigt eine Rauchwolke hinter Gebäuden und verschiedene Brände
Caracas, 3. Januar 2026
Am frühen Morgen des 3. Januar führte die Trump-Regierung eine für das Fernsehen inszenierte Razzia in Venezuela durch, bei der mindestens sieben Ziele in Caracas bombardiert und Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Celia Flores entführt wurden. Dies war der Höhepunkt einer einjährigen Druckkampagne, in deren Verlauf die Regierung venezolanische Einwanderer in den USA als „Drogenterroristen“ bezeichnete, versuchte, das Gesetz über feindliche Ausländer anzuwenden, mutmaßliche „Drogenboote“ bombardierte, Öltanker beschlagnahmte und die US-Marine zur Blockade Venezuelas einsetzte.

Das Trump-Regime beschuldigte Maduro zunächst, Anführer des „Cartel de los Soles“ zu sein, einer ebenso erfundenen Konstruktion wie „Antifa“. Obwohl sie diese Anschuldigung gestern revidierten, um einen weniger fadenscheinigen Rechtsfall zu formulieren, ist es typisch für ihre Vorgehensweise, dass sie mit einer falschen Erzählung beginnen und dann nach Mitteln suchen, diese der Realität aufzuzwingen. Eines der Hauptziele von Donald Trump war es, ein Foto von Nicolás Maduro in Ketten zu veröffentlichen, in Anlehnung an die Fotos, die Bundesbehörden von Menschen verbreitet haben, die von der Einwanderungsbehörde ICE entführt wurden. Anstatt Verbesserungen der wirtschaftlichen Lage anzubieten, bietet Trump seinen Anhängern den stellvertretenden Nervenkitzel, sich mit Gefängniswärtern und Folterern zu identifizieren. Sein Ziel ist es, seine Gegner zu entmenschlichen und alle für die Art von Gewalt zu desensibilisieren, die erforderlich sein wird, um seine Herrschaft und den Kapitalismus selbst in einer Ära sinkender Gewinne aufrechtzuerhalten.

Die Unternehmensmedien erfüllen ihre klassische Rolle als loyale Opposition, indem sie Fragen zur Rechtmäßigkeit der Aktion aufwerfen und gleichzeitig Maduro verteufeln und seine rechtsgerichtete Gegnerin María Corina Machado glorifizieren. Für Anarchisten und andere, die sich gegen den Imperialismus stellen wollen, ist es notwendig, den Angriff auf Venezuela in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, darüber nachzudenken, wie eine wirksame Opposition aussehen könnte, und zu überlegen, wie wir darauf reagieren können.

Das Drehbuch
Die Regierung der Vereinigten Staaten blickt auf eine lange Geschichte imperialistischer Interventionen in Lateinamerika zurück, darunter mehr als ein Jahrhundert Operationen gegen Kuba, der blutige Militärputsch in Chile 1973 und George Bushs Invasion in Panama 1989. Der Angriff auf Venezuela knüpft an eine Reihe jüngerer Unternehmungen an, von George W. Bushs Invasionen in Afghanistan und im Irak in den Jahren 2002 und 2003 bis hin zu Joe Bidens Abbau der internationalen „regelbasierten Ordnung“, um Benjamin Netanjahu zu ermöglichen, ab 2023 einen Völkermord in Palästina zu begehen.

Gleichzeitig stellt das Programm der Trump-Regierung eine Abkehr von früheren Normen dar. Mit seinem Bestreben, die Ausbeutung von Ressourcen mit brutaler Gewalt und ohne den geringsten Anschein einer anderen Agenda durchzuführen, schließt sich Trump Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu an und läutet eine Ära der unverhüllten Gier um ihrer selbst willen ein.

Während Trumps Untergebene die manipulierten Wahlen in Venezuela im Jahr 2024 als Rechtfertigung für den Angriff anführen, gibt Trump nicht vor, Wahlen oder „Demokratie“ nach Venezuela zu bringen. Einige Quellen behaupten, dass die von María Corina Machado angeführte Opposition von fast 80 % der venezolanischen Bevölkerung unterstützt wird, aber Trump behauptet, dass sie nicht genug Unterstützung habe, um zu regieren; vermutlich meint er damit, dass ihr die Unterstützung des Militärs fehlt. Trump selbst würde es vorziehen, mit einem autokratischen Regime zusammenzuarbeiten, das ihm direkt verpflichtet ist. Auch er möchte sich lieber nicht Wahlen stellen, weder in Venezuela noch in den Vereinigten Staaten.

Trump nutzt den Krieg, um eine innenpolitische Krise abzuwenden. Während Trump und eine Gruppe antikommunistischer Republikaner seit langem auf einen Regimewechsel drängen und die Marinepräsenz in der Karibik seit August verstärkt wird, ist dieser Putsch zeitlich so gelegt, dass er die Medienberichterstattung dominiert, um von den sich verschlechternden Umfragewerten und einer Reihe von Gerichtsniederlagen im Zusammenhang mit Trumps Bemühungen, die Nationalgarde einzusetzen, abzulenken. Gleichzeitig führen Beweise für Trumps Komplizenschaft bei Jeffrey Epsteins Kindermissbrauchs- und Vergewaltigungsring endlich zu einer Spaltung seiner Anhängerschaft.

Wenn Autokraten ihre Macht verlieren, werden sie gefährlicher und unberechenbarer. Netanjahus Manöver, um seinem Korruptionsskandal zu entgehen – einschließlich seiner Bereitschaft, Geiseln zu opfern, um den Völkermord fortzusetzen – sind hier aufschlussreich. Wenn Krisen sie bedrohen, schaffen solche Herrscher zusätzliche Krisen, um diejenigen, die sie regieren, abzulenken. Jede wirksame Opposition sollte daran denken, das Rampenlicht auf das zu richten, was Trump zu verbergen versucht. Das ist es, was er am meisten fürchtet.

Als Medienkampagne verstanden, ist der Angriff auf Venezuela ein Angriff auf uns alle: ein Versuch, alle einzuschüchtern, die sich dem Trump-Regime widersetzen könnten, uns dazu zu bringen, zu akzeptieren, dass die staatliche Gewalt weiter eskalieren wird, egal was wir tun, und uns davon zu überzeugen, dass wir nicht die Protagonisten unserer Zeit sind.

Wie wir 2025 argumentiert haben, hat Trump einen Großteil seines Vorgehens von Autoritären wie Wladimir Putin kopiert. Als Putin im August 1999 Premierminister wurde, waren seine Zustimmungswerte noch niedriger als die von Trump heute. Er löste dieses Problem durch den zweiten Tschetschenienkrieg, der die Umfragen dramatisch zu seinen Gunsten wendete. Danach wiederholte er jedes Mal, wenn seine Unterstützung nachließ, diesen Trick – 2008 mit der Invasion Georgiens, 2014 mit der Invasion der Krim und des Donbass und 2022 mit der Invasion der Ukraine –, wodurch er langsam die Kontrolle über die russische Gesellschaft festigte, bis er es sich leisten konnte, Hunderttausende Russen in den Fleischwolf des Krieges zu schicken.

Putin hat den Krieg in der Ukraine als Mittel zur Kontrolle im Inland genutzt – und in Russland geht dies weit über die Unterdrückung von Protesten hinaus. Angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage muss Putin kontinuierlich Stärke und Brutalität demonstrieren, aber er muss auch herausfinden, was er mit einer zunehmend unruhigen und verzweifelten Bevölkerung tun soll. Indem er junge Männer aus armen Familien im Hinterland in den Krieg schickt, kann Putin sie beschäftigen; wenn einige Hunderttausend von ihnen nie nach Hause zurückkehren, umso besser – sie werden nicht in den Arbeitslosenstatistiken auftauchen und die Polizei muss ihre Proteste nicht unterdrücken. Ebenso hat die Wehrpflicht diejenigen, die wahrscheinlich eine Revolution anführen würden, dazu veranlasst, zu Tausenden aus dem Land zu fliehen. Dies ist eine Strategie, die wir angesichts der sich verschärfenden globalen Krise des Kapitalismus auch anderswo wiederholt sehen werden.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Kontexten besteht darin, dass die Vereinigten Staaten zwar viel mächtiger sind als Russland, Trumps Machtposition jedoch bei weitem nicht so sicher ist wie die Putins. Gleichzeitig haben die US-Wähler nach den katastrophalen Besatzungen von Afghanistan und Irak deutlich weniger Verständnis für Operationen, die das Leben von US-Soldaten gefährden.

Trump ist weder ein besonders disziplinierter Taktiker noch ein fokussierter Stratege. Er setzt stets auf Drohungen und Einschüchterung, um seine Ziele zu erreichen, und nutzt dabei die Feigheit und Schwäche seiner Zeitgenossen aus. Vermutlich spekuliert er darauf, dass Einschüchterung ausreichen wird, um die Regierungen Lateinamerikas ohne weitere militärische Maßnahmen seinen Wünschen zu unterwerfen. Sollte dies nicht funktionieren, beabsichtigt er wahrscheinlich, sich auf Militärtechnologie, private Söldner und andere Mittel der Gewaltanwendung zu stützen, ohne US-Truppen zur Besetzung Venezuelas oder anderer Länder entsenden zu müssen. Doch einmal begonnen, folgt ein Krieg seiner eigenen Logik. Wenn die Trump-Regierung diesen Kurs fortsetzt, könnten die US-Streitkräfte dennoch in einen offenen Konflikt verwickelt werden.

Nach dem Angriff auf Venezuela haben Trump und seine Gefolgsleute mit ähnlichen Maßnahmen gegen Mexiko, Kuba, Kolumbien, Dänemark und andere Nationen gedroht. Sie werden diese sicherlich durchführen, wenn sie sich in einer Position der Stärke fühlen, aber selbst wenn die Dinge für ihn schlecht laufen, könnte Trump versuchen, mit solchen Manövern von seiner Schwäche abzulenken.

Die Rückkehr der Plünderung
Der Kapitalismus begann inmitten kolonialer Plünderungen, und da die Gewinnmargen in der gesamten Weltwirtschaft sinken, kehren die Regierungen zu dieser altmodischen Strategie der Akkumulation zurück. Dies erklärt Putins Landnahme in der Ukraine, Netanjahus anhaltende Versuche, Völkermord als eine Form der Gentrifizierung einzusetzen, und Trumps jüngstes Abenteuer in Venezuela.

In einem „National Security Strategy”-Papier vom November 2025 verpflichtete sich die Trump-Regierung ausdrücklich zu einem „Trump-Korollar” zur Monroe-Doktrin, mit dem Ziel, „die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen”, um „nicht-hemisphärischen Konkurrenten die Möglichkeit zu verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Fähigkeiten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren”.

Trump hat die selbstverherrlichende Umbenennung dieser geopolitischen Strategie in „Donroe-Doktrin“ begrüßt und erklärt, dass „die amerikanische Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre nie wieder in Frage gestellt werden wird“. Dabei geht es um Öl, wie Trump betont hat – Venezuela verfügt über 17 % der weltweiten Ölreserven –, aber es ist auch ein Mittel, um mit China um die Vorherrschaft zu ringen, das ein wichtiger Investor und Importeur der venezolanischen Ölindustrie ist, 80 % der venezolanischen Ölexporte kauft und die venezolanische Ölindustrie seit 2007 mit Krediten in Höhe von über 60 Milliarden Dollar unterstützt. Diese Strategie geht auf Trump zurück: Eine Erneuerung der Monroe-Doktrin mit dem Schwerpunkt auf dem Wettbewerb mit China und Russland im globalen Süden war ein wesentlicher Bestandteil der unter der Regierung von Joe Biden ins Leben gerufenen Kommission für die nationale Sicherheitsstrategie 2024. Die Kommission 2024 forderte ausdrücklich, mit China und Russland um Einfluss in Lateinamerika zu konkurrieren, insbesondere im Hinblick auf die „Entwicklung und Gewinnung natürlicher Ressourcen sowie Einrichtungen und Fähigkeiten zur Machtprojektion“. Während Trump die Wende zur Autokratie repräsentiert, waren die geopolitischen und wirtschaftlichen Gründe dafür bereits vorhanden.

Mit anderen Worten: Trumps harte Brutalität bietet der herrschenden Klasse eine Lösung für ein Problem, mit dem Kapitalisten aller Couleur konfrontiert sind – das Problem schwindender Möglichkeiten.

Trumps Plan, US-Ölkonzerne die Rohstoffgewinnung in Venezuela übernehmen zu lassen, ist Teil einer neuen Phase kolonialer Ausbeutung, einer Rückkehr zur direkten Aneignung von Vermögenswerten anderer Länder. Dies muss im größeren Kontext von Stagnation und Finanzialisierung verstanden werden. Historisch gesehen spiegelt dies frühere Perioden des „systemischen Chaos“ wider, 1 als sinkende Gewinne die Kapitalisten dazu zwangen, sich der Finanzspekulation zuzuwenden, und die Maschinerie des kapitalistischen Weltsystems ins Stocken geriet, bis sie durch massive Gewalt in eine neue Ordnung umgestaltet wurde. Das relevanteste Beispiel aus jüngerer Zeit ist der Zeitraum von 1914 bis 1945, in dem beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts stattfanden.

Es geht also nicht nur um Öl, sondern um die Sicherung der Bedingungen für kapitalistische Profitgier im Allgemeinen und um einen Vorgeschmack auf künftige Gewalt in größerem Maßstab. Wir treten in eine Phase ein, in der Beziehungen auf reiner Gewalt basieren, nicht auf „Rechtsstaatlichkeit“ oder Diplomatie, und dieser Angriff ist – wie Trumps Präsidentschaft selbst – ein Symptom, nicht die Ursache.

Dies stellt jedoch eine Abkehr vom nationalistischen und populistischen Imperialismus der Vergangenheit dar, in dem Regime Ressourcen aus der globalen Peripherie stahlen, um die Lebensqualität im imperialen Kern zu verbessern. Trumps Angriff auf Venezuela ist darauf ausgerichtet, einer immer kleiner werdenden Gruppe von Kapitalisten zu nützen. Die Mittelschicht und die weiße Arbeiterklasse sind nicht mehr „Juniorpartner” kolonialer Unternehmungen und haben immer weniger Grund, sich mit ihnen zu identifizieren.

Die Frage der Führung
Zunächst schlug die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez einen trotzigen Ton an, ruderte jedoch sofort zurück und schlug versöhnlichere Töne an. Dies hat zu Spekulationen geführt, dass Rodríguez bereit sein könnte, mit dem Trump-Regime zu kooperieren, oder bereits kooperiert.

Es sind verschiedene Szenarien möglich, und es ist schwierig, die Wahrheit zu ermitteln. Vielleicht haben die Vereinigten Staaten Delcy Rodríguez in eine bedrohliche Lage gebracht, aber sie hält tapfer durch; vielleicht hat das Trump-Regime bereits heimlich mit Delcy Rodríguez verhandelt, und sie beabsichtigt, harte Verhandlungen zu führen, während sie gleichzeitig die Agenda der USA zur Rohstoffgewinnung unterstützt; vielleicht ist auch etwas anderes im Gange. Unabhängig davon unterstreichen sowohl die Anfälligkeit des Chavismus2 für die Entführung seines Führers als auch die Möglichkeit, dass Rodríguez oder andere Elemente der venezolanischen Regierung an Trumps Plan, die Kontrolle über die venezolanischen Ressourcen zu übernehmen, beteiligt sind oder werden könnten, die Tatsache, dass alle Hierarchien einen Schwachpunkt für Befreiungskämpfe darstellen.

Wir haben bereits gesehen, wie die Führung früherer revolutionärer linker Bewegungen, wie beispielsweise die Regierung von Daniel Ortega in Nicaragua, gewaltsam in das Funktionieren des Neoliberalismus integriert und gezwungen wurde, der Bevölkerung unter ihrer Herrschaft kapitalistische Sparmaßnahmen und staatliche Kontrolle aufzuerlegen. Angesichts dieser Niederlagen kommen manche Menschen zu dem Schluss, dass der einzige Weg, Souveränität zu erlangen, darin besteht, einen mächtigen Nationalstaat zu kontrollieren, der über Atomwaffen verfügt. Dies ist die Logik, die dem „Campismus” zugrunde liegt, der Unterstützung imperialer Mächte wie Russland und China, die mit den Vereinigten Staaten rivalisieren.

Doch Russland und China agieren nach derselben autoritären, kapitalistischen Logik wie die heutige Regierung der Vereinigten Staaten – und diejenigen, die sich dafür entscheiden, sie zu unterstützen, werden nicht mehr Einfluss auf die Handlungen ihrer Führer haben als die Venezolaner auf die Regierung der Vereinigten Staaten. Diejenigen, die sich mit dem einen oder anderen geopolitischen Akteur verbünden wollen, werden unweigerlich dazu kommen, genozidale Autokraten aus einer Position der völligen Machtlosigkeit zu verteidigen. Die wirkliche Alternative ist nicht Campismus, sondern ein internationaler Widerstand der Basis, der sich über Grenzen hinweg erstreckt.

Damit dies jedoch zu einer überzeugenden Alternative wird, müssen die Menschen in den Vereinigten Staaten die Fähigkeit entwickeln, die US-Regierung daran zu hindern, im Ausland Bombenangriffe durchzuführen und Plünderungen zu begehen.

Was ist zu erwarten, wie kann man sich vorbereiten?
Der Angriff auf Venezuela markiert die Eskalation eines Stellvertreterkrieges mit China. Die Umstellung der industriellen Basis, einschließlich der Technologiebranche, auf Kriegswirtschaft ist eine Möglichkeit, mit der stagnierenden Wirtschaft umzugehen, aber dies wird nur möglich sein, wenn die Trump-Regierung mehr „Nationalgeist” und Patriotismus wecken kann. Es ist anzunehmen, dass die Eile, die Finanzierung und Verbreitung künstlicher Intelligenz zu konsolidieren, darauf abzielt, eine leichtgläubigere und kontrollierbarere Bevölkerung für diesen letztendlichen Zweck zu schaffen.

In naher Zukunft ist zu erwarten, dass die Trump-Regierung erneut versuchen wird, das Alien Enemies Act gegen Venezolaner und andere Ziele anzuwenden. Der vorherige Versuch von Trump und Miller wurde vor Gericht abgelehnt, da sich die USA tatsächlich nicht im Krieg befanden. Nachdem sie nun einen Krieg geschaffen haben, werden sie diesen nutzen, um eine Reihe zusätzlicher Notstände auszurufen und weitere Restriktionen zu rechtfertigen. Es ist auch mit mehr rassistischer Gewalt gegen Lateinamerikaner und Chinesen zu rechnen, ebenso wie mit Vergeltungsmaßnahmen gegen die US-Außenpolitik durch nichtstaatliche Akteure oder Stellvertreter, die die Trump-Regierung zu nutzen versuchen wird, um ihre Agenda voranzutreiben.

Die Zwischenwahlen sind für November 2026 geplant. Donald Trump und die Republikaner sind nicht in der Favoritenrolle, aber Trump hat bereits so viele rote Linien überschritten, dass er keine Bedrohung seiner Macht tolerieren kann. Ob durch Wahlbeeinflussung, Betrug oder, was wahrscheinlicher ist, durch künstlich herbeigeführte Krisen, die einen Ausnahmezustand legitimieren – wir können davon ausgehen, dass die Zwischenwahlen die am wenigsten „demokratischen” Wahlen der jüngeren Vergangenheit sein werden. Wahlen allein werden uns nicht aus dieser schwierigen Lage befreien.

Die Grafik zeigt sterbende deutsche Soldaten 1943
Die Rückkehr des Faschismus auf globaler Ebene – und hoffentlich die Fähigkeit, ihn zu besiegen.

Lynd Ward – Mezzotinto für „Moriae Encomium (Das Lob der Torheit)“ – 1943
Da Trump von verschiedenen Krisen, Skandalen und Hindernissen geplagt wird, wird er gewalttätiger, unberechenbarer und gefährlicher werden. Dies ist ein Zeichen von Schwäche, aber es ist eine Schwäche, die durch die volle Stärke des US-Militärs gestützt wird. Wir sollten bis Oktober dieses Jahres mit militärischen Verwicklungen in größerem Umfang rechnen, einschließlich weiterer Einsätze der Nationalgarde und möglicherweise sogar des Kriegsrechts.

Unbeliebte Kriege ohne klares Mandat – insbesondere Kriege, die zu Opfern unter US-Soldaten oder anderen Opfern im eigenen Land führen – können den Untergang eines Regimes bedeuten. Es ist unsere Aufgabe, diesen Krieg – zusammen mit Trumps anderen Fehlern und den kommenden Kriegen – zu einem Mühlstein um den Hals der gesamten herrschenden Klasse zu machen. Es wird so viel Kraft aus der Bevölkerung erfordern, Trump zu stürzen, dass wir ähnlich ehrgeizige Vorschläge populär machen sollten – und nicht einfach eine Rückkehr zum unpopulären Status quo der Mitte fordern. Revolutionäre müssen sich darauf vorbereiten, die Versuche der Mitte, das Staatsschiff wieder ins Gleichgewicht zu bringen, zu überlisten. Das mag derzeit schwer vorstellbar sein, aber Aufstände und Revolutionen entwickeln sich schnell. Die Revolutionen der „Generation Z“ haben im Laufe des Jahres 2024 weltweit Regime gestürzt.

Bei Demonstrationen in den gesamten USA wurden bekannte Slogans wie „Kein Blut für Öl” verwendet. Leider ist Trump zu dem Schluss gekommen, dass seine Anhänger beides wollen – Öl und Blut. Antikriegsbewegungen sind in der Regel von Natur aus konservativ, da sie versuchen, die Politik des Staates zu beeinflussen; aber wie die Regierungen vor ihm hat auch das Trump-Regime deutlich gemacht, dass es sich nicht um Opposition kümmert. Anstatt Forderungen durch symbolische Proteste zu stellen, müssen wir horizontale Bewegungen aufbauen, die in der Lage sind, Bedürfnisse durch direkte Aktionen anzugehen. Diese sollten sich auf die gemeinsamen Bedingungen konzentrieren, mit denen normale Menschen von Caracas bis Minneapolis konfrontiert sind: Armut, Sparmaßnahmen, Plünderung lebenswichtiger Ressourcen, Kontrolle durch gewalttätige Söldner, Herrschaft durch unverantwortliche Tycoons. Der Widerstand gegen die Aktivitäten der Einwanderungs- und Zollbehörde in den Vereinigten Staaten stellt einen vielversprechenden Schritt in diese Richtung dar.

Wenn, wie Stephen Miller andeutet, Regierungen tatsächlich nicht die Wünsche oder Interessen der Menschen vertreten, über die sie herrschen, wenn – wie mittlerweile allen klar sein sollte – sie nicht unser Wohl im Sinn haben, sondern einfach nur danach streben, sich so viel Reichtum wie möglich anzueignen, dann ist niemand verpflichtet, ihnen zu gehorchen. Die Frage ist nur, wie wir genug kollektive Stärke, genug Basisbewegung, genug horizontale Macht aufbauen können, um sie zu besiegen.

Anhang: Weiterführende Literatur
Zunächst sollten Leser „We Denounce the Imperial Offensive on Venezuela” konsultieren, eine internationale Erklärung lateinamerikanischer anarchistischer Organisationen, die im Dezember 2025 veröffentlicht wurde.

Für einen tieferen Einblick in die Situation in Venezuela empfehlen wir spanischsprachigen Lesern, das Archiv der inzwischen eingestellten venezolanischen anarchistischen Publikation El Libertario zu durchsuchen, wo man beispielsweise eine kritische Bewertung der bolivarischen Sozialorganisationen aus dem Jahr 2006 oder eine Sammlung von Texten über die Rolle der Erdölindustrie bei der Unterdrückung der Basisbewegungen in Venezuela und ihrer Integration in die Weltwirtschaft findet:
„Venezuela ist Teil des Prozesses des Aufbaus neuer Formen der Regierungsführung in der Region, die die sozialen Bewegungen, die auf die Anwendung struktureller Anpassungsmaßnahmen in den 1990er Jahren reagierten, demobilisiert und sowohl den Staat als auch die repräsentative Demokratie neu legitimiert haben, um die Exportquoten für natürliche Ressourcen an die wichtigsten Märkte der Welt zu erfüllen.“

-Ley Habilitante: dictadura para el capital energético („Das Ermächtigungsgesetz: Diktatur für das Energiekapital“) in El Libertario Nr. 62, März-April 2011

Wir könnten Trumps Angriff auf Venezuela als eine Fortsetzung dieses „Prozesses der Schaffung neuer Formen der Regierungsführung in der Region“ verstehen.

Eine Liste der Personen, die kürzlich in einer einzigen Haftanstalt in Brooklyn inhaftiert wurden, deutet auf die zunehmende Zahl weltgeschichtlicher Widersprüche hin, die in unserer Zeit in den Vordergrund treten.

In „The Long Twentieth Century“ argumentiert Giovanni Arrighi, dass die letzten 700 Jahre von einem vorhersehbaren Pendelschwung zwischen relativ „friedlichen“ und stabilen Phasen der Handelsexpansion geprägt waren, in denen wachsende Märkte Kapitalisten und Staaten ohne nennenswerte Konkurrenz Gewinne ermöglichten und Investitionen in Produktion oder Handel zuverlässige Gewinne generierten, sowie von zunehmend chaotischen Phasen der finanziellen Expansion, in denen der Wettbewerb zwischen den Kapitalisten die Gewinne drückte und das Investitionskapital vor allem durch Finanzspekulationen Gewinne erzielte. Wenn das Wachstum der Weltwirtschaft zum Stillstand kommt, wenden sich Kapitalisten und nationale Eliten zunehmend Gewalt und Plünderung zu, um ihre Gewinne aufrechtzuerhalten, was in Phasen „systemischen Chaos“ gipfelt. Diese Phasen sind von bemerkenswerter Gewalt geprägt, gekennzeichnet durch Militärausgaben und Plünderungen; historisch gesehen enden sie erst, wenn eine neue Hegemonialmacht eine neue Weltordnung durchsetzt und die Bedingungen für kapitalistische Akkumulation wiederherstellt. Die amerikanische Hegemonie des 20. Jahrhunderts und das von den Vereinten Nationen eingeführte internationale System spielten diese Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg, aber beide sind seit der Hinwendung zur Finanzialisierung und dem Aufstieg des „Neoliberalismus” in den 1970er Jahren im Niedergang begriffen und zeigen nun ihre Irrelevanz, da immer mehr Kräfte versuchen, Gewinne durch reine Gewalt statt durch kapitalistische Investitionen zu erzielen. Experten, die das Ende der internationalen regelbasierten Ordnung beklagen und Nostalgie für die Vereinten Nationen zum Ausdruck bringen, übersehen den Wald der wirtschaftlichen Stagnation vor lauter Bäumen einzelner schlechter Akteure wie Trump und Putin. Jede echte Lösung für die Zeit der Barbarei, in die wir eintreten, muss größer und ehrgeiziger sein als das „Zeitalter der Revolution” von 1789 bis 1848.

2
Chavismo ist die sozialistische Bewegung, die mit dem ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in Verbindung gebracht wird.

Quelle: CrimeThinc: “A World Governed by Force”. The Attack on Venezuela and the Conflicts to Come, 06. Januar 2026

Übersetzung: Thomas Trueten

Oury Jalloh - Das war Mord!

Start der Demo vor dem Bahnhof in Dessau mit dem Fronttransparent mit dem Text "In Gedenken an Oury Jalloh - von deutschen Polizisten ermordet, vom Staat vertuscht - police murder and racist state cover-up 7.1.2005" sowie ein Bild von Oury Jalloh.
Start der Demo vor dem Bahnhof in Dessau
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Am 7. Januar 2005 verbrannte Oury Jalloh an Händen und Füßen gefesselt im Dessauer Polizeigewahrsam.  Auch 21 Jahre danach demonstrieren an seinem Todestag 500 Menschen durch Dessau und fordern Aufklärung, Wahrheit und Gerechtigkeit!

Oury Jalloh wurde rechtswidrig festgenommen, körperlich misshandelt und auf einer brandsicheren Matratze fixiert und angezündet. Polizei und Justiz verhinderten die Aufklärung systematisch und vertuschen die Umstände noch immer. Familie und Freund*innen von Oury Jalloh kämpfen bis heute dafür, die Ermittlungen wieder aufzunehmen und juristisch gegen die Täter*innen in Uniform vorzugehen. Dank zahlloser Gegenermittlungen und selbstfinanzierter Gutachten liegen alle Beweise auf dem Tisch: Rassistische Polizeibeamt*innen aus Dessau haben Oury Jalloh getötet und mithilfe von Brandbeschleunigern verbrannt.

Oury Jalloh ist für Dessau kein Einzelfall: In derselben Zelle 5 desselben Reviers wurde bereits am 29. Oktober 2002 Mario Bichtemann eingesperrt und überlebte die Nacht nicht. Bei der Kontrolle am nächsten Morgen war er tot – ursächlich war ein Schädelbasisbruch. Noch weit bekannter ist der Fall von Hans-Jürgen Rose, der am 7. Dezember 1997 von der Dessauer Polizei für mehrere Stunden festgenommen wurde. Wenige Stunden später wurde er mit zahllosen Verletzungen nur wenige Meter vom Revier entfernt aufgefunden und starb im Krankenhaus. Auch in diesen Fällen wurde die Aufklärung systematisch unterbunden, die Polizeiakten wurden nachweislich gefälscht und Ermittlungen gezielt in andere Richtungen gelenkt.

Insbesondere durch die Arbeit der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ ist inzwischen auch hier offensichtlich, dass die Täter*innen im Revier zu suchen sind.

Doch mörderische Polizeigewalt gibt es nicht nur in Dessau: In den letzten Jahren hat sich die Zahl der tödlichen Schüsse durch Beamt*innen rapide erhöht, deren Opfer meist Menschen in psychischen Ausnahmesituationen, mit Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten oder von Rassismus Betroffene sind. Im Jahr 2025 zählte die Organisation CILIP – Bürgerrechte und Polizei 17 Fälle, im Vorjahr sogar 22 tödliche Schusswaffeneinsätze. Weitere Tote gab es in Polizeigewahrsam – auch hier Tendenz steigend.

Angehörige der Opfer von Polizei- und staatlicher Gewalt vernetzen sich

Die Gedenkdemonstration für Oury Jalloh wurde in diesem Jahr nicht mehr von der Oury Jalloh Initiative, sondern von der „Oury Jalloh Family Campaign“ organisiert. Der Bruder von Oury Jalloh, Saliou Diallo, hat die Gruppe ins Leben gerufen. Auf der Demo sprachen Vertreter von Initiativen für den 2025 ermordeten Lorenz und Rooble Warsame. Der Bruder von Mouhamed Dramé entzündete ein Kerzenlicht auf dem Gedenkstein für Alberto Adriano, der im Jahr 2000 hier von Neonazis im Stadtpark ermordet wurde. Vor der Staatsanwaltwaltschaft gab es eine ergreifende Rede einer Angehörigen über den Tod eines 32jährigen Mannes, der am 3. Oktober in der JVA Uelzen um Leben kam. Die Schwester berichtet, dass ihr Bruder trotz einer chronischen Nierenkrankheit wegen einer Geldstrafe eine Haftstrafe in der JVA antreten mußte ohne die notwendige ärztliche Versorgung: „Wir haben befürchtet, dass er irgendwann an einer Überdosis stirbt, nicht aber, dass man ihn elendig in einer videoüberwachten Gefängniszelle verrecken lässt“.

Nach sechs Stunden endet die Demo auf den Stufen der Polizeiwache in dessen Keller Oury Jalloh verbrannt wurde. Die Demonstration am 7. Januar 2026 in Dessau setzt ein klares Zeichen: Schluss mit der tödlichen Polizeigewalt!
(mit Auszügen aus einer Erklärung des Bundesvorstand Rote Hilfe)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

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Berlin: Silvester zum Knast

Das Foto von © Björn Obmann zeigt die Knastdemo vor der JVA Moabit
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Wie in mehreren Städten demonstrierten auch in Berlin an Silvester einige Hundert Menschen gegen Knäste und für die Freilassung aller politischen Gefangenen. Vor der JVA Moabit wurden die Gefangenen mit Winken, Wunderkerzen, Feuerwerk und Rufen begrüßt. An mehreren Fenstern grüßten Gefangene zurück.

Redebeiträge berichteten über die Situation inhaftierter Antifaschist:innen wie Maja oder Daniela Klette. Es wurde zu Solidarität mit der Roten Hilfe und anderen Organisationen aufgerufen, die zur Zeit durch Kontokündigungen der GLS-Bank und Drohungen aus den USA betroffen sind.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Bereits vor dem Start der Demonstration wurden zwei Personen durch die Polizei abgeführt, wodurch sich der Start der Demo lange verzögerte. Auch an der JVA stürmten Polizisten in die Menge und zogen Menschen heraus, denen sie das Abbrennen von Feuerwerk vorwarfen, obwohl rundherum der „normale“ Silvesterwahnsinn stattfand.

Repression trifft einige – aber ist eine Drohung an uns alle! Razzien, Ermittlungen, Polizeigewalt und Verhaftungen zeigen: Der Staat fürchtet Solidarität und Widerstand. Unsere Antwort lautet: Solidarität statt Angst! Wir vergessen niemanden, der oder die eingesperrt ist – ob wegen politischem Engagement, Flucht oder sozialer Not. Im besonderen grüßen wir unsere Genoss:innen und alle Kämpfenden hinter Gittern!
(Aufruf zur Demo)

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Neues Jahr, neues Blatt, neues Amerika... Aber für wen?

Die Grafik zeigt die Fahne der USA. Auf den Kopf gestellt.Das neue Jahr kommt mit einem bekannten Drehbuch. Uns wird gesagt, dass es ein Moment der Erneuerung, des Neuanfangs, des Umblätterns ist; nicht nur persönlich, sondern auch national.

Ein „neues Amerika” wird mit Zuversicht beschworen, als ob die Zeit selbst eine korrigierende Kraft wäre. Der Kalender ändert sich, und wir sollen glauben, dass sich das Land mit ihm verändert hat.

Aber Erneuerung ist nicht neutral und nicht gleichmäßig verteilt.

Die Idee eines neuen Amerikas wirft eine unvermeidliche Frage auf: Neu für wen und auf wessen Kosten?

Für Menschen, die von strukturellen Schäden abgeschirmt sind, erscheint das Konzept eines nationalen Neustarts plausibel. Die Institutionen funktionieren weiterhin zu ihren Gunsten. Das Gesetz ist nach wie vor großzügig. Wirtschaftliche Instabilität wird eher als Unannehmlichkeit denn als Katastrophe empfunden. Für andere bedeutet das neue Jahr keineswegs einen Neuanfang. Es bedeutet Ausdauer. Die gleichen Systeme bleiben intakt. Die gleichen Bedrohungen bestehen fort. Die gleichen Leute behalten die Macht.

Diese Kluft zwischen Erzählung und Realität ist kein Zufall. Sie wird durch politische Mythenbildung aufrechterhalten, insbesondere durch Bewegungen, die Amerika als etwas darstellen, das „wiederhergestellt” statt repariert werden muss. Der christliche Nationalismus spielt dabei eine zentrale Rolle. Er bietet eine Version der Erneuerung, die zurückblickt statt nach vorne zu schauen, eine, die „neu” als Rückkehr zu einer imaginären Vergangenheit definiert, in der die Hierarchie klarer war, die Macht weniger umstritten war und bestimmte Gruppen ihren Platz kannten.

In diesem Rahmen ist Amerika keine pluralistische Gesellschaft, die Gerechtigkeit braucht, sondern ein von Gott sanktioniertes Projekt, das durch Außenstehende, Säkularismus, Feminismus, Queerness, Einwanderung und Dissens korrumpiert wurde. Erneuerung bedeutet nicht Umverteilung oder Rechenschaftspflicht. Sie bedeutet Wiederbehauptung. Kontrolle. Bestrafung. Moralische Selektion.

Persönlichkeiten wie Donald Trump haben diese Ideologie nicht geschaffen, aber sie haben sie in den Mainstream gebracht. Der Trumpismus verband christlichen Nationalismus mit Politik der Benachteiligung und verwandelte den Verlust der Dominanz in spirituelle Verfolgung. Das Versprechen war nicht eine Verbesserung für alle, sondern der Schutz der „richtigen“ Menschen. Die Nation würde wieder neu gemacht werden, indem man den Kreis derer einschränkte, die als vollwertige Amerikaner galten.

Das ist wichtig, wenn wir über das neue Jahr sprechen, weil christlich-nationalistische Politik kollektive Fürsorge ausdrücklich ablehnt. Sie ersetzt materielle Analyse durch moralische Urteile. Armut wird zu persönlichem Versagen. Krankheit wird zu einer Prüfung des Glaubens. Gewalt wird gerechtfertigt, wenn sie die „Ordnung” aufrechterhält. In dieser Weltanschauung ist Leiden kein politisches Problem, sondern ein Beweis dafür, dass die Hierarchie funktioniert.

Wenn also der Januar unter diesen Bedingungen kommt, wird Optimismus zu einer Art Druck. Man wird aufgefordert, in einem System, das einen bereits als entbehrlich eingestuft hat, hoffnungsvoll zu sein. Man wird aufgefordert, Dankbarkeit für ein Land zu zeigen, das einen überwacht, kontrolliert, ausbeutet oder im Stich lässt. Man wird aufgefordert, einfach abzuwarten, richtig zu wählen, intensiver zu beten, mehr zu arbeiten, dann würde sich alles zum Guten wenden.

Aber das Warten ist seit Jahrzehnten die vorherrschende politische Forderung an marginalisierte Menschen.

Die Sprache des neuen Jahres spiegelt oft auf subtilere Weise die Sprache der christlich-nationalistischen Politik wider. Beide betonen die individuelle Verantwortung gegenüber der kollektiven Verpflichtung. Beide priorisieren Gehorsam gegenüber Kritik. Beide stellen Unbehagen als notwendige Wachstumsschmerzen dar und nicht als Beweis für strukturellen Schaden. Und beide entmutigen anhaltende Wut, selbst wenn Wut die angemessene Reaktion auf Ungerechtigkeit ist.

Was als „Negativität” bezeichnet wird, ist oft die Weigerung, sich an der Verleugnung zu beteiligen.

Ein wirklich neues Amerika würde erfordern, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen: dass wirtschaftliche Unsicherheit politisch bedingt ist, dass staatliche Gewalt absichtlich eingesetzt wird, dass der Klimakollaps auf eine Weise bewältigt wird, die die Armen opfert, dass religiöse Rhetorik dazu benutzt wird, autoritäre Kontrolle zu rechtfertigen. Es würde erfordern, anzuerkennen, dass Appelle an die Tradition oft Appelle an die Hierarchie sind und dass „Werte“ oft ein Schutzschild für Macht sind.

Stattdessen werden uns symbolische Neuanfänge angeboten. Neue Slogans. Neue Regierungen. Neue Ablenkungen im Kulturkampf. Die gleichen Leute bleiben geschützt. Die gleichen Leute bleiben entbehrlich.

Sich dafür zu entscheiden, diese Art von Erneuerung nicht zu feiern, ist kein Nihilismus. Es ist Unterscheidungsvermögen. Es ist die Erkenntnis, dass Hoffnung ohne strukturelle Veränderungen keine Hoffnung ist, sondern Unterwerfung.

Ein neues Blatt bedeutet nicht, so zu tun, als sei der Baum gesund. Es bedeutet, zu untersuchen, was vergiftet wurde, was weggenommen wurde und wer gezwungen wurde, in ausgelaugtem Boden zu überleben. Es bedeutet zu verstehen, dass man sich nicht aus Systemen herausbeten, herauswählen oder herausmanifestieren kann, die darauf ausgelegt sind, auszubeuten und zu kontrollieren.

Wenn dieses Jahr anders sein soll, dann nicht, weil die Nation sich selbst für wiedergeboren erklärt hat. Sondern weil die Menschen die Mythen abgelehnt haben, die die Macht schützen. Weil sie den christlichen Nationalismus als das bezeichnet haben, was er ist: nicht Glaube, sondern politische Herrschaft. Weil sie Führer abgelehnt haben, die Erlösung durch Ausgrenzung versprechen. Weil sie darauf bestanden haben, dass „neu” fairer, sicherer und lebenswerter bedeuten muss, nicht nur gehorsamer.

Also ja: neues Jahr, neues Kapitel, neues Amerika.

Aber nur, wenn wir ehrlich sind darüber, für wen das alte Amerika gebaut wurde, wem es weiterhin dient und wer immer noch aufgefordert wird, sich für eine Zukunft zu opfern, die er vielleicht nie erreichen darf.

Quelle: "New Year, New Leaf, New America… But for Who" von Rebekah, Wild Anarchist Vessel, 3. Januar 2026

Übersetzung:  Thomas Trueten [Nicht authorisiert]