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»Jeden Tag sorgen die Menschen dafür, dass die Haare ordentlich sitzen; warum tun sie das nicht auch mit ihrem Herzen?« Ernesto "Che" Guevara

Überall Bundeswehr

Das Foto zeigt einen Stapel des besprochenen Buches, der auf einem Stuhlpolster liegt.
Überall Bundeswehr! – doch dieser neue Sammelband setzt dem bellizistischen Zeitgeist antimilitaristische Analysen und Argumente entgegen.
Es ist den Herrschenden und ihren parlamentarischen Mehrheiten ernst mit der Militarisierung der Gesellschaft. Wehrpflicht und Werbung – das ist der für alle sichtbare Teil der großen Mobilisierung. Ein neuer Sammelband setzt dem bellizistischen Zeitgeist antimilitaristische Analysen und Argumente entgegen.

Überall Bundeswehr: Das ganze Land ist mit einer beispiellosen Plakatkampagne überzogen; am Tag, als CDU und SPD die verpflichtende Musterung der jungen Männer des Jahrgangs 2009 wieder eingeführt haben, werden im TV Bundeswehrspots gesendet, und auch in der Provinzpresse ist viel Platz für „unsere Armee“ und ihre Bedürfnisse. Zum Beispiel bringt die Westdeutsche Zeitung vom 29. November in der Rubrik „Jobmagazin“ den ausführlichen Artikel „Als Frau zur Bundeswehr“. Die Botschaft lautet: Soldatin ist ein ganz normaler Beruf mit vielen Möglichkeiten und Karrierechancen, ohne geschlechtsspezifische Diskriminierung – kein Wort von Töten und Sterben, von Gewalt und physischer Dominanz, von irreversiblen Verletzungen, Verstümmelungen, Traumatisierungen, Schuld …

2025 gibt es 24.800 Soldatinnen. Die Rollenverteilung ist traditionell, in der Westdeutschen Zeitung wird diese Tatsache einfach unter der Überschrift „ziviler Bereich“ versteckt. Denn fast die Hälfte des Personals im Sanitätsdienst besteht aus Frauen; in allen anderen Bereichen sind es dagegen nur um zehn Prozent. Das schreibt Annuschka Zak in einem gerade erschienenen Sammelband „Die große Mobilisierung“. Sie ist eine der 18 Autor*innen des Buches. Herausgegeben wurde es vom AK Antimilitarismus, einem neu gegründeten militärkritischen Zusammenschluss von Journalist*innen und Aktivist*innen. „Um für die kommenden Auseinandersetzungen gewappnet zu sein, wollen wir zur Unterstützung und Mobilisierung antimilitaristischer Bewegungen beitragen“, schreibt der AK Antimilitarismus in der Einleitung des Buches (S. 12). „Unser Fokus liegt dabei auf den aktuellen Entwicklungen, die darauf zielen, die Akzeptanz eines zunehmend aggressiven Militarismus wieder mehrheitsfähig zu machen.“



Das Buch erzählt die Geschichte der deutschen Armee und legt den Schwerpunkt auf die Zeit seit der sogenannten Wiedervereinigung. Auf die wichtigsten Beiträge möchte ich kurz eingehen, denn sie zeigen die finanzielle, technische, rechtliche und institutionelle Formierung der Bundeswehr.

Hochrüstung als Staatsprojekt

Dramatisch und beängstigend ist die Weiterführung des 100 Milliarden Euro umfassenden „Sondervermögens“ von 2022, dessen Umfang damals schockiert hat. Jürgen Wagner hat schon damals in seinem Buch „Im Rüstungswahn“ vorausgesagt, dass „die Entscheidungen, ob es zu einer Verstetigung der Zeitenwende kommen wird[,] spätestens 2026 getroffen werden [dürften]“ (S. 211). Wagners Buch legt die Grundlagen für das Verständnis der ersten Welle der massiven Aufrüstung.

Allerdings war diese Radikalisierung durch die Merz-Regierung 2025 nicht vorherzusehen. Jürgen Wagner schreibt nun in „Die große Mobilisierung“: „Die im März 2025 in einem völlig undemokratischen Hauruckverfahren von Union, SPD und Grünen zusammengeleimte weitgehende Aussetzung der Schuldenbremse für Militärausgaben soll vor diesem Hintergrund eine neue Runde beispielloser Hochrüstung einläuten. Dies ebnete den Weg, um im Juni 2025 dem neuen NATO-Ausgabenziel von 5 % des Bruttoinlandproduktes (3,5 % im engeren und 1,5 % im weiteren Sinn) zuzustimmen. Dadurch sollen die deutschen Militärausgaben von rund 90 Mrd. (2024) bis 2029 auf 167,8 Mrd. Euro (3,5 % des BIP) bzw. ca. 240 Mrd. Euro (5 % des BIP) steigen“ (S. 169).

240 Milliarden Euro pro Jahr! Der gesamte Bundeshaushalt 2026 (im Haushaltsentwurf) umfasst „nur“ rund 520 Milliarden Euro! Und es sollen nur die Teile der Infrastruktur saniert, modernisiert oder neu gebaut werden, die für das Militär notwendig sind, also vor allem Verkehrswege und Strukturen zur Versorgung der Armee.

Dass die Militarisierung, besonders seit dem Beginn des Ukrainekriegs, fast überall unwidersprochen bleibt, betont Pablo Flock: „Selbst Teile der Linken übernehmen inzwischen das Ziel, vermeidliche Autokratien durch Aufrüstung und Krieg in die Knie zu zwingen“ (S. 25). Dieses offen aggressive Motiv löst den scheinheiligen Bezug auf die Menschenrechte ab, mit dem die Kriege des Westens seit 1990 geführt wurden. Im April 2024 präsentierte Bundeswehrminister Pistorius den sogenannten Osnabrücker Erlass, mit dem das Operative Führungskommando zur Realität wird: „Somit erhält ein Drei-Sterne-General an der Spitze dieser Führungszentrale eine Fülle an Macht, die seit dem knapp 70-jährigen Bestehen der Bundeswehr nie ein General außerhalb des Verteidigungsministeriums innehatte.“ (S. 30).

Martin Kirsch zeichnet den Weg bis dahin nach, angefangen vor einem Vierteljahrhundert unter Rot-Grün (2001) mit der Schaffung des Einsatzführungskommandos, 2012 gefolgt von der „Herauslösung der Teilstreitkräfte und der Einsatzführung aus dem Ministerium“ (S. 28), das nun unter dem Befehl des Generalinspekteurs liegt, bis 2024 zum Operativen Führungskommando. Das Operative Führungskommando setzt die Vorgaben für die militärische Formierung der zivilen Behörden und die Erweiterung der Armeeverwaltung (Wehrüberwachung, Musterung, Bauvorhaben). Die zivile Verwaltung beginnt, „Embedded Support Organisations“ aufzubauen, die den Soldat*innen in den Krieg folgen sollen, um sie von Verwaltungsaufgaben zu entlasten (S. 31).

Ulrich Sander hatte schon 2003 den damaligen Generalinspekteur Harald Kujat zitiert: „Erstmalig in der Geschichte der Bundeswehr besitzen wir mit dem Einsatzführungskommando eine nationale teilstreitkraft-gemeinsame Führungsfähigkeit.“ Und Sander weiter: „Erstmalig in der Geschichte der Bundeswehr heißt nicht erstmalig in der Geschichte überhaupt. Das Einsatzführungskommando gab es schon früher, es hieß damals Generalstab. 1945 wurde den Deutschen ein Generalstab verboten.“

Ava Matheis zeigt im neuen Sammelband die großen Projekte der konkreten Aufrüstung. Diese verfolgen drei Ziele: erstens, den großen Krieg gegen Russland führ- und gewinnbar zu machen, zweitens, die Vormachtstellung Deutschlands in Europa zu stärken, und drittens, eigene Rüstungskapazitäten aufzubauen. Der größte Anteil des Sondervermögens „Bundeswehr“ fließt in die Aufrüstung und Modernisierung der Luftwaffe, gefolgt von der Querschnittsaufgabe Digitalisierung. Die Vergrößerung des Heeres wird vor allem mit massivem Zukauf von gepanzerten Fahrzeugen vorangetrieben. Entscheidend sind die ernsthaften Versuche, alle Elemente der eigenen Armee in Echtzeit miteinander zu vernetzen, um letztlich einen gigantischen teilautomatischen und teilautonomen Kampforganismus zu schaffen, der der gegnerischen Armee haushoch überlegen wäre. Das klingt wie SciFi, aber sie versuchen es wirklich!

Militärische Machtkonzentration

Mit der Zurichtung des Rechts für die Militarisierung beschäftigt sich Ulrike Eifler. So wird die Freizügigkeit, also die freie Wahl des Arbeitsplatzes, durch eine neue Form des „Arbeitssicherstellungsgesetzes“ – das ist die berüchtigte Notstandsgesetzgebung von 1968 – eingeschränkt. Der Arbeitszwang betrifft alle Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt als militärisch notwendig deklariert werden: „In den regionalen Verwaltungsausschüssen der Agentur für Arbeit entstehen bereits auf der Grundlage des Arbeitssicherstellungsgesetzes regionale Ausschüsse unter Beteiligung der Bundeswehr, die die Sicherstellung bestimmter Arbeitsleistungen im Spannungsfall gewährleisten sollen.“ (S. 106) Auch die Arbeitszeiten können nun verlängert (Soldatenarbeitszeitverordnung) und das Streikrecht für die Bereiche Post, Zustellung und Logistik eingeschränkt werden (Postrechtsmodernisierungsgesetz). Die Autorin macht darauf aufmerksam, dass der Bundesgerichtshof 2025 das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zwar nicht für Deutschland, aber im Fall der Ukraine für ungültig erklärt hat; dies wäre mit der gleichen Begründung auch in Deutschland möglich.

Jacqueline Andres skizziert die fortgesetzte Aufweichung des Grundgesetzes (Artikel 87a), um die Bundeswehr im Inneren – ohne Einschränkungen – einsetzen zu können. Die von links kritisierte Notstandsgesetzgebung von 1968 erlaubt den Einsatz der Armee bereits im Verteidigungsfall (bei „innerem Notstand“) und im Katastrophenfall. Die Amtshilfe soll die Bundeswehr öffentlichkeitswirksam sichtbar machen und das „Bild der Bundeswehr als Helferin“ festschreiben (S. 126). Das immer häufiger benutzte Instrument der Amtshilfe wurde 2007 zur Zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) ausgebaut. Seit Anfang der 2000er Jahre können „terroristische Großlagen“ den Bundeswehreinsatz in Deutschland rechtfertigen, dazu dienen seit 2017 die regelmäßigen „Terrorabwehrübungen“ GETEX.

Das 2022 geschaffene Territoriale Führungskommando lenkt verbindlich „Heimatschutz, Amts- und Katastrophenhilfe, ZMZ und Host Nation Support, die logistische Unterstützung für die alliierten Streitkräfte also, die ihre Truppen durch Deutschland hindurch Richtung Russland verlegen und vor Ort beispielsweise Straßen nutzen und tanken müssen“ (S. 130). Das Territoriale Führungskommando wurde 2024 mit dem Einsatzführungskommando zum Operativen Führungskommando vereint (s. Martin Kirsch). Mittlerweile existieren sechs Heimatschutzregimenter der Bundeswehr, denen die Durchführung des Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) obliegt. Im Spannungsfall schützt der Heimatschutz vermeintlich die Heimatfront, und sie gehen in ihren Manövern und Übungen auch gegen Demonstrierende vor. Genau das sollte die ursprüngliche Fassung des Grundgesetzes ausschließen.

Kriegseinsätze als neue Normalität

Die Einsätze der Bundeswehr werden von vier der Autoren ausführlich geschildert. Beginnend mit Somalia 1993 (hier der erste getötete Zivilist), war dann in den 1990er Jahren der Balkan das Ziel deutscher Armeeeinsätze. Beim Angriff der NATO auf Serbien 1995 und bei der Besatzung Bosniens war die Bundeswehr involviert, und eine Kommandoaktion 1997 in Albanien brachte den ersten Schusswechsel deutscher Soldaten.
Nachdem die erste Phase […] nicht zum Nachgeben der jugoslawischen Regierung führte, wurden schließlich in ganz Jugoslawien Ziele angegriffen. Die Zahl von Angriffsflügen steigerte sich von anfangs 30 bis 50 auf zuletzt 300, die Anzahl der Flugzeuge wurde im Verlauf des Krieges von 350 auf 900 erhöht. Bombardiert wurde bald alles, was in den Augen der NATO eine militärische Funktion hatte. Dazu gehörten etwa Bahnanlagen und Telekommunikationseinrichtungen. Immer wieder wurden dabei Zivilisten getötet, die NATO prägte damals den Begriff ‚Kollateralschaden‘. Als solche galten zum Beispiel 20 Passagiere eines Schnellzuges, der von einer Eisenbahnbrücke geschossen wurde, oder 73 Flüchtlinge, die mit einem Militärkonvoi ‚verwechselt‘ wurden. Das jugoslawische Fernsehen berichtete ausführlich über solche Vorfälle […] – bis seine Zentrale in Belgrad ebenfalls bombardiert wurde, mit 16 Toten.“ (S. 83)

Zur Rechtfertigung ihres Krieges wurden von den Rot-Grünen Regierungsmitgliedern und Funktionär*innen massenhaft Lügen verbreitet, etwa der von Scharping erfundene „Hufeisen-Plan“. Die NATO-Vorbereitung des Krieges umfasste – neben der systematischen Dämonisierung der serbischen Konfliktpartei – die Inszenierung eines Kriegsgrundes mit dem „Massaker von Račak“ sowie das kalkulierte Scheitern der Verhandlungen in Rambouillet: „Tatsächlich hatten die westlichen Verhandlungsführer maximale Zugeständnisse eingefordert: Ein erst nach Kriegsbeginn öffentlich gewordener Teil des Vertragsentwurfs (‚Annex B‘) sollte NATO-Truppen ungehinderte Bewegungs- und Straffreiheit in ganz Jugoslawien verleihen, also faktisch ein Besatzungsregime ermöglichen. Ein Ansinnen, das jeder souveräne Staat abgelehnt hätte“ (S. 81). Und so lief im Radio „Sex Bomb“ von Tom Jones als Soundtrack der NATO-Aggression, und im „Morgenmagazin“ von ARD/ZDF wurde bei Sonnenschein wieder vom „Bombenwetter“ gesprochen. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg ist der Präzedenzfall, der das Verhältnis zwischen der NATO und Russland, und damit die Weltpolitik, bis heute bestimmt: „Als der russische Präsident Wladimir Putin der russischen Bevölkerung den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine verkündete, kopierte er gleichermaßen die Argumentation der NATO von 1999“ (S. 85 f.). Tja …

Fast 20 Jahre dauerte der Kriegseinsatz und die Besatzung von Afghanistan: Emran Feroz nennt im Sammelband die Schlüsselereignisse der „Operation Enduring Freedom“: die fast ausnahmslose Zusammenarbeit des Westens mit Warlords, deren Kriegsverbrechen bekannt waren, und die – neben der Unterdrückung im Auftrag der westlichen Armeen – von Korruption und Drogenhandel lebten. Der schreckliche Höhepunkt deutscher Präsenz war die Affäre um Oberst Klein, der 2009 regelwidrig die Bombardierung von zwei Tanklastern in Kunduz befahl. Dabei wurden über 150 Menschen getötet, und es war für die Angehörigen der Opfer nicht möglich, angemessene Entschädigungen durch Deutschland zu erreichen: „Deutlich besser davon kam Georg Klein. Ein Disziplinarverfahren in Deutschland fand nicht statt. 2012 wurde er sogar zum General befördert: ein Schlag ins Gesicht der Opfer von Kunduz“ (S. 90). Das Zurücklassen der Ortskräfte beendete den verlorenen Krieg der Bundeswehr. „Weder die NATO noch die Bundeswehr geschweige denn das US-Militär sind an einer ernsthaften Aufarbeitung des Krieges interessiert. Viele Kriegsverbrechen von NATO-Truppen werden wohl wahrscheinlich erst in den kommenden Jahren oder gar Jahrzehnten ans Licht der Öffentlichkeit kommen“ (S. 92).

Vor Kurzem wurde nach über zehn Jahren auch der seltsame Bundeswehreinsatz in Mali und der erweiterten Sahelregion beendet – auch er ist gescheitert, wie Daniel Frede und Jakob Reimann feststellen (S. 94 ff.).

Nicht alle Artikel des Bandes enthalten das, was sie ankündigen. Renate Dillmanns Beitrag über die PR-Kampagnen der Bundeswehr endet mit der Worthülse „Amerikanisierung der Verhältnisse“, was den Lesenden nicht weiterhilft. Und Thomas Winklmeier verirrt sich beim Versuch, die Gründe für Aufrüstung und Kriegstreiberei in der BRD darzulegen, leider in der oberflächlichen Anwendung politökonomischer Kategorien („die tarngefleckte Hand des Marktes“ und ähnliche).

Jörg Kronauer möchte in seinem Artikel „Die Bundeswehr als Mittel deutscher Machtprojektion“ den aggressiven Charakter deutscher Auslandseinsätze aufzeigen. Seltsamerweise schreibt er in diesem Zusammenhang: „Im November 2023 erklärte der damalige EU-Außenbeauftragte Josep Borrell mit Blick auf den Gaza-Krieg, ‚wir Europäer‘ müssten schon ‚aus Eigeninteresse‘ stärkere Aktivitäten in Nahost entfalten; denn davon werde ‚ein bedeutender Teil der künftigen globalen Rolle der EU‘ abhängen“ (S. 177). Hier liegt ein – absichtliches? – Missverstehen seitens des Kollegen Kronauer vor. Denn der Kontext von Borrells Äußerungen ist ein vollkommen anderer, war Borrell doch der einzige hochrangige EU-Vertreter, der sich schon im November 2023 klar gegen den Genozid in Gaza gestellt hatte. Seine Position als Beweis einer aggressiven und expansiven EU-Außenpolitik anzuführen ist einfach falsch.

Ein tatsachenbasiertes Bild der deutschen Israel-Palästina-Politik ergibt sich nur, wenn man die reale Rolle der Bundesregierung in den Blick nimmt: Deutschland steht unbedingt und (nahezu) bedingungslos hinter der offen faschistischen israelischen Regierung – schöngeredet als sogenannte Staatsräson. Die politische Rückendeckung für Israel innerhalb der EU und auf globaler Ebene, die Hofierung von Kriegsverbrechern sowie kontinuierliche Waffenlieferungen haben den Völkermord politisch ermöglicht. Diese Strategie hat die EU faktisch gelähmt. Zu ihr gehören seit Jahrzehnten auch zahlreiche militärische Kooperationen der Bundeswehr mit der israelischen Armee. Bundeswehr und IDF sind Verbündete – genau diese Form der Machtprojektion bleibt bei Kronauer ausgeblendet.

Mit Ulrike Eifler und Jakob Reimann finden sich im Buch zwei Autorinnen, die sich faktenbasierten Analysen verpflichtet fühlen und die ihre Ressourcen beständig an prominenter Stelle in die Palästina-Solidarität einbringen.

Andrea Röpke berichtet über die Verbindungen zwischen Bundeswehrsoldaten und der politischen Rechten, vor allem in Gestalt der Partei AfD. Viele skandalöse Vorfälle und personelle Verflechtungen werden von der Autorin aufgedeckt – aus der Zeit nach und auch vor der AfD-Gründung. Dabei konstatiert sie: „Strukturelle Ähnlichkeiten zwischen rechtsextremer Partei und Armee bieten straffe Hierarchien, wenig innere Demokratie, unbedingten Nationalismus verbunden mit Geschichtsverklärung“ (S. 138). Allerdings diskutiert sie weder die von ihr selbst genannte strukturelle noch die historische Frage nach der Bedeutung der gefährlichen deutschen Militärtradition. Das Eiserne Kreuz als Hoheitszeichen der Bundeswehr? Das Wachbataillon, die Repräsentationstruppe der BRD, mit „Helm ab zum Gebet!“? Das Wachbataillon stammt in Auftreten und Herkunft ausschließlich aus Kaiserreich und Wehrmacht ab. Es stellt sich die Frage, ob dies nur Folklore ist oder diese reaktionären Traditionen handlungsleitend für die Bundeswehr sind. Und: „Der AfD geht es bei der Forderung nach einer starken Bundeswehr nicht um Friedenspolitik, sondern vielmehr um bewaffnete Stärke und die Aufwertung eines elitären Soldatentums“ (S. 138). Spricht sie sich hier für Militarisierung ohne Militarismus aus? Und welche „Friedenspolitik“ kann die Bundeswehr vertreten?

Trotz der oben genannten Kritik an einzelnen Autor*innen: Das Buch ist Teil der lebendigen Friedensbewegung der BRD und unbedingt zu empfehlen.

AK Militarismus (Hrsg.): Die große Mobilisierung – Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung bis zur Kriegstüchtigkeit, Köln, 2025, Papyrossa.

Das Buch kann für 16,90 Euro hier bei PapyRossa erworben werden.

Erstveröffentlichung bei etos.media

Neuerscheinung: Martin Veith: Die anarchistisch-syndikalistische Arbeiter:innenbewegung in Rumänien

Das Buchcover zeigt verschiedene historische Fotos und Zeitungen aus der rumänischen Geschichte
Martin Veith: „Heute gehört die Welt wenigen. Morgen allen!“ Antikapitalistische Kämpfe und die anarchistisch-syndikalistische Arbeiter:innenbewegung in Rumänien bis 1914. Edition Syfo Nr. 12. Herausgegeben vom Institut für Syndikalismusforschung | November 2025 | 52 Seiten | A5 | Spendenempfehlung 5€ (+ Porto)

„Heute gehört die Welt wenigen. Morgen allen!“ Antikapitalistische Kämpfe und die anarchistisch-syndikalistische Arbeiter:innenbewegung in Rumänien bis 1914.

Dieser Text bietet einen fundierten und komprimierten Überblick zur Geschichte des Anarcho-Syndikalismus in Rumänien. Über gesellschaftlich bedeutende Arbeits- und Klassenkämpfe wird berichtet, anarcho-syndikalistische Protagonist:innen vorgestellt. Syndikalistische Hochburgen wie Câmpina und das Prahovatal sowie die Hafen- und Handelsstädte Brăila und Galați beleuchtet. Die Zeitspanne reicht von der Entstehung um 1900 über seine Hochzeit um 1911 bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs und der sozialen Revolution im Russischen Zarenreich.

Ebenso wie in anderen Ländern, wurde die revolutionäre Arbeiter:innenbewegung und anarcho-syndikalistische und anarchistische Bewegung in Rumänien von einem repressiven Staat blutig bekämpft. Marxisten agierten mit Verleumdungen, Verboten, Ausgrenzung und Zensur innerhalb der Gewerkschafts- und Arbeiter:innenbewegung, um den Einfluss des Anarcho-Syndikalismus zu schwächen. Auf den Punkt gebracht kommentierte der Anarcho-Syndikalist Grigore Constantinescu aus Galați dieses Verhalten mit den Worten: „Die üblen Verleumdungen gegen uns liegen darin begründet, dass wir keine Sozialdemokraten sind, keine Heuchler, keine Politiker, die aus dem Elend der Arbeiter ihren Profit schlagen, sondern Arbeiter, die sich um ihre eigenen Interessen kümmern.“

Das Ziel des Anarcho-Syndikalismus ist eine freie Gesellschaft, basierend auf bedarfsorientierter Produktion und Verteilung durch die Selbstorganisation der Arbeitenden in ihren Gewerkschaften, föderalistischer betrieblicher und gesellschaftlicher Selbstverwaltung und Solidarität, menschenwürdigen, umweltfreundlichen Arbeitsbedingungen und der Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums.

Quellenangaben und Hinweise auf weiterführende Literatur laden zur intensiveren Auseinandersetzung mit dem Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Rumänien ein.

Der Verfasser Martin Veith forscht seit vielen Jahren zu diesem Bereich und ist Autor mehrerer Sachbücher, Studien und Artikel zur Geschichte von Anarchismus, Anarcho-Syndikalismus, der rumänischen Arbeiter:innenbewegung und Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis:
Zwei „Generationen“ der Arbeiterbewegung
Sammelbewegung Comisia Generală a Sindicatelor din România und România Muncitoare
Minderheitenbewegung
Die zwei Strömungen des Anarcho-Syndikalismus
Gesellschaftliche Realitäten
Hochburg des revolutionären Syndikalismus – Câmpina
Arbeit als Hölle auf Erden
Hochburgen des revolutionären Syndikalismus: Brăila und Galați
Marxisten für Rationalisierungsmaßnahmen – Revolutionäre Syndikalisten für die Arbeiter
Der Kampf gegen die Lastkräne – Vorbote einer sozialen Revolution?
Militär besetzt den Hafen, terrorisiert Wohnquartiere und nimmt Zwangsarbeiter
Die Transportarbeitergewerkschaft propagiert die Volksbewaffnung und das Milizensystem
Ein Fazit zu diesen Kämpfen
Rumänien und der Anarcho-Syndikalismus – ein kurzes Fazit

Martin Veith: „Heute gehört die Welt wenigen. Morgen allen!“ Antikapitalistische Kämpfe und die anarchistisch-syndikalistische Arbeiter:innenbewegung in Rumänien bis 1914. Edition Syfo Nr. 12. Herausgegeben vom Institut für Syndikalismusforschung | November 2025 | 52 Seiten | A5 | Spendenempfehlung 5€ (+ Porto)

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Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg

Das Buchcover zeigt eine Person, die eine Kerze anzündet. Dahinter ein Transparent mit dem Text "Palestinians and Jews for Peace"
Bernd Drücke (Hg.)
Die Kriegslogik durchbrechen!
Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg
14,90 € beim Verlag
Der Sammelband 'Kriegslogik durchbrechen' soll dazu beitragen, dass politische Diskussionen in einem Klima geführt werden können, das nicht von Einschüchterung geprägt ist. Zu Wort kommen Menschen, die sich für Aussöhnung und eine solidarische Gesellschaft jenseits von Nationalismus, Herrschaft und Gewalt einsetzen. Die Aktivist*innen u.a. von New Profile, Combatants for Peace und Palestinians and Jews for Peace weigern sich, Feinde zu sein. Sie solidarisieren sich mit den Geiseln, den Angehörigen der Opfer von Gewalt in Israel und Palästina, den Geflüchteten und Menschen, die sich dem Mord auf Kommando verweigern. Sie stellen sich sowohl gegen den Terror der islamistischen Hamas als auch gegen den der extrem rechten Netanjahu-Regierung.

Das Buch dokumentiert Beiträge, die vom 7. Oktober 2023 bis zum (mittlerweile gebrochenen) Waffenstillstand am 19. Januar 2025 in der Monatszeitschrift Graswurzelrevolution (GWR) erschienen sind, sowie ein aktuelles Geleitwort von Moshe Zuckermann und einen Beitrag aus der GWR 500 vom Sommer 2025 als Nachtrag.

Wann: Freitag 12. Dezember um 20 Uhr
Wo: Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a, 2. Hinterhof, Metro-Station Mehringdamm

Eintritt: frei!



Loblied auf den Herbst und Rituale oder: Margaret redet über Blätter, Hunde, Geister und Priester

Dieses Wochenende bin ich auf der Another Carolina Anarchist Bookfair in Asheville, North Carolina, und habe dort einen Stand für Strangers in a Tangled Wilderness.

Strangers hat diese Woche eine ganze Reihe neuer Sachen, darunter das Hörbuch von The Lamb Will Slaughter the Lion. (Das sollte bald über Hörbuch-Apps verfügbar sein, es dauert nur eine Weile, bis es im System verfügbar ist). Ich arbeite auch an den Hörbüchern zu den Büchern 2 und 3 der Danielle-Cain-Reihe.

Außerdem gibt es jetzt zwei Rückenaufnäher. Der eine ist „Uliksi“ aus den Danielle-Cain-Büchern mit einem Motiv von Robin Savage. Der andere ist „der Rückenaufnäher, den ich auf meiner eigenen Weste trage“, inspiriert von meinen historischen Recherchen, ein Zitat von Willem Arondeus, dem schwulen Antifaschisten, der Nazi-Akten verbrannt hat und in seinem letzten Brief an die Welt schrieb: „Lasst es bekannt sein, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“ Und schließlich gibt es jetzt auf vielfachen Wunsch auch Strangers in a Tangled Wilderness-Hoodies.

Ich werde diesen Herbst und Winter weniger Veranstaltungen machen, weil ich viel zu schreiben habe. Aber hoffentlich bedeutet das, dass ich bald mehr über neue Arbeiten berichten kann.

Loblied auf den Herbst und Rituale


„Du weißt, dass du gestorben bist, wenn die Dinge um dich herum aufhören zu sterben.“

Elías Contreras, aus „The Uncomfortable Dead“

Das Foto zeigt einen Herbstwald, durch den ein mit abgefallenen Blättern bedeckter Weg führt
Herbstwald in Deutschland
Foto: Martin.Heiss
Lizenz: CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Die Blätter waren sich nicht ganz sicher, was sie dieses Jahr tun sollten, aber jetzt fangen sie endlich an, sich zu verfärben und zu fallen – obwohl das Wetter noch warm ist. Ich würde das Wetter als untypisch bezeichnen, aber „untypisch“ ist heutzutage ein ziemlich bedeutungsloser Begriff. Die Jahreszeiten bringen, was sie bringen, egal, was wir denken, dass sie bringen sollten.

Das beste Spiel der Welt ist, wenn du meinen Hund fragst, „Blätterkicken“. Das Spiel ist einfach: Ich kicke Blätter, und Rintrah springt in die Luft, um sie zu fangen. Jeden Morgen auf unserem Spaziergang bin ich vom Kicken erschöpft, bevor er vom Springen und Laufen erschöpft ist. Varianten des Spiels sind „Bachwasser-Kicken“ und „Schnee-Kicken“, die wahrscheinlich keiner weiteren Erklärung bedürfen.

Wenn die Tage kürzer werden, nehmen wir die Sonne nicht mehr so selbstverständlich hin. Da Blätter und Licht für dieses Jahr verblassen, ist es ganz natürlich, dass wir über den Tod um uns herum und den Tod, der uns erwartet, nachdenken – und es wird dich nicht überraschen, dass ich darin Trost und Schönheit finde. Es ist der Tod, der uns umgibt, der uns zum Leben führt.

Ich baue nicht viele Rituale direkt in mein Leben ein. Ich möchte gerne mehr mit Magie zu tun haben, als ich es derzeit tue. In den meisten Jahren bringe ich mich dazu, mit Freunden Kürbisse zu schnitzen. In den meisten Jahren schaffe ich es, ein paar schöne Wanderungen zu machen, während die Blätter noch in der Luft schweben. Ich nehme mir immer etwas Zeit, um mich hinzusetzen und die Blätter zu beobachten. Vor ein paar Jahren haben eine Freundin und ich ein „dumb supper” veranstaltet und beim Abendessen einen Teller für die Toten gedeckt und mit ihnen gesprochen, als wären sie im Raum.

An diesem Abend sprach ich hauptsächlich mit meiner Tante, der Katholikin, die lesbisch war und sich selbst gegenüber nicht offen dazu bekannte. Ich kann nicht behaupten, dass sie ein glückliches Leben geführt hat, und dafür mache ich meistens die Kirche verantwortlich, die ihr beigebracht hat, dass sie nicht sie selbst sein sollte. Als ich an diesem Abend mit ihr sprach, knüpfte ich an das Gespräch an, das wir an ihrem Sterbebett unterbrochen hatten, als sie mir endlich die Fragen stellte, die sie sich aus Angst nicht zu stellen getraut hatte, nämlich die zu meinem Geschlecht.

Nachdem sie gestorben war, erzählte ich ihr von meinem Leben und was ich über ihr Leben dachte und wie ihr Leben und ihr Tod mich verändert hatten. Vielleicht habe ich ihr erzählt, wie ich nach der Beerdigung zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder zur Beichte gegangen bin, in derselben Kirche, in der ich aufgewachsen war. Ich hätte meiner Tante vielleicht erzählt, wie ich den Priester dreißig Minuten lang über Theologie und Sünde ausgefragt habe, bevor ich bereit war, zu beichten. Wie ich ihm gesagt habe, dass ich mich für nichts entschuldigen würde, was mir nicht leid tut. Ich glaube, er dachte, ich meinte damit, dass ich eine Transfrau bin, aber ich meinte all die Ladendiebstähle, die ich in meiner Jugend in Geschäften begangen habe. Das bereue ich nicht. Ich habe nur wegen der Risikoanalyse damit aufgehört. Ich bereute auch nicht, dass ich nicht in die Kirche gegangen bin, dass ich mich nicht an der Hierarchie beteiligt habe, die die Welt gespalten hat, wie es alle Hierarchien tun, egal wie edel die Absichten ihrer Gründer auch sein mögen.

Es gab eine Menge Dinge, die mir nicht leid taten. Aber es gab auch einige Dinge, die mir leid taten, und ich glaube, ich habe meine Tante ein bisschen besser verstanden, indem ich zur Beichte gegangen bin und mit jemandem darüber gesprochen habe, inwiefern ich mein ganzes Leben lang versagt habe, mein bestes Ich zu sein.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich dem Priester erzählt habe, und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich meiner Tante erzählt habe, als ihr Geist auf dem Stuhl saß, vor dem ein Teller mit Ravioli stand.

Das stille Abendmahl war nicht einfach. Es ist nicht leicht, einen leeren Stuhl anzusehen und die Luft darüber wie einen alten Freund anzusprechen. Ich bin froh, dass ich es getan habe, aber es war nicht einfach.

Ich denke, die meisten Zauber, echte Zauber, die einen verwandeln, sind nie einfach.

Genau wie das Ritual, das wir alle irgendwann mal machen werden, das Ritual, das uns vom Leben in den Tod führt. Das wird nicht einfach sein. Es wird schön sein, aber obwohl ich ein Goth bin, misstraue ich der Endgültigkeit, deshalb möchte ich es so viele Jahrzehnte wie möglich hinauszögern.

Ich sage den Leuten, dass ich Magie nicht oft praktiziere, weil ich daran glaube. Warum sollte ich etwas so Mächtiges einfach so in mein Leben integrieren?

Ich denke, Leaf Kick ist nach diesem Maßstab kein Ritual, keine Magie. Leaf Kick ist einfach. Ich trete gegen die Blätter, und der Welpe (der kein Welpe mehr ist) springt in die Luft, schnappt mit dem Maul und ist glücklich.

Hunde zwingen einen, wie der Herbst, sich mit dem Tod und der Verwandlung auseinanderzusetzen, denn ich schwöre, als ich das letzte Mal hinschaute, war mein Hund ein Welpe, und wenn ich blinzele, wird er ein alter Hund sein, und wenn ich noch einmal blinzele, wird er ein weniger diskreter Teil des Universums sein und auf mich warten. Jedes Mal, wenn ich ihn so fröhlich und lebendig sehe, habe ich das Gefühl, ich könnte die Zukunft und die Vergangenheit gleichzeitig sehen. Er ist ein Welpe, ein junger Hund, ein alter Hund und ein Geist zugleich, genau wie wir alle.

Jetzt ist Herbst, weil ich geblinzelt habe und der Sommer vorbei war, und ich werde blinzeln und es wird Winter, Frühling und Sommer. Es werden alle Jahreszeiten auf einmal sein, und wir können jede einzelne genießen, bevor wir wie Blätter von den Bäumen fallen.

Quelle: In Praise of Autumn and Ritual or: Margaret talks about leaves and dogs and ghosts and priests by Margaret Killjoy, 24. September 2025

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 11: Rigoberto López Pérez vs. Anastasio Somoza García

Das Foto zeigt Rigoberto López Pérez
Rigoberto López Pérez 13. Mai 1929 in Leon, Nicaragua; † 21. September 1956 ebenda
Am 21. September 1956 fand der nicaraguanische Dichter Rigoberto Pérez Einlass zu einem Wahlkonvent in der Casa de Obrero in León, auf dem sich Anastasio Somoza García zur Wiederwahl aufstellen ließ. Er verkleidete sich als Kellner, konnte so in die unmittelbare Nähe des Präsidenten gelangen und ihn durch fünf Schüsse aus seiner Smith & Wesson .38 & .32 Double Action schwer verletzen. Die umstehenden Guardias Nacionales der Leibwache Somozas erschossen Lopéz Pérez unmittelbar darauf. Anastasio Somoza García wurde kurze Zeit später mit einem Militärflugzeug in die damals noch den USA unterstehende Panamakanal-Zone in das US-Militärkrankenhaus Hospital Gorgas gebracht, wo er 8 Tage später verstarb. Nach dem Tod von Anastasio Somoza García folgte ihm sein Sohn Luís Somoza Debayle als Präsident Nicaraguas.

“Yo estoy sufriendo.
Yo tengo el dolor de toda mi patria
y en mis venas anda un héroe buscando la libertad.
Las flores de mis días siempre estarán marchitas
si la sangre del tirano está en sus venas.
Yo estoy buscando al pez de la libertad
en la muerte del tirano”.

"Ich leide.
Ich trage den Schmerz meiner ganzen Heimat in mir,
und in meinen Adern fließt ein Held, der nach Freiheit strebt.
Die Blumen meiner Tage werden immer verwelkt sein,
wenn das Blut des Tyrannen in seinen Adern fließt.
Ich suche den Fisch der Freiheit
im Tod des Tyrannen."

Rigoberto López Pérez

Brief von Rigoberto an seine Mutter, San Salvador, 4. September 1956

Meine liebe Mutter:

Obwohl Sie es nie gewusst haben, habe ich mich stets an allen Bemühungen beteiligt, das verhängnisvolle Regime unseres Landes zu bekämpfen. Angesichts der Tatsache, dass alle Anstrengungen, Nicaragua wieder (oder zum ersten Mal) zu einem freien, uneingeschränkten und makellosen Land zu machen, erfolglos geblieben sind, habe ich mich entschlossen, auch wenn meine Mitstreiter dies nicht akzeptieren wollten, selbst den Anfang vom Ende dieser Tyrannei einzuleiten. Sollte Gott wollen, dass ich bei meinem Versuch scheitere, möchte ich, dass niemand dafür verantwortlich gemacht wird, denn alles war meine Entscheidung. (...)

Zwei Jahre nach dem Sieg der sandinistischen Revolution wurde Rigoberto López Pérez, der mit seinem Engagement und seiner Opferbereitschaft für die Freiheit Nicaraguas den Anfang vom Ende der Tyrannei Somoza markierte, durch das Dekret Nr. 536 zum Nationalhelden erklärt.


Danke an H. für den Hinweis und Informationen


Die Hexe, die meine Albträume besiegte oder: Von Träumen, Magie und Welpen

Das Foto zeigt die im Beitrag angesprochenen Zines
Das Foto zeigt die im Beitrag angesprochenen Zines
Ich habe ein neues Zine rausgebracht, ein schickes doppelseitiges Doppel-Zine, das meine Essays „Hurrah for Anarchy: A History of May Day, Haymarket, and the Chicago Anarchists” und „Anarchism & Its Misunderstanders: On Supply Chains & Buried History” enthält. Auf der einen Seite ist ein Zine, auf der anderen Seite ein zweites. Es ist wunderschön, mit einem Offset-Druck-Cover von Eberhardt Press. Dieses Foto wird der Metallic-Farbe nicht gerecht.

Ich werde am Black Cat Book Fair in Belfast, Maine, am 23. August sein, um Strangers in a Tangled Wilderness vorzustellen und einen Vortrag zu halten.

In der Folge von „Cool People Who Did Cool Stuff” dieser Woche geht es um Indymedia, das freiwillige Medienkollektiv, das die Funktionsweise des Internets (zum Guten und zum Schlechten) verändert hat, während es Methoden zur Berichterstattung über Proteste entwickelte.

Ich arbeite gerade an der Aufnahme von Hörbüchern für die Danielle-Cain-Reihe und hoffe, euch bald mehr darüber berichten zu können.

Die Hexe, die meine Albträume heilte

Letzte Nacht, mitten in ein paar anderen, viel schöneren Träumen, träumte ich, dass ich von Bereitschaftspolizisten in ein Gebäude getrieben wurde, die dann bewaffnet und schreiend versuchten, einzubrechen.

Vor Jahrzehnten hatte ich jede Nacht Albträume, in denen mich die Polizei verfolgte. Das ging monatelang so, und jede Nacht wachte ich keuchend vor Angst oder Erschöpfung auf, weil ich gerade gerannt war und die Bullen mich gerade erwischt hatten.

Ich war damals zwanzig Jahre alt und verbrachte die meisten Tage damit, Anti-Kriegs-Demonstrationen in Portland zu organisieren, und die meisten Nächte damit, mit dem Fahrrad von Müllcontainer zu Müllcontainer zu fahren, um nach Essen zu suchen. In meinen Träumen habe ich vielleicht geklaut, oder ich habe in Müllcontainern gewühlt, oder ich war bei einer Demo, oder ich bin einfach nur die Straße entlanggelaufen, und ein Polizist oder mehrere Polizisten kamen auf mich zu. Ich rannte weg oder fuhr mit dem Fahrrad davon, und sie rannten hinter mir her oder verfolgten mich mit dem Auto, und ich konnte ihnen nie entkommen.

Mit zwanzig dachte ich, dass ich mit dreißig entweder tot oder im Gefängnis sein würde. Ich weiß, wie dramatisch das klingt, aber ich war ein sehr dramatischer junger Erwachsener. Die Polizei in Portland hat hart daran gearbeitet, uns Angst einzujagen, und ich muss leider sagen, dass sie damit zumindest eine Zeit lang ziemlich erfolgreich war. Ich kannte einen Anti-Kriegs-Aktivisten, bei dem die Bullen in seine Wohnung eingebrochen sind und ihn an seinem eigenen Schreibtisch blutig geschlagen haben. Ein anderer wurde von den Bullen erkannt, als er auf den Bus wartete, und die Bullen haben ihn zusammengeschlagen.

Ein anderes Mal wurde ein komplett schwarz gekleideter Punk mitten in der Nacht auf der Straße von Polizisten angegriffen, die ihn blutig schlugen und dabei Sachen riefen wie „Bist du ein Anarchist?“. Ein paar der Polizisten aus Portland, die ich beim Namen kannte – und die vielleicht auch mich kannten – wurden erfolgreich wegen Folter mit Pfefferspray verklagt, waren aber immer noch im Dienst.

Einer dieser Polizisten, Captain Mark Kruger, wurde kurzzeitig suspendiert, weil er in einem Park in Portland Gedenktafeln für tote Nazi-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht hatte.

Kruger ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil er ein ziemlich überzeugter Nazi war, weil er immer auf der Straße stand und die Bereitschaftspolizei befehligte und weil es ein Video gab, in dem er lachte und lachte, während er eine Frau mit Pfefferspray besprühte, die sich an einen Parkautomaten klammerte, nichts sehen konnte und nicht fliehen konnte.

Ein anderes Mal richtete er einen Munitionswerfer (im Grunde genommen einen Granatwerfer) aus etwa anderthalb Metern Entfernung direkt auf mein Gesicht. Jahrelang dachte ich, ich wäre weggerannt, nachdem er das getan hatte, aber ein Freund, der dabei war, sagte mir, dass meine Standhaftigkeit ihm den Mut gegeben habe, ebenfalls standhaft zu bleiben.

Zum Teil wegen einem Typen namens Kruger hatte ich jede Nacht Albträume. Ich würde das nicht in eine Geschichte schreiben, das wäre zu abgedroschen, selbst ohne ihm Messerhandschuhe oder einen gestreiften Pullover zu geben.

Ich hatte jede Nacht Albträume, bis mich eine Hexe geheilt hat, und seitdem hatte ich nie wieder solche Albträume.

Ich glaube, ich glaube ein bisschen an Magie.

Aber ich glaube nicht an fast alle, die behaupten, Magie zu praktizieren. Ich hänge nicht in Kristallgeschäften rum und denke, wenn Magie wiederholbare Effekte erzielen könnte, wäre es einfach Wissenschaft.

Ich kann dir nicht genau sagen, was ich glaube, was Magie bewirken kann.

Ich kann dir aber sagen, dass ich nach einem Frühling und Sommer voller Proteste, Unruhen und allerlei Spaß und Traumata erschöpft war. Ich hatte keinen festen Wohnsitz – und würde in absehbarer Zukunft auch keinen haben – und ich hatte kein Auto und wollte einfach nur raus aus der Stadt.

Ich hörte von einem Treffen heidnischer Aktivisten im Wald, das von dieser Hexe Starhawk organisiert wurde, die ich von den oben erwähnten Protesten, Unruhen, dem Spaß und den traumatischen Erlebnissen ein wenig kannte. Wir hatten ein paar Mal zusammen abgehangen, waren aber nicht eng befreundet.

Einmal hatte ich in Sacramento beim Willkommenscenter einer großen Anti-Globalisierungsdemo für die Sicherheit gesorgt, was bedeutete, dass ich jede Nacht mit einer Videokamera bewaffnet dort geblieben war und jedes Mal losgerannt war, um die Polizei zu filmen, wenn sie Leute in der Nähe schikanierte. Ich hatte seit etwa 50 Stunden nicht geschlafen und hatte leichte Halluzinationen, als ich auf der Couch saß und Starhawk hereinkam. Sie war gerade von der Polizei mit einem Taser beschossen worden, was ihr eine Verbrennung in Form eines Schmetterlings an der Seite hinterlassen hatte, und sie war erschöpft, und ich war erschöpft, und wir verbrachten einige Zeit zusammen, erschöpft zusammen.

Als ich dann Monate oder ein Jahr später eine Einladung in ihr Camp im Wald bekam, ging ich hin. Ich war nicht überzeugt. Ich sagte den Leuten damals, dass ich zum Hexencamp gehen würde, wie ein Atheist zur Kirche geht, nur wegen der Gesellschaft und der Lieder. Ich verbrachte ein Wochenende damit, im Wald zu schlafen, so dass die Polizei mich nicht finden konnte, zusammengerollt in einem Schlafsack am Flussufer. Ich wachte immer noch aus Träumen auf, in denen ich verfolgt wurde. Und ich nahm an Ritualen teil, an die ich nicht glaubte.

Ich weiß nicht, wie man solche Rituale in Worten beschreibt, also bleib ich mal vage (so könnt ihr euch was viel Skandalöseres vorstellen, als es tatsächlich war). Bei einem Ritual sollten wir Dinge nennen, die wir loswerden wollten. Alle gingen herum und sagten irgendwelche vagen Sachen. Ich sagte: „Ich will diese Albträume von Polizisten loswerden.“

„Magpie, komm her“, sagte Starhawk und zog mich aus der Gruppe heraus. Sie reinigte meine Aura. Nein, ich weiß nicht wirklich, was das bedeutet. Sie zupfte einfach etwa fünf Sekunden lang an der Luft um mich herum, als würde sie Kletten aus dem Fell eines Tieres ziehen. Ich kehrte zum Ritual zurück.

Ich habe diese Träume nie wieder gehabt.

Man könnte das natürlich als Placebo-Effekt abtun. Der Placebo-Effekt wirkt ja auch, wenn man weiß, dass es ein Placebo ist, also ist es letztendlich egal, dass ich nicht wirklich an Magie geglaubt habe.

Mir ist es auch egal, ob es der Placebo-Effekt war. Ich weiß einfach, dass Starhawk mich innerhalb von Sekunden von einem bestimmten Leiden geheilt hat.

Ich lege viel Wert auf meine Träume, weil ich gerne wissen möchte, was in meinem Unterbewusstsein vor sich geht. Träume können dir sagen, was du willst – etwas, das im Wachleben verdammt schwer zu erkennen ist –, wovor du Angst hast und wie du über diesen oder jenen Teil deines Lebens denkst.

Sie können nicht die Zukunft vorhersagen, denn nichts kann die Zukunft vorhersagen, weil wir einen freien Willen haben und die Zukunft unbestimmbar ist.

Träume können dir aber sagen, wie du über den Weg denkst, den du eingeschlagen hast, und ob dieser Weg wahrscheinlich gut für dich ist.

Träume sind auch der Ort, an den wir unsere ungelösten Ängste verbannen, die wir tief in uns vergraben, damit wir unseren Alltag bewältigen können. Und sie sind der Ort, an den wir unsere Hoffnungen verbannen. Denn Hoffnungen und Ängste sind eng miteinander verflochten.

In der Nacht, in der ich in mein jetziges Haus gezogen bin, habe ich mich vielleicht noch nie so allein gefühlt. Ich hatte gerade die Isolation einer Hütte auf einem Landprojekt während Covid hinter mir, eine unvollständige Isolation, in der immer noch Menschen in Rufweite waren, und war in ein Haus viel tiefer in den Bergen gezogen, wo ich mich auf niemanden außer mich selbst verlassen konnte.

Das ist etwas, was wir in unserer Kultur fast positiv bewerten, oder? „Niemand, auf den ich mich verlassen kann, außer mir selbst.“ Es ist gut (glaube ich), selbstständig zu sein, aber es ist nicht gut, sein ganzes Leben so zu verbringen.

Ich zog in dieses Haus, stellte ein Feldbett in einem leeren, weiß getünchten Schlafzimmer auf und schlief. Ich träumte, dass hinter dem Haus ein Hügel war und ich diesen Hügel hinaufstieg, vorbei an Gruben voller Knochen, aber ich wusste, dass ich weitergehen musste.

Ich hatte fast jede Version von mir selbst überlebt, die ich mir vorgestellt hatte, und ich hatte so viele Freunde überlebt, und da war ich nun, kletterte immer noch, voller Angst.

Am nächsten Morgen rief meine Freundin an. Sie hatte Rintrah und seine Geschwister ein paar Wochen lang aufgenommen, nachdem sie sie am Straßenrand gefunden hatte. „Wenn du Rintrah nehmen willst, musst du es heute tun“, sagte sie.

Das Foto zeigt Rintrah als Welpen, der an einer Voodoo Puppe kaut
Rintrah als Welpe
Ich packte meinen Truck, fuhr zurück nach North Carolina, holte meinen Hund ab und brachte ihn nach Hause. Er war sieben Wochen alt und wog fast nichts. Während der Fahrt kroch er auf meine Schulter und schlief wie ein Kissen an meinem Hals.

In der zweiten Nacht in meinem Haus war Rintrah bei mir und ich war nicht mehr allein. Ich kann nicht behaupten, dass ich gut geschlafen habe – ich hatte einen sieben Wochen alten Welpen, den ich stubenrein machen musste, sodass ich monatelang nicht mehr als zwei Stunden am Stück schlief. Ich war benommen und mürrisch, und Rintrah schrie sich die Seele aus dem Leib und war überzeugt, dass es das Tollste auf der Welt war, mich zu beißen. Aber ich hatte keine Angst mehr. Weder wach noch schlafend.

Rintrah zittert manchmal im Schlaf und winselt, und ich kann Leute nicht verstehen, die nicht glauben, dass Hunde fühlende Wesen sind. Er träumt.

Ich lege meine Hand auf seine Flanke, wenn er zittert, und seine Augenlider öffnen sich einen Spalt, bevor sie mit unvermeidlichem Gewicht wieder zufallen, und er träumt weiter. Manchmal wecken mich Freunde, Liebhaber oder Partner aus schlechten Träumen, wenn ich neben ihnen schlafe, und es ist lustig, wie wir allein sind, wenn wir träumen, aber auch dann nicht allein.

Und wenn sie ihre Hand auf meine Brust legen, schließen sich meine Augen mit unvermeidlichem Gewicht, und ich träume weiter.

Und ich bin so vielen Menschen dankbar, und ich bin Rintrah dankbar, denn wir sind in diesem Leben nicht einsamer als ein Baum in einem Wald.

Und ich weiß immer noch nicht genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich an Magie glaube, aber dieses Geheimnis stört mich nicht.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Witch Who Cured My Nightmares or: on dreams and magic and puppies, 6. August 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Neuausgabe des Klassikers: ›Eine Geschichte des amerikanischen Volkes‹

Howard Zinn 2009 Foto: Jim from Stevens Point, WI, USA
Howard Zinn 2009
Foto: Jim from Stevens Point, WI, USA
Gerade lese ich, daß der März Verlag Berlin dieser Tage das absolut empfehlenswerte, zwischenzeitlich vergriffene Werk "Eine Geschichte des amerikanischen Volkes" von Howard ZInn neu herausbringt. Kauf- und Lesetipp!

"In schlechten Zeiten hoffnungsvoll zu sein, beruht auf der Tatsache, dass die menschliche Geschichte nicht nur von Grausamkeit, sondern auch von Mitgefühl, Aufopferung, Mut und Freundlichkeit geprägt ist.

Wenn wir nur das Schlimmste sehen, zerstört das unsere Fähigkeit, etwas zu tun. Wenn wir uns an die Zeiten und Orte erinnern, an denen sich Menschen großartig verhalten haben, gibt uns das die Kraft zu handeln. Und wenn wir handeln, und sei es auch nur im Kleinen, müssen wir nicht auf eine große utopische Zukunft warten.

Die Zukunft ist eine unendliche Folge von Geschenken, und jetzt so zu leben, wie wir denken, dass Menschen leben sollten, trotz allem Schlechten um uns herum, ist selbst ein wunderbarer Sieg."

Howard Zinn