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»Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!« Erich Kästner

Der Sinn von Erinnerungen oder: statt eines Tagebuchs

Ich ziehe mich langsam aus den sozialen Medien zurück, weil ich Meta, X, Google, Apple und die ganzen anderen großen Firmen loswerden will. Ich werde versuchen, euch hier auf dem Laufenden zu halten. Diese Woche gibt's allerdings nicht viel Neues. Ich plane gerade ein paar Tourtermine, aber die sind noch in weiter Ferne. Mein Buch „The Immortal Choir Holds Every Voice“ wird in ein paar Wochen erscheinen, und ihr könnt immer noch signierte Exemplare bei Firestorm Books vorbestellen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen persönlicheren Beitrag geschrieben habe, also hier ist er. Nächste Woche melde ich mich mit weiteren Gedanken dazu zurück, wie wir diese unsinnige Situation meistern können, mit der wir es gerade zu tun haben.

Der Zweck der Erinnerung


Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich nachts durch einen Wolkenkratzer in Seattle gelaufen bin, vorbei an leeren Büros, unsicher, ob ich am richtigen Ort war, mit meiner Akkordeon auf dem Rücken. Ich bog um eine Ecke und fand die Show. Alle Punks, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, hatten sich versammelt, um Protest- und Kriegslieder zu hören. Und plötzlich wusste ich, dass ich kein guter Musiker war, um mich der Band anzuschließen.

Das war keine falsche Bescheidenheit, keine Nervosität oder Lampenfieber. Ich war einfach nicht gut genug, um mich in den Lärm einzureihen. Ich lieh jemand anderem meine Ziehharmonika, aber bald legte er sie beiseite und spielte auf einer besseren, einer ohne undichte Balg.

Ich saß in der Ecke, die Kapuze über den Kopf gezogen, melancholisch, ohne traurig zu sein. Melancholie ohne Traurigkeit und Zufriedenheit ohne Freude sind meine ständigen Begleiter, egal ob ich wach bin oder träume. Alte Bekannte gingen an mir vorbei, ohne mich anzusprechen, dann kniete sich jemand, den ich entweder nicht kannte oder nicht mehr in Erinnerung hatte, neben mich, um nach mir zu sehen.

„Alles in Ordnung?“, fragten sie.

„Ja, alles in Ordnung“, antwortete ich. „Ich bin nur in Gedanken versunken.“

„Möchtest du etwas trinken?“

Ich wusste, dass ich ja sagen sollte, dass ich meine selbst auferlegte Isolation aufgeben und versuchen sollte, mich unter die Leute zu mischen, in deren Gesellschaft ich saß.

„Ich glaube, ich trinke nicht mehr“, sagte ich zu der Person, was auch stimmt, und sie ging.

Ich wachte auf und dachte an meine Ziehharmonika, die auf der Fensterbank in meinem Büro steht und selten gespielt wird.

Ich habe kein natürliches Talent für Musik. Ich bin ohne musikalisches Gehör und ohne Rhythmusgefühl geboren und aufgewachsen, und es hat intensives Lernen und Üben gekostet, um überhaupt etwas Musikalisches zu erreichen.

So wie ich es verstehe, ist Talent eine natürliche Begabung für etwas, aber Talent ist nicht erforderlich, um eine Fertigkeit zu erlernen. Ich kann Musik mit Schreiben vergleichen. Das Schreiben fällt mir leicht. Ich habe unglaublich viel geübt und gelernt, um das klarzustellen, aber diese Übung entspricht etwas Angeborenem und wird leichter belohnt.

Musik? Musikalische Erfolge liegen auf einem schlammigen Abhang, den ich mit purer Willenskraft erklommen habe, und trotzdem liegt der Abhang immer noch vor mir. Ich liebe die Musik, die ich gemacht habe. Jahrelang habe ich meinen kargen Lebensunterhalt damit verdient, auf der Straße Akkordeon zu spielen. Meine Bandkollegin Laura hat mir eine Testpressung unserer ersten Platte eingerahmt geschenkt, und vielleicht bin ich darauf stolzer als auf mein erstes Buch. Aber ich bin nicht einmal halb so guter Musiker, wie ich gerne wäre. Ich kann nicht einfach in eine Band einsteigen und wissen, was gespielt wird oder was ich dazu spielen soll. Ich kann Songs nur von Grund auf aufbauen – und das meist nur am Computer. Ich bin ein kompetenter Komponist und ein inkompetenter Performer.

Bei diesem Traum ging es aber letztendlich nicht um meine Unsicherheiten als Musikerin. Es ging darum, die Punks und Anarchisten zu finden, mit denen ich aufgewachsen bin, und darum, in Erinnerung zu bleiben und mich an Menschen zu erinnern.

Wisst ihr, ich habe in letzter Zeit sorgfältig versucht, Nostalgie zu vermeiden, mit mäßigem Erfolg. Aber jetzt, wo die Wände um die Antifaschisten in den USA immer näher rücken und unsere Zukunft unsicherer wird, denke ich darüber nach, wer ich bin, wer ich war und wer ich noch sein könnte. Nicht mit Traurigkeit, nicht mit Freude, sondern mit Melancholie und Zufriedenheit. Manchmal wurde mir gesagt, ich hätte wenig emotionale Affekte, und das mag stimmen, aber mein Gefühlsleben ist reich und nuanciert, auch wenn es nicht besonders dramatisch ist.

Ein alter Freund hat mich gestern wegen etwas kontaktiert, und ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Er erzählte mir von unseren gemeinsamen Zeiten in Denver und New York vor mehr als zwanzig Jahren und davon, wie ich ihn aufgemuntert habe, indem ich für ihn Akkordeon gespielt habe, nachdem er von einem gemeinsamen Freund versetzt worden war. Du weißt schon, der Typ mit dem Stick-and-Poke-Tattoo, auf dem „Never trust yuppie“ steht, und dem später noch ein „A“ hinzugefügt werden musste, damit es einen Sinn ergab.

Ein alter Freund hat mich kontaktiert und mir erzählt, wie wir in Jackson Heights schlechte Fernsehsendungen auf alten VHS-Kassetten geschaut haben, und die Geschichte kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Das Foto zeigt ein geöffnetes Tagebuch ohne Einträge, das auf einem grob gezimmerten Tisch liegt. Zwischen den aufgeschlagenen Seiten liegt ein Stift.
Foto: David Schwarzenberg, CC0, via Wikimedia Commons
Damals verstand ich noch nicht, wie Zeit und Erinnerung funktionieren. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es heute besser verstehe. Als ich anfing, per Anhalter zu fahren, auf Züge aufzuspringen und in besetzten Häusern zu leben, sagte mein Vater zu mir: „Führ ein Tagebuch, denn du wirst dich nicht an alles erinnern.“ Aber ich war 19 Jahre alt und ignorierte den Rat meines Vaters, als wäre es ein Vollzeitjob. Wie hätte ich mich nicht erinnern können?

Eines Tages, wahrscheinlich 2004, als ich allein in einem Baum in den Wäldern von Oregon saß, holte ich mein Notizbuch heraus und schrieb jede einzelne Mitfahrgelegenheit auf, die ich jemals beim Trampen bekommen hatte, weil ich mich an jede einzelne erinnern konnte. Man vergisst nicht die schwulen Fallschirmspringlehrer, die nicht wissen, dass sie schwul sind, die einen in Kansas City mitgenommen haben. Man vergisst nicht den Typen, der aussieht und klingt wie Jack Nicholson, aber wahrscheinlich nicht Jack Nicholson war. Man vergisst nicht die Lesben mit dem Pickup, die einen nicht vorne mitnehmen wollten, sondern einen wie Fracht die Pazifikküste entlang transportierten. Man vergisst das nicht, oder?

Ich schrieb die Liste auf und stellte fest, dass ich 99 Mitfahrgelegenheiten gehabt hatte. Als ich aus diesem Wald herauskam und von Eugene nach Portland fuhr, bekam ich meine 100. Mitfahrgelegenheit. Ein ziemlich unscheinbarer Mann (aber jede Mitfahrgelegenheit ist unvergesslich?), der mir, als ich ihm sagte, dass er meine 100. Mitfahrgelegenheit war, sagte, ich solle in einen Samtbeutel greifen und einen Preis herausholen.

Der Beutel war voller Kleinigkeiten, und ich zog einen kleinen Plastikstern heraus, der im Dunkeln leuchtet und vielleicht irgendwo in einer Kiste in meinem Keller liegt, aber wahrscheinlich nicht. Ich verbrachte fünfzehn Jahre auf einer wilden Suche, um zu sehen, wie oft ich von diesem Ort zu jenem Ort wandern konnte, um zu sehen, wie schnell ich mein Herz brechen konnte, um so zu tun, als würde ich keine Herzen brechen. Ich rannte von Protest zu Protest und von Stadt zu Stadt, überzeugt davon, dass jede Erinnerung allein dadurch, dass sie interessant war, in meinem Gehirn eingebrannt war. Aber heute hat sich ein alter Freund bei mir gemeldet, und ich erinnerte mich an das beschissene Tattoo seines Partners, aber ich erinnerte mich nicht an ihn.

Ich erinnerte mich an das Haus in Jackson Heights, wo wir rumhingen, weil ich mich daran erinnerte, dass ich auf einer Couch schlief, auf der irgendein Popstar gevögelt hatte (Kanye?), weil die Mutter eines der Punks für ein Tonstudio arbeitete und das Studio die Couch wegwerfen wollte, aber Punks sind verdammt eklig, also nahmen sie die Couch, und ich war eklig, also schlief ich darauf.

Meine Erinnerung ist ein Flickenteppich, und ich weiß, dass die Hälfte davon falsch ist, und alles ist ein Meer aus seltsamen kurzen Erinnerungen, und mein Vater hatte recht: Ich hätte besser aufschreiben sollen.

Die Sache ist jedoch, dass der Zweck der Erinnerung nicht darin besteht, Ereignisse in chronologischer Reihenfolge festzuhalten. Wir sind keine Computer. Wir bestehen aus Fleisch und Sternenstaub, und unsere Erinnerungen existieren, um uns als Wesen zu dienen, die aus diesen Dingen bestehen.

Wenn ich wach bin, kann ich Nostalgie gut in Schach halten. Ich lebe kein Leben voller rücksichtsloser Abenteuer mehr, in dem ich versuche, jeden Tag ein bisschen Adrenalin und Ruhm herauszuholen, aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben langweilig ist. Selbst wenn ich mir ein langweiliges Leben wünschen würde, würden die Klimakatastrophe und der Aufstieg des Faschismus dafür sorgen, dass „Langeweile“ nicht ganz oben auf meiner Liste potenzieller Beschwerden stehen würde. Wenn ich wach bin, lebe ich glücklich in der Gegenwart. Mein mieses Gedächtnis hilft mir dabei vielleicht sogar, denn der Nebel des Krieges verhüllt sowohl meine Vergangenheit als auch meine Zukunft.

Wenn ich aber träume, holt mich die Nostalgie regelmäßig ein. Ich habe diesen Traum, vielleicht einmal im Monat, in dem ich zurück nach Denver ziehe und versuche, meine alten Freunde zu finden. Ich gehe oft zu Häusern, die früher voller Punks, Sozialwohnungen, Müll, Fahrrädern, Gärten und noch mehr Müll waren. Manchmal sind die Häuser leer. Manchmal sind alte Freunde da, und vielleicht erkennen sie mich, vielleicht auch nicht, aber immer habe ich das Gefühl, dass etwas vorbei ist. Diese Leute, an die ich mich geklammert habe, während die Polizei mit Gummigeschossen schoss, diese Leute, mit denen ich gegen das Gesetz verstoßen habe, mit denen ich getrunken und geschlafen habe und mit denen ich Pläne geschmiedet habe, um die kapitalistische Regierung zu stürzen, sind verstreut. In diesen Träumen sind diese Leute weitergezogen, oder sie sind gestorben, oder sie haben sich nach einer Jugend voller lauter Verzweiflung in ein Leben in stiller Verzweiflung gefügt.

Es ist also irgendwie ironisch, dass ich im echten Leben andere Leute genauso vergessen habe, wie sie mich vielleicht vergessen haben.

Im echten Leben kenne ich immer noch viele von denen, die überlebt haben. Aus Denver und von überall her. Vielleicht sind die meisten von uns nicht mehr an vorderster Front (obwohl einige es immer noch sind), aber die meisten von uns arbeiten hinter den Kulissen.

Juristen und Mediziner, Historiker und Autoren, Musiker und Organisatoren – wir sind alle noch da. Meine Träume von Denver handeln nicht wirklich davon, Menschen als Individuen zu verlieren, glaube ich. Es sind einfach Träume vom Älterwerden, vom Wandel. Davon, dass man nie wirklich in eine Stadt zurückkehren kann, in der man gelebt hat, weil die Stadt, in der man gelebt hat, verschwunden ist und an ihrer Stelle eine neue Stadt entstanden ist.

Das sollte uns nicht traurig machen, sondern froh – es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Selbst wenn man an einem Ort bleibt, lebt man jeden Tag an einem neuen Ort.

Unsere Erinnerungen sind nicht „schlecht“ oder „fehlerhaft“, wenn sie keine vollständige und objektive Aufzeichnung von Ereignissen liefern. Der Zweck der Erinnerung ist es, uns Erinnerungen zu schenken.

Besondere Momente, Orte, Menschen, an die wir zurückdenken können, um die Gegenwart zu verstehen und einen Weg in die Zukunft zu finden. Erinnerungen sind wie eine neblige Landschaft voller Schrecken und Trost, ein Ort, an den wir gehen können, um zu kämpfen oder Zuflucht zu suchen – ähnlich wie Träume. Wenn du dich an alles erinnern willst, musst du es bewusst in Tagebüchern oder anderen Aufzeichnungen festhalten.

Das bedeutet natürlich, dass mein Vater Recht hatte. Er hat in vielen Dingen Recht, vielleicht sogar in den meisten. Er verbringt seinen Ruhestand in seiner Werkstatt im Keller und schnitzt abstrakte Formen aus Holzstücken.

Ich weiß, dass ich über Erinnerung nachgedacht habe, und ich weiß, dass ich in Erinnerungen lebe, um mich nicht auf die Schrecken der Gegenwart zu fixieren, und das stört mich nicht. Draußen regnet es, und mein Hund schläft mit seinem Kinn auf meinem Fuß. Die Zukunft fühlt sich ungewiss an, die Vergangenheit fühlt sich ungewiss an. Ungewissheit bedeutet Möglichkeiten, muss ich mir sagen. Alles könnte passieren. Und je mehr ich über Geschichte lese und je mehr ich von alten Freunden höre, an die ich mich nicht mehr erinnere, desto mehr wird mir klar, dass alles schon passiert sein könnte. So vieles ist noch ungeschrieben.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Purpose of Memory or: instead of a journal,  14. Mai 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


Berlin: Solidarität mit der Tipsy Bear Bar

Das Foto von © Sabine Scheffer zeigte einen Blick aus der  Tipsy Bear Bar auf die Masse an solidarischen Menschen, die auf der Straße davor feiern.
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
In Prenzlauer Berg hatten in der Samstagnacht nach dem 1. Mai unbekannte Personen die Regenbogenflagge der Tipsy Bear Bar abgerissen und unter homophoben und queerfeindlichen Sprechchören in Brand gesteckt.

Mehrere hundert Menschen aus der Nachbarschaft zeigten am 6. Mai spontan ihre Unterstützung und Solidarität. Sie füllten gemeinsam mit Gästen und dem Team der Bar bis in die Nacht hinein die Straße mit Menschen, die queerfeindliche, FLINTAfeindliche, und ausgrenzende Gewalt nicht akzeptieren.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


The Kids Are, As They Say, Alright. Oder: An die Absolventen des Jahrgangs 2025

Gestern habe ich zum ersten Mal bei einer Abschlussfeier gesprochen, der Lavender Graduation (für LGBT+-Studierende) am Warren Wilson College im Westen von North Carolina. Ich war noch nie eingeladen worden, bei einer Abschlussfeier zu sprechen, und ich war mir auch nicht sicher, ob ich jemals eingeladen werden würde. Ich bin ... nicht schüchtern, wenn es darum geht, zu sagen, wer ich bin.

Aber einige Studierende haben mich gebeten, die Festrede bei ihrer Abschlussfeier zu halten, also habe ich meinen Van gepackt und bin nach Asheville gefahren, wo ich seit dem Hurrikan im letzten Herbst zum ersten Mal wieder war. Rintrah (mein Hund) hat brav im Van auf dem Parkplatz gewartet (der Van ist klimatisiert und ich bekomme eine Benachrichtigung, wenn die Temperatur zu stark schwankt) und ich bin zum Pavillon gelaufen. Ich habe mich rundum willkommen gefühlt.

Es ist lange her, dass ich etwas erlebt habe, das mich so tief daran erinnert hat, dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass Queers sich mittlerweile geoutet haben, dass es einfach zu viele von uns gibt und dass wir uns zu sehr umeinander kümmern, als dass die Faschisten uns brechen könnten.

Ich habe meine Rede in einer Raststätte auf dem Weg nach Asheville geschrieben, nachdem ich wochenlang über die Themen nachgedacht hatte, die ich ansprechen wollte. Früher habe ich keine Reden geschrieben, sondern nur Stichpunkte auf Papier gebracht. Aber dank meines Podcasts gewöhne ich mich immer mehr daran, von Skripten abzulesen und dann zu improvisieren, also habe ich diese Rede aufgeschrieben.

Ich war mir nicht sicher, wie die Leute meine Rede aufnehmen würden. Sie hatten einen anarchistischen Geschichtsnerd eingeladen, der während des Aufstiegs des Totalitarismus zu ihnen sprach, zu einer Menge, die nicht von Natur aus politisch ist. Es gibt keinen Grund, warum wir politisch radikal sein müssen, um queer zu sein.

Aber es schien gut zu laufen. Nicht alle waren begeistert davon, wie viel ich fluche, aber die Leute sind sich der Krise, in der wir alle leben, durchaus bewusst. Es ist momentan nicht besonders einnfach, den Kopf in den Sand zu stecken ... vielleicht ist das ein Silberstreif am Horizont.

Wie auch immer, hier ist, was ich ihnen gesagt habe.

An die Abschlussklasse von 2025


Hallo! Zuerst mal vielen Dank, dass ich hier sein darf. Es ist mir eine echte Ehre, hier zu stehen und zu euch zu sprechen, und ich fühle mich geehrt, dass ihr mich ausgewählt habt, um euch eine inspirierende Rede zu halten. Es wird ein Vortrag über schwere Zeiten werden. Wenn ihr eine rein positive Rede hören wolltet, hättet ihr nicht jemanden namens Killjoy engagieren sollen.

Die Sache ist die: Die Rede, die ich euch vor einem Jahr gehalten hätte, unterscheidet sich völlig von der Rede, die ich euch heute halten werde.

Die Rede, die ich euch gehalten hätte, hätte von dem Sturm am Horizont gehandelt, einem Sturm, der vielleicht kommen wird oder auch nicht, und davon, wie wir uns alle darauf vorbereiten, falls er kommt.

Stattdessen sage ich euch, dass der Sturm bereits da ist. Ich muss euch die Nachrichten nicht erzählen. Aber autoritäre Kräfte sind an der Macht und haben beschlossen, dass Transmenschen im Speziellen und queere Menschen im Allgemeinen neben Migranten das Gesicht des Bösen sind. Das sind wir natürlich nicht, und wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feinde uns definieren. Wir müssen uns weiterhin selbst definieren.

Ihr seid also in eine Welt eingetreten, die völlig anders ist als die Welt, in der ihr aufgewachsen seid. Wir stecken alle in Schwierigkeiten. Wir müssen uns alle damit auseinandersetzen, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Wir sind dazu in der Lage, und wir werden gewinnen, und es wird nicht einfach sein, aber es wird passieren. Auch weil wir „Gewinnen“ auf eine komplexe Art und Weise verstehen werden.

Ich möchte mit einer Geschichte beginnen, weil ich einen Geschichtspodcast mache und die Geschichten, die ich dabei lerne, in mir weiterleben und viel zu oft in zwanglosen Gesprächen auftauchen. Aber ich bin im Grunde auch ein Geschichtenerzähler, daher erinnere ich mich eher an die Geschichte als an die Details und werde euch heute nicht alles genau erzählen können.

Es ist eine Geschichte über schwule Künstler in Amsterdam während der Nazi-Besatzung. Der niederländische Widerstand war nicht der leidenschaftlichste Widerstand gegen den Faschismus, aber soweit ich das beurteilen kann, war er von allen von den Nazis besetzten Gebieten derjenige mit dem höchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung. Ich glaube nicht, dass unsere aktuelle Situation eins zu eins mit der der Nazis vergleichbar ist (eher mit Putins Russland), aber ich denke, dass wir trotzdem einiges daraus lernen können. Vor allem, weil Westeuropa in den 1920er- und 1930er-Jahren einer der ersten Orte in der westlichen Welt war, an dem schwule Menschen wirklich begannen, sich zu outen.

Was diese Lehren angeht – da war zum Beispiel dieser Redakteur einer schwulen Zeitung. Ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber ich weiß noch, was er gemacht hat. Als die deutschen Truppen an die Grenze rückten, hat er die Namen seiner Abonnenten auswendig gelernt, Hunderte von Namen, und dann hat er die Liste gegessen. Nach dem Sturz des Nazi-Regimes hat er alles wieder aufgeschrieben, und so konnten sich die Überlebenden wiederfinden.

Die Lektion daraus ist meiner Meinung nach, dass es jetzt nicht der richtige Moment ist, sich auf Listen setzen zu lassen. Jetzt ist ein Moment für Sicherheitskultur. Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren, aber wir müssen uns vielleicht an die Umstände anpassen.

Okay, die andere Lektion ... Da war diese Gruppe schwuler Künstler. Theaterleute, Bildhauer, Modedesigner und so weiter. Und sie haben erkannt, dass dies der Moment war, ihre Fähigkeiten außerhalb ihres gewohnten Umfelds einzusetzen. Mit ihren Fähigkeiten als Drucker und Künstler fingen sie an, Ausweispapiere für Juden und andere Menschen zu fälschen, die von den Faschisten bedroht waren. Mit ihren Fähigkeiten als Schauspieler und Modedesigner haben sie ... nun ja, ein paar von ihnen haben Nazi-Uniformen genäht, sind dann zu einem Nazi-Plattenlager gegangen und haben gesagt: „Wie geht's, Nazi-Kollegen?“ Dann sind sie reingegangen und haben den Laden in Brand gesteckt und Tausende von Platten verbrannt.

Willem Johan Cornelis Arondéus
Willem Johan Cornelis Arondéus
Schließlich wurden einige von ihnen gefasst und hingerichtet. Ein Mann, Willem Arondeus, hinterließ seiner Anwältin, die selbst lesbisch war, während er auf seine Erschießung wartete, eine letzte Botschaft. Er sagte ihr: „Lasst es alle wissen, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“

Ich denke fast jeden Tag an diese Scheiße, wenn ich ehrlich bin.

Wir sind keine Feiglinge. Wir stammen nicht von ängstlichen Menschen ab. Unsere queeren Vorfahren haben gegen unglaubliche Widrigkeiten gekämpft und allein durch ihren Kampf gesiegt. Denn Faschisten wollen uns nicht nur töten, sondern uns unterwerfen. Stattdessen haben wir ihren Scheiß verbrannt. Wir haben im ganzen Land und auf der ganzen Welt randaliert, überall dort, wo es für uns illegal war, einander zu lieben.

Die Schwulenrechtler in den 60er und 70er Jahren hatten einen Slogan, der sich auf die schwulen Stoßtruppens der alten Griechen vor Tausenden von Jahren bezog: Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren. Wir werden Seite an Seite kämpfen und wir lieben uns verdammt noch mal, also werden wir gemeinsam kämpfen. Und wir sind keine Feiglinge.

Um es klar zu sagen: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist Widerstandsfähigkeit angesichts der Angst. Man muss buchstäblich Angst haben, um mutig zu sein.

Die lesbische Anwältin und andere schafften es schließlich, über die Berge in die Schweiz zu fliehen, und nahmen die Erinnerungen an Menschen wie Willem Arondeus mit sich.

Das Foto zeigt 2 Paare beim Tanzen, darunter Willem Arondeus.
Willem Arondeus (links) in Aerdenhout, 1931
Weitere Lehren, die ich aus dem Widerstand der Schwulen in Amsterdam ziehe, sind: Ja, lasst euch verdammt noch mal keine Akten über uns anlegen. Wir alle geben seit Jahren und Jahrzehnten Daten über unser Leben an Unternehmen weiter, was in Friedenszeiten fast harmlos ist (zielgerichtete Werbung ist ein bisschen nervig), aber jetzt bedeutet, dass der repressive Staat Zugang zu unglaublichen Mengen an Informationen über uns hat. Wir müssen anfangen, ihre Aufzeichnungen zu vereiteln, ohne aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden.

Eine weitere Lektion, die ich aus ihrem Kampf gelernt habe, ist, dass es unabhängig von den eigenen Fähigkeiten immer Möglichkeiten gibt, diese für die Zerstörung des Totalitarismus einzusetzen.

Die letzte Lektion, die ich aus dieser Geschichte ziehe? Wir werden uns an Willem Arondeus erinnern, aber wir werden uns an ihn wegen einer Lesbe erinnern, die zu Fuß die Alpen überquert hat. Wir sind einander verpflichtet, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um diese Bastarde zu überleben. Wir dürfen uns nicht selbst zerstören, denn wir können nicht die Arbeit der Faschisten für sie erledigen.

Ich erzähle euch diesen Scheiß, weil es gerade wieder schlecht läuft, aber es war schon einmal schlecht. Es gibt immer Höhen und Tiefen, und der Trick besteht darin, diese Höhen und Tiefen zu schätzen. Es gibt keine Siegessicherheit, wirklich nicht. Es gibt keinen statischen Zustand namens Utopie, in dem nie wieder etwas Schlimmes passiert. Um es klar zu sagen: Die Lage kann viel besser sein, und wir können sie viel besser machen. Ich möchte in meinem Bett sterben, 97 Jahre alt, nachdem ich den größten Teil meines Lebens in einer Gesellschaft ohne Gefängnisse, Polizei, Kapitalismus, Patriarchat oder anderen verdammten Mist verbracht habe. Dafür kämpfe ich. Ich werde es wahrscheinlich nicht schaffen.

Aber genauso wie es keinen automatischen Sieg gibt, gibt es auch keine Niederlage. Sie können uns einfach nicht auslöschen. Es gab schon immer queere Menschen und es wird immer queere Menschen geben. Wir sind verdammt noch mal unsterblich.

Wir können also nicht gewinnen und wir können nicht verlieren, aber wir können verdammt noch mal kämpfen und wir können die Schönheit in diesem Kampf finden, und das müssen wir auch, denn Romantisierung ist ein mächtiges Werkzeug, um komplizierte Situationen zu akzeptieren. Wir müssen verstehen, dass sowohl der Anwalt, der den Krieg überlebt hat, als auch der schwule Brandstifter, der es nicht geschafft hat, ein erfülltes Leben voller Schönheit und Sinn geführt haben.

Ich habe meinem Partner vorhin erzählt, dass ich den ganzen Slogan „Eine Armee von Liebenden kann nicht verlieren“ zitieren wollte, und er hat mir erzählt, dass er in einem lesbischen Archiv einen Anstecker gefunden hat, die lesbische Antwort auf diesen Slogan. „Eine Armee von Ex-Liebenden kann nicht verlieren.“

Wenn wir wollen, dass dieser Slogan wahr wird, wenn wir eine unaufhaltsame Kraft werden wollen, dann müssen wir uns gegenseitig den Rücken stärken. Wir müssen freundlicher zueinander werden. Wir müssen unseren Feinden gegenüber entschlossen auftreten und allen anderen gegenüber freundlicher sein. Wir müssen lernen, Konflikte zu deeskalieren. Es gibt Menschen, die unsere Feinde sind – Menschen, die versuchen, uns zu zerstören. Wir müssen vermeiden, uns in der Zwischenzeit gegenseitig zu Feinden zu machen.

Wir müssen nicht miteinander auskommen, uns nicht einig sein oder uns mögen, aber wir müssen lernen, unsere Probleme zu besprechen – oder einfach nur lernen, wie wir miteinander umgehen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir alle Fehler haben, große Fehler, und dass wir alle Versager sind.

Es ist eine gute Idee, zu versuchen, kein Versager zu sein, aber... erwartet nicht, dass ihr Erfolg habt. Noch einmal: Es gibt keinen sicheren Sieg. Es gibt kein „perfekt werden“. Wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben und andere zu ermutigen, ihr Bestes zu geben, aber wir lernen, einander zu vergeben, während wir uns als fehlerhafte Menschen in dieser fehlerhaften Welt zurechtfinden.

Es liegt in unserer Verantwortung, die Welt besser zu machen, aber es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt im Arsch ist. Vielleicht sollten Schuld und Verantwortung Hand in Hand gehen, aber das tun sie nicht. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir gerade im Zentrum eines Kulturkrieges stehen. Es ist nicht unsere Schuld, dass unsere Rechte angegriffen werden. Aber es liegt in unserer Verantwortung, damit umzugehen. Denn es ist unser Problem. Wir können nicht auf andere warten, die uns retten. Uns selbst zu retten ist eine Aufgabe, die wir schon einmal bewältigt haben und die wir wieder bewältigen werden. Und ich sage hier „wir“ und nicht „ihr“, denn wenn Leute, die älter sind als ihr, euch sagen wollen, dass „es an eurer Generation liegt, diese Probleme zu lösen“, dann ist das nur eine weitere Abgabe von Verantwortung. Es liegt an uns allen, gemeinsam als Gleichberechtigte zu arbeiten, um den Faschismus zu stoppen, den Klimawandel aufzuhalten und eine Welt zu schaffen, die auf Solidarität und gegenseitiger Hilfe basiert.

Als ich ein kleines Kind war, herrschte noch der Kalte Krieg, ein Kalter Krieg zwischen dem oligarchischen Kapitalismus hier im Westen und dem autoritären Sozialismus im Sowjetblock. Dieser Kalte Krieg hat alles kaputt gemacht – am direktesten natürlich alle Menschen, die dabei ums Leben kamen, aber er hat uns auch philosophisch kaputt gemacht. Er hat die Menschen davon überzeugt, dass es eine riesige Kluft zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft gibt. Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden ... entweder ist man ein Individuum und liebt den Kapitalismus, oder man liebt die Gemeinschaft und muss Totalitarismus und den Verzicht auf individuelle Freiheit akzeptieren.

Das ist Quatsch. Das ist einer der gefährlichsten Quatsch, den wir je geschluckt haben. Anstatt zu suchen, wo der Einzelne und die Gemeinschaft im Widerspruch stehen, sollten wir suchen, wo sie sich überschneiden. Wir sollten uns auf die vielen, vielen Dinge konzentrieren, die beiden helfen. Als Einzelner bin ich freier, wenn ich in einer Gesellschaft mit einem starken sozialen Netz lebe. Ich kann meinen individuellen Willen in einer Gesellschaft besser ausüben als allein im Wald. Gemeinschaften wiederum sind am stärksten, wenn sie heterogen sind und viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Ideen beherbergen, die frei sind, ihren Leidenschaften nachzugehen und diese Leidenschaften dann für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen.

Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, wenn man einen großen Schritt zurücktritt und das Ganze betrachtet. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wofür wir uns begeistern können, und zu lernen, wie wir diese Begeisterung einsetzen können, um allen zu helfen, auch uns selbst. Auf diese Weise können wir Beziehungen der Freiheit aufbauen (denn um es klar zu sagen: Freiheit ist eine Beziehung zwischen Menschen, kein statischer Zustand). Auf diese Weise können wir ein erfülltes Leben führen, egal ob dieses Leben kurz oder lang ist – möge es lang sein.

Wenn man jedoch etwas näher heranzoomt, wird die Aufgabe, die vor uns liegt, etwas konkreter: Wir müssen den Totalitarismus zerstören, bevor er sich festsetzt und uns alle vernichtet. Wir müssen überleben, wenn möglich, und wenn nötig, kämpfen bis zum bitteren Ende. Wir müssen dafür sorgen, dass für immer festgeschrieben wird, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind – ein Grundsatz, an dem niemand mehr zweifeln wird.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Kids Are, As They Say, Alright or: to the graduating class of 2025,  08. Mai 2025
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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

„Take back the night“: Walpurgisnacht in Berlin

Das Foto von © Björn Obmann zeigt die Demo mit dem Fronttranspi "In Solidarity we fight - take back the Night" und den dahinter laufenden schwarzen Block, gefolgt von vielen anderen Menschen.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Über 3.500 FLINTA* zogen unter dem Motto „Take back the night“ am Vorabend des 1. Mai 2025 von Berlin-Kreuzberg nach Friedrichshain, um gegen Patriarchat, Staat und Kapital zu protestieren. Mit einem schwarzen Block an der Spitze nahmen sich die Teilnehmenden lautstark und begleitet von Pyrotechnik die Nacht zurück. Polizei trat martialisch auf. Teilweise versuchten Streamer und Außenstehende zu provozieren. Die Demonstration löste sich am Boxhagener Platz selbstbestimmt auf und zerstreute sich im Kiez.

„Weltweit kämpfen Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinäre, Trans* & Agender (FLINTA*) Menschen für ihre Freiheit. Von Sudan, Iran, Palästina über Kongo bis nach Kurdistan und darüber hinaus. Kämpfe müssen in ihrer Verbundenheit gesehen und intersektional gedacht werden. Denn die Verwobenheit von Kapitalismus, Kolonialismus & Patriarchat schafft die Bedingungen, um FLINTAS* weltweit zu unterdrücken, zu domestizieren und zu ermorden. Wir stehen in Solidarität mit allen Unterdrückten überall“. (aus dem Aufruf)
Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


Weitere Ereignisse zu diesem Thema
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Berlin: Que(e)rstellen gegen rechten Aufmarsch

Das Foto von © Björn Obmann zeigt 2 behelmte Polizeibeamte die auf protestierende Menschen schauen. Diese halten ein Transparent mit dem Text: "80 Jahre Befreiung - Antifa bleibt ..."
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
In einem neuen Bündnis „Gemeinsam für Deutschland“ gingen am 26. April 2025 bundesweit Querdenker mit gewaltbereiten Neonazis auf die Straße. In Berlin war die Demo mit ca. 300 Teilnehmer*innen dominiert von jungen Neonazis. Eine Distanzierung durch die Querdenker und „Friedensdemonstrant*innen“ fand nicht statt. Unter dem Motto „Que(e)rstellen“ protestierten rund 500 Menschen gegen den Aufmarsch.

Trotz weiträumiger Absperrungen mit Gittern gelang es Antifaschist*innen, die Strecke an mehreren Stellen zu blockieren. Die Polizei räumte die Sitzblockaden mit Gewalt und setzte dabei auch Pfefferspray und Hunde ein. Dennoch wurde der Naziaufmarsch die gesamte Zeit lautstark von Antifaschist*innen begleitet. Am Potsdamer Platz löste sich die Nazidemo auf, ohne wie geplant wieder zum Startpunkt zurück zu laufen.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


Manche hängen ihr Herz an einen Schaukelstuhl oder: Ich habe mir Boff Whaley von Chumbawamba angesehen und bin froh darüber

Some set their hearts on a rocking chair
the better to sleep out the days
but I’m looking for a reason to kick and scream
I don’t want to fade away

chumbawamba, fade away

Als ich als junger Anarchist anfing, kannte ich nicht viele Anarchisten in ihren Dreißigern, Vierzigern oder älter. Es gab ein paar Leute, die ich hier und da traf, vor allem, als ich in den Westen zog und anfing, mit Earth First!-Mitgliedern abzuhängen, die seit den 80er Jahren gegen Kahlschläge kämpften, aber insgesamt hatte ich das Gefühl, dass wir auf uns allein gestellt waren. Die meisten Leute, die ich als Mentoren ansah, waren vielleicht drei oder vier Jahre älter als ich.

Ein Farmer im Schaukelstuhl liest "The Progressive Farmer".
Ein Farmer im Schaukelstuhl liest "The Progressive Farmer".
„Farmer reading his farm paper“
Foto: George W. Ackerman, Coryell County, Texas, September 1931
Vor ein oder zwei Jahren hatten wir auf einer anarchistischen Buchmesse ein Treffen für Leute, die schon seit Jahrzehnten dabei waren, und wir füllten den Raum bis zum Bersten. Anekdoten sind natürlich keine Daten, aber ich habe den allgemeinen Eindruck, dass meine Generation von Radikalen besser darin ist, sich zu engagieren.

Ich will hier niemandem die Schuld geben. In der Schwulenbewegung ist einer der Gründe, warum wir nicht so viele Ältere haben, dass eine ganze Generation schwuler Männer während der AIDS-Krise durch medizinische Vernachlässigung ermordet wurde. So viele der schwarzen Radikalen, die die inspirierenderen Teile der Bewegung der späten 60er und frühen 70er Jahre anführten, landeten im Gefängnis oder starben. Die weißen Radikalen aus dieser Zeit hingegen wandten sich zunächst der Gegenkultur zu und dann von der Politik ab, insbesondere als sich die Wirtschaft in den 80er Jahren erholte.

Um es klar zu sagen: Es gibt wahrscheinlich Zehntausende von Ältesten der Bewegung, die im 20. Jahrhundert angefangen haben und noch immer da sind. Es gibt eine große Kontinuität sowohl bei den Projekten als auch bei den Menschen. Als ich anfing, auf die Straße zu gehen, war mir das einfach nicht so stark bewusst.

Es gibt so viele Gründe, warum sich das ändern könnte. Sicherlich ist es angesichts der schrecklichen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts schwieriger, sich zu verkaufen. Angesichts der steigenden globalen Temperaturen und des zunehmenden globalen Faschismus gibt es für niemanden wirklich einen sicheren und bequemen Rückzugsort.

Wenn Menschen älter werden, verlagern sie ihren Fokus tendenziell von Straßenprotesten auf andere Organisationsformen, die für jüngere Radikale möglicherweise nicht so sichtbar sind. Wenn ich über gegenkulturelle radikale Bewegungen der 60er-, 70er- und 80er-Jahre lese, habe ich auch den Eindruck, dass sie starrer und weniger flexibel waren. Anstatt den Menschen die Möglichkeit zu geben, zu wachsen, sich zu verändern und neue Gemeinschaften zu suchen, hatten sie das Gefühl, dass sie einen klaren Schnitt machen mussten.

Nehmen wir zum Beispiel den Punk. Anarcho-Punk war in den 1980er Jahren eine äußerst einflussreiche Gegenkultur im Vereinigten Königreich und hatte (ironischerweise, ich weiß) viele Regeln. Zum Beispiel: Verkaufe deine Musik nicht an Mainstream-Plattenlabels. Wenn du das tust, warst du dann überhaupt jemals wirklich ein Punk? Warst du jemals wirklich ein Anarchist?

Die Antwort auf diese Fragen lautet natürlich „Ja“, denn glücklicherweise hat sich der Anarchismus in den letzten Jahrzehnten scheinbar verdammt noch mal selbst überwunden. Was starr ist, wird brechen. Das spröde Schwert ist im Kampf nutzlos.

Das bringt mich zum Kern dieser Geschichte: Am Montag fuhren mein Freund und ich stundenlang durch die Berge und den Regen, um zu „The Beautiful Idea“ zu gelangen, einer Buchhandlung in Charlottesville, Virginia, die von Transpersonen geführt wird. Der Laden ist etwa anderthalb Blocks von dem Ort entfernt, an dem die Antifaschistin Heather Heyer am 12. August 2017 von einem Nazi ermordet wurde.

Das Foto zeigt die Band auf der Bühne
Neil Ferguson, Lou Watts, Boff Whalley, Jude Abbott und Phil Moody auf dem TFF Rudolstadt (2012)
Foto: Schorle - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Wir parkten, warteten auf eine Regenpause und gingen in den Laden. Boff Whaley von der Anarcho-Pop-Band Chumbawamba spielte ein Solokonzert, während er uns Geschichten erzählte und aus seinem neuesten Buch vorlas.

Chumbawamba ist Teil der tiefgründigen Überlieferung der anarchistischen Bewegung. Sie waren etwa fünfzehn Jahre lang eine Hausbesetzer-Punkband, bevor sie eine Platte an ein Major-Label verkauften und zu einem der subversivsten One-Hit-Wunder der Geschichte wurden. Ihr Song „Tubthumping“ war in den späten 90er Jahren überall zu hören. Ich konnte das verdammte Lied damals ehrlich gesagt nicht ausstehen. Aber wer es mochte und sich das ganze Album kaufte, bekam eine gehörige Portion anarchistische Politik zu hören.

Die Band spendete unglaublich viel Geld für radikale Zwecke und brachte radikale Songs in die Hände von Teenagern auf der ganzen Welt, und das alles, ohne die Texte ihrer Musik zu ändern oder irgendetwas zu verwässern. Sie wurden von einer Generation von Radikalen, die ich nicht mehr auf Veranstaltungen sehe, als Verräter beschimpft.

Ich kam eigentlich erst auf Chumbawamba, nachdem ich mich für Anarchismus zu interessieren begann, als ich die ganze Geschichte über die Band erfuhr. Als ich anfing, die anderen Lieder zu hören. (Jetzt liebe ich aber auch Tubthumping.) 2003 fuhr ich mit einer Karawane von Denver nach Miami. Wir fuhren direkt durch, wechselten die Fahrer und schliefen im Auto, um gegen die Freihandelszone Amerikas zu protestieren und uns mit den Bauern des globalen Südens zu solidarisieren, deren Lebensgrundlagen und Leben durch wirtschaftliche Ausbeutung zerstört wurden. Als wir unsere Masken aufsetzten und auf die Bereitschaftspolizei zugingen, sangen wir die Chumbawamba-Version von Bella Ciao.

Also ja, diese Woche stand ich in der ersten Reihe und heulte mir die Augen aus, während Boff vielleicht mein Lieblingslied von ihnen sang: „Fade away“.

It’s a mighty long way from my own front door
to the world we were going to make
we got bloodied and bruised for the old excuse
that it’s hard just staying awake.

Wake me up if you catch me falling
gently into the night
shine up my shoes cause I can’t get used
to the dying of the light.

Ich weiß nicht viel über Boff als Person. Ich würde ihn nicht unbedingt als Person als meinen Helden bezeichnen. Aber Chumbawamba, kollektiv, sind sie Helden für mich.

Nach Chumbawamba hat sich Boff hauptsächlich dem „Fell Running“ verschrieben, was im Grunde genommen Trail Running im Vereinigten Königreich ist. Er schreibt Bücher darüber.

Vor einiger Zeit wurde mir klar, dass für viele Anarchisten und Radikale ein politischer Werdegang so aussehen könnte: Man beschäftigt sich intensiv mit Politik und lässt sich davon überwältigen, und das gesamte Leben und die soziale Szene sind der Politik gewidmet; dann, vielleicht nach einer Phase der Desillusionierung, zieht man sich davon zurück und findet den Sinn in etwas anderem, das seinen eigenen sozialen Kreis hat; dann lernt man, beides zu verbinden.

Ich wurde ein besserer Anarchist, als ich mich stärker mit dem Schreiben von Science-Fiction beschäftigte. Besser in zweierlei Hinsicht. Erstens ist es immer gut für Menschen, Echokammern zu entkommen. Freunde zu haben, die andere Dinge glauben als ich, macht mein Leben reicher und meine Politik besser. Zweitens bin ich effektiver, wenn ich mich außerhalb des „Milieus“ bewege. Wenn ich nicht vor Leuten predige, die ohnehin meiner Meinung sind.

Ich liebe die anarchistische Kultur, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich denke nur, dass es Teil unserer Arbeit ist, die anarchistische Kultur zu erweitern und antiautoritäre, pro-soziale Politik in andere Bereiche zu bringen. Wir alle brauchen mehrere Leidenschaften.

Aber man darf es nicht zynisch angehen. Wir breiten uns nicht auf andere Szenen aus, um sie zu infiltrieren und zu radikalisieren (das ist es, was Autoritäre tun). Wir gehen dorthin, wo wir gebraucht werden, und wir bringen unser wahres Ich mit, wenn wir das tun.

Es ist für mich seltsam, mich über einen Mangel an Bewegungsprominenten zu beschweren, denn je älter ich werde, desto mehr von ihnen lerne ich kennen – und weil ich, ob es mir gefällt oder nicht, jetzt einer werde. Neulich tauschte ich mit jemandem Kriegsgeschichten über das Baumhüten aus und stellte fest, dass ich Geschichten erzählte, die stattfanden, bevor diese Person in die Grundschule kam.

Jemand anderes hat mir einmal gesagt, dass die schlimmsten „Bewegungsprominenten“ diejenigen sind, die sich als solche bezeichnen lassen. Die Menschen, die glauben, dass ihre Stimme lauter sein sollte, dass ihre Meinung mehr zählen sollte, nur weil sie schon länger dabei sind.

Mehrgenerationenbewegungen brauchen eine generationenübergreifende Kommunikation. Sowohl die Jungen als auch die Alten können viel voneinander lernen.

Aber ich wollte keine Geschichte über all das schreiben. Ich wollte nur sagen, dass ich froh bin, dass ich durch den Regen gefahren bin, um Boff beim Singen einiger Lieder zuzusehen. Ich bin froh, dass die Leute, die mein Lieblingslied darüber geschrieben haben, wie man sich engagiert, obwohl man älter wird, nun ja, immer noch engagiert sind.

Obwohl ich mir dieses Jahr zum Geburtstag einen Schaukelstuhl gekauft habe.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: "Some Set Their Hearts on a Rocking Chair or: I went and saw Boff Whaley from Chumbawamba and I'm glad I did",  2. April 2025

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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Philip Holland, Vater von Luke Holland – Botschaft an das Parlament zu Lukes Geburtstag, 4. April 2025:

Grafik nach einem Foto von Luke HollandLuke Holland
Luke Holland. Grafik: Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş
Philip Holland, father of Luke Holland - Message to the parliament on Luke's birthday, 4th April 2025:

My life ended with the murder of my wonderful son, Luke, nearly 10 years ago, and my wife, Rita's life which ended nearly 5 years ago. All due to the Neo-Nazi, hate of foreigners, actions of Rolf Zielezinski. I shall never understand why the prosecutor would not charge him with a Neo-Nazi, hate murder, when there was so much evidence of weapons, which could easily be re-enabled, and Nazi/Hitler memorabilia in his apartment.

I grieve every single day for the loss of Luke and Rita, and utterly resent the fact, that this murderer will be free to be with his 3 sons and family again, within a short time.
I will forever partially blame the police for my loss, because they did not competently, fully, and without prejudice, investigate a known suspect, Rolf Zielezinski, for the earlier murder of Burak Bektaş. If they had my son, and wife would still be alive and with me today.




Philip Holland, Vater von Luke Holland – Botschaft an das Parlament zu Lukes Geburtstag, 4. April 2025:
Mein Leben endete mit der Ermordung meines wunderbaren Sohnes Luke vor fast zehn Jahren und dem Ende des Lebens meiner Frau Rita vor fast fünf Jahren. Alles aufgrund des ausländerfeindlichen Hasses und neonazistischen Tat des Rolf Zielezinski. Ich werde nie verstehen, warum die Staatsanwaltschaft ihn nicht wegen neonazistischen Hassverbrechens anklagen wollte, obwohl es so viele Beweise für Waffen, die leicht wieder einsatzbereit wären, und Nazi-/Hitler-Erinnerungsstücke in seiner Wohnung gab. Ich trauere jeden einzelnen Tag um den Verlust von Luke und Rita und bin zutiefst bestürzt darüber, dass dieser Mörder bald wieder frei sein wird und mit seinen drei Söhnen und seiner Familie zusammen sein kann.
Ich werde die Polizei für immer mitverantwortlich für meinen Verlust machen, weil sie einen bekannten Verdächtigen, Rolf Zielezinski, nicht kompetent, umfassend und unvoreingenommen wegen des früheren Mordes an Burak Bektaş untersucht hat. Wenn sie es getan hätten, wären mein Sohn und meine Frau noch am Leben und heute bei mir.




Philip Holland, Luke Holland'ın babası - Luke'un doğum günü olan 4 Nisan 2025'te parlamentoya mesajı:
Hayatım yaklaşık 10 yıl önce harika oğlum Luke'un katledilmesiyle ve yaklaşık 5 yıl önce de eşim Rita'nın hayatının sona ermesiyle, bitti. Hepsi Rolf Zielezinski'nin Neo-Nazi ve yabancılara karşı nefreti, yüzünden. Savcının onu neden Neo-Nazi diye, nefret cinayetiyle suçlamadığını, evinde kolayca yeniden etkinleştirilebilecek çok sayıda silah ve Nazi/Hitler hatırası varken, asla anlayamayacağım.
Luke ve Rita'nın kaybı için, her geçen gün üzülüyorum. Bu katilin kısa bir süre içinde tekrar 3 oğlu ve ailesiyle birlikte olabileceği gerçeğini tamamen içerliyorum.

Kaybımdan poliside sonsuza dek sorulumlu tutacağım, zira daha önceki Burak Bektaş cinayetinde şüpheli olarak bilinen Rolf Zielezinski'yi yetkin, kapsamlı ve tarafsız bir şekilde soruşturmadıkları için .Eğer öyle olsaydı, oğlum ve eşim bugün hâlâ hayatta ve benimle birlikte olurdu.

Source / Quelle / Kaynak

Ein unfreiwilliger Soldat im Kulturkrieg oder: Es ist mir ehrlich gesagt nicht so wichtig, trans zu sein, aber hier sind wir nun einmal

Ich habe mir den Kulturkrieg nicht ausgesucht, der Kulturkrieg hat mich ausgesucht. Wenn ich auf mich allein gestellt wäre, würde ich gerne wieder so tun, als wäre mir mein Geschlecht scheißegal. In meinem Kopf sind meine Pronomen sowieso „ich/mir/mein“. Ich schaue nicht jeden Morgen in den Spiegel und denke: „Ah, ja, da bin ich, eine wunderschöne Transfrau.“ Ich suche nur nach Muttermalen, die vielleicht eine Biopsie benötigen. Ich rasiere mir nicht das Gesicht und denke dabei: „Das mache ich besser, damit ich eine bessere Transfrau werde!“ Ich möchte einfach nur wie ich aussehen, also benutze ich einen Rasierer, um mich wie mich aussehen zu lassen, denn Covid hat meine Laser-Haarentfernung unterbrochen und ich bin noch nicht dazu gekommen, von vorne anzufangen.

Wenn ich jedoch die Straße entlanggehe, denke ich, je nachdem, wie ich gekleidet bin, tatsächlich: „Hier gehe ich, eine Transfrau, die Straße entlang.“ Nicht, weil ich das Gefühl habe, dass ich auf eine bestimmte Art und Weise gehen muss, sondern weil meine Sicherheit davon abhängt, dass ich mir bewusst bin, wie andere mich wahrnehmen. Das Geschlecht fühlt sich weniger wie etwas an, das ich bin, sondern wie andere Menschen mit mir umgehen.

Ich stelle mich den Leuten nicht als Margaret vor und denke: „Oh Mann, ich kann es kaum erwarten, dieser Person klarzumachen, dass ich eine Transfrau bin!“, sondern weil Margaret mein Name ist. Wenn ich die für mich wichtigen Beschreibungen auflisten würde, stünde „Trans“ nicht ganz oben auf der Liste. Anarchist, Schriftsteller, Punk, Grufti, sogar einfach „Frau“ würde vor trans kommen. Woran ich glaube, was ich der Welt biete, wie ich meine Zeit verbringe, meine Ästhetik, all das ist für mich so viel wichtiger als mein Geschlecht.

Und doch stehe ich hier mit meinen Freunden im Zentrum eines Kulturkrieges.

Ich mag den Kulturkrieg nicht einmal. Der Kulturkrieg ist eine Ablenkung, die von den Mächtigen geschaffen wurde, um den Rest von uns dazu zu bringen, untereinander zu kämpfen. Ich muss mich jedoch dagegen wehren, denn die einzige andere Option ist, ihn zu verlieren. Es ist wie bei Menschen, die der Ukraine sagen, sie solle den Frieden suchen – natürlich wollen die Menschen in der Ukraine Frieden, aber wenn man nicht derjenige ist, der einen Krieg begonnen hat, ist der einzige Frieden, der einem angeboten wird, der Frieden des Gefangenen oder der Frieden des Grabes.

In dem Kulturkrieg, an dem ich teilnehme, sind Kompromisse nicht möglich, denn die Trans-Position lautet: „Wir sollten gleichberechtigt mit Cis-Menschen leben dürfen“, und die Anti-Trans-Position lautet: „Versteck dich wieder und/oder stirb.“

Wir haben nicht um Krieg gebeten, aber der Krieg ist da. Antikriegsbewegungen machen nur Sinn, wenn sie sich gegen den Aggressor richten. „Gebt dem Frieden eine Chance“ war ein guter Slogan in den USA während des Vietnamkriegs, aber er hätte nicht so viel Sinn ergeben, wenn man in Vietnam gelebt hätte.

Es ist ein unwirkliches Gefühl, für etwas kriminalisiert zu werden, das sich wie ein so kleiner Teil dessen anfühlt, wer ich bin, aber so funktioniert Unterdrückung nun einmal. Manche Frauen legen Wert darauf, Frauen zu sein, anderen Frauen ist es egal, Frauen zu sein, und das hat noch nie eine von uns, Cis- und Transfrauen, davon abgehalten, von der patriarchalischen Gesellschaft unterdrückt zu werden.

Es ist also sinnvoll, sich nach Geschlecht oder einer anderen unterdrückten Position zu organisieren. Es ist sinnvoll, stolz darauf zu sein, Teil der feministischen Bewegung zu sein, Teil des Kampfes für die Befreiung der Queers. Ich bin stolz darauf, Teil einer Linie zu sein, zu der auch die Stonewall-Unruhen gehören. Noch stolzer bin ich jedoch, Teil einer Linie zu sein, zu der auch Willem Arondeus gehört, der niederländische Schwule, der mit seinen schwulen Freunden in Amsterdam die Akten der Nazis verbrannte. Seine letzten Worte vor seiner Hinrichtung, die an seine lesbische Anwältin weitergegeben wurden, lauteten: „Lasst es alle wissen, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“

Ich habe in meinem Leben noch nie eine Pride- oder Trans-Flagge gehisst. Ich bin keineswegs dagegen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass meine Flagge das solide Schwarz des Anarchismus oder das Schwarz und Rot des Anarchokommunismus ist. Meine Flagge ist das Schwarz mit gekreuzter Sense und Speer, mit der Aufschrift „Tod der Bourgeoisie“ in russischer Sprache, die von den Rebellen in Kronstadt gehisst wurde, die zuerst gegen den Zaren und dann gegen die Bolschewiki kämpften, die die neuen Zaren wurden. Für mich bedeutet queere Befreiung die Befreiung aller Menschen von allen Herrschern. „Sieg oder Tod!“ in einem Krieg gegen die Oligarchie zu rufen, klingt verdammt queer.

Jetzt, in einer Welt, in der Staaten daran arbeiten, sowohl geschlechtsbejahende Fürsorge als auch Transidentität völlig zu kriminalisieren, ist meine Flagge wohl auch eine Regenbogenflagge. Meine Flagge besteht auch aus einem Bündel Streifen in Babyfarben. Das sind jetzt meine Flaggen, weil aus irgendwelchen absolut schwachsinnigen Gründen ein großer Prozentsatz der Menschen von ihren rechtsgerichteten Herrschern davon überzeugt wurde, dass es die wichtigen Themen des Tages sind, was in den Hosen der Menschen steckt und wen die Menschen lieben.

Die Leute sagen, dass der Kulturkrieg eine Ablenkung ist, was wahr ist. Es ist nur nicht die Art von Ablenkung, die man ignorieren kann. Beim Boxen lenkt der Jab vom Cross ab, aber das bedeutet nicht, dass man den Jab ignorieren kann.

Der Kulturkrieg wird von unseren Feinden geführt, um zu spalten und zu erobern, um uns davon abzuhalten, Autoritarismus und Oligarchie zu bekämpfen. Es ist jedoch besser, den Kulturkrieg nicht als Fata Morgana zu betrachten, als etwas, das man ignorieren kann, sondern als einen der Schergen unseres Feindes. Stell dir das Ganze wie ein altes Final-Fantasy-Spiel vor (das ist das Trans-Frauen-bezogenste, was ich heute sagen werde). Du hast deinen Bosskampf, gegen den großen bösen Faschismus. Er hat einen Haufen Schergen vor sich ausgebreitet. Wenn du einen dieser Schergen besiegst, taucht an seiner Stelle ein anderer auf, bis du den Faschismus besiegt hast. Die Sache ist jedoch die, dass diese kleinen Schergen dir die ganze Zeit Schaden zufügen. Vielleicht kämpfen wir nicht „zuerst“ gegen sie, aber wir kämpfen gegen sie zur gleichen Zeit, in der wir gegen den Faschismus kämpfen.

Die Sache ist jedoch die: Wenn dies unser Endgegner in Final Fantasy ist, sind wir nicht allein hier. Es gibt noch andere in unserer Gruppe. Wir alle haben ein Interesse an diesem Kampf (und es gibt noch andere Schergen, die vor ihm liegen).

Ich denke mindestens einmal pro Woche an etwas, das mir ein alter Bergarbeiter erzählt hat, als ich das erste Mal viel Zeit in West Virginia verbracht habe. Er war gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, weil er gegen den Kohleabbau auf Berggipfeln protestiert hatte, und er sprach davon, wie er Ende der 60er Jahre in den Appalachen gegen den Krieg protestiert hatte. „Wir standen mit unseren Antikriegsschildern an einer Straßenecke, die Schwulenrechtsaktivisten mit ihren Schildern an einer anderen Ecke und die Schwarzenbefreiungsbewegung mit ihren Schildern an einer weiteren Ecke. Dann wurde uns klar, dass wir alle viel lauter und mächtiger wären, wenn wir alle an derselben Ecke stehen würden, also haben wir uns zusammengetan.“

Museumsbesucher vor dem Zitat von Martin Niemöller
Besucher vor dem Zitat von Martin Niemöller, das in der Dauerausstellung des United States Holocaust Memorial Museum zu sehen ist. Niemöller war lutherischer Pfarrer und einst Befürworter der Nationalsozialisten, der später wegen seines Widerstands gegen das Hitler-Regime inhaftiert wurde.

Quelle: US Holocaust Memorial Museum

Es geht um „mitmachen oder untergehen“, und zwar jetzt. Ich habe genug Geschichte gelesen, um zu wissen, dass ich das wörtlich meine. Ich glaube nicht, dass in meinem Leben in diesem Land jemals mehr auf dem Spiel stand. Wenn wir uns nicht für die Palästinenser einsetzen, wenn wir uns nicht für Migranten einsetzen, wenn wir uns nicht für Queers einsetzen, wenn wir nicht zusammenstehen, dann ... nun, wir haben alle das Gedicht gelesen.

Oh, und, um nicht total mies drauf zu sein, aber der Faschismus selbst ist nur der Miniboss. Um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu stoppen und das Leben auf der Erde zu retten, müssen wir auch die fossile Brennstoffindustrie und mehr oder weniger die gesamte aktuelle sozioökonomische Ordnung der Welt zu Fall bringen.

Ich glaube jedoch an uns. Vor allem, weil der Glaube an uns unsere einzige Wahl ist.

Und dann, wenn wir gewonnen haben, kann ich mich wieder dafür entscheiden, mir nicht wirklich Gedanken über mein Geschlecht zu machen.
Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: An Unwilling Soldier in the Culture War or: I honestly don't really care that much about being trans but here we are, 19. März 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Die Kickstarter-Kampagne für „The Immortal Choir Holds Every Voice“, das dritte Buch der Danielle-Cain-Reihe, läuft nur noch wenige Tage. Mit der Kampagne soll auch die Hörbuchproduktion aller drei Bücher der Reihe finanziert werden. Wenn ihr also noch keins davon gelesen habt, ist das eine gute Gelegenheit, einzusteigen. Und wir sind bestrebt, unsere digitalen Inhalte, wie Hörbücher, so günstig wie möglich zu gestalten, sodass ihr alle drei Hörbücher für 15 $ erhalten könnt.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


Hanau - Die Konsequenz bleibt Widerstand

Das Foto zeigt ein Transparent mit dem Text: "Hanau mahnt! Rechtsruck den Boden entziehen - rechten Terror bekämpfen" sowie Portraits von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Kaloyan Velkov und Ferhat Unvar und dem Hashtag #HanauIstÜberall
Foto: © Kinkalitzken via Umbruch Bildarchiv
Mehr als 5.000 Menschen haben am 19. Februar 2025 in Berlin mit einer Kundgebung und Gedenkdemonstration an den rassistischen Anschlag in Hanau vor fünf Jahren erinnert. Mit Portraits, Kerzen und Redebeiträgen gedachten sie Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Kaloyan Velkov und Ferhat Unvar. Nach der Kundgebung am Abend in der High-Deck-Siedlung führte die Demonstration in Richtung Sonnenallee in Neukölln. Auf dutzenden mit Lichterketten beleuchteten Schildern, die Teilnehmer*innen hochhielten, waren die Namen von weiteren Opfern rassistischer Gewalt der letzten Jahre zu lesen.

Zu der Veranstaltung aufgerufen hatte die Migrantifa Berlin. Ihre Antwort auf Naziterror und zunehmende rassistische Gewalt ist Selbstorganisation. Die Konsequenz aus Hanau bleibt Widerstand.

„Hanau war kein Einzelfall und wird kein Einzelfall sein. Hanau ist bereits das zweite Halle. Halle ist der zweite NSU. Und der NSU das zweite Solingen. Und Solingen das zweite Rostock-Lichtenhagen. […] Was wir brauchen, ist Widerständigkeit und Gegenmacht. Wir wollen nicht nur den Toten gedenken, sondern für die Lebenden und eine bessere Zukunft kämpfen“
(aus dem Aufruf zum „Antirassistischen Kampftag“)

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Berlin: Demo für Brandmauer gegen AFD

Das Foto von © Kinkalitzken zeigt das Fronttransparent der Demo mit dem Text "Wir sind die Brandmauer - Keine Zusammenarbeit mit der AfD!" auf der Straße des 17. Juni, hinter dem sich Massen von Menschen bis hin zumBrandenbruger Tor versammelt haben
Foto: © Kinkalitzken via Umbruch Bildarchiv
Über 200.000 Menschen stellten sich am 2. Februar 2025 in Berlin gegen die löchrige Brandmauer der CDU gegenüber der AfD. Die Großdemonstration führte mit zahlreichen selbstgestalteten Schildern gegen die AfD und den Kanzlerkandidaten der CDU Friedrich Merz vom Bundestag zur CDU-Zentrale.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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