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»Das sind meine Prinzipien, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.« Julius Henry "Groucho" Marx

Blogkino: La Passion de Jeanne d’Arc (1928)

Heute zeigen wir in unserer Reihe Blogkino mit einer Serie von Filmen des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer seinen 1928 entstandenen Film "La Passion de Jeanne d-™Arc". Dreyer "gilt heute als einer der wichtigsten Visionäre des Kinos und steht als einer der bedeutendsten europäischen Regisseure seiner Zeit neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau. Er beeinflusste spätere Regisseure wie Ingmar Bergman, Robert Bresson, Andrei Tarkowski und Lars von Trier. Dreyers Filme waren allerdings bei ihrer Veröffentlichung nur selten kommerzielle Erfolge und fanden auch nicht in allen Fällen sofort bei Kritikern Anklang, da sie in Thematik und Form nicht selten „ihrer Zeit voraus“ waren. Seine Werke zeichneten sich meist durch eine „Aura von dunkler Grimmigkeit“ aus, häufig werden in seinen Filmen das Übernatürliche oder Religion thematisiert."

"Der Historienfilm aus dem Jahre 1928 behandelt die letzten Stunden der Jeanne d-™Arc, eines 1431 hingerichteten Bauernmädchens. Die Titelrolle spielte Renée Falconetti, die unter dem Namen Maria Falconetti geführt wurde. Der Film wird als Meilenstein der Filmgeschichte gesehen. Bei der renommierten Kritikerumfrage des Sight & Sound-Magazins nach dem „besten Film aller Zeiten“ wurde er 2012 auf Platz 9 gewählt."

"Die französische Fassung musste bei ihrer Veröffentlichung auf Betreiben der Kirche um 15 Minuten gekürzt werden. Im Gegensatz dazu wurde der Film 1995 in die Filmliste des Vatikans aufgenommen, die insgesamt 45 Filme umfasst, die aus Sicht des Heiligen Stuhls besonders empfehlenswert sind. In Großbritannien wurde der Film verboten, da die englischen Soldaten sehr negativ dargestellt werden."
(Wikipedia)

Der Soundtrack der bei uns gezeigten französichen Fassung mit englischen Untertiteln stammt von der Chicagoer Band Joan of Arc

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Auch 2017: An guten Traditionen festhalten!

Anarchistisches Poster aus den 50er Jahren

Beispielsweise den heutigen Guy Fawkes Day, an dem in Britannien des einzigen Mannes gedacht wird, der je mit ehrlichen Absichten ins Parlament gegangen ist.

„Remember, remember the fifth of November
Gunpowder, treason and plot.
I see no reason why the gunpowder treason
Should ever be forgot.“

Erich Kästner. Zur Erhöhung der HARTZ IV Sätze. Oder so.

Erich Kästner 1961
Foto: von Basch
Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

Die Zeitlosigkeit der Gedichte des heute leider meist als Kinderbuchautoren wahrgenommenen Erich Kästner ist unglaublich. Wir hatten darauf ja schon in "Das Führerproblem, genetisch betrachtet", Der Zweck und die Mittel und anderen Texten Kästners hingewiesen. Heute nun ein weiteres aktuelles Gedicht, das mir angesichts der gestern vom Bundeskabinett beschlossenen reichlichen Erhöhung der Hartz IV Regelsätze eingefallen ist:

Ansprache an Millionäre


Warum wollt ihr so lange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?

Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.

Sie werden euch in die Flüsse jagen.
Sinnlos werden dann Schrei und Gebet sein.
Sie werden euch die Köpfe abschlagen.
Dann wird es zu spät sein.

Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten.
Dann stellen sie euch an die Gartenmauern.
Sie werden kommen und schweigen und töten.
Niemand wird über euch trauern.

Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren.

Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern.
Ihr habt das Geld und die Macht genommen.
Warum wollt ihr die Welt nicht ändern,
bevor sie kommen?

Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln!
Ihr seid nicht gut. Und auch sie sind-™s nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!

Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig.
Ihr sollt euch keine Flügel anheften.
Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig.
Wir sprechen von Geschäften.

Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen -“
das lohnt, drüber nachzudenken.

Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise.
Organisiert den Umbau der Welt!
Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise
mit sehr viel Geld...

Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten.
Uns tut es leid. Ihr werdet-™s bereuen.
Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!
Es wird uns freuen.

Erich Kästner

(Aus: Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt (Seiten 45/46). Via Horizontverschmelzung)

Über den salonfähigen Antifeminismus

"(...) Dabei profitiert jede Frau, ob sie sich nun Feministin nennt oder nicht, vom Feminismus. Jede von uns, die da draußen einem Job nachgeht (ohne sich vorher die Einwilligung ihres Ehemannes geholt zu haben), die ein eigenes Konto und einen Personalausweis hat, allein reisen kann, wählen geht oder sich ihre Sexpartner frei aussucht und sich dabei auch das Recht nimmt „Nein“ zu sagen, jede dieser Frauen profitiert von mehr als 150 Jahren Frauenbewegung weltweit und in Deutschland. (...)"

Die Störenfriedas

Bild: Luis Ricardo Falero [Public domain] via Wikimedia Commons

500 Jahre Reformation und der Fluch der Lohnarbeit

In der Feudalzeit war die Wirtschaft ausschließlich oder vorwiegend betrieben worden in Hinblick auf den Bedarf, also nach Maßgabe der vorhandenen Ansprüche. Entweder stand Art und Umfang des Konsums von vornherein fest, wie in der Familie, der Fronwirtschaft oder Dorfgemeinde, oder aber der Konsum wurde von der Kundschaft durch die Bestellung von Beginn der Produktion geltend gemacht. Bis zum städtischen Handwerk herauf war alle Produktion organisch eingeordnet, eingebettet in eine lebendige Einheit, ein überindividuelles Leben, das Stamm, Sippe, Familie, Dorfgemeinschaft, Gilde oder Zunft hieß. Erst kam der Mensch, dann die Arbeit, die der Sicherung des Lebens diente. Der Mensch arbeitet um zu leben. Dies wurde mit Beginn der bürgerlichen Epoche anders. An Stelle der natürlichen Gebilde, in deren Inneren sich die Produktion als ein Teilprozess des Stoffwechsels abspielte, trat ein Abstraktum: das Geschäft. Der Wirtschaftsprozess verselbstständigte sich. Die einzelnen Wirtschaftsakte wurden nicht mehr auf eine bestimmte Person bezogen, sondern zielten auf ein vom rein wirtschaftlichen Geist erfülltes Abstraktum, gleichsam auf sich selber als Ganzes. Die Vermögensbeziehungen waren entpersönlicht, versachlicht. Diese Verselbstständigung des Geschäfts gehört zur Entstehung und zum Wesen der kapitalistischen Unternehmung. Denn die Versachlichung der Wirtschaftsakte ermöglicht es, sie ohne alle Rücksicht auf andere Interessen nur auf den Gewinn auszurichten, und die Verselbstständigung des Geschäfts schaffte dem grenzenlosen Gewinn freie Bahn. So gewann in dem von allen Persönlichen abgelösten Wirtschaftsmechanismus das Erwerbsprinzip volle Freiheit zu ungehinderter Entfaltung und Betätigung.

Die auf Erwerbszweck und Gewinn abzielende Arbeit konnte aber zu keinem Resultat kommen, wenn weiterhin der Grundsatz galt, dass der Mensch nur arbeite um zu leben. Deshalb musste mit dieser These gebrochen werden. Der bürgerliche Mensch kehrte sie um, indem er die Maxime aufstellte: Der Mensch lebt, um zu arbeiten. Nur unter Anerkennung dieses Grundsatzes hatte er Aussicht, dass sich der Erwerbszweck der Produktion und Wirtschaft für ihn praktisch realisieren würde.

Diese Umstellung der Postulate machte es notwendig, in der gesellschaftlichen Ideologie dem Begriff der Arbeit einen anderen Sinn unterzuschieben, besonders der Lohnarbeit einen anderen Wertakzent zu geben. Das mittelalterliche Denken hatte für die Lohnarbeit, um des Erwerbs und der Bereicherung willen geleistet, wenig Verständnis. Jetzt galt es, Bauern und Handwerker für die Industriearbeit zu gewinnen. Dazu musste ihr Widerstand gegen die Erwerbsarbeit überwunden werden. Mit dieser Aufgabe betraute der bürgerliche Mensch die Kirche. Wie wir wissen, hat die Entwicklung der christlichen Kirche ihren Ausgang genommen von der christlichen Laiengemeinschaft. Sie ging also vom Kollektivismus aus, dessen ideologischer Träger sie blieb. Aber indem sie sich eine hierarchische Organisation gab mit Zentralismus, Autorität, Disziplin usw., entwickelte sie in sich eine Machtposition und Befehlshaberschaften, deren Repräsentanten notwendigerweise Persönlichkeiten, Kommandeure, Helden werden mussten. Sie züchtete Herren, Machthaber, Kirchenfürsten, Könige und landete beim Prinzip des Individualismus. Im Katholizismus vollzog sich diese dialektische Entwicklung, soweit sie der Feudalismus brauchte. Dem Protestantismus fiel dieselbe Aufgabe für das bürgerlich-kapitalistische Zeitalter zu. Das Charakteristische der protestantischen Ideologie liegt darin, dass sie den Individualismus in der religiösen Gedankenwelt völlig uneingeschränkt zur Anerkennung und Geltung brachte. Sie erhob fürs erste zum Grundsatz, dass jeder einzelne sich seinen eigenen Gott aus seinen Innersten neu erschaffen müsse. Weiter verwies sie den Gläubigen zur Verrichtung seiner Gebetsübungen aus der großen Gemeinde ins stille Kämmerlein. Endlich verkündete sie, dass jeder wahrhafte Gläubige ein Priester sei, der ohne Mittelsperson aus freien, eigenen Recht mit Gott in Verbindung treten könne. Aber auch den Intellektualismus führte Luther in das christliche Leben ein. An Stelle der Person des Papstes setzte er als höchste Instanz das Wort Gottes, statt des Menschen also ein Buch. Und während der Katholizismus die Rechtfertigung durch gute Werke lehrte, trat er für Rechtfertigung allein durch den Glauben ein. Dieser Glaube aber lief auf nichts anderes hinaus, als auf ein Sichklammern an den toten Buchstaben der Lehre.

Endlich hat Luther das Element der Weltlichkeit in die Religion getragen. Er erklärte, dass man überall und zu jeder Zeit, in jedem Stand und Beruf, Amt und Gewerbe gottgefällig leben könne. Er übersetzte in der Bibel das Wort Arbeit mit dem Worte Beruf, dem er den Beiklang einer göttlichen Berufung, einer religiösen Verpflichtung verlieh. Er maß auch der auf materiellen Gewinn abzielenden kapitalistischen Erwerbstätigkeit den Wert einer von Gott den Menschen gestellten Aufgabe zu, die zu erfüllen Christenpflicht sei. Damit leistet er der bürgerlichen Klasse den allerwichtigsten Dienst. Denn „diese Ausprägung des Berufsbegriffs hat“, wie auch Max Weber konstatiert, „dem modernen Unternehmer ein fabelhaft gutes Gewissen und außerdem ebenso arbeitswillige Arbeiter geliefert, indem er der Arbeiterschaft als Lohn ihrer asketischen Hingabe an den Beruf und ihrer Zustimmung zu rücksichtsloser Verwertung durch den Kapitalismus die ewige Seligkeit in Aussicht stellte, die in Zeiten, wo die kirchliche Disziplin das gesamte Leben in einem uns jetzt unfassbaren Grade in ihre Zucht nahm, eine ganz andere Realität darstellte als heute.“ Indem die protestantische Abendmahlsgemeinschaft die „ethische Vollwertigkeit“, von der die Zulassung abhängig war, mit der „geschäftlichen Ehrbarkeit“ identifizierte, war jeder einzelne im Interesse des Unternehmertums der Kirchendisziplin unterstellt. Die Weihe der Arbeit war auf diese Weise in einen seelischen Zwang zur Lohnarbeit verwandelt worden.

Noch weiter als die Lutherkirche ging der Calvinismus. Er hat das bürgerliche Element innerhalb der religiösen Ideologie und kirchlichen Organisation zur Reinkultur entwickelt. Nicht nur, dass Calvin die wortwörtliche Anbetung der Heiligen Schrift lehrte, er machte auch durch die Lehre von der Prädestination die Kirche zum mächtigsten Hilfsinstrument der bürgerlichen Interessen. Denn wenn der Mensch erst durch seinen Wandel erfuhr, ob er zu den von Gott Begnadeten gehörte, dieser Wandel aber durch Kirchengesang und Kirchenzucht bestimmt wurde, war es ein Leichtes, den Wandel nach den Bedürfnissen zu regulieren, die das kapitalistische Bürgertum im Sinne ihrer materiellen Interessen und Vorteile entwickelte. In der Tat wurde durch den Calvinismus jeder Lebensdrang unterbunden, jede Lebensfreude unterdrückt, jeder Lebensgenuss als Sünde und Verbrechen bestraft. In den Mittelpunkt der kirchlichen Ideologie wurde der Satz gestellt, dass Gott den Menschen in die Welt gesetzt habe, damit er arbeite. Damit wurden die Massen zu Fleiß, Unterwürfigkeit, asketischer Lebensführung erzogen, die aufstrebenden Unternehmerschichten zu Nüchternheit, Sparsamkeit, rechnerischen Verhalten und ökonomischer Wirtschaftsweise angehalten. Der Entfaltung des Erwerbssinns und der Entwicklung der Erwerbswirtschaft war aufs kräftigste Vorschub geleistet. Eine derart machtvolle, unbewusst raffinierte Veranstaltung zur Züchtung kapitalistischer Individuen hat es in keiner anderen Kirche oder Religion jemals gegeben.

(Otto Rühle: Illustrierte Kultur-und Sittengeschichte des Proletariats, Berlin 1930. S. 18.) via GIS

Blogkino: Blätter aus dem Buche Satans (1921)

Heute zeigen wir in unserer Reihe Blogkino mit einer Serie von Filmen des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer seinen 1921 entstandenen Film "Blätter aus dem Buche Satans". Dreyer "gilt heute als einer der wichtigsten Visionäre des Kinos und steht als einer der bedeutendsten europäischen Regisseure seiner Zeit neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau. Er beeinflusste spätere Regisseure wie Ingmar Bergman, Robert Bresson, Andrei Tarkowski und Lars von Trier.[7] Dreyers Filme waren allerdings bei ihrer Veröffentlichung nur selten kommerzielle Erfolge und fanden auch nicht in allen Fällen sofort bei Kritikern Anklang, da sie in Thematik und Form nicht selten „ihrer Zeit voraus“ waren. Seine Werke zeichneten sich meist durch eine „Aura von dunkler Grimmigkeit“ aus, häufig werden in seinen Filmen das Übernatürliche oder Religion thematisiert." (Wikipedia)

Erzählt werden in vier Teilen die Versuchungen des Menschen durch Satan. Der Höllenfürst wurde per himmlischem Dekret aus seinem Reich verbannt und auf die Erde entsandt. Dort soll er unter den Menschen sein finsteres Handwerk verrichten. Für jede verführte Seele, die ihm erliegt, wird sein Strafmaß um weitere 100 Jahre erhöht; für jede, die ihm widersteht, werden ihm 1000 Jahre erlassen. Und so macht sich Satan an sein diabolisches Werk.

Soweit WikiPedia, wir zeigen den Film mit spanischen Untertiteln.

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Automatisiertes Töten

Herbert Marcuse in Newton, Massachusetts, 1955
Copyright: Marcuse family, represented by Harold Marcuse

Ein sehr weitsichtiger Text von Herbert Marcuse, wenn man bedenkt, die sogenannte digitale Revolution, der Quantensprung in der Möglichkeit automatisiert zu morden, war noch nicht wirklich in Sicht, als dieser Text 1968 veröffentlicht wurde. Mit der neuen Drohnentechnik, bei der jemand am Schreibtisch sitzt und mit dem Joystick das Ziel ansteuert, wurde das letzte Band zwischen Opfer und Täter durchtrennt, Mord wird zum Spiel.

"(...) Besonders aufschlußreich und am bezeichnendsten für den Unterschied zwischen den neuen und den überlieferten Formen ist das, was wir technologische Aggression und Befriedigung nennen können. Das Phänomen ist rasch beschrieben: der Aggressionsakt wird physisch durch einen weitgehend automatischen Mechanismus ausgelöst, der weit stärker ist als der Mensch, der ihn in Bewegung setzt, in Bewegung hält und über dessen Ziel und Zweck entscheidet. Der extremste Fall ist die Rakete; das alltäglichste Beispiel das Auto. Bei der hier aktivierten und verbrauchten Kraft handelt es sich um mechanische, elektrische, nukleare Energie von "Dingen" und nicht um die triebgebundene Energie des Menschen. Hier wird gleichsam Aggression von einem Subjekt auf ein Objekt übertragen oder sie wird durch ein Objekt zumindest vermittelt, wobei das Ziel nicht durch einen Menschen, sondern vielmehr durch ein Objekt zerstört wird. Diese Veränderung in der Beziehung zwischen menschlicher und materieller Energie, zwischen der objektiven und der subjektiven Komponente der Aggression (der Mensch wird weniger auf Grund seiner physischen als auf Grund seiner psychischen Fähigkeiten zum Subjekt und Diener der Aggression) muß auch die psychische Dynamik verändern. Folgende Hypothese scheint durch die innere Logik des Prozesses nahegelegt: mit der "Delegation" von Zerstörung auf ein mehr oder weniger automatisches Ding, eine Menge oder ein System von Dingen wird die Triebbefriedigung des menschlichen Subjekts zwangsläufig unterbrochen, frustriert und "übersublimiert". Und solche Frustration drängt nach Wiederholung und Steigerung: mehr Gewalt, erhöhte Geschwindigkeit, größere Reichweite. Gleichzeitig geht damit eine Schwächung der persönlichen Verantwortung, des Gewissens, der Schuld und des Schuldbewußtseins einher: nicht ich als (moralisch und körperlich) handelnde Person habe es getan, sondern die Maschine. "Die Maschine" -“ das Wort deutet darauf hin, daß ein Apparat von menschlichen Wesen die Stelle des mechanischen Apparats einnehmen könnte: die Bürokratie, die Verwaltung, die Partei oder der Verband sind die Verantwortlichen; ich als Individuum bin nur Werkzeug. Und ein Werkzeug kann in ethischer Hinsicht überhaupt nicht verantwortlich oder schuldig sein. Damit wäre eine Schranke der Aggression aufgehoben, die die Kultur in einem langen und gewaltsamen Prozeß der Disziplinierung errichtet hatte. Damit wäre aber auch die erweiterte Reproduktion der Gesellschaft im Überfluß in einer verhängnisvollen psychischen Dialektik verfangen, die in die wirtschaftliche und politische Dynamik einmündet und diese vorwärtstreibt: je mächtiger und "technologischer" die Aggression sich gestaltet, um so weniger kann sie die primären Impulse befriedigen und beschwichtigen und um so stärker drängt sie nach Wiederholung, Intensivierung und Eskalation.

Sicher ist der Gebrauch von Werkzeugen der Aggressivität so alt wie die Zivilisation selbst, aber es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen den technologischen und den primitiveren Formen der Aggression. Letztere waren nicht nur quantitativ verschieden (d.h. schwächer); sie verlangten auch eine weit größere Anstrengung, eine stärkere Beteiligung des Körpers als die automatischen oder halbautomatischen Maschinen der Aggression. Das Messer, das "plumpe Werkzeug" und sogar der Revolver sind in viel stärkerem Maße "Teil" des Individuums, welches sie benutzt, und sie bringen dieses Individuum in eine engere Beziehung zu seinem Ziel. Die menschlichen Opfer des Gewehrs sind wahrnehmbar; die des Bomberflugzeuges und der Rakete sind der Wahrnehmung des Täters entrückt. (...)"

Aus: Herbert Marcuse. "Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft"

Widerstand gegen den Staatsterror der Türkei

Am 1. November jährt sich die Befreiung Kobanês vom IS 2014 zum dritten mal. Diese stellte einen Wendepunkt für den Kampf der kurdischen Bevölkerung in Rojava dar. Von diesem Zeitpunkt an wurde der IS kontinuierlich zurückgedrängt und der Aufbau einer fortschrittlichen Perspektive in Rojava fortgeführt.

Doch auch wenn der IS immer weiter geschwächt wird und mit Rakka wohl bald seine letzte Bastion in Syrien verlieren wird, steht Rojava nicht ohne Feinde da. Von der Türkei unterstützte, dschihadistische Milizen greifen mit Hilfe der türkischen Armee regelmäßig Stellungen der YPG an oder besetzten kurzzeitig Dörfer in Rojava. In Rojava wird eine basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut, die den Bedürfnissen der Menschen dient. Damit steht Rojava im direkten Widerspruch zur Alleinherrschaft Erdogans und der AKP.

Die türkischen Angriffe auf Rojava finden deshalb statt, weil die antikapitalistische Gesellschaftsperspektive in Rojava einen großen Einfluss auf die fortschrittlichen Kräfte in der Türkei hat. Die türkische Regierung will verhindern, dass die fortschrittliche Entwicklung in Rojava auf die Türkei überspringt.

Um das zu verhindern, überzieht der türkische Staat jegliche fortschrittliche Kräfte in der Türkei mit Repression. Von Entlassungen von Staatsbeamten über Verhaftungen und Demonstrations- und Organisationsverbote bis hin zu Massakern an der kurdischen Zivilbevölkerung reicht die Repression des türkischen Staates. Nicht nur RevolutionärInnen und kurdische AktivistInnen, sondern auch liberal eingestellte JournalistInnen und AkademikerInnen sind davon betroffen.

Unsere Solidarität gilt allen fortschrittlichen Kräften in der Türkei und Kurdistan, die trotz den Erschwernissen durch den türkischen Staatsterror weiter für den Aufbau einer besseren Gesellschaft kämpfen. Wir solidarisieren uns mit dem Widerstand gegen den Terror der Regierung in der Türkei. Wir solidarisieren uns mit dem Aufbau und der Selbstverwaltung in Rojava. Die gelebte antikapitalistische Perspektive in Rojava ist nicht nur ein Bezugspunkt für die RevolutionärInnen in der Türkei, sondern für alle InternationalistInnen weltweit.

Gegen den Staatsterror der Türkei -“ Internationale Solidarität aufbauen!

UnterstützerInnen:
Antifaschistische Jugend Rems- Murr (AJRM)
Arbeitskreis Internationalismus Stuttgart
Arbeitskreis Solidarität
Ciwanên Azad
Demokratisches Kurdisches Gesellschaftszentrum Deutschland (NAV-“DEM)
Föderation der Arbeiterimmigrant/innen in Deutschland e.V. (AGIF)
Göppinger Solidaritätsbündnis für Nordsyrien
Initiative Kurdistan -“ Solidarität Stuttgart
Jinên Ciwanên Azad
Konföderation für Demokratische Rechte in Europa (ADHK)
Linksjugend Marbach
Revolutionäre Aktion Stuttgart
Rote Hilfe Stuttgart
Socialist youth movement
Tobias Pflüger (Stellvertretender Parteivorsitzender der LINKEN)
Neue Demokratische Jugend (YDG)
Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK)
Zusammen Kämpfen

Quelle