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»Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Meinungsfreiheit brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.« Edward Snowden

Rückzug aus dem Panoptikum oder: Ein paar Monate mit Linux und GrapheneOS

Anfang dieses Jahres habe ich aus Gründen, die vielleicht klar sind, angefangen, neue Datenschutzgewohnheiten zu entwickeln. Ich wollte weg von Apple, Google, Meta, X, Amazon und all diesen milliardenschweren Tech-Ökosystemen, die dich nicht als Kunden, sondern als Produkt sehen.

Eine Person sitzt mit einem Hoodie vor einem Laptop. Die Kapuze ist ins Gesicht gezogen. Neben dem Laptop liegt ein Smartphone.
Grafik: Thomas Trueten
Lizenz: CC BY 4.0
Ich gebe meine Daten und mein Geld generell nicht gerne an Milliardäre weiter, aber das war weniger eine moralische als eine strategische Entscheidung. Vor dem aktuellen Aufstieg des Faschismus hatte ich keine besondere Angst davor, dass Tech-Unternehmen mit meinen Daten viel mehr machen würden, als sie an Werbetreibende zu verkaufen. Jetzt, wo die Tech-Welt immer mehr mit autoritären Staaten verschmilzt, gibt es tausend Gründe, sich ein bisschen weniger durchschaubar zu machen, tausend Gründe, die Algorithmen zu verwirren oder ihnen zumindest weniger zu geben, womit sie arbeiten können.

Ich wusste, dass ich nicht einfach von heute auf morgen aufhören konnte, und ich habe es auch noch nicht geschafft. Alles-oder-nichts-Lösungen sind keine Lösungen, sondern Wunschträume. Ich mache die Schritte, die ich machen kann. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Content-Ersteller, daher werde ich soziale Medien nicht komplett aufgeben – und ich werde auch nicht vollständig von macOS weggehen, da es derzeit ein wichtiger Teil meines Audio-Workflows ist.

Ich habe viele Schritte unternommen, aber die beiden größten sind, dass ich den Großteil meiner Arbeit von einem MacBook Air auf ein Thinkpad mit Linux verlagert und mein iPhone durch ein Pixel mit GrapheneOS ersetzt habe. Ich habe Gmail gegen Protonmail und meinen Google-Kalender gegen Proton Calendar ausgetauscht. Ich sage dir nicht, dass du die gleichen Schritte wie ich unternehmen sollst, aber für mich funktionieren sie bisher.
LinuxSeit Jahren schwärmen meine Freunde von Linux, aber ich konnte mich nicht so recht dafür begeistern. Das erste Mal habe ich Linux als Teenager auf einem Computer installiert, aber da ich am Computer hauptsächlich Medieninhalte erstelle und weniger mit dem Computer selbst arbeite, bin ich vor Jahrzehnten zu macOS gewechselt und habe es nie bereut. Ich mochte die elegante Benutzeroberfläche und wollte nicht meine ganze Zeit damit verbringen, mich darum zu kümmern, was unter der Haube vor sich geht.

Aber wenn man nicht unter die Motorhaube eines Autos schaut, versteht man es auch nicht wirklich. Dort könnte alles Mögliche passieren. Und eine Sache, die immer häufiger vorkommt, ist, dass der Computer Daten sammelt. Manchmal verkaufen Unternehmen diese Daten, manchmal werden sie von Strafverfolgungsbehörden angefordert.

Also habe ich mir ein ThinkPad X1 gekauft, Ubuntu heruntergeladen und installiert. Der ganze Prozess war relativ schmerzlos, und wenn ich nur einen Computer zum Schreiben, Surfen im Internet und zum Abrufen meiner E-Mails gebraucht hätte, wäre es auch dabei geblieben. Einige Dinge waren nur kleine Ärgernisse – ich konnte zwar dieselbe Dockingstation verwenden, um meinen Computer an Maus und Tastatur anzuschließen, aber ich musste das HDMI-Kabel direkt an den Laptop anschließen, anstatt es im Anschluss zu lassen. Andererseits hat ein ThinkPad ja einen HDMI-Anschluss. Jedes neue Peripheriegerät, das ich unter Linux anschließen will, ist entweder einfach oder schwierig ... und für manche finde ich einfach keine Treiber, oder wenn doch, muss ich in der Befehlszeile herumprobieren, was mir einfach nicht liegt.

Als ich Scrivener, meine Lieblings-Schreibsoftware für Linux, ausprobieren wollte, musste ich erst mal ein paar Stunden in Tutorials verbringen und an der Befehlszeile rumspielen, von der ich kaum Ahnung habe. Aber ich hab's geschafft.

Es gibt ein paar Dinge, die mir sowohl am Thinkpad als auch an Linux besser gefallen. Die Tastatur des Thinkpads ist super, und ich finde es gut, dass es sowohl USB-A- als auch USB-C-Anschlüsse gibt, ohne dass man mit Adaptern rumspielen muss. Auch wenn es ein Plastikgehäuse hat, ist es robuster als ein Mac. Und vor allem finde ich es toll, dass mein Computer mir vertraut und mir sagt, was er macht. Es gibt einen Hardware-Schalter zum Stummschalten des Mikrofons und eine integrierte Abdeckung für die Webcam.

Bisher musste ich das MacBook zum Aufnehmen behalten, weil mein USB-Audio-Interface nicht gut mit Linux funktioniert.

Und die Software, die ich für die Musikproduktion verwende (Reason Studios), läuft nicht nativ unter Linux. Würde ich anderen Leuten empfehlen, ihren Windows- oder Mac-Laptop gegen einen Linux-Rechner auszutauschen? Das kommt drauf an. Wenn du bereit bist, dich gelegentlich mit der Technik auseinanderzusetzen und Probleme zu beheben, ist Linux super. Wenn du keine spezielle Software benötigst (z. B. für die Medienproduktion), ist es ideal.

Wenn du nicht willst, dass dein Computer dir jede Kleinigkeit verrät, ist Linux super. Und dieser letzte Punkt ... der wird heutzutage immer wichtiger.
GrapheneOSInsgesamt vertraue ich iOS in Sachen Telefonsicherheit eher als Android. Als Anekdote: Als bei der ersten Amtseinführung von Trump Hunderte von Menschen festgenommen wurden, wurden ihnen alle ihre Telefone von der Polizei beschlagnahmt. Die Polizei konnte die Android-Geräte knacken, aber nicht die iPhones, zumindest laut den Ergebnissen der Untersuchung. Das war allerdings vor acht Jahren, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das, was damals galt, heute noch gilt. Seit einiger Zeit gibt es einen Wettlauf zwischen der Polizei und den Handyherstellern in Sachen Sicherheit. Im Allgemeinen hat Apple jedoch Verschlüsselung und Sicherheit priorisiert.

Warum habe ich dann iOS für eine Android-Variante verlassen? Nun, ich vertraue auf Apples Fähigkeit, Hardware-Verschlüsselung zu entwickeln. Ich misstraue nur zunehmend ihren Datenschutzpraktiken. Und GrapheneOS wurde mir von Leuten, denen ich vertraue, als datenschutzorientiertes Betriebssystem empfohlen. Es läuft nur auf Google-Pixel-Handys, was ein bisschen ironisch ist, wenn man bedenkt, dass mein Ziel darin besteht, mein Leben von Google zu befreien, aber im Grunde genommen sind Google-Pixel-Handys Android-Handys, die auf einem vergleichbaren Niveau der Hardwaresicherheit wie iPhones gebaut sind.

Ich hab ein gebrauchtes Google Pixel gekauft, ein oder zwei Generationen alt, für wenig Geld, und dann GrapheneOS installiert. Das war ziemlich einfach. Das Ergebnis ist ein Smartphone, das mir vertraut, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Wenn ich es mit einer Auto-Stereoanlage verbinde, fragt es mich, ob ich möchte, dass das Auto meine Anrufhistorie und meine Kontakte herunterlädt (das möchte ich nicht). Man kann die Ortungsdienste jederzeit deaktivieren. Man kann das Mikrofon und die Kamera jederzeit ausschalten. Wenn du noch mehr Wert auf Sicherheit legst als ich, kannst du den Google Play Store komplett ignorieren und nur „fdroid“ verwenden, um ausschließlich Open-Source-Software zu installieren. Wenn du ein halbwegs normales Leben führen möchtest, kannst du Apps aus dem Google Play Store herunterladen. GrapheneOS isoliert jede App von den anderen, sodass sie keine Daten untereinander austauschen können. So wird verhindert, dass sie ein zu detailliertes Profil deiner Aktivitäten erstellen.

Ehrlich gesagt vermisse ich mein iPhone überhaupt nicht, und das war der einfachste Umstieg, den ich je gemacht habe. Die Bluetooth-Verbindung ist sogar praktischer und einfacher zu bedienen als bei iOS. Mit GrapheneOS kannst du unter die Haube schauen, aber du wirst nicht dazu gezwungen. Mehr sicherheitsorientierte Programmierung sollte so funktionieren.

De-GooglingDe-Googling ist schwierig. Ich benutze seit zwanzig Jahren mehrere verschiedene Gmail-Adressen. Ich habe ein Protonmail-Konto eingerichtet (das nicht in den USA ansässig und auf Datenschutz ausgerichtet ist, wenn auch keineswegs perfekt) und verlagere nach und nach meine Dienste von Gmail zu Protonmail. Im Grunde gehe ich jedes Mal, wenn ich eine E-Mail von diesem oder jenem Dienst an Gmail erhalte, diese durch und stelle sie so ein, dass sie in Zukunft an Protonmail gesendet wird. Man kann auch eine automatische Weiterleitung einrichten, aber ich träume davon, eines Tages diese Gmail-Adressen zu schließen, daher muss ich alles umleiten.

Proton Calendar funktioniert gut genug, und Zoom-Einladungen für die Arbeit werden dort problemlos angezeigt. Ich habe meine Daten aus Google Kalender exportiert und in Proton Calendar importiert, allerdings nicht ganz fehlerfrei, sodass ich einen wichtigen Termin verpasst habe. Ich finde es auch schwieriger, gemeinsame Kalender einzurichten, aber ich denke, es ist möglich.

Youtube ist jetzt echt nervig, weil es wieder Werbung gibt. (Ich hab für Premium bezahlt, weil ich viel Youtube schaue). Ich werde wahrscheinlich nachgeben und ein Google-Konto behalten, nur um Premium Youtube zu haben, was natürlich eine Menge algorithmischer Daten über mich sammelt, aber ich brauche meine Holz- und Garten-Anleitungsvideos und bin es leid, immer wieder die gleiche Werbung zu sehen.

Ein Gmail-Konto für bestimmte Zwecke zu behalten, könnte auch Sinn machen, zum Beispiel wenn du eine „offizielle“ Identität für Banken, Behörden, Vermieter und so weiter hast.

De-SpotifyIch weiß nicht, ob die Daten, die Spotify sammelt, für repressive Regierungen wirklich nützlich sind, aber es könnte sein, und ich versuche generell, mich von einem Leben mit Algorithmen zu lösen, deshalb habe ich Spotify aufgegeben. Ich höre MP3s, die ich größtenteils bei Bandcamp kaufe und von denen ich einige seit meiner Jugend auf dieser oder jener Festplatte habe. Podcasts höre ich jetzt mit AntennaPod, das eine viel schönere Benutzeroberfläche hat als Spotify ... und weil ich Musik und Podcasts auf verschiedenen Apps höre, ist es einfacher, den Überblick über meine Podcasts zu behalten. Und ich bin von Audible zu Libro.fm gewechselt, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen, weil es nur Vorteile und keine Nachteile gibt.

Noch zu tunAll das ist ein fortlaufender Prozess. Es wird nie perfekt sein. Aber ich entalgorithmiere mich langsam, entferne mich langsam vom Panoptikum, und es läuft recht gut. Ich möchte noch mehr tun, vor allem meine Computerkenntnisse verbessern – bis Leute Programme entwickeln, die so einfach zu bedienen sind wie Signal oder GrapheneOS. Ich möchte die Firewall in meinem Heimnetzwerk so programmieren, dass „intelligente“ Geräte (wie mein Fernseher) nichts ins Internet senden, was ich nicht möchte. Ich möchte besser verstehen, wie Fahrzeuge mit meinem Zuhause kommunizieren, und Wege finden, meine Fahrdaten besser zu schützen.

Das ist ähnlich wie bei der allgemeinen Vorbereitung: Es geht nicht darum, vollkommen vorbereitet zu sein. Es geht darum, über dein Bedrohungsmodell nachzudenken und Lösungen zu finden, die eine vernünftige Antwort auf diese Bedrohungen sind.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: Edging Back From the Panopticon or: A Few Months With Linux and GrapheneOS,  21. Mai 2025

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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


Berlin: A100 wegbassen!

Das Foto von Björn Obmann zeigt einen Auschnitt aus der Demo mit einem Pappschiclt das hoch gehalten wird. Der Text: "A100% SCHEISSE"
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Tausende feierten und demonstrierten am 17. Mai 2025 gegen die Autobahn A100, gegen das Verkehrschaos mit Eröffnung des 16. Abschnittes in diesem Jahr und gegen die Verdrängung von Freiräumen und Clubkultur durch den drohenden Bau des 17. Abschnittes der Autobahn durch Friedrichshain.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

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Auflösung der PKK: Der lange Abschied vom Avantgardismus

Dieser Schritt spiegelt eine umfassendere strategische Vision wider, die Geschlechtergleichstellung, Pluralismus und lokale Demokratie umfasst.

Das Foto zeigt zwei ausgesteckte Arme, die Hände zeigen das Zeichen für Sieg. Im Hintergrund die Fahne von Rojava und die Kurdische Fahne.
Foto: Montecruz Foto
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die offizielle Ankündigung der Auflösung der PKK hat bei den Kurden in der Türkei und ihren internationalen Unterstützern gemischte Reaktionen ausgelöst. Allerdings hat sich dieser Schritt über Jahre hinweg abgezeichnet und kommt für langjährige Beobachter der kurdischen Bewegung und Leser der Theorie des demokratischen Konföderalismus von Abdullah Öcalan nicht überraschend. Die Wende hatte sich bereits vor Monaten angekündigt und bedeutet eine strategische Neuausrichtung, die einer umfassenderen Vision von Autonomie jenseits von Staat, Partei und bewaffnetem Kampf entspricht.

Die PKK wurde 1978 gegründet und begann 1984 einen bewaffneten Kampf für die Autonomie der Kurden. Die Türkei reagierte mit harter militärischer Unterdrückung, und beide Seiten verstrickten sich in einen blutigen Konflikt, der Jahrzehnte andauerte. Im Laufe dieses Krieges wurden zwischen 40.000 und 50.000 Menschen getötet, darunter Zivilisten, PKK-Kämpfer, türkische Soldaten, Polizisten und Dorfwächter. Die 1990er Jahre waren besonders brutal und geprägt von weit verbreiteten Dorfbränden, Zwangsumsiedlungen von bis zu 3 Millionen Menschen und systematischen Menschenrechtsverletzungen. Trotz mehrerer Versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen und Friedensgespräche aufzunehmen, eskalierte die Gewalt immer wieder – insbesondere nach dem Scheitern der Verhandlungen im Jahr 2015, als erneute städtische Kämpfe in Städten wie Cizre und Sur zahlreiche Opfer forderten.

Seit der Festnahme von Öcalan im Jahr 1999 hat sich die kurdische Freiheitsbewegung allmählich von traditionellen Modellen des bewaffneten Avantgardismus, des nationalistischen Statismus und der stalinistischen Rigidität abgewandt. Während die PKK ihre Streitkräfte – insbesondere in den Bergen des irakischen Kurdistans – aufrechterhielt, rückte in ihrer ideologischen Ausrichtung der soziale Wandel zunehmend vor die militärische Konfrontation.

Dieser Wandel fand seinen strukturellen Ausdruck in der Gründung der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) Anfang der 2000er Jahre: einem Dachverband von Organisationen mit dezentralem und horizontalem Charakter. Die KCK umfasst ein breites Spektrum von Gemeinschaften, politischen Parteien, Bürgerinitiativen, Komitees und Basisorganisationen in der Türkei, Syrien, Irak und Iran. Sie ist ein bewusster Schritt weg vom starren, zentralisierten Modell der Avantgardepartei hin zu einer vernetzten Struktur, die auf direkter Beteiligung und lokaler Autonomie basiert.

In der Türkei ist die KCK politisch aktiv und koordiniert kulturelle, soziale und kommunale Initiativen. Sie hat erfolgreich Kommunalwahlen gewonnen und Kandidaten in Bürgermeisterämter gebracht. Der türkische Staat hat darauf mit anhaltender Repression reagiert, darunter Massenverhaftungen von mutmaßlichen „KCK-Mitgliedern“ in den letzten zehn Jahren.

In dieser neuen Weltanschauung schrumpft der Raum für eine hierarchische Parteistruktur wie die PKK stetig. Öcalans Aufruf vom Februar 2025, die PKK offiziell aufzulösen, wurde von Vertretern der Kongra-Gel, dem gesetzgebenden Organ der KCK, unterstützt, die behaupteten, dieser Schritt markiere den Beginn einer breiteren Demokratiebewegung, die Frauen, Arbeiter und Umweltaktivisten einbeziehe und damit besser mit dem Rahmenkonzept der Demokratischen Modernität im Einklang stehe.

Der demokratische Konföderalismus wurde zuerst innerhalb der PKK formuliert und dann – am deutlichsten sichtbar – in Rojava umgesetzt. Wo die PKK einst zur ethnischen Polarisierung innerhalb der Türkei und sogar unter den Kurden beitrug, betont das Rojava-Modell nun den Übergang zu Pluralität, Feminismus und Dezentralisierung. Seit über einem Jahrzehnt widersteht die Region türkischen Invasionen, ISIS-Offensiven, der Feindseligkeit des Regimes und der internationalen Vernachlässigung und treibt gleichzeitig die soziale und politische Revolution voran. Wie die Zapatisten, deren Einfluss in der gesamten Bewegung deutlich zu spüren ist, haben kurdische Kader die Idee des bewaffneten Kampfes neu definiert und entmystifiziert. Im Zentrum dieses Paradigmas steht die „Jineologie“ – die „Wissenschaft der Frauen“ –, die die Befreiung der Frauen als Grundlage jedes sinnvollen revolutionären Prozesses betrachtet.

Wendepunkt

Die Entscheidung, den Kreislauf der bewaffneten Polarisierung mit dem türkischen Staat zu beenden, könnte eine Wende hin zu einem zeitgemäßeren revolutionären Horizont signalisieren – einem Horizont, der nicht auf der Ersetzung der Elite, sondern auf der Beteiligung der Massen basiert. Auch Rojava tritt in eine neue Phase ein. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben mit der syrischen Zentralregierung eine erste Vereinbarung unterzeichnet, um Verhandlungen über die formelle Anerkennung des autonomen Status der Region aufzunehmen – nicht als unabhängiger Nationalstaat, sondern als dezentraler Bestandteil eines neu gestalteten syrischen Staatswesens. Obwohl frühere Bemühungen unter Assad blockiert wurden, haben sich durch die veränderten Machtverhältnisse die Möglichkeiten für einen Dialog wieder eröffnet.

Die Ideen des Konföderalismus und der Geschlechterbefreiung könnten nun näher denn je an einer breiteren Verwirklichung und territorialen Verankerung sein. Trotz der großen Gefahren, die Verhandlungen mit dem dschihadistischen syrischen Regime mit sich bringen, treibt die kurdische Verwaltung ihre Bemühungen um Anerkennung als selbstverwaltete Einheit innerhalb einer zersplitterten und zentralisierten Region weiter voran. Diese Entwicklung fällt natürlich mit der Auflösung der PKK zusammen. In der Türkei könnten diese Entwicklungen die grundlegende Narrative des Regimes infrage stellen.

Seit Jahrzehnten nutzt Ankara die Einstufung der PKK als terroristische Organisation, um Militäroperationen, politische Unterdrückung und die Verfolgung kurdischer Organisationen, Journalisten und internationaler Verbündeter zu rechtfertigen. Es behauptet, dass alle kurdischen Strukturen – von der PYD über die YPG/YPJ bis hin zur SDF – Frontorganisationen der PKK seien. Mit der Auflösung der PKK ist die rechtliche Grundlage für diese Strategie geschwächt. Auch wenn der staatliche Diskurs weitergeht, könnte seine Glaubwürdigkeit – vor allem international – schwinden. Das könnte Erdoğan die Chance bieten, sich für einen politischen Ansatz zu entscheiden, der kurdische Autonomie im Austausch für innenpolitische Stabilität und verfassungsrechtlichen Einfluss anerkennt. Ankaras jüngste Zusagen finanzieller Unterstützung für kurdisch geprägte Regionen – die etwa 15 bis 20 % des türkischen Staatsgebiets ausmachen und schätzungsweise 12 bis 17 Millionen Menschen beheimaten – könnten Anzeichen für diesen Wandel sein.

Die große Frage ist, ob das autoritäre Regime in der Türkei einen solchen demokratischen Ansatz zulassen wird oder ob es die kurdische Bewegung zurück in den bewaffneten Aufstand treiben wird. In der Vergangenheit hat die PKK mehrmals versucht, ihre Kräfte aus der Türkei abzuziehen, doch jedes Mal wurde dieser Prozess vom türkischen Staat gestört.

Was als Nächstes kommt, ist ungewiss. Die Geschichte der Verrat ist lang, und die Risiken der Kooptierung oder erneuter Repression bleiben bestehen. Dennoch hat die kurdische Bewegung eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit bewiesen, die in gelebtem Widerstand und revolutionärer Vorstellungskraft verwurzelt ist. Wenn dies das Ende der Partei ist, könnte es durchaus den Beginn von etwas Tieferem markieren: einer staatenlosen Alternative, die inmitten der Trümmer des patriarchalischen Nationalstaates um ihr Überleben kämpft.

Quelle: PKK dissolution: The long goodbye to vanguardism by Blade Runner, via freedomnews.org.uk, 19. Mai 2025

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Blogkino: Samurai Rebellion (1967)

Heute zeigen wir in unserer Reihe Blogkino den Samuraifilm "Samurai Rebellion". Samurai Rebellion ist neben dem letzte Woche gezeigten Harakiri der herausragende Samuraifilm der japanischen Regielegende Masaki Kobayashi: Toshiro Mifune spielt Isaburo Sasahara, einen alten Schwertkämpfer, der ein ruhiges Leben führt, bis sein Clanführer ihm befiehlt, seinen Sohn mit der Geliebten des Fürsten zu verheiraten, die den Herrscher kürzlich verärgert hat. Widerwillig nehmen Vater und Sohn die Frau bei sich auf, und zur Überraschung der Familie verlieben sich die beiden jungen Leute ineinander. Doch der Fürst ändert bald seine Meinung und verlangt die Rückgabe seiner Geliebten. Entgegen aller Erwartungen weigern sich Isaburo und sein Sohn, riskieren damit die Zerstörung ihrer ganzen Familie. Regisseur Masaki Kobayashis „Samurai Rebellion“ ist die packende Geschichte eines friedlichen Mannes, der sich schließlich entscheidet, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren.


Zuletzt bearbeitet am 20.05.2025 18:15

USB an Proxmox LXC durchreichen

Das mit dem Durchreichen von USB an LXC beim aktuellen Proxmox ist ja wohl eher meh...

ls -la /dev/serial/by-id/

Gibts auf dem Server nicht. Häää????

Dann halt so, am Beispiel einer USV, die per USB ihren Stand propagiert, auf dem Server aufrufen (111 ist die Nummer des Ziel LXCs):

lsusb 
Bus 001 Device 003: ID 0764:0601 Cyber Power System, Inc. PR1500LCDRT2U UPS
pct set 111 --dev0 path=/dev/bus/usb/001/003,mode=0666

WtF...
Transparency: I bought the products discussed in this post myself and I do not receive any benefits from the companies mentioned. Some of the links in this post refer to affiliate links. If you buy one of the linked products, you are supporting me. The product itself will not cost you any more than usual. Thank you very much.

Happy Birthday, Michail Aleksandrovič Bakunin

Bakunin schaut geradeaus auf die betrachtende Person, mit leicht ergrautem, struppigem Haar und Bart.
Ein Portrait des jungen Michail Bakunin. Das Portrait ist aus dem Jahre 1843 und von H. Mitreuter gezeichnet.
Heute in der Geschichte der Arbeiterbewegung: 18. Mai 1814: Der russische Anarchist und Philosoph Michail Alexandrowitsch Bakunin wurde geboren. In Paris lernte er in den 1840er Jahren Karl Marx und Pierre-Joseph Proudhon kennen, die ihn früh beeinflussten. Später wurde er wegen seiner Ablehnung der russischen Besetzung Polen​s aus Frankreich ausgewiesen. 1849 wurde er in Dresden wegen seiner Beteiligung am Prag​er Aufstand von 1848 verhaftet. Die Behörden schickten ihn zurück nach Russland, wo er inhaftiert und 1857 nach Sibirien verbannt wurde. Er konnte aber über Japan fliehen und floh in die USA und dann nach England.

1868 trat er der Internationalen Arbeiterassoziation bei und wurde Anführer der schnell wachsenden anarchistischen Fraktion. Er setzte sich für Föderationen selbstverwalteter Betriebe und Kommunen als Ersatz für den Staat ein. Dies stand im Gegensatz zu Marx, der dafür eintrat, dass der Staat zur Verwirklichung des Sozialismus beitragen sollte. 1872 wurde Bakunin aus der Internationale ausgeschlossen. Bakunin hatte Einfluss auf die IWW, Noam Chomsky, Peter Kropotkin, Herbert Marcuse, Emma Goldman und die spanische CNT und FAI.

Bundesweite Demos für AFD-Verbot

Das Foto zeigt die Demo am Reichstag mit dem Hochtransparent: "Antifa bleibt Handarbeit - Gemeinsam dem Faschismus widersetzen!" sowie zahlreichen Demonstrant:*Innen
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv.
In mehr als 60 deutschen Städten haben am 11. Mai 2025 Demonstrationen für ein AfD-Verbot stattgefunden. In Berlin versammelten sich mehrere tausend Menschen zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor, die Veranstalter sprachen von 7500 Teilnehmer*innen. Aufgerufen hatten das Netzwerk „Zusammen gegen Rechts“ und die Initiative „Menschenwürde verteidigen – AfD-Verbot jetzt“.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Der Sinn von Erinnerungen oder: statt eines Tagebuchs

Ich ziehe mich langsam aus den sozialen Medien zurück, weil ich Meta, X, Google, Apple und die ganzen anderen großen Firmen loswerden will. Ich werde versuchen, euch hier auf dem Laufenden zu halten. Diese Woche gibt's allerdings nicht viel Neues. Ich plane gerade ein paar Tourtermine, aber die sind noch in weiter Ferne. Mein Buch „The Immortal Choir Holds Every Voice“ wird in ein paar Wochen erscheinen, und ihr könnt immer noch signierte Exemplare bei Firestorm Books vorbestellen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen persönlicheren Beitrag geschrieben habe, also hier ist er. Nächste Woche melde ich mich mit weiteren Gedanken dazu zurück, wie wir diese unsinnige Situation meistern können, mit der wir es gerade zu tun haben.

Der Zweck der Erinnerung


Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich nachts durch einen Wolkenkratzer in Seattle gelaufen bin, vorbei an leeren Büros, unsicher, ob ich am richtigen Ort war, mit meiner Akkordeon auf dem Rücken. Ich bog um eine Ecke und fand die Show. Alle Punks, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, hatten sich versammelt, um Protest- und Kriegslieder zu hören. Und plötzlich wusste ich, dass ich kein guter Musiker war, um mich der Band anzuschließen.

Das war keine falsche Bescheidenheit, keine Nervosität oder Lampenfieber. Ich war einfach nicht gut genug, um mich in den Lärm einzureihen. Ich lieh jemand anderem meine Ziehharmonika, aber bald legte er sie beiseite und spielte auf einer besseren, einer ohne undichte Balg.

Ich saß in der Ecke, die Kapuze über den Kopf gezogen, melancholisch, ohne traurig zu sein. Melancholie ohne Traurigkeit und Zufriedenheit ohne Freude sind meine ständigen Begleiter, egal ob ich wach bin oder träume. Alte Bekannte gingen an mir vorbei, ohne mich anzusprechen, dann kniete sich jemand, den ich entweder nicht kannte oder nicht mehr in Erinnerung hatte, neben mich, um nach mir zu sehen.

„Alles in Ordnung?“, fragten sie.

„Ja, alles in Ordnung“, antwortete ich. „Ich bin nur in Gedanken versunken.“

„Möchtest du etwas trinken?“

Ich wusste, dass ich ja sagen sollte, dass ich meine selbst auferlegte Isolation aufgeben und versuchen sollte, mich unter die Leute zu mischen, in deren Gesellschaft ich saß.

„Ich glaube, ich trinke nicht mehr“, sagte ich zu der Person, was auch stimmt, und sie ging.

Ich wachte auf und dachte an meine Ziehharmonika, die auf der Fensterbank in meinem Büro steht und selten gespielt wird.

Ich habe kein natürliches Talent für Musik. Ich bin ohne musikalisches Gehör und ohne Rhythmusgefühl geboren und aufgewachsen, und es hat intensives Lernen und Üben gekostet, um überhaupt etwas Musikalisches zu erreichen.

So wie ich es verstehe, ist Talent eine natürliche Begabung für etwas, aber Talent ist nicht erforderlich, um eine Fertigkeit zu erlernen. Ich kann Musik mit Schreiben vergleichen. Das Schreiben fällt mir leicht. Ich habe unglaublich viel geübt und gelernt, um das klarzustellen, aber diese Übung entspricht etwas Angeborenem und wird leichter belohnt.

Musik? Musikalische Erfolge liegen auf einem schlammigen Abhang, den ich mit purer Willenskraft erklommen habe, und trotzdem liegt der Abhang immer noch vor mir. Ich liebe die Musik, die ich gemacht habe. Jahrelang habe ich meinen kargen Lebensunterhalt damit verdient, auf der Straße Akkordeon zu spielen. Meine Bandkollegin Laura hat mir eine Testpressung unserer ersten Platte eingerahmt geschenkt, und vielleicht bin ich darauf stolzer als auf mein erstes Buch. Aber ich bin nicht einmal halb so guter Musiker, wie ich gerne wäre. Ich kann nicht einfach in eine Band einsteigen und wissen, was gespielt wird oder was ich dazu spielen soll. Ich kann Songs nur von Grund auf aufbauen – und das meist nur am Computer. Ich bin ein kompetenter Komponist und ein inkompetenter Performer.

Bei diesem Traum ging es aber letztendlich nicht um meine Unsicherheiten als Musikerin. Es ging darum, die Punks und Anarchisten zu finden, mit denen ich aufgewachsen bin, und darum, in Erinnerung zu bleiben und mich an Menschen zu erinnern.

Wisst ihr, ich habe in letzter Zeit sorgfältig versucht, Nostalgie zu vermeiden, mit mäßigem Erfolg. Aber jetzt, wo die Wände um die Antifaschisten in den USA immer näher rücken und unsere Zukunft unsicherer wird, denke ich darüber nach, wer ich bin, wer ich war und wer ich noch sein könnte. Nicht mit Traurigkeit, nicht mit Freude, sondern mit Melancholie und Zufriedenheit. Manchmal wurde mir gesagt, ich hätte wenig emotionale Affekte, und das mag stimmen, aber mein Gefühlsleben ist reich und nuanciert, auch wenn es nicht besonders dramatisch ist.

Ein alter Freund hat mich gestern wegen etwas kontaktiert, und ich konnte mich nicht an ihn erinnern. Er erzählte mir von unseren gemeinsamen Zeiten in Denver und New York vor mehr als zwanzig Jahren und davon, wie ich ihn aufgemuntert habe, indem ich für ihn Akkordeon gespielt habe, nachdem er von einem gemeinsamen Freund versetzt worden war. Du weißt schon, der Typ mit dem Stick-and-Poke-Tattoo, auf dem „Never trust yuppie“ steht, und dem später noch ein „A“ hinzugefügt werden musste, damit es einen Sinn ergab.

Ein alter Freund hat mich kontaktiert und mir erzählt, wie wir in Jackson Heights schlechte Fernsehsendungen auf alten VHS-Kassetten geschaut haben, und die Geschichte kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Das Foto zeigt ein geöffnetes Tagebuch ohne Einträge, das auf einem grob gezimmerten Tisch liegt. Zwischen den aufgeschlagenen Seiten liegt ein Stift.
Foto: David Schwarzenberg, CC0, via Wikimedia Commons
Damals verstand ich noch nicht, wie Zeit und Erinnerung funktionieren. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es heute besser verstehe. Als ich anfing, per Anhalter zu fahren, auf Züge aufzuspringen und in besetzten Häusern zu leben, sagte mein Vater zu mir: „Führ ein Tagebuch, denn du wirst dich nicht an alles erinnern.“ Aber ich war 19 Jahre alt und ignorierte den Rat meines Vaters, als wäre es ein Vollzeitjob. Wie hätte ich mich nicht erinnern können?

Eines Tages, wahrscheinlich 2004, als ich allein in einem Baum in den Wäldern von Oregon saß, holte ich mein Notizbuch heraus und schrieb jede einzelne Mitfahrgelegenheit auf, die ich jemals beim Trampen bekommen hatte, weil ich mich an jede einzelne erinnern konnte. Man vergisst nicht die schwulen Fallschirmspringlehrer, die nicht wissen, dass sie schwul sind, die einen in Kansas City mitgenommen haben. Man vergisst nicht den Typen, der aussieht und klingt wie Jack Nicholson, aber wahrscheinlich nicht Jack Nicholson war. Man vergisst nicht die Lesben mit dem Pickup, die einen nicht vorne mitnehmen wollten, sondern einen wie Fracht die Pazifikküste entlang transportierten. Man vergisst das nicht, oder?

Ich schrieb die Liste auf und stellte fest, dass ich 99 Mitfahrgelegenheiten gehabt hatte. Als ich aus diesem Wald herauskam und von Eugene nach Portland fuhr, bekam ich meine 100. Mitfahrgelegenheit. Ein ziemlich unscheinbarer Mann (aber jede Mitfahrgelegenheit ist unvergesslich?), der mir, als ich ihm sagte, dass er meine 100. Mitfahrgelegenheit war, sagte, ich solle in einen Samtbeutel greifen und einen Preis herausholen.

Der Beutel war voller Kleinigkeiten, und ich zog einen kleinen Plastikstern heraus, der im Dunkeln leuchtet und vielleicht irgendwo in einer Kiste in meinem Keller liegt, aber wahrscheinlich nicht. Ich verbrachte fünfzehn Jahre auf einer wilden Suche, um zu sehen, wie oft ich von diesem Ort zu jenem Ort wandern konnte, um zu sehen, wie schnell ich mein Herz brechen konnte, um so zu tun, als würde ich keine Herzen brechen. Ich rannte von Protest zu Protest und von Stadt zu Stadt, überzeugt davon, dass jede Erinnerung allein dadurch, dass sie interessant war, in meinem Gehirn eingebrannt war. Aber heute hat sich ein alter Freund bei mir gemeldet, und ich erinnerte mich an das beschissene Tattoo seines Partners, aber ich erinnerte mich nicht an ihn.

Ich erinnerte mich an das Haus in Jackson Heights, wo wir rumhingen, weil ich mich daran erinnerte, dass ich auf einer Couch schlief, auf der irgendein Popstar gevögelt hatte (Kanye?), weil die Mutter eines der Punks für ein Tonstudio arbeitete und das Studio die Couch wegwerfen wollte, aber Punks sind verdammt eklig, also nahmen sie die Couch, und ich war eklig, also schlief ich darauf.

Meine Erinnerung ist ein Flickenteppich, und ich weiß, dass die Hälfte davon falsch ist, und alles ist ein Meer aus seltsamen kurzen Erinnerungen, und mein Vater hatte recht: Ich hätte besser aufschreiben sollen.

Die Sache ist jedoch, dass der Zweck der Erinnerung nicht darin besteht, Ereignisse in chronologischer Reihenfolge festzuhalten. Wir sind keine Computer. Wir bestehen aus Fleisch und Sternenstaub, und unsere Erinnerungen existieren, um uns als Wesen zu dienen, die aus diesen Dingen bestehen.

Wenn ich wach bin, kann ich Nostalgie gut in Schach halten. Ich lebe kein Leben voller rücksichtsloser Abenteuer mehr, in dem ich versuche, jeden Tag ein bisschen Adrenalin und Ruhm herauszuholen, aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben langweilig ist. Selbst wenn ich mir ein langweiliges Leben wünschen würde, würden die Klimakatastrophe und der Aufstieg des Faschismus dafür sorgen, dass „Langeweile“ nicht ganz oben auf meiner Liste potenzieller Beschwerden stehen würde. Wenn ich wach bin, lebe ich glücklich in der Gegenwart. Mein mieses Gedächtnis hilft mir dabei vielleicht sogar, denn der Nebel des Krieges verhüllt sowohl meine Vergangenheit als auch meine Zukunft.

Wenn ich aber träume, holt mich die Nostalgie regelmäßig ein. Ich habe diesen Traum, vielleicht einmal im Monat, in dem ich zurück nach Denver ziehe und versuche, meine alten Freunde zu finden. Ich gehe oft zu Häusern, die früher voller Punks, Sozialwohnungen, Müll, Fahrrädern, Gärten und noch mehr Müll waren. Manchmal sind die Häuser leer. Manchmal sind alte Freunde da, und vielleicht erkennen sie mich, vielleicht auch nicht, aber immer habe ich das Gefühl, dass etwas vorbei ist. Diese Leute, an die ich mich geklammert habe, während die Polizei mit Gummigeschossen schoss, diese Leute, mit denen ich gegen das Gesetz verstoßen habe, mit denen ich getrunken und geschlafen habe und mit denen ich Pläne geschmiedet habe, um die kapitalistische Regierung zu stürzen, sind verstreut. In diesen Träumen sind diese Leute weitergezogen, oder sie sind gestorben, oder sie haben sich nach einer Jugend voller lauter Verzweiflung in ein Leben in stiller Verzweiflung gefügt.

Es ist also irgendwie ironisch, dass ich im echten Leben andere Leute genauso vergessen habe, wie sie mich vielleicht vergessen haben.

Im echten Leben kenne ich immer noch viele von denen, die überlebt haben. Aus Denver und von überall her. Vielleicht sind die meisten von uns nicht mehr an vorderster Front (obwohl einige es immer noch sind), aber die meisten von uns arbeiten hinter den Kulissen.

Juristen und Mediziner, Historiker und Autoren, Musiker und Organisatoren – wir sind alle noch da. Meine Träume von Denver handeln nicht wirklich davon, Menschen als Individuen zu verlieren, glaube ich. Es sind einfach Träume vom Älterwerden, vom Wandel. Davon, dass man nie wirklich in eine Stadt zurückkehren kann, in der man gelebt hat, weil die Stadt, in der man gelebt hat, verschwunden ist und an ihrer Stelle eine neue Stadt entstanden ist.

Das sollte uns nicht traurig machen, sondern froh – es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Selbst wenn man an einem Ort bleibt, lebt man jeden Tag an einem neuen Ort.

Unsere Erinnerungen sind nicht „schlecht“ oder „fehlerhaft“, wenn sie keine vollständige und objektive Aufzeichnung von Ereignissen liefern. Der Zweck der Erinnerung ist es, uns Erinnerungen zu schenken.

Besondere Momente, Orte, Menschen, an die wir zurückdenken können, um die Gegenwart zu verstehen und einen Weg in die Zukunft zu finden. Erinnerungen sind wie eine neblige Landschaft voller Schrecken und Trost, ein Ort, an den wir gehen können, um zu kämpfen oder Zuflucht zu suchen – ähnlich wie Träume. Wenn du dich an alles erinnern willst, musst du es bewusst in Tagebüchern oder anderen Aufzeichnungen festhalten.

Das bedeutet natürlich, dass mein Vater Recht hatte. Er hat in vielen Dingen Recht, vielleicht sogar in den meisten. Er verbringt seinen Ruhestand in seiner Werkstatt im Keller und schnitzt abstrakte Formen aus Holzstücken.

Ich weiß, dass ich über Erinnerung nachgedacht habe, und ich weiß, dass ich in Erinnerungen lebe, um mich nicht auf die Schrecken der Gegenwart zu fixieren, und das stört mich nicht. Draußen regnet es, und mein Hund schläft mit seinem Kinn auf meinem Fuß. Die Zukunft fühlt sich ungewiss an, die Vergangenheit fühlt sich ungewiss an. Ungewissheit bedeutet Möglichkeiten, muss ich mir sagen. Alles könnte passieren. Und je mehr ich über Geschichte lese und je mehr ich von alten Freunden höre, an die ich mich nicht mehr erinnere, desto mehr wird mir klar, dass alles schon passiert sein könnte. So vieles ist noch ungeschrieben.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: The Purpose of Memory or: instead of a journal,  14. Mai 2025

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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten


Berlin: Solidarität mit der Tipsy Bear Bar

Das Foto von © Sabine Scheffer zeigte einen Blick aus der  Tipsy Bear Bar auf die Masse an solidarischen Menschen, die auf der Straße davor feiern.
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
In Prenzlauer Berg hatten in der Samstagnacht nach dem 1. Mai unbekannte Personen die Regenbogenflagge der Tipsy Bear Bar abgerissen und unter homophoben und queerfeindlichen Sprechchören in Brand gesteckt.

Mehrere hundert Menschen aus der Nachbarschaft zeigten am 6. Mai spontan ihre Unterstützung und Solidarität. Sie füllten gemeinsam mit Gästen und dem Team der Bar bis in die Nacht hinein die Straße mit Menschen, die queerfeindliche, FLINTAfeindliche, und ausgrenzende Gewalt nicht akzeptieren.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.