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»Au point de vue barbare, liberté est synonyme d’isolement: [...]« Pierre Joseph Proudhon

Roter Lehm bringt es zum Vorschein oder: Die Schönheit von reflektiertem und gebrochenem Licht

Mein Hund schaut gerne mit mir in den Himmel, aber er macht das nicht gerade leise.

Während ich das hier schreibe - letzte Nacht -, ist Blutmond, eine Mondfinsternis. Während ich das hier schreibe - letzte Nacht -, verschwindet der Vollmond im Schatten der Erde. Wir sitzen um Mitternacht auf Stühlen im Garten, und mein Hund läuft auf und ab, wohl wissend, dass am Himmel etwas Seltsames vor sich geht. Er beschützt uns; er ist im Dienst. Es fällt ihm genauso schwer, nicht zu arbeiten, wie mir.

Heute Nachmittag habe ich den größten Teil eines Essays für dich über Kriminalität und Überwachung geschrieben. Vielleicht schaffe ich es sogar bald, ihn fertigzustellen, aber gestern Abend, als ich das hier schrieb, ging ich nach draußen, um meinen Hund pinkeln zu lassen, und sah, wie unsere Mutter, der Mond, bernsteinfarben wurde. Ich schreibe lieber über sie.

Alles, was der Mond tut, tut er weniger dramatisch als die Sonne. Die Sonne schenkt uns Wärme, Licht und Leben; der Mond schenkt uns die Gezeiten. Die Sonne beherrscht fast alles, aber der Mond sorgt für Ebbe und Flut im Wasser und für das geduldige weiße Rauschen, das uns beim Einschlafen hilft. Die Sonne verbrennt jeden, der es wagt, sie anzustarren, selbst wenn der Mond ihr Gesicht verdeckt, aber du kannst direkt in die Mondfinsternis schauen. Du kannst direkt in einen Blutmond blicken; du kannst ihr blasses Gesicht sehen, das in Ocker getaucht ist.

Versteh mich nicht falsch, ich habe in meinem Leben schon zweimal totale Sonnenfinsternisse gesehen und mich noch nie auch nur annähernd so gefühlt, als würde ich das Antlitz Gottes betrachten. Wenn ich könnte, würde ich ein „Chaser“ werden. Ich würde jedes Jahr den brennenden Ring der Totalität betrachten. Ich würde Gott anstarren.

Der Mond ist etwas ganz anderes. Wenn die Sonne ein Gott ist, dann ist der Mond der Spiegel, der uns ihn sehen lässt.

Mein Hund, der gerade, während ich das hier schreibe, den Mond beobachten will und mit dem Schwanz wedelt, der um Mitternacht bellen will, überwältigt von der Fremdartigkeit des Himmels … Ich habe ihn Rintrah genannt, nach einer Figur aus William Blakes Mythologie (oder Theologie, nehme ich an). Rintrah ist die Personifizierung des gerechten Zorns des Propheten, und er rennt durch den Garten, den Himmel absuchend, als würden die alten Götter vom Himmel herabsteigen, um uns zu verschlingen, und nur seine ungebrochene Aufmerksamkeit könnte sie in Schach halten.

Soweit ich weiß, hat er recht.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er einfach gezüchtet wurde, um Raubvögel von den Hühnern fernzuhalten, und das hat seltsame Folgewirkungen in einer Zeit der Flugzeuge, der Satelliten, des verdammten Starlink.

Rintrah brüllt und schüttelt seine Feuer in der bedrückten Luft,
Hungrige Wolken schweben über der Tiefe.
Einst sanftmütig und auf einem gefährlichen Pfad
Hielt der gerechte Mann seinen Kurs entlang
des Tals des Todes.
Rosen werden gepflanzt, wo Dornen wachsen,
Und auf der kargen Heide
Singen die Honigbienen.
Dann wurde der gefährliche Pfad angelegt,
Und ein Fluss und eine Quelle
An jeder Klippe und jedem Grab;
Und auf den gebleichten Knochen
Bringt roter Lehm hervor
Die Szene zeigt Flammen am unteren Rand, umarmende und sich küssende Figuren sowie schwebende Gestalten zwischen Himmel und Hölle, eingebettet in geschwungene Schriftzüge.

Das Bild zeigt das Titelblatt der berühmten illuminierten Handschrift The Marriage of Heaven and Hell des englischen Dichters und Malers William Blake, entstanden um 1790–1793.

Künstler: William Blake (unter Mitarbeit seiner Frau Catherine)

Ich kann nicht so tun, als würde ich alles verstehen, was William Blake in The Marriage of Heaven and Hell meint. Ich mag meine Texte eigentlich lieber einfacher, mehr auf den Punkt gebracht; und doch kehre ich regelmäßig zu diesem Gedicht zurück.

Hier sitze ich nun, beobachte, wie der weiße Mond rot wird, und denke darüber nach, wie roter Lehm auf gebleichten Knochen entsteht, darüber, wie der Tod uns Leben schenkt.

Der Mond färbt sich während der Finsternis aus demselben Grund rot wie der Sonnenuntergang: Das Licht der Sonne durchdringt die Atmosphäre seitlich. Der Blutmond ist unser eigener Sonnenuntergang, der etwa 239.000 Meilen durch den Weltraum projiziert wird.

In vielen Medien, die ich konsumiert habe, kann man nicht das Antlitz eines Gottes erblicken und unversehrt davonkommen. Man könnte sterben, man könnte wahnsinnig werden, man könnte erblinden.

Diese potenzielle Kehrseite der Begegnung mit der nackten Wahrheit des Universums können wir natürlich nicht so einfach selbst ausprobieren.

Man müsste erst einmal einen Gott finden, um ihn anzusehen, und wenn wir wüssten, wo man einen solchen finden könnte, würde unsere gesamte Gesellschaft ganz anders aussehen.

Aber natürlich kann man Götter nicht sehen. Das Göttliche (egal, welche Metapher du dafür bevorzugst – Wahrheit, das Universum, Gott, Götter, das Unendliche, du hast die Wahl) ist genau das, was man nicht sehen kann, das, was man nur durch den Glauben erkennen kann. Das Göttliche ist genau das, was unser Verständnis übersteigt. Es ist wie das Nachdenken über den Tod. Wir werden nie wissen, was er mit sich bringt, und doch müssen wir unser Leben geduldig damit verbringen, uns darauf vorzubereiten, ihm zu begegnen.

Wir können das Göttliche nur dort sehen, wo es nicht ist. Wir können nur sehen, wo es seine Spuren hinterlassen hat. Der einzige Weg, das Göttliche zu erblicken, besteht darin, seinen Einfluss und seine Abwesenheit wahrzunehmen. Wie eine „Star Trek“-Crew, die nach einem getarnten „Bird of Prey“ sucht, suchen wir nach dem Schimmer in den Sternen. Wie ein Jäger, der seiner Beute folgt, suchen wir nach Spuren.

Das heißt, wir schauen nicht auf das Licht, sondern auf seine Reflexion.

Wir schauen nicht auf die Sonne. Wir schauen auf den Mond.

Oder bellen ihn an, nehme ich an.

Quelle:  "Red Clay Brought Forth or: the beauty of reflected, refracted light" von Margaret Killjoy, 28. August 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Roman Danyluk: Wenn der Himmel brennt

Das Buchcover von Roman Danyluk, „Wenn der Himmel brennt – Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“, zeigt die historische Fassadenmalerei des ehemaligen besetzten Hauses „KuKuCK“ (Kunst- und Kultur-Centrum-Kreuzberg) in der Anhalter Straße 7 in Berlin-Kreuzberg.  Das Wandbild wurde 1981 von der Künstlergruppe Ratgeb geschaffen und bedeckte eine der freistehenden Brandmauern des besetzten Gewerbehauses.  Vor einem hellblauen, stellenweise wie aufgebrochen oder zerklüftet wirkenden Hintergrund steigt eine große, vielfarbige Form in Grün, Blau, Rot und Gelb nach oben. Über ihr dominiert in kräftigem Rot das Hausbesetzerzeichen: ein stilisierter Blitz beziehungsweise Pfeil, der von einem Kreis umschlossen wird. Das Zeichen war ein weithin bekanntes Symbol der Hausbesetzerbewegung.  Im unteren Teil des Wandbildes sind drei dunkel gekleidete, hexenartige Gestalten dargestellt. Sie versammeln sich um einen gemauerten Kessel beziehungsweise eine Feuerstelle, die symbolisch für ein besetztes Haus steht. Die Figuren wirken durch ihre schwarze Kleidung und ihre teilweise maskenhaft dargestellten Gesichter düster und bedrohlich. Eine der Hexen hält eine Bombe in der Hand. Gerade dieses Motiv führte später zu heftigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen um das Wandbild.  Links erscheint außerdem das große grüne Profil eines menschlichen Gesichts. Rechts und im oberen Bereich verteilen sich weitere stark stilisierte Figuren, Pflanzen und abstrakte Formen. Die leuchtenden Farben stehen in deutlichem Kontrast zu den dunklen Hexengestalten am unteren Bildrand.  Das Wandbild verbindet damit Hausbesetzung, Widerstand und politische Symbolik mit einer märchenhaft-fantastischen Bildsprache. Nach der Räumung des KuKuCK wurde die Fassadenmalerei aufgrund eines Gerichtsbeschlusses 1984 übermalt. Historische Fotografien des Wandbildes wurden später zu einem bekannten Bildmotiv für die West-Berliner Hausbesetzer- und Alternativbewegung der frühen 1980er Jahre.  Im oberen weißen Bereich des Buchcovers stehen in schwarzer Schrift der Name Roman Danyluk, der Titel „Wenn der Himmel brennt“ und darunter der Untertitel „Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“
Buchcover

Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989

Dieses Buch über die autonome Bewegung der Achtzigerjahre versucht das originäre Lebensgefühl und militante Sozialmilieu der damaligen Handlungsfiguren sowie deren gesellschaftlichen Vorstellungen möglichst genau und lebendig zu rekonstruieren.

Die Autonomen brachen mit den überkommenen Vorstellungen der bisherigen Linken und starteten etwas erfrischend Neues. Von einer starken gegenkulturellen Mentalität geprägt, erzielten die autonomen Protagonist:innen eine erstaunliche politische und soziale Breitenwirkung.

Genauso wie Punk im ursprünglichen Sinne eher eine bestimmte Haltung, Herangehensweise und subversive Strategie darstellte, verhielt es sich auch mit der autonomen Revolte: Im Vordergrund stand das Machen, die Unmittelbarkeit und das In-Bewegung-sein.

Jede angemessene Rekonstruktion der ursprünglichen militanten Sozialrevolte 1979/80, sowie des darauffolgenden autonomen Jahrzehnts, muss das Neuartige, Außergewöhnliche und Mobilisierende dieses Aufbruchs vermitteln. Da die autonome Bewegung nach einer äußerst ereignisreichen Dekade schließlich scheiterte, endet das vorliegende Buch mit der Kritik und Aufarbeitung dieser historischen Niederlage.

Roman Danyluk
Wenn der Himmel brennt
in Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989
Edition AV
ISBN 978-3-86841-339-7
516 Seiten
48 Euro


 

Die Leute reißen wirklich massenhaft Flock-Kameras ab. Oder: Die öffentliche Unterstützung krimineller Handlungen ist ein Hauptantrieb für gesellschaftlichen Wandel

Vor drei Wochen haben in Winona, Minnesota, eine oder mehrere unbekannte Personen jede einzelne Flock-Kamera in der Stadt abgerissen und gestohlen. Vier Paare mit je zwei Kameras, die auf die Ein- und Ausfahrtsstraßen der Stadt gerichtet waren.

Die Polizei veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite einen Aufruf, in dem sie die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Aufklärung des Verbrechens bat – nur um von Menschen überschwemmt zu werden, die die Vandalen unterstützten.

Letzte Woche in Winona, Minnesota, erklärte die Polizei ihre Kapitulation.

Das Vertrauen unserer Gemeinschaft ist die Grundlage für eine effektive Polizeiarbeit, und wir haben hart daran gearbeitet, dieses Vertrauen aufzubauen und zu bewahren. Zwar war Flock ein wertvolles Instrument, doch glauben wir, dass sein Einsatz zu wachsenden Bedenken hinsichtlich des Vertrauens in die Polizeiarbeit beigetragen hat – sowohl vor Ort als auch landesweit und landesweit. Nach reiflicher Überlegung hat die Polizei von Winona beschlossen, keine Flock-Kameras mehr in der Stadt Winona zu installieren.

Und ich habe mindestens zwei weitere Gerichtsbezirke ausgemacht, die dem gleichen Muster gefolgt sind.

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025 Foto: Julian Focareta Lizenz: CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Soziale Bewegungen sind gerade dann wirksam, wenn Solidarität zwischen ihrer breiten Basis und den Menschen herrscht, die kriminelle direkte Aktionen begehen. Wenn soziale Bewegungen hinter ihren „Kriminellen“ stehen, gewinnen sie.

Winona, Minnesota, ist kein Einzelfall. Gerade in diesem Jahr haben Menschen im ganzen Land – egal ob in „roten“ oder „blauen“ Bundesstaaten – den Überwachungsstaat angegriffen und wurden dafür als Helden gefeiert.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich jemals eine populärere Verbrechenswelle gesehen habe.

Letzte Woche habe ich in einer Stadt im „Rust Belt“ meine Reifen wechseln lassen und mich eine Weile mit den Leuten dort unterhalten. Im Gespräch kam das Thema Überwachungskameras zur Sprache.

„Wo sind denn all unsere mit Mais gefütterten Arschlöcher? Die müssen endlich was gegen diesen Scheiß unternehmen“, sagte mir ein Mann.

„Du weißt doch, die haben Schrotflinten“, stimmte ich zu.

Im Nachhinein habe ich gute Nachrichten für den Reifenmann. Mit Schrotflinte und Winkelschleifer (und Handbandsäge), mit Expansionsschaum und Sprühfarbe sind die Leute tatsächlich da draußen und zerstören diese Kameras massenhaft. Viele werden dabei erwischt (meistens von anderen Kameras), aber nicht alle. Am 13. August veröffentlichte die Stadt Charlotte in North Carolina einen Beitrag auf ihrer offiziellen Facebook-Seite, in dem sie die Öffentlichkeit um Hilfe bat, um diejenigen aufzuspüren, die Expansionsschaum auf ihre Kennzeichenlesekameras gesprüht hatten. Dabei gaben sie versehentlich zu, dass diese Kameras mehr als nur Kennzeichen erfassen. Bislang gibt es mehr als 70.000 Kommentare zu diesem Beitrag, die überwiegend die Zerstörung dieser Kameras befürworten.

In Monterey, Kalifornien, wurde ein 40-jähriger Mann namens Marcus Bee festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, einfach mit seinem Pick-up (der mit Frontschutzbügeln ausgestattet ist, die beim Rammen helfen) über drei Flock-Kameras gefahren zu sein und/oder ein Abschleppseil angebracht zu haben, um sie aus dem Boden zu ziehen. Er wurde von anderen Überwachungskameras in der Gegend erfasst.

Auf der anderen Seite des Landes und mit Hilfe eines im Grunde gegensätzlichen Fahrzeugs muss sich ein 21-Jähriger nun vor Gericht verantworten, da er angeblich mit einem Baseballschläger auf einen Subaru Forester geklettert ist, um mehrere Kameras zu zerstören.

Vor zwei Wochen berichtete die „New York Post“, dass Long Island von einer Welle von Vandalismus gegen die Kameras heimgesucht wurde, wobei jeweils unterschiedliche Angriffsmethoden zum Einsatz kamen (was auf verschiedene Täter hindeutet). Einige wurden abgeschnitten. Eine wurde überfahren. Bei einer anderen wurden die Kabel abgezogen. Zwei wurden mit Sprühfarbe besprüht. Eine wurde einfach in die andere Richtung gedreht. Selbst auf dieser rechtsgerichteten Seite stehen die Kommentare voll und ganz hinter den Vandalen.

Am 21. Juli wurde ein Teenager in Jacksonville Beach, Florida, festgenommen, weil er die Linsen von drei Kameras mit Sprühfarbe besprüht hatte.

Aus Houston, Texas, wurde berichtet, dass in einer Nacht vier Kameras heruntergeschnitten wurden, nachdem es im vergangenen Monat bereits eine Reihe weiterer Angriffe gegeben hatte. Die Masten wurden einfach dort liegen gelassen, wo sie hingefallen waren.

Ein 37-jähriger unabhängiger Kandidat für das Repräsentantenhaus von Tennessee, Adam Lee Heimerman, wurde festgenommen, weil er angeblich vier Kameras zerschossen haben soll. Einmal, so lässt der Bericht vermuten, war er beim Gottesdienst, ging auf den Parkplatz hinaus und schoss eine Überwachungskamera kaputt, während andere drinnen beteten.

Ein besonders aktiver (beschuldigter) Vandale ist ein 41-jähriger Ingenieur der Luftwaffe, Jeffrey Sovern, der sich in Bezug auf die Zerstörung von 13 „Flock“-Kameras in Virginia im letzten Jahr für nicht schuldig erklärt hat. Ihm wird vorgeworfen, die Masten mit einer Zange demontiert zu haben.

Ein Mann namens Ed Kahle aus Pinal County, Arizona, zeigt keine Reue dafür, dass er mit seinem Arbeits-Lkw rückwärts in eine „Flock“-Kamera gefahren ist. „Wir leben hier draußen, weil wir Ruhe wollen. Wir wollen keinen Ärger machen. Und jetzt werde ich überwacht?“. Die Sheriffs von Pinal County kündigten an, dass sie den Vertrag für die Kameras nicht verlängern werden.

In Fairbault, Minnesota, wird ein 41-jähriger Mann namens Justin Lee Campbell wegen des Durchschneidens der Kabel einer „Flock“-Kamera in drei Fällen strafrechtlich verfolgt. Er wurde von einigen Ladenmitarbeitern verpetzt, denen er damit geprahlt hatte, die Kamera zerstört zu haben. Aber anderswo im selben Bundesstaat wurden in Edina drei Kameras übermalt, und in Plymouth wurden zwei Kameras deinstalliert.

In mindestens fünf Gemeinden in Michigan wurden Kameras deinstalliert oder zerstört. In Westland, Michigan, hat die Polizei ebenfalls kapituliert.

Die Flock-Kamera in Ash Grove, Missouri, wurde von Unbekannten entfernt, die sich ihr von hinten näherten, sodass sie keine Aufnahmen des Angriffs machen konnte.

Der 21-jährige Alex Rattenborg aus Iowa City wurde wegen Sachbeschädigung dritten Grades angeklagt, weil er eine Flock-Kamera abmontiert hatte; er wurde anschließend von anderen Überwachungskameras erfasst, doch die Polizei in Iowa fahndet weiterhin nach den Tätern, die für zwei weitere zerstörte Kameras verantwortlich sind.

Der Sheriff von Lumpkin County, Georgia, versucht verzweifelt, denjenigen zu finden, der eine Kamera zerstört hat. Sein Facebook-Beitrag dazu hat 17.000 Kommentare, die den Vandalismus gutheißen.

Das Foto zeigt die Flock Sock, montiert an einer Kamera auf einem Stock.

Die "Flock Sock" Quelle: SquidLink (MakerWorld)

Ein 3D-Designer namens SquidInk hat den „Flock Sock“ entwickelt, eine 3D-druckbare Hülle, die man über einen Besenstiel stülpen und damit Flock-Kameras zerstörungsfrei abdecken kann.

Der vielleicht höflichste aller Menschen, die direkte Aktionen durchführen, ist ein 77-jähriger Republikaner im Ruhestand aus Florida, der „Flock Blocker“, der seine reichlich vorhandene Freizeit damit verbringt, in einem Campingstuhl zu sitzen – mit einem Anti-Flock-Schild an einer 10-Fuß-Stange – und so die Kameras zu blockieren. Als ich zum ersten Mal Videos in den sozialen Medien sah, in denen Methoden zur Zerstörung dieser Kameras verglichen wurden, fielen mir zwei Dinge besonders auf. Erstens, dass der Hass auf diese Kameras universell ist. Da gibt es zum einen eine stark tätowierte Person wie diese hier, die im Black-Bloc-Look gekleidet ist, und zum anderen ein Unternehmen, das Sicherheitsausrüstung für Schweißer herstellt – beide liefern dieselbe Art von Inhalten an ihr vermutlich unterschiedliches Publikum. (In den Kommentaren zu beiden Beiträgen wird jedoch die Schnittgeschwindigkeit und die leise Leistung der handgeführten Bandsäge empfohlen.)

Das andere, was mir auffiel … als ich diese Art von Inhalten zum ersten Mal sah, befürchtete ich, dass es sich nur um theatralische Social-Media-Beiträge handelte. Klar, vielleicht haben ein paar Leute mal eine oder zwei Kameras zerstört, aber ich ging davon aus, dass das nicht weit verbreitet war.

Doch dann habe ich angefangen zu recherchieren.

Und diese Kameras werden tatsächlich eine nach der anderen, zu zweit, von Einzelpersonen und kleinen Gruppen im ganzen Land zerstört. Die meisten kommen damit durch. Viele werden erwischt, und manche haben bereits eine Gefängnisstrafe verbüßt. Mir ist noch keine einzige Quelle bekannt, die all diese Angriffe erfasst und/oder den Leuten die Möglichkeit bietet, diejenigen zu unterstützen, die erwischt wurden, aber hoffentlich wird so etwas noch auftauchen (oder existiert bereits und wird mir irgendwann auffallen). Ursprünglich hatte ich vor, mehr über die Entstehung von ALPRs (automatische Kennzeichenleser) und Flock sowie dessen Konkurrenten wie Axon zu schreiben. Das werde ich in Zukunft tun. Aber ich vertraue euch genug, um zu verstehen, dass diese Kameras auf entsetzliche Weise missbraucht wurden, immer und immer wieder; dass selbst wenn Städte beschließen, keine ALPR-Daten an die ICE weiterzugeben, die örtliche Polizei die Informationen trotzdem an ihre Kumpels bei der ICE weitergibt; dass fehlerhafte KI-Informationen bereits zu brutalen Übergriffen durch die Polizei geführt haben; und dass diese Kameras – sofern die Demokratie in den USA fortbesteht – wahrscheinlich als Verstoß gegen den vierten Verfassungszusatz eingestuft werden – für die meisten ähnlichen Technologien ist mittlerweile ein Durchsuchungsbefehl erforderlich.

Zu lange schon haben die Menschen in diesem Land die Ausweitung des Überwachungsstaates mitangesehen. Es scheint, als hätten die Leute nun wirklich, endlich genug davon. Und dass alle Versuche, die Arbeiterklasse entlang der Linien des Kulturkriegs zu spalten, gerade scheitern – und das ist gut so. Beide Seiten geben sich weiterhin gegenseitig die Schuld an der Überwachung – in den Kommentaren der „New York Post“ werden diese Kameras als Kommunismus bezeichnet. Anderswo nennen die Leute sie Faschismus. Was sie tatsächlich sind, ist Autoritarismus. Und das ist etwas, das wir gemeinsam zerstören müssen.

Ich werde niemals, wirklich niemals, Menschen dazu ermutigen, Dinge zu tun, zu denen ich persönlich nicht bereit bin. Ich bin nicht da draußen und zerstöre Flock-Kameras. Aber ich werde öffentlich meine Unterstützung für die Menschen bekunden, die das tun – und genau das werde ich von euch verlangen: Seid offen und öffentlich in eurer Verurteilung des Überwachungsstaats und in eurer Unterstützung für diejenigen, die direkt dagegen kämpfen.

Ich war noch nie ein großer Anhänger von Online-Aktivismus, aber es scheint, als sei „direkte und ehrliche Unterstützung für Menschen, die Straftaten begangen haben“ die wirksamste Form davon, die ich je gesehen habe. Luigi Mangione hat den Gesundheitsverantwortlichen Angst gemacht, aber nicht so sehr wie der Aufschrei der Unterstützung, den er erhielt.

Und diese Kameras? Sie werden abmontiert, wenn ein paar mutige Seelen sie abreißen, und sie bleiben abmontiert, wenn es eine massive Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung gibt. Wenn der Staat erkennt, dass seine Legitimität auf dem Spiel steht. Dann geben sie dem Volk nach.

Wie Frederick Douglass es formulierte:

Macht räumt nichts ein, ohne dass es gefordert wird. Das war noch nie so und wird auch nie so sein. Finde heraus, was ein Volk stillschweigend hinnimmt, und du hast das genaue Maß an Ungerechtigkeit und Unrecht erkannt, das ihm auferlegt wird – und das wird so lange andauern, bis es entweder mit Worten oder mit Schlägen oder mit beidem bekämpft wird. Die Grenzen der Tyrannen werden durch die Ausdauer derer bestimmt, die sie unterdrücken.

Quelle:  "People Really Are Cutting Down Flock Cameras En Masse or: public support for criminal activity is a primary driver of social change" von Margaret Killjoy, 19. August 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Rio Reiser: 30. Todestag - "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Heute ist der 30. Todestag von Rio Reiser. Seine Band - Ton, Steine Scherben - hatten vor 56 Jahren, im Juni 1970, ihren ersten Auftritt. Außerhalb der radikalen Linken ist Rio mehr oder weniger in Vergessenheit geraten oder wird, wie in Teilen der Salonlinken, lediglich auf sein Spätwerk (König von Deutschland, Junimond usw.) reduziert. Pass gut zur aktuellen Tendenz, die eigene Geschichte zu vergessen und nur noch Politik an marginalen Randzonen zu machen. Die Scherben hatten da noch das revolutionäre Subjekt im Blick. Höchste Zeit also, den ersten TV Auftritt Rio's und seinen Scherben mit dem richtungsweisenden Barrikadenschlager "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht" nochmal aufzuführen.

"Macht kaputt was euch kaputt macht" (Ton Steine Scherben / 1970, Rio Reiser (Musik, Norbert Krause (Text) )

Radios laufen, Platten laufen,
Filme laufen, TV's laufen,
Reisen kaufen, Autos kaufen,
Häuser kaufen, Möbel kaufen.
Wofür?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Züge rollen, Dollars rollen,
Maschinen laufen, Menschen schuften,
Fabriken bauen, Maschinen bauen,
Motoren bauen, Kanonen bauen.
Für wen?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Bomber fliegen, Panzer rollen,
Polizisten schlagen, Soldaten fallen,
Die Chefs schützen, Die Aktien schützen,
Das Recht schützen, Den Staat schützen.
Vor uns!

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!


 

In Erinnerung an Murray Bookchin

Das Foto zeigt  Murray Bookchin in Burlington, Vermont USA, 1990, im Alter von 69 Jahren.

Murray Bookchin in Vermont, 1990

Foto: Debbie Bookchin - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Seine ökologischen und kommunitaristischen Ideen sind nach wie vor einflussreich und umstritten

Murray Bookchin war während der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Stimmen in der ökologischen Debatte und verband tiefgreifendes philosophisches, anthropologisches und historisches Wissen einerseits mit brillanten politischen Einsichten andererseits. Seine intellektuelle Laufbahn ist komplex: Sie verbindet intellektuelles und militantes Engagement und reicht vom Syndikalismus über den Trotzkismus bis hin zum späteren Anarchismus. Vor allem entwickelte er das Konzept der Sozialökologie, für das er am bekanntesten ist. Die vielen Polemiken, in die er verwickelt war, machten ihn zu einer umstrittenen Figur in der anarchistischen Bewegung, doch die Relevanz und Originalität seiner Beiträge stehen außer Frage.

Vom Marxismus über den Anarchismus zum Kommunalismus

Murray Bookchins politisches Engagement begann schon in sehr jungen Jahren, beeinflusst von den sozialistischen Ideen, die ihm seine Großmutter schon als Kind vermittelt hatte. Als 15-Jähriger versuchte er, sich für den Spanischen Bürgerkrieg zu melden, wurde aber wegen seines jungen Alters abgelehnt. Als junger Fabrikarbeiter engagierte er sich in syndikalistischen Kämpfen und brach noch vor seinem 20. Lebensjahr mit seiner stalinistischen politischen Zugehörigkeit. Er schloss sich den trotzkistischen Ideen an und trat der Socialist Workers Party sowie der United Electrical Workers bei, während er bei General Motors arbeitete. Anfang der 50er Jahre begann er, sich für ökologische Themen zu interessieren, und schrieb seine ersten Essays unter dem Pseudonym Lewis Herber, um der mccarthyistischen Unterdrückung zu entgehen. Ende der 1950er Jahre sah er sich selbst als Anarchist und veröffentlichte – einige Monate vor Rachel Carsons bahnbrechendem Werk „Silent Spring“ – „Our Synthetic Environment“. Während seiner anarchistischen Jahre entwickelte er das Konzept der Sozialökologie, das sein Denken für den Rest seines Lebens prägen sollte. In den 1990er Jahren brach er mit dem Anarchismus, weil er in der Bewegung eine – wie er es nannte – primitivistische, individualistische Wende sah – eine Kritik, die er in seinem 1995 erschienenen Buch Social Anarchism or Lifestyle Anarchism thematisierte. In seinen letzten Lebensjahren prägte er den Begriff des Kommunalismus, der als seine letzte intellektuelle und politische Wende angesehen werden kann.

Sozialökologie und Post-Knappheit

Bookchins wichtigster theoretischer Beitrag zum ökologischen Denken ist zweifellos der Begriff der Sozialökologie. In einer Zeit, als die Deep-Ecology-Bewegung in den USA dominierte, schlug Bookchin eine auf Sozialkritik ausgerichtete Ökologie vor. Er argumentierte, dass die Herrschaft über die Natur ein Ergebnis sozialer Hierarchien sei und dass wir, um Ersteres zu überwinden, die Grundlage sozialer Herrschaft selbst entwurzeln müssten. Wenn sie keine Gesellschaftskritik beinhaltet, ist Ökologie bestenfalls ein moralisches Anliegen und eine Ansammlung „grüner“ Technologien, die Unterdrückung aufrechterhalten. Ökologie ist insofern sozial, als sie sich damit auseinandersetzen muss, wie die Gesellschaft (oder die „zweite Natur“) das Ergebnis der natürlichen evolutionären Entwicklung (oder der „ersten Natur“) ist. Das ermöglicht es ihm zu behaupten, dass alle Formen gesellschaftlicher Beziehungen zur Natur tatsächlich politisch sind. Jede menschliche Gesellschaft ist stets in den Kontext einer Öko-Gemeinschaft eingebettet, die sowohl nicht-menschliches Leben als auch anorganische Systeme umfasst, die das Leben erhalten.

Bookchin war der Ansicht, dass eine ökologische Gesellschaft und Politik ihr Handeln auf Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit gründen sollten, denn gegenseitige Hilfe und Solidarität sind nicht nur ethische Werte, sondern auch die beste evolutionäre Strategie. In diesem Sinne folgte er einem Weg, der von Élisée Reclus und Peter Kropotkin bereits klar umrissen worden war. Laut Bookchin versorgt uns die Natur mit genügend Ressourcen und einer herausragenden Rationalität, die es uns ermöglicht, ökologische Technologien zu entwickeln, die jedem ein würdiges Leben ermöglichen würden – ein Leben, das frei von der Erzeugung von Bedürfnissen ist und sich stattdessen auf befreite Wünsche konzentrieren kann. Diese These steht im Mittelpunkt seines Konzepts der Post-Knappheit – ein Konzept, das er in dem Buch „Post-Knappheit-Anarchismus“ mit Anarchismus und Ökologie verknüpft.

Die Alternative, vor der wir stehen, so sagt er, lautet nicht mehr Sozialismus oder Barbarei; es ist vielmehr Anarchismus oder Vernichtung.

Libertärer Kommunalismus und der Kampf in Rojava

Die Politik der Sozialökologie ist der libertäre Kommunalismus, eine Form staatenloser Politik, die auf Dezentralisierung, direkter Demokratie und einem allgemeinen Umdenken in Bezug auf Urbanisierung und die Organisation von Arbeit basiert. Bookchins Ansichten zu diesen Themen veranlassten ihn, sich nicht nur für eine Dezentralisierung auf institutioneller Ebene einzusetzen – was dennoch ein wichtiger Grundsatz des libertären Kommunalismus ist –, sondern auch auf geografischer Ebene. Er vertrat die Ansicht, dass Großstädte in „Gemeinschaften menschlichen Maßstabs“ aufgeteilt werden sollten, was es lokalen demokratischen Versammlungen ermöglichen würde, direkte Kontrolle über die Städte und die gemeinsamen natürlichen Ressourcen auszuüben. Bookchins Ideen zum libertären Kommunalismus wurden von Abdullah Öcalan während seiner Haftjahre teilweise aufgegriffen und an den kurdischen Kontext angepasst. Öcalan entwickelte seinen demokratischen Konföderalismus, der schließlich nach der Revolution 2012 in Rojava umgesetzt wurde. In Bookchins letzten Lebensjahren gab es den Versuch, einen Besuch auf der Insel Imrali zu organisieren, wo Öcalan inhaftiert ist, doch Bookchins schlechter Gesundheitszustand ließ dies nicht zu.

Bookchin starb am 30. Juli 2006 und konnte die Rojava-Revolution nicht mehr miterleben. Anlässlich seines 20. Todestages gibt uns das Schreiben über ihn die Gelegenheit, an den enormen Einfluss seiner Ideen zu erinnern und noch einmal den Zusammenhang zwischen ökologischer und sozialer Unterdrückung sowie Befreiung zu betonen.

Quelle: Remembering Murray Bookchin, Fabio Carnevali, 30. Juli 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht autorisiert]


 

There are only two roads...

Das Bild zeigt Buenaventura Durruti in jungen Jahren im Anzug

 

 

 

 

 

 

 

Buenaventura Durruti (1896–1936)

"There are only two roads, victory for the working class, freedom, or victory for the fascists which means tyranny. Both combatants know, what's in store for the loser."

José Buenaventura Durruti Dumange


 

Alle Schönheit liegt jenseits der Angst oder: Das Wechselspiel aus Nostalgie und Angst - und außerdem war ich im Urlaub

Ich weiß nicht, ob du schon mal versucht hast, im Sommer in einem State Park zu zelten, aber heutzutage ähneln die meisten eher Wohnmobil-Städten als dem, was man traditionell mit Campingplätzen verbindet. Für die Leute, die das mögen, ist es wahrscheinlich unglaublich schön. Es ist wahrscheinlich unglaublich schön, eine Woche lang mit der Familie in deinem geldverschlingenden Wohnmobil abzuhauen, um unter den Bäumen zu schlafen, während der Generator läuft und die LED-Unterbodenbeleuchtung blinkt, umgeben von einer vorübergehenden, aber freundlichen Gemeinschaft.

So bin ich nicht aufgewachsen. Wir sind in Zelten zelten gegangen, und wir sind nicht dorthin gefahren, um uns im Grunde wie in einer provisorischen Stadt zu fühlen. Aber ich stelle mir gerne vor, dass ich, wenn es so gewesen wäre, die Freiheit geliebt hätte, auf Wanderwegen herumzustreunen, Frösche zu fangen und in Seen zu schwimmen, um dann nach Hause zu kommen – zu warmem Essen, kühler Luft und einem Bett, das kein Schlafsack ist. Ich hätte die vorübergehende Gemeinschaft geliebt, die vorübergehenden Freunde, die vorübergehenden Lieben.

Mit vorübergehenden Freunden kam ich immer besser zurecht als mit Schulfreunden. Ich kam immer besser zurecht, wenn ich bei Null anfangen konnte – mit Leuten, die nicht wussten, dass ich das unbeliebte Kind war, das sie verprügeln, mit dem sie keinen Spaß haben oder in das sie sich nicht verlieben sollten.

Aber nichts davon ging mir letzte Woche durch den Kopf, als ich um 23 Uhr ein winziges Backpacking-Zelt auf einem winzigen Stück Sand und Erde in einem State Park in Michigan aufstellte. Wir waren nicht mehr als zehn Fuß von unseren nächsten Nachbarn entfernt, nicht mehr als zwanzig Fuß von einem Wohnmobil mit den bereits erwähnten Regenbogen-LED-Unterbodenleuchten, die die ganze Nacht über brannten. Wir wollten einfach nur irgendwo schlafen, wo uns die Polizei nicht wecken würde, also zahlten wir etwa 50 Dollar für das Privileg, auf diesem Planeten existieren zu dürfen.

Wir hatten zwei Isomatten, einen Schlafsack, eine Wolldecke und keine Kissen. Das Zelt war kaum so groß wie unsere beiden Körper, wenn wir uns hinlegten, aber wir hatten auch einen Hund und eine Katze dabei. Es war viel zu heiß. Die Katze pinkelte zuerst auf die Wolldecke, direkt zu meinen Füßen. Dann, eine Stunde vor Sonnenaufgang, zog sie ans Kopfende des Zeltes, um sich auf die Weste und die Jacke zu stellen, die ich als Kissen zusammengeknüllt hatte. Und sie pinkelte wieder.

Ich habe nicht gut geschlafen.

Ich nehme an, er auch nicht.


Es gibt einige Karten, die ich mir selbst beim Schreiben verdeckt halte, und ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich nicht jede Karte offenlege. Ich war schon immer eine zurückhaltende Memoirenschreiberin, sowohl weil mir meine Privatsphäre wichtig ist, als auch weil jede Geschichte, die ich dir erzählen könnte, nicht nur meine eigene Geschichte ist, sondern die Geschichte aller, die dabei waren.

Ich kann euch erzählen, dass wir beide beschlossen haben, für ein paar Tage auf die Obere Halbinsel von Michigan zu fahren: zwei Tage Fahrt hin, zwei Tage dort, zwei Tage zurück. Das war eine Menge Fahrt für nur ein paar Tage in einer Hütte, aber ich habe nichts gegen einen guten Roadtrip in guter Gesellschaft. Außerdem habe ich einen Van, den ich mit einem Bett, einem kleinen Minikühlschrank und sogar einer 12-Volt-Klimaanlage ausgestattet habe (leider ohne Regenbogen-Unterbodenbeleuchtung), also rechneten wir damit, Hotelkosten zu sparen und unterwegs bequem schlafen zu können.

Ich beschloss, meinen Hund mitzunehmen. Er ist der halbe Grund, warum ich den Van überhaupt habe – ich habe ihn mir vor ein paar Jahren für eine Lesereise zugelegt und dann umgebaut, um mit meinem Jungen zu reisen. Deshalb gibt es eine Klimaanlage und einen ferngesteuerten Temperatursensor, sodass ich jederzeit auf meinem Handy nachsehen kann, wie warm es bei ihm drinnen ist, und so immer weiß, dass er in Sicherheit ist. Er mag Autofahrten nicht besonders, aber er liebt neue Orte, und wir beide sind zusammen glücklicher als getrennt, also kam er mit mir in den Urlaub. Außerdem ist meine Hundebetreuung ins Wasser gefallen.

Dann ist in letzter Minute auch noch die Katzenbetreuung geplatzt. Kein Problem, dachten wir. Rintrah hat seine Transportbox, und wir können ein Katzenklo und ein paar Pissmatten auf den Boden des Vans legen – das würde schon klappen.

Mein Van hatte allerdings andere Pläne. Noch zehn Stunden von unserer Hütte entfernt fing der Van an zu rütteln, der Motor begann zu stottern, und ich schaltete herunter und kroch mit eingeschalteten Warnblinkern die Nebenstraßen entlang. Wir schafften es bis in eine kleine Stadt am Ufer des unheilvoll benannten Devil’s Lake und bogen dann auf den Parkplatz des ebenso unheilvoll benannten „Devil’s Lake Auto Care“ ab.

Wir wurden aber nicht ermordet, was gut ist.

Als ich früher in einem Van lebte (einem anderen Van), habe ich komplett aufgehört, Horrorfilme zu gucken. Mein Leben bestand viel zu sehr darin, in kleine Städte zu fahren und an schäbigen Tankstellen nach Orten zu fragen, an denen ich allein in meinem Auto unter Bäumen schlafen konnte, als dass ich mir Filme über Leute wie mich, die ermordet werden, hätte ansehen wollen.

Natürlich fing ich dann wieder an, Horrorfilme zu schauen, als ich allein in einer schwarzen Hütte im Wald lebte, aber manchmal muss man sich einfach auf Ästhetik und Romantisierung einlassen, um mit der Angst fertig zu werden.

So oder so, wir hatten eine Panne am Devil’s Lake, und wenn diese Geschichte eine Moral hat, dann findest du sie hier: Manche Probleme lassen sich tatsächlich leichter mit Freunden und der Gemeinschaft lösen als mit Geld oder der Infrastruktur, die unsere Gesellschaft bereitstellt. Denn ein Freund kam aus einer nahegelegenen Stadt angerannt, um uns und unsere Tiere abzuholen, während ein anderer Freund uns ein Auto lieh bzw. vermietete, damit wir unseren Urlaub nicht verlieren würden. Unterdessen hielt ein Bauer – ein Fremder – am Devil’s Lake an und sagte uns, er würde dem Mechaniker Bescheid geben, dass der Van repariert werden müsse.

Aber damit blieben uns nur noch unsere Notfall-Campingausrüstung, die nicht für so viele Menschen und Haustiere ausgelegt war. Und ein winziger Kombi, der ebenfalls nicht wirklich für so viele Menschen und Haustiere ausgelegt war.

Am nächsten Morgen, benommen und mit Urinflecken, als die Sonne gerade aufging, traf ich auf meinen alten Feind, der mir so vertraut war, dass es sich anfühlte, als würde ich einen alten Freund wiedersehen: die Angst.

Nicht irgendeine Angst. Es gibt diese ganz bestimmte, übelkeitserregende Angst, die dich überkommt, wenn du auf Reisen im Freien schläfst, wenn deine Optionen so gut wie auf „weitermachen“ beschränkt sind, weil du nicht bleiben kannst, wo du bist. Jahrelang begleitete mich diese Angst jeden Morgen, während ich per Anhalter unterwegs war. Jahrelang fühlte ich mich jeden Morgen krank und mein Körper arbeitete hart daran, jedes bisschen Essen und Wasser, das ich zu mir genommen hatte, wieder loszuwerden.

Also fühlte ich mich an jenem Morgen letzte Woche in Michigan wieder jung – auf die schlimmste Art und Weise. Ich fühlte mich außer Kontrolle.

Es ist fast schon Klaustrophobie, die dich überkommt, wenn das Morgenlicht bedeutet, dass du deinen Schlafplatz verlassen und raus auf die Autobahn musst. Es ist fast schon Klaustrophobie, wenn die Bullen auftauchen, um deinen Ausweis zu überprüfen, dich nach Drogen zu durchsuchen und andeuten, dass sie dich verhaften werden, wenn du bei Einbruch der Dunkelheit noch in der Stadt bist.

Ich verbrachte meine Zwanziger mit einer verzweifelten Suche nach Freiheit, verzichtete auf Arbeit zugunsten von Aktivismus, auf Stabilität zugunsten von Fernweh, aber das forderte seinen Tribut. Und ironischerweise fühlte ich mich oft gefangen.

Walt Whitman schrieb einmal: „Jetzt sehe ich das Geheimnis, wie die besten Menschen entstehen /

Es besteht darin, an der frischen Luft zu wachsen und mit der Erde zu essen und zu schlafen.“

Aber er hat vergessen, über Polizisten zu sprechen, und er hat vergessen, darüber zu sprechen, wie man versucht, auf Wohnmobilstellplätzen zu schlafen, auf denen die Generatoren laufen, und wie wir uns genau diesen Stellplatz ausgesucht hatten, weil wir nicht von Polizisten geweckt werden wollten. Er hat vergessen, darüber zu sprechen, wie dein eigenes Gehirn in den ersten paar Stunden nach dem Aufwachen dein Feind ist. Er hat vergessen, von der Anspannung zu erzählen, dass man manchmal, wenn man ohne Wände lebt, klaustrophobisch werden kann, sich gefangen fühlen kann.

Er hat vergessen, von den Katzen zu erzählen, die auf deine Decke und dein Kissen pinkeln, oder von dem Hund, der fast genauso ein Arschloch wird wie du, wenn er und du nicht schlafen.

Das ging mir an jenem Morgen durch den Kopf.

Michigan, Obere Halbinsel, Oberer See am Pictured Rocks National Lakeshore.

Michigan, Obere Halbinsel, Oberer See am Pictured Rocks National Lakeshore.

Foto: Wolpodzilla - Eigenes Werk. Gemeinfrei

Am Abend fiel mir die Kehrseite der Medaille wieder ein, denn die Upper Peninsula ist atemberaubend schön. Weil wir zu dieser Hütte gewandert sind, die Tiere untergebracht haben und auf der Veranda saßen und den Vögeln lauschten statt Rasenmähern. Wir sprachen über dreizehn Fuß große Vögel, die man nur aus dem Augenwinkel sehen kann. Wir sprachen über das Leben und über Bäume, und ich erinnerte mich an das Mantra, das mich durch meine Zwanziger gebracht hat, durch meine Morgen voller Angst und Übelkeit:

Alle Schönheit liegt jenseits der Angst.

Nichts, was sich lohnt, ist einfach oder schmerzfrei. Reisen ist von Natur aus stressig. Umso mehr, wenn etwas schiefgeht. Mit den richtigen Hilfsmitteln (wie Notfall-Campingausrüstung) und Freunden (wie denen, die uns gerettet haben) sowie der Freundlichkeit von Fremden (wie der Mann, der uns den Mechaniker vermittelt hat).

Ich verstehe, warum ich so viele Jahre lang weitergemacht habe. Ich habe so viele Orte gesehen, so viele Menschen kennengelernt. Ich glaube nicht, dass ich ohne diese fünfzehn Jahre auf der Straße die Autorin sein könnte, die ich heute bin.

Ich verstehe auch, warum ich aufgehört habe: Meine körperliche und geistige Gesundheit verlangten es.

Aber manchmal sehne ich mich danach zurück. Oft sogar, wenn ich ehrlich bin. Und ich muss in dieser Nostalgie ehrlich sein. Ich muss mich an diese Krankheit erinnern, an diesen schrecklichen Preis, denn das hilft mir, mich an diese Schönheit zu erinnern.

Obwohl es mir auch nichts ausmacht, wenn die Katze glücklich auf meiner Brust schläft, mein Hund glücklich mit dem Kinn auf meinem Bein schläft und wenn alles ganz einfach sein kann.

Quelle: „All Beauty Lies on the Far Side of Fear or: the interplay of nostalgia and anxiety, and also I went on vacationl“ von Margaret Killjoy, 12. August 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 14: Gino Lucetti vs. Benito Mussolini

Gino Lucetti
Gino Lucetti
Im September 1926 warf Gino Lucetti  auf dem Platz vor der Porta Pia in Rom eine Bombe auf das Auto, in dem Benito Mussolini saß. Der Sprengsatz prallte jedoch vom Verdeck ab, explodierte auf dem Boden und verletzte einige Passanten. Mussolini, der seit 1922 mehrere Ministerien bekleidete und sich als Duce immer mehr zum Diktator entwickelte, blieb unverletzt und beschuldigte die französische Regierung der übertriebenen Toleranz gegenüber antifaschistischen Aktivisten. Im darauf folgenden Prozess wurde Lucetti am 11. Juni 1927 zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 11. September 1943 wurde er von den Alliierten, die kurz zuvor in Neapel einmarschiert waren, aus dem Gefängnis auf der Insel Santo Stefano befreit und auf die Insel Ischia gebracht, wo er wenige Tage später bei einem deutschen Bombenangriff zu Tode kam. Er liegt in Carrara auf einem Ehrenfriedhof zusammen mit anderen anarchistischen Kämpfern begraben, darunter Giuseppe Pinelli (1928–1969) und Gogliardo Fiaschi (1930–2000).

Die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Raum Carrara operierende italienische Partisanengruppe Battaglione Gino Lucetti nutzte seinen Namen als Identifikationssymbol.

Quelle: WikiPedia


Never entrust your fate or the solution of your problems to political professionals

Das Bild zeigt Buenaventura Durruti in jungen Jahren im Anzug

 

 

 

 

 

 

 

Buenaventura Durruti (1896–1936)

"Never entrust your fate or the solution of your problems to political professionals, nor allow leaders to emerge among you. Both deceive you and will do the impossible so that you cannot escape your condition of slaves. In reality you will not be free until you are able to organise your own struggle leading to a total change in the way people live..."

José Buenaventura Durruti Dumange