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»Der heißeste Platz in der Hölle ist für diejenigen reserviert, die in Zeiten großer moralischer Krisen strikte Neutralität bewahren.« Dante

Roman Danyluk: Wenn der Himmel brennt

Das Buchcover von Roman Danyluk, „Wenn der Himmel brennt – Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“, zeigt die historische Fassadenmalerei des ehemaligen besetzten Hauses „KuKuCK“ (Kunst- und Kultur-Centrum-Kreuzberg) in der Anhalter Straße 7 in Berlin-Kreuzberg.  Das Wandbild wurde 1981 von der Künstlergruppe Ratgeb geschaffen und bedeckte eine der freistehenden Brandmauern des besetzten Gewerbehauses.  Vor einem hellblauen, stellenweise wie aufgebrochen oder zerklüftet wirkenden Hintergrund steigt eine große, vielfarbige Form in Grün, Blau, Rot und Gelb nach oben. Über ihr dominiert in kräftigem Rot das Hausbesetzerzeichen: ein stilisierter Blitz beziehungsweise Pfeil, der von einem Kreis umschlossen wird. Das Zeichen war ein weithin bekanntes Symbol der Hausbesetzerbewegung.  Im unteren Teil des Wandbildes sind drei dunkel gekleidete, hexenartige Gestalten dargestellt. Sie versammeln sich um einen gemauerten Kessel beziehungsweise eine Feuerstelle, die symbolisch für ein besetztes Haus steht. Die Figuren wirken durch ihre schwarze Kleidung und ihre teilweise maskenhaft dargestellten Gesichter düster und bedrohlich. Eine der Hexen hält eine Bombe in der Hand. Gerade dieses Motiv führte später zu heftigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen um das Wandbild.  Links erscheint außerdem das große grüne Profil eines menschlichen Gesichts. Rechts und im oberen Bereich verteilen sich weitere stark stilisierte Figuren, Pflanzen und abstrakte Formen. Die leuchtenden Farben stehen in deutlichem Kontrast zu den dunklen Hexengestalten am unteren Bildrand.  Das Wandbild verbindet damit Hausbesetzung, Widerstand und politische Symbolik mit einer märchenhaft-fantastischen Bildsprache. Nach der Räumung des KuKuCK wurde die Fassadenmalerei aufgrund eines Gerichtsbeschlusses 1984 übermalt. Historische Fotografien des Wandbildes wurden später zu einem bekannten Bildmotiv für die West-Berliner Hausbesetzer- und Alternativbewegung der frühen 1980er Jahre.  Im oberen weißen Bereich des Buchcovers stehen in schwarzer Schrift der Name Roman Danyluk, der Titel „Wenn der Himmel brennt“ und darunter der Untertitel „Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“
Buchcover

Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989

Dieses Buch über die autonome Bewegung der Achtzigerjahre versucht das originäre Lebensgefühl und militante Sozialmilieu der damaligen Handlungsfiguren sowie deren gesellschaftlichen Vorstellungen möglichst genau und lebendig zu rekonstruieren.

Die Autonomen brachen mit den überkommenen Vorstellungen der bisherigen Linken und starteten etwas erfrischend Neues. Von einer starken gegenkulturellen Mentalität geprägt, erzielten die autonomen Protagonist:innen eine erstaunliche politische und soziale Breitenwirkung.

Genauso wie Punk im ursprünglichen Sinne eher eine bestimmte Haltung, Herangehensweise und subversive Strategie darstellte, verhielt es sich auch mit der autonomen Revolte: Im Vordergrund stand das Machen, die Unmittelbarkeit und das In-Bewegung-sein.

Jede angemessene Rekonstruktion der ursprünglichen militanten Sozialrevolte 1979/80, sowie des darauffolgenden autonomen Jahrzehnts, muss das Neuartige, Außergewöhnliche und Mobilisierende dieses Aufbruchs vermitteln. Da die autonome Bewegung nach einer äußerst ereignisreichen Dekade schließlich scheiterte, endet das vorliegende Buch mit der Kritik und Aufarbeitung dieser historischen Niederlage.

Roman Danyluk
Wenn der Himmel brennt
in Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989
Edition AV
ISBN 978-3-86841-339-7
516 Seiten
48 Euro


 

Antifas verjagen Nazis - Rostock Lichtenhagen 1992

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Vor 34 Jahren: The Truth Lies in Rostock

Heute vor 34 Jahren begann in Rostock - Lichtenhagen ein "Volksfest" der ganz besonderen Art: Eine Woche lang, vom 22. bis zum 26. August 1992, griffen mehrere hundert junge Rechtsradikale die Flüchtlingsunterkunft und ein von vietnamesischen VertragsarbeiterInnen bewohntes Haus im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen an. Unterstützt wurde der Mob von über tausend "ganz normalen" Deutschen, die Polizei griff kaum ein. Es handelte sich um die massivsten rassistischen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Der von Mark Saunders und Siobhan Cleary produzierte Dokumentarfilm „The truth lies in Rostock“ dokumentiert die Ereignisse. Er entstand 1993 unter maßgeblicher Beteiligung von Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Geschehnisse im attackierten Wohnheim befanden. Deshalb zeichnet sich die Produktion nicht nur durch einen authentischen Charakter aus, sondern versteht sich auch Jahre danach als schonungslose Kritik an einer Grundstimmung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die Pogrome gegen Migranten oder einfach nur „anders aussehende“ überhaupt erst möglich macht. Nicht umsonst sorgte der Film auch in der Linken für eine heiße Debatte um die Frage, in wieweit die rassistischen Übergriffe mit der „Wiedervereinigung“ Deutschlands und dem darauf folgenden nationalistischen Taumel zu tun hatten.

Im übrigen ist deswegen jedwede Orientierung auf staatliche Institutionen (... Politik und Staat dürfen nicht zulassen, dass Rassisten auf der Straße erneut die Oberhand gewinnen....) fehl am Platz. Denn Chemnitz und Heidenau wie auch Lichtenberg und Freital konnten nur in Folge, Billigung und als Ergebnis rassistischer Politik der Bundesregierung als auch der Handlung der Bullen etc. passieren...

• Mehr Infos
• Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen (Antifa Info Blatt)
• Für Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung!
• Kein Mensch ist illegal!
• Mehr Videos

Quellen:

• FAU-FFM
• Umbruch Bildarchiv
• gegen0310
• Antifa SFA - Soltau Fallingbostel Walsrode

Filmquelle
 


 

Die Leute reißen wirklich massenhaft Flock-Kameras ab. Oder: Die öffentliche Unterstützung krimineller Handlungen ist ein Hauptantrieb für gesellschaftlichen Wandel

Vor drei Wochen haben in Winona, Minnesota, eine oder mehrere unbekannte Personen jede einzelne Flock-Kamera in der Stadt abgerissen und gestohlen. Vier Paare mit je zwei Kameras, die auf die Ein- und Ausfahrtsstraßen der Stadt gerichtet waren.

Die Polizei veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite einen Aufruf, in dem sie die Öffentlichkeit um Mithilfe bei der Aufklärung des Verbrechens bat – nur um von Menschen überschwemmt zu werden, die die Vandalen unterstützten.

Letzte Woche in Winona, Minnesota, erklärte die Polizei ihre Kapitulation.

Das Vertrauen unserer Gemeinschaft ist die Grundlage für eine effektive Polizeiarbeit, und wir haben hart daran gearbeitet, dieses Vertrauen aufzubauen und zu bewahren. Zwar war Flock ein wertvolles Instrument, doch glauben wir, dass sein Einsatz zu wachsenden Bedenken hinsichtlich des Vertrauens in die Polizeiarbeit beigetragen hat – sowohl vor Ort als auch landesweit und landesweit. Nach reiflicher Überlegung hat die Polizei von Winona beschlossen, keine Flock-Kameras mehr in der Stadt Winona zu installieren.

Und ich habe mindestens zwei weitere Gerichtsbezirke ausgemacht, die dem gleichen Muster gefolgt sind.

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025

Eine Flock-Sicherheitskamera mit Solarpanel im Jahr 2025 Foto: Julian Focareta Lizenz: CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Soziale Bewegungen sind gerade dann wirksam, wenn Solidarität zwischen ihrer breiten Basis und den Menschen herrscht, die kriminelle direkte Aktionen begehen. Wenn soziale Bewegungen hinter ihren „Kriminellen“ stehen, gewinnen sie.

Winona, Minnesota, ist kein Einzelfall. Gerade in diesem Jahr haben Menschen im ganzen Land – egal ob in „roten“ oder „blauen“ Bundesstaaten – den Überwachungsstaat angegriffen und wurden dafür als Helden gefeiert.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich jemals eine populärere Verbrechenswelle gesehen habe.

Letzte Woche habe ich in einer Stadt im „Rust Belt“ meine Reifen wechseln lassen und mich eine Weile mit den Leuten dort unterhalten. Im Gespräch kam das Thema Überwachungskameras zur Sprache.

„Wo sind denn all unsere mit Mais gefütterten Arschlöcher? Die müssen endlich was gegen diesen Scheiß unternehmen“, sagte mir ein Mann.

„Du weißt doch, die haben Schrotflinten“, stimmte ich zu.

Im Nachhinein habe ich gute Nachrichten für den Reifenmann. Mit Schrotflinte und Winkelschleifer (und Handbandsäge), mit Expansionsschaum und Sprühfarbe sind die Leute tatsächlich da draußen und zerstören diese Kameras massenhaft. Viele werden dabei erwischt (meistens von anderen Kameras), aber nicht alle. Am 13. August veröffentlichte die Stadt Charlotte in North Carolina einen Beitrag auf ihrer offiziellen Facebook-Seite, in dem sie die Öffentlichkeit um Hilfe bat, um diejenigen aufzuspüren, die Expansionsschaum auf ihre Kennzeichenlesekameras gesprüht hatten. Dabei gaben sie versehentlich zu, dass diese Kameras mehr als nur Kennzeichen erfassen. Bislang gibt es mehr als 70.000 Kommentare zu diesem Beitrag, die überwiegend die Zerstörung dieser Kameras befürworten.

In Monterey, Kalifornien, wurde ein 40-jähriger Mann namens Marcus Bee festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, einfach mit seinem Pick-up (der mit Frontschutzbügeln ausgestattet ist, die beim Rammen helfen) über drei Flock-Kameras gefahren zu sein und/oder ein Abschleppseil angebracht zu haben, um sie aus dem Boden zu ziehen. Er wurde von anderen Überwachungskameras in der Gegend erfasst.

Auf der anderen Seite des Landes und mit Hilfe eines im Grunde gegensätzlichen Fahrzeugs muss sich ein 21-Jähriger nun vor Gericht verantworten, da er angeblich mit einem Baseballschläger auf einen Subaru Forester geklettert ist, um mehrere Kameras zu zerstören.

Vor zwei Wochen berichtete die „New York Post“, dass Long Island von einer Welle von Vandalismus gegen die Kameras heimgesucht wurde, wobei jeweils unterschiedliche Angriffsmethoden zum Einsatz kamen (was auf verschiedene Täter hindeutet). Einige wurden abgeschnitten. Eine wurde überfahren. Bei einer anderen wurden die Kabel abgezogen. Zwei wurden mit Sprühfarbe besprüht. Eine wurde einfach in die andere Richtung gedreht. Selbst auf dieser rechtsgerichteten Seite stehen die Kommentare voll und ganz hinter den Vandalen.

Am 21. Juli wurde ein Teenager in Jacksonville Beach, Florida, festgenommen, weil er die Linsen von drei Kameras mit Sprühfarbe besprüht hatte.

Aus Houston, Texas, wurde berichtet, dass in einer Nacht vier Kameras heruntergeschnitten wurden, nachdem es im vergangenen Monat bereits eine Reihe weiterer Angriffe gegeben hatte. Die Masten wurden einfach dort liegen gelassen, wo sie hingefallen waren.

Ein 37-jähriger unabhängiger Kandidat für das Repräsentantenhaus von Tennessee, Adam Lee Heimerman, wurde festgenommen, weil er angeblich vier Kameras zerschossen haben soll. Einmal, so lässt der Bericht vermuten, war er beim Gottesdienst, ging auf den Parkplatz hinaus und schoss eine Überwachungskamera kaputt, während andere drinnen beteten.

Ein besonders aktiver (beschuldigter) Vandale ist ein 41-jähriger Ingenieur der Luftwaffe, Jeffrey Sovern, der sich in Bezug auf die Zerstörung von 13 „Flock“-Kameras in Virginia im letzten Jahr für nicht schuldig erklärt hat. Ihm wird vorgeworfen, die Masten mit einer Zange demontiert zu haben.

Ein Mann namens Ed Kahle aus Pinal County, Arizona, zeigt keine Reue dafür, dass er mit seinem Arbeits-Lkw rückwärts in eine „Flock“-Kamera gefahren ist. „Wir leben hier draußen, weil wir Ruhe wollen. Wir wollen keinen Ärger machen. Und jetzt werde ich überwacht?“. Die Sheriffs von Pinal County kündigten an, dass sie den Vertrag für die Kameras nicht verlängern werden.

In Fairbault, Minnesota, wird ein 41-jähriger Mann namens Justin Lee Campbell wegen des Durchschneidens der Kabel einer „Flock“-Kamera in drei Fällen strafrechtlich verfolgt. Er wurde von einigen Ladenmitarbeitern verpetzt, denen er damit geprahlt hatte, die Kamera zerstört zu haben. Aber anderswo im selben Bundesstaat wurden in Edina drei Kameras übermalt, und in Plymouth wurden zwei Kameras deinstalliert.

In mindestens fünf Gemeinden in Michigan wurden Kameras deinstalliert oder zerstört. In Westland, Michigan, hat die Polizei ebenfalls kapituliert.

Die Flock-Kamera in Ash Grove, Missouri, wurde von Unbekannten entfernt, die sich ihr von hinten näherten, sodass sie keine Aufnahmen des Angriffs machen konnte.

Der 21-jährige Alex Rattenborg aus Iowa City wurde wegen Sachbeschädigung dritten Grades angeklagt, weil er eine Flock-Kamera abmontiert hatte; er wurde anschließend von anderen Überwachungskameras erfasst, doch die Polizei in Iowa fahndet weiterhin nach den Tätern, die für zwei weitere zerstörte Kameras verantwortlich sind.

Der Sheriff von Lumpkin County, Georgia, versucht verzweifelt, denjenigen zu finden, der eine Kamera zerstört hat. Sein Facebook-Beitrag dazu hat 17.000 Kommentare, die den Vandalismus gutheißen.

Das Foto zeigt die Flock Sock, montiert an einer Kamera auf einem Stock.

Die "Flock Sock" Quelle: SquidLink (MakerWorld)

Ein 3D-Designer namens SquidInk hat den „Flock Sock“ entwickelt, eine 3D-druckbare Hülle, die man über einen Besenstiel stülpen und damit Flock-Kameras zerstörungsfrei abdecken kann.

Der vielleicht höflichste aller Menschen, die direkte Aktionen durchführen, ist ein 77-jähriger Republikaner im Ruhestand aus Florida, der „Flock Blocker“, der seine reichlich vorhandene Freizeit damit verbringt, in einem Campingstuhl zu sitzen – mit einem Anti-Flock-Schild an einer 10-Fuß-Stange – und so die Kameras zu blockieren. Als ich zum ersten Mal Videos in den sozialen Medien sah, in denen Methoden zur Zerstörung dieser Kameras verglichen wurden, fielen mir zwei Dinge besonders auf. Erstens, dass der Hass auf diese Kameras universell ist. Da gibt es zum einen eine stark tätowierte Person wie diese hier, die im Black-Bloc-Look gekleidet ist, und zum anderen ein Unternehmen, das Sicherheitsausrüstung für Schweißer herstellt – beide liefern dieselbe Art von Inhalten an ihr vermutlich unterschiedliches Publikum. (In den Kommentaren zu beiden Beiträgen wird jedoch die Schnittgeschwindigkeit und die leise Leistung der handgeführten Bandsäge empfohlen.)

Das andere, was mir auffiel … als ich diese Art von Inhalten zum ersten Mal sah, befürchtete ich, dass es sich nur um theatralische Social-Media-Beiträge handelte. Klar, vielleicht haben ein paar Leute mal eine oder zwei Kameras zerstört, aber ich ging davon aus, dass das nicht weit verbreitet war.

Doch dann habe ich angefangen zu recherchieren.

Und diese Kameras werden tatsächlich eine nach der anderen, zu zweit, von Einzelpersonen und kleinen Gruppen im ganzen Land zerstört. Die meisten kommen damit durch. Viele werden erwischt, und manche haben bereits eine Gefängnisstrafe verbüßt. Mir ist noch keine einzige Quelle bekannt, die all diese Angriffe erfasst und/oder den Leuten die Möglichkeit bietet, diejenigen zu unterstützen, die erwischt wurden, aber hoffentlich wird so etwas noch auftauchen (oder existiert bereits und wird mir irgendwann auffallen). Ursprünglich hatte ich vor, mehr über die Entstehung von ALPRs (automatische Kennzeichenleser) und Flock sowie dessen Konkurrenten wie Axon zu schreiben. Das werde ich in Zukunft tun. Aber ich vertraue euch genug, um zu verstehen, dass diese Kameras auf entsetzliche Weise missbraucht wurden, immer und immer wieder; dass selbst wenn Städte beschließen, keine ALPR-Daten an die ICE weiterzugeben, die örtliche Polizei die Informationen trotzdem an ihre Kumpels bei der ICE weitergibt; dass fehlerhafte KI-Informationen bereits zu brutalen Übergriffen durch die Polizei geführt haben; und dass diese Kameras – sofern die Demokratie in den USA fortbesteht – wahrscheinlich als Verstoß gegen den vierten Verfassungszusatz eingestuft werden – für die meisten ähnlichen Technologien ist mittlerweile ein Durchsuchungsbefehl erforderlich.

Zu lange schon haben die Menschen in diesem Land die Ausweitung des Überwachungsstaates mitangesehen. Es scheint, als hätten die Leute nun wirklich, endlich genug davon. Und dass alle Versuche, die Arbeiterklasse entlang der Linien des Kulturkriegs zu spalten, gerade scheitern – und das ist gut so. Beide Seiten geben sich weiterhin gegenseitig die Schuld an der Überwachung – in den Kommentaren der „New York Post“ werden diese Kameras als Kommunismus bezeichnet. Anderswo nennen die Leute sie Faschismus. Was sie tatsächlich sind, ist Autoritarismus. Und das ist etwas, das wir gemeinsam zerstören müssen.

Ich werde niemals, wirklich niemals, Menschen dazu ermutigen, Dinge zu tun, zu denen ich persönlich nicht bereit bin. Ich bin nicht da draußen und zerstöre Flock-Kameras. Aber ich werde öffentlich meine Unterstützung für die Menschen bekunden, die das tun – und genau das werde ich von euch verlangen: Seid offen und öffentlich in eurer Verurteilung des Überwachungsstaats und in eurer Unterstützung für diejenigen, die direkt dagegen kämpfen.

Ich war noch nie ein großer Anhänger von Online-Aktivismus, aber es scheint, als sei „direkte und ehrliche Unterstützung für Menschen, die Straftaten begangen haben“ die wirksamste Form davon, die ich je gesehen habe. Luigi Mangione hat den Gesundheitsverantwortlichen Angst gemacht, aber nicht so sehr wie der Aufschrei der Unterstützung, den er erhielt.

Und diese Kameras? Sie werden abmontiert, wenn ein paar mutige Seelen sie abreißen, und sie bleiben abmontiert, wenn es eine massive Welle der Unterstützung durch die Bevölkerung gibt. Wenn der Staat erkennt, dass seine Legitimität auf dem Spiel steht. Dann geben sie dem Volk nach.

Wie Frederick Douglass es formulierte:

Macht räumt nichts ein, ohne dass es gefordert wird. Das war noch nie so und wird auch nie so sein. Finde heraus, was ein Volk stillschweigend hinnimmt, und du hast das genaue Maß an Ungerechtigkeit und Unrecht erkannt, das ihm auferlegt wird – und das wird so lange andauern, bis es entweder mit Worten oder mit Schlägen oder mit beidem bekämpft wird. Die Grenzen der Tyrannen werden durch die Ausdauer derer bestimmt, die sie unterdrücken.

Quelle:  "People Really Are Cutting Down Flock Cameras En Masse or: public support for criminal activity is a primary driver of social change" von Margaret Killjoy, 19. August 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Rio Reiser: 30. Todestag - "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Heute ist der 30. Todestag von Rio Reiser. Seine Band - Ton, Steine Scherben - hatten vor 56 Jahren, im Juni 1970, ihren ersten Auftritt. Außerhalb der radikalen Linken ist Rio mehr oder weniger in Vergessenheit geraten oder wird, wie in Teilen der Salonlinken, lediglich auf sein Spätwerk (König von Deutschland, Junimond usw.) reduziert. Pass gut zur aktuellen Tendenz, die eigene Geschichte zu vergessen und nur noch Politik an marginalen Randzonen zu machen. Die Scherben hatten da noch das revolutionäre Subjekt im Blick. Höchste Zeit also, den ersten TV Auftritt Rio's und seinen Scherben mit dem richtungsweisenden Barrikadenschlager "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht" nochmal aufzuführen.

"Macht kaputt was euch kaputt macht" (Ton Steine Scherben / 1970, Rio Reiser (Musik, Norbert Krause (Text) )

Radios laufen, Platten laufen,
Filme laufen, TV's laufen,
Reisen kaufen, Autos kaufen,
Häuser kaufen, Möbel kaufen.
Wofür?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Züge rollen, Dollars rollen,
Maschinen laufen, Menschen schuften,
Fabriken bauen, Maschinen bauen,
Motoren bauen, Kanonen bauen.
Für wen?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Bomber fliegen, Panzer rollen,
Polizisten schlagen, Soldaten fallen,
Die Chefs schützen, Die Aktien schützen,
Das Recht schützen, Den Staat schützen.
Vor uns!

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!


 

In Erinnerung an Murray Bookchin

Das Foto zeigt  Murray Bookchin in Burlington, Vermont USA, 1990, im Alter von 69 Jahren.

Murray Bookchin in Vermont, 1990

Foto: Debbie Bookchin - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Seine ökologischen und kommunitaristischen Ideen sind nach wie vor einflussreich und umstritten

Murray Bookchin war während der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Stimmen in der ökologischen Debatte und verband tiefgreifendes philosophisches, anthropologisches und historisches Wissen einerseits mit brillanten politischen Einsichten andererseits. Seine intellektuelle Laufbahn ist komplex: Sie verbindet intellektuelles und militantes Engagement und reicht vom Syndikalismus über den Trotzkismus bis hin zum späteren Anarchismus. Vor allem entwickelte er das Konzept der Sozialökologie, für das er am bekanntesten ist. Die vielen Polemiken, in die er verwickelt war, machten ihn zu einer umstrittenen Figur in der anarchistischen Bewegung, doch die Relevanz und Originalität seiner Beiträge stehen außer Frage.

Vom Marxismus über den Anarchismus zum Kommunalismus

Murray Bookchins politisches Engagement begann schon in sehr jungen Jahren, beeinflusst von den sozialistischen Ideen, die ihm seine Großmutter schon als Kind vermittelt hatte. Als 15-Jähriger versuchte er, sich für den Spanischen Bürgerkrieg zu melden, wurde aber wegen seines jungen Alters abgelehnt. Als junger Fabrikarbeiter engagierte er sich in syndikalistischen Kämpfen und brach noch vor seinem 20. Lebensjahr mit seiner stalinistischen politischen Zugehörigkeit. Er schloss sich den trotzkistischen Ideen an und trat der Socialist Workers Party sowie der United Electrical Workers bei, während er bei General Motors arbeitete. Anfang der 50er Jahre begann er, sich für ökologische Themen zu interessieren, und schrieb seine ersten Essays unter dem Pseudonym Lewis Herber, um der mccarthyistischen Unterdrückung zu entgehen. Ende der 1950er Jahre sah er sich selbst als Anarchist und veröffentlichte – einige Monate vor Rachel Carsons bahnbrechendem Werk „Silent Spring“ – „Our Synthetic Environment“. Während seiner anarchistischen Jahre entwickelte er das Konzept der Sozialökologie, das sein Denken für den Rest seines Lebens prägen sollte. In den 1990er Jahren brach er mit dem Anarchismus, weil er in der Bewegung eine – wie er es nannte – primitivistische, individualistische Wende sah – eine Kritik, die er in seinem 1995 erschienenen Buch Social Anarchism or Lifestyle Anarchism thematisierte. In seinen letzten Lebensjahren prägte er den Begriff des Kommunalismus, der als seine letzte intellektuelle und politische Wende angesehen werden kann.

Sozialökologie und Post-Knappheit

Bookchins wichtigster theoretischer Beitrag zum ökologischen Denken ist zweifellos der Begriff der Sozialökologie. In einer Zeit, als die Deep-Ecology-Bewegung in den USA dominierte, schlug Bookchin eine auf Sozialkritik ausgerichtete Ökologie vor. Er argumentierte, dass die Herrschaft über die Natur ein Ergebnis sozialer Hierarchien sei und dass wir, um Ersteres zu überwinden, die Grundlage sozialer Herrschaft selbst entwurzeln müssten. Wenn sie keine Gesellschaftskritik beinhaltet, ist Ökologie bestenfalls ein moralisches Anliegen und eine Ansammlung „grüner“ Technologien, die Unterdrückung aufrechterhalten. Ökologie ist insofern sozial, als sie sich damit auseinandersetzen muss, wie die Gesellschaft (oder die „zweite Natur“) das Ergebnis der natürlichen evolutionären Entwicklung (oder der „ersten Natur“) ist. Das ermöglicht es ihm zu behaupten, dass alle Formen gesellschaftlicher Beziehungen zur Natur tatsächlich politisch sind. Jede menschliche Gesellschaft ist stets in den Kontext einer Öko-Gemeinschaft eingebettet, die sowohl nicht-menschliches Leben als auch anorganische Systeme umfasst, die das Leben erhalten.

Bookchin war der Ansicht, dass eine ökologische Gesellschaft und Politik ihr Handeln auf Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit gründen sollten, denn gegenseitige Hilfe und Solidarität sind nicht nur ethische Werte, sondern auch die beste evolutionäre Strategie. In diesem Sinne folgte er einem Weg, der von Élisée Reclus und Peter Kropotkin bereits klar umrissen worden war. Laut Bookchin versorgt uns die Natur mit genügend Ressourcen und einer herausragenden Rationalität, die es uns ermöglicht, ökologische Technologien zu entwickeln, die jedem ein würdiges Leben ermöglichen würden – ein Leben, das frei von der Erzeugung von Bedürfnissen ist und sich stattdessen auf befreite Wünsche konzentrieren kann. Diese These steht im Mittelpunkt seines Konzepts der Post-Knappheit – ein Konzept, das er in dem Buch „Post-Knappheit-Anarchismus“ mit Anarchismus und Ökologie verknüpft.

Die Alternative, vor der wir stehen, so sagt er, lautet nicht mehr Sozialismus oder Barbarei; es ist vielmehr Anarchismus oder Vernichtung.

Libertärer Kommunalismus und der Kampf in Rojava

Die Politik der Sozialökologie ist der libertäre Kommunalismus, eine Form staatenloser Politik, die auf Dezentralisierung, direkter Demokratie und einem allgemeinen Umdenken in Bezug auf Urbanisierung und die Organisation von Arbeit basiert. Bookchins Ansichten zu diesen Themen veranlassten ihn, sich nicht nur für eine Dezentralisierung auf institutioneller Ebene einzusetzen – was dennoch ein wichtiger Grundsatz des libertären Kommunalismus ist –, sondern auch auf geografischer Ebene. Er vertrat die Ansicht, dass Großstädte in „Gemeinschaften menschlichen Maßstabs“ aufgeteilt werden sollten, was es lokalen demokratischen Versammlungen ermöglichen würde, direkte Kontrolle über die Städte und die gemeinsamen natürlichen Ressourcen auszuüben. Bookchins Ideen zum libertären Kommunalismus wurden von Abdullah Öcalan während seiner Haftjahre teilweise aufgegriffen und an den kurdischen Kontext angepasst. Öcalan entwickelte seinen demokratischen Konföderalismus, der schließlich nach der Revolution 2012 in Rojava umgesetzt wurde. In Bookchins letzten Lebensjahren gab es den Versuch, einen Besuch auf der Insel Imrali zu organisieren, wo Öcalan inhaftiert ist, doch Bookchins schlechter Gesundheitszustand ließ dies nicht zu.

Bookchin starb am 30. Juli 2006 und konnte die Rojava-Revolution nicht mehr miterleben. Anlässlich seines 20. Todestages gibt uns das Schreiben über ihn die Gelegenheit, an den enormen Einfluss seiner Ideen zu erinnern und noch einmal den Zusammenhang zwischen ökologischer und sozialer Unterdrückung sowie Befreiung zu betonen.

Quelle: Remembering Murray Bookchin, Fabio Carnevali, 30. Juli 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht autorisiert]


 

There are only two roads...

Das Bild zeigt Buenaventura Durruti in jungen Jahren im Anzug

 

 

 

 

 

 

 

Buenaventura Durruti (1896–1936)

"There are only two roads, victory for the working class, freedom, or victory for the fascists which means tyranny. Both combatants know, what's in store for the loser."

José Buenaventura Durruti Dumange


 

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 14: Gino Lucetti vs. Benito Mussolini

Gino Lucetti
Gino Lucetti
Im September 1926 warf Gino Lucetti  auf dem Platz vor der Porta Pia in Rom eine Bombe auf das Auto, in dem Benito Mussolini saß. Der Sprengsatz prallte jedoch vom Verdeck ab, explodierte auf dem Boden und verletzte einige Passanten. Mussolini, der seit 1922 mehrere Ministerien bekleidete und sich als Duce immer mehr zum Diktator entwickelte, blieb unverletzt und beschuldigte die französische Regierung der übertriebenen Toleranz gegenüber antifaschistischen Aktivisten. Im darauf folgenden Prozess wurde Lucetti am 11. Juni 1927 zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 11. September 1943 wurde er von den Alliierten, die kurz zuvor in Neapel einmarschiert waren, aus dem Gefängnis auf der Insel Santo Stefano befreit und auf die Insel Ischia gebracht, wo er wenige Tage später bei einem deutschen Bombenangriff zu Tode kam. Er liegt in Carrara auf einem Ehrenfriedhof zusammen mit anderen anarchistischen Kämpfern begraben, darunter Giuseppe Pinelli (1928–1969) und Gogliardo Fiaschi (1930–2000).

Die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Raum Carrara operierende italienische Partisanengruppe Battaglione Gino Lucetti nutzte seinen Namen als Identifikationssymbol.

Quelle: WikiPedia


„Dunkelheit, Flammen, Schreie“: Palästinensisches Dorf von israelischen Siedlern terrorisiert

Bei einem nächtlichen Pogrom durch Dutzende Siedler wurden im abgelegenen Dorf Tuba im Westjordanland Bewohner verletzt, Häuser niedergebrannt und Solaranlagen zerstört.

Zwei verbrannte Stofftierchen liegen auf dem Boden

Verbranntes Kinderspielzeug nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Die WhatsApp-Nachricht kam am Mittwoch um 21:50 Uhr an. Es war ein verzweifelter Hilferuf von Hamza Abu Jundiya, einem 22-Jährigen aus dem Dorf Tuba in Masafer Yatta: „Die Siedler zünden die Häuser an.“

Um 22:11 Uhr folgte eine weitere Nachricht: „Schickt Krankenwagen und Feuerwehr. Es gibt verletzte Kinder und Häuser brennen.“

Diese wenigen Worte fassten den Schrecken zusammen, der sich in dieser Nacht in dem kleinen Dorf am südlichen Rand des besetzten Westjordanlands abspielte. Es war schon zuvor Ziel von Brandanschlägen durch israelische Siedler gewesen, doch diesmal schien es sich um ein ganz anderes Ausmaß zu handeln.

Nach Tuba zu gelangen ist nie einfach. Die unbefestigte Straße, die zum Dorf führt, ist durch die Winterregenfälle beschädigt und ausgewaschen, weil es den Palästinensern verboten ist, sie zu reparieren; jede solche Maßnahme würde in einem Gebiet, in dem Baugenehmigungen unmöglich zu bekommen sind, als „illegaler Bau“ gelten. Im besten Fall dauert die Fahrt etwa 30 Minuten.

Von meinem eigenen Dorf At-Tuwani aus dauerte es früher nur fünf bis zehn Minuten. Doch die Errichtung des Außenpostens Havat Ma’on und der Siedlung Ma’on hat uns den direkten Zugang zur Straße abgeschnitten, sodass Tuba immer mehr isoliert wird, sobald es zu Gewaltausbrüchen kommt.

Ein Blick auf das palästinensische Dorf Tuba im Vordergrund, im Hintergrund die Siedlung Havat Ma’on, Masafer Yatta, besetztes Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Ein Blick auf das palästinensische Dorf Tuba im Vordergrund, im Hintergrund die Siedlung Havat Ma’on, Masafer Yatta, besetztes Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Für die Familien, die in dieser Nacht in ihren Häusern gefangen waren, kam jede Minute einem Ewigkeit vor. Rana Maghnam, 37, saß mit ihrer 7-jährigen Stieftochter Razan im Gästezimmer, als der Angriff begann.

„Ich schaute aus dem Fenster und sah eine Gruppe von Siedlern den Hügel hinunterrennen“, erzählte sie. „Ich trat nach draußen, und der erste Siedler, der unser Haus erreichte, kam direkt auf uns zu. Er hatte einen Stock dabei und fing sofort an, auf mich einzuschlagen, während sich die Mädchen hinter mir versteckten.

„Wir rannten in ein anderes Zimmer, um uns zu schützen, aber der Siedler folgte uns“, fuhr Maghnam fort. „Razan wurde von einem Stein getroffen, der von draußen ins Haus geworfen wurde und sie an der Nase und der Oberlippe traf. Dann holte der Siedler uns wieder ein und schlug mir auf den Kopf und den Arm.“

Durch den Angriff erlitt Maghnam gebrochene Finger an ihrer rechten Hand und eine tiefe Kopfwunde, die mit acht Stichen genäht werden musste. Sie wurde in ein Krankenhaus in der nächstgelegenen Stadt Yatta gebracht, wo sie notärztlich versorgt wurde. Doch auch lange nachdem die Wunden genäht worden waren, ließen sich die Erinnerungen an diese Nacht nicht auslöschen.

Es fällt ihr immer noch schwer, die Angst zu beschreiben, die sie empfand, als Dutzende israelischer Siedler in ihr Dorf einfielen. „Es war eine schreckliche Nacht. Überall hallten Schreie, Weinen, das Geräusch von Schlägen und zerbrechendem Glas wider. Flammen schlugen aus dem [Gäste-]Zimmer, in dem wir gesessen hatten, und Rauch drang in den Raum, in dem wir uns versteckt hatten, nachdem sie die Stühle, Sofas und Holzmöbel vor dem Haus in Brand gesteckt hatten.“

Verbrannte Möbel vor einem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Verbrannte Möbel vor einem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Als es endlich hell wurde, zeigte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung: Drei Häuser waren bis zur Unkenntlichkeit niedergebrannt. Das Stromnetz des Dorfes wurde durch die Brände schwer beschädigt, und die Siedler hatten etwa zwei Dutzend der Solarmodule des Dorfes zertrümmert. Fünf Bewohner, darunter drei Kinder, wurden verletzt.

Auf ihrem Weg aus dem Dorf hatten die Siedler die Worte „1:0 für die Juden“ auf Hebräisch auf den Schafstall einer Familie gesprüht – eine Botschaft, die die Bewohner nicht nur als Vandalismus, sondern als Jubelfeier über ihr Leid empfanden.

„Sie haben das Haus in Brand gesteckt, während ich noch drinnen war“

Am nächsten Morgen war in einem der ausgebrannten Häuser alles schwarz geworden. Geschmolzene Stromkabel hingen von der Decke. Der Boden war mit Asche bedeckt. Der Kühlschrank war nur noch ein verbogenes Metallgerippe. Selbst 15 Stunden nach dem Brand war der Rauchgeruch so überwältigend, dass das Atmen schwerfiel.

Die 17-jährige Sujood Mahmoud Awad stand in den Überresten des Hauses ihrer Familie und beschrieb, was sie in der Nacht zuvor miterlebt hatte. „Ich saß im Haus, als ich draußen Geräusche hörte. Ich schaute auf und sah, wie Siedler Steine gegen die Fenster warfen. Ich rannte ins Badezimmer und versteckte mich. Ich rief meinen Vater, der im Nebenzimmer schlief.

„Mein Bruder Joud, der 11 Jahre alt ist, schlief in seinem Zimmer. Ein Siedler packte ihn am Hals, würgte ihn und warf ihn nach draußen.

„Sie kamen zurück ins Haus. Ich konnte hören, wie Sachen zerstört wurden. Sie warfen den Kühlschrank und die Waschmaschine auf den Boden und steckten dann das Haus in Brand, während ich noch drinnen war und vor Angst zitterte.“

Anwohner begutachten die Brandschäden an ihren Häusern nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Ein Mann steht mit seiner kleinen Tochter in einem ausgebrannten Raum und begutachtet die Brandschäden nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

In diesem Moment war sie sich nicht sicher, ob sie das jemals lebend überstehen würde. „Ein Siedler fing an, gegen die Badezimmertür zu schlagen. Die Tür schlug mir ins Gesicht und ich fiel zu Boden. Als die Siedler endlich gingen, füllte dichter Rauch das Haus. Das Feuer breitete sich rasend schnell von Zimmer zu Zimmer aus. Ich rannte voller Angst nach draußen, konnte aber kaum atmen. Wegen des Rauchs brach ich vor dem Haus zusammen.“

Ihr Vater, Mahmoud Awad, erwachte zu dem, was er als den schlimmsten Albtraum aller Eltern beschreibt. „Unser Haus brannte, ebenso wie das Haus meines Bruders Mohammad, zwei Heulager und ein Zelt, das wir als Abstellraum nutzten. Ich eilte los, um meine Kinder zu suchen. Ich hatte drei Feuerlöscher, aber zwei davon funktionierten nicht. Ich habe alles versucht, um das Feuer zu löschen, aber es gelang mir nicht. Wir haben nicht die Feuerlöschausrüstung, die wir brauchen.“

Er sah hilflos zu, wie das Dorf von der Dunkelheit verschlungen wurde. „Der Strom fiel aus, und das Dorf wurde völlig dunkel. Es gab nur Rauch, Flammen, Weinen und Schreien. Wir standen da und konnten das Feuer nicht aufhalten, während wir zusehen mussten, wie es unsere Häuser verschlang und alles darin zerstörte.

„Ich rannte ständig mit Wasserbehältern hin und her und versuchte, die Flammen zu löschen, aber jedes Mal, wenn ich näher kam, würgte mich der Rauch und ich musste mich zurückziehen“, fuhr er fort. „Es blieb nichts übrig außer Steinen und verbogenem Metall.“

Alles, was die Familie besaß, verschwand innerhalb weniger Minuten. „Das Essen, die Möbel, die Matratzen, die Decken – alles war weg.“

„Sie haben Überwachungskameras, Flutlichter und unser Badezimmer zertrümmert“

Hamza, dessen Nachricht mich in jener Nacht erstmals auf den Angriff aufmerksam gemacht hatte, sagte, nachdem die Siedler das Haus seines Cousins Radwan in Brand gesteckt hatten, seien sie auf das Haus seiner Familie zugegangen.

Beschädigte Solarmodule nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Beschädigte Solarmodule nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

„Einer der Siedler trug zwei Flaschen mit brennbarer Flüssigkeit bei sich. Meine Mutter, meine Schwestern und die Kinder rannten ins Haus und versteckten sich. Mein Vater, mein Bruder und ich blieben draußen, um unser Haus zu verteidigen. Wir konnten sie davon abhalten, es in Brand zu setzen, aber sie bewarfen mich mit Steinen in die Hand und in den Rücken.

„Sie haben drei Überwachungskameras, die Flutlichter rund um das Haus und unser Außenbad zerstört“, fuhr er fort. „Außerdem haben sie die Fenster zerschlagen, um ins Haus einzubrechen. Meine Mutter wurde von Glassplittern im Gesicht getroffen.“

Als sich immer mehr Dorfbewohner versammelten und zum Haus eilten, um bei der Verteidigung zu helfen, zogen sich die Siedler schließlich in Richtung des nahegelegenen Außenpostens Havat Ma’on zurück, der nur wenige Minuten von Tuba entfernt liegt. Es ist derselbe Außenposten, von dem aus vor kurzem Dutzende Siedler mein eigenes Dorf At-Tuwani angegriffen haben: Sie steckten die Moschee sowie Häuser und Autos in Brand, zerschlugen Fenster und sprühten „Rache“ an die Wände.

Junge Männer und Freiwillige aus benachbarten Dörfern eilten herbei, um bei der Löschung der Brände zu helfen, noch bevor die Rettungskräfte eintreffen konnten; wegen des Zustands der Straße erreichten die Krankenwagen Tuba erst fast eine Stunde nach Beginn des Angriffs. Dichter Rauch hüllte das Dorf ein, während die Bewohner mit Taschenlampen durch die Dunkelheit eilten, nach Überlebenden suchten, den Verletzten halfen und verzweifelt versuchten, zu retten, was noch übrig war.

Die israelische Polizei traf etwa 40 Minuten nach Beginn des Angriffs ein und näherte sich aus Richtung Havat Ma’on. Israelische Soldaten, die für die Sicherheit in diesem Teil des Westjordanlands zuständig sind, trafen erst mehr als eine Stunde nach Beginn des Angriffs ein.

Das Foto zeigt einen alten Mann in einem ausgebrannten Zimmer

Ein alter Anwohner begutachtet die Brandschäden an seinem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Die Bewohner berichten, dass die Polizei von einem abgebrannten Gebäude zum nächsten ging, Fotos machte und Videos aufnahm – Routineverfahren, die ihrer Erfahrung nach selten zur strafrechtlichen Verfolgung der Angreifer führen. Unterdessen verhielten sich die Soldaten den Dorfbewohnern gegenüber offen feindselig. Sie drohten den Bewohnern mit Festnahme und gingen mit auf Zivilisten gerichteten Waffen durch die ausgebrannten Häuser.

Wenn die Polizei wirklich daran interessiert wäre, die Verantwortlichen zu identifizieren, wüsste sie genau, wo sie suchen müsste. Die Siedler kamen aus dem nahegelegenen Außenposten und der Siedlung – Orte, die mit einigen der modernsten Überwachungskameras in der Gegend ausgestattet sind. Doch die Bewohner haben keine Hoffnung, dass ihre Angreifer zur Rechenschaft gezogen werden; stattdessen müssen sie sich auf das nächste Pogrom vorbereiten.

Am Freitagnachmittag waren bereits drei Siedler aus Havat Ma’on wieder im Dorf und belästigten die Bewohner.

Diese Angriffe fügen den betroffenen Gemeinden nicht nur tiefgreifenden physischen und psychischen Schaden zu, sondern verursachen auch eine immense finanzielle Belastung, die selten ausgeglichen wird. Familien, deren Häuser, Fahrzeuge und persönliches Eigentum verbrannt oder zerstört wurden, müssen verheerende Verluste hinnehmen, die oft ihre Ersparnisse und den Besitz eines ganzen Lebens zunichte machen.

Der Wiederaufbau eines Hauses, der Ersatz lebenswichtiger Gegenstände und die Wiederherstellung auch nur eines grundlegenden Gefühls der Normalität erfordern Ressourcen, über die die meisten betroffenen Familien einfach nicht verfügen. Infolgedessen hinterlassen diese Angriffe langanhaltende humanitäre, wirtschaftliche und soziale Folgen, die ganze Gemeinden noch lange nach dem Ende der Gewalt beeinträchtigen.

Eine Erklärung der israelischen Polizei bestätigte, dass „Ermittler der Polizeistation Hebron und kriminaltechnische Ermittler der israelischen Polizei zum Tatort entsandt wurden“ und „mit der Sicherung von Beweismitteln, kriminaltechnischen Befunden und Zeugenaussagen begonnen haben“. Das +972 Magazine fragte, was die Polizei unternimmt, um Angriffe von Siedlern auf palästinensische Dörfer in dieser Gegend zu verhindern, und ein Sprecher antwortete, dass „die Verantwortung für die Verhinderung und die Reaktion auf Vorfälle in den Zonen A und B bei der IDF liegt“ – doch Tuba und die benachbarten palästinensischen Dörfer von Masafer Yatta liegen in Zone C.

+972 hat auch die israelische Armee um eine Stellungnahme gebeten; deren Antwort wird hinzugefügt, sobald sie eingeht.

Basel Adra ist Aktivist, Journalist und Fotograf aus dem Dorf At-Tuwani in den südlichen Hebron-Hügeln.

Quelle:  ‘Darkness, flames, screaming’: Palestinian village terrorized by Israeli settlers von Basel Adra in +972magazine, 7. August 2026

Fotos: Mosab Shawer/Activestills (Verwendung mit freundlicher Genehmigung durch ActiveStills)

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]


 

Protestauftakt gegen Wahlkampf der AFD

Das Foto von © Björn Obmann zeigt eine Hand, die eine Tafel mit dem Text "Braune Flaschen gehören in den Altglascontainer und nicht ins Parlament" daneben eine gemalte Flasche mit dem Etikett "FcK AfD" hält. Dahinter sind unscharf die Teilnehmer der Protestkundgebung zu sehen.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv

Mehrere Hundert Menschen protestierten mit einer kurzfristig organisierten Kundgebung und einem Konzert am Eastgate in Marzahn gegen einen spärlich besuchten Wahlkampfauftakt der AfD. Beide Kundgebungen waren nur rund 50 Meter entfernt und durch einen Polizeikordon getrennt. Bei der Gegendemo spielte u.a. Kafvka, um den Protest zu unterstützen. Mit einer riesigen Regenbogenfahne forderten die Demonstrant*innen Schutz queerer Menschen und solidarisierten sich mit LGBTQIA+. In weiteren Redebeiträgen machten Marzahner Aktivist*innen auf die Situation im Kiez aufmerksam und das New Casa lud zu zahlreichen Veranstaltungen ein.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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