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»Au point de vue barbare, liberté est synonyme d’isolement: [...]« Pierre Joseph Proudhon

Wenn sie auf dem „Torment Nexus“ bestehen oder: Dein Auto sollte dich nicht ins Gefängnis fahren

Vor ein paar Wochen hat ein selbstfahrendes Taxi der Marke Waymo in San Mateo, Kalifornien, zwei Kinder in die Hände der Polizei gebracht. Die Maschine stellte fest, dass ihre beiden 15-jährigen Fahrgäste Alkohol tranken und mit Spielzeugwaffen herumschossen, also alarmierte sie die Polizei, fuhr von selbst auf einen Parkplatz und schaltete sich aus. Die Kinder wurden daraufhin von den bewaffneten Männern (und möglicherweise Frauen) festgenommen, die gnädigerweise beschlossen, die Teenager nicht hinter Gitter zu stecken, sondern sie ihren Eltern zurückzugeben. Diesmal.

Fast jeder Artikel, den ich zu diesem Thema gelesen habe, will unbedingt betonen, dass die Kinder nicht im Auto eingesperrt waren, dass sie frei waren, zu gehen. Dass es den beiden Fünfzehnjährigen freistand, von einem beliebigen Parkplatz aus zu gehen, Gott weiß, wie weit von zu Hause entfernt. Als ob das alles in Ordnung machen würde.

Und ich habe viele Artikel über den Vorfall gelesen, weil mich mindestens ein Dutzend Leute in den Beiträgen getaggt oder mir Nachrichten dazu geschickt haben. Denn 2015 veröffentlichte Vice eine Kurzgeschichte von mir namens One Star, in der es um einen nicht-binären Graffitikünstler geht, der in einem selbstfahrenden Taxi gefangen ist, das beschließt, ihn ins Gefängnis zu fahren. Es ist eine kurze Lektüre, kaum länger als mein durchschnittlicher Newsletter.

Ich kam mir damals, als ich sie schrieb, richtig clever vor. Die Idee dazu kam mir, als ich mit ein paar Freunden in dem Van, in dem ich früher gewohnt hatte und den ich „Leviathan“ getauft hatte, quer durch das Land reiste. Weil er gigantisch war und die Zivilisation verkörperte.

Selbstfahrende Autos befanden sich zu diesem Zeitpunkt gerade mal in der Proof-of-Concept-Phase, aber ich erklärte, dass ich es toll fände, wenn „Leviathan“ von selbst fahren könnte – wenn ich einfach hinten in meinem eigenen Bett schlafen könnte, während mein Van mich dorthin bringt, wo ich hinwollte.

„Wenn sie selbstfahrende Autos erfinden, werden sie die Leute einfach ins Gefängnis fahren. Das weißt du doch, oder?“, sagte mein Freund zu mir.

Ich hatte keine Antwort für ihn, denn er hatte recht. Es gab nie eine Chance, dass eine Strafgesellschaft wie die USA selbstfahrende Autos als etwas anderes entwickeln würde als eine Erweiterung der sozialen Kontrolle und der Strafjustiz.

Also schrieb ich eine Geschichte darüber, verkaufte sie an Vice und versuchte seitdem, nicht zu viel darüber nachzudenken.

Zehn Jahre später wurde diese Geschichte wahr.


Im Jahr 2021 twitterte der „The Onion“-Autor Alex Blechman:

Der Screenshot zeigt den Tweet von Alex Blechman
Sci-Fi-Autor: In meinem Buch habe ich den „Torment Nexus“ als warnendes Beispiel erfunden. 
Tech-Unternehmen: Endlich haben wir den „Torment Nexus“ aus dem klassischen Sci-Fi-Roman „Don’t Create The Torment Nexus“ geschaffen.

Seitdem ist „Torment Nexus“ zum Synonym für die schrecklichen Dinge geworden, die Menschen (vor allem diejenigen, die Tech-Unternehmen leiten) tun und die von den schlimmsten dystopischen Vorstellungen von Science-Fiction-Autoren inspiriert zu sein scheinen.

Alex Blechman sprach konkret davon, wie Facebook seinen Namen in Meta änderte und versuchte, das Metaversum zu entwickeln – inspiriert vom Metaversum aus dem dystopischen Cyberpunk-Unternehmensroman Snow Crash von Neil Stephenson. Ich denke, das „Torment-Nexus“-typischste Beispiel für dieses Phänomen ist Palantir, das durch und durch böse Überwachungsunternehmen, benannt nach den Geräten, die von den durch und durch bösen Bösewichten aus Der Herr der Ringe verwendet werden.

Wenn wir ganz genau nehmen, halte ich das Waymo-Gefängnis-Taxi nicht für einen echten „Torment-Nexus“-Moment, denn ich bin nicht so überheblich zu glauben, dass selbstfahrende Taxis – oder ihre Fähigkeit, straffällige Jugendliche in die Hände der Polizei zu liefern – von meinen Texten inspiriert wurden.

Stattdessen habe ich mich einfach als hellsichtig erwiesen, und zwar nicht auf eine Art, die sich gut anfühlt.

Ich will den „Torment Nexus“ nicht.

Was wäre, wenn wir stattdessen alle Hron aufbauen würden, aus Margaret Killjoys erfolgreichem utopischem Roman aus einer fiktiven Welt, Please Build the Country of Hron? (Na ja, eigentlich heißt er A Country of Ghosts.)


Wir rutschen immer schneller in einen Albtraum, den niemand – außer den Machthabern – will. Wir wollen keine Flock-Kameras, die jede unserer Bewegungen verfolgen. Wir wollen unser Denken nicht einer aufgeblasenen Autovervollständigung überlassen, die die Bücher dieser Welt zerstört.

Wir wollen den Klimawandel bekämpfen. Wir sehen Städte in Flammen oder unter Wasser, und manchmal sind das unsere eigenen Städte. In der vergangenen Woche wurden in Frankreich und Spanien eine Drittelmillion Menschen durch die dortigen Brände vertrieben, und entweder du oder jemand, den du kennst, hat diesen Sommer bereits miterlebt, wie das Stromnetz unter der Last von Hitzewellen und Hitzekuppeln zu kämpfen hatte.

Die Bewegung gegen Rechenzentren ist wahrscheinlich die Bewegung, die am ehesten in der Lage ist, uns über kulturelle Grenzen hinweg in diesem Land zu vereinen. Während die traditionellen Medien mit dem kometenhaften Aufstieg von Rechenzentren und KI als Infrastruktur prahlen, würden wir alle es lieber sehen, wenn diese Anstrengungen in die Nachrüstung von Wohngebäuden für Energieeffizienz, Kühlung und Rauchfilterung fließen würden. Denn „wäre es nicht toll, wenn eine Website dir ein kleines Lied vorsingen könnte“ fühlt sich im Moment viel weniger wichtig an als „Ich möchte nicht zusehen müssen, wie meine Liebsten am Rauch der Waldbrände ersticken.“

Die einzige stromfressende Infrastruktur, über die wir uns gerade Gedanken machen müssen, ist die Klimaanlage.

Dazu habe ich nicht viel zu sagen, was über eine Aneinanderreihung von Schimpfwörtern hinausgeht.

Und unsere Autos sollten uns nicht ins Gefängnis fahren. Ich wünschte, wir könnten selbstfahrende Autos haben, aber der Strafvollzugsstaat und der Kapitalismus sind der Grund, warum wir keine schönen Dinge haben können.

Ich bin nicht gegen Technologie, zumindest nicht im abstrakten Sinne. Aber Technologie ist nicht neutral; sie wird innerhalb von Gesellschaften entwickelt und umgesetzt. Die ursprünglichen Ludditen hassten nicht die Idee von Maschinen, sie hassten die Vorstellung, dass ihre Lebensgrundlage durch Maschinen zerstört wurde. Textilarbeiter hatten zuvor in Häuschen gearbeitet – einer buchstäblichen Heimindustrie –, wurden aber plötzlich zu ersetzbaren Rädchen im industriellen Getriebe der Städte. Es ist nicht so, dass alle Arbeiter ihre Jobs verloren hätten, sondern dass ihre Arbeit von der Würde des Handwerks in das Elend der industriellen Produktion abglitt.

Und heute Morgen zitierte die New York Times einen KI-Arsch, der meinte, KI werde „das Zehnfache der industriellen Revolution mit zehnfacher Geschwindigkeit“ bringen.

Nun bin ich glücklicherweise ein kleiner KI-Optimist. Das heißt, ich glaube, dass sie zusammenbrechen und scheitern wird, anstatt diese gewaltigen, weltverändernden Dinge zu vollbringen, die keiner von uns will. Wahrscheinlich wird sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Aber wenn nicht, nun, dann gibt es bereits jetzt eine Revolte, und diese Revolte wird wachsen.

Und wenn sie auf dem „Torment Nexus“ bestehen, können wir uns weigern, ihn zu bauen.

Und wenn sie ihn trotzdem bauen, können wir ihn zerstören.

Quelle: „When They Insist Upon the Torment Nexus or: your car should not drive you to jail“ von Margaret Killjoy, 29. Juli 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Operación Estrella - 30. Juli 1971: Die größte Flucht aus einem Frauenknast in der Geschichte

Die Collage zeigt die 38 Frauen, zusammengestellt aus Pass- oder Fahndungsfotos

38 Frauen des Movimiento de Liberaciön Nacional-Tupamaros (MLN-T)- aus dem Cabildo Gefängnis in Montevideo, Uruguay, brachen in der Nacht des 30. Juli 1971 aus dem FGefängnis aus. Inspiriert von der Nutzung der Kanalisation in Warschau durch den jüdischen Widerstands gegen das Nazi-Regime, entstand die Idee, für den Ausbruch das Abwassersystem Montevideos zu nutzen. Es wurden zwei Tunnel gebaut: einen vom Gefängnis bis zu den Abwasserkanälen u. einen von dort zu einem nahen Haus, das von der Gruppe gemietet worden war. Die Ausgrabung der Tunnel (jeweils 18 Meter lang, 1,20 ‚hoch und 80 cm breit) dauerte etwa fünf Monate...

1994 erschien ein Buch von Graciela Jorge Pansera im Verlagshaus Tupac Amaru Ediciones: Historia de 13 palomas y 38 estrellas: las fugas de la cárcel de mujeres ( ISBN 978-9974-41-025-1). Im Jahr 2018 veröffentlichte Josefina Licitra das Buch "38 estrellas: La mayor fuga de una cárcel de mujeres de la historia (Los Tres Mundos)".

Siehe auch: De 13 Palomas y 38 Estrellas. Die Gefängnisausbrüche der Tupamaras in den 1970er Jahren in Uruguay von Elisabeth Pütz in: Arbeitspapiere zur Lateinamerikaforschung, Ausgabe II-16

  1. Marta Teresita Avella Lucchini
  2. Susana Alberti Alé
  3. Sandra Verónica Angeleri Chamorro
  4. Noemí Lydia Alonso Firpi
  5. Alba Mabel Antúnez Nieto
  6. María del Carmen Beretta Curi
  7. Carmen Teresa Bonilla Bravo
  8. Griselda Borges Saravia
  9. Olga Cairello Pérez
  10. Cristina Cabrera Laport
  11. Águeda Susana Carli Alaniz
  12. Ana Elena Casamayou del Pino
  13. Adriana Iris Castera Morales
  14. Graciela Darré Francia
  15. Raquel Margarita Dupont Olivera
  16. Edda Fabbri
  17. Mirtha Ercilla Fernández Pucurull
  18. Myriam Raquel Fernández Márzico
  19. Santa Nélida Fontora Santos
  20. Xenia Itté González
  21. Graciela Nelly Jorge Pansera
  22. Telma Juárez Beli
  23. María Teresa Labrocca Rabellino
  24. Yessie Arlette Macchi Torres
  25. Lía Margarita Maciel Rodríguez
  26. Nora Maneiro Mancilla
  27. Edith Moraes Alves
  28. Sonia María Mosquera Villamil
  29. Virginia Amanda Oliveri González
  30. Martha Lorelley Pallas Silveira
  31. Rosa Rebollo Pereira
  32. Alicia Rey Morales
  33. Stella Myrna Saravia Rivera
  34. Stella María Sánchez Mendoza
  35. Lucía Topolansky Saavedra
  36. María Elia Topolansky Saavedra
  37. Elida Valdomir Coelho
  38. Esther Carmen Uribasterra Matas
Besten Dank an H. für Information, Bilder und Erinnerung.

Trauer und Wut nach Anschlag auf den CSD

Das Foto von © Monika von Wegerer zeigt ein buntes Pappschild mit dem Text "Love conquers all" das auf vielen Blumen und Gedenkkerzen liegt.
Foto: © Monika von Wegerer via Umbruch Bildarchiv

Mehrere Tausend Menschen versammelten sich am Sonntag auf dem Pariser Platz in Solidarität mit der queeren Community und um den Opfern und Betroffenen des Anschlags auf den CSD gemeinsam zu gedenken.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Am Rande des Christopher Street Day war am Abend zuvor ein weißer Transporter im Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau wurde dabei getötet und 29 Menschen teils schwer verletzt.

Den ganzen Tag über legten Menschen Blumen nieder, zündeten Kerzen an und umarmten sich. „In Trauer und Wut. In Solidarität. We keep on fighting, we will DANCE“ steht auf einem Schild neben Blumen und Kerzen.

Mehrere Redner*innen verurteilten scharf den vermutlich islamistischen Anschlag und dessen versuchte Vereinnahmung durch konservative und rechtsextreme Politiker*innen für eine verstärkt autoritäre, Muslim- und migrationsfeindliche Politik.

„Der Angriff auf den CSD in Berlin war kein „Angriff auf die offene Gesellschaft“, pace Söder. Es war ein Angriff auf queeres Leben, wie sie von rechten, queerfeindlichen und klerikalfaschistischen Kräften auf der Welt zunehmen…“ 

(Tadzio)


 

EINTOPF braucht eure Unterstützung!

Das SharePic für die Kampagne zeigt eine Gießkanne, die einen Blumentopf gießt. Dazu die Logos des IT Kollektivs und von Eintopf.info überlagert vom Text "Let's go, let's grow Deine Unterstützung für digitale Souveränität Klasse & Methode e.V. liebt und lebt digitale Commons*: Wir betreiben Eintopf Stuttgart und weitere kostenlose Dienste für viele lokale Gruppen. So viele, dass ein neuer Server her muss, da der alte aus allen Nähten platzt.".

Klasse & Methode - IT Kollektiv Stuttgart betreibt seit einigen Jahren den Veranstaltungskalender EINTOPF Stuttgart wo wir unabhängig von Big-Tech unsere Events veröffentlichen können. Das schafft Autonomie von der Willkür der Konzerne ob und wie viel wir auf deren Plattformen stattfinden dürfen. Auf EINTOPF wird unsere Reichweite nicht beschränkt, wenn unsere Inhalte nicht in den Algorithmus passen.

Jetzt braucht Klasse & Methode einen neuen Server, und wir möchten euch bitten die Finanzierung mit einer Spende zu unterstützten, falls ihr könnt. Alle Infos gibt’s auf der Crowdfunding-Seite.

 


 

92. Todestag von Nestor Machno

Nestor Machno, 1921 Fotograf* unbekannt
Nestor Machno, 1921 Fotograf* unbekannt

"Je mehr sich ein Mensch durch Reflexion seiner unterwürfigen Lage bewusst wird, desto empörter wird er, und desto stärker wächst in ihm der anarchistische Geist der Freiheit, der Entschlossenheit und des Handelns. Das gilt für jeden Einzelnen, ob Mann oder Frau, auch wenn er oder sie das Wort „Anarchismus“ vielleicht noch nie zuvor gehört hat..."

Nestor Machno, Der Kampf gegen den Staat und andere Aufsätze.

Am 25. Juli 1934 starb Nestor Iwanowitsch Machno, Gründungsmitglied der Revolutionären Aufstandsarmee der Ukraine während der Russischen Revolution von 1917, im Alter von 44 Jahren im Exil in Paris an Tuberkulose. Seine Miliz, die als Machnowisten bezeichnet wurde, besiegte die konterrevolutionäre Weiße Armee von General Denikin, richtete Antisemiten hin und verteilte Land und Macht an die Arbeiter und Bauern. Nachdem sie von den Bolschewiki verraten worden waren, versuchten sie anschließend, die Revolution in der Ukraine gegen die Rote Armee zu verteidigen, bis sie schließlich von einer übermächtigen Streitmacht überwältigt wurden.

Makhno nimmt in der Geschichte des Anarchismus einen besonderen Platz ein. In den Gebieten, die die Aufständischen der Anarchistischen Schwarzen Armee verteidigten, lebten von 1918 bis 1921 Millionen von Menschen in einer staatenlosen Gesellschaft. Er zeigte, wie es möglich ist, sich allen Formen von Hierarchie und Unterdrückung zu widersetzen und in einer völlig freien, kooperativen Gesellschaft zu leben.

Emma Goldman zufolge „war es Makhnos Ziel, im Süden eine libertäre Gesellschaft zu errichten, die als Vorbild für ganz Russland dienen sollte“. Interessanterweise merkte Trotzki einmal an, dass er und Lenin mit dem Gedanken gespielt hätten, Makhno zu diesem Zweck das Gebiet zu überlassen, doch das Vorhaben scheiterte, als in der Ukraine Kämpfe zwischen den anarchistischen Guerillas und den bolschewistischen Truppen ausbrachen.

•    *Es ist bemerkenswert, dass eine Reihe von Veteranen seiner Aufständischen Armee 1936 tatsächlich in die Durruti-Kolonne ging, um dort zu kämpfen. Wie passend also, dass spanische CNT-Genossen finanzielle Unterstützung leisteten, als Machno todkrank an Tuberkulose in einem Pariser Krankenhaus lag.

•    Nestor Machno – Die anarchistische Revolution:

•    Keine politischen Parteien, keine Diktaturen, kein Staat, Arbeiterräte an der Basis … Machnowia: Aufbau des Anarchismus im Bürgerkrieg. Dieses Video ist eine Geschichte des freien Gebiets in der Ukraine während des russischen Bürgerkriegs, das manchmal als Machnowia oder Machnowtschina bezeichnet wird. Es handelte sich um eine riesige anarchistische Region in der Ukraine, an der Millionen von Menschen beteiligt waren und die von der Schwarzen Armee verteidigt wurde:


Ein „Roter Schrecken“, der groß genug ist für uns alle oder: Man muss nicht mal ein „Roter“ sein, um den Faschisten Angst einzujagen

Ich glaube, die Leute missverstehen dieses berühmte Anti-Nazi-Gedicht „Zuerst kamen sie“, das auf den Schriften des konservativen lutherischen Pastors Martin Niemöller basiert. Du kennst es sicher: Zuerst kamen sie für die Kommunisten, und ich habe nichts gesagt, weil ich kein Kommunist war. Dann holten sie die Juden, die Sozialdemokraten, die Gewerkschafter. Als sie mich holten, war niemand mehr da, der seine Stimme erhob.

Ich glaube, dieses Gedicht ist vielleicht das einflussreichste Schriftstück des 20. Jahrhunderts, zumindest was seine Auswirkungen auf die Weltpolitik angeht. Wenn ich mit Leuten über antifaschistische Organisation spreche und sage: „Du weißt schon, das Gedicht“, wissen die Leute, welches Gedicht ich meine. Als ich nach Minneapolis fuhr und mit unpolitischen Großmüttern sprach, die draußen in der kältesten Witterung standen, die ich je in meinem Leben erlebt habe, haben sie sich auf dieses Gedicht bezogen.

Dieses Gedicht ist die klarste, prägnanteste Beschreibung der Notwendigkeit von Solidarität unter den Menschen angesichts des Faschismus, die ich je gelesen habe. Und die Tatsache, dass die Menschen es gelesen und seine Lehre verinnerlicht haben, könnte durchaus der Grund sein, warum die Menschen in den Vereinigten Staaten gerade jetzt so hart gegen den Faschismus kämpfen.

Falls du es noch nicht gelesen hast: Die vielleicht älteste Version des Gedichts, übersetzt aus dem Deutschen, lautet:

»Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«

Mir gefällt diese ursprüngliche Formulierung ein bisschen besser als die anderen, die ich gesehen habe, weil da nicht „Zuerst holten sie …“ steht, sondern einfach nur „Sie holten …“. Wir haben ein Problem auf der Linken, wo wir alle versuchen, die „Unterdrückungs-Olympiade“ zu spielen, bei der wir alle darum wetteifern, die Am-stärksten-Unterdrückten zu sein und daher die Am-stärksten-Stimme zu haben. („Unterdrückungs-Olympiade“ ist ein Begriff, den die Feministin Elizabeth Martínez 1993 im Gespräch mit Angela Davis geprägt hat. Es ist kein neumodischer Versuch, Identitätspolitik abzutun, sondern vielmehr eine Erinnerung daran, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass unsere vielfältigen und unterschiedlichen Identitäten eine Quelle der Solidarität sein sollten, nicht des Wettbewerbs.)

Nun ist bekannt und wichtig, dass die Nazis Menschen sowohl aufgrund ihrer Identität (wie ethnische Zugehörigkeit, Religion, Behinderung und Sexualität) als auch aufgrund ihrer Ideologie (Anarchisten, Kommunisten und Sozialdemokraten – die drei Gruppen, aus denen sich die traditionelle Linke zusammensetzt) verhaftet und getötet haben.

Die modernen Faschisten sind da nicht anders. Ihre ersten Ziele (da sage ich schon wieder „erste“) waren Einwanderer und Trans-Menschen – bequeme Sündenböcke für alle Probleme der Gesellschaft –, obwohl sie natürlich darauf aus sind, alle marginalisierten Menschen aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.

Doch in den letzten Monaten haben die Rhetorik und die strafrechtlichen Verfolgungen von Menschen aufgrund ihrer Ideologie stark zugenommen. In diesem Land herrscht eine neue „Rote Angst“.

Und in letzter Zeit streiten sich die Leute in meinen sozialen Medien darüber, wer behaupten darf, das Ziel zu sein. Sind es die Anarchisten, die von Trump und seinen Verbündeten ständig als „Buhmänner“ (und „Buhfrauen“ und „Buh-was-auch-immer“) bezeichnet werden? Wir gehören sicherlich dazu – der „Prairieland“-Verschwörungsfall dreht sich um einen anarchistischen Buchclub. In der Anklageschrift gegen die „DAMN 15“-Angeklagten in Minnesota wird immer wieder behauptet, dass sich die Angeklagten öffentlich als Anarchisten zu erkennen gegeben hätten.

Sind es die Sozialdemokraten? Der neue Bericht des Außenministeriums über den Feind im Inneren behauptet, dass die Democratic Socialists of America (die DSA, die eine Wahl nach der anderen gewinnen) Marionetten Kubas seien.

Sind es die Kommunisten? Trump hat gerade eine Rede gehalten, in der er die DSA als Kommunisten verurteilte und behauptete, sie seien gar keine richtigen Sozialisten. Er kennt sich nämlich mit Sozialisten aus, und diese hier sind es nicht. Sie sind Kommunisten, so seine Worte. Und der amerikanische Millionär und Kommunist Fergie Chambers wurde gerade in Spanien verhaftet, um möglicherweise an die USA ausgeliefert zu werden – ihm wird vorgeworfen, die Hamas finanziert zu haben.

Oder zielt Trump einfach auf die Demokratische Partei ab, einschließlich derselben Establishment-Demokraten, über die ich mich selbst gerne beschwere – jene, die den Kapitalismus von ganzem Herzen bejahen und den Völkermord in Gaza militärisch unterstützen?

Die Antwort lautet: Ja. Es ist all das. Die neue „Rote Angst“ richtet sich nicht gegen eine dieser Gruppen, sondern gegen alle. Gegen uns alle.

Und wir sollten uns entsprechend verhalten.


Was „die Linke“ ausmacht, ist etwas diffus, und die Begrifflichkeit verschiebt sich je nach Zeit und Ort. Aber um es grob zu sagen, kannst du uns so verstehen:

Der weitest gefasste Begriff (neben „die Linke“) ist, dass wir alle als Sozialisten bezeichnet werden können. Sozialisten sind gegen den Kapitalismus. Das heißt, wir sind gegen ein bestimmtes politisches System, das es Menschen ermöglicht, Reichtum durch ihren Reichtum statt durch ihre Arbeit anzuhäufen. Indem wir Privatpersonen erlauben, riesige Fabriken zu besitzen, die Hunderte oder Tausende von Arbeitern beschäftigen, schaffen wir eine Gesellschaft, in der der Reichtum nach oben fließt (und – was wichtig ist – jeder Arbeitsplatz wie eine Tyrannei geführt wird).

Historisch gesehen gibt es drei große Strömungen innerhalb des Sozialismus. Manchmal haben sich diese Strömungen verbündet, manchmal haben sie sich bekämpft. Und verwirrenderweise wird eine dieser Strömungen meist einfach als „die Sozialisten“ bezeichnet.

Diese Strömungen sind die Anarchisten, die demokratischen Sozialisten („Sozialisten“ in den USA) und die Staatskommunisten (die meist als „Kommunisten“ mit großem K bezeichnet werden, um sie vom „Kommunismus“ zu unterscheiden, der keine Beschreibung des Revolutionsprozesses, sondern einer postrevolutionären Gesellschaft ist). Diese Gruppen unterscheiden sich etwas in ihren Zielen, aber stark in ihren Methoden.

Stell dir vor, sie stünden in einem Dreieck, nicht auf einer Linie. Hier habe ich dir eine kleine Übersicht erstellt:

Das Dreieck zeigt die Sozialisten ander Spitze, die Kommunisten an der rechten unteren und die Anarchisten an der linken unteren Spitze. Zwischen Sozialisten und Anarchisten steht die partizipative Entscheidungsfindung, der gegenüber zwischen Sozialisten und Kommunisten die Staatsmacht steht. Zwischen Anarchisten und Kommunisten steht die Revolution

Sowohl die Anarchisten als auch die Kommunisten vertreten „revolutionäre“ Ideologien, die davon ausgehen, dass, anstatt den bestehenden Apparat des kapitalistischen Staates zu nutzen, ein neues System aufgebaut und das alte System gestürzt oder überflüssig gemacht werden muss. Demokratische Sozialisten hingegen glauben daran, bestehende demokratische Systeme zu nutzen, um diese Ziele zu erreichen.

Sowohl die Anarchisten als auch die demokratischen Sozialisten sind im weitesten Sinne „demokratisch“ und glauben an partizipative Entscheidungsfindung. Beide Gruppen sind der Ansicht, dass die Macht beim Volk selbst verbleiben muss. Im Gegensatz dazu glauben Kommunisten an die Schaffung eines zentralistisch geplanten Staates, der von einer Einzelperson oder einer kleinen Gruppe von Personen geführt wird.

Sowohl die Kommunisten als auch die demokratischen Sozialisten glauben an den Einsatz staatlicher Macht, indem es eine konkret definierte Institution gibt, die die Region regiert und das Monopol auf die legitime Anwendung von Gewalt beansprucht. Anarchisten hingegen glauben, dass Macht nur zwischen lokalen Gruppen verteilt sein sollte … sodass wichtige Entscheidungen weiterhin getroffen werden können und Organisation auch weiterhin in großem Maßstab stattfindet, jedoch ohne starke Zwangsgewalt.

Neben diesen gibt es noch viele weitere Gruppen. Viele Marxisten und Kommunisten würden sich selbst nicht als Kommunisten bezeichnen. Es gibt auch modernere Ideen wie den demokratischen Konföderalismus, der Ansätze aus allen Ecken des Dreiecks und aus indigenen kurdischen Praktiken aufgreift. Auch der Zapatismus steht außerhalb (oder vielleicht auch innerhalb) dieses Dreiecks.

Obwohl das Gleichgewicht zwischen diesen drei historischen Gruppen von Land zu Land und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterschiedlich war, war die anarchistische Bewegung im Allgemeinen die stärkste revolutionäre Kraft auf der Linken, bis die Bolschewiki (die ursprünglichen Kommunisten mit großem K) während der Russischen Revolution die Macht übernahmen, indem sie die Anarchisten als Stoßtruppen gegen die Sozialdemokraten einsetzten und sich dann umdrehten, um die nützlichen Idioten unter den Anarchisten zu verraten und zu töten. Sobald es ein kommunistisches Land gab und die UdSSR kontrollierte, wie sie international dargestellt wurde, finanzierte sie die kommunistische Linke auf der ganzen Welt. Während des Kalten Krieges schlossen sich die Sozialdemokraten weitgehend den kapitalistischen Nationen an (zumindest war das in Skandinavien der Fall).

Erst als die Bolschewiki die Macht übernahmen, wurde die rote Fahne zum unverwechselbaren Symbol der Kommunisten, und tatsächlich begann das Wort „Kommunist“ auch, „Kommunist“ zu bedeuten. Das war auch der Zeitpunkt (soweit ich das beurteilen kann … ich lese schon seit Jahren darüber, habe aber noch Jahre des Lesens vor mir), an dem die drei großen Strömungen der Linken wirklich begannen, sich gegenseitig zu bekämpfen.

Der erste „Rote Schrecken“ in Amerika, von 1917 bis 1920, richtete sich gegen die gesamte Linke, insbesondere gegen die aus Russland eingewanderten Linken, die überwiegend anarchistisch waren. Der erste „Rote Schrecken“ war so etwas wie der Erste Weltkrieg … damals war es eine riesige Sache, aber er wurde von dem überlagert, der danach kam.

Die zweite „Rote Angst“ dauerte länger, nämlich die 1940er und 1950er Jahre, und hinterließ tiefere Narben. Sie richtete sich vordergründig gegen Kommunisten als eigenständige Gruppe, da die UdSSR die Komintern, die Kommunistische Internationale, leitete, die die Aktivitäten kommunistischer Gruppen auf der ganzen Welt koordinierte. Aber natürlich beschränkte sich die „Rote Angst“ nicht nur auf Amerikas direkten und buchstäblichen politischen Feind, und Sozialisten, Anarchisten und generell einfach jeder, der vom amerikanischen Kapitalismus nicht begeistert war, geriet in ihren Sog. Der Anarchist Charlie Chaplin, zu seiner Zeit der berühmteste Komiker der Welt, wurde 1952 bei seiner Ausreise gewarnt, dass er möglicherweise nicht mehr zurückkehren dürfe. Er blieb zwanzig Jahre lang im Exil. Alan Lomax, der linksgerichtete – aber nicht der Kommunistischen Partei angehörende – Volksmusik-Forscher, der die Quelle praktisch jedes Stücks amerikanischer Volkskultur ist, das wir noch haben, floh 1950 für acht Jahre. (Ich will diese beiden nicht gezielt herausgreifen, es sind einfach Leute, mit denen ich mich für meine Arbeit beschäftigt habe, daher weiß ich mehr über sie.)

Und natürlich hat das Außenministerium letzte Woche, im Jahr 2026, neue Visabeschränkungen gegen die „extreme Linke“ angekündigt.

Das ist der Kontext, den ich dir zum Thema „Rote Angst“ bieten kann. Ich habe versucht, das objektiv zu schreiben, aber du solltest wissen, dass ich als Anarchist voreingenommen bin und glaube, dass die Welt ein besserer Ort gewesen wäre, wenn Anarchisten den Sozialdemokraten mehr und den Kommunisten weniger vertraut hätten.


Ich glaube nicht, dass „Anarchisten“ oder „Antifa“ (die traditionell ein nicht-ideologischer und unorganisierter Zusammenschluss vor allem aus Anarchisten und Kommunisten ist, aber auch jeden umfasst, der bereit ist, direkte Aktionen gegen den Faschismus zu ergreifen) wirklich das eigentliche Ziel dieser neuen „Roten Angst“ sind. Ich glaube auch nicht, dass es die Kommunisten sind. Die DSA könnte dem noch am nächsten kommen, weil sie über Wahlmacht verfügt. Ich glaube – ironischerweise –, dass die neue „Rote Angst“ darauf abzielt, die Wahlmacht der Demokratischen Partei zu untergraben.

Sie verhaften hauptsächlich Anarchisten, weil wir unter den Leuten, die direkt gegen den Faschismus vorgehen, überrepräsentiert sind. Sie können uns verhaften, um zu sagen: „Seht ihr? Hier gibt es Terroristen!“

Aber sie haben von Anfang an offen zugegeben, dass sie vor allem daran interessiert sind, die Leute ins Visier zu nehmen, die den Antifaschismus „finanzieren“. Das kommt jedem echten Antifaschisten völlig lächerlich vor – wir finanzieren uns durch eine Mischung aus Jobs der Arbeiterklasse und der kriminellen Szene, von Tech-Jobs über Pizzabacken und Saisonarbeit bis hin zu Krankenhauspersonal, Schriftstellern, Sexarbeit und Kleinkriminalität.

(Ich werde bis zum bitteren Ende dafür kämpfen, dass „Arbeiterklasse“ bedeutet, dass man seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, anstatt sein Geld durch Kapitalbesitz zu verdienen – egal, ob man gut oder miserabel bezahlt wird. Die meisten gegenteiligen Argumente dienen nur dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und die Mittelschicht davon zu überzeugen, dass sie mehr mit unseren gemeinsamen Unterdrückern gemeinsam hat.)

Sie nehmen „unsere“ Finanzierung ins Visier, weil sie große, liberale Institutionen ins Visier nehmen wollen. Sie wollen die Macht der Mitte zerschlagen. Sie wollen, dass es nie wieder Wahlen gibt. Sie nehmen die Demokraten ins Visier, indem sie sie als „uns“ bezeichnen.

Das heißt nicht, dass sie nicht hinter uns her sind. Das sind sie. Wir sind Kollateralschaden, und wir sind nicht sicher.

In den letzten etwa zehn Jahren meines Lebens bestand mein Hauptbeitrag zur „Bewegung“ darin, zu sprechen und zu schreiben – also Dinge, die völlig legal sind. Der Großteil meiner organisatorischen Arbeit dreht sich um Vorsorge und gegenseitige Hilfe. Ich halte mich mehr an die Gesetze als die meisten Nicht-Anarchisten, die ich kenne, weil ich in meinem Leben schon genug mit der Polizei zu tun hatte. Ich war eine ganze Weile vor Repression „sicher“, weil meine Arbeit fest unter dem Schutz des ersten Verfassungszusatzes steht.

Diese Arbeit ist nicht mehr sicher.

Ich nehme mich nur als Beispiel, nicht weil ich mir um mich selbst mehr Sorgen mache als um andere. Ich mache mir Sorgen um die Leute von Prairieland, die den Großteil ihres Lebens im Gefängnis verbringen werden, wenn wir nicht klarstellen, dass ihre Freilassung das absolute Minimum für jede neue Regierung ist. Ich mache mir Sorgen um die DAMN 15 in Minnesota, deren Anklagepunkte darauf hinauslaufen, „Anarchisten zu sein oder mit Anarchisten zusammenzuarbeiten und einen Blockade-Protest zu organisieren, bei dem weder Polizisten noch ICE-Beamte verletzt wurden“.

Ich mache mir Sorgen um die pro-palästinensischen Aktivisten, die wegen materieller Unterstützung ausländischer terroristischer Organisationen angeklagt werden, nur weil sie sich gegen Völkermord ausgesprochen und Spenden für dessen Opfer gesammelt haben.

Und ich will meine Zeit wirklich nicht damit verschwenden, darüber zu streiten, wer die Ehre verdient, die Opfer des neuen „Roten Schreckens“ zu sein. Ich bin so sektiererisch wie nur irgend möglich, wenn es darum geht, den autoritären Kommunismus zu hassen und die etablierten Demokraten zu verachten (die sich beeilen, die DSA vor den Bus zu werfen und die „gute Opposition“ zu spielen), aber … sie haben es auf uns alle abgesehen.

Als dieses Gedicht, das berühmte Gedicht, in den 1950er Jahren zum ersten Mal die Runde machte, erfuhren manche Leute, dass sein Autor einst ein Konservativer und Antisemit gewesen war und sogar eine Zeit lang die Nazis unterstützt hatte, bevor er acht Jahre in Nazi-Gefangenenlagern verbrachte – und deshalb wollten sie die Verbreitung des Gedichts unterbinden. Aber für mich macht das das Gedicht erst recht wichtiger. Es fordert dich nicht auf, dich für Leute einzusetzen, die du magst. Es fordert uns auf, für Menschen zu kämpfen, die wir nicht einmal ausstehen können.

Denn wir haben die Wahl: Entweder haben wir eine Gesellschaft, in der wir unterschiedlich sein dürfen, oder eben nicht. Und in einer solchen Gesellschaft werden viele von uns tot sein.

Also sollten wir uns besser für jeden von uns einsetzen. Wir sollten uns besser für Menschen einsetzen, die wir nicht einmal mögen.

Denn wir haben das Gedicht gelesen und wir haben die Geschichte gesehen.

 

Quelle: „A Red Scare Big Enough For All of Us or: you don't even have to be a red to scare the fascists“ von Margaret Killjoy, 22. Juli 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

25. Jahrestag des Mordes an Carlo Giuliani: Was geschah wirklich am Piazza Alimonda - Quale verita' per piazza Alimonda?

Carlo Giuliani

Am 20. Juli 2001 starteten die Carabinieri und weitere Ordnungskräfte während der Demonstrationen gegen den G8 Gipfel in Genua 2001 eine Reihe von Attacken, die mit dem Angriff auf den genehmigten Demonstrationszug in der Via Tolemaide endeten.

Die letztere Attacke schnitt den 15.000 DemonstrantInnen jeden Fluchtweg ab. Dies war der Beginn der Ereignisse auf der Piazza Alimonda, die zum Mord an Carlo Giuliani führten und zum Beispiel auch in der Dokumentation "Gipfelstürmer - die blutigen Tage von Genua" behandelt werden. Offen sind immer noch folgende Fragen:

• Ist es möglich, dass ausgebildete Soldaten, auch wenn sie in Panik geraten sind, in das Gesicht eines Jungen zielen, der sich in 4 Metern Entfernung befindet, ihn danach zweimal überfahren und dann innerhalb von nur 7 Sekunden verschwinden?

• Kann ein Müllcontainer einen Defender blockieren?

• Warum greifen die Kollegen, die sich in einer Entfernung von etwa 20 Metern befinden, erst ein, nachdem sich die Tragödie bereits ereignet hat?

• Der Feuerlöscher: Waffe oder Schutzschild?

• Warum bleibt die Waffe auch als die Gefahr bereits vorbei war, auf die DemonstrantInnen gerichtet?

• Weshalb wurde der erste Schuss nicht in die Luft abgegeben?

• Warum tauchen erst nach 6 Monaten vorher verschwundene Patronenhülsen und Pistolen auf?

Giuliano Giuliani ist der Vater von Carlo. Er rekonstruiert in der Dokumentation die letzten Minuten des Geschehens und widerlegt die offizielle Darstellung der Staatsanwaltschaft anhand von Fotos und Videosequenzen, die in dem Ermittlungsverfahren gegen den vermeintlichen Schützen verwendet wurden. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt, der angebliche Todesschütze wegen Notwehr freigesprochen.

Der Film ist aber nicht nur der Versuch einer detaillierten Rekonstruktion der Todesumstände seines Sohnes. Er ist gleichzeitigcarlo giuliani,g8,g8 gipfel,genua,mord,politische rechte eine Anklage gegen Polizei und Justiz, die mit allen Mitteln versucht haben, die Sicherheitskräfte von jeder Verantwortung für Carlos Tod freizusprechen.

Deutschsprachige Version:


Stuttgart: „Schulter an Schulter gegen rechte Gewalt“

Vergangenen Samstag demonstrierten Mitglieder der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen Union (FAU) zusammen mit dem Bündnis Stuttgart gegen Rechts mit über 200 Menschen gegen rechte Gewalt in Stuttgart-Nord.

Es gab einen ernsten Anlass für diese Demonstration:

Das Foto zeigt das Fronttransparent der Demo mit dem Text "Reiht Euch ein: Schulter an Schulter gegen rechte Gewalt", dahinter ein Hochtransparent mit dem Text "Ein Angrifff auf eine*n ist ein Angriff auf alle!" - jeweils von der FAU" w
Foto: AIS

Im April 2026 wurde unser Kollege, ein Gewerkschafter der FAU, hier in Stuttgart-Nord von Rechtsextremen mit einem Springmesser angegriffen und durch mehrere Stiche in den Brustkorb lebensgefährlich verletzt. Er schaffte es den Notruf abzusetzen und überlebte Dank einer Notoperation.

Seit unser betroffener Kollege diese Tat überlebte, stehen wir an seiner Seite. Denn Solidarität ist für uns als FAU keine kurze Pressemitteilung, die damit beginnt und auch gleich wieder endet. Solidarität ist für uns sehr konkret: Wir lassen unseren Kollegen nicht allein – nicht mit Angst und Wut, nicht auf der Demo, nicht mit der Rechnung vom Krankenhaus, nicht im Gerichtsverfahren, nicht in dem langen Danach, wenn die Kameras wieder weg sind.

Am Samstag demonstrierten wir mit dem Betroffenen und folgten seinem Appell an uns und unsere Mitmenschen: „Ich lasse mich nicht einschüchtern! Lasst Ihr Euch auch nicht einschüchtern! Im Gegenteil: Jetzt erst recht! Also schließen wir uns zusammen, stärken unseren Mut und gehen auf die Straße um noch viel mehr Menschen zu erreichen. Die Leute müssen mitkriegen, was hier passiert. Wir zeigen allen, dass wir uns jedem menschenverachtenden Hass entgegenstellen!“

Die Route unserer Demonstration verlief gezielt durch den Stadtteil, in dem die Gewalttat stattfand. Denn die Anwohner*innen müssen wissen, was sich ein paar Straßen weiter, kurz vor ihrer Haustür, zuträgt.

Redebeiträge lieferten die FAU Stuttgart, die Migrantifa, ein zweiter Überlebender rechter Gewalt, das Kulturzentrum Prisma und das Antifaschistische Aktionsbündnis Stuttgart. Sie alle machten trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte klar:

Rechte Gewalt ist eine reale Bedrohung für alle Menschen, die nicht in das Weltbild der Faschisten passen. Dieser Angriff war kein Einzelfall und keine zufällige Gewalttat. Er steht für eine Entwicklung, der wir uns entgegenstellen müssen. Rechte Gewalt wird sichtbarer, organisierter und selbstbewusster – auch hier in Stuttgart.

Dieser Mordanschlag richtete sich gegen einen von uns. Getroffen hat es ihn, doch gemeint sind wir alle und das, wofür wir eintreten: Eine solidarische Gesellschaft und ein gutes Leben für ALLE. Die Faschisten lieben den Tod. Wir lieben das Leben. Und wir bekämpfen die, die es uns nehmen wollen. Deswegen greifen sie uns an.

Hier ein Auszug unserer Auftaktrede:

„Wer Faschisten zuhört, weiß, wovon sie träumen. Sie träumen von einem Land, das „gereinigt" werden muss. Sie erzählen sich, alles sei verrottet, zersetzt, dem Untergang geweiht – und nur sie könnten es retten, durch einen großen Kehraus, durch eine Wiedergeburt des Volkes. Und in diesem Traum ist Gewalt kein Ausrutscher. Sie ist der Plan. Wer nicht ins Bild passt, soll nicht überzeugt werden. Wer nicht ins Bild passt, soll weg. Deshalb war der Messerangriff keine Entgleisung. Es war genau das, wovon sie träumen – nur eben ausgeführt. Denn wer glaubt, es gebe Menschen erster und zweiter Klasse – und welche, die gar nicht zu ihrer imaginierten Volksgemeinschaft dazugehören –, der wird das am Ende mit Gewalt durchsetzen. Argumente haben sie keine. Eine Ideologie der Ungleichheit trägt die Gewalt in sich wie die Wolke den Regen.

Und es ist kein Zufall, wen es getroffen hat. Überall, wo Faschisten je an die Macht kamen, gehörten die Gewerkschaftshäuser zu den ersten Adressen, die sie stürmten. Warum eigentlich? Weil wir das Gegenteil von ihnen sind. Sie sortieren Menschen nach Herkunft, nach Pass, nach Stammbaum. Wir kennen nur eine Frage: Stehst du neben mir, wenn's drauf ankommt? Bei uns steht die Kollegin aus Zuffenhausen neben dem Kollegen aus Ankara, und beide haben denselben Chef und dieselben
Interessen. Das ist Solidarität. Und Solidarität ist die lebende Widerlegung von allem, woran Faschisten glauben. Deshalb hassen sie uns. Deshalb hassen sie Gewerkschaften, seit es Gewerkschaften gibt.

Die beiden, die zugestochen haben, sind 19 und 21 Jahre alt. Solche Leute fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen mitten aus dieser Gesellschaft heraus. Aus einer Ellenbogengesellschaft, die uns jeden Tag beibringt, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Die Abstiegsangst produziert wie am Fließband. Und wo Angst ist und keine Solidarität, da fangen Menschen an, nach unten zu treten statt nach oben zu kämpfen. Genau da fischen die Faschisten. Sie nehmen die Wut über echte Zustände - und lenken sie auf die Falschen: auf queere Menschen, auf migrantische Menschen, auf jüdische Menschen, auf alle, die beweisen, dass die Welt eben mehr ist als Volk, Scholle und Stammbaum – dass man auch ganz anders leben kann, und zwar gut. Wenn heute wieder offener gehetzt wird, in Parlamenten, in Talkshows, in den Kommentarspalten – dann werden da die Sätze vorformuliert, die nachts auf der Straße mit dem Messer zu Ende geschrieben werden. Wer das Klima sät, braucht sich über die Taten nicht zu wundern. (...)“

Diesem Hass können wir uns nur gemeinsam entgegenstellen.

Ein Angriff auf eine*n von uns ist ein Angriff auf uns alle. Das war immer die Antwort der Arbeiter*innenbewegung, das ist sie heute und die wird sie auch bleiben.

Wir werten die Demonstration als Erfolg. All die Menschen, die trotz Urlaubssaison dem Aufruf nachgekommen sind, die Solidarität der FAU-Syndikate aus anderen Städten, ihre Grußworte, ihr Besuch auf der Demo, der strömungsübergreifende Zusammenschluss mit Stuttgart gegen Rechts – das gibt uns Stärke und Hoffnung.

Danke an alle, die dabei waren!

Und weil wir wissen, dass wir noch viel mehr werden müssen und es noch viel viel mehr Antifaschist*innen da draußen gibt:

Redet mit euren Kolleg*innen auf der Arbeit, den Leuten in eurer Nachbarschaft, eurem Verein und eurem Wohnhaus, mit eurer Familie und mit Freund*innen.

Organisiert Euch! Tretet einer Gewerkschaft bei, engagiert Euch in politischen Gruppen und Organisationen, werdet aktiv in coolen Vereinen.

Wir hören und sehen uns.

Passt aufeinander auf. Und vor allem: Lasst niemanden allein.

Denn: Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust.

Quelle: FAU Stuttgart


 

"...I piss down the throats of these Nazis."

A black and white photo of Hunter S. Thompson wearing glasses, a white hat, and a patterned jacket. He is sitting in a chair with one hand on his chin, appearing thoughtful. A glass of drink and a small dish are on the table in front.
Hunter S. Thompson (1971)
“Who does vote for these dishonest shit-heads? Who among us can be happy and proud of having all this innocent blood on our hands? Who are these swine? These flag-sucking half-wits who get fleeced and fooled by stupid little rich kids like George Bush? They are the same ones who wanted to have Muhammad Ali locked up for refusing to kill gooks. They speak for all that is cruel and stupid and vicious in the American character. They are the racists and hate mongers among us - they are the Ku Klux Klan. I piss down the throats of these Nazis. And I am too old to worry about whether they like it or not. Fuck them.”

Hunter S. Thompson, Gonzo Doktor of Journalism, freak power sheriff, counter-culture anti-hero, born 18th July 1939.


 

Die Arbeiter und die Gräber der Toten aus alter Zeit oder: 3000 Jahre alte Streiks und was es bedeutet, frei zu sein

In meinem Traum letzte Nacht war ich in einem Horror-Western, in dem ich ein Gesetzloser war, der zufällig auf eine verlassene Goldmine stieß. Ein paar Goldsucher kamen vorbei und wir versuchten, miteinander auszukommen, aber es war ein harter Winter und sie hatten vor, uns zu verspeisen – sie hatten ein Feuer in einer Grube entfacht, um uns lebendig hineinzulassen.

Ich habe mir im Schlaf versehentlich fest auf die Zunge gebissen und bin in einer besseren Welt als dieser aufgewacht. In meinem echten Leben gehen die Leute, die mich und meine Freunde umbringen wollen, um Reichtum anzuhäufen, subtiler vor – oder zumindest habe ich mehr Freunde, die an meiner Seite kämpfen. Im echten Leben bin ich ein bisschen freier.

Das Foto von Olaf Tausch zeigt die Ruinen der Arbeitersiedlung von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten
Arbeitersiedlung von Deir el-Medina („Kloster der Stadt“), altägyptisch Set Maat („Platz der Wahrheit“), in Theben-West bei Luxor, Ägypten

Foto: Olaf Tausch

Lizenz: CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Freiheit existiert auf einem Spektrum. Sie ist keine binäre Angelegenheit.


Letzte Woche habe ich mich mit dem ersten bekannten Streik der Geschichte beschäftigt. Die Grabbauer, die in einer Stadt namens Deir el-Medina in Ägypten lebten, traten am 14. November 1152 v. Chr. in den Streik. Vor dreitausendeinhundertachtundsiebzig Jahren. Und ihr Streik sah unseren heutigen sehr ähnlich. Sie legten ihre Werkzeuge nieder und veranstalteten Sitzstreiks, sie blockierten Straßen, sie marschierten, sie betrieben Sabotage am Arbeitsplatz. Sie schrieben Briefe an die Behörden, in denen sie eine Behebung ihrer Missstände forderten. Sie stahlen von der Arbeit. Sie taten alles, was wir heute tun.

Wir wissen von dem Streik in Deir el-Medina, weil es dort Schreiber gab, die die Anwesenheit der Arbeiter protokollierten. Zu den frühesten Schriftstücken der Geschichte gehörten Arbeitszeitnachweise für Arbeiter; daher wissen wir, dass Arbeiter wegen Skorpionstichen und Gliederschmerzen der Arbeit fernblieben, und wir wissen, dass Arbeiter der Arbeit fernblieben, weil sie keine Lust hatten zu gehen oder an diesem Tag lieber Dinge für ihre Familien bauen wollten statt für die Pharaonen.

Ich bin mit der festen Überzeugung aufgewachsen, dass die Menschen, die die Pyramiden bauten, versklavt waren, aber das stimmt nicht. Selbst über die rund dreitausendjährige Geschichte des „alten“ Ägyptens hinweg haben wir keine Beweise dafür, dass irgendeiner der Arbeiter, die Gräber für die Pharaonen bauten, versklavt war. Wir wissen, dass die späteren Arbeiter, wie die streikenden Arbeiter von Deir el-Medina, Lohnarbeiter waren, und wir wissen, dass die Pyramiden (tausend Jahre zuvor) von einer Mischung aus qualifizierten Lohnarbeitern und wechselnden Fronarbeitern erbaut wurden. Diese Arbeiter wurden mit Respekt behandelt, arbeiteten hart, starben jung und wurden mit mehr Würde und Grabbeigaben bestattet als andere ihrer sozialen Schicht. Fronarbeit ist Arbeit als Steuer, und in weiten Teilen der antiken Welt wurde die Infrastruktur von Bürgern und Einwohnern errichtet, die im Rahmen ihrer Steuern Arbeit für den Staat verrichteten.

Diese Arbeit wird selten als „Zwangsarbeit“ bezeichnet, obwohl sie erzwungen wurde.

Auch Lohnarbeit wird selten als Zwangsarbeit bezeichnet. Obwohl ich beim Lesen immer wieder auf Kolonialherrscher stoße, die „Grundsteuern“ für ihre Untertanen einführten, um Subsistenzbauern in den Arbeitsmarkt zu drängen. Das wurde besonders im Industriezeitalter üblich, als Herrscher (ob demokratisch oder nicht) wollten, dass mehr Menschen in Städten lebten und in Fabriken arbeiteten. Grundsteuern wurden auf winzige Landbesitze erhoben, damit die Menschen nicht außerhalb der Marktwirtschaft existieren konnten.


Im alten Ägypten gab es Sklaverei. Sie war bei weitem nicht so ausgeprägt wie im antiken Griechenland oder vor allem im antiken Rom (das eine Sklavengesellschaft war, die die Welt größtenteils eroberte, um mehr Menschen zu versklaven und so die Wirtschaft im kolonialen Kern anzukurbeln), aber es gab im alten Ägypten Menschen, die andere Menschen besaßen. Wenn es Menschen gibt, die regelrecht als Eigentum betrachtet werden, fällt es leicht, Fronarbeit im Vergleich dazu als „frei“ oder sogar „freiwillig“ anzusehen. Die Bauarbeiter in Deir el-Medina waren natürlich noch freier.

In mancher Hinsicht scheinen sie freier zu sein als wir heute. Ich kenne nicht viele Leute, die sich von der Arbeit freistellen lassen können, weil sie lieber etwas anderes machen würden.

Aber was wir als ihren „Lohn“ bezeichnen, lässt sich vielleicht besser als „Rationen“ verstehen. Das war Hunderte von Jahren vor dem Aufkommen des Geldes, und die Arbeiter wurden mit Getreide, Gemüse und Fisch bezahlt. Sie wurden mit Ton für ihre Töpfe und Öl für ihre Lampen bezahlt. Sie wurden mit dem Nötigsten zum Leben bezahlt. Die meisten von ihnen hatten Nebenjobs und stellten Grabbeigaben her, um sie nebenbei im nahegelegenen Theben (nicht das griechische Theben, sondern das ägyptische) zu verkaufen.

Sie streikten nur als Reaktion auf Lohndiebstahl – ein Verbrechen, das heute nur allzu häufig vorkommt.

Auf seltsame Weise fühlt es sich fast ehrlicher an, mit Rationen bezahlt zu werden. Das waren einige der bestbezahlten und angesehensten Facharbeiter ihrer Zeit – jene, denen man anvertraute, (im Fließbandstil) die Gräber der mächtigsten Herrscher des Landes zu errichten, zu schmücken und auszustatten. Und sie wurden so bezahlt: „Ihr habt das, was ihr zum Überleben braucht.“

Heutzutage kämpfen die Menschen mit allen Mitteln um einen existenzsichernden Lohn, um einen Geldbetrag, der verhindert, dass man untergeht. Die meisten Menschen „kommen nicht voran“. Die meisten Menschen „bauen keinen Reichtum auf“ – außer vielleicht für den Ruhestand, um die Mittel zu haben, weiterzuleben, wenn ihr Körper die Arbeit nicht mehr mitmacht. Die meisten Menschen versuchen, ihre Schulden abzubezahlen. Die Ärmsten leben auf der Straße. Die Glücklicheren wohnen in Häusern, die Vermietern gehören. Noch glücklicher bist du, wenn dein Haus der Bank gehört, bis du kurz vor dem Ruhestand stehst. Ein Haus, das dir vollständig gehört, gilt als Zeichen unglaublichen Reichtums. Der Ort, an dem du lebst, gehört dir. Das sollte keine so hohe Hürde sein.

Ich bin überzeugt, dass die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit fließender und vager ist, als wir denken. Im alten Ägypten verkauften sich manche Menschen (und, da es sich um ein vererbbares Merkmal handelte, auch ihre Kinder) in die Sklaverei, um erdrückende Armut zu vermeiden. Ich habe gelesen, dass dies auch im antiken Griechenland geschah, und meist wird es als eine fast herzerwärmende Praxis dargestellt. Schließlich konnte die griechische Sklaverei nicht so schlimm sein, wenn sich die Menschen aus freiem Willen dafür entschieden haben – so lautet der Subtext. In den apologetischsten Texten wird es fast wie ein unbezahltes Praktikum dargestellt. Es stimmt, dass es manchmal, an manchen Orten, ein Weg zu einer begrenzten sozialen Mobilität war, sich in die Sklaverei zu verkaufen.

Im extremsten Fall, von dem ich gelesen habe, scheint es, als hätten Menschen im alten Ägypten manchmal eine monatliche Gebühr gezahlt, um als Tempelsklaven aufgenommen zu werden – vermutlich gingen sie einem Zweitjob nach, um sich die Möglichkeit zu erkaufen, unbezahlt und unfrei für diesen oder jenen Tempel zu arbeiten. Wahrscheinlich taten sie dies, um „freiwillige“ Fronarbeit zu vermeiden, die noch gefährlicher und elender war.

In Amerika natürlich arbeiten die Menschen von Job zu Job, um nicht in eine Verzweiflung zu geraten, die zu einem Leben in Kriminalität führen könnte, und wir haben sogar einen ganzen Zusatzartikel in unserer Verfassung, der es ausdrücklich erlaubt, Menschen, die bei einer Straftat erwischt werden, zu unbezahlter Arbeit zu zwingen.

Je mehr ich über Geld und Arbeit in der antiken Vergangenheit lese, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass unser modernes Verständnis von Arbeit als etwas, das „wirtschaftliche Freiheit“ gewährt, nur eine vorübergehende Erscheinung ist, vielleicht sogar eine Verirrung. Es scheint, als hätten die meisten Menschen in der „zivilisierten“ Welt im Laufe der Geschichte einfach nach einer Möglichkeit gesucht, am Leben zu bleiben, und unter der Schirmherrschaft der Mächtigen zu leben, war schon immer eine Option, für die sich viele von ihnen entschieden haben (oder zu der sie gezwungen wurden). Entweder bist du selbst mächtig oder du suchst dir jemanden, der mächtig ist, damit du in Sicherheit bist und zu essen hast.

Wir sehen heute noch Überreste davon. Das Priestertum, das Militär. Sekten. Viele Menschen sind verständlicherweise froh, weniger Verantwortung für sich selbst, ihre Bedürfnisse und ihre Entscheidungen tragen zu müssen. Nicht, weil sie willensschwach sind, nicht, weil sie keine verantwortungsbewussten Menschen sind, sondern weil die zivilisierte Welt offenbar auf Unfreiheit aufgebaut wurde, darauf, Menschen in wirtschaftliche Abhängigkeit zu zwingen.

Für die meisten von uns, die nicht selbstständig oder in genossenschaftlichen Strukturen arbeiten, sind unsere Arbeitsplätze kleine Tyranneien mit strengen Hierarchien. Es ist gut, dass wir diese Jobs verlassen und nach Feierabend zu Hause „frei“ sein können (abgesehen von der Unfreiheit, die Kräfte wie das Patriarchat dem häuslichen Bereich auferlegen), aber es ist seltsam, dass wir unseren eigenen völligen Mangel an Handlungsfähigkeit in der Arbeitswelt akzeptieren.


Im England des 18. Jahrhunderts gab es unter den Reichen einen Trend, Zier-Einsiedler zu halten. Es gab keinen besseren Beweis für Reichtum, als einen Mann mit langem Bart und spitzem Hut zu ernähren, zu kleiden und unterzubringen, der in deinem Garten leben und deine Gäste unterhalten konnte.

Als ich zum ersten Mal davon las, war ich eine mittellose Autorin, die in einem Minivan lebte, und ich dachte mir: „Dafür würde ich mich sofort melden.“


Die frühe Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten entstand im Zuge der Abschaffung der Sklaverei, und viele dieser Arbeiteraktivisten sahen sich in derselben Tradition wie die Abolitionisten. Lucy Parsons, die selbst auf eher traditionelle Weise als Sklavin geboren wurde, schrieb oft darüber, wie die „Lohnsklaverei“ die Leibeigenschaft abgelöst hatte. Einige wohlhabende Abolitionisten aus dem Norden hatten offen zugegeben, dass ihr Problem mit der Sklaverei darin bestand, dass sie für die industrielle Produktion ungeeignet war und dass es billiger war, Menschen Löhne zu zahlen, als sie zu besitzen und für ihr Wohlergehen verantwortlich zu sein.

Ich halte es für uns Antikapitalisten nicht für sinnvoll, die Lohnarbeit wieder als „Lohnsklaverei“ zu bezeichnen, denn die Schrecken der rassistisch geprägten amerikanischen Sklaverei dürfen niemals heruntergespielt werden. In einer Welt mit einer Geschichte voller Sklaverei – und verschiedener Formen der Unfreiheit – war die rassistisch geprägte Leibeigenschaft in den USA ein einzigartiges Übel.

Ich halte es schon für wichtig, dass wir unsere Jobs kündigen können, dass wir uns nach anderen umsehen können. Das ist ein Grund, warum ein Begriff wie „Lohnsklaverei“ für mich hohl klingt. Echte Sklaverei gibt es nach wie vor, überall auf der Welt, und das ist kein Begriff, den ich gerne verwässern möchte.

Aber Lohnarbeit ist immer noch Zwangsarbeit. Wir brauchen unseren Lebensunterhalt, um zu überleben. Ich habe meine Zwanziger damit verbracht, dem Geld den Rücken zu kehren, und fand vorübergehende Freiheit, indem ich in verlassenen Gebäuden lebte und Müll aß. Das war nicht nachhaltig. Mein Gesundheitsplan lautete „Werde nicht krank“, und ich hätte auf keinen Fall eine Familie gründen können. Ich stützte mich stark auf zwei Sicherheitsnetze: Ich wohnte für längere Zeit bei anderen Anarchisten, die tatsächlich Jobs hatten, und mir war auch bewusst, dass ich mich auf meine Familie verlassen konnte, die alle arbeiteten. Ich glaube nicht, dass ich auch nur halb so abenteuerlustig gewesen wäre, hätte ich diese beiden Optionen nicht gehabt.

Freiheit ist ein Spektrum oder ein kompliziertes, mehrdimensionales Diagramm mit allen möglichen Positionen, die weder frei noch völlig unfrei sind. Wir müssen verstehen, dass wir in vielerlei Hinsicht unfrei sind. Dass wir im Grunde immer noch nur Rationen zugeteilt bekommen. Man wird nicht reich – nicht plutokratisch reich –, wenn man für einen Lohn arbeitet. Egal wie hoch der Lohn ist, egal welche Rationen man zugeteilt bekommt. Wir könnten unser ganzes Leben lang für das Hundertfache der Rationen unserer Mitmenschen arbeiten und würden trotzdem keine Milliardäre werden. Milliardär wird man nur, indem man den von anderen Menschen erzeugten Reichtum abschöpft, indem man andere Menschen weniger frei macht.


Ich möchte Freiheit lieber gar nicht als statischen Zustand verstehen. Freiheit ist kein Mangel an Einschränkungen, sondern etwas, das wir einander schenken. Freiheit ist eine Beziehung zwischen Menschen. (Diese Idee habe ich von meinem Freund Ben, der sie wahrscheinlich von Kropotkin oder einem anderen längst verstorbenen Anarchisten hat.) Wir schenken einander Freiheit, indem wir füreinander sorgen. Meine anarchistischen Freunde haben mir Freiheit geschenkt, als sie mir eine Unterkunft gaben, und jetzt tue ich dasselbe für andere.

Wir schenken einander Freiheit, wenn wir lernen, Konflikte untereinander zu entschärfen, wenn wir lernen, Menschen in ihrer ganzen Vielfalt zu akzeptieren, wenn wir lernen, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen. Wenn ich so gut wie möglich für mich selbst sorge, schenke ich den Menschen um mich herum mehr Freiheit. Wenn andere sich um mich kümmern, geben sie mir diese Freiheit zurück.

In gewisser Weise sind die Plutokraten dieser Welt am wenigsten frei, weil sie nie die Möglichkeit haben, mit den Menschen um sie herum auf Augenhöhe zu interagieren.

Ich versuche nicht, ihnen Mitleid entgegenzubringen. Ihre Lebensweise muss zerstört werden, wenn der Rest von uns überhaupt eine Chance auf eine lebenswerte Welt haben soll, geschweige denn auf so etwas wie echte Freiheit.


Es ist aber schön, sich daran zu erinnern, dass Arbeitskämpfe und Tarifverhandlungen so alt sind wie die Lohnarbeit (und dass Lohndiebstahl so alt ist wie die Löhne selbst).

Als der ägyptische Staat ins Wanken geriet (wie schon so oft in seiner 5000-jährigen Geschichte, da Ägypten das älteste Land der Welt ist), begannen dieselben streikenden Arbeiter in Deir el-Medina, sich mit bewaffneten Außenstehenden zu verbünden, um die Gräber zu plündern. Das ist ein Grund dafür, warum die Grabräuber aus Europa größtenteils leere Grabstätten vorfanden, als sie mit ihrer systematischen Plünderung Ägyptens begannen – das ägyptische Volk, die Arbeiter, hatte sich seinen eigenen vergrabenen Reichtum schon Tausende von Jahren zuvor zurückgeholt.

(Ich würde diesen Teil gerne ganz schön und rosig darstellen, aber soweit ich das beurteilen kann, haben sich die Arbeiter bei diesen Plünderungen mit korrupten Kreisen der Regierung zusammengetan. Ich bin nicht sachkundig genug, um dir zu sagen, ob dieser Reichtum seinen Weg zu den arbeitenden Menschen Ägyptens gefunden hat oder nicht – nur, dass er den toten Monarchen von ihrem eigenen Volk nicht allzu lange nach der Bestattung wieder abgenommen wurde.)

Es macht mir nichts aus, dass Freiheit auf einem Spektrum (oder einem Feld) existiert. Es macht mir nichts aus, dass es ein Kampf ist, den wir schon immer geführt haben und immer führen werden. Wir werden vielleicht nie gewinnen, nicht vollständig, nicht dauerhaft, aber wir werden auch nie verlieren. Denn durch den Kampf bauen wir diese Beziehungen der Freiheit auf. Durch den Kampf gewinnen wir.

Quelle: „The Workers and the Tombs of the Ancient Dead or: 3000 year old labor strikes and what it means to be free“ von Margaret Killjoy, 15. Juli 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]