trueten.de

»Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.« Erich Kästner

Wenn sie auf dem „Torment Nexus“ bestehen oder: Dein Auto sollte dich nicht ins Gefängnis fahren

Vor ein paar Wochen hat ein selbstfahrendes Taxi der Marke Waymo in San Mateo, Kalifornien, zwei Kinder in die Hände der Polizei gebracht. Die Maschine stellte fest, dass ihre beiden 15-jährigen Fahrgäste Alkohol tranken und mit Spielzeugwaffen herumschossen, also alarmierte sie die Polizei, fuhr von selbst auf einen Parkplatz und schaltete sich aus. Die Kinder wurden daraufhin von den bewaffneten Männern (und möglicherweise Frauen) festgenommen, die gnädigerweise beschlossen, die Teenager nicht hinter Gitter zu stecken, sondern sie ihren Eltern zurückzugeben. Diesmal.

Fast jeder Artikel, den ich zu diesem Thema gelesen habe, will unbedingt betonen, dass die Kinder nicht im Auto eingesperrt waren, dass sie frei waren, zu gehen. Dass es den beiden Fünfzehnjährigen freistand, von einem beliebigen Parkplatz aus zu gehen, Gott weiß, wie weit von zu Hause entfernt. Als ob das alles in Ordnung machen würde.

Und ich habe viele Artikel über den Vorfall gelesen, weil mich mindestens ein Dutzend Leute in den Beiträgen getaggt oder mir Nachrichten dazu geschickt haben. Denn 2015 veröffentlichte Vice eine Kurzgeschichte von mir namens One Star, in der es um einen nicht-binären Graffitikünstler geht, der in einem selbstfahrenden Taxi gefangen ist, das beschließt, ihn ins Gefängnis zu fahren. Es ist eine kurze Lektüre, kaum länger als mein durchschnittlicher Newsletter.

Ich kam mir damals, als ich sie schrieb, richtig clever vor. Die Idee dazu kam mir, als ich mit ein paar Freunden in dem Van, in dem ich früher gewohnt hatte und den ich „Leviathan“ getauft hatte, quer durch das Land reiste. Weil er gigantisch war und die Zivilisation verkörperte.

Selbstfahrende Autos befanden sich zu diesem Zeitpunkt gerade mal in der Proof-of-Concept-Phase, aber ich erklärte, dass ich es toll fände, wenn „Leviathan“ von selbst fahren könnte – wenn ich einfach hinten in meinem eigenen Bett schlafen könnte, während mein Van mich dorthin bringt, wo ich hinwollte.

„Wenn sie selbstfahrende Autos erfinden, werden sie die Leute einfach ins Gefängnis fahren. Das weißt du doch, oder?“, sagte mein Freund zu mir.

Ich hatte keine Antwort für ihn, denn er hatte recht. Es gab nie eine Chance, dass eine Strafgesellschaft wie die USA selbstfahrende Autos als etwas anderes entwickeln würde als eine Erweiterung der sozialen Kontrolle und der Strafjustiz.

Also schrieb ich eine Geschichte darüber, verkaufte sie an Vice und versuchte seitdem, nicht zu viel darüber nachzudenken.

Zehn Jahre später wurde diese Geschichte wahr.


Im Jahr 2021 twitterte der „The Onion“-Autor Alex Blechman:

Der Screenshot zeigt den Tweet von Alex Blechman
Sci-Fi-Autor: In meinem Buch habe ich den „Torment Nexus“ als warnendes Beispiel erfunden. 
Tech-Unternehmen: Endlich haben wir den „Torment Nexus“ aus dem klassischen Sci-Fi-Roman „Don’t Create The Torment Nexus“ geschaffen.

Seitdem ist „Torment Nexus“ zum Synonym für die schrecklichen Dinge geworden, die Menschen (vor allem diejenigen, die Tech-Unternehmen leiten) tun und die von den schlimmsten dystopischen Vorstellungen von Science-Fiction-Autoren inspiriert zu sein scheinen.

Alex Blechman sprach konkret davon, wie Facebook seinen Namen in Meta änderte und versuchte, das Metaversum zu entwickeln – inspiriert vom Metaversum aus dem dystopischen Cyberpunk-Unternehmensroman Snow Crash von Neil Stephenson. Ich denke, das „Torment-Nexus“-typischste Beispiel für dieses Phänomen ist Palantir, das durch und durch böse Überwachungsunternehmen, benannt nach den Geräten, die von den durch und durch bösen Bösewichten aus Der Herr der Ringe verwendet werden.

Wenn wir ganz genau nehmen, halte ich das Waymo-Gefängnis-Taxi nicht für einen echten „Torment-Nexus“-Moment, denn ich bin nicht so überheblich zu glauben, dass selbstfahrende Taxis – oder ihre Fähigkeit, straffällige Jugendliche in die Hände der Polizei zu liefern – von meinen Texten inspiriert wurden.

Stattdessen habe ich mich einfach als hellsichtig erwiesen, und zwar nicht auf eine Art, die sich gut anfühlt.

Ich will den „Torment Nexus“ nicht.

Was wäre, wenn wir stattdessen alle Hron aufbauen würden, aus Margaret Killjoys erfolgreichem utopischem Roman aus einer fiktiven Welt, Please Build the Country of Hron? (Na ja, eigentlich heißt er A Country of Ghosts.)


Wir rutschen immer schneller in einen Albtraum, den niemand – außer den Machthabern – will. Wir wollen keine Flock-Kameras, die jede unserer Bewegungen verfolgen. Wir wollen unser Denken nicht einer aufgeblasenen Autovervollständigung überlassen, die die Bücher dieser Welt zerstört.

Wir wollen den Klimawandel bekämpfen. Wir sehen Städte in Flammen oder unter Wasser, und manchmal sind das unsere eigenen Städte. In der vergangenen Woche wurden in Frankreich und Spanien eine Drittelmillion Menschen durch die dortigen Brände vertrieben, und entweder du oder jemand, den du kennst, hat diesen Sommer bereits miterlebt, wie das Stromnetz unter der Last von Hitzewellen und Hitzekuppeln zu kämpfen hatte.

Die Bewegung gegen Rechenzentren ist wahrscheinlich die Bewegung, die am ehesten in der Lage ist, uns über kulturelle Grenzen hinweg in diesem Land zu vereinen. Während die traditionellen Medien mit dem kometenhaften Aufstieg von Rechenzentren und KI als Infrastruktur prahlen, würden wir alle es lieber sehen, wenn diese Anstrengungen in die Nachrüstung von Wohngebäuden für Energieeffizienz, Kühlung und Rauchfilterung fließen würden. Denn „wäre es nicht toll, wenn eine Website dir ein kleines Lied vorsingen könnte“ fühlt sich im Moment viel weniger wichtig an als „Ich möchte nicht zusehen müssen, wie meine Liebsten am Rauch der Waldbrände ersticken.“

Die einzige stromfressende Infrastruktur, über die wir uns gerade Gedanken machen müssen, ist die Klimaanlage.

Dazu habe ich nicht viel zu sagen, was über eine Aneinanderreihung von Schimpfwörtern hinausgeht.

Und unsere Autos sollten uns nicht ins Gefängnis fahren. Ich wünschte, wir könnten selbstfahrende Autos haben, aber der Strafvollzugsstaat und der Kapitalismus sind der Grund, warum wir keine schönen Dinge haben können.

Ich bin nicht gegen Technologie, zumindest nicht im abstrakten Sinne. Aber Technologie ist nicht neutral; sie wird innerhalb von Gesellschaften entwickelt und umgesetzt. Die ursprünglichen Ludditen hassten nicht die Idee von Maschinen, sie hassten die Vorstellung, dass ihre Lebensgrundlage durch Maschinen zerstört wurde. Textilarbeiter hatten zuvor in Häuschen gearbeitet – einer buchstäblichen Heimindustrie –, wurden aber plötzlich zu ersetzbaren Rädchen im industriellen Getriebe der Städte. Es ist nicht so, dass alle Arbeiter ihre Jobs verloren hätten, sondern dass ihre Arbeit von der Würde des Handwerks in das Elend der industriellen Produktion abglitt.

Und heute Morgen zitierte die New York Times einen KI-Arsch, der meinte, KI werde „das Zehnfache der industriellen Revolution mit zehnfacher Geschwindigkeit“ bringen.

Nun bin ich glücklicherweise ein kleiner KI-Optimist. Das heißt, ich glaube, dass sie zusammenbrechen und scheitern wird, anstatt diese gewaltigen, weltverändernden Dinge zu vollbringen, die keiner von uns will. Wahrscheinlich wird sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Aber wenn nicht, nun, dann gibt es bereits jetzt eine Revolte, und diese Revolte wird wachsen.

Und wenn sie auf dem „Torment Nexus“ bestehen, können wir uns weigern, ihn zu bauen.

Und wenn sie ihn trotzdem bauen, können wir ihn zerstören.

Quelle: „When They Insist Upon the Torment Nexus or: your car should not drive you to jail“ von Margaret Killjoy, 29. Juli 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Operación Estrella - 30. Juli 1971: Die größte Flucht aus einem Frauenknast in der Geschichte

Die Collage zeigt die 38 Frauen, zusammengestellt aus Pass- oder Fahndungsfotos

38 Frauen des Movimiento de Liberaciön Nacional-Tupamaros (MLN-T)- aus dem Cabildo Gefängnis in Montevideo, Uruguay, brachen in der Nacht des 30. Juli 1971 aus dem FGefängnis aus. Inspiriert von der Nutzung der Kanalisation in Warschau durch den jüdischen Widerstands gegen das Nazi-Regime, entstand die Idee, für den Ausbruch das Abwassersystem Montevideos zu nutzen. Es wurden zwei Tunnel gebaut: einen vom Gefängnis bis zu den Abwasserkanälen u. einen von dort zu einem nahen Haus, das von der Gruppe gemietet worden war. Die Ausgrabung der Tunnel (jeweils 18 Meter lang, 1,20 ‚hoch und 80 cm breit) dauerte etwa fünf Monate...

1994 erschien ein Buch von Graciela Jorge Pansera im Verlagshaus Tupac Amaru Ediciones: Historia de 13 palomas y 38 estrellas: las fugas de la cárcel de mujeres ( ISBN 978-9974-41-025-1). Im Jahr 2018 veröffentlichte Josefina Licitra das Buch "38 estrellas: La mayor fuga de una cárcel de mujeres de la historia (Los Tres Mundos)".

Siehe auch: De 13 Palomas y 38 Estrellas. Die Gefängnisausbrüche der Tupamaras in den 1970er Jahren in Uruguay von Elisabeth Pütz in: Arbeitspapiere zur Lateinamerikaforschung, Ausgabe II-16

  1. Marta Teresita Avella Lucchini
  2. Susana Alberti Alé
  3. Sandra Verónica Angeleri Chamorro
  4. Noemí Lydia Alonso Firpi
  5. Alba Mabel Antúnez Nieto
  6. María del Carmen Beretta Curi
  7. Carmen Teresa Bonilla Bravo
  8. Griselda Borges Saravia
  9. Olga Cairello Pérez
  10. Cristina Cabrera Laport
  11. Águeda Susana Carli Alaniz
  12. Ana Elena Casamayou del Pino
  13. Adriana Iris Castera Morales
  14. Graciela Darré Francia
  15. Raquel Margarita Dupont Olivera
  16. Edda Fabbri
  17. Mirtha Ercilla Fernández Pucurull
  18. Myriam Raquel Fernández Márzico
  19. Santa Nélida Fontora Santos
  20. Xenia Itté González
  21. Graciela Nelly Jorge Pansera
  22. Telma Juárez Beli
  23. María Teresa Labrocca Rabellino
  24. Yessie Arlette Macchi Torres
  25. Lía Margarita Maciel Rodríguez
  26. Nora Maneiro Mancilla
  27. Edith Moraes Alves
  28. Sonia María Mosquera Villamil
  29. Virginia Amanda Oliveri González
  30. Martha Lorelley Pallas Silveira
  31. Rosa Rebollo Pereira
  32. Alicia Rey Morales
  33. Stella Myrna Saravia Rivera
  34. Stella María Sánchez Mendoza
  35. Lucía Topolansky Saavedra
  36. María Elia Topolansky Saavedra
  37. Elida Valdomir Coelho
  38. Esther Carmen Uribasterra Matas
Besten Dank an H. für Information, Bilder und Erinnerung.

Trauer und Wut nach Anschlag auf den CSD

Das Foto von © Monika von Wegerer zeigt ein buntes Pappschild mit dem Text "Love conquers all" das auf vielen Blumen und Gedenkkerzen liegt.
Foto: © Monika von Wegerer via Umbruch Bildarchiv

Mehrere Tausend Menschen versammelten sich am Sonntag auf dem Pariser Platz in Solidarität mit der queeren Community und um den Opfern und Betroffenen des Anschlags auf den CSD gemeinsam zu gedenken.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Am Rande des Christopher Street Day war am Abend zuvor ein weißer Transporter im Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau wurde dabei getötet und 29 Menschen teils schwer verletzt.

Den ganzen Tag über legten Menschen Blumen nieder, zündeten Kerzen an und umarmten sich. „In Trauer und Wut. In Solidarität. We keep on fighting, we will DANCE“ steht auf einem Schild neben Blumen und Kerzen.

Mehrere Redner*innen verurteilten scharf den vermutlich islamistischen Anschlag und dessen versuchte Vereinnahmung durch konservative und rechtsextreme Politiker*innen für eine verstärkt autoritäre, Muslim- und migrationsfeindliche Politik.

„Der Angriff auf den CSD in Berlin war kein „Angriff auf die offene Gesellschaft“, pace Söder. Es war ein Angriff auf queeres Leben, wie sie von rechten, queerfeindlichen und klerikalfaschistischen Kräften auf der Welt zunehmen…“ 

(Tadzio)


 

Arbeitskonflikt mit Keyf – nächste Runde

Das Foto zeigt die Solikundgebung vor dem Keyf am 17. Juli 2026 mit solidarischen Teilnemer*innen und dem "Pay Your Workers" Transpartent sowie einige FAU Fahnen und weitere, unter anderem mit dem Anarcho A
Solikundgebung vor dem "Keyf" am Stuttgarter Rotebühlplatz

Eine Woche vor der Güteverhandlung haben wir es uns nicht nehmen lassen: Am 17.07. versammelten sich ein weiteres Mal Mitglieder und Unterstützer:innen der FAU Stuttgart vor dem Keyf Grill & Frühstück Döner. Mit Redebeiträgen auf deutsch und türkisch, mehrsprachigen Flyern, einem Banner und Gesprächen mit interessierten Passant*innen machten wir auf die Forderung unseres Mitglieds aufmerksam. Es fordert vom Gastronomiebetrieb Keyf Grill & Frühstück Döner nicht bezahlten Lohn.

Wir stehen solidarisch an der Seite unseres Mitglieds. Arbeitsrecht gilt auch in der Gastronomie. Jede Arbeit muss bezahlt werden.

Wir fordern Keyf auf: Zahlen Sie den geforderten Lohn – Geld her!

Am 24. Juli ab 10:30 findet die Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht Stuttgart, Gerichtstag Waiblingen, Amtsgericht Waiblingen, Fronackerstr. 56, 71332 Waiblingen, Saal 0.01, Erdgeschoss, statt.

Kommt zur Verhandlung und unterstützt unser Mitglied!

Du hast Ärger an deinem Arbeitsplatz? Organisier dich – komm zur FAU!

Mehr zum "Fall Keyf"

Quelle: FAU Stuttgart


 

25. Jahrestag des Mordes an Carlo Giuliani: Was geschah wirklich am Piazza Alimonda - Quale verita' per piazza Alimonda?

Carlo Giuliani

Am 20. Juli 2001 starteten die Carabinieri und weitere Ordnungskräfte während der Demonstrationen gegen den G8 Gipfel in Genua 2001 eine Reihe von Attacken, die mit dem Angriff auf den genehmigten Demonstrationszug in der Via Tolemaide endeten.

Die letztere Attacke schnitt den 15.000 DemonstrantInnen jeden Fluchtweg ab. Dies war der Beginn der Ereignisse auf der Piazza Alimonda, die zum Mord an Carlo Giuliani führten und zum Beispiel auch in der Dokumentation "Gipfelstürmer - die blutigen Tage von Genua" behandelt werden. Offen sind immer noch folgende Fragen:

• Ist es möglich, dass ausgebildete Soldaten, auch wenn sie in Panik geraten sind, in das Gesicht eines Jungen zielen, der sich in 4 Metern Entfernung befindet, ihn danach zweimal überfahren und dann innerhalb von nur 7 Sekunden verschwinden?

• Kann ein Müllcontainer einen Defender blockieren?

• Warum greifen die Kollegen, die sich in einer Entfernung von etwa 20 Metern befinden, erst ein, nachdem sich die Tragödie bereits ereignet hat?

• Der Feuerlöscher: Waffe oder Schutzschild?

• Warum bleibt die Waffe auch als die Gefahr bereits vorbei war, auf die DemonstrantInnen gerichtet?

• Weshalb wurde der erste Schuss nicht in die Luft abgegeben?

• Warum tauchen erst nach 6 Monaten vorher verschwundene Patronenhülsen und Pistolen auf?

Giuliano Giuliani ist der Vater von Carlo. Er rekonstruiert in der Dokumentation die letzten Minuten des Geschehens und widerlegt die offizielle Darstellung der Staatsanwaltschaft anhand von Fotos und Videosequenzen, die in dem Ermittlungsverfahren gegen den vermeintlichen Schützen verwendet wurden. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt, der angebliche Todesschütze wegen Notwehr freigesprochen.

Der Film ist aber nicht nur der Versuch einer detaillierten Rekonstruktion der Todesumstände seines Sohnes. Er ist gleichzeitigcarlo giuliani,g8,g8 gipfel,genua,mord,politische rechte eine Anklage gegen Polizei und Justiz, die mit allen Mitteln versucht haben, die Sicherheitskräfte von jeder Verantwortung für Carlos Tod freizusprechen.

Deutschsprachige Version:


Stuttgart: „Schulter an Schulter gegen rechte Gewalt“

Vergangenen Samstag demonstrierten Mitglieder der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen Union (FAU) zusammen mit dem Bündnis Stuttgart gegen Rechts mit über 200 Menschen gegen rechte Gewalt in Stuttgart-Nord.

Es gab einen ernsten Anlass für diese Demonstration:

Das Foto zeigt das Fronttransparent der Demo mit dem Text "Reiht Euch ein: Schulter an Schulter gegen rechte Gewalt", dahinter ein Hochtransparent mit dem Text "Ein Angrifff auf eine*n ist ein Angriff auf alle!" - jeweils von der FAU" w
Foto: AIS

Im April 2026 wurde unser Kollege, ein Gewerkschafter der FAU, hier in Stuttgart-Nord von Rechtsextremen mit einem Springmesser angegriffen und durch mehrere Stiche in den Brustkorb lebensgefährlich verletzt. Er schaffte es den Notruf abzusetzen und überlebte Dank einer Notoperation.

Seit unser betroffener Kollege diese Tat überlebte, stehen wir an seiner Seite. Denn Solidarität ist für uns als FAU keine kurze Pressemitteilung, die damit beginnt und auch gleich wieder endet. Solidarität ist für uns sehr konkret: Wir lassen unseren Kollegen nicht allein – nicht mit Angst und Wut, nicht auf der Demo, nicht mit der Rechnung vom Krankenhaus, nicht im Gerichtsverfahren, nicht in dem langen Danach, wenn die Kameras wieder weg sind.

Am Samstag demonstrierten wir mit dem Betroffenen und folgten seinem Appell an uns und unsere Mitmenschen: „Ich lasse mich nicht einschüchtern! Lasst Ihr Euch auch nicht einschüchtern! Im Gegenteil: Jetzt erst recht! Also schließen wir uns zusammen, stärken unseren Mut und gehen auf die Straße um noch viel mehr Menschen zu erreichen. Die Leute müssen mitkriegen, was hier passiert. Wir zeigen allen, dass wir uns jedem menschenverachtenden Hass entgegenstellen!“

Die Route unserer Demonstration verlief gezielt durch den Stadtteil, in dem die Gewalttat stattfand. Denn die Anwohner*innen müssen wissen, was sich ein paar Straßen weiter, kurz vor ihrer Haustür, zuträgt.

Redebeiträge lieferten die FAU Stuttgart, die Migrantifa, ein zweiter Überlebender rechter Gewalt, das Kulturzentrum Prisma und das Antifaschistische Aktionsbündnis Stuttgart. Sie alle machten trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte klar:

Rechte Gewalt ist eine reale Bedrohung für alle Menschen, die nicht in das Weltbild der Faschisten passen. Dieser Angriff war kein Einzelfall und keine zufällige Gewalttat. Er steht für eine Entwicklung, der wir uns entgegenstellen müssen. Rechte Gewalt wird sichtbarer, organisierter und selbstbewusster – auch hier in Stuttgart.

Dieser Mordanschlag richtete sich gegen einen von uns. Getroffen hat es ihn, doch gemeint sind wir alle und das, wofür wir eintreten: Eine solidarische Gesellschaft und ein gutes Leben für ALLE. Die Faschisten lieben den Tod. Wir lieben das Leben. Und wir bekämpfen die, die es uns nehmen wollen. Deswegen greifen sie uns an.

Hier ein Auszug unserer Auftaktrede:

„Wer Faschisten zuhört, weiß, wovon sie träumen. Sie träumen von einem Land, das „gereinigt" werden muss. Sie erzählen sich, alles sei verrottet, zersetzt, dem Untergang geweiht – und nur sie könnten es retten, durch einen großen Kehraus, durch eine Wiedergeburt des Volkes. Und in diesem Traum ist Gewalt kein Ausrutscher. Sie ist der Plan. Wer nicht ins Bild passt, soll nicht überzeugt werden. Wer nicht ins Bild passt, soll weg. Deshalb war der Messerangriff keine Entgleisung. Es war genau das, wovon sie träumen – nur eben ausgeführt. Denn wer glaubt, es gebe Menschen erster und zweiter Klasse – und welche, die gar nicht zu ihrer imaginierten Volksgemeinschaft dazugehören –, der wird das am Ende mit Gewalt durchsetzen. Argumente haben sie keine. Eine Ideologie der Ungleichheit trägt die Gewalt in sich wie die Wolke den Regen.

Und es ist kein Zufall, wen es getroffen hat. Überall, wo Faschisten je an die Macht kamen, gehörten die Gewerkschaftshäuser zu den ersten Adressen, die sie stürmten. Warum eigentlich? Weil wir das Gegenteil von ihnen sind. Sie sortieren Menschen nach Herkunft, nach Pass, nach Stammbaum. Wir kennen nur eine Frage: Stehst du neben mir, wenn's drauf ankommt? Bei uns steht die Kollegin aus Zuffenhausen neben dem Kollegen aus Ankara, und beide haben denselben Chef und dieselben
Interessen. Das ist Solidarität. Und Solidarität ist die lebende Widerlegung von allem, woran Faschisten glauben. Deshalb hassen sie uns. Deshalb hassen sie Gewerkschaften, seit es Gewerkschaften gibt.

Die beiden, die zugestochen haben, sind 19 und 21 Jahre alt. Solche Leute fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen mitten aus dieser Gesellschaft heraus. Aus einer Ellenbogengesellschaft, die uns jeden Tag beibringt, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Die Abstiegsangst produziert wie am Fließband. Und wo Angst ist und keine Solidarität, da fangen Menschen an, nach unten zu treten statt nach oben zu kämpfen. Genau da fischen die Faschisten. Sie nehmen die Wut über echte Zustände - und lenken sie auf die Falschen: auf queere Menschen, auf migrantische Menschen, auf jüdische Menschen, auf alle, die beweisen, dass die Welt eben mehr ist als Volk, Scholle und Stammbaum – dass man auch ganz anders leben kann, und zwar gut. Wenn heute wieder offener gehetzt wird, in Parlamenten, in Talkshows, in den Kommentarspalten – dann werden da die Sätze vorformuliert, die nachts auf der Straße mit dem Messer zu Ende geschrieben werden. Wer das Klima sät, braucht sich über die Taten nicht zu wundern. (...)“

Diesem Hass können wir uns nur gemeinsam entgegenstellen.

Ein Angriff auf eine*n von uns ist ein Angriff auf uns alle. Das war immer die Antwort der Arbeiter*innenbewegung, das ist sie heute und die wird sie auch bleiben.

Wir werten die Demonstration als Erfolg. All die Menschen, die trotz Urlaubssaison dem Aufruf nachgekommen sind, die Solidarität der FAU-Syndikate aus anderen Städten, ihre Grußworte, ihr Besuch auf der Demo, der strömungsübergreifende Zusammenschluss mit Stuttgart gegen Rechts – das gibt uns Stärke und Hoffnung.

Danke an alle, die dabei waren!

Und weil wir wissen, dass wir noch viel mehr werden müssen und es noch viel viel mehr Antifaschist*innen da draußen gibt:

Redet mit euren Kolleg*innen auf der Arbeit, den Leuten in eurer Nachbarschaft, eurem Verein und eurem Wohnhaus, mit eurer Familie und mit Freund*innen.

Organisiert Euch! Tretet einer Gewerkschaft bei, engagiert Euch in politischen Gruppen und Organisationen, werdet aktiv in coolen Vereinen.

Wir hören und sehen uns.

Passt aufeinander auf. Und vor allem: Lasst niemanden allein.

Denn: Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust.

Quelle: FAU Stuttgart


 

Keyf Stuttgart: Nach der Kundgebung ist vor der nächsten Kundgebung!

Das Foto zeigt Teile der Kundgebung vor dem Keyf am 5. Juni mit einem Transparent, auf dem der Text "Pay your Workers! - FAU" zu lesen ist. Daneben verschiedene Aktivist*innen und Passanten.
Foto: FAU Stuttgart

Am 5. Juni 2026 versammelten sich Mitglieder und Unterstützer*innen der FAU Stuttgart vor dem Keyf Grill & Frühstück Döner, um mit Redebeiträgen auf den von einem Mitglied gegenüber dem Betrieb geforderten Lohn aufmerksam zu machen und die Forderung "Geld her!" öffentlich zu machen. Damit zeigen wir: braucht ein Mitglied unsere Hilfe, so sind wir da!

Die Chefs erschienen während der Kundgebung persönlich vor Ort.

Am 17. Juli 2026 ab 19 Uhr findet erneut eine Kundgebung statt.

Wir fordern Keyf auf:

• Zahlen Sie den geforderten Lohn – Geld her!

Am 24. Juli ab 10:30 findet die Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht Stuttgart, Gerichtstag Waiblingen, Amtsgericht Waiblingen, Fronackerstr. 56, 71332 Waiblingen, Saal 0.01, Erdgeschoss, statt.

Kommt zur Verhandlung und unterstützt unser Mitglied!

 

Quelle: FAU Stuttgart


 

50 Jahre Seveso-Katastrophe

Das Bild zeigt das Gefahrgutschild für giftige Produkte- einen kahlen Baum im Hintergrund, verunreinigter Boden und einen Toten Fisch auf orangenem Hintergrund. Dazu der Text "50 Jahre Seveso Katastrophe" und der Verweis auf die Webseite mitwelt.org als Quelle"
Bild: Mitwelt.org

Im italienischen Seveso wurde am 10. Juli 1976 in der Chemiefabrik Icmesa durch eine Explosion in einem Reaktor eine Giftgaswolke „freigesetzt“ (Neusprech) und dadurch eine der größten Chemiekatastrophen der europäischen Geschichte ausgelöst. Die Folgen für das norditalienische Städtchen Seveso und die umliegende Region waren verheerend. Neben anderen Stoffen entwichen große Mengen der hochgiftigen Dioxinverbindung TCDD in die Umwelt. Hochgiftiges Dioxin verseuchte ein 18 Quadratkilometer großes Gebiet, etwa 200 Menschen erlitten akute Vergiftungen (Chlorakne), zahllose Tiere verendeten. Erst acht Tage nach dem Unglück wurde die Fabrik geschlossen und das verseuchte Gebiet evakuiert. Icmesa war ein Tochterunternehmen von Givaudan, das wiederum zur Hoffmann-La-Roche-Gruppe gehörte. Die Schweizer Roche war verantwortlich für niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und marode Anlagen, die so in der Schweiz nicht möglich gewesen wären. Die Arbeitsbedingungen in der TCP-Produktion waren extrem schlecht, die Anlage veraltet und unzureichend gewartet. Hohe Gewinne in Niedrigsicherheitsländern eben ... Seveso war damals aus Sicht Schweizer Konzerne eine industrielle „Verschmutzungs-Oase“ in Kerneuropa. Heute sind diese „Verschmutzungs-Oasen“ nach Asien oder Afrika weitergezogen, und mit dem erfolgreichen Kampf der Marktlibertären gegen das Lieferkettengesetz werden solche Zustände auch weiterhin bestehen. (...)


Weiterlesen bei Alex Mayer.




250 Jahre Lügen, 500 Jahre Aufstand

Gedanken.
Die sogenannten „Vereinigten Staaten“ feiern am 4. Juli 2026 den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Wir, die Ureinwohner dieses Landes, müssen nicht lange suchen, um die Heuchelei zu erkennen, die darin liegt, ein Dokument zu feiern, das unsere Vorfahren als „gnadenlose indianische Wilde“ bezeichnet. Heute erleben wir ein Land, das „Freiheit“ proklamiert, während es unsere Nachbarn mit Migrationshintergrund ohne ordentliches Verfahren entführt, Gesetze verabschiedet, die Belästigung und Diskriminierung unserer LGBTQ- und Two-Spirit-Verwandten fördern, und jede politische, rechtliche und militärische Strategie aus dem Ärmel zieht, um jede Form von Widerstand gegen den Staat zu unterdrücken. Zu Beginn dieser Nation ratifizierte die Regierung über 350 Verträge mit indigenen Nationen – und brach anschließend jeden einzelnen davon. So wie es unseren Vorfahren klar war, ist es auch uns heute klar: Dieses koloniale Experiment ist daran gescheitert, etwas aufzubauen, das auch nur annähernd einer echten Demokratie ähnelt.

Die Haudenosaunee-Konföderation verfügt über die älteste ununterbrochene partizipative Demokratie der Welt, bekannt als Gayanesshagowa, das Große Gesetz des Friedens. Viele der Strukturen, die für die Schaffung von Gewaltenteilung in der US-Regierung gelobt werden, sind direkt vom Gayanesshagowa übernommen – wurden jedoch verdreht, um den Interessen der „Gründerväter“ zu dienen, die für den Völkermord und die Versklavung unserer schwarzen Vorfahren verantwortlich waren. Die ursprünglichen Gesetze dieses Landes führten zu einem System, das darauf ausgelegt war, weiße, wohlhabende Männer zu begünstigen – durch den versuchten Völkermord an den indigenen Völkern und den Bison, den Raub unseres Landes, die Entführung unserer Kinder sowie die Verschleppung und Versklavung schwarzer Menschen. Wir lehnen den Mythos ab, dass die „Erbauer“ Amerikas es verdienen, gefeiert zu werden.

Stattdessen suchen wir nach den Träumen unserer wahren Gründungsmütter – der indigenen Frauen, die unsere Gemeinschaften anführten, noch bevor Siedler hier überhaupt Fuß fassten. Die Matriarchinnen, die unser Volk durch über 500 Jahre Völkermord, Zwangsumsiedlungen und Versuche, unsere Kultur und Sprachen auszulöschen, geführt haben. Wir ehren die Träume derer, die dieses Land lange vor der Ankunft der Kolonisten zu Überfluss geführt haben. Wir streben nach gemeinsamer Heilung und Befreiung mit unseren schwarzen Brüdern und Schwestern, deren Zwangsarbeit damals die Geldbeutel der reichen weißen Männer füllte. Wenn Amerika sich weiterhin weigert, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen – einem Land, das auf Völkermord, Landraub und Sklaverei aufgebaut ist – ist es dazu verdammt, sich selbst zu wiederholen.

Widerstand.
Vor 150 Jahren schlossen sich die Oceti Sakowin in der Schlacht von Greasy Grass (auch bekannt als die Schlacht am Little Bighorn) zusammen. Am 25. und 26. Juni 1876 kämpften Krieger der Lakota, Dakota, Northern Cheyenne und Arapaho gegen die 7. Kavallerie und gewannen, nachdem Oberstleutnant Custer von der US-Armee ihr Dorf angegriffen hatte. Indigene Matriarchinnen kämpften an der Seite der Männer, um ihre Kinder, Gemeinschaften und ihre Lebensweise zu verteidigen. Der Sieg bei Greasy Grass erinnert uns an unsere Kraft, wenn wir uns gemeinsam gegen diese völkermörderische Regierung zusammenschließen.

Als indigene Völker haben wir nie aufgehört zu kämpfen, um unser Land, unsere Ökosysteme und Gewässer zu schützen; um unsere Kultur, unsere Lieder und Sprachen zu pflegen; und um unsere Vertragsrechte und Souveränität auszuüben.

Wiedererstarken.
Beim indigenen Widerstand ging es schon immer um mehr als nur den Kampf gegen die weiße Vorherrschaft; es geht darum, eine Zukunft aufzubauen, in der unsere Kultur, unser Wissen und unsere Lebensweisen gelebt, respektiert und geehrt werden. Die Welt braucht das Wissen der Indigenen, um sicherzustellen, dass unsere Enkelkinder sicheres Wasser, saubere Luft und ein lebenswertes Klima haben.

Wir wissen, dass wir gewinnen können – denn genau das haben wir bereits getan. Wir haben ein Bohrunternehmen aus dem heiligen Pe’ Sla vertrieben, weil wir uns im Gebet vereint haben. Kurz darauf wurden wir Zeugen eines historischen Moments, als alle neun Stämme in South Dakota Beschlüsse fassten, um mit der Ausarbeitung von Gesetzen zu beginnen, die alle Bundesgebiete in den Black Hills wieder in den Besitz der Stämme zurückführen sollen.

Die Zukunft heißt „LANDBACK“ und „Black Reparations“. Unsere Befreiung ist untrennbar miteinander verbunden, und je mehr wir gemeinsam über und innerhalb der Bewegungen Stärke aufgebaut haben, desto klarer ist das geworden. Heute tragen wir wichtige Lehren aus dem American Indian Movement und der Black Panther Party in uns. Die notwendige Verwandlung dieses Landes in etwas Lebensspendendes und Regeneratives erfordert den Mut, diese aufgezwungenen Systeme abzulehnen – Netzwerke der Solidarität aufzubauen, damit wir boykottieren und die US-Wirtschaft zum Stillstand zwingen können.

Heute ermutigen wir alle unsere Angehörigen, über die Realität der letzten 250 Jahre nachzudenken und zu erkennen, dass die wahren Terroristen auf diesem Land schon immer die Architekten, Treiber und Nutznießer dieses Kolonialprojekts waren – nicht wir, das Volk. Wir laden euch ein, euch dem Kampf für eine Zukunft zu verpflichten, in der alle Menschen und Mutter Erde respektiert werden. Fragt euch selbst: Welche Rolle spiele ich bei diesem Wiederaufleben? Wie lange werde ich noch zulassen, dass andere Menschen über die Zukunft meiner Kinder entscheiden? Sind wir nicht Krieger?

Indigene Völker gab es schon lange vor der Gründung des US-Imperiums und sie werden auch darüber hinaus weiter gedeihen.



Quelle: NDN Collective
Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Trueten


„Es ist doch nur Sport“, sage ich mir mit einem nervösen Lachen oder: Es geht einfach nur um gesellschaftliche Akzeptanz

Vor vielleicht fünf Jahren habe ich mich dem Typen, der meine Klärgrube in den ländlichen Appalachen gereinigt hat, als Transperson geoutet. Wir hatten uns schon ein paar Stunden unterhalten, weil ich neugierig war, wie Klärgruben funktionieren, und weil ich ziemlich froh war, den angesammelten Mist der Vorbesitzer meines Hauses loszuwerden. Wir redeten hauptsächlich darüber, Prepper zu sein und Fahrzeuge in Wohnräume umzubauen … Ich hatte meinen Van, er hatte einen Krankenwagen. Er fand heraus, dass ich in einer Band war, also fragte er, in welcher, und ich sagte ihm Feminazgul. Um den Namen zu erklären, erzählte ich ihm, dass ich trans bin.

„Oh, also bist du sozusagen eine Tussi, wenn du ausgehst?“

Nun höre ich in meinem Alltag das Wort „Tussi“ nicht allzu oft. Aber ich nehme an, ich bin eine, wenn ich ausgehe. Und wenn ich zu Hause bin. Aber ich trug schwarze Jeans und ein ärmelloses Shirt, denn ich bin vielleicht eine Tussi, aber wenn schon, dann bin ich eine Punk-Tussi.

Ich hatte keine Lust zu streiten, also sagte ich: „Ja, im Grunde schon“, und wir redeten eine Weile darüber.

„Was ist deine Meinung – oder besser gesagt, die Meinung der Trans-Community – zu Trans-Menschen im Sport?“, fragte er.

Ich dachte einen Moment darüber nach und sagte dann zu ihm: „Das ist eine Ablenkung. Es ist ein Streitpunkt, den sie nutzen können, um die Leute gegen uns aufzuhetzen.“

„Oh“, sagte er und dachte darüber nach, während ein zweihundert Fuß langer Schlauch Abwasser aus meinem Hinterhof in seinen Lkw saugte. „Das leuchtet ein.“

Später, als ich die Rechnung bezahlte, fragte er mich: „Also … weiß deine Freundin, dass du eine Frau bist?“

„Ja, das weiß sie“, sagte ich.

„Wow“, sagte er. „Ihr seid also so was wie Lesben?“

„Das sind wir.“

„Das ist cool, meine Cousine ist auch lesbisch.“



Meistens, wenn ich über diese Geschichte nachdenke, ist es eine Geschichte über Akzeptanz auf dem Land. Es ist eine Geschichte darüber, dass es den meisten Leuten – zumindest den armen Leuten in den Appalachen – eigentlich völlig egal ist, was du tust. Es ist eine Geschichte über einen lustigen, aber freundlichen kleinen Kulturkonflikt, wenn man in einem abgelegenen Tal lebt.

Sport, das kann ich mir einreden, spielt keine Rolle. Ich bin nicht mit Sport aufgewachsen – ich bin mit Büchern aufgewachsen.



Das Sharepic zeigt Becky Pepper-Jackson vor dem Capitol in Washington D.C. sowie den Text in der Bildunterschrift.
"Meine Rechte und mein Leben wurden von Politikern diskutiert, die mich noch nie getroffen haben. Niemand sollte so behandelt werden, wie ich und viele andere Transgender-Kinder heute in diesem Land behandelt werden."


Becky Pepper-Jackson, ACLU-Klägerin im Fall „West Virginia gegen B.P.J.“ vor dem Obersten Gerichtshof
Foto: ACLU

Das sollte aber keine Entweder-oder-Sache sein. Gestern hat der Oberste Gerichtshof entschieden, dass Bundesstaaten Transmädchen vom Mädchensport ausschließen dürfen, und vieles davon dreht sich um ein Mädchen aus West Virginia, Becky Pepper-Jackson, die gar nie eine „männliche“ Pubertät durchgemacht hat und einfach nur in ihrer Mittelschule Leichtathletik betreiben wollte. In der Highschool, als Neuntklässlerin, belegte sie nach Jahren harter Arbeit und Training – dank ihrer angeborenen männlichen Überlegenheit (das ist Sarkasmus) – den dritten Platz im Diskuswerfen und den achten Platz im Kugelstoßen.

Sie ist die drittbeste Schülerin in West Virginia darin, sich im Kreis zu drehen und einen Frisbee loszulassen, und sie ist die achtbeste darin, einen schweren Gegenstand zu werfen – also müssen wir die anderen Mädchen vor ihr schützen.



Letztes Wochenende unterhielt ich mich mit jemandem, einem Mann aus dem Mittleren Westen Ende 60, der für seine drei Kinder Mädchenfußball trainiert hatte. Die Weltmeisterschaft lief gerade, und er fragte mich, ob ich Sport verfolge.

Ich bin gerne ehrlich, wenn es irgendwie geht. Ich sagte ihm, dass ich als Kind keinen Sport getrieben habe.

Ich verfiel in meine übliche Abwehrhaltung: „Wir sind stattdessen in die Bibliothek gegangen“, was stimmt. Und ich erzählte ihm meine übliche Geschichte: „Im Sportunterricht in der Highschool saß ich mit den anderen Mädchen in der Ecke, wir lackierten uns die Nägel und machten nicht mit“, was ebenfalls stimmt. Beides klang für mich nach niedlichen, unschuldigen Geschichten. Einfache Wege, um zu erklären, wer ich heute bin.

„Das ist schade“, sagte er. Das war mir noch nie bewusst geworden.

„Ach?“, fragte ich.

„Es ist schade, dass dir diese Erfahrung von Zusammengehörigkeit, von Teamwork und Erfolg gefehlt hat.“

Mir wurde klar, dass ich diese Liste der Dinge, die mir entgangen waren, noch weiter hätte ausbauen können. Mir fehlte die Erfahrung, meinen Körper kennenzulernen, meine Grenzen und Stärken zu entdecken.

Denn die Wahrheit ist: Als Kind habe ich es geliebt, Sport zu treiben – wenn ich sozial damit zurechtkam. Der einzige Grund, warum ich nicht mitgemacht habe, war, dass ich regelmäßig verspottet und angegriffen wurde. Das höfliche Wort dafür lautet „gemobbt“. Ich hatte mich nicht dafür entschieden, außerhalb der Gesellschaft zu stehen – ich war ausgestoßen worden.

Außerdem war ich schlecht im Sport, aber das ist ein echtes Henne-Ei-Problem.

Rückblickend scheint es mir, dass Jungen und Mädchen einander instinktiv erkennen, und ich gehörte nicht zu den Jungen – das wussten wir alle –, und die einzigen Mädchen, die mich aufnahmen, trugen Marilyn-Manson-Shirts und große, klobige Stiefel, saßen in der Ecke und starrten alle finster an. Also tat ich das auch, und diese Mädchen haben mir das Leben gerettet. Emily ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben, und ich weiß nicht, was aus Valerie oder Maria geworden ist. Zwei der anderen sind immer noch meine Freundinnen, eine ist Aktivistin gegen die ICE und eine andere ist meine Mitstreiterin bei Strangers in a Tangled Wilderness.



Wir Sonderlinge haben sogar manchmal Sport getrieben, wenn auch nie in der Schule. Wir schnallten uns Inlineskates an und spielten Straßenhockey auf den Tennisplätzen, und wir haben uns nicht nach Geschlecht getrennt und auch diejenigen von uns (wie mich), die darin furchtbar schlecht waren, nicht ausgeschlossen. Ich gebe zu, als sie es auf Trans-Sportler*innen abgesehen hatten, habe ich mich zu dem Thema nicht groß geäußert, weil ich Sport von vornherein „hasste“. Es war so offensichtlich ein Spaltthema, dass ich dachte, meine Zeit am besten damit zu nutzen, einfach weiterhin dafür einzutreten, dass Trans-Menschen überhaupt im öffentlichen Leben existieren dürfen.

Sport ist ein so erfolgreiches Spaltthema, weil es nun mal Reaktionen auf Hormone gibt, die unsere Körper unterschiedlich formen. Und beide Seiten des Themas können wissenschaftliche Veröffentlichungen finden, die ihre Sichtweise stützen. Ja, es gibt eine Metaanalyse von Studien aus dem Jahr 2026, die zeigt, dass Transfrauen, die eine Hormonersatztherapie machen (was nicht auf alle von uns zutrifft), keinen statistischen Vorteil gegenüber Cis-Frauen haben, wenn man die Körpergröße berücksichtigt. Aber die andere Seite kann sich auf eine scheinbar seriöse Quelle wie die BBC berufen, um zu sehen, wie ein Experte vor vier Jahren selbstbewusst das Gegenteil behauptete.

Trans-Sportler*innen befinden sich in einer seltsamen Zwickmühle. Selbst wenn sie an Wettkämpfen teilnehmen dürfen, dürfen sie in ihrer Sportart nicht zu gut werden, sonst kommen die Mistgabeln und Fackeln zum Vorschein.

Natürlich sehen wir bereits, wie sich dieses Spalt-Thema immer weiter ausweitet. Es würde niemals bei Trans-Sportler*innen aufhören, und das ist es auch nicht. Die Faschisten, die gerade dabei sind, die Kontrolle über die US-Regierung zu erlangen, haben uns ein Recht nach dem anderen entzogen.



Letztes Wochenende bin ich mit ein paar Leuten in ein Wissenschaftsmuseum in Chicago gegangen, weil ich das erbeutete Nazi-U-Boot sehen wollte, das dort ausgestellt ist – weil ich gerade eine Art Hyperfokus auf U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg habe, weil ich ganz normal bin und ganz normale Interessen habe.

Ich habe im Museum keine Toilette benutzt, weil es nirgendwo eine „Familientoilette“ gab. Ich weiß nicht, ob Cis-Menschen wissen, wie lange wir gelernt haben, ohne Pinkeln auszukommen.

Ich benutze die Herrentoilette, wenn ich eine öffentliche Toilette benutzen muss, selbst wenn ich ein Kleid trage und geschminkt bin. Ich verlasse mich auf meine allgemeine Schroffheit und mein Punkrock-Auftreten, um mich zu schützen. Andere Frauen, die ich kenne, gehen auf die Damentoilette und verstecken sich in der Kabine, wenn sie fertig sind, und warten, bis die Luft rein ist, bevor sie herauskommen.



Es ging nie nur um Sport. Es ging nie nur um Sport, aber selbst wenn es so gewesen wäre, müssen wir uns wehren, denn die Teilnahme am Sport ist genauso selbstverständlich wie ein Ort, an dem man in der Öffentlichkeit pinkeln kann. Teilnahme am Sport bedeutet Teilnahme an der Gesellschaft.

Ich bin mit Dysphorie aufgewachsen. Ich habe erst mit Mitte dreißig wirklich verstanden, wie groß und wie mein Körper geformt ist. Ich dachte immer, ich wäre viel kleiner, als ich bin. Die beiden Dinge, die meine eigene Vorstellung von meinem Körper korrigiert haben, waren mein Coming-out als Frau und der Beginn, bewusst Sport zu treiben.

Ich hebe jetzt Gewichte, und mein Trainer nennt uns alle „Sportler*innen“ – die meisten von uns wurden noch nie in ihrem Leben so bezeichnet –, aber wir sind eine Gruppe von dicken, queeren und älteren Menschen, die Deadlifts, Kniebeugen und Snatches machen und Übungen, deren Namen ich nie gelernt habe, wie zum Beispiel „den 100-Pfund-Sandsack immer und immer wieder über die Stange heben“. Ich nenne den Kurs „Kurs für schwere Gegenstände“ und ich will eigentlich nie hingehen, aber ich gehe trotzdem hin und es ist der Höhepunkt meiner Woche. Ich habe mit vierzig angefangen, alleine in meinem Keller Gewichte zu stemmen, und das ist eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Ich mag Gewichtheben, weil ich nicht gegen andere antrete – nicht wirklich. Es wird immer Leute geben, die mehr Gewicht bewegen können als ich. Ich trete gegen mich selbst an. Ich will so fit sein, wie ich nur kann; ich will an einigen meiner Grenzen arbeiten und andere überwinden.



Ich sage mir, ich sei geboren, um ein Rebell zu sein, weil die Gesellschaft mich nie akzeptiert hat. Aber ich träume nicht von einer Gesellschaft, in der ich überhaupt rebellieren müsste. Ich träume von einer anarchistischen Gesellschaft, einer horizontal strukturierten, nicht-kapitalistischen Gesellschaft, in der lokale Räte gemeinsam Entscheidungen treffen und sich dann zu Verbänden zusammenschließen, um größere Entscheidungen zu treffen, ohne dabei einen Staat oder eine nationale Grenze zu schaffen.

Wenn ich in dieser Gesellschaft leben würde, wäre ich kein Rebell – außer vielleicht im Sinne von Le Guins "Die Enteigneten", in dem ich mir immer wünsche, dass sich meine Gesellschaft verbessert.

Eigentlich mag ich es gar nicht, immer am Rande von allem zu stehen. Ich sage den Leuten schon seit Jahren, dass der einzige Grund, warum ich ästhetisch gesehen nicht noch schräger bin, darin liegt, dass ich bereits den „Höhepunkt der Schrägheit“ erreicht habe. Ich bin so schräg, wie ich es gerade ertragen kann. Ich hätte lieber spitze Ohren und würde lieber einen Umhang tragen, und ich habe tatsächlich einen ganzen Sommer lang Kettenhemd unter meiner Punkweste getragen. Diese Dinge passen zu meinem ästhetischen Verständnis und ich möchte sie tun, aber ich werde bereits so oft angestarrt, wie ich es ertragen kann.

Ich halte das eigentlich nicht für Feigheit meinerseits, obwohl es das vielleicht ist. Vielleicht kommt es aus derselben Ecke, die mir sagt, dass es nicht sicher ist, in der Öffentlichkeit Kleider zu tragen – was ich trotzdem tue.

Aber ich ziehe mich nicht seltsam an, nur um mich seltsam anzuziehen. Eigentlich würde ich mich sogar noch seltsamer anziehen, aber ihr macht euch ständig lustig deswegen.

Ich lehne die Gesellschaft nicht ab. Die Gesellschaft hat mich abgelehnt.

Der Grund, warum mir das Sportverbot das Herz bricht, ist, dass ich, wenn ich trans Jugendliche sehe, alles sehe, was mir verwehrt wurde. Die Gesellschaft hat mir eine Kindheit als Mädchen verwehrt, und für einen kurzen Moment in den 2010er Jahren sah ich Transmädchen, die einfach nur Mädchen sein durften, die richtig aufwachsen durften. Das war eines der schönsten Dinge, die ich je gesehen habe.

Ich glaube nicht, dass ich jemals in Worte fassen kann, wie sehr ich mir als Kind einfach nur gewünscht habe, eines der Mädchen zu sein, oder wie dankbar ich den Mädchen bin, die versucht haben, mich dabei zu akzeptieren. Ich bin den Mädchen ewig dankbar, die mich mit ihnen in der Ecke meine Nägel lackieren ließen, die mir halfen, mich zu schminken, nachdem ich es zur Schule geschafft hatte. Ich bin unendlich dankbar für die Goth-Szene, die mir gezeigt hat, dass es okay ist, Geschlechterrollen zu durchbrechen.

Aber es wäre auch cool gewesen, im Feldhockey-Team zu sein. Es macht Spaß, in Dingen gut zu werden. Es macht Spaß, unseren Körper einzusetzen. Es macht Spaß, all diese Dinge gemeinsam mit anderen Menschen zu tun.



Das Sportverbot wird natürlich endlose Folgewirkungen haben. Wir erleben bereits rassistische Kontrollen der Körper von Cis-Frauen im Namen der Transphobie. Die Gesellschaft wird anfangen, auf die Genitalien von Kindern zu starren, um sie in der Schule in Schubladen zu stecken – und das ist nicht gut.

Und natürlich lieben es Faschisten, Menschen in Kategorien einzuteilen, um sie zu unterdrücken oder zu vernichten, und anti-trans-Liberale helfen ihnen dabei, „Weiblichkeit“ als unveränderliche Kategorie festzulegen. Faschisten werden ein Gefängnis für Cis-Frauen bauen, das aus den Knochen von Trans-Menschen errichtet ist.

Aber selbst wenn dieses Urteil nur die trans-Mädchen-Sportlerinnen betreffen würde und sie formal aus der Gesellschaft ausgrenzen würde, indem man sie aus dem Sportteam ausschließt, wäre das schon schlimm genug.

Selbst wenn es nur die drittbeste Diskuswerferin in West Virginia beträfe, wäre das schon schlimm genug.

Quelle: „It's Just Sports, I Tell Myself, With Nervous Laughter or: it's just acceptance in society“ von Margaret Killjoy, 01. Juli 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]