trueten.de

»Das Problem mit dieser Welt ist, dass kluge Menschen voller Zweifel sind, während dumme Menschen voller Zuversicht sind.« Charles Bukowski

Frankreich rebelliert – doch mit welchem Ziel?

Das Gewerkschaftsbündnis, das zu den Streiks am 18. September aufgerufen hatte, hat ein Ultimatum gestellt – aber Bloquons Tout will mehr als nur Zugeständnisse.

Das Foto zeigt demonstrierende Menschen hinter einem Transparent mit dem Text "Bloque Tout!" (Blockiert Alles!)
Foto: Thomas Bresson, CC BY 4.0
Gestern (18. September) wurde Frankreich zum zweiten Mal in Folge von Störungen heimgesucht, nachdem die Gewerkschaften mit Streiks in verschiedenen Branchen und großflächigen Störungen im ganzen Land versucht hatten, ihre Bedeutung wieder zu unterstreichen.

Die CGT gab an, dass eine Million Menschen an den Aktionen am Donnerstag teilgenommen hätten; selbst das Innenministerium räumte ein, dass es mindestens 500.000 gewesen seien. Neun Gewerkschaften handelten zum ersten Mal seit den Rentenstreitigkeiten von 2023 gemeinsam.

Der RATP-Gewerkschaft gelang es weitgehend, die Pariser Metro lahmzulegen, und Lehrer und Schulpersonal streikten gemeinsam mit Kollegen aus dem Energiesektor und der Bahn, wo es zu erheblichen Störungen im Nah- und Fernverkehr kam.

Studierende mobilisierten sich an Universitäten im ganzen Land. Der Universitätsbetrieb in Paris, Caen, Montpellier, Nantes, Rouen und Toulouse unter anderem wurde laut Contre Attaque eingestellt, die auch berichteten, dass in Lyon „die Sciences Po und die ENS von der Verwaltung ‚vorbeugend’ geschlossen wurden”.

Anarchisten standen weiterhin im Mittelpunkt der Aktionen. In Laon nahm die Peter-Kropotkin-Brigade erneut an den Demonstrationen teil, diesmal mit Schwerpunkt auf dem lokalen Sonoco-Werk, wo kürzlich 117 Entlassungen angekündigt worden waren.

Im Vergleich zur Vorwoche reagierte die Polizei zurückhaltender – was vor allem darauf zurückzuführen war, dass die gleiche Anzahl von Beamten gegen eine deutlich größere Zahl von Demonstranten auf den Straßen eingesetzt wurde.

Kleine Gruppen von Faschisten und rechtsextremen Demonstranten tauchten ebenfalls kurz auf, um die Demonstranten zu konfrontieren. In Montpellier, wo sich zwischen 15.000 und 20.000 Menschen versammelt hatten, um die Aktionen zu unterstützen, konfrontierte eine Gruppe von bis zu 30 rechtsextremen Männern gegen Ende des Tages etwa 200 Demonstranten und Antifaschisten.

Die Polizei griff schließlich ein, um die rechtsextreme Gruppe zu schützen, von der einige Mitglieder von Beobachtern als Mitglieder einer Ultras-Gruppe identifiziert wurden, die mit dem Fußballverein der Stadt in Verbindung steht. Mehrere Demonstranten und Antifaschisten wurden bei einer Reihe von Angriffen durch Mitglieder der rechtsextremen Gruppe verletzt, aber die Polizei unternahm nichts gegen die Täter.

Obwohl das Ausmaß der Aktion beeindruckend ist, bestehen weiterhin Spannungen zwischen den Bestrebungen von Teilen von Bloquons Tout – einer führerlosen, dezentralen Bewegung, die Spontaneität schätzt und weder über Mechanismen noch den Willen verfügt, mit Mainstream-Politikern zu „verhandeln“ – und den etablierten Gewerkschaften, mit denen die Regierung besser zurechtkommt.

In dem Versuch, die Initiative zurückzugewinnen, hat das Gewerkschaftsbündnis dem neuen Premierminister Sébastien Lecornu ein Ultimatum gestellt und die Rücknahme der Haushaltsvorschläge gefordert, die zum Sturz seines Vorgängers geführt hatten, andernfalls drohten nach dem 24. September erneute Aktionen.

Zu den Forderungen gehörten auch die Einführung einer Vermögenssteuer und die Aufgabe der Versuche, das Rentenalter anzuheben.

Bei einer Befragung zeigten sich die von Bloquons Tout beeinflussten Aktivisten auf der Straße jedoch weniger überzeugt von den Vorzügen von Verhandlungen oder konventionellen Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Politikern.

Ein Aktivist sagte gegenüber France 24: „Wir haben nichts von der Regierung zu verlangen. Wir versuchen nicht zu verhandeln ... Wir wollen unsere Forderungen durchsetzen, und unsere einzige Forderung ist, dass die Regierung zurücktritt.“

Andere wiesen auf den Ausschluss der parlamentarischen Linken aus der Regierung und die Unhaltbarkeit von Macrons Fließband an entbehrlichen Premierministern hin.

Der Zombie-Macronismus rollt weiter, aber gleichzeitig wächst die Revolte. Die orthodoxen Gewerkschaften – die oft ebenso sehr ein Mittel zur Eindämmung von Protesten wie zu deren Förderung sind – haben sich gestern mit ihrer Rolle zufrieden gegeben, aber es ist alles andere als klar, dass sie in der Lage sein werden, die breitere antipolitische Stimmung, die durch Bloquons Tout repräsentiert wird, zu kontrollieren oder zu kanalisieren.

Vor diesem Hintergrund liegt es im Interesse der Regierung, vor Ablauf der Frist am 24. September eine Art Annäherung mit den zugelassenen Gesprächspartnern der Arbeitnehmer zu erreichen. Angesichts der bisherigen Unnachgiebigkeit Macrons und der anarchistischen Spontaneität von „Bloquons Tout“ bleibt die Lage in Frankreich jedoch ungewiss.

Quelle:  punkacademic France revolts – but to what end?

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Rally marking the 10th anniversary In memory of Luke Holland - Kundgebung zum 10. Jahrestag In Erinnerung an Luke Holland

Rally
- Saturday, September 20, 2025, 4:00 p.m.
Luke Holland memorial site Ringbahnstraße corner of Walterstraße (near Neukölln S-Bahn station)


Die Grafik zeigt ein Porträt von Luke Holland über das der Text: "Remembering Luke Holland in Gedenken" steht.
Luke Holland
Luke Holland was only 31 years old. On September 20, 2015, he was murdered in the early morning by a neo-Nazi on the street in Neukölln.

Luke came from Manchester and moved to Berlin in 2014. He was murdered because he spoke English. Shortly before the crime, the murderer complained that “only English and Spanish were spoken” in the bar in front of which he committed the murder. Nazi memorabilia, weapons, ammunition, and explosives were found in his apartment. However, judges and prosecutors still did not want to establish a right-wing motive for the crime.

Luke’s father, Philip Holland, believes that Luke’s murderer also murdered Burak Bektaş in 2012 and that the lack of investigative pressure after Burak’s murder gave him the confidence to kill his son Luke as well. In the parliamentary committee of inquiry into the “Neukölln complex,” he sharply criticized the police investigations.

On the 10th anniversary of Luke’s death, we will gather at the site of his death to commemorate him. Please feel free to bring flowers and candles. No one will be forgotten!


Remembering Luke Holland 
- In Erinnerung an Luke Holland: 10. Jahrestag eines rechten Mordes in Neukölln

Kundgebung 
Samstag, 20. September 2025, 16:00 Uhr
 – Luke Holland Gedenkort Ringbahnstraße Ecke Walterstraße (Nähe S-Bahnhof Neukölln) Berlin


Luke Holland wurde nur 31 Jahre alt. Denn am 20. September 2015 wurde er am frühen Morgen von einem Neonazi auf offener Straße in Neukölln ermordet.

Luke kam aus Manchester und zog 2014 nach Berlin. Er wurde ermordet, weil er Englisch sprach. Kurz vor der Tat beschwerte sich der Mörder darüber, dass in der Bar, vor der er den Mord beging, „nur noch Englisch und Spanisch gesprochen“ werde. In seiner Wohnung wurden zahlreiche Nazi-Devotionalien, Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. Ein rechtes Tatmotiv wollten Richter und Staatsanwälte aber trotzdem nicht feststellen.

Lukes Vater Philip Holland geht davon aus, dass Lukes Mörder 2012 auch Burak Bektaş ermordet hat und der fehlende Ermittlungsdruck nach dem Mord an Burak dem Verdächtigen das Selbstvertrauen gegeben hat, auch seinen Sohn Luke umzubringen. Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum „Neukölln-Komplex“ kritisierte er die polizeilichen Ermittlungen scharf.

An Lukes 10. Todestag kommen wir an der Todesstelle zusammen, um ihm zu gedenken. Bringt gerne Blumen und Kerzen mit. Niemand wird vergessen!

[Trailer zur Kundgebung bei archive.org / Youtube]

Quelle: Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş

45 Jahre Oktoberfestattentat

Der Flyer zeigt Elemente des Oktoberfestes: Riesenrad, Karusell und Achterbahn werden gesprengt. Im Hintergrund die Münchner Frauenkirche. Darüber der Text: "Oktoberfest Gedenken 26.09.2025 sowie das Logo der Münchner DGB Jugend und der VErweis auf die Webseite www.erinnernheisstkaempfen.de
Vorderseite des Einladungsflyers
Am 26.09.2025 jährt sich zum 45. Mal das Attentat auf das Oktoberfest von 1980 – der größte rechtsterroristische Anschlag der bundesdeutschen Geschichte.

Ein Attentat, bei dem nicht nur 12 Menschen ermordet und Hunderte verletzt wurden, von denen viele bis heute unter ihren Verletzungen leiden. Sondern auch ein Attentat, bei dem unzählige Angehörige, Familien und Freund*innen mit den Betroffenen mitgelitten haben und immer noch leiden.

Die diesjährige Gedenkveranstaltung soll sich daher mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Gedenkens beschäftigen.

Wir wollen einen Blick zurückwerfen und uns die Frage stellen, warum junge Menschen die Verantwortung für das Gedenken an die Opfer des rechten Terrors übernommen haben oder auch übernehmen mussten.

Wir wollen uns aber auch die Fragen stellen: Warum gedenken wir heute? Was wollen wir in Zukunft erreichen? Wo findet Gedenken noch zu wenig statt? Welche rechten Strukturen gibt es und wo gibt es Verbindungen zu anderen rechtsterroristischen Anschlägen?

Das jährliche Gedenken hat das Ziel, dass die Stadtgesellschaft die Überlebenden, ihre Angehörigen und die Opfer nicht vergisst. Es ist die Aufgabe der Jugend die Erinnerungen am Leben zu erhalten, damit wir nicht vergessen und uns erinnern.

Denn erinnern heißt kämpfen!

Wir laden ein zur Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung
Ort: Denkmal am Haupteingang zur Theresienwiese
Datum: Freitag, 26. September 2025, 09:30 Uhr

Wir freuen uns, dass auch in diesem Jahr wieder der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Dieter Reiter, ein Grußwort sprechen wird.

Die Veranstaltung wird in Kooperation und Beratung mit dem Kulturreferat München durchgeführt.

Quelle: Flyer DGB Jugend München (PDF)

Die Liberalen und die rechte Gefahr

Anmerkungen zu Daniel-Pascal Zorns Artikel „Zu stoßen was fällt“ in der Weltbühne Nummer 1 von Mai 2025 (Berliner Verlag GmbH)

In der im Frühjahr wieder aufgelegten Monatszeitschrift Weltbühne nennen die beiden Herausgeber die Tradition des Blattes „zu gleichen Teilen (…) links und bürgerlich“.

Links ist Thomas Fasbender, bis vor wenigen Tagen einer der beiden Verantwortlichen, nicht. Der Verlag wies vor kurzem den vielfachen Vorwurf der „rechten Mogelpackung“ zurück. Aber: „Inwieweit Autoren mit Denkansätzen der intellektuellen Rechten in der Weltbühne vertreten sein können oder nicht, ist eine wichtige Diskussion, die wir engagiert führen.“

Lechts und rinks statt rechts und links, wieder eine Debatte in falschen Gegensätzen.

Das Foto zeigt Martin Heidegger hinter einem Rednerpult
Martin Heidegger. Früher bekennender und aktiver Nationalsozialist, heute an der Bergischen Universität Wuppertal mit einem nach ihm benannten Institut geehrt. (Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 023740f / Fotograf: Willy Pragher, CC BY 4.0)
Ich möchte auf den Beitrag „Zu stoßen was fällt“ von Daniel-Pascal Zorn eingehen. Er ist (unter anderem) einer der drei Autoren von „Mit Rechten reden“ (Stuttgart 2017) und Berufsphilosoph an der Bergischen Universität Wuppertal. Per Leo, Mitautor von „Mit Rechten reden“, wurde gerade Nachfolger von Fasbender bei Weltbühne…

Zorn beschäftigt sich in der Weltbühne mit dem – von ihm diagnostiziertem – Machtkampf zwischen den Liberalen und den Rechten in den Ländern des Westens.

Der erste Teil analysiert die globale Lage und ist eine Mischung aus sterilem Politologensprech und Tagesthemen-Kommentar. Wir tauchen ein in die simple Welt der von Zorn zitierten deutschen talking heads Herfried Münkler und Carlo Masala und finden ganz viel Realismus. Zum Beispiel: „Die internationalen Bündnisse sind brüchig geworden. Es regiert der Eigennutz vor dem Idealismus“, „die westliche Werteordnung [als] die Berufung auf Freiheit und Menschenrechte “ und so weiter.

Praktischerweise kann Zorn sich mit diesem Artikel in den Pulk der deutschen Israelfreund*innen und/oder Totschweiger*innen einreihen, der seit einigen Wochen plötzlich, nach anderthalb Jahren, den Völkermord und den Bruch des Menschen- und des internationalen Rechts benennen kann. Allerdings ist seine Kritik sehr vorsichtig, mensch weiß ja nie… Biden hat nur „weggeschaut“, Europa lässt Trump machen und hat deshalb die „Glaubwürdigkeit der westlichen Werteordnung pulverisiert“.

Das stimmt so nicht, denn ohne die politische, ökonomische und militärische Unterstützung Israels durch die USA wäre dieses seit 686 Tagen und Nächten verübte, weltgeschichtliche Verbrechen unmöglich gewesen.

Und bereits am 11. Oktober 2023, drei Tage nach Beginn der Blockade und der Bombardierungen, haben Bidens Berater*innen das Vorgehen der israelischen Armee als Kriegsverbrechen eingestuft!

Die berüchtigten genozidalen Äußerungen von Netanjahu, Galant, Herzog und vielen anderen stammen aus den ersten Tagen nach dem 7. Oktober, und werden immer wieder erneuert.

Mit seinen lauen Distanzierungen bleibt Zorn also weiter nahe bei den schrecklichen Freunden Israels.

Wenigstens ist er nicht bei den „Profs against antisemism“ gelistet. Allein aus Wuppertal haben dort 13 Lehrende im Juli 2024 unterschrieben, um jegliche legitime Kritik an Israels Politik mit dem Antisemitismus-Vorwurf zu markieren und zu diskreditieren. Alles unter Führung von Professor Stefan Liebig, der auch gerne bei der rechten „Werteinitiative“ zu Gast ist…

Im zweiten Teil schreibt Zorn über die von ihm befürchtete rechte Revolution in der und gegen die bürgerlich-liberale Gesellschaft. Dabei wird es grundsätzlich: „Oft wird dann, weil eine Utopie eben nirgendwo verwirklicht werden kann, etwas Schlechtes daraus.“ Und auch ganz lyrisch: „Wut, Rache und Hass färben die Welt rot.“

Anscheinend geht es Zorn darum, rechtsoffene Lesende der Weltbühne zu warnen: „Das Chaos der Revolution ist (…) der Zusammenbruch der Zivilisation, ein Zustand der Rechtlosigkeit und des Bürgerkriegs.“

Bürgerliche Hölle oder faschistischer Alptraum, mehr gibt es also gar nicht?

„Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht vom Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit.“ Karl Marx schlußfolgert: „Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse auf den Menschen selbst… erst wenn der Mensch seine ‚forces propres‘ als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“ (Karl Marx, zitiert nach Schleifstein, Josef: Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin; Nachdruck der Ausgabe München, Beck, 1983, 4. Auflage; Essen 1995, Neue-Impulse-Verlag; S. 13)

Daniel-Pascal Zorn präsentiert diese Analyse: „… auf die Französische Revolution folgte[n] anderthalb Jahrhunderte Ringen um ein stabiles politisches System.“

Welche historische Schule soll das sein?

Anstatt über diese seltsame Periodisierung zu grübeln, sollte mensch besser Eric Hobsbawm lesen. Bei ihm folgt dem langen neunzehnten Jahrhundert (1780 – 1914) das kurze zwanzigste Jahrhundert (1914 – 1991), das Zeitalter der Extreme.

Hobsbawm stellt die Frage in den Raum, ob die Oktoberrevolution und damit die Sowjetunion nicht aus den Ideen der Aufklärung hervorgegangen sind. „… [die] verschiedenen Glaubensrichtungen und Postulate, auf die sich die moderne Gesellschaft gründete, seit die Modernen im frühen 18. Jahrhundert ihre berühmte Schlacht gegen die Alten gewonnen hatten, bei der es um jene rationalen und humanistischen Grundsätze ging, die der liberale Kapitalismus und der Kommunismus miteinander teilten und die schließlich auch deren kurze, aber entscheidende Allianz gegen den Faschismus – der diese Postulate bekämpfte – ermöglicht hatten.“ (Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München und Wien 1995, Carl Hanser Verlag, S. 25)

Dass der Liberalismus den Faschismus hervorgebracht hat, wird von Ishay Landa diskutiert: „Der Faschismus war das organische Ergebnis von Entwicklungen, die im Wesentlichen (…) innerhalb der liberalen Gesellschaft und Ideologie stattfanden. Es war ein extremer Versuch, die Krise des Liberalismus zu lösen, indem man seine inneren Widersprüche durchbricht, und die Bourgeoisie auf diese Weise vor sich selber zu retten.“ (Der Lehrling und sein Meister – Liberale Tradition und Faschismus; Berlin, 3. Auflage 2024, Karl Dietz Verlag, S. 17)

Hobsbawm hat 1994 ein dunkles Zeitalter vorhergesehen, und so ist es auch gekommen: „Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, dass wir die Vergangenheit oder Gegenwart lediglich fortschreiben. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern, die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft, ist Finsternis.“ (ebd: 720).

Es wäre schön, wenn unser Wuppertaler Feuilleton-Prominenter, anstatt auf drei Seiten mal eben die Weltgeschichte der Moderne zu erklären und sich in Andeutungen zu ergehen, einfach in seiner Universität umschauen würde.

Hier befindet sich seit 2013 eine Einrichtung, die eigentlich jeden Liberalen provozieren müsste.

Das „Martin-Heidegger-Institut“ ist an die Bergische Universität Wuppertal angeschlossen, es ist das einzige Institut zu Ehren des Philosophen weltweit. Niemand hat es vor 2013 gewagt, den tief in den Faschismus verstrickten Philosophen und in der BRD als postfaschistischer Stichwortgeber präsenten Intellektuellen mit einer nach ihm benannten universitären Einrichtung zu ehren, gerade deshalb.

In einer großen Debatte hat Theodor W. Adorno den sterilen Heidegger-Sprech mit Pseudo-Tiefgang Mitte der sechziger Jahre thematisiert. Als Jargon der Eigentlichkeit benennt Adorno Sprache, die reaktionäre Inhalte transportiert und sie zugleich verbirgt, basierend auf der Philosophie Heideggers. „… der Jargon [ist] eine zeitgemäße Gestalt der Unwahrheit“ (Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, in: Gesammelte Schriften Band 6, Frankfurt/Main, 6. Auflage 2013, Suhrkamp, S. 526)

Es ist die Sprache der vormaligen Nazis, die in der postfaschistischen BRD herrschte.

Radikalere Kritik als Adorno formuliert Alfred J. Noll 2016: „Martin Heideggers Philosophie ist von jeher und durchgängig autoritär. Sein Denken ist stets undemokratisch, fortschrittsfeindlich, antimodern und gegen Aufklärung gerichtet. Heideggers Philosophie ist in beeindruckender Weise irrational und mystisch, und diese Philosophie ist in ihren Folgen entsetzlich (…) Durch die Veröffentlichung dieser Notizen [Schwarze Hefte] wird nicht nur in nicht hinwegzudispudierender Weise belegt, was schon bisher gewiss war, dass nämlich Martin Heidegger ein bekennender, aktiver Nationalsozialist war. Belegt und in erschreckender Weise vor Augen geführt ist nun auch, dass Heidegger stets Antisemit und durchgängig Faschist war (…) Damit ist in der Diskussion um das Werk von Heidegger eine Zäsur geschaffen.“ (Alfred J. Noll: Der rechte Werkmeister – Martin Heidegger nach den „Schwarzen Heften“, Köln 2016, Papyrossa Verlag, S. 11)

Ein pseudo-honoriges Institut zu gründen, um den berüchtigten Heidegger mit der Namensgebung zu ehren war falsch, und es schadet Wuppertals Ansehen.

Herr Dr. Zorn, hier ist das Schweigen zu brechen, denn sonst droht, wie Sie in der Weltbühne warnen, „der Zusammenbruch der Zivilisation, ein Zustand der Rechtlosigkeit und des Bürgerkriegs“ durch die Rechten.

Bitte treten Sie an der Bergischen Universität Wuppertal dem Komplex Heidegger, der Träger, Multiplikator und Ideologie der rechten Revolution ist, entgegen!

Nochmals, liebe Wuppertaler*innen, die Sache ist schlimm: „Ein solches Werk darf nicht weiter in den Regalen der philosophischen Bibliotheken stehen. Es gehört in die Bestände zur Geschichte des Nationalsozialismus.“ Emmanuel Faye, Philosoph und Historiker (zitiert nach: Noll 2016, S. 205)

Ein Beitrag von Sebastian Schröder, Soziologe

Erstveröffentlichung: etos.media, 13. September 2025