trueten.de

»Es ist besser stehend zu sterben als auf Knien zu leben.« Emiliano Zapata Salazar

Einer sitzt im Knast - Freiheit für Beni

-Aufruf zur Prozessbegleitung-

Seit den Protesten gegen die Veranstaltung der “Alternative für Deutschland- am 3. Oktober 2016 am Cannstatter Kursaal befindet sich ein Antifaschist in Untersuchungshaft (dazu die Rote Hilfe & Stuttgart gegen Rechts). Der Vorwurf lautet “versuchter Diebstahl-. Angeblich soll er versucht haben, einem Polizisten das Pfefferspray zu entwenden. Tatsächlich gab es an diesem Tag viele Provokationen durch die Einsatzkräfte. Dabei hat der noch junge Polizist dem nun in U-Haft Sitzenden ins Gesicht geschlagen. Auf der Anklagebank sitzt jedoch nicht der Polizist, sondern Beni. Wieder einmal versucht die Justiz auf diese Art Entgleisungen von Polizeikräften im Nachhinein zu rechtfertigen.

Fakt ist, dass die Strategie der Polizei an dem Tag eindeutig auf Eskalation angelegt war. Wie auch bereits bei früheren Protesten sowohl gegen die „AfD“ als auch gegen die selbsternannte „Demo für Alle“ wurde versucht, die Demonstrierenden gezielt zu provozieren und im Nachgang zu kriminalisieren. Der Kampf gegen rechte und reaktionäre Kräfte soll in Stuttgart offensichtlich mit allen juristischen und polizeilichen Mitteln unterbunden werden. Um andere AktivistInnen abzuschrecken, werden gezielt einzelne AntifaschistInnen abgestraft. In diesem Fall wird erneut auf einen gezielt, dem auf Grund einer noch laufenden Bewährungsstrafe Knast droht.

Dieser Strategie werden wir mit unserer Solidarität entschieden entgegen treten und lassen uns nicht einschüchtern. Solidarität ist unsere Waffe gegen ihre Repression -“ Wir gehen gemeinsam gegen Rechts auf die Straße und stehen gemeinsam vor Gericht, weil wir der Überzeugung sind, dass unser Protest notwendig und legitim ist.

Deshalb rufen wir dazu auf, Benis Prozess am 24. Oktober 2016 ab 10 Uhr gemeinsam zu begleiten. Wir treffen uns dazu um 9 Uhr vor dem Amtsgericht Stuttgart (Hauffstraße 5/Haltestelle Neckartor).

Getroffen hat es einen -“ gemeint sind wir alle!

Für eine solidarische Perspektive!

Quelle: Stuttgart gegen Rechts & Rote Hilfe OG Stuttgart

Wer Beni schreiben möchte, bekommt die Kontaktdaten über die Rote Hilfe (stuttgart[ät]rote-hilfe.de).

Blogkino: Die Stadt ohne Juden (1924)

Wir setzen in unserer Kategorie Blogkino heute die Reihe mit Filmen des expressionistischen Kinos fort mit dem dem Aufruf, die Restauration des 1924 unter der Regie von H. K. Breslauer entstandenen Film "Die Stadt ohne Juden" zu unterstützen. Der aus heutiger Perspektive oft prophetische Weitsicht in Bezug auf die Geschehnisse im Faschismus zugeschrieben Film, die sich auch in den filmischen Bildern der Vertreibung der Juden widerspiegelt, basiert auf der Romanvorlage von Hugo Bettauer die auf satirische Weise die Konsequenzen des grassierenden Antisemitismus zu Ende dachte. Nur wenige Monate nach der Uraufführung am 25. Juli 1924 in Wien wurde der Autor der Romanvorlage von dem Nationalsozialisten Otto Rohstock in seinem Büro erschossen. Die Restaurierung und Wiederaufführung des vollständigen Werks sind nach dem Fund der bislang fehlenden Teile des Films auf einem Pariser Flohmarkt in Planung, jedoch aufgrund fehlender finanzieller Mittel noch nicht gesichert, FörderInnen und private SponsorInnen werden derzeit gesucht.

"Ich habe einen Plan..."

George Jackson, Black Panther Aktivist geboren am 23. September 1941, ermordet am 21. August 1971 in San Quentin.

Achttausend Menschen kamen zur George Jacksons Beerdigung am 28. August 1971 in die St. Augustine-™s church in Oakland. Nur 200 Trauergäste konnten an der Zeremonie teilnehmen, der Rest wartete außerhalb des Gebäudes.

"Mein Leben lang habe ich genau das getan, was ich wollte, und genau dann, wann ich es wollte - nicht mehr, vielleicht manchmal weniger, aber niemals mehr, was die Erklärung dafür ist, warum ich eingekerkert werden mußte. 'Der Mensch wurde frei geboren, und doch liegt er überall in Ketten.' Ich habe mich nie angepaßt. Sogar jetzt habe ich mich noch nicht angepaßt, nachdem ich schon die Hälfte meines Lebens im Gefängnis verbracht habe. Geboren mit der Aussicht auf vorzeitigen Tod, ein niederer Knecht, Existenzlohnkuli, Gelegenheitsarbeiter, der Sklave, der den Dreck für andere wegmacht, der Geschnappte, der Mann hinter Schloß und Riegel, ohne Kaution das bin ich, das Opfer des Kolonialismus. jeder der heute die Prüfung zum Beamtendienst besteht, kann mich morgen töten. jeder der diese Prüfung gestern bestanden hat, kann mich heute unter völliger Immunität töten. Ich habe in jedem Augenblick meines Lebens mit der Unterdrückung gelebt, mit einer derart furchtbaren Unterdrückung, daß jegliches Handeln auf meiner Seite nur Erleichterung bringen kann, die kurze Atempause eines kleinen Sieges oder die Erlösung durch den Tod. Ich bin im besten Sinne des Wortes, wirklich in jeder Hinsicht, ein Sklave für das und ein Sklave des Eigentums. Ich habe jede Hoffnung auf persönliches Glück in diesem Leben für die Aussicht aufgegeben, etwas zur Verbesserung unserer Verhältnisse als Ganzes beizutragen. Ich habe einen Plan. Ich werde alles geben, mich selbst, bis wir siegen oder ich untergehe. Ich bin davon überzeugt, daß jede ernsthafte Organisierung des Volkes von Anfang an die potentielle Drohung mit revolutionärer Gewalt enthalten muß."

George Jackson, via dit und dat

Texte von und über George Jackson


nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick

LATEINAMERIKA
Fast die Hälfte aller lateinamerikanischen Haushalte verfügt über einen Internetzugang. Dies geht aus dem aktuellen Bericht 2016 der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) hervor, der Mitte September bei einer Konferenz für Wissenschaft, Innovation, Informatik- und Kommunikationstechnologien in San José, Costa Rica, vorgestellt wurde. Die Anzahl der Haushalte mit Internetanschluss habe sich im Vergleich zu 2010 nahezu verdoppelt.

BRASILIEN
Kritiker der Verwendung von Biosprit haben Grund zur Freude, betroffene Landwirte verlieren ihre Existenzgrundlage: Im vergangenen Monat kündigte Brasiliens teilprivatisierter staatlicher Erdöl- und Energieriese Petrobras den Ausstieg aus der Produktion des umstrittenen Treibstoffes aus nachwachsenden Rohstoffen an.

HONDURAS
Der Putsch gegen Regierungschef Zelaya im Juni 2009 belastet das Land bis heute. Hillary Clinton trägt eine Mitverantwortung

KOLUMBIEN
Kolumbiens Regierung und die zweitgrößte Guerillaorganisation des südamerikanischen Landes, die Nationale Befreiungsarmee (ELN), haben am Montag abend (Ortszeit) in Caracas den Beginn der "öffentlichen Phase" ihrer Friedensverhandlungen angekündigt.

Nach Meinung des obersten Comandante der FARC ist es noch immer möglich, dass der Friedensprozess gerettet werden kann.

Untersuchungen des Obersten Gerichtshofes in Bogotá zufolge stehen 57 multinationale und regionale Unternehmen unter Verdacht, den mehr als 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt in Kolumbien mitfinanziert oder wirtschaftlich von ihm profitiert zu haben. Die Unternehmen, die unter anderem aus den Bereichen der Bergbau-, Viehzucht-, Erdöl-, Bananen- und Palmölindustrie kommen, wurden im Rahmen von Gerichtsverhandlungen gegen Paramilitärs mit Massakern, Folter, gewaltsamem Verschwindenlassen und Vertreibungen in Zusammenhang gebracht.

KUBA
Vorabdruck: Seit fast zehn Jahren steht Raúl Castro an der Spitze Kubas. Unter seiner Ägide leitete der ­sozialistische Staat tiefgreifende Reformen ein. Der Journalist Volker Hermsdorf hat eine Biografie geschrieben, die im Verlag Wiljo Heinen erscheint.

In der kubanischen Haupstadt starteten am Sonnabend 38 Angehörige der "Brigade Henry Reeve" zum medizinischen Hilfseinsatz nach Haiti. Im Nachbarland kamen nach Agenturberichten Hunderte Menschen durch den Hurrikan "Matthew" ums Leben, jetzt drohen eine Choleraepidemie und andere Seuchen.

PERU
Der Kongress in Peru hat einem Gesetzgebungsverfahren zur Legalisierung von Abtreibungen zugestimmt. Der Vorschlag war bereits im Jahr 2014 von einer Bürgerinitiative eingebracht worden, scheiterte zu diesem Zeitpunkt jedoch an einer rechtsgerichteten Mehrheit im Verfassungsausschuss.

VENEZUELA
Venezuelas Präsident Nicolas Maduro darf den Staatshaushalt künftig ohne die Zustimmung des Parlaments beschließen. Das Oberste Gericht des südamerikanischen Landes urteilte am Mittwoch, der Präsident dürfe das Parlament umgehen und das Budget stattdessen von dem Gericht als Dekret genehmigen lassen.

Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 14. Oktober 2016.

Horkheimer. Zum Wesen des Menschen

Horkheimer (links) mit Theodor W. Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (hinten rechts) in Heidelberg, 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro / CC-BY-SA-3.0

"Der Blutdurst der Bauern und sonstiger Helfershelfer, wenn ein Wolf oder ein Berglöwe sich nächtlich ein Schaf holt, verrät die schlecht überwundene Gier nach rohem Fleisch - nach Zerfleischen und Überfall. Indem man den tierischen Räuber zur "Bestie" stempelt, schlägt man draußen mit abgefeimter Brutalität, was man drinnen in sich selbst nicht ausrotten kann, das Vor-Zivilisatorische. Es kommt darüber hinaus in dem bestialischen Haß gegen den Wolf aber noch weiter zum Ausdruck, daß man den eigenen Fraß, dem die Schafe ausschließlich vorbehalten bleiben sollen, insgeheim als die grauenvolle Praxis empfindet, die sie wirklich ist. Die Züchter von Haustieren erfahren im täglichen Umgang mit ihnen etwas von deren Individualität und ihrem vertrauenden Leben. Der eigene Widerwille gegen den Mord am Beschützten, gegen den Verkauf an den Schlächter, ist in die untersten seelischen Schichten verstoßen und steigt in der Wut gegen den illegalen Fresser, der soviel harmloser ist als der verräterische Hirte selbst, mit blutunterlaufenen Augen herauf. Im Mord am Wolf bringt man das eigene Gewissen zum Schweigen. Die Gelegenheit ist günstig: man kommt sich dabei auch noch als Beschützer vor -” und ist es auch in diesem Augenblick. Der Schutz ist zugleich Totschlag - qui saurait y remedier! -, nur die blutunterlaufenen Augen verraten, daß noch mehr im Spiel ist als die Dialektik der Zivilisation."

Max Horkheimer - Notizen 1950 bis 1969

Themenabend zum 100. Geburtstag von Peter Weiss: "Trotz der Schwere ein Optimismus"

Einladungsflyer
Der am 8. November 1916 geborene Peter Weiss schrieb Theaterstücke und Romane. Bekannt wurde er mit dem dreibändigen Roman „Die Ästhetik des Widerstands“. Hier schildert er unter anderem am Beispiel der „Roten Kapelle“ die Bedingungen, unter denen Widerstand gegen Hitler möglich war. Im Theater wurde vor allem sein Stück „Die Ermittlung“, in dem er Ausschnitte aus dem Auschwitz-Prozess auf die Bühne brachte, berühmt.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss erinnert Janka Kluge an Leben und Werk des deutsch-schwedischen Schriftstellers, Malers und Dokumentarfilmers. Sie berichtet über seine Zeit im Ausland in den 1930er Jahren, seine Erfolge als politischer Dramatiker in der Nachkriegszeit und über das vielseitige literarische und künstlerische Schaffen des Antifaschisten, der am 10. Mai 1982 in Stockholm starb.

Janka Kluge erinnert an den Schriftsteller Peter Weiss und sein Werk.

KOMMA Jugend und Kultur
Dienstag, 6. Dezember, 19 Uhr
Maille 5-9, Esslingen

Eine gemeinsame Veranstaltung von:
• KOMMA Jugend und Kultur
• VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen
• Rosa Luxemburg Stiftung



Via VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen

Alfred-Hausser-Preis 2016 geht an „Geraubte Kinder“

Alfred Hausser

Die Wanderausstellung des Vereins „Geraubte Kinder -“ vergessene Opfer“ des gleichnamigen Vereins aus Freiburg erhält den Alfred-Hausser-Preis 2016.

Am 5. November 2016 im Esslinger Gewerkschaftshaus wird die Auszeichnung des Preisträgers erfolgen. Dies beschloss der Landesvorstand der VVN-BdA auf Empfehlung seines Beirats. Die 1947 von Überlebenden der Naziverfolgung gegründete überparteiliche antifaschistische Organisation vergibt den Preis seit 2006 alle zwei Jahre für Projekte, die in besonderer Weise die Erinnerung an den Widerstand gegen den Faschismus, die Verfolgten und die Opfer des Naziregimes bewahren helfen.

Die Wanderausstellung behandelt das Schicksal von Menschen, die von den Nazis als Kinder aus Polen, Russland, Slowenien, der Tschechoslowakei und Norwegen wegen ihres vermeintlich „arischen“ Aussehens nach Deutschland verschleppt wurden, woran in nicht geringem Maß die Deutsche Reichsbahn mitwirkte. Viele dieser geraubten Kinder konnten nach dem Krieg nicht in ihre Heimat zurückgebracht werden, weil deutsche Jugendämter bei der Verschleierung des Menschenraubs mitwirkten und die Kinder mit einer fremden Identität „einbürgerten“. So haben die meisten von ihnen nach 1945 ihre Eltern nicht wiedergesehen. Und wenn sie in zurückkehren konnten, traten schwere Probleme auf Das Leid dieser Menschen wurde nie als Verbrechen anerkannt. Nie erhielten sie eine Entschädigung. Von der Wanderausstellung über diese kaum bekannte Opfergruppe und dem dazu gehörenden Film, der sich auch mit der Uneinsichtigkeit der heutigen Deutschen Bahn beschäftigt, waren die Vergabegremien für den Alfred-Hausser-Preis berührt und beeindruckt

„Die Auswahl fiel unserem Beirat nicht leicht“, erklärte Lothar Letsche, das zuständige Vorstandsmitglied. „Auch die drei anderen nominierten Projekte waren ohne Zweifel preiswürdig und wurden von einzelnen Beiratsmitgliedern an die erste Stelle gesetzt. Aber wir können den Preis eben leider nur einmal vergeben.“ Im Auswahlverfahren befanden sich:

Die (inzwischen auch als Buch dokumentierte) Ausstellung „Nazi-Terror gegen Jugendliche“ -“ Verfolgung, Deportation und Gegenwehr in der Region Freiburg -“ unter Leitung der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg zwischen 2008 und 2015 weitgehend durch Jugendliche erarbeitet, die bei ZeitzeugInnen in aller Welt und in Archiven recherchierten
Eine (filmisch dokumentierte) Serie von Aktivitäten in Offenburg unter den Titel „KZ in der Nachbarschaft“. Zwei Schulen in Offenburg-Nord befinden sich auf einem ehemaligen Kasernengelände, das zeitweise als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof (Elsass) diente. Diese Tradition wird nicht verdrängt, sondern von den Schülerinnen und Schülern für beeindruckende Formen des Gedenkens und Erinnerns aufgegriffen.
Das Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis erarbeitete als Teil seiner vielfältigen Aktivitäten eine Broschüre und einen Vortrag über den als Vorbild verstandenen Widerstandskämpfer Fritz Birk (1894-1956), Verteidiger der Spanischen Republik, der auch nach dem 2. Weltkrieg in seiner Heimat versuchte und es schwer hatte, diese Welt zu einer gerechteren zu verändern.

• VVN-BdA Baden-Württemberg

• Geraubte Kinder -“ vergessene Opfer

• Nazi-Terror gegen Jugendliche“

• Buntes Haus Offenburg

• Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis


Quelle: Pressemitteilung VVN-BdA LV Baden-Württermberg

kritisch-lesen.de Nr. 41: Medien und Gegenöffentlichkeit

Foto: Continental Standard. Ausschnitt, Sommeregger, Cc-by-sa-3.0, GFDL

Die aggressiven Sprechchöre von Pegida und Co. haben sich in den letzten Monaten in das öffentliche Bewusstsein eingegraben. Und sie haben den hiesigen Abendlandverteidiger_innen ein zentrales Schlagwort geliefert, um sich in den Medien und der Politik zu positionieren: „Lügenpresse“. Journalist_innen sind neben Flüchtlingen das wichtigste Feindbild der Rechten in Deutschland. Linke wissen das -“ eigentlich. Sie wissen, dem Vorwurf der Lügenpresse haftet etwas Verschwörungsmythisches an, sie wissen, die Kampfparole von der Lügenpresse ist verkürzt, sie wissen, dass es sich die Gröhlenden auf den Straßen zu einfach machen.

Doch: In der Abwehr der rechten Medienverteufelung finden sich Linke schnell als Verteidiger_innen der bürgerlichen Medien wieder. Dabei ist linke Medienkritik seit jeher ein wichtiger Bestandteil in der Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft. Und sie ist notwendig: Kritische Stimmen in Bezug auf das deutsche Diktat gegen die griechische Bevölkerung kamen in der Mainstream-Presse fast nicht vor; gerade zu Beginn der Ukraine-Krise übertrafen sich öffentlich-rechtliches Fernsehen und die großen Tageszeitungen in der Dämonisierung Russlands; als die GDL streikte, wurde der GDL-Chef Claus Weselsky in bester kalter-Krieg-Rhetorik an den Pranger gestellt.

Aktuellstes Beispiel: Als aus Bautzen im September Berichte über Auseinandersetzungen zwischen Asylsuchenden und organisierten Rechten öffentlich wurden, schien für viele Medien die Sachlage klar: Flugs wurde aus Berichten der Polizei übernommen, dass die Gewalt von den jugendlichen Geflüchteten ausging. 20 von ihnen hätten, ohne Vorgeschichte, eine Gruppe von über 80 Rechten, viele von ihnen organisierte Nazis, angegriffen. In einem kritischen Kommentar zur Berichterstattung heißt es: „Die öffentliche Darstellung der Ereignisse in Bautzen grenzt an unterlassene Hilfeleistung und Anstiftung zum Pogrom. Sie deckt die eigentlichen Täter.“

Aber wie kann eine linke Medienkritik vor dem Hintergrund des aktuellen Medienwandels und unter zunehmend prekären Bedingungen überhaupt funktionieren? Einst verstanden viele Linke mit Lenin die progressive Presse als kollektiven Propagandisten, Agitator und Organisator. Doch die meisten linken Presseorgane sind heute „unabhängig" von konkreten Organisationen -“ und damit losgelöst von konkreten politischen Projekten. Das Internet verändert außerdem die Debatte um eine linke „Gegenöffentlichkeit“. Neue Medienakteure, die als Blogger_innen, Twitternde und Facebook-Aktivist_innen unterwegs sind, mögen kurzzeitig den engen Medienkorridor der bürgerlichen Medienlandschaft verlassen. Jedoch sollte einer Vereinzelung linker Meinungen ein starker, kollektiver Diskussionsprozess entgegengesetzt werden. Wie das funktionieren kann -“ vor allem unter Berücksichtigung prekärer Produktionsbedingungen -“ ist eine wichtige Frage und große Herausforderung für eine wirksame Gegenöffentlichkeit.

Kritisch-lesen. de möchte dazu beitragen, diese Diskussion anzuregen und weiter zu führen. Unsere 41. Ausgabe widmet sich deshalb dem Schwerpunkt „Medien und Gegenöffentlichkeit“ -“ und wartet wie gewohnt mit Interview, Essay und natürlich vielen Rezensionen auf. Viel Spaß beim kritischen Lesen!

Weiter