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»Jeden Tag sorgen die Menschen dafür, dass die Haare ordentlich sitzen; warum tun sie das nicht auch mit ihrem Herzen?« Ernesto "Che" Guevara

DAS GEHT UNS ALLE AN: Mieter:innen der Habersathstraße 40-48 unterstützen!

Das Plakat zeigt die Gebäude der Habersathstraße sowie stilisierte Abrissbagger sowie die Eckdaten zur Solidemo aus dem Textbeitrag. Dazu die unterstützenden Organisationen.
Plakat zur Demo
AUFRUF ZUR SOLI-DEMO FÜR DIE HABERSAATHSTRAßE 40-48 IN BERLIN MITTE

Entmietung mit Kälte, Gewalt und Zerstörung – mitten in Berlin, mitten im Winter.

KOMMT ZUR SOLI-DEMO Soli-Demo

Samstag, 28.03.2026
13:00 Uhr
Treffpunkt: Vor dem Roten Rathaus
Die Route der Demonstration wird rechtzeitig bekannt gegeben.

WORUM GEHT ES?

In der Habersaathstraße wird seit Jahren versucht, Menschen mit Drohungen und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Seit vier Monaten leben die Mieter:innen ohne Heizung und Warmwasser. Leerstehende Wohnungen werden im Auftrag des Vermieters demoliert, Türen eingetreten, Sanitäranlagen zerstört. Schlägertrupps im Haus – Angst gehört für die Bewohner:innen zum Alltag.

Das ist brutale Entmietung. Es reicht!

DIE FAKTEN
  • Seit 4 Monaten: keine Heizung, kein Warmwasser
  • Seit Jahren: Schikanen, Zerstörung und Gewalt gegen Mieter:innen
  • 120 bezahlbare Wohnungen sollen abgerissen werden
  • 3 Kündigungswellen gegen die Mieter:innen – gerichtlich für ungültig erklärt
  • Beschlüsse der BVV-Mitte zum amtlichen Eingreifen liegen vor
  • Aber: Das Bezirksamt Mitte bleibt untätig

WARUM DAS UNS ALLE BETRIFFT

Was hier passiert, ist kein Einzelfall. Es ist Teil eines Systems, das bezahlbaren Wohnraum zerstört und Menschen verdrängt. Wenn wir das hinnehmen, wird es überall Schule machen.

Heute trifft es sie – morgen uns alle.

DIE GUTE NACHRICHT

Gemeinsam können wir das stoppen.

Öffentlicher Druck wirkt. Solidarität wirkt. Die Soli-Demo ist ein klares Signal gegen Verdrängung, gegen Abriss und für bezahlbaren Wohnraum in Berlin.

UNSERE FORDERUNGEN

KEIN ABRISS! MIETER:INNEN SCHÜTZEN! BEZAHLBARE WOHNUNGEN RETTEN! REKOMMUNALISIERUNG JETZT!

AUFRUF VON

Bündnis gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung
Bündnis Zwangsräumungen verhindern
UfO – Union für Obdachlosenrechte
Berliner Mieterverein e.V.

KOMMT ALLE!

Wohnraum ist keine Ware – der Abriss intakter Wohnungen ist keine Option.

SOLI-DEMO | SAMSTAG, 28.03.2026 | 13 UHR TREFFPUNKT: VOR DEM ROTEN RATHAUS




Aktuelle Berichterstattung zum Kampf der Mieter:innen um ihre Wohnungen:

rbb Abendschau: Eigentümerterror gegen Mieter der Habersaathstraße
rbb Inforadio: Mieter kämpfen weiter um ihre Wohnungen 
tagesspiegel: Umkämpftes Haus in der Berliner Haberssathstraße

Quelle: Berliner Mieterverein

Wir haben es satt 2026

Das Foto von Björn Obmann zeigt ein Fronttransparent der BUND Jugend mit dem Text: "Braune Rüben unterpflügen - gemeinsam für eine bunte Landwirtschaft" dahinter eine Masse vornehmlich junger Menschen und weitere Plakate und Fahnen. Rechts im Bild ist die Kuppel des Bundestags zu sehen.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Mehr als 5.000 Menschen protestierten am 17. Januar 2026 anlässlich der Grünen Woche in Berlin für eine kleinbäuerliche Landwirtschaft und gegen Agrarkonzerne, Gentechnik und Massentierhaltung.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Veranstalter*innen haben sich auch gegen das Mercosur-Abkommen ausgesprochen, weil dadurch die kleinbäuerliche Landwirtschaft zusätzlich bedroht ist. Außerdem warnen sie vor den jetzt möglichen Soja-Futtermittelimporten, weil die mit den hier in der EU verbotenen Pestiziden gespritzt werden. Dieses Gift landet dann bei uns in den Lebensmitteln. Angeführt von zahlreichen Treckern zog die Demo durch das leere Regierungsviertel, geschmückt mit vielen fantasievollen und kämpferischen Parolen.

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Rojava verteidigen

Das Foto von Sabine Scheffer zeigt einen Demoblock, der von rechts im Bild kommt und zwei nebeneinander getragene Fronttransparente mit dem Text Gestern Terrorist, heute Präsident von Syrien - Der "IS" ist zu einem Staat geworden" im Vordergrund und "Gemeinsam verändern wir die Welt" rechts davon , hinter denen Frauen laufen. Zum Teil werden YPG Fahnen getragen oder Papptafeln mit Texten wie "Free Kobani"
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
Mehr als 4000 Menschen demonstrierten am 24. Januar 2026 in Berlin in Solidarität mit den angegriffenen Kurdinnen und Kurden in Nordsyrien. Auch in Köln, Frankfurt, Hamburg, Hannover und zahlreichen anderen Städten gingen Tausende gegen die anhaltende Gewalt gegen Kurden in den kurdisch besiedelten Gebieten auf die Straße, für die Frauen Revolution in Rojava und gegen das Schweigen der internationalen Gemeinschaft.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland, der kurdische Frauendachverband YJK-E, #Womendefendrojava und weitere Gruppen des Aktionsbündnisses riefen zur breiten Solidarität mit dem Widerstand in Rojava auf. Ihr Protest richtete sich gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Staatsterror gegen die Kurden und gegen die Gewalt, Kriegsverbrechen und Unterdrückung durch al-Jolani (Ahmed al-Scharaa), Interimspräsident Syriens und Anführer der islamistischen HTS-Miliz, der 2026 Gast beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist.

Wir fordern die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft auf, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Sicherung humanitärer Hilfe in Nord- und Ostsyrien zur Priorität zu machen und jede politische Aufwertung islamistischer Akteure entschieden zurückzuweisen. Es braucht einen anerkannten Status für Rojava, um eine friedliche Zukunft zu ermöglichen.

(aus dem Aufruf von Kon-Med)


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Unsere Nachbarn in Minneapolis oder: Was ich gesehen habe, als ich dort war

Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und der Grenzpolizei auf der Nicollet Avenue am 24. Januar 2026. Das war nach dem Tod von Alex Pretti, einem Einwohner von Minneapolis, durch Schüsse. Pretti ist der zweite Tote und dritte Mensch, auf den in diesem Monat in Minneapolis von Bundesbeamten geschossen wurde.
Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und der Grenzpolizei auf der Nicollet Avenue am 24. Januar 2026. Das war nach dem Tod von Alex Pretti, einem Einwohner von Minneapolis, durch Schüsse. Pretti ist der zweite Tote und dritte Mensch, auf den in diesem Monat in Minneapolis von Bundesbeamten geschossen wurde.

Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Vieles, was du über Minneapolis wissen musst, findest du auf dem George Floyd Square. Schöne Statuen von riesigen Stahlfäusten ragen aus dem Pflaster und werden von den roten, schwarzen und grünen Flaggen des Panafrikanismus gekrönt. Gedenk-Graffitis bedecken jede sichtbare Fläche. Die Bushaltestelle wurde zu einem kostenlosen Laden umfunktioniert, in dem Kleidung für jedermann zum Mitnehmen hängt. Die Stadt plant, den Bereich in eine offizielle Gedenkstätte umzuwandeln, aber das ist er bereits seit Jahren.

Die Menschen erreichen etwas, und die Regierungen bemühen sich, aufzuholen. So ist es überall.

Aber gerade Minneapolis weiß, was es bedeutet, der Toten zu gedenken. Die Stadt weiß, dass man im Gedenken an Menschen und für die Erinnerung an Menschen kämpft.

Ich habe letzte Woche vier Nächte und drei Tage in Minneapolis verbracht, um über die Netzwerke für schnelle Hilfe und gegenseitige Unterstützung zu berichten, an denen anscheinend die ganze Stadt beteiligt ist. Ich habe mich mit meinem Kollegen James Stout (vom Podcast It Could Happen Here) getroffen und war froh, mit einem erfahrenen Konfliktjournalisten zusammenzuarbeiten.

Wir verbrachten unsere wachen Stunden damit, mit so vielen Menschen wie möglich zu sprechen und herauszufinden, wie wir mit der Kälte umgehen sollten. Es war so kalt, dass der Schlüssel meines Trucks in der Tür nicht mehr funktionierte und ich ihn unverschlossen lassen musste. Es war so kalt, dass die brandneue Autobatterie meinen Motor nicht mehr anspringen ließ und wir die Batterie einmal über Nacht hereinholen mussten. Es war so kalt, dass meine Scheibenwischerflüssigkeit bei -20 Grad gefror. Es war so kalt, dass die Hälfte unserer Elektronik nicht funktionierte: James' Audiorecorder und sogar sein Telefon schalteten sich einfach aus.

Aber es war nicht kalt genug, um die Einwohner von Minnesota in ihren Häusern zu halten. Es war nicht so kalt, dass die Menschen nicht zu Zehntausenden oder Hunderttausenden auf die Straße gingen, um an dem Generalstreik teilzunehmen. Es war nicht so kalt, dass die Leute nicht in ihren Pyjamas und Crocs aus ihren Häusern strömten, als sie draußen Unruhe sahen, um zu sehen, ob sie etwas tun konnten, um ihre Gemeinden vor der ICE zu schützen. Es war nicht so kalt, dass die Leute sich nicht gegen etwas gewehrt haben, das einer ausländischen Besetzung durch professionelle Entführer gleichkommt. Ich übertreibe nicht, weder was die Kälte, noch was die Pyjamas oder die Entführer angeht.

Der Kommandant der Grenzpolizei, Greg Bovino, geht am 22. Januar 2026 mit BORTAC-Beamten an einer Speedway-Tankstelle in Minneapolis spazieren.
Der Kommandant der Grenzpolizei, Greg Bovino, geht am 22. Januar 2026 mit BORTAC-Beamten an einer Speedway-Tankstelle in Minneapolis spazieren.

Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Die kürzeste Version dessen, was ich gesehen habe, lautet: Ein paar Tausend Bundesbeamte besetzen gerade Minnesota. Sie sind in Minneapolis, St. Paul, den Vororten und sogar in einigen kleineren Städten. Niemand will sie dort haben – ich habe noch nie eine Gemeinde gesehen, die so vereint ist wie die Menschen in den Twin Cities.

Die ICE ist dort, um schwarze und braune Menschen zu entführen. Sie machen keinen Hehl aus ihrem Rassismus – sogar die örtliche Polizei hat sich beschwert, dass alle ihre nicht-weißen Beamten außerhalb ihres Dienstes von Bundesbeamten schikaniert werden. Maskierte, ungekennzeichnete Männer zerren Menschen einfach aus ihren Autos, werfen sie in unungekennzeichnete SUVs und fahren sie weg, oft um ihre Angehörigen nie wiederzusehen. Die Autos der Menschen bleiben auf der Straße zurück, manchmal noch mit laufendem Motor, manchmal noch im Fahrmodus.

Als Reaktion darauf haben sich viele gefährdete Menschen praktisch selbst unter Verschluss genommen. Es gibt Familien, die ihre Häuser nicht verlassen können. Andere Menschen – Freunde, Familienangehörige und Nachbarn – passen auf sie auf. Die Netzwerke, die sich um sie kümmern, sind mit Abstand die größten, am besten organisierten und erfolgreichsten Netzwerke dieser Art, die ich je gesehen habe, und sie sind völlig dezentralisiert. Es gibt keine zentrale Gruppe oder Organisation, die das organisiert. Es sind einfach nur Menschen. Menschen, die sich organisiert haben.

Dieser Kampf hat zwei Seiten: schnelle Reaktion und gegenseitige Hilfe. Netzwerke für schnelle Reaktionen organisieren sich, um Fahrzeuge und Beamte der Einwanderungsbehörde ICE zu identifizieren und zu verfolgen und Entführungen zu verhindern. Netzwerke für gegenseitige Hilfe organisieren sich, um betroffenen Menschen Essen, medizinische Versorgung, Fahrdienste, Tierarztbesuche, Gesellschaft ... alles, was sie brauchen, zu verschaffen. Das sind zwei getrennte Netzwerke. Die gegenseitige Hilfe ist natürlich geheimnisvoller organisiert, weil sie sich um Leute kümmert, die ihre Häuser nicht verlassen können, ohne entführt zu werden.

Es ist seltsam zu erkennen, dass die Arbeit, die Leute offen machen können, darin besteht, Bundesbeamte zu belästigen, aber die Arbeit, die Leute heimlich machen müssen, darin besteht, Leute zu versorgen.

Teilweise weil es keine zentrale Organisation gibt, ist es schwer, sich ein Bild vom Umfang dieser Netzwerke zu machen, vor allem von den Netzwerken für gegenseitige Hilfe. Mindestens Zehntausende Menschen werden von diesen Netzwerken betreut.

Das Netzwerk für schnelle Hilfe ist etwas sichtbarer. Wenn ein ICE-Fahrzeug gesichtet wird, folgen ihm Leute in Autos, hupen und pfeifen.

Aus der Ferne muss ich zugeben, dass ich skeptisch war, was die Wirksamkeit von Trillerpfeifen und Autohupen angeht. Nach ein paar Tagen vor Ort habe ich keine Zweifel mehr. Ich habe eine Person nach der anderen gefragt: „Funktioniert das?“ Und alle hatten einen traurigen Ausdruck im Gesicht, als sie an jedes Mal dachten, als es ihnen nicht gelungen war, eine Entführung zu verhindern. Aber alle hatten mehrere Entführungen erfolgreich verhindert.

Im Grunde scheinen die ICE-Beamten sich zurückzuziehen, sobald sie in der Unterzahl sind. Sie wissen, dass sie in der Stadt nicht als legitime Strafverfolgungsbehörde wahrgenommen werden, deshalb arbeiten sie schnell und heimlich. Da Entführungen schnell gehen – oft werden Menschen innerhalb von zwei oder drei Minuten verschleppt –, muss die Reaktion genauso schnell sein. Und es funktioniert, denn wenn die Leute Pfeifen und Autohupen hören, schauen sie sich um. Sie kommen aus ihren Häusern.

Es funktioniert, weil jeder weiß, dass das, was passiert, falsch ist, und jeder bereit ist, sein Leben zu riskieren, um Menschen zu schützen.

Immer wieder hat die ICE versucht, jemanden zu entführen, wurde aber von Minnesotanern in Pyjamas und Crocs abgeschreckt. Die ICE wirft Tränengas, sprüht Pfefferspray – und ermordet gelegentlich jemanden – und rennt dann weg.

Es gibt so viele Klischees, um die ich beim Schreiben über all das herumtanzen muss, aber einige sind einfach unvermeidlich. Anti-ICE ist die Seite der Liebe und des Mutes, und ICE ist die Seite des Hasses und der Angst.

Ich blieb in meiner letzten Nacht in der Stadt lange auf und unterhielt mich mit einem Haus voller Queers – die meisten von ihnen Juden – über ihre Erfahrungen in den letzten zwei Monaten. Zwei Leute erzählten mir eine Geschichte, die mir im Gedächtnis bleiben wird. Es ist eine schockierend normale Geschichte.

Der Mord an Renée Good hielt die Leute nicht davon ab, ICE zu beobachten. Am selben Tag, ein paar Stunden später, beobachteten zwei queere Leute an einem anderen Ort in der Stadt ICE von einem Auto auf einem Parkplatz aus. ICE hätte um sie herumgehen können, aber ICE wollte, dass sie sich bewegten. Die beiden Leute im Auto bewegten sich nicht.

Also zerschlug die ICE ihre Fenster und besprühte sie mit Pfefferspray (später prahlten sie damit, dass sie das gute Zeug bei den beiden benutzt hatten). Die ICE fing an, sie zu schlagen.

Sie hielten sich an den Händen.

Die beiden erzählten diese Geschichte auf ihre eigene Weise und hörten einander zu, während sie einen der schlimmsten Tage ihres Lebens noch einmal durchlebten, aber beide erinnerten sich daran, dass sie sich an den Händen gehalten hatten, und verweilten nur kurz bei dieser Erinnerung. Blind von dem Bärenspray, umgeben von Glasscherben, während sie mit Handschuhen bekleidete Fäuste auf sie einschlugen, hielten sie sich fest.

Beide sind Staatsbürger, daher wurden sie nach Stunden ohne medizinische Versorgung, aber voller homophober Beleidigungen, ohne Anklage freigelassen.

Als sie nach Hause kamen, stand ihr Auto dort. Ein anderer Beobachter hatte sich in das mit Pfefferspray und Glasscherben übersäte Auto gesetzt und es nach Hause gefahren. Sie wissen nicht einmal, welcher der Beobachter das für sie getan hat, denn wer auch immer es war, blieb nicht da, um sich bedanken zu lassen. Wahrscheinlich ist derjenige, der ihr Auto gerettet hat, wieder hinausgegangen, um weiter zu helfen.

Ich habe Leute in Minneapolis gefragt, was andere Menschen über ihren Kampf wissen sollten, und eine Person antwortete: Erzählt den Leuten auch von der Schönheit hier. Die schrecklichsten Taten des Staates machen Schlagzeilen – und das aus gutem Grund –, aber das, was hier passiert, hat auch eine ganz besondere Schönheit.

Als ich die Leute fragte, woher all das kommt, war die Antwort nie eine bestimmte Organisation, ein Netzwerk oder eine Koalition. Organisationen, Netzwerke und Koalitionen sind natürlich ein Teil davon. Aber der Kern des Widerstands ist einfach Nachbarschaftshilfe.

Am Freitag des Generalstreiks, dem kältesten Tag in Minnesota seit 2019, sprang mein Truck nicht an. Wir hatten all unsere Sachen gepackt, um zur direkten Aktion zur Schließung der ICE zu fahren, aber mein Motor sprang nicht an. Meine brandneue Batterie hatte nicht genug Kraft, um das kalte Öl in Bewegung zu bringen, nicht einmal mit einer Starthilfe.

Ein Nachbar kam heraus, fast passend für das Wetter gekleidet, um seine Hilfe anzubieten. Er war kein Mechaniker, er sah nur, dass Leute feststeckten und dachte, er sollte nach uns sehen. Er bot uns an, dass wir zumindest in sein Haus gehen könnten, um uns aufzuwärmen.

Drei verschiedene Leute kamen, um uns zu helfen, in zwei verschiedenen Autos. Jemand, den wir am Tag zuvor getroffen hatten, bot uns an, uns ein Auto zu leihen. Ein Mechaniker, den ich noch nie gesehen hatte, kam vorbei, um mit uns die Optionen zu besprechen. Am Ende haben wir mit Handwärmern, einem Föhn und Starthilfekabeln den Truck zum Laufen gebracht.

Wenn es Probleme gibt, die mit Handwärmern gelöst werden können, werden die Leute in Minneapolis sie lösen. Überall, wo wir hinkamen, gab es Leute, die Hand- und Fußwärmer verteilten.

Aber dieser Geist von „Wenn dein Auto wegen der Kälte kaputt ist, werden Fremde dir helfen“ wurde mir von mehreren Leuten als der Geist präsentiert, der den Widerstand gegen ICE belebt. Manche Leute sind in ihren Häusern gefangen, also versuchen andere, ihnen so gut es geht zu helfen, egal ob sie genug Erfahrung haben oder nicht, egal ob sie bereit sind oder nicht.

Ich kann die Dezentralisierung dieser Netzwerke gar nicht genug betonen, und alle, mit denen ich gesprochen habe, sind sich der Grenzen dieser Dezentralisierung voll bewusst und wissen auch, dass nichts davon funktioniert hätte, wenn alles von dieser oder jener Organisation, dieser oder jener gemeinnützigen Einrichtung, dieser oder jener ideologischen Position geleitet worden wäre. (Obwohl die Geschichte der anarchistischen Organisation sicherlich zu den Zutaten gehört, die diesen besonderen Eintopf möglich gemacht haben. Was für eine gute Metapher mir gerade eingefallen ist. Ich bin so gut in meinem Job.)

Sowohl die schnellen Reaktionen als auch die gegenseitige Hilfe sind hyperlokal. Es gibt kein stadtweites Netzwerk, es gibt kaum Netzwerke auf Nachbarschaftsebene. Die Leute organisieren sich mit Leuten aus ihrem eigenen Block oder einer kleinen Handvoll Blöcken. Das wird nicht als Einschränkung gesehen, sondern als Vorteil. Das war einer der wichtigsten Punkte, die ich betonen sollte, wenn ich mit Leuten aus anderen Städten darüber rede, wie man sich organisiert: Dezentralisierung ist eine Stärke und sollte genutzt werden.

Dezentrale Netzwerke sind schwerer zu infiltrieren und schwerer zu zerstören. Diese Bewegung hat keinen Anführer, sondern viele, und es gibt nicht wenige bestimmte Leute, die verhaftet werden könnten, um die Bewegung zu stoppen. Weil sie aus so vielen miteinander verbundenen Netzwerken besteht, wäre die Störung minimal, selbst wenn es einem böswilligen Akteur gelänge, einen einzelnen Teil des Netzwerks zu stören (indem er beispielsweise eine bestimmte Organisationsgruppe mit Kleinigkeiten überhäuft und sie daran hindert, ihre Arbeit zu erledigen). Da das Netzwerk demokratisch ist (nicht in dem Sinne, dass die Beteiligten über Entscheidungen abstimmen, sondern in dem Sinne, dass es von den Menschen, die Teil davon sind, und nicht von einer Avantgarde von Führern geleitet wird), werden die Menschen nur dann angehört, wenn ihre Ideen tatsächlich Anklang finden.

Darüber hinaus sind demokratische Bewegungen von Natur aus für ein breiteres Spektrum von Menschen attraktiver, da die Einzelnen, die sich ihnen anschließen, die Kultur und Taktik dieser Bewegung mitgestalten können. Jemand, der einer Signal-Gruppe beitritt, um über die Aktivitäten der ICE in seiner Nachbarschaft auf dem Laufenden zu bleiben, schließt sich nicht unbedingt dieser oder jener Kultur oder politischen Ideologie an.

Die hyperlokale Natur der "Schnellreaktionsnetzwerke" ist eigentlich eine Anpassung, die sie entwickelt haben. Als die ICE zum ersten Mal auftauchte, führten sie riesige Razzien mit Hunderten von Agenten durch, die Stunden dauerten. Die Leute hatten Zeit, sich zu versammeln, und die Helfer konnten aus einem vergleichsweise großen Gebiet kommen. Die ICE hat schnell gemerkt, dass sie nicht offen agieren kann, und ist zu schnellen Entführungen übergegangen. Jetzt machen sie einfach rassistische Profiling von Leuten auf der Straße (oder scannen Nummernschilder nach Namen) und schnappen sie sich, was manchmal nur 2-3 Minuten dauert. Man muss nur ein paar Blocks entfernt sein, um das zu beobachten oder zu verhindern, also wird die Organisation Block für Block gemacht.

Diese Art der Organisation funktioniert, weil die überwiegende Mehrheit der Menschen in der Stadt sehr aktiv dagegen ist, dass ihre Nachbarn entführt werden. Es gibt keinen Mangel an Menschen, die bereit sind, ICE anzuschreien.

Da es innerhalb der Organisation gegen ICE keine starre Autorität gibt, bleibt sie für ihre Feinde unberechenbar. Einige Beobachter sind eher bereit, ICE aktiv zu stören als andere. Einige Leute, die ICE verfolgen, tun dies ruhig, andere tun es aggressiv. Die Leute können ihre eigenen Risiken eingehen und ihre eigenen Entscheidungen treffen, was bedeutet, dass die ICE keine einheitlichen Protokolle für den Umgang mit den Beobachtern entwickeln kann.

Ich muss hier wirklich den Aspekt der „Führungskraft” betonen. Es handelt sich nicht um unorganisiertes Chaos und Zufälligkeit. Es handelt sich vielmehr um organisiertes Chaos und Zufälligkeit. Die Leute passen sich ständig den Umständen an und ändern ihre Protokolle und Taktiken von Tag zu Tag, manchmal sogar von Stunde zu Stunde. Ich habe noch nie eine so agile Organisation dieser Größe gesehen.

Mehr als eine Person sagte mir: Was man über den Aufbau von "Schnellreaktionsnetzwerken" wissen muss, ist, dass sie dezentralisiert sein müssen. Sie müssen die Autonomie ihrer Teilnehmer maximieren. Sie müssen „leaderful” sein. Nichts davon funktioniert von oben nach unten.

Als ich fragte, woher diese Bewegung kam, warum Minneapolis so gut in der Lage zu sein schien, seine Bevölkerung zu schützen, wiesen alle, mit denen ich sprach, auf unterschiedliche Ursachen hin, obwohl keiner behauptete, die einzige Ursache zu kennen.

Ein Organisator der American Indian Movement (AIM), der in dieser Bewegung aufgewachsen ist, erzählte von den Gemeindepatrouillen, die indigene Menschen Ende der 60er Jahre organisiert hatten, und davor von der Solidarität zwischen den schwarzen Gemeinden im Norden von Minneapolis und den indigenen Gemeinden im Süden von Minneapolis.

Ein anderer Organisator aus dem Stadtteil Powderhorn erzählte mir von der Kunstszene in dieser Gegend, insbesondere von den Mayday-Paraden, die seit Mitte der 70er Jahre jedes Jahr stattfinden. „Die Leute kommen einfach zum Powderhorn Park und basteln Puppen“, wurde mir gesagt. Die Parade ist selbst organisiert, selbst geleitet und legendär.

Andere erzählten mir von Potlucks und Barbecues. Letztes Jahr, mit der zunehmenden Krise des Faschismus, begannen mehr Menschen, Veranstaltungen für ihre Nachbarn zu organisieren, einfach um sich kennenzulernen.

Eine Person nach der anderen sprach auch über den George-Floyd-Aufstand von 2020 und über die Community-Netzwerke, die die Menschen damals aufgebaut hatten. Es ist nicht so, dass die Menschen Netzwerke aufgebaut und diese super aktiv gehalten haben, aber Verbindungen können jahrelang ruhen und dann wieder aufleben. (Wie Samen? Sprechen wir hier von Wurzeln oder Samen? Ich bin so gut in Metaphern.)

Im Gegensatz zu dem, was alle Apokalypse-Filme erzählen, kommen Menschen in Krisenzeiten zusammen. Denk mal daran, wie es ist, auf den Bus zu warten. In manchen Kulturen reden Fremde nicht miteinander, sodass man vielleicht in gedrängter Stille auf den Bus wartet. Aber sobald der Bus fünf Minuten zu spät kommt, sind alle Freunde oder tauschen zumindest Informationen und/oder Snacks aus.

Heutzutage halten die Leute, die auf den Bus warten, natürlich auch Ausschau nach den Besatzungstruppen.

Während einige Verbindungen zwischen Nachbarn und Gemeinden tief verwurzelt sind, sind die meisten Verbindungen in den letzten Monaten (und insbesondere in den letzten Wochen) entstanden, als sich die Krise verschärfte. Menschen, die früher ein Dutzend Nachbarn kannten, kennen jetzt Hunderte von ihnen.

Der andere Ursprung dieser Bewegung sind natürlich die Bewegungen, die die Menschen bereits an anderen Orten ins Leben gerufen haben, um sich gegen die ICE zu wehren. Wir lernen alle voneinander. Vielleicht hat alles mit Leuten aus Chicago angefangen, die nach Norden gereist sind, um den Leuten den Umgang mit Trillerpfeifen beizubringen.

Manchmal lehne ich mich einfach zurück und denke nach, wirklich nach, über die Tatsache, dass es Trillerpfeifen, Autohupen und Menschenmengen gegen die moderne Gestapo sind, und bevor ich Minneapolis besucht habe, konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, dass das funktionieren könnte.

Aber es funktioniert. Es funktioniert, weil Leute in Pyjamas und Crocs um sieben Uhr morgens Faschisten anschreien und dafür Pfefferspray ins Gesicht bekommen und es einfach Tag für Tag weitermachen.

Es funktioniert, und ich glaube, wir werden gewinnen, und es wird chaotisch und unangenehm werden. Aber während die ICE in Minneapolis beschäftigt ist, kann sie anderswo nicht so viel Druck ausüben.

Letzten Freitag war der Generalstreik.

Das Foto zeigt einen kleinen Ausschnitt der Protestdemo
Zehntausende demonstrieren beim Generalstreik in der Innenstadt von Minneapolis gegen die Einwanderungsbehörde ICE

Trotz einer gefühlten Temperatur von etwa -30 °F haben laut den Organisatoren 50.000 Leute an einer der größten, wenn nicht sogar der größten Demo in der Geschichte Minnesotas in Minneapolis teilgenommen.
Die Demonstranten fordern Gerechtigkeit für den Tod von Renée Good und wollen, dass die Bundesbeamten, die das tägliche Leben in Minnesota durcheinandergebracht haben, abgezogen werden.

Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Normalerweise lautet das Motto eines Generalstreiks „kein Business as usual”. Aber Business as usual ist in Minneapolis schon seit Monaten fast unmöglich. Die Familien, die sich verstecken, die Familien, die versorgt werden, sind nicht und waren nie nur „Lasten für die Gesellschaft”, wie die Rechte sie gerne darstellt. Sie sind für das Funktionieren der Stadt unverzichtbar, und die Wirtschaft von Minneapolis wurde durch die Präsenz der ICE völlig ruiniert. Vor allem die Gastronomie und der Lebensmittelvertrieb sind stark betroffen. Ich habe mit jemandem gesprochen, der für ein völlig unpolitisches Lebensmittelvertriebsunternehmen arbeitet, das sich dem Generalstreik angeschlossen hat, weil es genauso verzweifelt wie alle anderen ist, die Menschen wieder an die Arbeit zu bringen und Lebensmittel in die Stadt und um sie herum zu transportieren.

Es ist ein Beweis für die dezentrale Organisation in der Stadt, dass die Leute, mit denen ich gesprochen habe, zwar in der gegenseitigen Hilfe und schnellen Hilfe aktiv sind, aber nicht die Organisatoren des Generalstreiks waren. Aber ein Streik ist von Natur aus führungslos, weil er von Menschen getragen wird, die ihre Arbeit verweigern. Selbst in den wenigen Tagen, die wir dort waren, schlossen sich immer mehr Unternehmen dem Streikaufruf an, auch weil ihre Mitarbeiter sowieso nicht zur Arbeit kommen würden.

In einigen Social-Media-Beiträgen heißt es, dies sei der erste Generalstreik in den USA seit 80 Jahren (ich nehme an, damit ist der Generalstreik von Oakland im Jahr 1946 gemeint), aber ich bin nicht so alt, wie du vielleicht denkst, und dies ist mein zweiter Generalstreik – in Oakland gab es am 2. November 2011 während der Occupy-Proteste einen weiteren, der ungefähr diesen Umfang hatte.

Aber letzten Freitag strömten Zehntausende oder sogar Hunderttausende von Menschen an dem kältesten Tag des Jahres (ich bin noch immer nicht fertig damit, mich darüber zu beschweren, wie kalt es war. Daran erkennt man, dass ich kein Minnesotaner bin) in die Innenstadt, um gegen die ICE zu demonstrieren.

Am frühen Morgen versuchten einige Hundert Menschen, das Hauptquartier der ICE in der Nähe des Flughafens zu belagern. Seit ICE in die Stadt gekommen ist, waren fast jeden Tag Demonstranten da, und wieder mal sind die Leute, die diese speziellen Proteste organisieren, andere Leute mit anderen Unterstützernetzwerken als die anderen Gruppen, die andere Sachen machen.

Um neun Uhr morgens tauchten also Hunderte von Leuten mit Transparenten, Schildern, Schilden, Barrikaden und Soundsystemen auf. James und ich kamen wegen der schon erwähnten Autopanne zu spät. Aber keine Sorge, wir kamen rechtzeitig, um von der Bezirkspolizei umzingelt zu werden und die uns mitteilte, dass wir verhaftet würden, wenn wir uns nicht zerstreuten, ohne uns klar zu sagen, wie wir das tun sollten. Die Polizisten sagten uns, wir sollten nach Osten zu einer bestimmten Straße gehen, die so unbedeutend war, dass niemand in unserer Umgebung jemals von ihr gehört hatte.

Stattdessen fuhren wir mit der Stadtbahn weg. Ein weiteres Argument für ein robustes öffentliches Verkehrssystem.

Bevor wir losfuhren, sahen wir, wie die Polizei drei Leute festnahm, die sich ihnen mit erhobenen Armen genähert hatten, vermutlich nur, um zu fragen, was sie tun sollten.

In der Zwischenzeit waren Hunderte von Geistlichen aus dem ganzen Land in Minneapolis angekommen, um zu protestieren und zivilen Ungehorsam zu leisten, um gegen die ICE und die Abschiebung zu protestieren. Wir waren damit beschäftigt, von Polizisten an anderer Stelle eingekesselt zu werden, sodass wir ihre Aktion nicht mitbekamen.

Einige der bekanntesten Verhaftungen in den Twin Cities betrafen Leute, die von der Trump-Regierung beschuldigt wurden, antireligiös und antichristlich zu sein, weil sie vor einer Kirche protestiert hatten. Aber auf den Schildern an allen Kirchen, die ich in der Stadt gesehen habe, stand „Anti-ICE“ und „Pro-Inklusion“. Die überwiegende Mehrheit der Verhaftungen während des Generalstreiks betraf Geistliche. Viele der Leute, mit denen ich die meiste Zeit verbracht habe, waren praktizierende Juden. Fromme Muslime versorgten uns mit Sambusas, während wir mit den Leuten sprachen, die eine somalische Kindertagesstätte beschützten. Der AIM-Organisator sprach vom Schöpfer.

Die Faschisten, die sich hinter Kreuzen verstecken, sprechen nicht einmal für das Christentum, geschweige denn für Religion, Spiritualität oder das Göttliche.

An unserem letzten Abend in der Stadt waren wir zu Gast in einem Haus voller queerer Juden, die uns eine Geschichte nach der anderen erzählten. Zwei Dinge, die sie sagten, sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Jeder vergleicht Trump und die modernen Faschisten mit den berühmtesten Faschisten, den Nazis. Das ist eigentlich kein leichtfertiger Vergleich, sondern ein nüchterner Blick auf die Geschichte und auf unsere mögliche Zukunft als Land. Viele der Menschen, mit denen wir gesprochen haben, hatten Familienmitglieder, die das Nazi-Regime überlebt haben – und Familienmitglieder, die es nicht überlebt haben –, und sie werden diese Vergleiche nicht leichtfertig anstellen.

Einer unserer Freunde beschrieb, wie es sich anfühlte, auf ein verlassenes Auto mitten auf der Straße zu stoßen und herauszufinden, wem es gehörte. Das war eine Aufgabe, die sie fast täglich erledigten. Sie mussten das Handschuhfach und die Mittelkonsole durchsuchen, nach Papieren oder Notizen suchen, um herauszufinden, wessen Leben gerade ruiniert oder beendet worden war. Sie hatten das Gefühl, Geistern auf der Spur zu sein. Sie fühlten sich wie im Deutschland der 1930er Jahre.

Ein anderer Freund erzählte uns die Geschichten, mit denen er aufgewachsen war. Seine Familie hatte sich jahrelang in Deutschland versteckt, bevor sie 1937 floh. Er war mit der wiederholten Aussage aufgewachsen, dass seine Nachbarn ihnen nicht geholfen hatten. Dass die Familie bis zu ihrer Flucht allein gewesen war.

Die Person, die mir das erzählte, bekam während des Gesprächs einen Kloß im Hals, und ich fing an zu weinen, während ich zuhörte. Sie sagte mir, dass diesmal, wenn sie irgendetwas daran ändern könnten, die untergetauchten Familien wissen würden, dass sie nicht allein waren. Dass ihre Nachbarn zu ihnen standen.

Unausgesprochen, aber in den Gesichtern der Menschen im Raum geschrieben, stand die Tatsache, dass Nachbarn, Fremde, füreinander sterben würden. Renée Good hatte es bereits getan.


Nicollet Avenue, 24. Januar 2026, wo Alex Pretti morgens von ICE-Beamten erschossen wurde. Das ist die zweite Person, die diesen Monat in Minneapolis von Bundesbeamten getötet wurde, und die dritte Person, auf die sie geschossen haben.
Nicollet Avenue, 24. Januar 2026, wo Alex Pretti morgens von ICE-Beamten erschossen wurde. Das ist die zweite Person, die diesen Monat in Minneapolis von Bundesbeamten getötet wurde, und die dritte Person, auf die sie geschossen haben.
Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Am nächsten Morgen um 9:05 Uhr wurde Alex Pretti von maskierten Bundesbeamten entwaffnet und dann auf offener Straße hingerichtet. Seine letzte Tat war der Versuch, jemandem zu helfen.

In meiner letzten Nacht in der Stadt habe ich nicht viel geschlafen. James und ich nahmen Podcasts auf, weil das unser Job ist, der Job, für den wir hierher geschickt worden waren, und dann schlief ich ein wenig und wachte auf und fuhr ihn zum Flughafen, nachdem wir die Autobatterie wieder in meinen Truck eingebaut hatten – denn es war wieder so verdammt kalt, dass wir sie über Nacht ins Haus holen mussten, um dann vor Sonnenaufgang aufzuwachen und an winzigen Schrauben in meinem Motorraum herumzufummeln.

Ein Wintersturm zog auf. Rekordschneefall. Wenn du irgendwo in der östlichen Hälfte der USA bist, hast du ihn vielleicht mitbekommen oder zumindest den eisigen Rand davon. Von meinem Wohnort aus sind es eigentlich zwei Tage Fahrt nach Minneapolis und zurück, aber wieder einmal musste ich es in einem Tag schaffen, weil ich dem Sturm zuvorkommen musste. Ich würde irgendwo eingeschneit werden, und ich wollte, dass es bei denen war, die ich liebe.

Ich war zwei Stunden unterwegs, als ich hörte, dass die ICE an diesem Morgen jemanden getötet hatte. Ich fuhr von der Autobahn ab und weinte auf dem Parkplatz einer verlassenen Tankstelle.

Nach etwa fünfundvierzig Minuten der Selbstreflexion und des Nachfragens bei Freunden beschloss ich, weiterzufahren. So sehr ich Minneapolis auch liebe, es ist nicht meine Stadt, und ich kenne sie nicht gut genug, um mich in einer Notsituation ohne Hilfe zurechtzufinden. Die Leute hatten sich Zeit genommen, weg von ihrer anderen Arbeit, ihrer lebensrettenden Arbeit, um mir in der Krise, die die Stadt erfasst hatte, beizustehen, damit ich nach Hause fahren und den Leuten erzählen konnte, was ich gesehen hatte. Es kam mir egoistisch vor, umzukehren. Es kam mir egoistisch vor, nach Hause zu fahren. Es kommt mir sogar selbstsüchtig vor, dir zu erzählen, wie hin- und hergerissen ich war.

Ich verbrachte die nächsten zwölf Stunden damit, so schnell wie möglich zu fahren, während der Sturm mir auf den Fersen war. Ich fuhr dem Schnee voraus und hielt dann an, um zu tanken oder auf die Toilette zu gehen, nur um mich wieder im Sturm wiederzufinden. Das passierte dreimal, und ich möchte nicht, dass dies symbolisch oder metaphorisch ist. Ich möchte, dass es Zufall ist.

Aber die Sache ist die: Was in Minneapolis passiert, passiert auch anderswo, und das schon seit einiger Zeit. Menschen werden entführt und verschwinden. Menschen sterben in Haft und Menschen sterben auf der Straße. Die Polizei tötet Menschen, die Einwanderungsbehörde tötet Menschen.

Und mindestens genauso wichtig ist, dass Menschen versuchen, das zu stoppen. Und das sind nicht nur ein paar hartnäckige Aktivisten oder nur die Familien der am stärksten betroffenen Menschen.

Was funktioniert, um den Faschismus zu stoppen, zeigen uns die Twin Cities: Wenn alle sich engagieren. Wenn sich alle gestärkt fühlen, auch wenn es nur darum geht, eine Pfeife zu blasen, zu hupen oder in Pantoffeln im Schnee zu schreien. Wenn alle verstehen, dass die Arbeit, die Welt besser zu machen, darin besteht, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Wenn alle verstehen, dass wir alle Nachbarn sind.

Ich habe Leute vor Ort gebeten, mir Infos darüber zu geben, wo man spenden kann, um zu helfen. Ich teile nur Spendenaktionen, für die ich mich persönlich verbürgen kann und die von Leuten organisiert werden, die ich kenne und denen ich vertraue.

Mietunterstützung für Nachbarn in Phillips

Mietunterstützung für Nachbarn in Central

Mietunterstützung für Nachbarn in Powderhorn

Materialien für politische Kunst

Schutzausrüstung für Rechtsbeobachter

Windeln und Menstruationsartikel

Abolish Ice Shirts (das Shirt, das ich gerade trage, während ich dies tippe)

Northstar Front Line Street Medics

Twin Cities Swoletariat Bail Fund (Venmo und CashApp)

Quelle: Margaret Killjoy, Our Neighbors in Minneapolis or: What I Saw While I Was There, 26. Januar 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Kölner CDU-Parteizentrale zum Tag der Befreiung von Kobane besetzt

15 Aktivist*innen des Bündnisses RiseUp4Rojava haben heute um 14.30 die CDU-Parteizentrale in Köln
besetzt, um auf ein Handeln im Bezug auf die Angriffe in Nord-Ost-Syrien und Rojava zu drängen! Heute vor 11 Jahren wurde die Stadt Kobane im Norden Syriens durch die Selbstverteidigungseinheiten vom sogenannten Islamischen Staat befreit -jetzt wird Kobane wieder massiv angegriffen.

Die Errungenschaften der Frauenrevolution sowie das Leben in einer basisdemokratischen Selbstverwaltung stehen auf dem Spiel. Seit Anfang des Jahres werden durch dschihadistische Milizen, geeint unter dem Kriegsverbrecher und aktuellem selbsternannten Präsident Al-Scharaa, Menschen ermordet, vertrieben und insbesondere die Rechte von Frauen abgeschafft. In den neu besetzten Gebieten werden IS-Kämpfer aus Gefängnissen befreit, Menschen verschleppt und die Schariah ist das neue herrschende Gesetz.

In Rojava werden den Kämpferinnen der Selbstverwaltung die Zöpfe von Dhihadisten abgeschnitten. Wir sagen: Friedrich Merz schneidet mit! Denn die CDU und ihr Kanzler schweigen zu den aktuellen Geschehnissen und wollen sogar den Kriegsverbrecher al-Sharaa in Deutschland hofieren.

Seit Wochen demonstrieren weltweit, auch in ganz Deutschland, zigtausende Menschen. Dies findet jedoch von Medien und Regierung kaum Gehör! Denn das voranginge Ziel von Parteien wie der CDU ist es, Menschen nach Syrien abzuschieben – völlig egal ob dort Tod, Unterdrückung und Vertreibung herrschen.

Die Aktivist*innen fordern:
1. Militärische Angriffe sofort stoppen – Schutz der Bevölkerung garantieren: Solange Massaker passieren, muss das Recht auf Selbstverteidigung gelten.

2. Keine Deals mit islamistischen Übergangsstrukturen. Die islamistische „Übergangsregierung“ darf weder finanziell noch politisch legitimiert werden.

3. Die demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien (DAANES) muss politisch anerkannt werden.

4. Frauenrevolution sichtbar machen & schützen: Die Erfolge der Frauenbewegung in Rojava -Gleichberechtigung, Selbstverwaltung, Schutz vor Gewalt – brauchen internationale Aufmerksamkeit und Schutz.

Biji rojava – Biji Berxwedana Kobanê!

Quelle: Pressemitteilung


Aus Minneapolis: So was wie das hab ich noch nie gesehen oder: ein Bericht von meinem ersten Tag in Minneapolis

Das Foto zeigt eine Gruppe von Menschen auf einer verschneiten Hauseinfahrt, ihnen gegenüber dutzende vermummte, bis an die Zähne bewaffnete ICE Agenten.
Bürger stehen am Ort der tödlichen Schüsse am 7. Januar 2026 bewaffneten ICE-Beamten gegenüber
Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Wenn man sich mit sozialen Bewegungen und Aufständen beschäftigt, fällt einem ein ziemlich klares saisonales Muster auf: Im Sommer gehen die Leute auf die Straße und machen Krawall, und wenn es kühler wird, beruhigt sich die Lage wieder. Das war 2020 definitiv so, und das sieht man immer wieder, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt.

Und trotzdem war ich im Januar auf dem Weg nach Minneapolis.

Bevor ich mich entschied, über den Widerstand gegen die Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) dort zu berichten, habe ich einen Freund kontaktiert, der dort lebt. „Diese Woche wird es echt, echt kalt. Werden die Leute trotzdem kommen?“

„Die Leute aus Minnesota werden da sein“, sagte er mir. „Die ICE wird es schwer haben.“

Denn, wie ein anderer Freund mir sagte: „Die ICE hat einen klassischen Nazi-Fehler gemacht: Sie hat im Winter ein Wintervolk angegriffen.“

Die Leute aus Minnesota hatten noch nie Angst vor Eis, und jetzt zeigen sie, dass sie auch keine Angst vor der ICE haben.

Ich hab, ehrlich gesagt, vor beidem ein bisschen Angst. Aber man tut, was man kann.

„Man tut, was man kann“ - das ist vielleicht die Einstellung, die mich überhaupt erst dazu gebracht hat, Minneapolis besuchen zu wollen.

Vor ein oder zwei Wochen habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der hier oben lebt. Er war unterwegs, um Wohnhäuser vor der ICE zu schützen, indem er einfach vor der Tür stand und sagte: „Nein, Sie dürfen hier nicht rein.“ Er saß vor Hotels, von denen bekannt war, dass dort ICE-Beamte untergebracht waren, und schrieb die Autokennzeichen auf.

Dieser Freund von mir ist niemand, den ich jemals mit einer bestimmten politischen Ideologie in Verbindung gebracht hätte, und ich kenne ihn auch nicht als Aktivisten. Er ist einfach ein junger, introvertierter Queer. Ich habe ihn gefragt, warum er diese Arbeit macht - die, wie die Nachrichten der letzten Wochen deutlich gemacht haben, nicht gerade sicher ist. Er sagte mir, dass er sich immer gesagt habe, dass er jemand sein würde, der sich einsetzt, wenn es nötig ist.

Dieser Freund von mir ist mutig. Aber er ist keine Ausnahme. Minneapolis ist eine Stadt voller Menschen, die sich gegen ein buchstäblich mörderisches Regime auflehnen.

Das wollte ich hier sehen.

Ich bin auf seltsame Weise ein professioneller Optimist. Ich war schon immer fasziniert davon, wie Menschen in Krisenzeiten zusammenkommen, um sich gegenseitig zu helfen. Und die Menschen hier sind zusammengekommen.

Von meinem Wohnort nach Minneapolis sind es zwei Tage Fahrt, zumindest theoretisch. Aber es ist Januar, und der Winter im Mittleren Westen ist nicht ohne. Am Montag gab es Schnee. Am Mittwoch? Schnee. Also musste ich die dreizehnstündige Fahrt am Dienstag machen.

Ich hatte überlegt, schon am Abend vorher loszufahren, und bin froh, dass ich es nicht getan habe - in Indiana gab es eine Massenkarambolage mit 37 Autos, bei Whiteout-Bedingungen und Eis auf der Autobahn. Ich habe es aber nicht in den Nachrichten gesehen, weil es in derselben Nacht in Michigan eine Massenkarambolage mit hundert Autos gab. Während einer Stunde meiner Fahrt kam ich an 32 Autos und Lastwagen vorbei, die im Graben standen.

Ich selbst war nicht allzu besorgt. Das Wetter war klar und die meisten Straßen waren geräumt und gestreut. Ich bin ein bisschen ein Prepper und mein Allrad-Lkw hat gute Reifen, Ketten, falls ich sie brauche, und jede Menge Winterausrüstung.

Minneapolis ist im Winter kalt, und dieser Winter ist besonders kalt, und diese Woche ist es besonders kalt. Ich habe Winterkleidung - schließlich lebe ich ländlich in den Bergen -, aber es ist eine Sache, das zu haben, was man braucht, um bei 10 Grad draußen zu arbeiten, und eine andere, das zu haben, was man braucht, um stundenlang bei -20 Grad herumzustehen. Ich gehe davon aus, dass es am Freitag, dem Tag des bevorstehenden Generalstreiks, (mit Windchill) die kältesten Temperaturen geben wird, die ich je in meinem Leben erlebt habe.

Also bin ich dreizehn Stunden gefahren, habe meinen Kollegen vom Flughafen abgeholt und bin zu unserer Unterkunft gefahren. Wir haben über Audiorecorder und Gasmasken gesprochen, wir haben über die Geschichten gesprochen, die wir im Kopf hatten, über das, was gerade passiert, wir haben darüber gesprochen, was wir lernen und sehen möchten.

Wir haben viele große Fragen, und eine davon lautet einfach: Wie groß ist das Ausmaß der Krise hier? Es wird beschrieben, als sei der Ort ein Kriegsgebiet, aber viele US-Städte wurden in den letzten Jahren als Kriegsgebiete beschrieben, und das war selten der Fall. Wie präsent war die ICE und der Widerstand gegen sie?

Am frühen Morgen fuhr eine Reihe von Autos die Wohnstraße entlang, in der wir wohnen, und hupten. Wie wir vermutet hatten und später bestätigt bekam, waren es ICE-Beobachter, die einem ICE-Fahrzeug folgten und hupten, um die Bundesbehörden daran zu hindern, im Verborgenen zu operieren.

Ich konnte meine neuen schicken isolierten Stiefel nicht schnell genug anziehen, und als ich draußen war, waren sie schon an uns vorbeigefahren.

Aber ja, die Stadt ist besetzt.

Wir haben uns für unsere Unterkunft entschieden, weil wir nicht mitten im Geschehen sein wollten, aber es hat sich herausgestellt, dass die ganze Stadt, ebenso wie St. Paul und die Vororte, mitten im Geschehen sind. Wir mussten nicht mehr als drei Blocks fahren, bevor wir auf eine Menschenmenge stießen, die eine Kindertagesstätte bewachte. Stell dir vor, du musst eine Kindertagesstätte bewachen.

An jeder zweiten Straßenecke in der Stadt scheinen Leute nach ICE Ausschau zu halten, bereit, verdächtige Fahrzeuge an die dezentralen Netzwerke zu melden, die die Bewegungen der Rebellen in der Stadt überwachen.

Es ist die ICE, die sich heimlich in Minneapolis bewegt, während die Rebellen reflektierende Westen und dicke Jacken tragen.

Ich habe gestern mit Organisatoren gesprochen, aber das Erste, was mir ein Freund sagte, war, dass es im Gegensatz zu den meisten sozialen Bewegungen keinen „Ansprechpartner“ gibt. Es gibt einfach keinen zentralen Anführer und auch keine zentrale Führungsriege. Es gibt keine Avantgarde, die den Widerstand anführt.

Der Widerstand gegen die ICE in Minneapolis ist stark, weit verbreitet und nachhaltig. Er ist auch völlig dezentralisiert und führerlos (oder „führerreich”, wenn man so will). Es gibt Rollen. Es gibt Organisation - es gibt so viel Organisation. Es gibt so viele Organisatoren aus so vielen Gemeinschaften und mit so vielen Identitäten.

Das macht mich natürlich glücklich.

Ich bin mir sicher, dass es für die Bundesbehörden, die die Stadt besetzt halten, auch verdammt frustrierend ist. Sie wollen ein paar Leute herauspicken und sie vor Gericht stellen. Das könnte immer noch passieren, aber es wäre ein Scheinprozess. Wenn es eine Verschwörung gibt, dann ist es die Verschwörung der ganzen Stadt, frei zu sein.

In den USA sind die meisten von uns daran gewöhnt, Protestbewegungen als eine Art interne Rebellion zu sehen. Gegen die örtliche Polizei, gegen die kapitalistische Infrastruktur. Was hier passiert, ist grundlegend anders. Dies ist eine Rebellion gegen etwas, das einer ausländischen Besatzung gleichkommt. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass dies der Grund ist, warum das Wetter die Menschen nicht davon abhält, auf die Straße zu gehen. Sicher, die Menschen hier besitzen viel mehr Schneekleidung als der durchschnittliche Amerikaner und sind es eher gewohnt, auf ungeräumten Straßen zu fahren, aber ich denke, mehr als alles andere ist es einfach so, dass diese Situation unerträglich ist. Die Menschen sind bereit, mehr zu riskieren.

Weil ihre verdammten Familien entführt werden. Ihre Nachbarn werden entführt. Kinder aus ihren Schulen werden entführt. Sie selbst werden entführt.

Als wir gestern mit dem Auto unterwegs waren, sahen wir Lehrer, die mit Schülern aus den Schulen kamen. Als ich nach Hause kam und die Nachrichten las, erfuhr ich, warum.

Wir wissen noch nicht, wie viele Menschen in ICE-Haft gestorben sind, weil sie uns das natürlich nicht sagen. Wir wissen nicht, wie viele Menschen bei der Abschiebung gestorben sind, aber niemand flieht ohne Grund, und Menschen, die in den USA Asyl suchen, tun dies, weil die Rückkehr in ihr Heimatland oft ein Todesurteil ist.

Die Ermordung einer der ICE-Beobachter:*Innen hat die Menschen also nicht davon abgehalten, die ICE zu beobachten.

Es steht zu viel auf dem Spiel.

Während wir mit Leuten vor der Kindertagesstätte sprachen, drückte uns eine somalische Familie Samosas in die Hand. Wir versuchten, sie nicht anzunehmen: „Wir sind nur Journalisten“, sagten wir ihnen. Das war keine akzeptable Ausrede, um die Samosas nicht anzunehmen. Die waren, ehrlich gesagt, die besten, die ich je gegessen habe.

Wir unterhielten uns mit einer 76-jährigen Frau darüber, was sie hierher gebracht hatte. Ihr Vater hatte in Italien und Frankreich gegen Faschisten gekämpft, und sie wusste, dass er stolz auf sie sein würde. Das seien ihre Nachbarn, erklärte sie. Mir war ein bisschen kalt, obwohl ich meine neuen Winterklamotten anhatte, während ich mit ihr redete. Sie trug nicht mal eine Mütze.

Ein Tontechniker, den ich flüchtig aus der Metal-Szene kannte, war auch da - einfach ein schöner Moment, wie klein die Welt doch ist - und er sollte an diesem Tag eine ziemlich wichtige Band aufnehmen, aber sein Kind ging in die örtliche Schule und es war völlig ausgeschlossen, dass jemand in seiner Nachbarschaft kommen würde, um die Kinder von irgendjemandem zu holen.

Die Leute waren sich der Schwere der Lage bewusst, sowohl lokal als auch national. Sie wussten, dass es wichtig war, die ICE überall zu frustrieren, um sie überall zu stoppen. Wenn nötig, würden sie als Bollwerk dienen.

Und ihre Zahl war gestiegen, nachdem einer von ihnen erschossen worden war.

Ich habe gestern mit einer Gruppe von Organisatoren gesprochen - eigentlich waren alle Organisatoren - und sie ausführlich gefragt, welche Art von Berichterstattung sie sich wünschen und was die Welt über ihre Bemühungen wissen sollte.

Eine Sache, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist, dass sie zwar froh sind, dass die Medien über all die schrecklichen Dinge berichten, die die ICE tut, aber sie möchten, dass mehr Menschen erfahren, wie schön der Widerstand ist. Ich kann kein rosiges Bild von dem zeichnen, was hier passiert, denn es ist nicht rosig. Es ist nicht idyllisch. Aber es ist inspirierend.

Ich bin jetzt seit 24 Jahren in Protestbewegungen aktiv (vielleicht klingt das kitschig, aber ich habe einen bestimmten Protest als meinen Ausgangspunkt gewählt) und ich habe noch nie eine Bevölkerung gesehen, die so vereint ist, nicht einmal annähernd. Es scheint, als würde sich die ganze Stadt gegen die Entführer erheben.

Ich hätte noch mehr zu sagen, aber die Sonne ist schon aufgegangen und ich bin nur noch ein paar Tage hier, also erzähle ich später mehr.

Mein eigentliches journalistisches Ziel ist es natürlich, ein paar Podcast-Folgen zusammenzustellen, aber ich dachte mir, ich schreibe diese Beiträge, um meine Gedanken unterwegs zu sammeln.

Quelle: Margaret Killjoy, From Minneapolis: I've Never Seen Unity Like This or: a report from my first day in Minneapolis, 22. Januar 2026

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Du bist nicht allein – psychische Gesundheit und linker Aktivismus

Der Ausschnitt aus dem Veranstaltungsflyer zeigt zwei Personen, die sich als Teil einer Menschenkette untergehakt haben sowie Angaben zum Ort und Uhrzeit der Veranstaltung
Ausschnitt aus dem Veranstaltungsflyer
Du bist nicht allein - psychische Gesundheit und linker Aktivismus. Eine Veranstaltung der Roten Hilfe am Freitag, 13.02.2026 19 Uhr. Psychische Belastung, Burnout und Streitereien folgen häufig auf Repression und sich nur langsam einstellender Erfolge. Wir wollen zusammen mit Tom, einem ausgebildeten Psychotherapeuten, den Fragen nachgehen: Was können wir dagegen tun, was braucht es und wie helfen wir einander?

Freitag, 13.02.2026 18:30 Uhr Einlass, 19 Uhr Beginn

Nachbarschaftshaus Nürnberg - Gostenhof Adam-Klein-Straße 6  (U1 Bärenschanze / Gostenhof)

Klimakatastrophe, Krieg, Sozialraub und Faschismus sind nicht nur drängende Themen unserer Zeit, sie sind auch der Grund warum immer mehr Menschen politisch aktiv werden. Das ist eine notwendige und gute Entwicklung auf die großen Probleme, die vor uns stehen. Doch meist nach bereits kurzer Zeit der Aktivität begegnen uns Widerstand und Gewalt. Egal ob sich diese durch Schlagstöcke, Tränengas, Gerichtsverfahren oder Verleumdungen ausdrücken, getroffen wird nicht nur die Bewegung. Getroffen sind immer auch Individuen, die mit Ängsten, Schuldgefühlen und Ohnmacht umgehen müssen. Häufig führt diese nicht zu einem kollektiven Umgang, sondern zu Streitereien, Schuldvorwürfen und Missgunst.

Doch wie können wir das anders machen? Was brauchen wir dafür und wo begingen?

Der Weisheit letzter Schluss besitzen auch wir auch nicht. Doch zusammen mit Tom, einem ausgebildeten Psychotherapeuten, wollen wir diesen Fragen nachgehen.

Teile auch Du gerne unsere Veranstaltung. Hier findest Du den aktuellen Flyer zum Selbstdruck in DIN A5 Vorder-, Rückseite

Ablauf der Veranstaltung / Worauf kannst Du Dich einstellen?

Die Veranstaltung ist als Gespräch auf der Bühne zwischen einer Vertreterin der Ortsgruppe und Tom geplant. Es wird keine allgemeine Debatte oder Fragerunde mit dem Publikum geben. Wir wollen für alle einen sicheren Raum schaffen und können das anderweitig nicht gewährleisten. Die Veranstaltung erfordert keine Vorkenntnisse und soll zu einem bewussteren Umgang in unseren Zusammenhängen und Kollektiven beitragen. Sie kann keinesfalls die eigene Beschäftigung mit dem Thema oder gar eine therapeutische Bearbeitung von Traumata ersetzen. Ziel des Abends wird es sein Werkzeuge und Antworten auf folgende Fragen zu finden:

– Wie kann ich mit abstrakten Ängsten nach Aktionen umgehen, z.B. in Form von Spekulationen: Kommt Post, kommt keine, wie schlimm wird es?
– Wie umgehen mit konkreten Ängsten, z.B. vor einer anstehenden Gerichtsverhandlung?
– Wie umgehen mit Gewalterfahrungen, Willkür und Ungerechtigskeitsempfinden?
– Wie umgehen mit Schuldgefühlen weil andere wegen Solidarisierung mit mir Repression erfahren haben oder weil ich das Gefühl habe „etwas dummes“ gemacht zu haben das die Repression begünstigt hat?
– Wie ins Gespräch kommen über Repression?
– Wie mit Ängsten innerhalb der Bezugsgruppe?

Quelle: Rote Hilfe Nürnberg via Redside

Vortrag zur Anarcho-syndikalistischen Jugend Stuttgart

Cover des Buches "Eine Revolution für die Anarchie - Die Geschichte der anarcho-syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990-1993" mit Angaben zum Buch und einem Foto einer ASJ Aktion am Stuttgarter Königsbau
Buchcover mit Foto einer ASJ Aktion am Stuttgarter Königsbau
Von 1990 bis 1993 bestand im Großraum Stuttgart die „Anarcho-Syndikalistische Jugend“ (ASJ). Die ASJ war eine unabhängige anarchistisch-syndikalistische Jugendgruppe, stand der Stuttgarter FAU jedoch nahe. Ein Schwerpunkt der Gruppe war militanter Antifaschismus. Darüberhinaus beteiligte sie sich u.a. an Wahlboykottkampagnen, der Vorbereitung und Durchführung revolutionärer 1. Mai Demonstrationen mit einem eigenständigen „anarchistischen Block“, dem Kampf gegen den Golfkrieg, Aktivitäten gegen die Wiedervereinigung sowie der Besetzung des Hauses Schwabstrasse 16b in Stuttgart.

Martin Veith kommt nach Stuttgart. Er ist Autor des Buchs "Eine Revolution für die Anarchie - Die Geschichte der anarcho-syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990-1993". Er war selbst Mitglied der damaligen ASJ  und wird am 24.1.26 um 19 Uhr im Stadtteilzentrum Gasparitsch Rotenbergstraße 125, 70190 Stuttgart  über seine Erfahrungen mit der ASJ sprechen.

Aus dem Buch:
„Es ist unzweifelhaft, dass durch die ASJ der kämpferische, offensive Anarchismus den Weg zurück auf Stuttgarts Straßen gefunden hatte. Die Gruppe zeichnete Leidenschaft und Optimismus aus. Und wir wussten, was wir wollten – die soziale Revolution – und durch sie eine anarchistische Gesellschaft. Die Gruppe zeichnete Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit aus. Wir waren keine Spaß-Gruppe. Das merkten sowohl unsere Feinde und Gegner, als auch diejenigen, die den Anarchismus als „Spiel“ und „Ersatz-Familie“ betrachteten…. Die ASJ verband die individuelle persönliche Entwicklung mit dem kollektiven Kampf. Antrieb war der Wille zur Veränderung, die bei jedem selbst beginnt, aber die gemeinsame Aktion benötigt, um sich schließlich durchsetzen zu können."

Mehr Infos zum Buch

Herausgeber: ‎ Verlag Edition AV
380 Seiten, 22€
ISBN-10: ‎ 3868410058
ISBN-13: ‎ 978-3868410051

Quelle

Das gute Leben im Punkrock oder: ein ästhetisches Leben führen

Der Beitrag dieser Woche ist ein bisschen länger als sonst, aber ich bin auch stolz darauf. Ich habe ziemlich lange daran gearbeitet. Ich habe beschlossen, dass das Jahresende der richtige Zeitpunkt dafür ist, denn ehrlich gesagt kommt es einer Liste mit Vorsätzen für das neue Jahr am nächsten.

Ich muss euch sagen, dass ihr, wenn ihr eine gedruckte Zine-Version meiner neuesten Danielle-Cain-Geschichte „And the Bones Clean Gone“ haben wollt, bis zum 31. Dezember Zeit habt, euch für das monatliche Zine von Strangers in a Tangled Wilderness auf Patreon anzumelden.

Das gute Leben im Punkrock

Eine Badewanne steht auf der Veranda eines sehr grob gezimmerten Dreieckhauses im Wald.
Grafik: Thomas Trueten
Vielleicht fängt das mit einer alten Freundin von mir an. Nennen wir sie Ember. Ich hab Ember vor zwanzig Jahren in Asheville, North Carolina, kennengelernt, als sie in einer 8 x 8 Fuß großen, unisolierten Hütte lebte, die sie im Hinterhof eines gemieteten Punkhauses gebaut hatte. Im Erdgeschoss der Hütte stand nur ein Schreibtisch mit ihrer Schreibmaschine und ihren Büchern. Darüber befand sich ein Loft mit einer Futonmatratze. Die Bude war sauber, aber vollgestopft, und ich verbrachte viele Nächte mit ihr am Feuer im Hinterhof dieses Hauses und wir quatschten über das Leben.

Sie war ein paar Jahre älter als ich, und ich war total in sie verliebt, oder besser gesagt, in die Vorstellung von ihr, obwohl das überhaupt nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie trug ein selbstgenähtes Carhartt-Overallkleid und hatte bessere Grenzen und eine klarere Kommunikation als jeder andere, den ich je getroffen hatte. Sie war so direkt, dass sie streng und abweisend wirkte. Sie trank zwar, aber nicht das Gesöff, das ich gewohnt war – obwohl sie fast kein Geld hatte, trank sie nur gutes Bier. „Lieber ein gutes Bier als sechs billige“, sagte sie mir, vielleicht die einzige Lebensweisheit, die sie mir direkt mitgegeben hat. Ich sah sie und ich sah einen Hinweis darauf, wie man trotz Armut ein schönes Leben führen kann.

Ich schrieb meine erste Kurzgeschichtensammlung, ein Zine, das ich nicht neu auflegen werde, als Gutenachtgeschichten für Ember. Wir sind nicht wirklich zusammen gekommen – sie hatte diese klaren Grenzen und wusste, was sie wollte –, aber Jahre später lebte sie auf der anderen Seite des Landes, studierte Bibliothekswissenschaft und arbeitete im Infoshop, und sie zeichnete und siebdruckte ein Poster für eine Veranstaltung zu meiner ersten Buchtournee.

Das ist keine Geschichte über sie, nicht wirklich. Es ist eine Geschichte über das romantische Ideal des guten Punkrock-Lebens. Es ist eine Geschichte über Zines und DIY, über einfaches Kochen, über Festessen aus dem Müll mit Freunden und Feinden, über Kuchen und Plattenspieler und Tee und Punk-Post und Brieffreunde. Es ist eine Geschichte darüber, öfter mal das Handy auszuschalten, nackt in Flüssen zu baden, Hütten zu bauen oder zusammenzuziehen, Geschichten zu erzählen und Kellerkonzerte zu geben. Es ist eine Geschichte über Sozialzentren und Infoläden. Es ist eine Geschichte über Punkhäuser und Hütten im Wald und Wohnungen in Städten des Rust Belt. Es ist eine Geschichte über die Liebe zu halbwilden Hunden und halbwilden Freunden, eine Geschichte über Food Not Bombs und Community Organizing. Es ist eine Geschichte darüber, Kunst zu machen, in der man schlecht ist, Musik zu machen, in der man schlecht ist. Es ist eine Geschichte darüber, Kunst zu machen, in der man gut ist, Musik zu machen, in der man gut ist. Es ist eine Geschichte über Zimmerpflanzen und Bücher und das Herausholen von Möbeln aus dem Müll und den Besitz von so vielen Strickmützen, dass man nicht mehr weiß, welche von welchem Freund stammen.

Das heißt: Es ist eine Geschichte über das gute Leben. Ein Leben, das du haben kannst. Ein Leben, das ich haben kann. Oder zumindest ein Ideal, das wir verfolgen können. Ich weiß, dass ich es mein ganzes Leben lang verfolgt habe – wie alle guten Träume liegt es gemütlich am Horizont und gibt uns eine Richtung vor, in die wir gehen können. Wir werden es nie wirklich erreichen, aber die Freude liegt im Gehen.

Ich mache keine moralische Aussage über dieses Leben. Es ist objektiv nicht besser als jedes andere. Stattdessen mache ich eine ästhetische Aussage: Das ist eine schöne Art zu leben.


In den ersten zwei Jahren der Pandemie lebte ich in einer 12 x 12 Meter großen Hütte ohne Stromanschluss, die ich auf dem Grundstück von Freunden gebaut hatte. Ich hatte sie mehr oder weniger als Schlafzimmer gebaut, ohne Strom, Wasser, Küche oder Bad. Es gab nur ein Queensize-Bett, ein paar Bücher und eine Propangasheizung – auf dem Grundstück gab es eine Gemeinschaftsküche und eine Dusche, und ich habe meine Arbeit in Cafés in der Stadt erledigt. Als der Lockdown begann, verbrachte ich meine Tage damit, in aller Eile alles zu bauen, was ich brauchte, um im Winter allein in diesem Haus während der Pandemie zu überleben. Ich hatte nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Es war verdammt schwer.

Zu Beginn der Pandemie, im Februar und März, wusch ich meine Kleidung mit einem Eimer und einem Waschbrett im nahe gelegenen Bach und trocknete sie dann langsam auf einer Wäscheleine. Ich duschte mit einer Solardusche, 80 Grad warmes Wasser bei 50 Grad Lufttemperatur. Ich benutzte einen Campingkocher, um Chili aus der Dose zu erhitzen, und mischte es mit Wildkräutern aus dem Wald. Ich las Bücher, spielte Musik, starrte in den Himmel und verlor langsam meinen Verstand. Es war mehr oder weniger schrecklich. Ich hatte monatelang kaum menschlichen Kontakt und arbeitete die meiste Zeit an meiner Hütte. Als ich es nach Monaten endlich schaffte, Wasserfässer an eine 12-Volt-Pumpe (mit Solarpanels betrieben) anzuschließen, die mit einer Propangasdusche auf meiner Veranda verbunden war, stand ich unter echtem heißem Wasser und weinte buchstäblich vor Erleichterung. Ich schluchzte einfach, während mein Körper warm und sauber wurde.

War das das einfache Leben, das die Leute romantisierten? All diese Tiny-House-Videos auf YouTube sagten mir, dass man sich ein solches Leben wünschen sollte.

Aber im zweiten Jahr der Pandemie hatte ich einen Propangasherd und genug Strom und eine seltsame, billige, zusammenklappbare Badewanne und einen kleinen Schuppen voller Mäuse, Spinnen und Holzbearbeitungswerkzeuge, und die Dinge liefen so gut, dass ich mein eigenes Leben wieder romantisieren konnte. Die Romantisierung machte es erträglicher. An manchen Tagen lag ich in meiner Hängematte, las Bücher und lauschte den Vögeln und Insekten. Ich lernte, Holzlöffel zu schnitzen, und hörte mir auf meiner Veranda Hörbücher an, während ich schnitzte. Eine Woche lang tauchte jeden Tag, wenn ich auf meiner selbstgebauten Kantele spielte, eine Eule vor meinem Haus auf. Ich hatte Freunde zu Besuch, und wir hatten die Pandemie so gut im Griff, dass wir wussten, was wir riskierten.

Es ist gut, das eigene Leben zu romantisieren. Es ist gut, die Ästhetik des eigenen Lebens anzunehmen und sich darauf einzulassen. Wir sollten versuchen, so viel Schönheit wie möglich aus unserem Leben herauszuholen. Einige der Ästhetiken, die wir romantisieren, sind aus Leiden entstanden. Aber wenn es dein eigenes Leiden ist, das du romantisierst, dann ist das kein so großes Problem. Gefährlich ist es, das Leiden anderer zu romantisieren. Nervig ist es, wenn andere dein Leiden romantisieren.

Es ist sinnvoll, für sich selbst zu entscheiden, was ein gutes Leben ausmacht, und danach zu streben, so zu leben. Ich persönlich möchte ein gutes Leben im Stil des Punkrock. Ich möchte nicht wieder in diese Hütte zurückziehen – ich habe mich nie mit der Feuchtigkeit und dem Schimmel arrangieren können, und mein Hund ist so wild, dass er einen eingezäunten Garten braucht. Aber ich möchte bewusst Bilanz ziehen, wer ich bin und was mir Spaß macht. Welche Gewohnheiten mir gut tun und welche nicht.

Bäder auf meiner Veranda tun mir gut. Doomscrolling nicht. Vor dem Schlafengehen Bücher zu lesen tut mir gut. Doomscrolling nicht. Herzhafte, proteinreiche, einfache Mahlzeiten zu kochen tut mir gut. Doomscrolling nicht. Neue Sachen zu kaufen tut mir selten gut, während es mir im Allgemeinen gut tut, alte Sachen wiederzuverwenden oder meine eigenen Sachen herzustellen.

Vielleicht ist das durch und durch Nostalgie für die frühen 2000er Jahre. Das ist mir eigentlich egal. Die Punks der frühen 2000er Jahre, deren Leben ich nostalgisch betrachte, waren selbst nostalgisch gegenüber dem Punk der 90er Jahre, der wiederum nostalgisch gegenüber dem Punk der 80er Jahre war, und so weiter, über Jahrzehnte und Subkulturen hinweg. Nostalgie ist gefährlich, wenn sie uns davon abhält, die Gegenwart zu schätzen, aber nützlich, wenn sie uns zeigt, wie wir Schönheit in der Gegenwart finden können.

In meinem Freundeskreis gibt es seit einiger Zeit einen Running Gag darüber, wie eine „anarchistische Tradwife”-Kultur aussehen würde. Vielleicht ist dieses „Punkrock-Gute-Leben” meine übertrieben ernsthafte Antwort auf diesen Witz. Es reimt sich sogar auf Tradwife. Tradwife ist Nostalgie für eine imaginäre, einfachere Vergangenheit, und das ist es auch. Das Punkrock-Gute-Leben ist jedoch nicht geschlechtsspezifisch. Es geht nicht darum, sich einem patriarchalischen Beschützer zu unterwerfen. Aber zum Glück geht es immer noch ums Nähen, Basteln und Kuchen backen.

Ich beschreibe hier nicht wirklich das Leben, das ich führe, sondern eher das Leben, das ich anstrebe. Ich schreibe das als Herausforderung an mich selbst, als Herausforderung, die Gewohnheiten anzunehmen, die ich haben möchte, die Ästhetik, der ich mich hingeben möchte. Es ist eine Herausforderung, mein bestes Leben zu leben, ein schönes Leben. Es ist eine Herausforderung, das gute Punkrock-Leben zu leben.


Das gute Punkrock-Leben sieht wohl für jeden anders aus. Aber das hier ist meins. Die meisten dieser Ideen basieren auf einigen Grundprinzipien: Es ist am besten, Dinge mit Absicht zu tun und kleine Rituale in unser Leben einzubauen. Es ist am besten, ästhetisch zu leben und sich selbst und seinen Raum zu dekorieren. Man kann seinen eigenen Raum schaffen und seine eigene Identität und seinen eigenen Körper entwickeln. Wir sollten die physische Welt feiern und die digitale Welt nur nutzen, wenn sie die physische Welt bereichert. Und wir sollten unsere Freunde und unsere Verbindungen zu anderen so gut wie möglich feiern.

Schaffe aus Freude am Schaffen, teile deine Kreationen aus Freude am Teilen. Die meisten Punkbands kommen eher mit ernsthafter Leidenschaft als mit Talent durch, und wir können diese Einstellung auf alles übertragen, was wir tun ... auch auf das Musizieren in Genres, die wir vielleicht mehr mögen als Punk. Die Freude am Punk besteht darin, Menschen zu feiern, die etwas tun, unabhängig davon, ob sie darin großartig sind oder nicht. Wir feiern unsere Freunde, die Musik machen, Essen zubereiten, Kleidung herstellen oder Geschichten schreiben, unabhängig davon, ob diese Menschen in diesem Bereich professionell erfolgreich sein können oder nicht. Klar, manche Punkbands gehen auf Welttournee, aber wir können mindestens genauso viel Spaß bei einem Kellerkonzert haben, bei dem lokale Bands einfach alles geben. Manche Zines werden überall fotokopiert und beeinflussen Hunderttausende von Menschen, während andere vielleicht von zehn Leuten gelesen werden. Das ist egal. Was zählt, ist, Dinge zu machen und sie zu teilen.

Schreibt Briefe. Die Zeit und Absicht, die in einen Brief gesteckt werden, zeigen, dass man sich kümmert, und es ist immer aufregend, etwas mit der Post zu bekommen. Du kannst deinen Freunden Briefe schreiben, egal ob du eine Antwort erwartest oder nicht. Du kannst Punk-Post verschicken – wenn du einen Freund hast, der irgendwohin reist, wo du Leute kennst, lass diesen Freund Briefe, Zines oder Geschenke an Leute am Zielort mitnehmen. Du kannst Gefangenen schreiben, sowohl politischen Gefangenen als auch denen, die einfach nur in einem schrecklichen Gefängnissystem gefangen sind. Wenn du eingesperrt wärst, würdest du dir nicht wünschen, dass die Leute dir zeigen, dass sie an dich denken?

Koche mehr. Ein Teil eines bewussten Lebens ist das Kochen. Du musst kein guter Koch sein, um Spaß am Kochen zu haben oder das Essen zu genießen, das du zubereitest – Potlucks sind wie Punkkonzerte, jeder bringt mit, was er kann, und die großartigen Köche werden genauso gefeiert wie die Leute, die nur ein einziges Gericht zubereiten können. Einige gute Punk-Grundnahrungsmittel sind: die „Forever Soup”, ein großer Topf Suppe auf dem Herd, in den täglich neue Zutaten hinzugefügt werden; das, was deutsche Punks „Reis mit Scheiß'” nennen, also Reis mit allem Gemüse und allen Proteinen, die du hinzufügen möchtest; Tofu-Rührei; Bratkartoffeln. Alles, was du mit Siracha, Nährhefe und/oder Braggs Liquid Aminos würzen kannst, ist gutes Punk-Essen. Alles, was du als „gutes Punk-Essen“ bezeichnen möchtest, ist gutes Punk-Essen. Iss zu den meisten Mahlzeiten Proteine, dann hast du mehr Energie. Vermeide es, zwischen den Mahlzeiten Kohlenhydrate zu naschen, dann hast du mehr Energie. Iss weniger verarbeitete Lebensmittel, dann hast du möglicherweise mehr Energie. Jeder Körper ist anders und braucht andere Dinge. Veganismus funktioniert für mich – mich weiter unten in der Nahrungskette zu ernähren, hat mir sehr gut getan. Anderen Freunden geht es mit tierischen Produkten viel besser. Mach deine Mahlzeiten zu etwas, das du bewusst isst, wenn möglich zusammen mit Freunden. Lerne zu kochen, nicht nur für deine eigenen Ernährungsbeschränkungen, sondern auch für die deiner Freunde.

Baue Lebensmittel an. Gärtnern ist eine der offline-lastigsten Aktivitäten, die du machen kannst, und der Grundstein vieler DIY-Praktiken. Du musst nicht gut darin sein. Bau einfache Lebensmittel an, vielleicht in Eimern, vielleicht auf Fensterbänken, vielleicht in Hochbeeten, vielleicht auf zurückgewonnenem öffentlichem Land, vielleicht bei Freunden, vielleicht in Gemeinschaftsgärten. Bau einfach Lebensmittel an, iss sie und teil sie mit anderen. Kartoffeln, Tomaten, Grünkohl, all die Grundnahrungsmittel. Spar Geld, ernähre dich besser und mach dir die Hände schmutzig.

Lass dich von Ästhetik begeistern. Dekoriere deinen Raum, egal ob du vorhast, lange dort zu wohnen oder nicht. Selbst wenn du in einer besetzten Wohnung lebst und jeden Moment rausgeworfen werden könntest, dekoriere deinen Raum trotzdem. Häng Flyer für Konzerte, Kunstwerke deiner Freunde oder Kunst und Bilder, die du im Müll gefunden hast, auf. Sammle Zimmerpflanzen – es ist immer gut, kleine Dinge zu finden, für die man verantwortlich ist. Häng getrocknete Blumen auf. Sammle Bücher. Häng Instrumente an die Wand. Sammle kleine Kreuzsticharbeiten von deinen Freunden. Kerzen sind auch schön, aber das ist nur was für erfahrene Punks: Lass Kerzen niemals unbeaufsichtigt brennen, zu viele Punks sind schon durch ihre Kerzen ums Leben gekommen. Stell deine mittelalterlichen Waffen zur Schau – vielleicht bin das nur ich. Schreib vielleicht an die Wände, oder nur an einige Wände. Leg Stifte bereit, damit deine Freunde das Gleiche tun können. Hab keine Angst vor maximalistischer Ästhetik, hab keine Angst, jede Oberfläche mit Kunst zu bedecken. Hab keine Angst, deine Dekorationen dann wieder auf etwas weniger Unordnung zu reduzieren; lass deine Dekorationen kommen und gehen. Streich die Wände. Streich sie mit Wandmalereien oder streich sie mit tiefen Farben, dunklen Farben, hellen Farben, kontrastierenden Farben, was immer du willst.

Verändere, repariere und fertige deine eigene Kleidung an. Du musst nicht gut nähen können, um deine Kleidung zu verändern oder zu flicken. Du kannst mit der Zeit besser werden, aber auch schlechte Reparaturen haben ihre eigene Ästhetik. Schneide die Ärmel deiner T-Shirts ab (befolge die zwei Regeln für T-Shirt-Ärmel: „Sun's out, guns out“ und die logische Folge „Sun's gone, sleeves gone“, um zu entscheiden, ob dein T-Shirt Ärmel haben sollte oder nicht). Bauchfreie Shirts sind für jeden Körper geeignet. Mach deine Kleidung zu deiner eigenen. Lass sie von den Elementen beeinflussen. Flick deine Hosen. Wenn du es old school magst, näh schwarze Flicken mit weißer Zahnseide auf schwarzen Stoff. Aus alten Hosen lassen sich ganz einfach Punk-Miniröcke machen. Overalls eignen sich hervorragend als Kleider. Mit T-Shirts kann man alles Mögliche machen. Lern Siebdruck oder unterstütze deine Freunde, die das können, und bedrucke Shirts, Westen, Kleider und Flicken mit Siebdruck.

Dein Körper ist kein Gefängnis, dein Körper ist kein Tempel – dein Körper ist dein Zuhause. Du kannst und solltest dein Zuhause so dekorieren, wie du möchtest, mit Piercings, Tattoos und Schmuck oder auch ohne all diese Dinge. Du solltest deine Haare so stylen, wie es dir gefällt. Du solltest die Form deines Körpers oder das Geschlecht deines Körpers durch Hormone, Operationen, Sport oder was auch immer du möchtest verändern. Du solltest deinen Körper kennenlernen und mit ihm arbeiten. Akzeptiere deine körperliche Form. Bleib so fit, wie es dir passt. Trainiere jeden Morgen. Heb Gewichte. Mach Yoga. Geh joggen. Mach nach dem Abendessen kleine Spaziergänge. Lass dich massieren. Oder auch nicht.

Unterstütze andere DIY-Künstler. Du musst nicht alles selbst machen. Geh auf Handwerksmessen oder Punkrock-Flohmärkte oder finde Künstler online. Kauf Töpferwaren, kauf Kleidung, kauf Aufnäher, kauf Seife, kauf Kerzen, kauf Kunst. Wenn jede Tasse in deiner Küche anders ist, machst du es richtig.

Schreib Dinge auf. Mach dir Notizen in einem physischen Notizbuch. Schreib in ein echtes Tagebuch. Schreib deine Träume auf, schreib Ideen für Geschichten auf, schreib deine Gartenpläne und deine Holzbaupläne auf. Schreib Rezepte auf. Schreib Dinge auf.

Das Physische ist besser als das Digitale. Triff deine Internetfreunde im echten Leben. Knüpfe persönliche Kontakte. Reise und sieh dir Dinge an.

Das Internet ist nicht der Feind. Online geknüpfte Kontakte sind nicht von Natur aus weniger echt als persönliche Kontakte. Soziale Medien sind nicht grundsätzlich schlecht. Freundschaften, Gemeinschaft und Aktivismus können auch online entstehen. Es ist nur ein Raum, der mit mehr Gefahren und Fallstricken behaftet ist.

Veranstalte und besuche DIY-Events aller Art. Kellerkonzerte sind ein perfektes ästhetisches Erlebnis. Es gibt DIY-Theater, Storytelling, Comedy und Tanz. Es gibt Teach-ins und Scheunenbau-Events, Apfelweinpressen und Saatgut-Tauschbörsen. Potlucks und Buchclubs. Vogelbeobachtungsclubs, Astronomieclubs. Was auch immer du magst, es gibt Leute, die das in kleinem und großem Rahmen machen. Unterstütze deine Freunde. Es lohnt sich.

Erzähl deinen Freunden von deinen Träumen. Wenn du von einem Freund träumst, erzähl es ihm. Mach es dir zur Gewohnheit, anderen von deinen Träumen zu erzählen, und hör dir an, was andere dir von ihren Träumen erzählen. Unsere Träume sind wichtig, aber unser Gehirn arbeitet morgens hart daran, sie aus unserem Gedächtnis zu löschen – weil sie sonst mit der Realität verwechselt werden könnten. Deshalb ist es am besten, sie aufzuschreiben oder einander zu erzählen.

Sag deinen Freunden, dass du sie liebst. Jeder, den du kennst, wird sterben. Du wirst sterben. Lass nichts ungesagt.

Halt das Internet aus deinem Bett raus. Schau nicht als Erstes morgens oder als Letztes vor dem Schlafengehen auf dein Handy. Achte im Bett auf deine Gedanken, lies ein Buch oder kuschel mit der Person, den Personen oder Tieren, die vielleicht mit dir im Bett liegen.

Lies Zines und Bücher. Filme, Fernsehen und soziale Medien sind zwar auch Möglichkeiten, etwas über die Welt zu lernen und Kultur zu erleben, und es ist okay, mit ihnen zu interagieren (oder sie selbst zu gestalten!), aber sie dienen einem anderen Zweck als Zines und Bücher. Zines schaffen eine horizontale Kultur, ähnlich wie soziale Medien, aber physisch und im Allgemeinen ehrlicher und weniger darauf ausgerichtet, Einfluss und Klicks zu generieren. Bücher öffnen uns die Welt mit Geschichte, Theorie und Erzählungen. Das geschriebene Wort ist wichtig. Niemand überwacht, was du in gedruckter Form liest, im Gegensatz zu dem, was du in den sozialen Medien liest. Wenn du gedruckte Texte liest, kannst du deine Gedanken dazu auch nicht in Echtzeit teilen, und der ganze Vorgang wird weniger performativ, sodass du dich ernsthafter mit dem beschäftigen kannst, was du liest. Es ist natürlich in Ordnung, ab und zu eine Fernsehserie zu binge-watchen. Es ist in Ordnung, Videospiele zu spielen. Lies einfach auch Bücher und Zines.

Schreib Zines und Bücher. Du musst nicht gut schreiben können, um ein Zine zu schreiben. Durch Übung wirst du besser, aber wahrscheinlich hast du unabhängig davon, wie gut du deine Fähigkeiten entwickelt hast, einzigartige Dinge zu sagen. Mach Zines. Mach Bücher.

Übernimm Verantwortung für andere, egal ob Zimmerpflanzen, Haustiere oder Freunde. Wenn wir uns umeinander oder um andere nicht-menschliche Lebewesen kümmern, hilft uns das, für uns selbst zu sorgen. Wenn du einen Hund hast, gehst du jeden Tag spazieren, ob du willst oder nicht. Wenn du eine Katze hast, räumst du hinter ihr auf, auch wenn du kaum hinter dir selbst aufräumen kannst. Du gießt deine Pflanzen, egal ob du selbst genug trinkst oder nicht. Uns um Dinge zu kümmern hilft uns, unser bestes Selbst zu sein. Uns um Freunde zu kümmern hilft uns, nicht isoliert zu werden, und versetzt uns in ein Netz der Verbundenheit und gegenseitigen Abhängigkeit.

Mach es dir zur Gewohnheit, Dinge zu tun, die dir nicht liegen. Leute, die nur das machen, was sie gut können, sind Feiglinge. Mach Dinge, die dir nicht liegen – aber versuch, besser darin zu werden. Sing falsch, bis du eines Tages richtig singst. Lern Fähigkeiten, die dir nicht von Natur aus liegen. Hab immer etwas, das dir nicht liegt und an dem du arbeitest, dann bleibt dein Gehirn flexibel und du wirst wahrscheinlich nie sterben. Nun, zumindest bin ich noch nicht gestorben, also funktioniert es bisher.

Trink Tee. Ich weiß nicht warum. Es scheint einfach etwas zu sein, was Menschen tun, die ein gutes Leben führen. Vielleicht weil Teetrinken ein kleines Ritual ist. Tee ist eine kleine Belohnung, die man sich gönnt. Darin bin ich schlecht.

Sei ein Anarchist. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein ideologisches Gerüst in das Punkrock-Gute-Leben aufnehmen sollte, aber ich denke, es wäre unaufrichtig, es wegzulassen. Der Anarchismus ist ein Gerüst, das uns lehrt, dass wir unsere eigenen Herren sind, aber dass wir auch tief mit allen um uns herum verbunden sind. Der Anarchismus glaubt an dich und an deine Gemeinschaft. Der Anarchismus glaubt, dass wir die Welt verbessern können und dass wir keine Angst haben sollten, ehrlich zu sagen, was wir wirklich wollen: eine Welt, die auf gegenseitiger Hilfe und Solidarität basiert, eine Welt der Gleichberechtigten, in der Unterschiede gefeiert statt ausgelöscht werden. Das Etikett ist hier nicht wichtig, aber es ist ein Etikett, das mir geholfen hat, fokussiert zu bleiben.

Engagiere dich in lokaler gegenseitiger Hilfe oder Aktivismus. Koch mit Food Not Bombs oder verteile Sachen an Leute, die sie brauchen. Such dir Gruppen von Leuten aus deiner Umgebung (egal, ob sie deine Ideologie in allen Punkten teilen oder nicht), die sich für Dinge einsetzen, die dir wichtig sind, und hilf ihnen dann.

Hör dir Kassetten und Schallplatten oder sogar Bandcamp-Downloads an, statt Musik zu streamen. Musik ist kraftvoll und wunderbar. Sie ist Teil eines ästhetischen Lebens. Mach das Musikhören zu einer bewussten Handlung. Physische Medien sind dafür gut geeignet. Das Auflegen einer Schallplatte sollte ein Ereignis sein, ein kleines Ritual für deinen Tag. Manche Musik ohne Text ist dafür gedacht, im Hintergrund zu laufen, aber lass Musik mit Text niemals halb leise im Hintergrund laufen – entweder hörst du Songs oder du hörst sie nicht. Hör Musik beim Kochen, Autofahren und Putzen. Nicht während du dich unterhältst.

Lass soziale Medien weniger Raum in deinem Leben einnehmen. Das ist kein Aufruf zu Absolutem oder Abstinenz in irgendeiner Form, sondern ein Aufruf, zu verstehen, welche Gewohnheiten uns gut tun und welche nicht. Soziale Medien machen süchtig und können zwar viel zu unserem Leben beitragen (sie halten uns über das Weltgeschehen und unsere Freunde auf dem Laufenden, unterhalten uns, lehren uns), aber es ist sehr leicht, den Punkt zu überschreiten, an dem der Nutzen abnimmt, und länger als gut für uns ist in die Leere unserer Bildschirme zu starren.

Sei emotional verantwortlich gegenüber deinen Partnern. Unser Liebesleben sollte, wie alles andere auch, bewusst und überlegt sein. Wir sollten unsere Partner gut behandeln und sie als gleichwertig respektieren. Wir sollten immer versuchen, unsere Versprechen ihnen gegenüber zu halten und ehrlich zu ihnen zu sein, egal ob wir monogam oder polyamorös sind oder welche Bezeichnungen wir auch immer verwenden mögen. Wir sollten auch unseren Freunden gegenüber emotional verantwortlich sein.

Lass Rauschzustände weniger Raum in deinem Leben einnehmen. Vielleicht besteht der Kern dieses gesamten Lebensstils darin, bewusst zu leben und Dinge bewusst zu tun. Rauschzustände, egal in welcher Form, können Teil eines bewussten und schönen Lebens sein. Aber sie können leicht zur Gewohnheit werden und führen bald zu sinkenden Erträgen. Ich habe das gute Leben des Punkrocks von jemandem gelernt, der an den meisten Abenden ein gutes Bier trank, aber fast nie betrunken war. Ich selbst bin im Laufe der Jahre „hexenmäßig nüchtern” geworden und denke nur noch über Alkohol oder Drogen für rituelle Zwecke nach. Diese Rituale können so aufwendig sein wie ein Samhain-Abendessen mit Essen und Wein, das für die Toten auf dem Tisch gedeckt wird, oder so einfach wie „Ich möchte heute Abend unter dem Sternenhimmel trinken, um über meinen Platz im Universum nachzudenken”. Aber es ist immer bewusst, und für mich kommt es nur sehr selten vor.


Vielleicht ist Trunkenheit ein wichtiger Teil deines guten Lebens, und das ist in Ordnung – lass es nur immer bewusst sein, auch wenn es üblich ist. Das gute Leben im Punkrock kann auf so viele verschiedene Arten gelebt werden. Es kann von einem Gummitramp gelebt werden, der in einem Van oder einem Schulbus lebt und von Stadt zu Stadt zieht.

Es kann von Menschen gelebt werden, die in Punk-Häusern in der Stadt leben, die mit Menschen überfüllt sind, Häuser, in denen jemand in einem Zelt im Garten lebt und jemand einen Platz unter dem Küchentisch mietet, um dort zu schlafen. Es kann von Menschen gelebt werden, die in Hütten im Wald oder im Garten ihrer Freunde leben.

Es kann von Leuten gelebt werden, die alleine in Wohnungen oder Häusern wohnen, oder von Paaren, Dreierbeziehungen, Kernfamilien in Vororten oder Haushalten mit drei oder vier Generationen. Wahrscheinlich kann man das gute Punkrock-Leben aber nicht in einer Villa leben, es sei denn, man hat diese Villa bis zum Rand mit Menschen gefüllt. Ironischerweise ist das gute Punkrock-Leben von Natur aus nicht performativ.

Es ist nicht kompetitiv. Sich damit zu beschäftigen, wer das authentischste Punkrock-Leben führt, oder sich ständig mit anderen zu vergleichen, trennt einen vom authentischen Punkrock-Leben. Jeder Influencer im Bereich des Punkrock-Lebens (wie wir es uns vorstellen können) muss ständig mit dieser Spannung kämpfen, ähnlich wie eine Content-Erstellerin, die als traditionelle Ehefrau lebt, ihr authentisches Leben als traditionelle Ehefrau nicht lebt, während sie an der Erstellung von Inhalten arbeitet.

Beim guten Punkrock-Leben geht es darum, bewusst und ästhetisch zu leben, ganz wie es einem passt. Niemand lebt dieses Leben wirklich perfekt. Wir werden nie alle Gewohnheiten meistern, die wir uns vorgenommen haben. Wir werden immer wieder auf einfachere Routinen zurückfallen. Aber im Leben geht es nicht um das Ziel, sondern um den Weg dorthin. Mein Ziel ist es, den Prozess des Versuchs, ein ästhetisches Leben zu führen, anzunehmen und mich nicht für all die Dinge zu geißeln, bei denen ich regelmäßig scheitere. Denn ich werde scheitern. Aber wie die großen anarchistischen Barden der Band Chumbawamba einst prophezeiten: „Ich werde niedergeschlagen, aber ich stehe wieder auf. Ihr werdet mich niemals unterkriegen.“

Also werde ich vorerst mein Haus mit Blumen füllen, jeden Morgen mit meinem Hund spazieren gehen und versuchen, mehr Zeit mit Klavierspielen zu verbringen und weniger Zeit mit Doomscrolling. Ich werde kochen und Gäste beherbergen, ich werde das Haus putzen, während Godspeed auf dem Plattenspieler läuft, und ich werde versuchen, daran zu denken, den Sonnenuntergang oder die Morgendämmerung zu beobachten oder die Mondphase zu beachten. Und ich werde Erfolg haben, und ich werde scheitern, und ich werde Erfolg haben, und ich werde scheitern, und eines Tages werde ich sterben, und das ist auch in Ordnung. Meine Freunde werden wissen, dass ich sie geliebt habe.

Quelle: Margaret Killjoy, The Punk Rock Good Life or: living an aesthetic life, 26. Dezember 2025

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Übersetzung: Thomas Trueten [authorisiert]


Berlin: Krieg dem System - ACAB

Das Foto von © Björn Obmann zeigt die Demo vor dem Haus Scharnweberstr. 38 mit mehrreihigem Bullenspalier und einer Reihe von Seitentransparenten. Darüber dramatischer Himmel.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Rund 1.000 Menschen zogen am 13. Dezember 2025 unter dem Motto „Krieg dem System – ACAB“ gegen Polizeigewalt, Krieg und in Solidarität mit Gaza durch Friedrichshain. Die Polizei war mit einem massiven Aufgebot und über 500 Beamten dabei. Die Demostrecke ging vorbei an der Wedekind-Wache, wo es wiederholt zu Polizeigewalt kam. Am Haus, in dem Maria von Polizisten getötet wurde gab es laute Sprechchöre und Pyro. Die Polizei stoppte die Demo vorläufig. Später ging es u.a. auch an dem linken Hausprojekt Scharni vorbei. Hier riefen Demonstrant:innen Parolen gegen Antideutsche und forderten eine Distanzierung von ihnen. In der Rigaer Straße stoppte die Polizei die Demo erneut und griff unprovoziert die Demospitze brutal an und löste die Demo auf. 20 Menschen wurden festgenommen. Trotz der Auflösung der Demo war es insgesamt eine laute und kraftvolle Demo, die immer wieder mit Pyro von Dächern und in Seitenstraßen gegrüßt wurde.

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