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»Facts do not cease to exist because they are ignored.« Aldous Huxley

Wenn das Wasser steigt oder: Revolution als Vorbereitung

Das Luftbild zeigt von der Flut überschwemmte Gebäude
Guadalupe River, Überschwemmung am 5. Juli 2025
Ich denke wahrscheinlich mehr über Überschwemmungen nach, als ich sollte. Früher war das nicht so, aber jetzt schon.

Ich habe etwa fünf Jahre lang in einem Landprojekt im Westen von North Carolina gelebt, das in einem kleinen Tal an einem flachen, trägen Bach gebaut war. An den meisten Tagen stieg das Bachbett um gut zwei Meter über den 15 cm hohen Wasserstand, der normalerweise darin floss. Auf fast allen Karten waren wir überhaupt kein Überschwemmungsgebiet. Auf einigen waren wir eine hundertjährige Überschwemmungsfläche, was bedeutete, dass das Wasser etwa alle hundert Jahre über die Ufer treten und die Felder überfluten sollte.

Das Problem beim Klimawandel ist, dass nichts so funktioniert, wie es sollte, und die Überschwemmungen wurden immer schlimmer, höher und häufiger. Wir holten Inspektoren, um unsere Bachläufe zu begutachten, und die schüttelten meist nur den Kopf – nichts funktioniert mehr so, wie es sollte, und die Lösungen, auf die wir uns im 20. Jahrhundert verlassen konnten, würden im 21. Jahrhundert nicht mehr funktionieren.

In Erwartung der einmaligen Jahrhundertfluten (oder sogar kleinerer jährlicher Überschwemmungen) bauten die Leute ihre Hütten und stellten ihre Wohnwagen auf Plattformen und Stelzen, aber alle paar Monate rückte das Wasser einen Schritt näher an die Fußböden der Menschen heran.

Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass ich hoch auf dem Hügel hinter dem Grundstück gebaut habe, weil ich ein guter Vorbereiter war, dass ich dieses Problem vorausgesehen und Maßnahmen ergriffen habe, um mich und mein Zuhause zu schützen.

Das wäre aber gelogen. Ich habe dort gebaut, wo ich gebaut habe, weil ich ein seltsamer Introvertierter bin und eine Hütte im Wald wollte, von der aus ich keine anderen Häuser sehen kann. Das bedeutete, dass ich jedes einzelne Teil meiner Hütte mit der Hand den Hügel hinaufschleppen musste. So ist das eben.

Ich denke über Überschwemmungen nach, weil ich schon zu viel Zeit in ihnen verbracht habe, als ich durch Wasser watete, das ich nicht hätte durchwaten sollen, um Geräte aus der Scheune zu holen.

Wir stecken gerade in einer Sackgasse in der amerikanischen Gesellschaft, in vielen Bereichen, aber die Katastrophenvorsorge ist einer davon. Für Einzelpersonen oder sogar kleine Gemeinden kann ich Ideen anbieten wie: „Baut auf einem Hügel, nicht im Tal“ oder „Sorgt für eine ausreichende Entwässerung eures Hauses“. Ich könnte dir raten, eine Axt auf dem Dachboden aufzubewahren, wie es die Leute an der Golfküste tun, damit du, falls du jemals auf deinem Dachboden eingeschlossen bist, ein Loch in das Dach schlagen kannst, um zu entkommen, wenn das Wasser dich erreicht.

Ich könnte dir raten, dir zu überlegen, wie du von den Fenstern deines Hauses auf das Dach gelangen kannst. Ich könnte dir raten, Sandsäcke bereitzuhalten, um sie mit Erde zu füllen und Türen zu blockieren. Ich könnte dir raten, nicht durch stehendes Wasser zu fahren. Ich könnte dir sagen, dass Elektroautos ironischerweise besser durch hohes Wasser fahren können als Benziner (obwohl du trotzdem nicht durch Hochwasser fahren solltest).

Ich könnte dir sagen, dass du nicht durch Hochwasser waten sollst, um deinen Schnapsvorrat zu retten, den du unter der Scheune versteckt hast, und ich kann dir das sagen, weil ich glaube, dass ich das Foto, auf dem ich genau das mache, von meinem Instagram-Account gelöscht habe, das ich vor Jahren auf meinem Tinder-Profil hatte. Da das Foto weg ist und es keinen Beweis dafür gibt, dass es jemals existiert hat, kann ich dir sagen, dass du das nicht tun sollst, ohne wie ein Heuchler zu klingen.

Ich kann dir sagen, dass du eine Notfalltasche bereithalten sollst, und während ich das hier tippe, denke ich darüber nach, wie ein Paracord mit den richtigen Knoten dein Leben retten könnte, da so viele Menschen Überschwemmungen überlebt haben, indem sie sich an Bäumen und Schornsteinen festgeklammert haben. Ich kann dir sagen, dass Rettungswesten spottbillig sind und es sich lohnt, sie zu Hause zu haben.

Ich kann dir all diese einzelnen Schritte nennen. Aber es sind einzelne Schritte.

Strukturelle Probleme erfordern strukturelle Lösungen. Ich weiß nicht, wie all diese Lösungen aussehen werden, aber ich kann dir sagen, dass die USA noch nie besonders gut darin waren, katastrophensichere Infrastruktur zu bauen. Unsere Stromleitungen zum Beispiel sind oberirdisch verlegt, wo sie leicht von Wind und Bäumen zerstört werden können.

Trotzdem gibt es um uns herum unglaublich viel Technik, von der Form der Straßen, damit das Wasser abfließen kann, bis hin zu den unterschiedlichen Bauvorschriften in den verschiedenen Regionen. Wenn du ein Haus in einer sturmgefährdeten Gegend baust, gibt es einen Grund, warum du sogenannte „Hurricane Ties” verwendest, wenn du Balken an Trägern befestigst.

Wir bauen kaum gut genug für die Bedingungen des 20. Jahrhunderts, und wir bauen ganz klar nicht annähernd gut genug für die Bedingungen des 21. Jahrhunderts. Wir müssen bessere Technik einführen, aber das ist in den USA derzeit schwierig. Unter der vorherigen Regierung war es schon schwer, aber im Moment haben wir weniger eine Regierung als vielmehr faschistische Diebe, die uns das Kupfer aus den Wänden reißen. Jedes nützliche Stück sozialer Infrastruktur, das die Regierung früher bereitgestellt hat, wird uns weggenommen (wie die NOAA, um ein für das Thema Hochwasservorhersage relevantes Beispiel zu nennen), sodass nur noch die Infrastruktur der Unterdrückung übrig bleibt.

Was wir brauchen, sind systemische Lösungen für die sich verändernde Ökologie unserer Welt, wenn wir etwas gegen die globale Erwärmung unternehmen oder auch nur als Spezies in unserem sich wandelnden Klima überleben wollen.

Wir müssen widerstandsfähige Gemeinschaften aufbauen. Unsere Gemeinschaften brauchen soziale Infrastruktur, die Widerstandsfähigkeit fördert, wie lokale Versammlungen und Entscheidungsfindung, gegenseitige Hilfe, Konfliktlösung und Vertrauensnetzwerke.

Sie brauchen aber auch physische Infrastruktur, die Widerstandsfähigkeit fördert, wie robustere Stromnetze, bessere Regenwasserableitung, genaue Wettervorhersagen, bezahlbare sturmfeste Wohnungen und gekennzeichnete und gepflegte Evakuierungswege.

Wir brauchen auch einen Grund, darauf zu vertrauen, dass die Menschen, die politische Entscheidungen treffen, sich tatsächlich darum kümmern, ob wir leben oder sterben. Ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, wie all diese Dinge, insbesondere der letzte Punkt, ohne eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft – sozusagen eine Revolution – erreicht werden könnten.

Denn der Meeresspiegel wird weiter steigen. Es gibt so viele Menschen um dich herum, Fremde und Freunde, denen es wichtig ist, ob du lebst oder stirbst. Aber der Regierung ist das sicher egal, und unserem Wirtschaftssystem auch, und beides galt vor fünfzehn Jahren genauso wie heute.

Jede Katastrophengeschichte enthält unzählige Geschichten von Heldentum und Widerstandsfähigkeit. Unzählige Menschen – Ersthelfer und Zivilisten gleichermaßen – riskieren oder verlieren jedes Mal ihr Leben, um Menschen zu retten. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten kommen zusammen, um Wasser, Lebensmittel, Strom, Kaffee, Kettensägen, Benzin und alles andere frei zu teilen. Menschen, die in Machtstrukturen eingebunden sind, riskieren ihren Arbeitsplatz, um das Richtige zu tun und Ressourcen dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Politische Grenzen verschwinden oft unter dem Gewicht des Augenblicks.

Aber jede Naturkatastrophe, die ich persönlich erlebt oder von der ich gelesen habe, war weniger „natürlich“, als man denken könnte. Überschwemmungen töten mehr Menschen in Wohnwagen als in Backsteinhäusern, und diejenigen, die schon vor dem Sturm zu kämpfen hatten, haben es nach dem Rückgang des Wassers viel schwerer, sich wieder zu erholen. Der Katastrophenkapitalismus schnappt sich billige Immobilien und zerstört Gemeinden mindestens genauso effizient wie Wind und Feuer.

Was kann ich dir vor diesem Hintergrund über die Vorbereitung auf Überschwemmungen sagen?

Ich kann dir sagen, dass es nie verkehrt ist, das Nötigste zu tun: Lerne deine Nachbarn kennen, halte eine Notfalltasche bereit, packe dein Auto mit einigen grundlegenden Notfallvorräten, und bewahre zu Hause Lebensmittel, Wasser und eine Notfall-Handyladestation für drei Tage auf.

Ich kann dir sagen, dass du nach einer Überschwemmung nie wieder so über Flüsse denken wirst wie zuvor und dass du die Lage eines Ortes sorgfältig prüfen wirst, wenn du darüber nachdenkst, wo du parkst, campst, mietest oder kaufst.

Und ich kann dir sagen, dass wir niemals eine Gesellschaft aufbauen können, die sich an den steigenden Wasserständen anpassen kann, wenn wir nicht grundlegend ändern, wie Entscheidungen in unserer Gesellschaft getroffen werden, wenn wir nicht anfangen, die öffentliche Sicherheit über Privateigentum zu stellen und wenn wir nicht lernen, die sozialen Barrieren zwischen den Menschen abzubauen.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: As the Waters Rise or: revolution as preparedness, 13. Juli 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Tag Z im Görlitzer Park

Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus der Demo: Eine Person hält eine Sprechblase mit dem Text "Görli bleibt auf!"
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Mehr als 1.000 Menschen demonstrierten am Abend des 23. Juni, einen Tag vor dem geplanten Start des Zaunbaus, für einen offenen Görlitzer Park und für soziale Lösungen der Probleme rund um den Park anstelle von Symbolpolitik.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Ab 17 Uhr fand auf dem Spreewaldplatz ein Kiezkonzert mit verschiedenen Künstlerinnen und Rednerinnen statt. Gegen 18.30 Uhr begann die lautstarke und kraftvolle Demonstration, die einmal durch den Kiez und den Görlitzer Park führte. Weitere Proteste sind schon geplant. Am Samstag, den 12. Juli ab 16.30 Uhr bringt das Kollektiv Lauratibor Musik, Magie und politische Klarheit in den Görli. Es geht um Reichtum und Armut, Verdrängung, Zäune und leere Symbolpolitik. Kommt in Scharen!

„Das einzige, was hilft, ist Widerstand – und darin ist Kreuzberg gut“

(Begrüßungsrede auf der Tag Z-Demo)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

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Marzahn Pride 2025

Das Foto zeigt Teilnehmer der Pride, eine Person hält eine Texttafel hoch: "Für eine Welt, in der Vielfalt kein Grund zur Angst sondern zum Feiern ist"
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Bis zu 2.000 Menschen protestierten am 21. Juni 2025 in Marzahn auf der East Pride für die Rechte von LGBTQIA*-Menschen. Es war die größte Pride Parade in Marzahn.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Marzahn Pride, die am Nachmittag in der Nähe des S-Bahnhofs Springpfuhl startete, fand bereits zum sechsten Mal statt. Organisiert wurde sie u.a. vom Verein Quarteera, der der Community queerer Migrant*innen vor allem aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine Plattform geben will.

Die Pride feiert queeres Leben, wie ein Mitglied der Orga in einem taz-Interview betont: „Ein Akt der Sichtbarkeit für unsere Community und ein klares Zeichen dafür, dass queere Menschen überall sind, nicht nur in Kreuzkölln.“

Neonazis der Jugendgruppe „Deutsche Jugend voran“ hatten eine Gegendemo mit 300 Teilnehmer*innen angemeldet, es kamen nur 50.

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United for Gaza

Das Foto zeigt die demonstrierenden Menschen vor dem Reichstagsgebäude.
Foto: © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Es war wohl die bisher größte Palästinasolidarische Demonstration in Berlin. Angesichts der humanitären Notsituation in Gaza demonstrierten am 21. Juni 2025 in Berlin nach Angaben der Veranstalter 50.000 Menschen gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen, die Polizei meldete lediglich 15.000. Der Protest unter dem Motto „United 4 Gaza“ begann vor dem Reichstagsgebäude und führte durch das Berliner Regierungsviertel in Richtung Potsdamer Platz. Aufgerufen hatten zwei palästinensische Einzelpersonen.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die Demonstrierenden forderten unter anderem einen sofortigen Stop der Angriffe im Gazastreifen, ein Ende der deutschen Unterstützung und Waffenlieferungen an Israel. Weitere Forderungen waren: internationale juristische Maßnahmen und die Achtung des Völkerrechts sowie ein Ende der seit Beginn des Krieges stattfindenden Kriminalisierung palästinensischer Stimmen, Symbole und Proteste.

Wir sind zwei palästinensische Einzelpersonen – unabhängig, von Parteien/Organisationen. Amin stammt aus Hebron (West Bank), Abed hat den Genozid in Gaza nur knapp überlebt. Uns verbindet das Ziel, der palästinensischen Perspektive Gehör zu verschaffen – einer Stimme, die in Deutschland systematisch ausgeblendet wird. Für Völkerrecht, Gerechtigkeit und Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung.
(Flyer-Aufruf zur Demonstration)
Nach Angaben der von den Hamas geführten Gesundheitsbehörden wurden seit Beginn des Krieges mindestens 56.000 Menschen im Gazastreifen getötet. Die humanitäre Lage in Gaza ist seit Monaten katastrophal. Israel hatte im März die vollständige Blockade sämtlicher Hilfslieferungen verhängt. Inzwischen wurden die Restriktionen etwas gelockert, doch die Versorgungslage ist weiterhin völlig unzureichend. Bei der Ausgabe der Hilfsgüter eröffnete das israelische Militär wiederholt das Feuer auf palästinensische Zivilisten. Nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde wurden dadurch bereits Hunderte Menschen getötet.

Auch in London gingen am Samstag Zehntausende zur Unterstützung der Palästinenserinnen und Palästinenser auf Straße. Sie verurteilten dabei das israelische Vorgehen im Gazastreifen ebenso wie die Angriffe auf den Iran.

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Ein Loblied auf die Veranda-Badewanne oder: Eine Sache, die wir kontrollieren können, ist, wie sehr wir uns anstrengen

Das neue Buch „Orso: Wartime Journals of an Anarchist“ kann jetzt vorbestellt werden, und ich bin stolz auf meinen kleinen Beitrag zu diesem Buch. Ein italienischer Anarchist namens Lorenzo Orsetti starb vor ein paar Jahren an der Front in Rojava im Kampf gegen den IS, und seine Kameraden schickten seine Tagebücher nach Italien. Der dortige Verlag hat uns wegen einer englischen Übersetzung kontaktiert, und wir haben eine ziemlich gute Ausgabe zusammengestellt.

Die dieswöchigen „Cool People Who Did Cool Stuff”-Folgen handeln von Bread & Puppet, den Leuten, die das Konzept der riesigen, dramatischen Puppen bei Protesten erfunden haben.

Und meine neuesten Bücher sind The Immortal Choir Holds Every Voice und The Defender’s Almanac.

Loblied auf das Bad auf der Veranda

Vor ein paar Nächten lag ich in einer Badewanne auf meiner Veranda und beobachtete Blitze über den Bergen, weit genug entfernt, dass ich den Donner nicht hören konnte, weit genug entfernt, dass ich mich sicher fühlte. Leichter Regen fiel auf mich herab. Ein Insekt von der Größe eines Mondschmetterlings flog um mich herum und schlug wild mit den Flügeln, aber mein Hund hielt es von mir fern. Nicht alles in meinem Leben war in dieser Nacht perfekt (und einige ganz bestimmte, sehr wichtige politische Dinge sind so weit von der Perfektion entfernt, dass sie mich nachts leicht in Angst wach halten können), aber es war perfekt genug.

Eine Badewanne steht auf der Veranda eines sehr grob gezimmerten Dreieckhauses im Wald.
Grafik: Thomas Trueten
Da keine Nachbarn in Sicht waren, fiel es mir leicht, mich draußen nackt zu zeigen. Das Verandabad ist vielleicht die perfekte Verkörperung dessen, was ich am Leben auf dem Land liebe, und selbst die riesigen, unbekannten Insekten konnten mich nicht davon abhalten, mich zu amüsieren.

Ich habe etwa vier Jahre lang nach einer Veranda-Badewanne gesucht.

Als das Jahr 2020 begann, lebte ich allein in einer Hütte im Wald (das habe ich Ihnen wahrscheinlich schon erzählt) und verbrachte mehrere Monate damit, einen Waschbecken und eine Veranda-Dusche zu installieren, damit ich mein Geschirr spülen und mich waschen konnte, während ich ruhig und geduldig ein wenig den Verstand verlor, weil ich so isoliert war.

Den ganzen März über duschte ich mit einem dieser solarbetriebenen Warmwasser-Duschbeutel, was bedeutete, dass ich bei 30 Grad Lufttemperatur im Schatten in 29 Grad warmem Wasser badete. Ich habe lange genug draußen gelebt, um zu wissen, dass warmes Wasser und Seife auf meinem Körper kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sind. Pilzinfektionen sind kein Spaß und ohne fließendes Wasser leicht zu bekommen.

Die traditionellste Frau, die ich je war, war ich, als ich mit mir selbst verheiratet war. Ich trug die Wäsche mit einem Eimer und einem Waschbrett den Hügel hinunter zum Bach, wusch meine Kleidung wütend in dem fast eiskalten Wasser und hängte sie dann vor meinem Haus auf die Leine. Später stieg ich auf eine handbetriebene Waschmaschine um. Aber der Bach und die Solardusche haben mich davor bewahrt, krank zu werden, und dafür bin ich dankbar.

Als ich endlich 150 Gallonen Wasserfässer vor meinem Haus aufgestellt hatte, die an eine 12-Volt-Pumpe angeschlossen waren, die von ein paar Sonnenkollektoren und einer Batterie gespeist wurde, die wiederum an einen Propangas-Wassererhitzer angeschlossen waren, der an einen Duschkopf an der Vorderwand meines Hauses angeschlossen war, stand ich in heißem (nicht heißem) Wasser und weinte buchstäblich vor Erleichterung.

Es gab nicht viele Bereiche in meinem Leben, die ich im Jahr 2020 unter Kontrolle hatte. Ich konnte nicht kontrollieren, wen ich sah, wohin ich ging oder sogar, wie mein Gehirn funktionierte, nicht wirklich. Aber ich konnte kontrollieren, wie hart ich arbeitete, um mir einige grundlegende Annehmlichkeiten zu verschaffen. Ich konnte nicht kontrollieren, ob es mir gelingen würde, mir diese Dinge zu verschaffen, aber ich konnte kontrollieren, wie sehr ich mich darum bemühte. Mein erster Versuch, einen Gasherd in meinem Haus anzuschließen, füllte meine Hütte mit Propangas. Der zweite Versuch schlug komplett fehl. Der dritte funktionierte und versorgte mich mit zwei Kochplatten, sodass ich endlich wieder warmes Essen essen konnte. Meine Solaranlage wurde immer wieder aufgebaut, auch nachdem eine Überschwemmung alle 1200 Watt stromabwärts mitgerissen hatte, bis sie in die Scheune krachte.

Ich konnte kontrollieren, wie hart ich arbeitete.

Der Winter kam und ich war immer noch isoliert auf diesem Hügel in diesen Wäldern. Ich hatte nicht viel Geld übrig, aber ich wollte so dringend ein Bad nehmen. Ich kaufte mir im Internet eine 30 Dollar teure, leuchtend pinkfarbene aufblasbare Badewanne im japanischen Stil (die höher als breit war) und füllte sie mit dem Duschkopf, bis sie wie ein Kessel dampfte, und hockte mich hinein. Es war wie ein Zauber, den ich über mich selbst ausgesprochen hatte, ein Zauber der Erleichterung.

Von diesem Moment an wusste ich, dass ich eine Veranda-Badewanne wollte.

Die erste, die ich baute, war vielleicht die aufwendigste und bei weitem die am wenigsten erfolgreiche. Ich ging hinunter auf das Feld und baute neben der Scheune eine Plattform. Ich kaufte einen 100-Gallonen-Vorratsbehälter (einen großen schwarzen Plastikbehälter, der zur Tränkung von Vieh verwendet wird) und baute eine Holzverkleidung darum herum. Ich verlegte Warm- und Kaltwasserleitungen aus dem Regenwassertank. Das kostete mich eine Stange Geld für Holz, Wassertank und Klempnerarbeiten, und ich konnte einmal richtig baden, bevor alles kaputt ging.

Das eine gute Bad, das ich in der Wanne nehmen konnte, bevor sie kaputt ging, war allerdings sehr gut, und sobald ich in mein jetziges Haus in einem anderen Wald in derselben Bergkette gezogen war, beschloss ich, von vorne anzufangen.

Ich baute zwei weitere Tanks, die beide so konstruiert waren, dass das Wasser wie in einem Whirlpool zirkulierte: Ein Auslass am Boden des Tanks leitete das Wasser durch eine Propangasheizung und zurück in einen Einlass an der Oberseite. Ich füllte den Tank mit Wasser aus dem Schlauch, schaltete ihn ein und wartete mehrere Stunden, bis er sich aufgeheizt hatte. Die zweite Version war vollständig in einer Holzhütte isoliert. Sie gingen immer wieder kaputt, auf die eine oder andere Weise, und die Pumpe war verdammt laut.

Schließlich bezahlte ich einen Klempner, der eine Warmwasserleitung an die Außenseite meines Hauses verlegte und dann Warm- und Kaltwasserleitungen unter meiner Veranda installierte. Ich kaufte online eine große Acrylwanne. Das Wasser wird nicht umgewälzt, aber das brauche ich auch nicht. Ich brauche keinen Whirlpool. Die Wanne reicht für drei Saisons Verandabaden.

Die meisten meiner Hausgäste leben in Städten, und ich biete ihnen einen Hauch von Landleben. Hier ist es ruhig, und die meisten meiner Gäste schlafen besser als zu Hause. Es gibt mehr Motten zu beobachten und mehr Vögel zu hören. Manchmal gehen wir mit meinem Bogen oder meiner Armbrust schießen, manchmal schießen wir mit Luftgewehren, manchmal schießen wir mit Gewehren und Handfeuerwaffen. Und manchmal können die Leute ein Verandabad nehmen, und ich lasse sie in Ruhe, und über ihnen sind Sterne und nur ein paar riesige, furchterregende fliegende Insekten. Der Hund hält die aber in Schach.

Das Einzige, was besser ist, als die Früchte seiner Arbeit zu genießen, ist, die Früchte seiner Arbeit zu teilen.

Mein Verandabad ist für mich die Belohnung für meine Hartnäckigkeit. Vier Jahre und vier Modelle und unzählige Stunden des Bauens und Umbauens, des Installierens und Neuinstallierens, und jetzt funktioniert es mehr oder weniger richtig. Mein Freund hat vor, den Abfluss in den Garten zu verlegen, und ich habe einige Ideen, wie man noch mehr heißes Wasser hinbekommen könnte, aber es funktioniert, und das macht mich glücklich.

Es gibt eine Menge Dinge, die ich im Moment nicht kontrollieren kann, so wie immer. Aber ich kann kontrollieren, wie sehr ich mich bemühe.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: In Praise of the Porch Bath or: one thing we can control is how hard we tryg, 2 Juli 2025
Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Leben auf dem Land, Leben am Rande, gutes Leben oder: Margaret mag das Foghorn Mag

Zuerst mal möchte ich klarstellen, dass ich die aktuellen Ereignisse nicht ignoriere, ich sehe mich nur nicht als jemand, der heiße Takes schreibt. Ich hab unendlich viel Liebe und Unterstützung für die Anti-ICE-Rebellen, und die Proteste im ganzen Land geben mir Kraft. Ich glaube, dass wir gewinnen werden. Ich glaube, dass wir viele sind und sie wenige. Ich glaube, dass wir alle das Gedicht „First they came for“ gelesen haben und wissen, dass wir den Faschismus hier und jetzt stoppen müssen, mit den ersten Menschen, die sie holen, und dass es alles ein Kampf ist.

Außerdem möchte ich gleich zu Beginn sagen, dass ich zwei neue Bücher herausgebracht habe. Das eine ist The Immortal Choir Holds Every Voice, über das ich schon eine Weile gesprochen habe, das dritte Buch in der Danielle-Cain-Reihe. Das andere heißt „The Defenders Almanac“ („Der Almanach der Verteidiger“) und ist ein Begleitrollenspiel zum Brettspiel „Defenders of the Wild“ („Verteidiger der Wildnis“). Der Almanach und das Rollenspiel funktionieren völlig unabhängig vom Brettspiel. Ich habe das Spielsystem nicht geschrieben, aber zusammen mit ein paar anderen habe ich Jahre damit verbracht, die Welt zu entwickeln und darin zu schreiben. Ich durfte viele Geschichten über Tierhexen schreiben, die gegen riesige Maschinen kämpfen, und ich denke, es wird euch gefallen. Es ist auch so konzipiert, dass es für Leute, die das Rollenspiel nicht spielen werden, lesbar und unterhaltsam ist.

Leben auf dem Land, Leben am Rande, gutes Leben

Heute Morgen, gegen 11:40 Uhr, fiel mir ein, dass die Postämter auf dem Land samstags mittags schließen. Das war ein Problem, weil ich jemandem eine Expresssendung schicken musste und ich im Wald wohne und das Postamt, zu dem ich normalerweise gehe, etwa 20 Minuten Fahrtzeit entfernt ist. Google Maps sagte mir, dass es noch eine andere Post in einer winzigen Stadt nur 11 Minuten entfernt gibt, also zog ich meine Real Tree Crocs an, sprang in meinen Van, raste die kurvigen Straßen entlang und fand mich schließlich ... auf einem großen Bauernhof inmitten der Berge wieder. Anstelle einer Post gab es einen kleinen, unbeaufsichtigten Hofladen, in dem Tomaten auf Vertrauensbasis verkauft wurden.

Ich parkte kurz und näherte mich einer blonden Frau mittleren Alters, die einen Side-by-Side-Bike fuhr. Ich trug eine schwarze taktische Hose, eine Punkweste mit einem brennenden Polizeiauto darauf und ein Hello Kitty-Shirt mit der Aufschrift „Free Palestine“. Ich trug Goldschmuck im Gesicht, hatte glitzernde lila Fingernägel und meine Haare waren offen und wild. „Google Maps hat mir gesagt, dass es hier ein Postamt gibt“, sagte ich ihr, „aber ich schätze, es gibt keins.“

Sie lachte und wir unterhielten uns eine Weile darüber, wie Google Maps von Zeit zu Zeit Leute vor ihrer Tür absetzt. Sie hatte angenommen, ich sei wegen eines Bluegrass-Festivals dort, das kilometerweit entfernt in einem anderen County stattfand und zu dem Google Maps jedes Jahr Leute vor ihrer Haustür absetzt. Dass ich vielleicht zu einem Festival wollte, war angesichts meiner Kleidung und des Vans, den ich fuhr, eine durchaus naheliegende Vermutung. Nachdem wir uns eine Weile freundlich unterhalten hatten, fuhr ich weiter. Ich habe heute zwar nicht das bekommen, was ich brauchte, aber ich habe eine schöne Erinnerung daran gewonnen, dass ich das Landleben mag und dass die Menschen in den Appalachen keine Angst vor Fremden haben. Die Leute hier sagen mir oder meinen Gästen ziemlich regelmäßig, dass sie „alle Arten von Menschen hier mögen“.

Natürlich mögen nicht alle hier „alle Arten von Menschen“, und die meisten Leute hier wählen nicht so, dass man sagen könnte, sie mögen alle Arten von Menschen, aber im Großen und Ganzen wollen die Menschen in den Appalachen einfach nur leben und leben lassen.

Das Foto zeigt die Titelseite des Foghorn Mag, ein grob gezimmertes Holzzhaus und ein Holzofen im Vordergrund. Das Dach besteht aus Wellblech, die Wände aus Schindeln.
Foto: Margaret Killjoy
Als ich nach Hause kam, warteten in meinem Briefkasten meine Autorenexemplare des Foghorn Mag, „ein anarchistisches Dokument des Lebens am Rande der Gesellschaft“. Kurz gesagt, es ist eine gedruckte Zeitung für ländliche Anarchisten. Ich habe über meine Erfahrungen beim Bau und Leben in einer 12 x 12 Meter großen, netzunabhängigen A-Frame-Hütte geschrieben, und dieser Artikel steht neben Einführungen darüber, wie man ein Landprojekt startet, wie man Couchsurfing macht, wie man Lehmfarbe verwendet, Ratschlägen für den Umgang mit Bezirksinspektoren, Memoiren darüber, wie das Vorbereiten von Brennholz der Felsbrocken ist, den man immer wieder den Berg hinaufschleppt (vielleicht kann man oben einen Deal mit Gott aushandeln?), und vielem mehr.

Um die Zeitung selbst zu zitieren:

Foghorn Mag ist ein halbjährlich erscheinendes Printmagazin, eine anarchistische Chronik des Lebens am Rande der Gesellschaft. Es richtet sich an Hausbesetzer, Off-Grid-Freaks, Landverteidiger, Waldbewohner, kommunale Sonderlinge und alle, die außerhalb der Grenzen leben, außerhalb der Reichweite von Vermietern, Behörden und Staat. An diejenigen, die schon seit Generationen so leben, und an diejenigen, die gerade erst damit anfangen. Foghorn wird im traditionellen Gebiet der Twana & S’klallam auf der sogenannten Olympic Peninsula veröffentlicht.

Ich denke, es ist auch für alle Menschen mit unstillbarer Neugier, für Menschen, die immer gerne erfahren, wie andere Menschen Dinge tun, für Menschen, die sich alle Optionen in ihrem Leben offen halten wollen.

Als ich mit dem Reisen anfing, zog ich von Stadt zu Stadt. Nach ein paar Jahren, als ich mich vom globalisierungskritischen Aktivismus zum Waldschutz wandte, zog ich stattdessen von Dorf zu Dorf. Ich fand mich in Landprojekten wieder, die sowohl funktionierten als auch dysfunktional waren, statt nur in besetzten Häusern und Punk-Häusern (die in etwa zu gleichen Teilen funktionierten und dysfunktional waren ... nichts ist besser als das andere). Ich fing an, draußen zu duschen und auf Komposttoiletten zu kacken und lernte die feinen Unterschiede zwischen Hippies an der Ost- und Westküste und zwischen ländlichen Hippies und ländlichen Punks kennen, aber auch einfach zwischen Menschen, die schon immer draußen oder in der Nähe der Natur gelebt haben und sich nicht wirklich in eine subkulturelle Schublade stecken lassen.

Behold, the Power of the Triangle or: A-Frames for the Power of the Adventourous
Der im Beitrag erwähnte Artikel von Margaret Killjoy: "Behold, the Power of the Triangle or: A-Frames for the Power of the Adventourous"
Als ich zum ersten Mal mit dem Landleben in Berührung kam, kam es mir nicht wirklich zugänglich vor. Ich war immer nur auf der Durchreise in diesen verschiedenen Landprojekten und hatte kein festes Einkommen, weil Aktivismus mein Vollzeitjob war. Es ist viel schwieriger, auf der Straße Akkordeon zu spielen, um Geld zu verdienen, wenn man auf dem Land lebt. (Allerdings muss ich hier den Bauernmarkt auf Pender Island in British Columbia erwähnen, wo ich ein paar kanadische Dollar verdient habe, während ich mit den anderen Punks schreckliche Lieder geschrien habe. Ich kann nicht glauben, dass ich so viele Jahre lang so getan habe, als würde ich nicht Folk-Punk spielen.)

Die einfache Wahrheit war, dass die meisten Landprojekte, in denen ich gelebt habe, zwar von vielen Menschen mit geringem Einkommen bewohnt waren, das Land selbst aber fast immer mit dem Vermögen mehrerer Generationen gekauft worden war. Und es ist meistens schwieriger, einfach so in ein Landprojekt zu ziehen als in ein Punkhaus in der Stadt. Es ist schwieriger, Leute auf dem Land kennenzulernen, wenn man nicht schon dort lebt, und es ist ein größeres Risiko, einen neuen Mitbewohner auf dem Land aufzunehmen, als jemandem für 50 Dollar oder so den Waschraum in deinem städtischen Punkhaus zu vermieten (ein großes Dankeschön an das Haus in Santa Cruz, das mir für eine Weile den Waschraum vermietet hat).

Ich weiß nicht, ob sich die Art und Weise, wie Landprojekte ins Leben gerufen werden, tatsächlich verändert hat oder ob ich einfach Glück hatte, aber als ich endlich aus meinem Van auszog, traf ich jemanden, der ein Landprojekt gestartet hatte, indem er einfach bei verschiedenen Jobs hart gearbeitet und sich um verschiedene Fördermittel für Erstbauern beworben hatte.

Es ist seltsam, denn das Leben auf dem Land, abseits der Zivilisation, ist bemerkenswert günstig, wenn man es einmal eingerichtet hat. Es ist nur nicht immer einfach, es einzurichten.

Ich liebe das Leben auf dem Land. Ich denke, das ist der Kern dieses Beitrags. Ich liebe es, den Trauertauben und den Windspielen zuzuhören. Ich liebe es, dass körperliche Arbeit Teil meines Alltags ist, Mulch zu schaufeln, im Garten zu arbeiten oder auf das Dach zu klettern. Ich liebe es, Platz zu haben, ich liebe meine Privatsphäre und ich liebe es, dass es sich wie ein besonderes Ereignis anfühlt, wenn ich Besuch habe.

Ich liebe es, wie nahtlos das Landleben mit dem „marginalen Leben” zusammenpasst, um den Slogan des Foghorn Mag zu zitieren. Ich liebe es, dass das Bauen von Bücherregalen und das Planen einer Außenküche für Zusammenkünfte sich wie eine logische Fortsetzung meiner Zeit als Couchsurfer und Vollzeit-Tramper anfühlt.

Diese Woche habe ich mich mit Bread & Puppet beschäftigt, einem radikalen Theater, das 1963 in New York City gegründet wurde und sieben Jahre später nach Vermont zog, wo es den verfügbaren Freiraum für groß angelegte Spektakel nutzt. Eine der Gründerinnen von Bread & Puppet, Elka Schumann, wurde in der UdSSR geboren, aber ihr Großvater war ein amerikanischer Sozialist aus der Zeit der Jahrhundertwende, der (zusammen mit seiner Frau, die selten erwähnt wird) ein Buch über das „gute Leben” auf dem Land schrieb, das die Back-to-the-Land-Bewegung der 60er und 70er Jahre stark inspirierte.

Es gibt so viel über dieses Buch und die „Back to the Land”-Bewegung zu denken, dass ich es nicht einfach so zusammenfassen kann. Elkas Ururgroßvater, der Großvater ihres Großvaters, war ein Kohlebaron in Pennsylvania, und das Geld der Familie half ihrem Großvater, dieses „gute Leben” zu führen und darüber zu schreiben. Aber ihr Großvater und vor allem Elka selbst halfen so vielen anderen Menschen, genauso zu leben. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die ich kenne und die abseits der Zivilisation (oder einfach nur in abgelegenen ländlichen Gegenden) in diesem „marginalen Leben” leben, tun dies nicht, weil sie auf den Reichtum ihrer Vorfahren zurückgreifen können, sondern weil sie sich auf das anarchistische soziale Netz verlassen, das wir füreinander aufbauen. Das anarchistische soziale Netz ist real, weil wir an Solidarität glauben. Es ist der Kern unserer Politik.

Die Leute machen seltsame und schreckliche Jobs, um ein bisschen Geld zu sparen, um sich winzige Hütten zu bauen, aber sie können ein fantastisches (oder zumindest nicht langweiliges) Leben führen, indem sie das in einer Gemeinschaft miteinander tun. Die Arbeit wird geteilt, das Essen wird geteilt. Wir versuchen, wo wir können, dass niemand durch das Raster fällt.

Das letzte Landprojekt, in dem ich gelebt habe (mein jetziger Wohnort ist eher „ein Haus auf einem Berg“ als ein Landprojekt), fühlte sich nicht wie eine Kommune an, sondern wie eine Gemeinschaft. Ich konnte von meiner Hütte zum Wohnwagen den Hügel hinunterlaufen und eine Tasse Zucker ausleihen – oder, was noch wichtiger war, in der Scheune abhängen und gemeinsam Tabletop-Rollenspiele spielen. Wir haben Projekte miteinander gestartet, aber als Nachbarn und Freunde und nicht alle zusammen als eine Einheit. Wir trafen uns ab und zu, um über die anstehenden Gemeinschaftsarbeiten zu reden. Wir waren manchmal frustriert voneinander. Eine Person hat den Großteil der Arbeit im angeblich gemeinschaftlichen Garten gemacht. Wer passt auf die Hühner auf? Ich war regelmäßig genervt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich der Einzige war, der die Außendusche reparierte, und andere waren regelmäßig genervt von mir (obwohl sie natürlich immer im Unrecht waren und ich in jedem Konflikt völlig unschuldig war).

Wir konnten uns nicht mal auf einen Namen für das Landprojekt einigen. Die Hälfte von uns nannte es so, die andere Hälfte anders. Es hat funktioniert. Es fühlte sich an wie Anarchie, wie Anarchismus. Natürlich hat es irgendwann nicht mehr funktioniert. Aber das ist nicht wirklich eine Erinnerung an dieses Landprojekt, deshalb werde ich nicht ins Detail gehen.

Der Klimawandel war wahrscheinlich der größte Faktor – der Bach überschwemmte das Gelände immer schlimmer, und es überstieg bei weitem unsere Möglichkeiten, ihn so zu befestigen, dass die Gebäude auf dem Feld, das niemals eine Überschwemmungsfläche hätte sein dürfen, gerettet werden konnten. Covid und die damit einhergehende Isolation waren wahrscheinlich der größte Faktor für mich und führten mich ein Stück weiter nach Norden, immer noch in den Appalachen, in ein Backsteinhaus mit Stromanschluss.

Kontaktdaten und Preis für das Mag
Kontaktdaten und Preis für das Mag
Mir wird auch immer mehr bewusst, was das Schöne an Städten ist. Was schön ist, wenn einfach mehr Menschen zusammen sind, die besser in der Lage sind, komplexe soziale Ökosysteme aufzubauen. Was mein Leben angeht, bin ich gierig. Ich möchte beides haben. Ich möchte zu Konzerten gehen und mit queeren Menschen zu Post-Punk tanzen, und ich möchte nackt auf der Veranda sonnenbaden und dem Windspiel und den Trauertauben lauschen.

Solange ich lebe, werde ich also beides nach besten Kräften tun.

Und wenn euch Foghorn Mag anspricht, einschließlich meines Essays über Dreieckshäuser, könnt ihr Exemplare für 6 Dollar (das ist günstig!) bestellen, indem ihr eine E-Mail an foghornmag@riseup.net schreibt.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: Rural Life, Marginal Life, Good Life or: Margaret likes Foghorn Mag,  28. Juni 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, sollten Sie ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

20 Jahre AABS

Wir feiern 20 Jahre antifaschistische Arbeit, Solidarität & Widerstand — und laden euch alle herzlich ein! Kommt vorbei, bringt eure Freund:innen und Genoss:innen mit und lasst uns gemeinsam diesen Tag begehen.
Sharepic zur 20Jahr Feier mit den Angaben aus dem Text und einer geballten Faust
🗓️ 5. Juli • ab 15.00 Uhr
📍 Linkes Zentrum Lilo Herrmann

✨ Tagsüber erwartet euch ein vielfältiges Rahmenprogramm - lasst euch überraschen!
☕️ Kaffee & Kuchen
🍻 Kaltgetränke & Essen
🎶 Am Abend: ab 22 Uhr Party

Kommt rum - feiern, vernetzen, solidarisch sein!

Mehr Informationen zum und beim Antifaschistischen Aktionsbündnis Stuttgart & Region (AABS)

Häuserrennen der Wohnprojekte, Wagenplätze und Menschen, die Wohnen wollen

Das Foto von © Sabine Scheffer zeigt einen Ausschnitt der Demo. Im Vordergrund sitzen Menschen auf einem fahrbaren Sofa unter einem Sonnenschirm,
Foto: © Sabine Scheffer via Umbruch Bildarchiv
Mehrere 100 Menschen, mit selbstgebauten Seifenkisten, demonstrierten am 1. Juni 2025 durch Friedrichshain mit einer Wasserschlacht, Tomatenschlacht, Seifenblasen, Karaoke und einem Wettrennen der fahrenden Kisten gegen Gentrifizierung, einer Stadt nur für Reiche und einem Verlust von Wohnmöglichkeiten und Freiräumen. Die rollende Rebellion gegen Mietenwahnsinn und kapitalistische Stadtplanung.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

„Sie bauen Luxuslofts – wir bauen Seifenkistenautos. Sie räumen Wohnwagenparks – wir ziehen wieder ein! ️ Die Stadt gehört nicht den Investoren – sie gehört uns allen. Aber während die Spekulanten ihre Gewinne zählen, verlieren immer mehr Menschen ihr Zuhause. Wir haben die Nase voll vom Zuschauen.
WHEELS ON FIRE ist unsere rollende Rebellion gegen Gentrifizierung, Mietenwahnsinn und kapitalistische Stadtplanung. Mit wilden Seifenkisten, rollenden Häusern, Lärm, Farbe und Widerstand machen wir es laut und deutlich:

- Wohnen ist keine Ware.
- Unsere Stadt ist kein Spielplatz für die Reichen.
- Wir sind laut, wir sind viele - und wir passen in keine Kiste.

Wheels on Fire – Grand Prix against gentrification!”

(aus dem Aufruf zum Häuserrennen)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

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Wenn es zu viel Luftwiderstand gibt oder: Die Romantisierung der Revolution

Ein romantisches Bild von Menschen während einer Revolution unter einem Himmel mit Sternen
Grafik: Thomas Trueten
Das ist eine Geschichte über „Andor“, diese Star Wars-Serie, aber du musst sie nicht gesehen haben, und ich glaube, ich kann darüber reden, ohne was zu verraten. Es geht um eine Revolution und wird von einem Sender (Disney+) gemacht, der auf der BDS-Liste steht, weil er Schauspieler engagiert, die den Völkermord an den Palästinensern direkt unterstützen.

Es gibt eine Szene und eine Rede, und wenn du die zweite Staffel gesehen hast, weißt du, von welcher ich rede. Es ist ganz am Ende von Folge fünf. Alles, was du wissen musst, ist, dass zwei Revolutionäre, ein alter und ein junger, dabei sind, Weltraum-Benzin zu klauen, was für sie ein großes Risiko bedeutet. Die Pipeline, die sie angezapft haben, explodiert, wenn sie auch nur einen einzigen Fehler machen. Das Weltraumbenzin („Rhydo“) ist giftig, wenn man es einatmet, und der jüngere Revolutionär trägt eine Maske. Der ältere nicht. Er nähert sich und atmet tief ein.

Der jüngere, Wilmon, der schon mehr Scheiße gesehen hat, als ich jemals sehen werde, fragt: „Wie kannst du das tun?“

Der Ältere, Saw Gerrera, ist ein Revolutionär, der sich weigert, die Revolution auf die nette Art zu machen, wie es der Rest der offiziellen „Rebellion“ will. Er antwortet:

Weil ich es verstehe. Weil sie meine Schwester Rhydo ist und mich liebt!

Dieses Jucken, dieses Brennen ... Spürst du, wie sehr sie explodieren will?

Merke dir das. Merke dir diesen Moment! Diese perfekte Nacht.

Du denkst, ich bin verrückt? Ja, das bin ich. Revolution ist nichts für Vernünftige. Schau uns an: ungeliebt, gejagt, Kanonenfutter. Wir werden alle tot sein, bevor die Republik zurück ist, und doch ... sind wir hier. Wo bist du, Junge? Du bist hier! Du bist nicht bei Luthen [dem Anführer der traditionelleren Rebellion]. Du bist hier! Du bist genau hier, und du bist bereit zu kämpfen!

Wir sind das Rhydo, Junge. Wir sind der Treibstoff. Wir sind das, was explodiert, wenn die Spannung in der Luft zu groß wird. Lass es rein, Junge! Das ist die Freiheit, die dich ruft! Lass es rein! Lass es laufen! Lass es wild laufen!“

Ich habe mir das diese Woche angesehen und die Szene dreimal zurückgespult, um sie dreimal zu hören.

Die Vorstellung, dass wir die Revolution nicht erleben werden, aber dass unser Leben trotzdem schön ist, dass wir Momente wie „diese perfekte Nacht“ haben, ist berauschend.

Ist es gut, so berauscht zu sein? Ich weiß es nicht.

Ich denke viel über die Romantisierung des Leidens nach. Als ich in einem Van lebte, tat ich das nicht, weil ich ein „Vanlife“ führen wollte, sondern weil ich fast kein Geld hatte und einen trockenen Platz zum Schlafen und eine Möglichkeit brauchte, von Ort zu Ort zu kommen, um meine Aktivistenarbeit fortzusetzen. Ich hasste die Romantisierung des Van-Lebens, die makellosen Fotos von perfekten Stränden und 50.000-Dollar-Vans.

Nicht, dass mein eigenes Leben nicht schön gewesen wäre. Wenn überhaupt, hatte ich das Gefühl, dass die Leute auf Instagram eine blasse Imitation dessen lebten, was ich tat, und nicht umgekehrt. Ich schlief in besetzten Landprojekten in der Wüste, ließ Leute bei Earth First!-Versammlungen in meinem Van vor dem Regen Schutz suchen und fuhr mit diesem Van auf Lesereisen für Bücher und politische Anliegen. Dieses Leben war auch verdammt hart. Mein Van ging immer wieder kaputt und ich saß in dieser oder jener Stadt, in dieser oder jener Einfahrt fest. In einem Winter in Olympia schimmelte mein Van und alles darin. Das Leben auf engstem Raum war hart für meinen Körper und ich hatte Probleme, einige Verletzungen zu heilen.

Schließlich, nach Jahren, zog ich in eine netzunabhängige Scheune und sparte langsam Geld, um auf dem Grundstück eines Freundes eine 12 x 12 Fuß große, netzunabhängige Hütte mit A-Rahmen zu bauen. Vom Leben im Van zum Tiny House. Alles, was man romantisieren sollte.

Ein Tiny House ist meiner Meinung nach nur dann eine Verbesserung, wenn man vorher kein Haus hatte. Die meisten Menschen sind nicht glücklicher, wenn sie netzunabhängig leben. Die meisten Menschen sind nicht glücklicher, wenn sie in ihren Fahrzeugen leben.

Aber wenn es das ist, was man hat, ist es sinnvoll, das Schöne daran zu sehen. Es ist sinnvoll, es zu romantisieren. An manchen Nächten im Van, wenn der Wind durch die Bäume rauschte, war ich glücklich. An manchen Sommertagen in der Hängematte vor meiner Hütte war ich glücklich.

Wenn zwei Revolutionäre, die sich der ethischen Verpflichtung verschrieben haben, das galaktische Imperium zu stürzen, Dämpfe einatmen und poetisch über ihre perfekte Nacht des Verbrechens schwärmen, treffen sie die richtige Entscheidung. Wenn du sterben wirst, bevor du den Erfolg deiner Revolution erleben kannst, kannst du genauso gut das Beste daraus machen. Du kannst genauso gut dein kurzes Leben mit so viel Sinn füllen, wie du nur kannst.

Das ist sicher eine schöne Art zu leben. Es ist wichtig, dass wir lernen, das Schöne in unserer Situation zu sehen, egal wie schlimm sie ist, auch wenn es nur die Schönheit eines sinnlosen Kampfes ist.

Es gibt dieses alte Buch, „Katechismus eines Revolutionärs“, aus dem Jahr 1869. Es stammt von einem russischen Nihilisten namens Sergej Nechajew. Manchmal sind Leute ziemlich begeistert von diesem Buch. Es ist berauschend. Der Revolutionär ist ein zum Scheitern verurteilter Mann, heißt es gleich im ersten Satz. Schauen wir uns doch mal den ganzen ersten Absatz an:

Der Revolutionär ist ein zum Scheitern verurteilter Mann. Er hat keine privaten Interessen, keine Affären, keine Gefühle, keine Bindungen, keinen Besitz und nicht einmal einen eigenen Namen. Sein ganzes Wesen wird von einem einzigen Ziel, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft verschlungen – der Revolution. Mit Leib und Seele, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten, hat er alle Verbindungen zur sozialen Ordnung und zur gesamten zivilisierten Welt, zu den Gesetzen, guten Sitten, Konventionen und Moralvorstellungen dieser Welt abgebrochen. Er ist ihr gnadenloser Feind und lebt nur noch mit einem einzigen Ziel: sie zu zerstören.

Ein weiteres Zitat aus dem Buch, der Revolutionär:

Er muss alle sozialen Strukturen, einschließlich der Polizei, infiltrieren. Er muss reiche und einflussreiche Leute ausnutzen und sie sich unterwerfen. Er muss das Elend der einfachen Leute verschlimmern, um ihre Geduld zu erschöpfen und sie zum Aufstand anzustacheln. Und schließlich muss er sich mit der brutalen Welt der Gewaltverbrecher verbünden, den einzigen wahren Revolutionären in Russland.

Nach dem Katechismus ist im Namen der Revolution im Grunde alles gerechtfertigt. Das wurde in der Zeit der Zaren geschrieben, weniger als ein Jahrzehnt nach dem Ende der Leibeigenschaft, in einer Zeit, in der viele Leute verzweifelt nach einem Weg suchten, den Zaren von einer ganzen Person in viele kleine Stücke zu verwandeln, meist mit Sprengstoff. Was natürlich eine vernünftige Maßnahme gegenüber Autokraten ist.

Aber man muss wissen, dass der Typ, der dieses Buch geschrieben hat, Nechayev, ein Stück Scheiße war. Das ist, glaube ich, der Fachbegriff dafür. Nicht nur „er war so der Revolution verschrieben, dass er gegenüber Menschen gefühllos war“, sondern einfach ein aggressiver schlechter Mensch, der meiner Meinung nach eher schädlich für die Bewegung war, die er angeblich liebte.

Er war in eine andere russische Nihilistin verliebt, eine Frau namens Vera, aber sie wollte nichts von ihm wissen, also floh er in die Schweiz. Dort traf er den berühmten Anarchisten Michail Bakunin und betrog den alten Mann, soweit ich das beurteilen kann. Nechayev sagte so etwas wie: „Hey, ich bin Teil dieser riesigen, absolut echten Geheimgesellschaft in Russland, und du solltest uns finanziell unterstützen.“ Also gab Bakunin, gegen den Rat seiner Freunde, Nechayev Kontakte und half ihm, eine Menge Propaganda zu drucken.

Und Nechayevs konkreter Plan war, seine eigenen Freunde ohne deren Einverständnis verhaften zu lassen, um sie zu radikalisieren. Vor allem Vera, die Frau, die ihn abgelehnt hatte. Er schickte ihnen allen jede Menge Propaganda, sie wurden alle gefasst und Vera musste dafür vier Jahre ins Gefängnis.

Dann kehrt er nach Russland zurück, gründet eine Geheimgesellschaft, indem er behauptet, sie sei Teil einer viel größeren Verschwörung, die er sich ausgedacht hat, und als jemand aus seiner eigenen Geheimgesellschaft ihn wegen seiner Lügen entlarvt, töten er und ein paar Freunde den Mann und werfen seine Leiche in einen zugefrorenen See.

Danach lässt Nechayev seine Freunde zurück, damit sie von der russischen Polizei geschnappt werden, und flieht nach Europa, wo er herumreist und alle davon überzeugen will, dass autoritäre Rebellion der richtige Weg ist.

Schließlich landet er im Gefängnis und versucht, die anderen Nihilisten davon zu überzeugen, ihn zu befreien. Sorry, sagen sie, das geht nicht. Der Revolutionär ist schließlich ein verlorener Mann.

Ich halte weder von „Catechism of a Revolutionary“ noch von seinem Autor viel. Das Buch scheint geschrieben worden zu sein, um einen Mann zu entschuldigen, der tut, was er will (einschließlich der Inhaftierung der Frau, die ihn abgelehnt hat).

Doch wenn Saw Gerrera von „dieser perfekten Nacht“ spricht, denke ich an die pure Schönheit, die in einem Aufstand gegen die Polizei liegen kann, wenn man gemeinsam klar macht, dass man sich nicht von unverantwortlichen Männern mit Waffen regieren lässt. Manchmal muss man den Bastarden „Fuck you“ entgegen schreien und es auch so meinen. Man muss „Ihr seid meine Feinde“ schreien und es auch so meinen. Manchmal muss man sagen „Was willst du machen, mich umbringen?” und wissen, dass sie es vielleicht tun werden, aber dass es trotzdem gesagt werden musste.

Fiktion gibt uns keine Roadmaps oder Strategien vor, nicht wirklich. Dafür sind unsere eigenen Bewegungen und unsere eigene Geschichte besser geeignet (zum Beispiel sollte man nicht tun, was Nechayev getan hat). Aber Fiktion ist gut darin, uns zu zeigen, wer wir unter anderen Umständen sein könnten. Sie ist gut darin, uns Hinweise zu geben, wo wir in unterschiedlichen Umgebungen Schönheit finden könnten. Wenn ich eine Rebellin im Krieg gegen das galaktische Imperium wäre, wenn ich wüsste, dass ich die Revolution nicht erleben würde, würde ich meinen Frieden damit machen. Die Revolutionärin mag eine zum Scheitern verurteilte Frau sein, aber sie muss ihre Gedanken nicht auf das Grab richten. Wir alle, Revolutionäre oder nicht, wissen, dass die Leere kommt, aber dieses Wissen sollte uns nur an die Schönheit der Momente erinnern, die wir haben.

In Zeiten des Aufstands verändert sich das Leben der Menschen unwiderruflich. Menschen kommen ins Gefängnis, werden verstümmelt, sterben. Das Gleiche gilt für Zeiten des scheinbaren „Friedens“, in denen der Stiefel so fest auf unserem Hals sitzt, dass wir nicht handeln – oder, wie ich es mir gerne vorstelle, unsere Kräfte für den nächsten Moment sparen. Vielleicht warten wir, bis die Spannung zu groß wird.

Disney+ steht derzeit auf der Liste der vorrangigen Boykottziele für die Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionskampagne gegen die Besetzung Palästinas durch den israelischen Staat. Das sollte man bedenken, wenn man sich entscheidet, wie man die Serie Andor anschauen (und darüber sprechen) möchte.

Quelle: Margaret Killjoy, in Birds Before the Storm: "When There's Too Much Friction in the Air or: The Romanticization of Revolution",  04. Juni 2025

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Übersetzung [Autorisiert]: Thomas Trueten

Tower to the people: Neues Wandbild in der Köpi

Das Foto von heba zeigt das Wandbild vom Boden aus gesehen, zwei Personen hängen davor und malen es gerade. Zu lesen ist "Feministische Freiräume erkämpfen" und "Ding Dong Umverteilen!"
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Anfang Mai veranstaltete eine Unterstützerinnengruppe im autonomen Wohn- und Kulturprojekt Köpi ein großes Haus- und Hoffest. Dazu luden sie Künstlerinnen ein, eine der letzten noch ungestalteten großen Wandflächen im Innenhof zu bemalen. Vor fast genau vier Jahren entstand auf der Seitenwand des Hauses das Wandbild „Hands off our Homes“, um auf die damals drohende Räumung des Köpi-Wagenplatz aufmerksam zu machen. Diesmal war der Anlass, die Aufmerksamkeit auf die Räume im Haus zu lenken, die nach wie vor für nichtkommerzielle Veranstaltungen genutzt werden können und von vielen verschiedenen Kollektiven bespielt werden.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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