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»Wir sind Maurer, Maler, Elektriker, wir brauchen den Staat nicht, für nichts.« Lucio Urtubia

Wer kennt schon MKULTRA?

Das Foto zeigt einen Menschen in einem ABC Schutzanzug, der einen Kaninchenkäfig trägt. Darin sitzt ein Kaninchen zur Überprüfung auf Undichtigkeiten in einer Sarin-Nervengas-Produktionsanlage im Rocky Mountain Arsenal, Commerce City, Colorado, 20. März 1970
Kaninchen zur Überprüfung auf Undichtigkeiten in einer Sarin-Nervengas-Produktionsanlage im Rocky Mountain Arsenal, Commerce City, Colorado, 20. März 1970
Es hört sich an wie die schönste Verschwörungstheorie, ist aber weit davon entfernt, sondern im Gegenteil von verschiedenstens Seiten wissenschaftlich dokumentiert, vom US-Kongress und verschiedenen Untersuchungsausschüssen von allen Seiten beleuchtet, verurteilt und verdammt:

Wissenschaftler füllten heute vor sechzig Jahren Glühbirnen mit Bacillus-globigii-Bakterien aka "BG" und heute als Bacillus atrophaeus geläufig und zerschlugen sie anschließend auf den Gleisen der New Yorker U-Bahn. Die Bakterien verbreiteten sich kilometerweit im gesamten U-Bahn-Netz, wurden von Tausenden von Zivilisten eingeatmet und setzten sich auf deren Kleidung ab. Bis zum 10. Juni waren 1 Million New Yorker dem Bakterium ausgesetzt. Dies war nur eines von vielen Experimenten zur biologischen und chemischen Kriegsführung, die an US-Zivilisten durchgeführt wurden. Natürlich gab es Tausende von US-Soldaten, Gefangenen, Zivilisten und Indigenen, die während Atomwaffentests absichtlich und/oder versehentlich Strahlung ausgesetzt waren und im Rahmen des MKULTRA-Programms unwissentlich starken psychedelischen Drogen ausgesetzt wurden.

Das US-amerikanische Programm für biologische Versuche begann offiziell 1943 mit der Gründung der U.S. Army Biological Warfare Laboratories in Camp Detrick (heute Fort Detrick) in Frederick, Maryland. Die Regierung begann mit der Bevorratung von Bacillus anthracis (Anthrax), Francisella tularensis (Tularämie), Brucella spp. (Brucellose), Coxiella burnetii (Q-Fieber), das venezolanische Pferdeenzephalitis-Virus, Botulinumtoxin (Botulismus) und Staphylokokken-Enterotoxin B. Allerdings hatte die Regierung bereits während des Ersten Weltkriegs Ricin getestet.

1950 führte die US-Marine vor der Küste von San Francisco die Operation Sea-Spray durch, bei der zwei Bakterienarten, Bacillus globigii und Serratia marcescens, in die Luft versprüht wurden. Elf Menschen wurden nach dem Test in San Francisco mit schweren bakteriellen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert. Fast jeder Einwohner der Stadt war dem Erreger ausgesetzt gewesen. Einer von ihnen starb. 1951 wurden im Norfolk Naval Supply Center in Virginia Tests durchgeführt, bei denen Pilzsporen unter der überwiegend afroamerikanischen Belegschaft verteilt wurden, um die rassistische Theorie zu überprüfen, dass Schwarze anfälliger für Pilzerkrankungen seien als Weiße. Ebenfalls in den 1950er Jahren wurde Zinkcadmiumsulfid per Flugzeug über eine Reihe von Städten, darunter St. Louis und Minneapolis, versprüht. Ebenfalls in den 1950er Jahren wurden mehrere Journalisten wegen Aufruhrs vor Gericht gestellt, weil sie berichtet hatten, dass die USA während des Koreakriegs biologische Waffen eingesetzt hatten. Im Rahmen der Operation Whitecoat (1954–1973) wurden freiwillige Siebenten-Tags-Adventisten der Tularämie ausgesetzt.

Die Freilandversuche wurden bis in die 1960er Jahre fortgesetzt. 1965 verbreiteten sie Bakterien im gesamten Washingtoner National Airport, und 1966 führten sie einen Test in der New Yorker U-Bahn durch. Präsident Nixon soll 1969 dem offensiven Biowaffenprogramm der Vereinigten Staaten ein Ende gesetzt haben. Biowaffen sind gemäß den Genfer Protokollen von 1925 verboten, die die USA jedoch erst 1975 ratifizierten – im selben Jahr, in dem sie auch die Biowaffenkonvention ratifizierten.

Die Existenz solcher Programme ist hierzulande eher politisch und geschichtlich interessierten Menschen bekannt und erreichte das Bewußtsein eher im kulturellen Bereich: Ken Kesey verarbeitete seine Erfahrungen als Testperson in dem 1962 erschienenen Buch Einer flog über das Kuckucksnest, das 1975 unter demselben Namen verfilmt wurde. Der 2003 veröffentlichte Roman Shutter Island von Dennis Lehane thematisiert ebenfalls Menschenversuche in den Vereinigten Staaten dieser Zeit und wurde 2010 verfilmt. Die 2017 erschienene Serie Wormwood beschäftigt sich mit den Todesumständen von Frank Olson. Stephen Kings Roman Feuerkind von 1980 thematisiert ebenfalls als harmlose Medikamentenstudien getarnte Menschenversuche mit starken Halluzinogenen durch einen Geheimdienst ähnlich der CIA, wodurch zwei Probanden übersinnliche Fähigkeiten entwickeln und diese auch (in Form von Pyrokinese) an ihre Tochter vererben.

Über MKULTRA entstanden die Dokumentationen von Stefan Albrecht und Johannes Schäfer Die Dressierten Killer (4. August 2002/ZDF) sowie Deckname Artischocke von Egmont R. Koch und Michael Wech (12. August 2002/ARD) und eine Reihe von Spielfilmen, darunter Fletcher’s Visionen (1997), Experiment Killing Room (2009) und American Ultra (2015). Auch die TV-Serie Stranger Things nimmt auf das MKULTRA-Programm Bezug.


MKULTRA ist allerdings nicht das einzige derartig menschenverachtende Programm. So existierte bekanntlich mit COINTELPRO und dem ähnelnde Programme wie Operation CHAOS aber auch die anderen (selbstredend "rechtswidrigen") CIA Programme HTLINGUAL (HGLINGUAL), Project 2, Project MERRIMAC, Project RESISTANCE, Domestic Contact Service etc. bis hin zum inflationären Einsatz von Heroin und anderen Drogen zur Heroin gezielt gegen die die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Zerstörung des afroamerikanischen Widerstandes beispielsweise der Black Panther Party (BPP).

Aber das ist eine andere Geschichte...

Quelle: Mike Dunn, WikiPedia, eigene Ergänzungen


107 Jahre Befehl Nr. 1824

Das historische Foto zeigt eine Gruppe von Kämpfern der Anarchistischen Schwarzen Armee, angeführt von Fedir Schtschus, während des Ukrainischen Unabhängigkeitskriegs.Die Aufnahme stammt aus der Zeit zwischen 1918 und 1921. Die Gruppe, bekannt als die Dibriv-Abteilung, war Teil der Revolutionären Aufständischen Armee der Ukraine. Der Kontext ist der Ukrainische Unabhängigkeitskrieg und der Russische Bürgerkrieg.
Das historische Foto zeigt eine Gruppe von Kämpfern der Anarchistischen Schwarzen Armee, angeführt von Fedir Schtschus, während des Ukrainischen Unabhängigkeitskriegs.Die Aufnahme stammt aus der Zeit zwischen 1918 und 1921. Die Gruppe, bekannt als die Dibriv-Abteilung, war Teil der Revolutionären Aufständischen Armee der Ukraine.
Heute in der Geschichte der Arbeiterbewegung: Leo Trotzki verbot mit seinem Befehl Nr. 1824 am 4. Juni 1919 den 4. Ukrainischen Kongress der Freien Sowjets:
“Die Sektion des Rates, genannt Exekutivkomitee von Gulyai-Pole und die Mitglieder der Machnobrigade sind hiermit ab dem 15. Juni verboten und dürfen unter keinen Umständen tagen. Teilnahme daran wird als Verrat an der Sowjetrepublik betrachtet und entsprechend behandelt. Dieser Befehl tritt sofort in Kraft, telegraphisch.

Trotzki, Vorsitzender des revolutionären Rates der Sowjetrepublik
Watsetis, Ausführender Befehlshaber
Aralov, Mitglied des revolutionären Rates der Sowjetrepublik
Kosharew, Regionaler militärischer Befehlshaber, Kharkov.”

Quelle: Alexander Berkmann, Nestor Machno: Der Mann, der die Bolschewiki rettete

Außerdem entsandte er Truppen, um die Rosa-Luxemburg-Kommune bei Provkovski zu zerschlagen, und erklärte den ukrainischen anarchistischen Aufständischen Nestor Machno für vogelfrei. Das Freie Territorium innerhalb der Ukraine, auch bekannt als Machnowia (nach Nestor Machno), bestand von 1918 bis 1921. Es war eine staatenlose, anarchistische Gesellschaft, die von Machnos Revolutionärer Aufstandsarmee (auch bekannt als Schwarze Armee) verteidigt wurde. Etwa 7 Millionen Menschen lebten in diesem Gebiet, weigerten sich, Pacht an die Grundbesitzer zu zahlen, und beschlagnahmten die Ländereien und das Vieh der Kirche, des Staates und privater Grundbesitzer. Sie richteten lokale Komitees ein, um diese zu verwalten, und teilten sie unter den verschiedenen Dörfern und Kommunen des Freistaates auf.

Quelle: Posting von Mike Dunn, mit eigenen Ergänzungen

Siehe auch: In Zeiten des Krieges. Nestor Machno und die "Machnowschtschina"- eine fast vergessene Episode aus der russischen Revolution, 15. Februar 2009 von Jens Berger und Frank Benedikt

Ich muss nicht organisiert sein, um vorbereitet zu sein oder: Mangel an Fokus bedeutet nicht Mangel an Taten.

Ich habe diese Woche nicht viele Neuigkeiten für dich, aber zur Erinnerung: Ich führe eine Affiliate-Verkaufsliste mit den Büchern, die ich gerade lese, bei Firestorm Books, einer Buchhandlung in Asheville, die von queeren Menschen und Arbeitnehmer*innen geführt wird. Ihr bekommt 10 % Rabatt, ich bekomme 10 % Provision und Firestorm kann seine Türen offen halten, um beim Aufbau einer radikalen Infrastruktur in Appalachia zu helfen.

Und ich sage den Leuten schon seit Jahren, sie sollen sich vorbereiten, aber gerade jetzt fühlt es sich dringender an als je zuvor. Der Krieg zieht sich hin, die strategischen Ölreserven gehen zur Neige, und es gibt eine Verzögerung zwischen Versorgungsengpässen bei Herstellern und Landwirten und den Auswirkungen auf Preise und Verfügbarkeit in den Geschäften. Es ist immer am besten, sich Dinge zu besorgen, bevor es zu einem Ansturm darauf kommt. Wenn ich einen konkreten Ratschlag habe, dann diesen: Wenn bei deinem Auto ein Ölwechsel fällig ist, lass ihn jetzt machen, und es schadet nicht, eine Ölmenge für einen Ölwechsel vorrätig zu haben. Motoröl wird wahrscheinlich eher knapp werden als der Kraftstoff selbst.

Einige meiner anderen Beiträge zum Thema Vorsorge (die nicht wie dieser hinter einer Paywall liegen, da es sich hier eher um persönliche Gedanken handelt):


Ich muss nicht organisiert sein, um vorbereitet zu sein


Das Foto zeigt eine Amerikanerkrähe - Corvus Brachyrhynchos - auf einer Straße hockend
Amerikanerkrähe in den Singing Sands, Bruce Peninsula National Park, Ontario, Canada Juni 2007
Foto: Mdf
Lizenz: CC BY-SA 3.0
Da ist diese Krähe, die in der Nähe wohnt und davon überzeugt ist, dass 6 Uhr morgens eine wirklich gute Zeit ist, um zu schreien, zu singen und zu brüllen, aber ich bin überzeugt, dass 6 Uhr morgens eine wirklich gute Zeit ist, um zu schlafen. Ich bin auch davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, bei offenem Fenster zu schlafen, also gewinnt die Krähe diesen speziellen Willenskampf meistens, und das war heute Morgen definitiv der Fall.

Rintrah macht es nichts aus, wenn ich früh aufwache, denn er will raus, um zu pinkeln und auf Patrouille zu gehen, um sicherzustellen, dass sich über Nacht nichts Unheimliches und Stinktier-förmiges in unseren Garten geschlichen hat. Aber trotz tausender Jahre Züchtung, die ihn speziell für diesen Zweck geschaffen hat, stehle ich ihm an den meisten Morgen den Ruhm und sperre ihn drinnen ein, während ich rausgehe und zuerst den Garten überprüfe. Denn einen Hund vom Stinktiergeruch zu befreien, macht uns beide unglücklich.

Ich habe keinen guten Geruchssinn. Ich rieche meistens nur starke Gerüche, und der Geruchssinn ist interessant, weil Dinge, die stark riechen, oft schlecht riechen. Also ist das meiste, was ich riechen kann, schlecht. Katzenpisse. Verwesung. Benzin. Stinktiere.

Rintrah riecht immer noch ein bisschen nach Stinktier von dem letzten Mal, als er ein schwarz-weißes Tier aus dem Garten verjagt hat, egal wie viel Backpulver ich in sein Fell gerieben und mit Seife ausgewaschen habe. Der Geruch stört mich nicht, wenn ich ehrlich bin. Er riecht ein bisschen nach altem Gras, und ich rauche zwar nicht, aber das heißt nicht, dass ich den Geruch von altem Gras nicht mag.

Also hat mich die Krähe heute Morgen geweckt, und Rintrah ist rausgegangen und wieder zurückgekommen, und ich habe pflichtbewusst einen ganzen Memoiren-Text darüber getippt, wie ich zum ersten Mal ein Paar Dietrich-Werkzeuge bekommen habe, und dann bin ich prompt wieder eingeschlafen.

Und in diesem Text erzähle ich davon, wie ich auf meine Träume höre, wie ich die Träume, die ich im Schlaf habe, mir sagen lasse, wie ich mich im Wachzustand verhalten soll. Und als ich wieder einschlief, träumte ich nicht vom Schlösserknacken. Ich träumte von Treppen und Listen, von dem Unbehagen, das sich in letzter Zeit über mich gelegt hat, davon, wie ich versuche, Aufgaben zu lösen, und dabei scheitere, während ich mir Sorgen um meine Lieben mache.

Vielleicht schreibe ich bald mal was über das Schlösserknacken. Es war eine Geschichte, in der ich dachte, ich würde der Held sein, der als junger Hausbesetzer tapfer Schlösser knackt, um Partys und Shows zu retten, aber es war eigentlich eine Geschichte ohne Helden, und eine Geschichte, in der die meisten Figuren jung starben.

Und das ist nicht die Geschichte, die ich heute erzählen möchte. Meine Tage waren in letzter Zeit von einer gewissen Ziellosigkeit geprägt, und ich habe beschlossen, ganz im Sinne eines Anarchisten (und Autors), das dem Zeitgeist anzulasten, statt meinem Neurotyp oder den Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Meine Gedanken sind in letzter Zeit zerstreut. Meine Tage sind in eine Reihe zusammenhangloser Aufgaben zerfallen – den Schrank streichen, zu Treffen gehen, für meine Show recherchieren und schreiben, schwere Hanteln in verschiedenen Konfigurationen stemmen, mich über Vorsorge informieren, versuchen, mich nicht in Gedanken über den Zustand der Welt zu verlieren.

Die meisten dieser Dinge mache ich schlecht, weil ich abgelenkt und unkonzentriert bin. Ich habe mich von ein paar regnerischen Wochen verwöhnen lassen und eine Woche lang das Gießen meines Gartens vernachlässigt, und die Hälfte meiner Setzlinge ist eingegangen. Das Gemüse in meinem Kühlschrank verdirbt, während ich mich von Proteinriegeln und Tiefkühlkost ernähre. Beim Schreiben für meinen Podcast nähere ich mich rasch der „die ganze Arbeit unter Tränen“-Linie auf dem Diagramm.

Ich glaube schon lange, dass ich eine nicht diagnostizierte ADHS habe, und ich habe nie eine Behandlung dafür gesucht, weil ich stattdessen mein ganzes Leben darum herum aufgebaut habe. Ich habe fünfzehn Jahre damit verbracht, alle paar Tage, Wochen oder Monate an einen neuen Ort zu ziehen. Das einzige Mal, dass sich meine Neurodiversität wie ein Problem angefühlt hat, war, als ich versucht habe, so zu arbeiten, wie es die Gesellschaft von mir erwartet – wie in den zwei Jahren, die ich bei einer gemeinnützigen Organisation gearbeitet habe und in denen ich über Medikamente nachgedacht habe.

Ich glaubte an die Arbeit, die diese Organisation leistet, aber während unserer Zoom-Anrufe schloss ich mein Digitalpiano so an, dass nur ich es hören konnte, und spielte dann hinter dem Bildschirm, während wir über die Beschaffung von Mitteln zur Unterstützung von Arbeitergenossenschaften diskutierten. Das war die einzige Möglichkeit, mich zu konzentrieren.

Podcasting funktioniert für mich ganz gut. Ich kann mich alle ein bis drei Wochen auf ein neues Thema fixieren, und meine Produzenten kümmern sich um die schwierigen Teile, wie die Terminplanung.

Aber in den letzten Wochen waren meine Gedanken, wie gesagt, zerstreut. Wenn ich nicht bei der Arbeit bin, wusele ich im Haus und im Garten herum und versuche, alles zu erledigen, fühle dabei aber eine Art Unbehagen, eine Art Vorahnung, eine Art Unwohlsein.

Ich glaube, es liegt wahrscheinlich daran, dass ich halb davon überzeugt bin, dass alles kurz vor dem Zusammenbruch steht, und dass ich irgendwie alles in Ordnung bringen muss, um das nicht nur zu überleben, sondern auch allen anderen dabei zu helfen, es zu überleben.

Ich wette, das kommt dir bekannt vor.

Das Bild zeigt den Exodus der Menschen aus den Städten. Zu sehen ist ein ramponierter alter Mercedes, in dem Kinder sitzen, drumherum eine Trümmer- und Müllwüste, Menschen, die ihre Habseligkeiten in Einkaufswägen transportieren und hoffnungslos in provisorischen Lagern sitzende Menschen.
Menschen beim Verlassen der Städte. Vision des Künstlers Zbigniew Libera - Dystopie

Der Exodus der Menschen aus den Städten ist eines der letzten Werke von Zbigniew Libera, das in seiner Form an Schlachtpanoramen anknüpft. Der Künstler entwirft eine futuristische Vision, die sich auf das literarische Motiv der toten Metropolen stützt: Die Menschen verlassen die verwildernden Städte ohne Strom und fließendes Wasser und machen sich auf die Suche nach einem besseren Ort zum Leben. Dieses Werk knüpft an Liberas frühere Zyklen „Pozytywy” (Positiv) und „Mistrzowie” (Meister) an, die sich auf die Analyse der Pressefotografie und ihre Möglichkeiten zur Gestaltung des kollektiven Gedächtnisses – sowie auf die Kanons der Kunstgeschichte – konzentrieren.

Lizenz: CC BY-SA 3.0
Ich kann dir nicht sagen, dass es ein Gefühl des Untergangs ist. Ich habe meine Angst derzeit im Griff und bin nicht vor Furcht gelähmt. Ich warte einfach nur. Bereite mich vor, auf ziemlich chaotische Weise. Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen, die Welt sei organisiert und durchdacht, aber inzwischen habe ich gelernt, dass unsere ganze Gesellschaft nur aus halbwegs funktionierenden Menschen besteht, die so tun, als wären sie ein paar Stunden am Tag voll funktionsfähig. Diese Erkenntnis ist seltsamerweise befreiend.

Der riesige Megakonzern, der mich für meinen Podcast bezahlt, ist wahrscheinlich schlechter geführt als das durchschnittliche Netzwerk der gegenseitigen Hilfe. Er kommt eher durch seine Größe, Trägheit und den Zugang zu Ressourcen über die Runden als durch irgendein magisches Mittel, durch das Hierarchie und Kapitalismus grundsätzlich bessere Organisationssysteme wären.

Es gibt Chaos, es gibt organische Strukturen, am Grund von allem. Jeder Turm aus Stahl und Glas steht auf einem Fundament aus Erde, Fels und chaotischen Dingen. Jeder Turm aus Stahl und Glas steht auf den stärksten Dingen der Welt. Vielleicht ist es in Ordnung, dass ich in letzter Zeit einfach nur im Haus, im Garten und in meinem sozialen Umfeld herumtrödle, dass ich Dinge auf eine kaum strukturierte Art erledige. Vielleicht ist es in Ordnung, dass das Leben hauptsächlich eine Frage des Zeitverbringens ist. Ich glaube, wir sind dazu geboren, einfach irgendwas zu tun. Ich werde mein Drehbuch rechtzeitig fertigstellen. Einige meiner Pflanzen werden wachsen.

Wenn sich der langsame Zusammenbruch, den wir gerade erleben, zu beschleunigen beginnt, werde ich nicht perfekt vorbereitet sein und ich werde nicht perfekt damit umgehen. Ich werde es nicht mühelos nutzen, um eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen. Ich meine, ich werde es versuchen. Ich werde es wahrscheinlich nur nicht schaffen.

Wenn ich mich zwingen würde, alles perfekt zu machen, würde ich überhaupt nichts fertigbekommen.

Irgendwann werde ich mich hinsetzen und alle Lebensmittel in meinem Keller inventarisieren, die Lücken in meinem Vorrat ausfindig machen und sie füllen. Das ist eine lohnende Übung. Das habe ich gestern mit meiner Notfalltasche gemacht.

Aber selbst bevor ich eine ordentliche Bestandsaufnahme gemacht habe, hatte ich schon einen Notfallrucksack. Und darin war sogar das meiste, was ich mir wünschen würde. Ja, es gab keine Unterwäsche. Ja, die rezeptfreien Medikamente darin waren schon vor Jahren abgelaufen. Ja, ich hatte ein Ladekabel für eine Uhr, die ich 2024 verlegt habe. Aber es gab Wollsocken und einen Wasserfilter und ein Messer und Ohrstöpsel und eine Pfeife und noch viel mehr.

Und perfekt ist der Feind des Guten, und ich bin lieber gut als perfekt, und ja, ich rede mir das alles nur ein, um mich auf einen weiteren Tag vorzubereiten, an dem ich versuche, meine Arbeit zu erledigen, wohl wissend, dass alles einfacher wäre, wenn ich besser organisiert wäre, und wohl wissend, dass ich mein ganzes Leben lang darauf hinarbeiten werde und es nie schaffen werde, aber dass der Weg wichtiger ist als das Ziel.

Organisation ist großartig und wichtig. Organisation ist das, was Menschen von einer Menschenmenge zu einem Block macht. Es kann Selbstorganisation sein, aber es muss Organisation sein. Revolutionen basieren mehr auf Treffen als auf Taten. Ich bin stolz auf meine Organisation und mein Organisationsvermögen.

Aber ich bin nicht immer dazu in der Lage, und ich bin nicht immer organisiert darin, wie ich meine Organisation angehe. Und das ist okay.

Nur weil ich Gewichte hebe, heißt das nicht, dass ich ein Auto heben kann. Nur weil ich kein Auto heben kann, heißt das nicht, dass es keinen Sinn macht, Gewichte zu heben. Und ich wollte noch nie einen Vogel töten, und ich werde es auch nicht tun, aber mein Gott, bin ich versucht, diese Krähe zu erschießen.

Quelle: „I Don't Have to be Organized to be Prepared or: lack of focus doesn't mean lack of action“ von Margaret Killjoy, 03.Juni 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

21. Juni 2026: Sommerfest und 16 Jahre Linkes Zentrum Lilo Herrmann!

Das Foto zeigt aufgebaute Pavillons anläßlich des 1. Mai 2026. Unter dem Pavillon sind Bierzeltgarnituren aneínander gereiht
Pavillons zum 1. Mai 2026 erwarten die Gäste
Ganze sechzehn Jahre sind vergangen, seitdem wir 2010 einen baufälligen Gebäudekomplex in der Böblinger Straße in Stuttgart-Heslach gekauft haben. Nach über zweijähriger intensiver Renovierung, das meiste davon in Eigenarbeit, haben wir 2012 das Linke Zentrum Lilo Herrmann eröffnet.

Unser Haus war schon in der Umbauphase ein Gegenpool zum kapitalistischen Wahnsinn. Ein Ort für Versammlungen, politischen Austausch, ein Ort für Debatte, Streit und Aktion, ein Ort der Gegenkultur.

Ein Ort für alle, die sich mit dem Unrecht dieser Welt nicht arrangieren, sondern für eine bessere Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen.

In den vergangenen 16 Jahren haben viele unterschiedliche Menschen das Lilo geprägt und unzählige Stunden in sein Bestehen investiert. Als Ort von der Bewegung für die Bewegung war und ist das Lilo Ort der Solidarität, Zuhause mehrerer junger Generationen, Dreh- und Angelpunkt für viele große Mobilisierungen und immer wieder auch im Fokus der Herrschenden und ihrer Schergen.

Viel Zeit ist seit der Eröffnung des Lilos vergangen. Die Welt hat sich verändert, und das nicht gerade zum Besten.
Wir wollen kein Trübsal blasen, denn immer dann, wenn die Verhältnisse zu tanzen beginnen, entwickeln sich Räume für widerständige Politik. Das Lilo wird auch in den nächsten 16 Jahren ein Raum für alle sein, die diese Räume mit progressiven Ideen & Praxis füllen wollen. Ein Ort im Widerspruch zum Zeitgeist.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Wir wollen 16 Jahre Linkes Zentrum feiern & möchten alle dazu herzlich einladen.

Am Sonntag, den 21. Juni 2026, organisieren wir ab 14 Uhr ein großes Straßenfest. Euch erwarten verschiedene Essensstände, ein politisches Programm, eine große Spielstation für Kinder, diverse Infotische, eine Plakatversteigerung, Hausführungen und vieles mehr. Wir freuen uns auf euer Kommen!

Mehr dazu beim Linken Zentrum Lilo Herrmann.

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 13: Antonio de la Maza & Gen. vs. Rafael Leónidas Trujillo Molina

Das Foto zeigt den Diktator Rafael Leonidas Trujillo Molina mit den Einschussstellen aus dem Autopsiebericht.
Rafael Leónidas Trujillo Molina (* 24. Oktober 1891 in San Cristóbal; † 30. Mai 1961 in Santo Domingo) war ein dominikanischer Politiker und Diktator der Dominikanischen Republik.(...)

Trujillo legte großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Er liebte prächtige (napoleonische) Uniformen, Prunk und barocke Gelage. Seine dunkle Haut versuchte er mit weißem Puder und Schminke aufzuhellen, um seine haitianische (schwarze) Herkunft zu vertuschen. Trujillo war geradezu davon besessen, alles zu tun, damit die Bevölkerung seines Landes eine hellere Hautfarbe bekam. Von Ende September bis Mitte Oktober 1937 ließ er im „Petersilien-Massaker“ (Masacre del Perejil) im ganzen Land Abertausende Haitianer, vor allem Arbeiter auf den Zuckerrohrpflanzungen, ermorden. Nach einer mit Quellen belegten Schätzung wurden etwa 18.000 Haitianer getötet. Nach anderen Schätzungen waren es zwischen 25.000 und 27.000 Ermordete. (...)

Am 30. Mai 1961 fuhr Trujillo gegen 22 Uhr in seinen Heimatort San Cristóbal. Er war „selbstherrlich wie immer“ ohne Leibwache unterwegs. Ein siebenköpfiges Kommando schoss aus einem Auto auf den hellblauen Chevrolet Bel Air von Trujillo. Der Angeschossene taumelte aus seinem Wagen und versuchte, in der Dunkelheit zurückzuschießen. Dann brach er zusammen und war tot.

Quellen:
• wikipdia
• DomRep total

Kreuzberg ist nicht Hongkong

Das Tor zu SO 36 - das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kotti mit Transparenten zur revolutionären Stadtpartnerschaft  Ayacucho - Kreuzberg
Das Tor zu SO 36 - das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kotti
Foto: © Olaf Ramcke
Kreuzberg. Sehnsuchtsort, Mythos, Alltag, Idylle, Absturz, Experimentierfeld, Traum und Versprechen auf die Zukunft, Geldmaschine und Existenzangst. Eindrücke der ersten Jahre nach dem Mauerfall in Bildern festgehalten. Die Hauptstadt zieht erst einmal vorbei. Kreuzberg auf der Warteliste der Spekulant*innen und Skrupellosen. Verschnaufpause für kurze Zeit, dann werfen sie ihre Schlaglichter in die Straßen und Höfe des Bezirks. Aber das ist eine andere Geschichte…

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.
„Ich hatte Anfang der neunziger Jahre das Gefühl, das alles um mich herum – ob Kreuzberg, Berlin, die Menschen, ich sag mal das Flair, die Tage zu verbringen, zu leben und zu überleben, in den kommenden Jahren auf den Prüfstand kommt – die Logik des Kapitals wird auch nicht an diesem Fleckchen Erde vorbei ziehen. Und so bin ich los in meiner Freizeit, von der ich damals noch reichlich hatte, und hab fotografiert.

Da gab es häufig Begegnungen, die dauerten nur ein paar Minu­ten. Man hat sich auf der Straße getroffen, weil man sowieso in der gleichen Ecke wohnte. Manchmal haben die Leute selbst mich angesprochen, weil sie die alte Mittelformat-Kamera gesehen haben. Die ist von der Optik her ein bisschen auffälliger als die übli­chen Digitalen heutzutage. So kam ein Gespräch zustande und dann die Bil­der. Die Kinder waren sowieso immer neugierig. Meistens haben die Leu­te, die ich fotografiert habe, dann Abzüge gekriegt, ein, zwei Wochen später. Sie haben sich gefreut, weil sie gesehen haben, das sie nicht nur abgeknipst wurden. Mit manchen hat sich daraus ein jahrelanger Austausch entwickelt. Für mich war der Alltag viel interessanter und aufregender als die politischen Highlights, die meistens am Wochenende stattfanden und die dann schnell vorbei waren. Mit der Demo-Fotografie musste ich mich erst anfreunden, da hatte ich länger das Gefühl, mit der Kamera zu weit abseits zu sein. Mit der Zeit hatte ich aber auch daran meine Freude.

So sind über die Jahre eine Vielzahl von Aufnahmen entstanden, die die Menschen, ihre Geschichte, die Stadt und die Veränderungen zeigen. Nur ein Bruchteil dessen, was mir aufgefallen ist, hab ich als Bild festgehalten – einen kleinen Teil der Bilder seht ihr hier.“

– Olaf Ramcke –


Der Fotograf Olaf Ramcke ist in Berlin aufgewachsen. Seit 1992 ist er beim Umbruch-Bildarchiv.

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

Rage Against the Machine - Live At The Democratic National Convention 2000


Berlin: Protest gegen Tag der Immobilienwirtschaft

Das Foto von © neukoellnbild zeigt mehrere Personen an einem Transparent mit dem Text: "Stop - Wohnen darf keine Ware sein!" Eine Person trägt eine Papptafel mit dem Text "Unser Zuhause ist nicht Euer (Bild eines Scheißhaufens) Eigentum". Eine weitere Person trägt eine Plakattafel mit dem Mobiplakat zur Demo am 5.9.
Foto: © neukoellnbild via Umbruch Bildarchiv
Am 19. Mai traf sich die Immobilienlobby im Berliner Admiralspalast zum sogenannten „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Der ZIA steht dabei exemplarisch für eine Branche, die wie keine andere für steigende Mieten, Verdrängung und Gentrifizierung steht und sich frecherweise zugleich als Teil der Lösung inszeniert.  Während drinnen Vertreter*innen von Konzernen, Fonds und Politik über den Wohnungsmarkt diskutierten, demonstrierten vor dem Admiralpalast Aktivist*innen vom Bündnis gegen Mietenwahnsinn und anderen stadtpolitischen Gruppen. Der Protest ist Teil der Mobilisierung für eine große Demo vor den Wahlen am 5. September unter dem Motto: Her mit den Wohnungen – runter mit den Mieten.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

Links



k9 » größenwahn » politischer fiimabend: „Une Jeunesse Allemande - Eine deutsche Jugend“

Der Flyer zum Film zeigt eine Szene aus dem Film, in der ein Darsteller mit der Pistole in die Kamera zielt. Darunter ein Bild eines Polizeieinsatzes. Ergänzt werden die Fotos durch Angaben zum Film und der Vorführung aus dem Textbeitrag
Flyer zum Film (Vorderseite)
"Wir stürmen und werden Soldaten des revolutionären Krieges oder wir werden wieder Bürger und antikommunistische Schweine."

Dokumentation 2015, Jean-Gabriel Pèriot, 93 Min., dt./frz. OmU
Sonntag 21. Juni 2026, 19 Uhr


In den 1960ern durchlebte die Bundesrepublik Deutschland eine ihrer radikalsten und kritischsten Phasen. Zehntausende gingen auf die Straße, um gegen Kapitalismus und Staat aufzubegehren.

„Une Jeunesse Allemande - Eine deutsche Jugend“ wirft einen Blick von außen auf die BRD und ist sehenswert, weil er die Notwendigkeit der 68er dokumentiert, eine Auseinandersetzung mit der Kriegsgeneration zu forcieren um sozialistische Verhältnisse in der BRD zu erkämpfen:

Ende der 1960er lehnte sich die Nachkriegsgeneration in der Bundesrepublik gegen ihre Eltern auf. Sie war desillusioniert von den antikommunistischen, kapitalistischen Staatsstrukturen, in denen die Elite des tausendjährigen Reichs, umetikettiert zu Demokraten, ihre Verbrechen unter den Teppich gekehrt hatte.

Periot schneidet die Positionen kunstvoll gegeneinander zu einem vielstimmigen Kaleidoskop. Darunter zahlreiche Filmzitate von Fassbinder in „Deutschland im Herbst" über Antonionis „Zabriskie Point” bis hin zu Studentenfilmen von Holger Meins und Reportagen von Ulrike Meinhof, die seitdem nie wieder gezeigt wurden.

Der Filmemacher stellt Staat und bewaffneten Widerstand der 1970er und 1980er Jahre, Gewalt und Geschichte, Radikalisierung und die Reaktionen der Gesellschaft darauf einander kommentarlos gebenüber und erteilt auch Filmemacher jener Jahre das Wort.

„Mit meinem Film hole ich die Bilder der Vergangenheit in unsere Gegenwart und organisiere sie neu zu einer subjektiven Montage. Dabei interessiert mich das, was über die offensichtliche Botschaft der Bilder und Töne hinausgeht. Die Widersprüche und die besondere Präsenz des Materials - wie es mich bewegt und verstört.“ Jean-Gabriel Pèriot

combatiente zeigt geschichtsbewußt:

revolucion muß sein!
filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen
kinzigstraße 9 « 10247 berlin + Us samariterstraße + S frankfurter allee


Das leere Feld, der leere Tank oder: die Öl- und Nahrungsmittelkrise

Immer wenn ich etwas richtig Untergangsstimmungsvolles schreibe, etwas, das sehr nach „Der Himmel stürzt ein“ klingt, möchte ich denselben Vorbehalt anbringen: Ich will dir nicht erzählen, dass der Himmel einstürzt. Panikmache bringt Klicks, aber eine auf Klicks basierende Wirtschaft ist eine schreckliche Sache, und ich möchte nicht in einer solchen Gesellschaft leben, also möchte ich keine Panikmache betreiben.

Meeresoberflächentemperatur April bis Juni 2023. Ab Juni kann man deutlich El Niño sehen.
Meeresoberflächentemperatur April bis Juni 2023. Ab Juni kann man deutlich El Niño sehen.
Grafik: NOAA, gemeinfrei
Aber es gibt viele Krisen, die in den nächsten Monaten ihren Höhepunkt erreichen könnten. Wir könnten den schlimmsten El Niño seit 1877 (oder schlimmer) erleben, der die Wassertemperaturen um 3 Grad Celsius ansteigen lässt. Diese Hitzewelle tötete weltweit 50 Millionen Menschen. Das ist eine Zahl von Todesopfern, die größer ist als die von zwei Ersten Weltkriegen oder etwa zwei Drittel eines Zweiten Weltkriegs. Die durch diese Erwärmung verursachte Hungersnot tötete etwa 3 % der Weltbevölkerung, was sie möglicherweise zur schlimmsten Naturkatastrophe der Menschheitsgeschichte macht. Ein modernes Äquivalent wären etwa 250 Millionen Menschen.

Die globale Gesellschaft ist heute wesentlich widerstandsfähiger gegen Hungersnöte als im 19. Jahrhundert. Heutzutage haben wir Wettervorhersagen, was hilft. Und natürlich starben bei der Hungersnot so viele Menschen, weil im Grunde das Britische Empire so viele Menschen durch absichtliche Misswirtschaft in der Situation tötete.

Ich glaube nicht, dass ein El Niño diesen Sommer 250 Millionen Menschen das Leben kosten wird. Aber Katastrophen, insbesondere weltweite Katastrophen, sind Stresstests für die Systeme, die wir eingerichtet haben.

Und wie du sicher weißt, stecken unsere derzeitigen Systeme in Schwierigkeiten.

Es wurde vielfach berichtet, dass in den USA 70 % der Landwirte nicht damit rechnen, sich Dünger für die diesjährige Ernte leisten zu können. Die moderne industrialisierte Landwirtschaft (die den Großteil der Welt ernährt) ist auf petrochemischen Dünger angewiesen, dessen Versorgung durch die US-Invasion im Iran stark beeinträchtigt wurde.

Es besteht auch eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass die europäischen Ölreserven im Mai oder Juni zur Neige gehen (ich habe beides gelesen) und dass die der USA etwa am 4. Juli ausgehen könnten, pünktlich zum 250. Jahrestag des Landes. (Ich fange an zu denken/zu hoffen, dass all die Fanartikel mit der Aufschrift „America 1776–2026“ lediglich ein Todesdatum prophezeien.) Die Erschöpfung der Reserven bedeutet nicht, dass „es kein Benzin mehr gibt“, sondern dass die USA in eine Versorgungskrise geraten werden (wir fördern etwa 60 % unseres Öls selbst und 3/4 des Rests kommen aus Nordamerika, aber wir decken unseren eigenen Bedarf nicht).

Benzin für sieben Dollar ist natürlich eine enorme Belastung für das tägliche Leben der Amerikaner, da die meisten von uns auf benzinbetriebene Autos angewiesen sind, um zur Arbeit, zum Einkaufen und so weiter zu kommen. Aber es wird auch einfach so, so viel Öl in der Lebensmittelproduktion verbraucht, von Dünger über Traktoren bis hin zum Transport.

Also… könnte es schlimm werden.

Ich habe diese seltsame Angewohnheit, Dinge eher in Wahrscheinlichkeiten zu betrachten. Ich denke mir konkrete Zahlen für meine Risikoanalyse aus, aber das sind wirklich nur Zahlen, die ich mir ausdenke. Es gibt keinen Grund, warum du meine Zahlen verwenden solltest. Dahinter steckt keine Wissenschaft.

Die meiste Zeit meines Lebens lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein absolut dramatisches Ereignis so ziemlich alles in meinem Leben versaut (wie eine weltweite Hungersnot oder ein Weltkrieg oder ein zweiter amerikanischer Bürgerkrieg), bei etwa 1 %. Das ist eine Überlegung wert, aber kein Grund zur Sorge.

Als also 2024 die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs auf etwa 5 % anstieg, war das ein wirklich, wirklich großer Anstieg. Das war eine Verfünffachung. Das war es wert, darüber nachzudenken. Es war immer noch nicht wahrscheinlich. Ich war nicht überrascht, dass es nicht passiert ist. Dieses Jahr? Dieses Jahr fühlt es sich an wie, ich weiß nicht, 15 %. Ich glaube, es besteht eine 15-prozentige Chance, dass dieses Jahr alles komplett den Bach runtergeht. Aber nächstes Jahr? Nach einem verdammt heißen Sommer und den Kriegen in der Ukraine und im Iran, die sich hinziehen und die weltweite Nahrungsmittelversorgung zerstören? Ich weiß es nicht. 40 %?

Ich mache mir wirklich große Sorgen.

Ich will wirklich, wirklich kein „Der Himmel stürzt ein“-Typ sein, aber etwas fällt vom Himmel, und es fühlt sich an, als könnte es der Himmel selbst sein.

Aber du solltest meine erfundenen Zahlen ignorieren, denn erstens sind sie erfunden und zweitens gibt es fast nie einen konkreten, berechenbaren Moment, in dem „die Kacke am Dampfen ist“. Was mehr oder weniger sicher ist: Benzin und Lebensmittel werden teurer werden. Und dagegen solltest du versuchen, etwas zu unternehmen, wenn du kannst.

Ich hatte nicht vor, dieses Jahr im Garten anzulegen. Das ist mein schreckliches Geheimnis. Ich bin eine schlechte Prepperin. Ich wollte mir einfach nicht die Mühe machen. Ich habe bei weitem nicht alle Tomaten, Peperoni oder Basilikum gegessen, die ich letztes Jahr angebaut habe, und das meiste landete einfach wieder im Kompost. Ich koche nicht einmal besonders viel, wenn ich ehrlich bin. Ich bin eine schlechte Anarcho-Tradwife – ich verbringe die meiste Zeit mit Schreiben und Lesen. Also wollte ich keinen Garten anlegen.

Aber ich verfolge den Krieg und das Wetter schon eine Weile, und vor ein paar Tagen habe ich gerade ein paar Kartoffeln in Eimer gepflanzt, und ich werde mich wahrscheinlich dieses Wochenende um mein Nicht-Wurzelgemüse kümmern. Einer meiner Lieblings-Prepper, Eric Shonkwiler (du liest doch When-If, oder?), hat es so ausgedrückt:

Es ist noch nicht zu spät, mit deinem Garten anzufangen – wir hatten hier eine ungewöhnliche Kälteperiode, die mich bisher davon abgehalten hat, fast alles zu pflanzen, und der Super-El-Niño sorgt so gut wie sicher dafür, dass sich unsere Vegetationsperiode, wenn wir unsere Pflanzen bewässern können, bis in den Oktober oder sogar noch später verlängert. Das kannst du dir zunutze machen.

Ich hatte eigentlich nicht vor, im Garten zu arbeiten, aber jetzt werde ich es doch tun, und schon hat es Wunder für meine Stimmung bewirkt, einfach nur etwas Erde unter den Fingernägeln zu haben. Betrachtet diesen Frühling und Sommer als eure Monate der Lebensmittelvorbereitung. Worauf auch immer ihr euch konzentrieren wollt, es ist jetzt billiger, es zu tun, als es bald sein wird, da die Preise weiter steigen.

Ich würde auch die Vorratshaltung empfehlen. Betrachte Lebensmittel in drei Kategorien: Es gibt frische Lebensmittel, die auf deiner Arbeitsplatte oder im Kühlschrank liegen und Tage bis Wochen halten, dann gibt es Vorrats- und Tiefkühlkost, die Monate bis Jahre hält, und schließlich gibt es Langzeitvorräte, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte halten.

Um deine Vorratskammer aufzufüllen, kaufe zusätzliche Mengen an haltbaren Lebensmitteln (Konserven, Trockenprodukte, verpackte Lebensmittel), die du ohnehin isst, und verbrauche sie nach und nach. Die meisten selbstgemachten Konserven sind ebenfalls Vorratsnahrung: Die meisten getrockneten, geräucherten, eingelegten und eingemachten Lebensmittel halten Monate oder Jahre, aber keine Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Dennoch ist dies wahrscheinlich der wichtigste und nützlichste Teil deiner Lebensmittelvorsorge. Die meisten Krisen dauern nur Monate oder Jahre, und fast niemand rechnet damit, einen Vorrat anzulegen, von dem er tatsächlich den Rest seines Lebens überleben könnte.

Langzeitvorräte können gekauft (es gibt Spezialanbieter für Eimer mit Bohnen und Reis sowie Geschäfte, die gefriergetrocknete Konserven verkaufen) oder selbst hergestellt werden. Du kannst deine eigenen Bohnen, Reis, Haferflocken, Linsen und andere solche Lebensmittel (vor allem solche ohne viel Wasser oder Fett) in Mylar-Beuteln mit Sauerstoffabsorbern lagern. Du kannst Hartkekse backen, die nach nichts schmecken und vor dem Verzehr aufgeweicht werden müssen, aber in manchen Fällen jahrhundertelang haltbar sind. Du kannst auch ein paar Tausend Euro für einen Gefriertrockner ausgeben und fast jedes Lebensmittel konservieren, das du möchtest. (Gefriergetrocknete Lebensmittel halten insgesamt wesentlich länger als dehydrierte Lebensmittel). Das Letzte habe ich noch nicht ausprobiert, aber Gemeinschaften können sich zusammentun, um gemeinsam einen zu kaufen – was wichtig ist, da es sich um echte Schwerlastgeräte handelt, die Wartung und Ölwechsel erfordern.

Da die USA zudem plötzlich ihre Soft-Power-Strategie, Entwicklungsländer zu ernähren, eingestellt haben, gibt es auf dem Markt für Regierungsüberschüsse jede Menge „humanitäre Rationen“, die spottbillig zu haben sind. Was verdammt deprimierend ist. Ich habe etwa 10 Kisten davon in meinem Keller. Die meisten Quellen (sprich: YouTube-Videos von Leuten, die sehr alte MREs essen) scheinen darauf hinzudeuten, dass sie bei richtiger Lagerung nicht besonders schnell verderben, sondern nur schlechter schmecken und weniger Nährstoffe enthalten.

Die dramatische Krise, in der wir stecken, hat auch eine positive Seite. Gottes offenes Fenster, wenn man so will.

Immer mehr Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten. Wir haben eine echte Chance, eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft vorzuschlagen und darauf hinzuarbeiten. Was derzeit besteht, funktioniert nicht. Wir haben die Gelegenheit, alternative Lösungen anzubieten. In Krisenzeiten werden diejenigen am ehesten gehört, die als Erste einen Aktionsplan vorschlagen.

Wir können einen Plan vorschlagen. Zum Beispiel den Aufbau einer Bottom-up-Gesellschaft aus lokalen Entscheidungsgremien, die sich zusammenschließen, um größere Probleme in größerem Maßstab anzugehen. So wie die Zapatisten, die Rojavaner oder die Anarchosyndikalisten. Vielleicht haben wir diese Chance. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Es lohnt sich, darauf hinzuarbeiten.

Quelle: "The Empty Field, the Empty Gas Tank or: the oil and food crisis", 16. Mai 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]