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»Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!« Erich Kästner

Berlin: Revolutionäre 1. Mai- Demonstration 2026

Fronttransparent der Demo mit dem Text "gegen die Gesamtscheiße - Die Zukunft gehört uns!" und einem Roten Stern mit Antifaflaggen auf der linken Seite getragen von verschiedenen Personen, dahinter eine Masse von Menschen am späten Abend.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv
Unter dem Motto „Gegen die Gesamtscheiße“ startete die diesjährige revolutionäre 1. Mai-Demonstration unter der Beteiligung mehrerer 10.000er Teilnehmer*innen vom Oranienplatz in Kreuzberg. Marxistische Jugendgruppen, Pali-Solidaritäts-Bewegung und ein großer Antifablock bildeten den Anfang. Ein sich schon am Mittag bildener „Menschenteppich“, durch verschiedenste angemeldete und auch nicht angemeldete Party- und Feierangebote in großen Teilen von Kreuzberg erschwerte den Start und einen geschlossenen Demozug. Stundenlange Verzögerungen waren die Folge. Ein Teil der Demo schaffte es die Route einzuhalten, der andere Teil blieb erstmal stecken. Ab dem Görlitzer Park wurde der Antifa-Block von einem dichtem Bullenspalier begleitet. Am Rande der Demo wurden Nazi-Influencer vertrieben, es gab zahlreiche Solidaritätsgrüße von Balkonen und der Bordsteinkante. Gegen 23.00 Uhr erreichte die Demonstration den Abschlußkundgebungsplatz am Südstern. Dort ließen es sich die Bullen nicht nehmen, Teile des Antifablocks anzugreifen, durch Geschlossenheit konnte dieses abgewiesen werden. Was bleibt von diesem Tag? 10.000de waren auf der Straße, organisiert und auch weniger organisiert, und ein Gefühl, das Mensch nicht allein ist mit der Gesamtscheiße um uns herum.

„Wir feiern das Leben, die Rebellion und die Befreiung. Weg damit: Wehrpflicht, Militarisierung und Kriegsregime. Feminizide, Männlichkeit und Patriarchat. Nationalismus, Faschismus und AfD. Wasserprivatisierung, Autobahnausbau und Klimakatastrophe. Regierende Bürgermeister, Zäune und nächtens geschlossene Parks. Autoritarismus, Dogmatismus und scheinbar einfache Wahrheiten. Angriffe auf Rojava, Krieg in der Ukraine und Genozid in Gaza. Racial Profiling, »kriminalitätsbelastete Orte« und neue Polizeigesetze. Finanzielle Kürzungen, Demontage des Sozialstaats und der restliche Monat am Ende des Geldes. Gefangennahme von Cilia Flores mit Ehemann, von Antifaschist*innen und unserer langjährigen Nachbarin Daniela Klette. Private Wohnungsunternehmen, steigende Energiekosten und hohe Mieten. Merz, Pistorius und alle anderen da oben. Alles Würg!

Wir finden das Leben viel zu interessant, um es für all das herzugeben. Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen, wie es einst Karl Marx formulierte, und dazu werden wir beitragen. Wir spielen nicht mit, wir rebellieren, wir widersetzen uns. Wir verweigern uns den auferlegten Pflichten. Wir desertieren aus diesen Verhältnissen. Wir brechen aus und nehmen uns am Ersten Mai die Straße. Denn wenn schon die Gegenwart verloren ist, so wollen wir doch die Zukunft erobern.Mit Zehntausenden werden wir am Abend des 1. Mai in Berlin zur jährlich größten Manifestation der radikalen Linken zusammenkommen. Uns eint unsere Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und der Widerspruch zum Herrschenden, das kein Versprechen mehr für uns hat. Mit rebellischer Munterkeit laden wir zu einem Block auf der revolutionären 1.Mai-Demo alle ein: Wütende und Traurige, Lohnabhängige und vermeintlich Überflüssige, Kind und Kegel, Schlawinerinnen und Rabauken, Militante und die gesamte Bagage. In unserer Vielfalt finden wir die Einheit.“

(aus: Aufruf des Antiautoritären Blocks)


Eine gute Übersicht mit Infos zur Demo und allen anderen Aufrufen findet ihr auf der Seite von erstermai.nostate.net/

Weitere Ereignisse zu diesem Thema
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Brick Pride oder: Ich bin froh, so zu sein, wie ich bin

Das Foto von Andrew Lister zeigt einen Hohlziegel mit 3 Löchern auf einem Holzfußboden
Ein Ziegel allein...
Jeder hasst einen Ziegelstein – bis es darum geht, ein Haus zu bauen oder Polizisten damit zu bewerfen. In der Sub-Subkultur, in der ich als trans-anarchistischer Punk lebe, gibt es ein Wort, das oft verwendet wird, um Transfrauen zu beschreiben, die nicht besonders gut als Frauen durchgehen. „Brick.“

Es stammt aus der Ballroom-Kultur, soweit ich das beurteilen kann, aus den 70er- und 80er-Jahren in New York City, von den Street Queens, die eine Tanzkultur aufgebaut haben, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Es ist ein so seltener Slangbegriff, dass er noch nicht einmal im Urban Dictionary auftaucht, aber in meinem Leben ist er durchaus geläufig.

Ein Brick ist „clocky“. Wir können entlarvt werden. Die Leute sehen uns an und wissen, dass wir bei der Geburt als männlich zugewiesen wurden. Vielleicht haben wir breite Schultern, vielleicht sind wir groß. Vielleicht haben wir keine Stimmbildung gemacht. Vielleicht können wir uns keine Elektrolyse leisten. Vielleicht nehmen wir keine Hormone. Vielleicht haben wir alles getan und sind trotzdem noch „clocky“. Vielleicht sind wir einfach dumm wie ein Ziegelstein.

Es ist kein nettes Wort, zumindest ursprünglich nicht. Es ist kein Wort, das man aus Höflichkeit sagt. Ich habe noch keine Aufkleber oder T-Shirts gesehen, auf denen „Bewaffnet die Ziegelsteine“ oder „Schützt die Ziegelsteine“ steht. (Wir sind bereits bewaffnet und wir schützen uns selbst.)

Vielleicht will ich keine Dichotomie zwischen den Puppen (die als Frauen durchgehen oder dem nahekommen) und den Ziegelsteinen (die das nicht tun und es vielleicht nie tun werden) aufstellen. Vielleicht dürfen wir alle auch „Puppen“ sein. Ich weiß es nicht. Aber in dieser winzigen, winzigen Szene, in der ich mich befinde, ist die Zweiteilung bereits vorhanden. Niemand hat mich jemals eine Puppe genannt.

Und weißt du was? Das ist in Ordnung.

Ich bin ein Ziegelstein. Ich bin aus Erde gemacht. Ich bin schwer, selten verziert, stark und nützlich.

Das Foto von  Kim Traynor zeigt eine Mauer aus Ziegelsteinen
... kommt selten allein

Quelle: Bricks in Buccleuch Street, Edinburgh by Kim Traynor
Lizenz: CC BY-SA 2.0

Mit Ziegelsteinen kann man eine Mauer bauen und alles schützen, was man liebt. Mit Ziegelsteinen kann man ein Haus bauen, das Jahrhunderten von Wind und Regen standhält. Der moderne LGBT-Stolz begann, als die Polizei das Stonewall Inn in New York City stürmte und (die Details sind hier wahrscheinlich apokryph) eine Transfrau den ersten Ziegelstein auf die Polizisten warf.

Die beiden am häufigsten genannten Anwärterinnen für „warf den ersten Ziegelstein“ sind Marsha P. Johnson, eine schwarze Frau, und Slyvia Rivera, die aus Puerto Rico stammte. Ich möchte nicht in die Vergangenheit reisen und unsere modernen Slang-Begriffe auf sie anwenden. Ich möchte sie nicht in die eine oder andere Schublade stecken. Aber der moderne Pride begann, als jemand einen Ziegelstein auf die Polizisten warf. Wie könnte ich „Ziegelstein“ denn als Beleidigung auffassen?

Die Schönheitsideale für Frauen tun niemandem gut, weder Cis- noch Trans-Personen. Egal, welche Figur du hast, welche Größe du hast, du wirst es nie richtig machen.

Ich habe das Glück, aus einer Linie von Punk-Mädchen und -Frauen zu stammen, die sich sowohl an Schönheitsidealen ergötzten als auch gegen sie rebellierten. Von Menschen, die sich nie rasierten. Von Leuten, die abgeschnittene Jeans trugen, die ihre Dehnungsstreifen und Bäuche zeigten. Von Rebellen, die sowohl Make-up trugen als auch nicht, die aber mit den Besten von ihnen ins Mikrofon schrien und Flaschen auf Nazis warfen.

Erinnerungstafel an die Riots am Stonewall Inn
Foto: Grace Mahony
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Die ersten Transfrauen, die ich kannte, waren schlaksig und groß und nicht passend und wunderschön. Tattoos schienen genauso Teil ihrer Transition zu sein wie alle Operationen, die sie hatten oder nicht hatten, oder Hormone, die sie nahmen oder nicht nahmen. Sie waren Anarchistinnen, reisten per Anhalter und Güterzug durch das Land, lebten im Freien, organisierten, protestierten, randalierten, klauten in Läden, feierten und führten wilde queere Leben. Sie nannten sich selbst Trannies, und niemand sonst darf sie so nennen, aber sie durften und dürfen sich verdammt noch mal selbst so nennen.

Sie sangen mit lauten Stimmen. Sie schrien die Polizei mit lauten Stimmen nieder. Sie machten sich nicht klein. Genauso wenig wie die Cis-Frauen in unserer Szene (einer Szene, die das Wort „cis“ noch gar nicht kannte). Ob Femme oder Butch (eine Dichotomie, die sich noch nicht in uns durchgesetzt hatte) – die anarchistischen Punk-Frauen, die ich kannte und kenne, machten sich nicht klein. Sie traten in nichts in den Hintergrund.

Sie waren und sind wunderschön. Jeder wusste das und weiß es.

Ich könnte dir nicht sagen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, aber ich kann dir sagen, dass es nicht bedeutet, sich in irgendeine Schachtel, irgendeinen Käfig zu zwängen, der für uns gebaut wurde. Ich hatte schon immer Angst davor, eine Transfrau zu werden, schon seit ich ein Kind war. Ich hatte schreckliche Angst vor meiner eigenen Weiblichkeit und ich hatte schreckliche Angst davor, als eine dieser traurigen Frauen in den Freakshow-Dokumentationen der 90er zu enden. Keine der Frauen in diesen Sendungen kam auch nur ansatzweise durch, und sie waren Objekte des Spottes. Sie wurden nicht als Frauen gezeigt, sondern als Männer, die sich als Frauen verkleidet hatten. Sie wurden als hässlich dargestellt. Die Spielfilme waren noch schlimmer: Wir waren nicht nur hässlich, wir waren monströs.

Wenn ich eine Transfrau würde, würde ich hässlich werden. Vielleicht sogar monströs.

Die Leute sagten mir das ganz offen. Ein Freund, der dachte, er täte mir einen Gefallen, sagte mir: „Du solltest dich nicht outen, denn du bist ein heißer Typ, aber du würdest eine hässliche Frau abgeben.“

Ich habe mich trotzdem geoutet, nach dem Ghost-Ship-Brand in Oakland, bei dem eine Transfrau namens Feral zusammen mit 35 anderen Menschen ums Leben kam. Ich war am anderen Ende des Landes, aber das war meine Szene. Ich hätte in diesem Feuer sein können, und ich hätte als Mann sterben können. Ich würde lieber als Monster in Erinnerung bleiben als als Mann.

Ich habe mich trotzdem geoutet und mir gesagt, dass ich nicht einmal versuchen würde, mich als Mann auszugeben, und daran habe ich festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon seit fünfzehn Jahren Punk, und auf keinen Fall würde ich anfangen, mich nur um meiner Sicherheit willen zu verstecken. Es ist keine Schande, als Transfrau „entlarvt“ zu werden, denn das ist es, was ich bin. Wenn die Leute mich hässlich finden, ist das ihre Schuld, ihr Problem.

Ich verdanke den Frauen viel, die sich in diesen Dokumentarfilmen gezeigt haben, die so unverschämt waren, dass sie sich von der ganzen Welt auslachen ließen. Sie waren wunderschön, und es ist mir peinlich, dass ich so lange gebraucht habe, das zu erkennen. Lasst uns alle so ehrlich und ohne Scham leben. Ich fürchte, ich verfestige hier eine Dichotomie zwischen „Bricks“ und „Dolls“, zwischen „Butch“ und „Femme“. Das ist nicht meine Absicht. Wir alle bewegen uns durch die Welt mit unseren eigenen Geschlechtererfahrungen, unseren eigenen Körpern, unseren Wegen, sicher zu bleiben und (wenn wir wollen) die schönste Version von uns selbst zu werden, die wir sein können.

Es gibt hier eigentlich keine Trennlinie. Es gibt nicht nur einen Weg, trans-femme zu sein. Brick-Pride ist keine Brick-Vorherrschaft, und es sollte verdammt noch mal besser keine Femmephobie sein.

Aber die Gesellschaft sagt mir, ich solle mich schämen, so zu sein, wie ich bin, und das tue ich nicht. Ich bin ein Brick. Ob aufgedonnert oder leger gekleidet, ich bin immer noch ein Brick.

Ich gebe mich dem dieser Tage hin. Gewichte zu stemmen fühlt sich genauso geschlechtsbejahend an wie ein Kleid und ein Schal. Wenn ich ein bauchfreies Top trage, sehe ich eher aus wie ein schwuler Mann aus den 1980ern als wie ein Raver-Girl aus den 1990ern, und das ist okay. Ich weiß, wer ich bin. Wenn es ein passenderes Etikett für mich gibt (und ich bin skeptisch), dann ist es „langhaarige Butch“. Ich mag meinen Truck. Ich repariere gerne Sachen. Ich sorge gerne für die Sicherheit anderer. Ich mag auch meine langen Haare.

Ich muss niemandem etwas beweisen.

An die Ziegelsteine, die vor mir kamen, an die Ziegelsteine, die nach mir kommen, sage ich: Lasst uns gemeinsam eine Mauer bauen. Lasst uns ein Haus bauen. Außerdem können unsere Bewunderer behaupten, in der Maurergewerkschaft zu sein, und das ist auch cool.

Quelle: "Brick Pride or: I'm happy to be what I am", 06. Mai 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Wild Roving oder: Das Lied der offenen Straße

Einen schönen Maifeiertag euch allen!

Zur Feier des Tages werde ich dieses Wochenende zweimal in Cleveland auftreten. Am Freitag, dem 1. Mai, veranstaltet das Rhizome House (2174 Lee Road, Cleveland Heights) einen ganzen Tag mit einsteigerfreundlichen Workshops, und ich werde während des Abendessens gegen 18 Uhr über die Geschichte des Maifeiertags sprechen. (Aber kommt auch wegen dem Rest vorbei! Ich denke, diese Veranstaltung ist ideal für Leute, die so etwas noch nie erlebt haben.)

Am Samstag, dem 2. Mai, bin ich in der Buchhandlung Mac’s Backs zu Gast und unterhalte mich mit dem Debütautor (und Freund) Carter Keane über ihr queeres Folk-Horror-Buch „Morsel“ (das ihr vor Ort bei der Veranstaltung kaufen oder bei Firestorm Books mit 10 % Rabatt über meinen Empfehlungscode bestellen könnt).

Ich schwöre, dass ich irgendwann auch Veranstaltungen in anderen Städten machen werde.

Und zur Erinnerung: Der Cool Zone Media Bookclub ist diese Woche interaktiver als sonst. Ihr seid eingeladen, zwei Kurzgeschichten von Ursula K. Le Guin zu lesen: „Die, die aus Omelas fortgehen“ und „Der Tag vor der Revolution“ (hier in einem Zine zusammengefasst, das ihr online lesen könnt) und sie dann auf dem Reddit-Forum „It Could Happen Here“ zu diskutieren. Morgen werden einige von uns die Geschichten anhand eurer Kommentare besprechen, und der Beitrag erscheint diesen Sonntag.

Wild Roving


Das Foto von Walt Whitman aus dem Jahr 1869 zeigt ihn mit nachdenklichem Blick auf den Fotografen, das Kinn auf eine Hand gestützt, mit langem Haar und Vollbart
Walt Whitman (etwa 1869)

„Jetzt sehe ich das Geheimnis, wie man die besten Menschen hervorbringt:
Es besteht darin, an der frischen Luft aufzuwachsen und mit der Erde zu essen und zu schlafen.“

Walt Whitman, Song of the Open Road 6

Letzte Nacht bin ich über meine Schlafenszeit hinaus aufgeblieben (ja, ich habe eine Schlafenszeit. Ich bin in meinen 40ern. Ich wünschte, ich würde mich mehr daran halten.) und habe A Knight of the Seven Kingdoms geschaut. Ich habe es noch nicht zu Ende gesehen und habe nicht vor, euch die Spannung zu nehmen, aber der Protagonist dieser Serie ist ein Heckenritter. Ein Obdachloser mit einem Schwert und einem Pferd und kaum einem Kupferpfennig in der Tasche.

Ich habe das Gefühl, das Ganze sei als Geschenk für mich geschrieben worden. All die Schwerter und Rüstungen und die Produktionsqualität von Game of Thrones, nur mit etwas weniger Adel und (bisher) ganz ohne Vergewaltigungen. Vielleicht schau ich mir die Serie zu Ende an und ändere meine Meinung, aber bisher gefällt sie mir so gut, dass ich, wie gesagt, länger aufgeblieben bin, als ich eigentlich sollte.

Es gibt eine Szene ganz am Anfang, in der sich unser Held Dunk mit seinem Meister Ser Arlan von Pennytree, dem Heckenritter, der ihn zum Knappen nahm, unter einem Baum zusammenkauert. Sie teilen sich ein einfaches Mahl, während der Regen heftig niederprasselt, und Bäume sind schlechte Unterstände, weil sie undicht sind.

Das kenne ich. Ich bin nicht mehr dort, aber ein Teil von mir wird es immer vermissen.

Als ich mit etwa dreißig Jahren schon ein alter Hase war, fuhr ich zu einer Konferenz für Organisatoren von Earth First! in den Bergen, und wir sprachen darüber, was alles dazugehört, wenn man versucht, den einzigen Planeten zu retten, von dem wir wissen, dass er Leben ermöglicht. Eine Delegation indigener Organisator*innen kam aus Solidarität zu uns (oder um uns zu helfen, Solidarität mit ihnen zu zeigen), und eine Frau hielt eines Abends beim Abendessen einen Vortrag darüber, wie wir als Kolonisator*innen eine bessere Verbindung zu diesem Land herstellen könnten, auf dem wir lebten und das wir pflegten.

Ich wünschte, ich würde mich an ihren Namen erinnern, aber damals war mir nicht bewusst, dass ich einen dieser Momente erlebte, die einem für immer im Gedächtnis bleiben.

Sie sprach darüber, wie schwierig es für Nicht-Indigene sei, wirklich verwurzelt und mit dem Land verbunden zu sein, für das sie kämpften – aber dass es für die Arbeit unerlässlich sei. Es fiel mir schwer, das zu hören. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon seit über einem Jahrzehnt ständig auf Reisen und ging davon aus, dass ich das mein ganzes Leben lang tun würde. Die Trägheit hatte mich fest im Griff, und ich wusste nicht, ob ich mich befreien könnte, selbst wenn ich es wollte.

Nach dem Vortrag ging ich schüchtern zur Referentin, um mich vorzustellen, und wir unterhielten uns eine Weile. Ich erzählte ihr, dass ich ein Wanderer sei. Dass ich nirgendwo ein Zuhause gefunden hätte, zumindest nicht für längere Zeit, und es mir daher schwerfiel, mir eine Verbindung zu einem bestimmten Stück Land vorzustellen.

Sie lachte und verstand meine Nervosität. „Oh, das ist in Ordnung“, sagte sie zu mir. „Manche Menschen sind einfach so.“ Sie erzählte mir Geschichten von einem Mann, einem ihrer Liebhaber, der nie ein Zuhause gefunden hatte und mit seiner Gitarre umherwanderte.

Manche Menschen sind einfach so.

Das Foto von Rémi Orts zeigt eine schnurgerade Straße in der Prärie, aufgenommen vom Mittelstreifen aus, mit Bergen im Hintergrund.
Foto: Rémi Orts
Quelle
Die meisten meiner Freunde, vor allem die älteren Anarchisten, die ich kannte (meine Ältesten, würde ich sagen), verbrachten ihre Zeit damit, mich dazu zu bringen, an einem Ort zu bleiben. Mein „Frenemy“ Aragorn! (Das Ausrufezeichen war Teil seines Namens, und er ist der Grund, warum ich das Wort „Frenemy“ kenne. Er hat einmal buchstäblich einen Text mit dem Titel „Gegen die Freundschaft“ geschrieben.) traf mich auf einer anarchistischen Buchmesse in Kanada und sagte mir unverblümt, dass ich meine Zeit mit Reisen verschwendete, obwohl ich schreiben sollte. Dass ich so viel mehr für den Anarchismus erreichen könnte. Er und ich haben uns vor seinem Tod immer über Politik gestritten und gezankt, aber er hat meine Vision, trashige anarchistische Pulp-Fiction zu schreiben, immer unterstützt, und er hat mir einmal einen Synthesizer geliehen, damit ich einen Auftritt spielen konnte, als ich mir keinen eigenen leisten konnte.

Aragorn! war einer der ersten großen Theoretiker indigener anarchistischer Ideen, also kann ich nicht einfach sagen „Oh, ein indigener Mensch hat mir gesagt, ich darf reisen, also ist es okay“ und es dabei belassen, weil mir ein anderer indigener Mensch gesagt hat, ich solle verdammt noch mal stillsitzen. Aber Aragorn! würde mir niemals verzeihen, dass ich mich überhaupt auf solche vereinfachten Identitätsargumente berufe.

Ein anderer Freund, der noch am Leben ist und daher ungenannt bleibt, sagte mir: „Wenn du an den Strand gehst, wirst du die Geisterkrabben nicht sehen, es sei denn, du stehst lange genug still, damit sie dir vertrauen und aus dem Sand kommen.“

Ein vierter Ältester, der sich nach dem Fall der UdSSR in Bulgarien im Straßenkampf gegen Faschisten seine Sporen verdient hatte, sagte mir, es sei in Ordnung zu wandern, das sei einfach das, was manche Leute tun.

Meine Ratgeber waren also fifty-fifty gespalten, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und ich wanderte weiter. Etwa fünfzehn Jahre lang verbrachte ich selten mehr als ein paar Wochen an einem Ort. Gelegentlich schaffte ich es auf ein paar Monate. Einmal, mitten in all dem, blieb ich aus Liebe zwei Jahre lang in Portland, Oregon, obwohl ich es trotzdem schaffte, alle paar Monate von einem Punkhaus in ein Zelt im Garten und wieder zurück in ein Punkhaus zu ziehen.

Letztendlich war es eine Verletzung, die mich bremste.

Vor etwa zehn Jahren habe ich meinen viel zu schweren Rucksack falsch aufgesetzt und mir den Brustknorpel gerissen. Du wirst schockiert sein zu erfahren, dass die Gesundheitsversorgung für Nomaden in den Vereinigten Staaten alles andere als erstklassig ist, und ich hatte jahrelang Probleme, wieder gesund zu werden, und konnte kaum etwas tragen. Das Leben im Van war unhaltbar. Ich zog nach Asheville, dann in ein Punkhaus auf dem Land, dann in eine Scheune auf dem Land, dann in eine Hütte auf dem Land, dann weiter nach Norden in die Appalachen, und es geht dich nichts an, wo ich jetzt wohne, aber ich bin ganz sicher ein Stubenhocker.

Ich habe meine Brust vor Jahren durch eine Kombination aus Zeit und selbst durchgeführter Physiotherapie geheilt, aber Trägheit ist nun mal Trägheit. Wenn ich ein Objekt in Bewegung war, blieb ich in Bewegung. Wenn ich ein Objekt in Ruhe bin, bleibe ich in Ruhe. Manchmal habe ich nachts das Gefühl, etwas verloren zu haben.

Aragorn! hatte Unrecht. Ich bin an einem Ort nicht von Natur aus produktiver, als ich es unterwegs war.

Aber mein Hund mag die Buchtour im Van viel weniger, als er es mag, im Garten Flugzeuge anzubellen, und es war schön zu sehen, wie die sprichwörtlichen Geisterkrabben hervorkamen. Es war schön, einen einzigen Ort durch die Jahreszeiten zu beobachten, zu sehen, welche Wildblumen jedes Jahr sprießen und wann sich die Truthähne versammeln. Man hat nicht die Chance, zu sehen, wie sich andere Menschen und Orte verändern, wenn man selbst derjenige ist, der sich ständig verändert. Und es ist schön, sich gemeinsam mit anderen Menschen zu verändern, Hand in Hand.

Als ich jung war, brachte mich das Leben auf der Straße den Menschen näher. Ich war immer in dieser oder jener Punk-Clique unterwegs, sprang auf Züge auf oder trampte, schlief im Park oder in jemandes Garten oder in einem Wald, den wir zu retten versuchten. Als ich meinen Van bekam, quetschte ich regelmäßig fünf oder sechs Leute hinein, während ich durchs Land fuhr. Aber mit Mitte dreißig reiste ich meist allein. Vollzeit zu reisen, während man pleite ist, ist für die meisten Menschen keine nachhaltige Lebensweise, und die Leute um mich herum starben entweder oder gaben ihr Leben als Aussteiger auf.

Ich versuche einfach, sowohl für die Zeit, die ich mit Umherziehen verbracht habe, als auch für die Zeit, die ich an einem Ort verbracht habe, dankbar zu sein, und meistens gelingt mir das auch. Aber es vergeht keine Woche, in der ich nicht darüber nachdenke, alles, was ich besitze, wegzugeben und wieder in meinen Van zu ziehen.

Der Grund, warum ich es am Ende wahrscheinlich nicht tun werde, ist, dass ich mich, als ich ein mittelloser Aktivist war, ziemlich stark auf andere Menschen verlassen habe. Ich will nicht sagen, dass ich mich „zu sehr“ auf sie verlassen habe, denn ich finde es gut, Teil eines Netzwerks der gegenseitigen Abhängigkeit und der gegenseitigen Hilfe zu sein. Aber ich habe auf Sofas und in Gästezimmern übernachtet und mindestens genauso oft Essen gegessen, das andere Leute gekauft haben, wie ich meine Mahlzeiten gestohlen oder aus dem Müll gefischt habe. Ich habe beigetragen, so gut ich konnte, meist indem ich bei jeder Demo dabei war und meine Freizeit für die Organisation genutzt habe.

Aber jetzt bin ich auf der anderen Seite dieser Gleichung. Ich nehme Anhalter mit. Ich beherberge Freunde, die es brauchen, ich nehme Besucher auf. Ich versuche, genauso großzügig zu anderen zu sein, wie andere es mir gegenüber waren. Das ist eine hohe Messlatte, und vielleicht schaffe ich es nicht. Ich möchte jetzt jemand sein, der Ressourcen bereitstellt. Das scheint nur fair zu sein, und es ist zutiefst befriedigend.

Das Umherziehen fühlt sich jetzt wie ein Notfallplan an. Es hilft mir sehr gegen meine Ängste, zu wissen, dass ich ohne festen Wohnsitz überleben kann. All diese „Prepper“-Überlebenskünstler, die mit Beilen Unterkünfte bauen und Eichhörnchen töten können, wissen wahrscheinlich nicht, wie man die kostenlosen Bagels im Müll findet oder wie man auf das Dach einer Domino’s-Pizzeria klettert, um dort zu schlafen. Ich vermute, Straßenkinder werden die Apokalypse mindestens genauso gut meistern wie die christlichen Nationalisten aus der Mittelschicht, die sich für Alpha-Männer halten, denn Straßenkinder ziehen in Gruppen umher und kennen die Städte.

Aber wenn ich wieder auf Wanderschaft gehe, sind es nicht die Städte, die mich rufen. Es ist die Straße und es ist die Wildnis (was davon übrig ist). Es ist schön, unter Menschen zu sein, aber vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein halber Einsiedler. Vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein Wanderer.

Hätte ich nur die Hälfte des Geldes, das ich dir anvertraut habe
Könnte ich mir zehn Morgen Land kaufen und meine Familie versorgen
Könnte ich mir ein strohgedecktes Häuschen bauen, könnte ich mir eine Scheune errichten
Könnte ich mir einen Pelzmantel kaufen, um meinen Rücken warm zu halten

Das wilde Umherziehen werde ich aufgeben
Das wilde Umherziehen, ich gebe es auf
Und ich werde nie wieder
Der wilde Wanderer genannt werden

- The Wild Rover

(Wird meist als traditionelles irisches Lied angesehen, ist aber wahrscheinlich englischen Ursprungs, was schwer zu schlucken ist, aber wohl notwendig, denn eigentlich ist Nationalismus Unsinn und die Arbeiterklasse kennt kein Land, und Volkstraditionen haben sich seit Urzeiten zwischen diesen beiden Inseln bewegt, und das Problem sind die Regierung und die Machtsysteme.)

Quelle: "Wild Roving or: the song of the open road", 29. April 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Unsere Sichtbarkeit ist irgendwie eine Bedrohung für die Macht oder: zum Trans Day of Visibility

Es ist Trans Day of Visibility und wie immer wünschte ich mir, ich müsste mich nicht darum kümmern, trans zu sein.

Du da, hypothetischer Cis-Leser, hast du es satt, in den Nachrichten ständig von Trans-Scheiße zu hören?

Ich auch, wir alle.

Es ist der Trans Day of Visibility, aber es ist auch der Trans Day of Have To Go To Work Anyway, oder der Trans Day of Who The Fuck is Hiring, oder der Trans Day of How Are We Going to Support All These Queers Who Are Internally Displaced Refugees Here in the States.

Früher trug ich einen selbstgemachten Anstecker, auf dem stand „Ich will wahrscheinlich nicht mit dir über Gender reden“, weil Gender auf meiner persönlichen Prioritätenliste ganz unten steht. Ich bezeichne mich selbst mit den Pronomen „ich/mich/mein“ und das einzige geschlechtsspezifische Wort, das mir persönlich wichtig ist, ist, dass ich Rintrahs Mama bin. Und ihm ist Gender egal, und er pinkelt mit allen vier Pfoten auf dem Boden.

Ich schreibe selten über Trans-Themen, und das liegt nicht daran, dass ich mich selbst hasse, sondern daran, dass mich Gender irgendwie langweilt. Der einzige Grund, warum es mich interessiert, ist, dass die Gesellschaft sich einfach so sehr dafür interessiert. Ich verspreche dir: Meine Gedanken zur Dekolonialisierung und zur Abschaffung von Staat und Kapitalismus stellen eine viel größere Herausforderung für den Status quo dar als die Tatsache, dass ich manchmal Kleider trage, obwohl ich nicht „passiere“.

Zumindest läuft das in meinem Kopf so ab. Aber irgendwie stellt meine bloße Existenz – und die Existenz von etwa der Hälfte der Menschen, die ich kenne – eine grundlegende, existenzielle Bedrohung für die Gesellschaft dar. Unser Modegeschmack ist schlecht, aber so schlimm ist es doch sicher nicht.

Die Sache ist die: Auf individueller Ebene interessiert es niemanden sonst auch nur im Geringsten, dass ich trans bin.

Einmal, im ländlichen West Virginia, erzählte ich dem Klärgrubenreiniger, dass ich eine Transfrau bin, während wir uns unterhielten, als er jahrzehntelang angesammelten Dreck aus der Grube unter meinem Haus entfernte.

„Oh, also bist du sozusagen eine Tussi, wenn du rausgehst?“

„Klar“, sagte ich, weil ich nie besonders Lust hatte, über Details zu streiten.

Er dachte eine Weile darüber nach. Er war vor allem neugierig. Statistisch gesehen, basierend auf dem Landkreis, in dem wir lebten, hatte er entweder für Trump gestimmt oder gar nicht gewählt.

„Was ist mit Frauensport?“, fragte er. „Was denken die Leute in der Trans-Community über dieses Thema?“ Wieder war er neugierig.

„Das ist so eine Art Streitpunkt, eine Kleinigkeit, die sie nutzen können, um alle gegen uns aufzubringen.“

„Das leuchtet ein“, sagte er.

Später, nachdem ich bezahlt hatte und von seinem Truck weggegangen war, rief er mich zurück. Er hatte noch eine letzte Frage an mich.

„Moment, also deine Freundin [ich hatte ihm erzählt, dass ich mit jemandem zusammen bin], weiß sie, dass du eine Frau bist?“

„Ja.“

„Also seid ihr so was wie Lesben?“

„Ja.“

„Cool, meine Cousine ist lesbisch.“

Und er fuhr davon.

Manchen Leuten mag das wichtig sein, aber den meisten nicht. Es sind die Strukturen, denen es wichtig ist, die wollen, dass es allen anderen wichtig ist.

Geschlecht (das soziale Konstrukt, nicht nur das biologische Geschlecht) scheint so alt zu sein wie die menschliche Gesellschaft, aber jede Gesellschaft scheint es zumindest etwas anders behandelt zu haben. Und was wichtig ist: Die meisten Gesellschaften haben historisch gesehen Raum für Abweichungen innerhalb der jeweiligen Geschlechtsstruktur geboten. „Männer“, die als Frauen lebten, „Frauen“, die als Männer lebten, oder Menschen, die in anerkannten dritten, vierten oder fünften Geschlechterrollen lebten.

Entscheidend ist, dass die meisten Gesellschaften in der Geschichte nicht über das soziale Konstrukt verfügten, das wir Staat nennen, und soweit ich das beurteilen kann, stützten sich die meisten Gesellschaften eher auf das, was wir als „Richtlinien“ bezeichnen könnten, als auf „Gesetze“.

Ich glaube, das trifft den Kern der grundlegenden Bedrohung, die wir für den Faschismus und für autoritäre Strukturen im weiteren Sinne darstellen. Autoritarismus stützt sich auf Klassifizierung und Schichtung, auf strenge soziale Ordnung. Und doch bin ich hier und sage nicht nur jedem auf der Welt, dass ich ein Mädchen bin, sondern bringe alle dazu, mir entweder zu glauben oder höflich zu akzeptieren, dass ich die Welt anders sehe als sie.

Denn letztendlich verstehen die meisten Menschen, dass wir alle die Welt unterschiedlich sehen. Die meisten Menschen verstehen im Grunde genommen Multikulturalismus, dass unsere Art, Dinge zu tun, nicht die einzige Art ist, Dinge zu tun.

Meine Großtante, die katholische Nonne, hatte einen muslimischen Gebetsteppich in ihrer Zelle im Kloster. Ich fragte sie danach, und sie sagte mir, er solle sie daran erinnern, dass jeder auf seine eigene Weise nach Gott sucht. Sie widmete ihr Leben einer bestimmten Institution und deren Theologie und deren Art, Dinge zu tun, aber sie verstand Flexibilität. Das tun wir alle.

Genau dieses Verständnis wollen die Faschisten zerstören. Der autoritäre Drang sieht nur einen einzigen Weg, Dinge zu tun.

In meinen Augen erscheint es albern, aus Transsein eine große Sache zu machen. Um es noch einmal zu betonen: Mein Transsein ist nicht einmal für mich eine große Sache, und ich lebe schon seit fast einem Jahrzehnt offen damit. Es erscheint absurd, sich vorzustellen, dass wir eine Bedrohung für die Macht sind.

Aber das sind wir.

Unser albernes queeres Leben und unser albernes queeres Drama und unser endloses Streiten über Terminologie – all das ist grundsätzlich unvereinbar mit Autoritarismus, weil es im Grunde eine Erklärung ist, dass wir uns entweder jeglicher Klassifizierung entziehen (meine Vorliebe) oder dass wir zumindest diese Klassifizierung untereinander selbst bestimmen dürfen. Der Staat will derjenige sein, der entscheidet, wer von uns gültig ist. Er will uns das nicht in gehässigen Instagram-Reels selbst ausdiskutieren lassen.

Das Foto zeigt Margaret Killjoy im Auto und ihren Hund Rintrah, der ihr über die Schulter schaut
Selfie mit Rintah
Es ist Trans-Sichtbarkeitstag, und ich glaube, ich bin nicht sichtbar trans, aber die meisten meiner Freunde lachen, wenn ich das sage. Ich kann einen großen Truck fahren und so viel Carhartt tragen, wie ich will, aber ich schätze, die Einordnung für mich lautet „langhaarige Butch“, und das ist für jeden sichtbar, der auch nur ein bisschen Gaydar hat.

(Ich nehme an, das Rückenaufnäher von Willem Arondeus mit dem Zitat „Es sei bekannt, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind“ hilft da nicht gerade).

Vielleicht sollte ich anfangen, mich für Transsein zu interessieren, vielleicht ist das die Lektion für mich. Der faschistische Staat sagt mir ständig, dass mein Geschlecht eine existenzielle Bedrohung für ihn darstellt, und vielleicht sollte ich darauf hören.

Ich hätte schwören können, dass es mein Wunsch war, die Gesellschaft von unten nach oben statt von oben nach unten neu zu organisieren, aber vielleicht ist das ganze Gerede darüber, „wer wirklich die Macht hat, wenn es Bottoms und Tops gibt“, sowieso verdammt queer.

So oder so, frohen Trans-Sichtbarkeitstag. Passt aufeinander auf und hört auf, über Blödsinn zu streiten. Der Staat will uns tot sehen, und ich will, dass wir leben. Nichts ist schöner als das Älterwerden. Also lasst uns das alle gemeinsam tun. Lasst uns Älteste werden, bevor wir zu Vorfahren werden.

Allgemeine Nachrichten


Aus der Bewegungsszene: Der Anti-ICE-Aktivist Trenten Barker wurde wegen „Brandstiftung“ zu 18 Monaten Haft verurteilt (er warf während einer Demonstration eine Leuchtfackel auf Schutt, der vor einem Metallzaun außerhalb einer ICE-Einrichtung aufgestapelt war). Er sammelt Geld für Anwaltskosten und um seiner Familie zu helfen, während er im Gefängnis ist.

Idris Robinson, ein Philosophieprofessor aus Texas, wurde wegen eines Vortrags entlassen, den er auf der Anarchist Book Fair in North Carolina über Palästina gehalten hatte. Ich werde sein Buch bestellen.

Der anarchistische Trans-Häftling Marius Mason wird am 4. Mai in eine Resozialisierungseinrichtung entlassen, nachdem er wegen seiner Rolle in der Earth Liberation Front etwa 17 Jahre hinter Gittern verbracht hat. Ich verspreche dir: Wenn es in zweihundert Jahren noch Menschen gibt, wird über die Earth Liberation Front geschrieben werden als über einige der wenigen Menschen aus den frühen 2000er Jahren, die tatsächlich versucht haben, etwas zu tun.

Quelle: "Our Visibility is Somehow a Threat to Power or: on Trans Day of Visibility", 31. März 2026 von Margaret Killjoy.

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

8. März. Gegen Krieg. Für die Frauenrevolution

Das Foto von © Monika von Wegerer zeigt drei Teilnehmer*innen der Aktion mit selbstgemalten Plakaten: "Gegem Macker und Rassisten - Fight the Power - Fight the Cistem" "Kein Täter darf sich sicher fühlen" sowie Durchgestrichen: "Beziehungstat - Femizid" Durchgestrichen "Minderjährige Frauen - Mädchen" Durchgestrichen: "Hysterie - Wut"
Foto: © Monika von Wegerer via Umbruch Bildarchiv
Am 8. März 2026 versammelten sich mehrere hundert Frauen am Gesundbrunnen zu einer Demonstration durch den Wedding unter dem Motto: „Gegen Krieg, für die Frauenrevolution.“ Der Protest richtete sich gegen patriarchale Gewalt, für Gleichberechtigung, gegen gekürzte Sozialleistungen, explodierende Miet-, Lebensmittel und Energiepreise bei gleichzeitigen Milliardenausgaben für Rüstung und deutscher Beteiligung an völkerrechtlichen Kriegen. So führte die Demo auch vorbei an Rheinmetall aus Protest gegen die dort geplante Umstellung der Produktion auf Rüstungsgüter. Ab Frühsommer will Rheinmetall im Werk in der Scheringstraße 2 statt Autozubehör Geschosshülsen für Artilleriemunition herstellen. Erstmals seit Jahrzehnten sollen in Berlin wieder Rüstungsgüter produziert werden.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.
Während Deutschland den Genozid in Gaza und den Krieg gegen Rojava weiter fleißig mit Waffen und Geld unterstützt, kürzt der Staat an allen Ecken und Enden im Sozialen Bereich und in der Gewaltschutzhilfe. Die Fassade eines Landes, das angeblich Frauen- und LGBTI+ Schutz ganz nach vorne stellt bröckelt immer mehr!
Wir wissen: Während fast jeden Tag eine Schwester von uns durch die Hand eines Mannes ermordet wird und unsere Schwestern weltweit mit deutschen Bomben das Leben zur Hölle gemacht wird, sind wir es, die uns gegenseitig schützen und für unsere Befreiung kämpfen werden! Deshalb am 8. März mit uns auf die Straßen!

(Aufruf zur Demo)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema


Links


Aus Minneapolis: So was wie das hab ich noch nie gesehen oder: ein Bericht von meinem ersten Tag in Minneapolis

Das Foto zeigt eine Gruppe von Menschen auf einer verschneiten Hauseinfahrt, ihnen gegenüber dutzende vermummte, bis an die Zähne bewaffnete ICE Agenten.
Bürger stehen am Ort der tödlichen Schüsse am 7. Januar 2026 bewaffneten ICE-Beamten gegenüber
Foto: Chad Davis
Lizenz: CC BY 4.0
Wenn man sich mit sozialen Bewegungen und Aufständen beschäftigt, fällt einem ein ziemlich klares saisonales Muster auf: Im Sommer gehen die Leute auf die Straße und machen Krawall, und wenn es kühler wird, beruhigt sich die Lage wieder. Das war 2020 definitiv so, und das sieht man immer wieder, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt.

Und trotzdem war ich im Januar auf dem Weg nach Minneapolis.

Bevor ich mich entschied, über den Widerstand gegen die Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) dort zu berichten, habe ich einen Freund kontaktiert, der dort lebt. „Diese Woche wird es echt, echt kalt. Werden die Leute trotzdem kommen?“

„Die Leute aus Minnesota werden da sein“, sagte er mir. „Die ICE wird es schwer haben.“

Denn, wie ein anderer Freund mir sagte: „Die ICE hat einen klassischen Nazi-Fehler gemacht: Sie hat im Winter ein Wintervolk angegriffen.“

Die Leute aus Minnesota hatten noch nie Angst vor Eis, und jetzt zeigen sie, dass sie auch keine Angst vor der ICE haben.

Ich hab, ehrlich gesagt, vor beidem ein bisschen Angst. Aber man tut, was man kann.

„Man tut, was man kann“ - das ist vielleicht die Einstellung, die mich überhaupt erst dazu gebracht hat, Minneapolis besuchen zu wollen.

Vor ein oder zwei Wochen habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der hier oben lebt. Er war unterwegs, um Wohnhäuser vor der ICE zu schützen, indem er einfach vor der Tür stand und sagte: „Nein, Sie dürfen hier nicht rein.“ Er saß vor Hotels, von denen bekannt war, dass dort ICE-Beamte untergebracht waren, und schrieb die Autokennzeichen auf.

Dieser Freund von mir ist niemand, den ich jemals mit einer bestimmten politischen Ideologie in Verbindung gebracht hätte, und ich kenne ihn auch nicht als Aktivisten. Er ist einfach ein junger, introvertierter Queer. Ich habe ihn gefragt, warum er diese Arbeit macht - die, wie die Nachrichten der letzten Wochen deutlich gemacht haben, nicht gerade sicher ist. Er sagte mir, dass er sich immer gesagt habe, dass er jemand sein würde, der sich einsetzt, wenn es nötig ist.

Dieser Freund von mir ist mutig. Aber er ist keine Ausnahme. Minneapolis ist eine Stadt voller Menschen, die sich gegen ein buchstäblich mörderisches Regime auflehnen.

Das wollte ich hier sehen.

Ich bin auf seltsame Weise ein professioneller Optimist. Ich war schon immer fasziniert davon, wie Menschen in Krisenzeiten zusammenkommen, um sich gegenseitig zu helfen. Und die Menschen hier sind zusammengekommen.

Von meinem Wohnort nach Minneapolis sind es zwei Tage Fahrt, zumindest theoretisch. Aber es ist Januar, und der Winter im Mittleren Westen ist nicht ohne. Am Montag gab es Schnee. Am Mittwoch? Schnee. Also musste ich die dreizehnstündige Fahrt am Dienstag machen.

Ich hatte überlegt, schon am Abend vorher loszufahren, und bin froh, dass ich es nicht getan habe - in Indiana gab es eine Massenkarambolage mit 37 Autos, bei Whiteout-Bedingungen und Eis auf der Autobahn. Ich habe es aber nicht in den Nachrichten gesehen, weil es in derselben Nacht in Michigan eine Massenkarambolage mit hundert Autos gab. Während einer Stunde meiner Fahrt kam ich an 32 Autos und Lastwagen vorbei, die im Graben standen.

Ich selbst war nicht allzu besorgt. Das Wetter war klar und die meisten Straßen waren geräumt und gestreut. Ich bin ein bisschen ein Prepper und mein Allrad-Lkw hat gute Reifen, Ketten, falls ich sie brauche, und jede Menge Winterausrüstung.

Minneapolis ist im Winter kalt, und dieser Winter ist besonders kalt, und diese Woche ist es besonders kalt. Ich habe Winterkleidung - schließlich lebe ich ländlich in den Bergen -, aber es ist eine Sache, das zu haben, was man braucht, um bei 10 Grad draußen zu arbeiten, und eine andere, das zu haben, was man braucht, um stundenlang bei -20 Grad herumzustehen. Ich gehe davon aus, dass es am Freitag, dem Tag des bevorstehenden Generalstreiks, (mit Windchill) die kältesten Temperaturen geben wird, die ich je in meinem Leben erlebt habe.

Also bin ich dreizehn Stunden gefahren, habe meinen Kollegen vom Flughafen abgeholt und bin zu unserer Unterkunft gefahren. Wir haben über Audiorecorder und Gasmasken gesprochen, wir haben über die Geschichten gesprochen, die wir im Kopf hatten, über das, was gerade passiert, wir haben darüber gesprochen, was wir lernen und sehen möchten.

Wir haben viele große Fragen, und eine davon lautet einfach: Wie groß ist das Ausmaß der Krise hier? Es wird beschrieben, als sei der Ort ein Kriegsgebiet, aber viele US-Städte wurden in den letzten Jahren als Kriegsgebiete beschrieben, und das war selten der Fall. Wie präsent war die ICE und der Widerstand gegen sie?

Am frühen Morgen fuhr eine Reihe von Autos die Wohnstraße entlang, in der wir wohnen, und hupten. Wie wir vermutet hatten und später bestätigt bekam, waren es ICE-Beobachter, die einem ICE-Fahrzeug folgten und hupten, um die Bundesbehörden daran zu hindern, im Verborgenen zu operieren.

Ich konnte meine neuen schicken isolierten Stiefel nicht schnell genug anziehen, und als ich draußen war, waren sie schon an uns vorbeigefahren.

Aber ja, die Stadt ist besetzt.

Wir haben uns für unsere Unterkunft entschieden, weil wir nicht mitten im Geschehen sein wollten, aber es hat sich herausgestellt, dass die ganze Stadt, ebenso wie St. Paul und die Vororte, mitten im Geschehen sind. Wir mussten nicht mehr als drei Blocks fahren, bevor wir auf eine Menschenmenge stießen, die eine Kindertagesstätte bewachte. Stell dir vor, du musst eine Kindertagesstätte bewachen.

An jeder zweiten Straßenecke in der Stadt scheinen Leute nach ICE Ausschau zu halten, bereit, verdächtige Fahrzeuge an die dezentralen Netzwerke zu melden, die die Bewegungen der Rebellen in der Stadt überwachen.

Es ist die ICE, die sich heimlich in Minneapolis bewegt, während die Rebellen reflektierende Westen und dicke Jacken tragen.

Ich habe gestern mit Organisatoren gesprochen, aber das Erste, was mir ein Freund sagte, war, dass es im Gegensatz zu den meisten sozialen Bewegungen keinen „Ansprechpartner“ gibt. Es gibt einfach keinen zentralen Anführer und auch keine zentrale Führungsriege. Es gibt keine Avantgarde, die den Widerstand anführt.

Der Widerstand gegen die ICE in Minneapolis ist stark, weit verbreitet und nachhaltig. Er ist auch völlig dezentralisiert und führerlos (oder „führerreich”, wenn man so will). Es gibt Rollen. Es gibt Organisation - es gibt so viel Organisation. Es gibt so viele Organisatoren aus so vielen Gemeinschaften und mit so vielen Identitäten.

Das macht mich natürlich glücklich.

Ich bin mir sicher, dass es für die Bundesbehörden, die die Stadt besetzt halten, auch verdammt frustrierend ist. Sie wollen ein paar Leute herauspicken und sie vor Gericht stellen. Das könnte immer noch passieren, aber es wäre ein Scheinprozess. Wenn es eine Verschwörung gibt, dann ist es die Verschwörung der ganzen Stadt, frei zu sein.

In den USA sind die meisten von uns daran gewöhnt, Protestbewegungen als eine Art interne Rebellion zu sehen. Gegen die örtliche Polizei, gegen die kapitalistische Infrastruktur. Was hier passiert, ist grundlegend anders. Dies ist eine Rebellion gegen etwas, das einer ausländischen Besatzung gleichkommt. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass dies der Grund ist, warum das Wetter die Menschen nicht davon abhält, auf die Straße zu gehen. Sicher, die Menschen hier besitzen viel mehr Schneekleidung als der durchschnittliche Amerikaner und sind es eher gewohnt, auf ungeräumten Straßen zu fahren, aber ich denke, mehr als alles andere ist es einfach so, dass diese Situation unerträglich ist. Die Menschen sind bereit, mehr zu riskieren.

Weil ihre verdammten Familien entführt werden. Ihre Nachbarn werden entführt. Kinder aus ihren Schulen werden entführt. Sie selbst werden entführt.

Als wir gestern mit dem Auto unterwegs waren, sahen wir Lehrer, die mit Schülern aus den Schulen kamen. Als ich nach Hause kam und die Nachrichten las, erfuhr ich, warum.

Wir wissen noch nicht, wie viele Menschen in ICE-Haft gestorben sind, weil sie uns das natürlich nicht sagen. Wir wissen nicht, wie viele Menschen bei der Abschiebung gestorben sind, aber niemand flieht ohne Grund, und Menschen, die in den USA Asyl suchen, tun dies, weil die Rückkehr in ihr Heimatland oft ein Todesurteil ist.

Die Ermordung einer der ICE-Beobachter:*Innen hat die Menschen also nicht davon abgehalten, die ICE zu beobachten.

Es steht zu viel auf dem Spiel.

Während wir mit Leuten vor der Kindertagesstätte sprachen, drückte uns eine somalische Familie Samosas in die Hand. Wir versuchten, sie nicht anzunehmen: „Wir sind nur Journalisten“, sagten wir ihnen. Das war keine akzeptable Ausrede, um die Samosas nicht anzunehmen. Die waren, ehrlich gesagt, die besten, die ich je gegessen habe.

Wir unterhielten uns mit einer 76-jährigen Frau darüber, was sie hierher gebracht hatte. Ihr Vater hatte in Italien und Frankreich gegen Faschisten gekämpft, und sie wusste, dass er stolz auf sie sein würde. Das seien ihre Nachbarn, erklärte sie. Mir war ein bisschen kalt, obwohl ich meine neuen Winterklamotten anhatte, während ich mit ihr redete. Sie trug nicht mal eine Mütze.

Ein Tontechniker, den ich flüchtig aus der Metal-Szene kannte, war auch da - einfach ein schöner Moment, wie klein die Welt doch ist - und er sollte an diesem Tag eine ziemlich wichtige Band aufnehmen, aber sein Kind ging in die örtliche Schule und es war völlig ausgeschlossen, dass jemand in seiner Nachbarschaft kommen würde, um die Kinder von irgendjemandem zu holen.

Die Leute waren sich der Schwere der Lage bewusst, sowohl lokal als auch national. Sie wussten, dass es wichtig war, die ICE überall zu frustrieren, um sie überall zu stoppen. Wenn nötig, würden sie als Bollwerk dienen.

Und ihre Zahl war gestiegen, nachdem einer von ihnen erschossen worden war.

Ich habe gestern mit einer Gruppe von Organisatoren gesprochen - eigentlich waren alle Organisatoren - und sie ausführlich gefragt, welche Art von Berichterstattung sie sich wünschen und was die Welt über ihre Bemühungen wissen sollte.

Eine Sache, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist, dass sie zwar froh sind, dass die Medien über all die schrecklichen Dinge berichten, die die ICE tut, aber sie möchten, dass mehr Menschen erfahren, wie schön der Widerstand ist. Ich kann kein rosiges Bild von dem zeichnen, was hier passiert, denn es ist nicht rosig. Es ist nicht idyllisch. Aber es ist inspirierend.

Ich bin jetzt seit 24 Jahren in Protestbewegungen aktiv (vielleicht klingt das kitschig, aber ich habe einen bestimmten Protest als meinen Ausgangspunkt gewählt) und ich habe noch nie eine Bevölkerung gesehen, die so vereint ist, nicht einmal annähernd. Es scheint, als würde sich die ganze Stadt gegen die Entführer erheben.

Ich hätte noch mehr zu sagen, aber die Sonne ist schon aufgegangen und ich bin nur noch ein paar Tage hier, also erzähle ich später mehr.

Mein eigentliches journalistisches Ziel ist es natürlich, ein paar Podcast-Folgen zusammenzustellen, aber ich dachte mir, ich schreibe diese Beiträge, um meine Gedanken unterwegs zu sammeln.

Quelle: Margaret Killjoy, From Minneapolis: I've Never Seen Unity Like This or: a report from my first day in Minneapolis, 22. Januar 2026

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Afd widersetzen in Jüterbog

Das Foto von © kinkalitzken zeigt einige  Menschen mit Einhornhütchen und anderem Kopf und Gesichtsschmuck  hinter dem pinken Transparent mit dem Text "FCK AFD"
Foto: © kinkalitzken via Umbruch Bildarchiv
Hunderte Menschen protestierten mit Blockaden gegen einen Parteitag der Berliner AfD am 11. Oktober 2025 im brandenburgischen Jüterbog.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

Die ungehorsamen Proteste des bundesweit aktiven Aktionsbündnisses „widersetzen“ verzögerten den Parteitag um rund 30 Minuten, Autos und Busse konnten nicht vorfahren, der Fußweg wurde für AfDler tendenziell zum Spießrutenlauf. Mehrfach solidarisierten Passant*innen sich spontan mit den Protesten. Die Polizei ging teilweise mit Gewalt, aber geringem Erfolg gegen Blockaden vor und wirkte an mehreren Stellen überfordert. Der Parteitag fand erneut in Jüterbog statt, da die AfD in Berlin keine Räume fand.
„Faschismus braucht Räume – nicht nur Bühnen, sondern auch das Schweigen derer, die wegsehen oder meinen, „das geht mich nichts an“. Wer solche Räume gibt, macht sich mitschuldig. Wir waren hier, um das zu verhindern – mit Solidarität, Entschlossenheit und gemeinsamem Widerstand. Heute in Jüterbog, morgen in Gießen und überall, wo sie versuchen, sich breit zu machen – sind wir da, um uns ihnen zu widersetzen.“

 Berliner Ortsgruppe von „widersetzen“



Links


Loblied auf den Herbst und Rituale oder: Margaret redet über Blätter, Hunde, Geister und Priester

Dieses Wochenende bin ich auf der Another Carolina Anarchist Bookfair in Asheville, North Carolina, und habe dort einen Stand für Strangers in a Tangled Wilderness.

Strangers hat diese Woche eine ganze Reihe neuer Sachen, darunter das Hörbuch von The Lamb Will Slaughter the Lion. (Das sollte bald über Hörbuch-Apps verfügbar sein, es dauert nur eine Weile, bis es im System verfügbar ist). Ich arbeite auch an den Hörbüchern zu den Büchern 2 und 3 der Danielle-Cain-Reihe.

Außerdem gibt es jetzt zwei Rückenaufnäher. Der eine ist „Uliksi“ aus den Danielle-Cain-Büchern mit einem Motiv von Robin Savage. Der andere ist „der Rückenaufnäher, den ich auf meiner eigenen Weste trage“, inspiriert von meinen historischen Recherchen, ein Zitat von Willem Arondeus, dem schwulen Antifaschisten, der Nazi-Akten verbrannt hat und in seinem letzten Brief an die Welt schrieb: „Lasst es bekannt sein, dass Homosexuelle keine Feiglinge sind.“ Und schließlich gibt es jetzt auf vielfachen Wunsch auch Strangers in a Tangled Wilderness-Hoodies.

Ich werde diesen Herbst und Winter weniger Veranstaltungen machen, weil ich viel zu schreiben habe. Aber hoffentlich bedeutet das, dass ich bald mehr über neue Arbeiten berichten kann.

Loblied auf den Herbst und Rituale


„Du weißt, dass du gestorben bist, wenn die Dinge um dich herum aufhören zu sterben.“

Elías Contreras, aus „The Uncomfortable Dead“

Das Foto zeigt einen Herbstwald, durch den ein mit abgefallenen Blättern bedeckter Weg führt
Herbstwald in Deutschland
Foto: Martin.Heiss
Lizenz: CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Die Blätter waren sich nicht ganz sicher, was sie dieses Jahr tun sollten, aber jetzt fangen sie endlich an, sich zu verfärben und zu fallen – obwohl das Wetter noch warm ist. Ich würde das Wetter als untypisch bezeichnen, aber „untypisch“ ist heutzutage ein ziemlich bedeutungsloser Begriff. Die Jahreszeiten bringen, was sie bringen, egal, was wir denken, dass sie bringen sollten.

Das beste Spiel der Welt ist, wenn du meinen Hund fragst, „Blätterkicken“. Das Spiel ist einfach: Ich kicke Blätter, und Rintrah springt in die Luft, um sie zu fangen. Jeden Morgen auf unserem Spaziergang bin ich vom Kicken erschöpft, bevor er vom Springen und Laufen erschöpft ist. Varianten des Spiels sind „Bachwasser-Kicken“ und „Schnee-Kicken“, die wahrscheinlich keiner weiteren Erklärung bedürfen.

Wenn die Tage kürzer werden, nehmen wir die Sonne nicht mehr so selbstverständlich hin. Da Blätter und Licht für dieses Jahr verblassen, ist es ganz natürlich, dass wir über den Tod um uns herum und den Tod, der uns erwartet, nachdenken – und es wird dich nicht überraschen, dass ich darin Trost und Schönheit finde. Es ist der Tod, der uns umgibt, der uns zum Leben führt.

Ich baue nicht viele Rituale direkt in mein Leben ein. Ich möchte gerne mehr mit Magie zu tun haben, als ich es derzeit tue. In den meisten Jahren bringe ich mich dazu, mit Freunden Kürbisse zu schnitzen. In den meisten Jahren schaffe ich es, ein paar schöne Wanderungen zu machen, während die Blätter noch in der Luft schweben. Ich nehme mir immer etwas Zeit, um mich hinzusetzen und die Blätter zu beobachten. Vor ein paar Jahren haben eine Freundin und ich ein „dumb supper” veranstaltet und beim Abendessen einen Teller für die Toten gedeckt und mit ihnen gesprochen, als wären sie im Raum.

An diesem Abend sprach ich hauptsächlich mit meiner Tante, der Katholikin, die lesbisch war und sich selbst gegenüber nicht offen dazu bekannte. Ich kann nicht behaupten, dass sie ein glückliches Leben geführt hat, und dafür mache ich meistens die Kirche verantwortlich, die ihr beigebracht hat, dass sie nicht sie selbst sein sollte. Als ich an diesem Abend mit ihr sprach, knüpfte ich an das Gespräch an, das wir an ihrem Sterbebett unterbrochen hatten, als sie mir endlich die Fragen stellte, die sie sich aus Angst nicht zu stellen getraut hatte, nämlich die zu meinem Geschlecht.

Nachdem sie gestorben war, erzählte ich ihr von meinem Leben und was ich über ihr Leben dachte und wie ihr Leben und ihr Tod mich verändert hatten. Vielleicht habe ich ihr erzählt, wie ich nach der Beerdigung zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder zur Beichte gegangen bin, in derselben Kirche, in der ich aufgewachsen war. Ich hätte meiner Tante vielleicht erzählt, wie ich den Priester dreißig Minuten lang über Theologie und Sünde ausgefragt habe, bevor ich bereit war, zu beichten. Wie ich ihm gesagt habe, dass ich mich für nichts entschuldigen würde, was mir nicht leid tut. Ich glaube, er dachte, ich meinte damit, dass ich eine Transfrau bin, aber ich meinte all die Ladendiebstähle, die ich in meiner Jugend in Geschäften begangen habe. Das bereue ich nicht. Ich habe nur wegen der Risikoanalyse damit aufgehört. Ich bereute auch nicht, dass ich nicht in die Kirche gegangen bin, dass ich mich nicht an der Hierarchie beteiligt habe, die die Welt gespalten hat, wie es alle Hierarchien tun, egal wie edel die Absichten ihrer Gründer auch sein mögen.

Es gab eine Menge Dinge, die mir nicht leid taten. Aber es gab auch einige Dinge, die mir leid taten, und ich glaube, ich habe meine Tante ein bisschen besser verstanden, indem ich zur Beichte gegangen bin und mit jemandem darüber gesprochen habe, inwiefern ich mein ganzes Leben lang versagt habe, mein bestes Ich zu sein.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich dem Priester erzählt habe, und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich meiner Tante erzählt habe, als ihr Geist auf dem Stuhl saß, vor dem ein Teller mit Ravioli stand.

Das stille Abendmahl war nicht einfach. Es ist nicht leicht, einen leeren Stuhl anzusehen und die Luft darüber wie einen alten Freund anzusprechen. Ich bin froh, dass ich es getan habe, aber es war nicht einfach.

Ich denke, die meisten Zauber, echte Zauber, die einen verwandeln, sind nie einfach.

Genau wie das Ritual, das wir alle irgendwann mal machen werden, das Ritual, das uns vom Leben in den Tod führt. Das wird nicht einfach sein. Es wird schön sein, aber obwohl ich ein Goth bin, misstraue ich der Endgültigkeit, deshalb möchte ich es so viele Jahrzehnte wie möglich hinauszögern.

Ich sage den Leuten, dass ich Magie nicht oft praktiziere, weil ich daran glaube. Warum sollte ich etwas so Mächtiges einfach so in mein Leben integrieren?

Ich denke, Leaf Kick ist nach diesem Maßstab kein Ritual, keine Magie. Leaf Kick ist einfach. Ich trete gegen die Blätter, und der Welpe (der kein Welpe mehr ist) springt in die Luft, schnappt mit dem Maul und ist glücklich.

Hunde zwingen einen, wie der Herbst, sich mit dem Tod und der Verwandlung auseinanderzusetzen, denn ich schwöre, als ich das letzte Mal hinschaute, war mein Hund ein Welpe, und wenn ich blinzele, wird er ein alter Hund sein, und wenn ich noch einmal blinzele, wird er ein weniger diskreter Teil des Universums sein und auf mich warten. Jedes Mal, wenn ich ihn so fröhlich und lebendig sehe, habe ich das Gefühl, ich könnte die Zukunft und die Vergangenheit gleichzeitig sehen. Er ist ein Welpe, ein junger Hund, ein alter Hund und ein Geist zugleich, genau wie wir alle.

Jetzt ist Herbst, weil ich geblinzelt habe und der Sommer vorbei war, und ich werde blinzeln und es wird Winter, Frühling und Sommer. Es werden alle Jahreszeiten auf einmal sein, und wir können jede einzelne genießen, bevor wir wie Blätter von den Bäumen fallen.

Quelle: In Praise of Autumn and Ritual or: Margaret talks about leaves and dogs and ghosts and priests by Margaret Killjoy, 24. September 2025

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


10 Jahre Selbstorganisation, 10 Jahre Unabhängigkeit, 10 Jahre für die Menschen in Stuttgart-Ost: Stadtteilzentrum Gasparitsch

Der Flyer zeigt grafisch aufbereitet die Eckdaten zum Fest
Einladungsflyer (Vorderseite)
Das selbstverwaltete Stuttgarter Stadtteilzentrum Gasparitsch feiert mit einem Straßenfest nicht nur das eigene Jubiläum, sondern vor allem all diejenigen, die das Gasparitsch überhaupt erst möglich machen: die Nachbarschaft und ganz Stuttgart-Ost.

Kommt vorbei und feiern wir gemeinsam die vergangenen und kommenden großartigen Jahre im Stuttgarter Osten!

Samstag, 19. Oktober, 14-22 Uhr (+ Aftershow Party)
Stadtteilzentrum Gasparitsch
Rotenbergstr. 125, U4 Ostendplatz, U9 Raitelsberg (gegenüber der Gaststätte Friedenau)

Hier findet ihr den geplanten groben Ablauf für unser Fest… Es kann aber auch immer zu kleinen und größeren Verschiebungen kommen.

Ablauf

ab 14 Uhr:

  • Kinderprogramm
  • Kaffee & Kuchen
  • kaltes Buffet
  • Quiz
16:00 Uhr: Live-Musik mit Dave Collide (Singer/Songwriter)

ab 18:30 Uhr:
  • warmes leckeres Essen
  • bis 18:30 Uhr: Quizabgabe
ab 19:30 Uhr
  • Quizauflösung
ab 20:15 Uhr
  • Live Musik mit bellalebwohl (kantig, roh & tanzbar)
Mehr Informationen rund um das Stadtteilzentrum.

Rally marking the 10th anniversary In memory of Luke Holland - Kundgebung zum 10. Jahrestag In Erinnerung an Luke Holland

Rally
- Saturday, September 20, 2025, 4:00 p.m.
Luke Holland memorial site Ringbahnstraße corner of Walterstraße (near Neukölln S-Bahn station)


Die Grafik zeigt ein Porträt von Luke Holland über das der Text: "Remembering Luke Holland in Gedenken" steht.
Luke Holland
Luke Holland was only 31 years old. On September 20, 2015, he was murdered in the early morning by a neo-Nazi on the street in Neukölln.

Luke came from Manchester and moved to Berlin in 2014. He was murdered because he spoke English. Shortly before the crime, the murderer complained that “only English and Spanish were spoken” in the bar in front of which he committed the murder. Nazi memorabilia, weapons, ammunition, and explosives were found in his apartment. However, judges and prosecutors still did not want to establish a right-wing motive for the crime.

Luke’s father, Philip Holland, believes that Luke’s murderer also murdered Burak Bektaş in 2012 and that the lack of investigative pressure after Burak’s murder gave him the confidence to kill his son Luke as well. In the parliamentary committee of inquiry into the “Neukölln complex,” he sharply criticized the police investigations.

On the 10th anniversary of Luke’s death, we will gather at the site of his death to commemorate him. Please feel free to bring flowers and candles. No one will be forgotten!


Remembering Luke Holland 
- In Erinnerung an Luke Holland: 10. Jahrestag eines rechten Mordes in Neukölln

Kundgebung 
Samstag, 20. September 2025, 16:00 Uhr
 – Luke Holland Gedenkort Ringbahnstraße Ecke Walterstraße (Nähe S-Bahnhof Neukölln) Berlin


Luke Holland wurde nur 31 Jahre alt. Denn am 20. September 2015 wurde er am frühen Morgen von einem Neonazi auf offener Straße in Neukölln ermordet.

Luke kam aus Manchester und zog 2014 nach Berlin. Er wurde ermordet, weil er Englisch sprach. Kurz vor der Tat beschwerte sich der Mörder darüber, dass in der Bar, vor der er den Mord beging, „nur noch Englisch und Spanisch gesprochen“ werde. In seiner Wohnung wurden zahlreiche Nazi-Devotionalien, Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. Ein rechtes Tatmotiv wollten Richter und Staatsanwälte aber trotzdem nicht feststellen.

Lukes Vater Philip Holland geht davon aus, dass Lukes Mörder 2012 auch Burak Bektaş ermordet hat und der fehlende Ermittlungsdruck nach dem Mord an Burak dem Verdächtigen das Selbstvertrauen gegeben hat, auch seinen Sohn Luke umzubringen. Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum „Neukölln-Komplex“ kritisierte er die polizeilichen Ermittlungen scharf.

An Lukes 10. Todestag kommen wir an der Todesstelle zusammen, um ihm zu gedenken. Bringt gerne Blumen und Kerzen mit. Niemand wird vergessen!

[Trailer zur Kundgebung bei archive.org / Youtube]

Quelle: Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş