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»Schwindler machen immer viel Aufhebens und Lärm, und gewisse einfältige Leute halten das für Energie.« Wladimir Iljitsch Uljanow aka Lenin

Mit Hand und Fuß oder: Bei einem Computerjob brauchst Du körperlich anstrengende Hobbys

Dieses Essay baut auf meinem Essay „The Punk Rock Good Life“ auf. (Zur deutschen Übersetzung hier entlang) 

Die Hausbesetzer in Amsterdam waren nicht gerade begeistert von mir.

Gebäude „Kosmos“, Koningsplein 1,  in Amsterdam. An der Ecke von Koningsplein und Singel 1890–1891 errichtetes GESCHÄFTSGEBÄUDE mit BÜROS und einer KONCIERGEWOHNUNG nach einem Entwurf im Neobarockstil von Th.G. Schill und D.H. Haverkamp im Auftrag der Direktoren der Versicherungsbank „Kosmos“. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss, die Büros – der Versicherungsbank „Kosmos“ selbst – waren im ersten und zweiten Stock untergebracht und die Hausmeisterwohnung befand sich im dritten Stock.

Das besetzte Kosmos in Amsterdam

Foto: Bas Koffie

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Räumungswelle stand bevor – die Hausbesetzer in Amsterdam leisteten immer so heftigen Widerstand, dass die Polizei aus dem ganzen Land anrücken musste, um auch nur eine einzige besetzte Wohnung zu räumen; daher wurden mehrmals im Jahr mehrere besetzte Wohnungen an einem einzigen Tag geräumt. Die Räumungswelle stand bevor, und die Hausbesetzer machten sich bereit.

Wenn du nicht sofort auf der Seite der Hausbesetzer stehst, dann lass mich dir Folgendes sagen: In den 1980er Jahren hatte die Immobilienspekulation ein Drittel von Amsterdam leer stehen lassen, während die Menschen dringend Wohnraum brauchten; also begannen Hausbesetzer, leerstehende Gebäude zu nutzen, um sich selbst und andere unterzubringen. Niederländische Hausbesetzer waren stolz darauf, ihre Räume zu verschönern, statt nur in Elend zu leben, und ich habe noch nie eine Gemeinschaft von Menschen getroffen, die sich so sehr für die Eigenreparatur von Wohnungen engagierte und dazu fähig war.

Sogar die Regierung stimmte zu, dass die Hausbesetzung ein gesellschaftliches Gut war, und jahrzehntelang war es legal, jedes Gebäude zu besetzen, das seit mehr als einem Jahr leer stand und für das der Eigentümer keine Pläne hatte.

Aber die Regierung tat das nicht aus reiner Herzensgüte. Die Hausbesetzungen kamen zuerst, und die Regierung eilte hinterher. (So laufen übrigens alle gesellschaftlichen Veränderungen ab.) Selbst in einer Zeit legaler Hausbesetzungen wussten die Hausbesetzer, dass sie ihre Gebäude verteidigen mussten. Würden Räumungen jemals einfach werden, wäre es mit den Hausbesetzungen vorbei.

Jede Räumung war also ein wildes Spektakel aus Farbbomben (von den Hausbesetzern) und Wasserwerfern sowie Tränengas (von der Polizei). Die Leute erzählten mir Geschichten von Farbbomben-Katapulten auf den Dächern. Die Leute erzählten mir Geschichten davon, wie die Polizei einmal den Haupteingang aufgab, einen Schiffscontainer mit Polizisten füllte und ihn mit einem Kran hochhob, um im dritten Stock einzubrechen – nur damit die Hausbesetzer den Container mit einer langen Holzstange im Kreis herumwirbelten.

Übrigens stellten sie ihre Farbbomben so her, dass sie Luftballons in Wachs tauchten, sie dann entleerten, um eine hohle Hülle zu erhalten, die sie mit Farbe füllten und anschließend mit mehr Wachs versiegelten. Falls du neugierig warst.

Die Leute hatten mir eine wilde Geschichte nach der anderen erzählt – von versteckten, federbetätigten Falltüren, von leeren Bierfässern, die bereitstanden, um das Treppenhaus hinunterzufallen, von den Home Alone-Streichen, die ihre Lebensweise bewahrten und Immobilienjäger davon abhielten, ihre Stadt erneut zu zerstören. Sie erzählten mir diese Geschichten und waren ziemlich enttäuscht von mir, als wir uns auf die Räumungswelle vorbereiteten und ich erklärte, dass ich so gut wie keine handwerklichen Fähigkeiten hatte. Vor allem wusste ich nicht, wie man schweißt. Was für ein Mensch weiß denn nicht, wie man schweißt, fragten sie sich.

Leute wie ich, lautete die Antwort. Ein amerikanischer Kunsthochschulabbrecher, der Fotografie studiert hatte. Ich wusste nicht, wie man schweißt.

Mein Vater war tatsächlich eine Zeit lang professioneller Schweißer gewesen, und ich hatte als kleines Kind ein- oder zweimal in unserer Garage mit dem Lichtbogen geschweißt, aber es war ein kniffliger Vorgang, und aus welchem Grund auch immer war ich nicht von Natur aus mit handwerklichem Geschick (oder, was noch wichtiger ist, mit Liebe zum Detail) gesegnet, also blieb es nicht dabei. Na ja, eigentlich blieb es mir viel zu sehr im Gedächtnis. Das ist ein Witz über das Lichtbogenschweißen … Lichtbogenschweißen ist ein kniffliger Vorgang: Wenn man zu wenig Druck ausübt, entsteht keine Schweißnaht, und wenn man zu viel Druck ausübt, schweißt man den Schweißstab mit dem Werkstück zusammen.

An der Kunsthochschule fragte mich mein Bildhauerlehrer: „Du warst doch der Junge, der nicht entlang der gepunkteten Linien schneiden konnte, oder?“ Was stimmte. Später nahm mich mein Zeichenlehrer beiseite und sagte mir:

„Es ist keine Schande, abzubrechen, wenn die Kunsthochschule nichts für dich ist.“

Also nein, die niederländischen Hausbesetzer waren von mir genauso wenig beeindruckt wie mein Zeichenlehrer damals.

Zehn Jahre später baute ich mir eine Hütte und lebte darin. Heutzutage verbringe ich den Großteil meiner Freizeit damit, Dinge zu basteln. Zum Schweißen bin ich noch nicht zurückgekehrt, aber es steht auf meiner Liste und ich glaube, ich werde es lernen können. Als Kind spielten sich die meisten meiner Hobbys am Computer ab. Videospiele, digitale Kunst. Computer reparieren. Spiele mit einfachen Programmierprogrammen wie ZZT entwickeln. Schreckliche Cyberpunk-Geschichten über einsame, introvertierte Teenager schreiben. Layout – ich war der Designer für das Jahrbuch meiner Schule und, falls es dich interessiert, habe ich meinen Abschluss als Chefredakteur sowohl des Jahrbuchs als auch der Literaturzeitschrift gemacht.


Es wird dich nicht überraschen, dass ich nicht besonders sportbegeistert war. Ich bin viel mit dem Fahrrad herumgefahren, da ich kein Auto hatte, aber alles, was ich zum Spaß gemacht habe, hatte mit einer Tastatur und einem Bildschirm zu tun. (Ich bin unendlich dankbar, dass ich vor der Zeit der Smartphones und vor World of Warcraft aufgewachsen bin).

Ein paar Jahre, nachdem ich das College abgebrochen hatte und per Anhalter herumgereist war, besorgte ich mir einen Laptop, den ich mitnehmen konnte. Ich reiste mit einem großen Wanderrucksack, einer Ziehharmonika in einem schweren Holzkasten und einer Laptoptasche. Ich war nicht gerade ein Ultraleicht-Wanderer. Aber ich habe diesen Laptop gut genutzt. Ich betrieb anarchistische Websites. Ich betrieb einen Zine-Vertrieb, der noch heute existiert. Ich schrieb furchtbare Cyberpunk-Geschichten über einsame, introvertierte Twens. Ich machte Musik. Während des halben Jahres, das ich in Amsterdam lebte, nahm ich ein ganzes furchtbares Industrial-Album auf. Ich half beim Layout eines Hausbesetzer-Magazins und lernte dabei von einer Österreicherin Punk-Grafikdesign. Ich tat all die Dinge, die schon bald zu meinem Lebensunterhalt wurden (ich gestaltete Buchinnengestaltung und E-Books für AK Press – das war etwa ein Jahrzehnt lang meine Haupteinnahmequelle).

Aber ich habe auch schon früh eine Entscheidung getroffen, für die ich jeden Tag dankbar bin. Ich beschloss, dass, da ich am Computer arbeitete, alle meine neuen Hobbys körperlich sein mussten.

Deshalb habe ich nie 3D-Design gelernt. Deshalb programmiere ich nicht. Deshalb habe ich nie einen dieser RPG-Generatoren benutzt, um zu versuchen, mein eigenes Videospiel zu entwickeln. Ich habe nichts gegen diese Dinge. Ich habe mich in all das mal reingeschnuppert, und ich glaube, es würde mir sowieso leichter fallen als körperliche Hobbys, aber ich darf es einfach nicht.

Stattdessen arbeite ich mit Holz. Ich spiele Instrumente (schlecht, aber es macht mir Spaß). Eine Hütte zu bauen oder einen Schuppen zu dämmen, ist für mich das, was Spaß macht. Ich kann einen Baum fällen, wenn es keine allzu knifflige Aufgabe ist. Mit Gleichstromsystemen komme ich ganz passabel zurecht. (Dass ich früher ein Computerfreak war, zeigt sich, wenn es darum geht, ein Auto zu reparieren – ich bin besser in der Elektrik als in der Mechanik, ganz anders als alle anderen, die ich kenne).

Ich bin in all dem nicht von Natur aus begabt. Ich verbringe Stunden damit, über Ampere, Watt und Volt zu lesen, über Holzarten und darüber, wie man ein Fenster abdichtet. Mein YouTube-Algorithmus ist ein Chaos, aber er weiß, dass ich tatsächlich einschlafen möchte, während ich mir ein Video anschaue, in dem jemand einen Keller ausbaut oder darüber spricht, welche Ausrüstung er mitgebracht hat, um den Pacific Crest Trail zu wandern.


In Asheville, North Carolina, gibt es eine Reihe von genossenschaftlich geführten Wohnwagenparks. Sie gehören den Bewohnern selbst, werden aber von einer Gruppe namens Poder Emma organisiert („Emma“ ist der Name des ländlichen Viertels, daher bedeutet der Name auf Spanisch „Power Emma“). Die Finanzierung erfolgte über Seed Commons. Ich halte Poder Emma und Seed Commons für zwei der wichtigsten Bausteine einer revolutionären Infrastruktur in diesem Land, und so sehr ich das Hausbesetzen auch geliebt habe, finde ich genossenschaftliches Eigentum noch besser.

Eines Tages gab es eine Arbeitsaktion in einem dieser Wohnwagenparks. Jemand entkernte gerade seinen Wohnwagen, um ihn neu aufzubauen, also tauchten ein paar Dutzend von uns auf, um zu helfen. Ich brachte meinen Pick-up mit, um Müll abtransportieren zu können, und bekam Komplimente dafür. „Der war nicht billig“, gab ich zu. (Ich hatte mir einen Kredit für einen gebrauchten Pick-up aufgenommen, kaum dass ich meinen ersten festen Job bekommen hatte, bei dem ich Computerarbeit für Seed Commons erledigte) .

„Na ja, wenn du ihn für die Arbeit brauchst, dann brauchst du ihn eben für die Arbeit“, antwortete jemand.

Ich musste ihnen gestehen, dass ich am Computer arbeitete. Aber ich kam mir kein bisschen wie ein Angeber vor, weil ich diesen Tundra hatte – ich lebte autark in einer Hütte, die ich selbst gebaut hatte, und ich hatte mir den Pick-up zugelegt, weil ich es satt hatte, mir Fahrzeuge auszuleihen oder zu versuchen, Bauholz aus dem Fenster meines winzigen Hybrid-Sedans zu quetschen. Ich habe diesen Pick-up benutzt, um Kies zu transportieren, ich habe ihn benutzt, um einen Holzhäcksler abzuschleppen, und ich habe ihn benutzt, um mit meinem Hund und einem Bett im Laderaum durch das Land zu reisen.

Dieser Moment in diesem Wohnwagenpark war für mich irgendwie sehr bedeutsam, weil er mein gespaltenes Leben deutlich machte. Ja, ich verdiente meinen Lebensunterhalt am Computer (indem ich Förderanträge schrieb, die zur Finanzierung von Gemeinschaftsprojekten beitrugen), aber ich hatte mir tatsächlich ein Leben aufgebaut, das auch meinen Körper und meine Hände einbezog. Es ist kein Arbeits-Truck, aber auch kein „Asphaltprinz“.

Auch wenn der Großteil der Umbauten, die ich selbst daran vorgenommen habe, elektrischer Natur ist. Wie die violetten Lichter im Fußraum und die USB-Steckdose. Genau wie in meiner alten Hütte habe ich bei der Solaranlage und dem Mobilfunk-Signalverstärker bessere Arbeit geleistet als bei der Verkleidung und dem Anstrich.

Denn wenn man ein „Innenkind“ nach draußen schickt, wird es Kabel verlegen.

Und das ist in Ordnung.


Hausbesetzen nach niederländischer Art (wo man den Ort aufwertet, anstatt ihn herunterzukommen) hat unglaublich viel mit Eigentum (vor allem genossenschaftlichem Eigentum) gemeinsam. Bei beidem geht es darum, Verantwortung für deinen Raum zu übernehmen.

Eine Welt voller Vermieter und Mietwohnungen ist aus tausend Gründen schrecklich. Vor allem wegen der Tatsache, dass Vermieter ihren Mietern Reichtum abziehen. Aber auch, ähnlich wie bei der Arbeit an nicht-genossenschaftlichen Arbeitsplätzen, lehrt dich das Mieten nicht, Verantwortung für deinen Raum zu übernehmen.

Ich habe nur etwa ein halbes Jahr in Amsterdam verbracht, aber es war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Und eine Erkenntnis, die ich daraus mitgenommen habe, war, dass man auch für vorübergehende Räume Verantwortung übernimmt. Wo auch immer du lebst, solltest du diesen Raum verbessern. Zwei spanische Lesben wohnten weniger als zwei Wochen in unserem besetzten Haus und bauten dort ein Hochbett, wobei sie dicke Ankerbolzen ins Mauerwerk schraubten. Als sie gingen, zog ich in dieses Zimmer ein, und ihre Verbesserungen hielten jahrelang – bis die Polizei die Tür aufbrach und alle mit vorgehaltener Waffe hinaustrieb, auf Geheiß des inhaftierten Mafiabosses, dem das Gebäude gehörte.

Die Gesellschaft beraubt uns unseres Verantwortungsbewusstseins, und indem wir Verantwortung für unsere Umgebung und unsere Gemeinschaften übernehmen, gewinnen wir unsere Freiheit und unsere Würde zurück.


Manchmal denke ich, der Höhepunkt meines Lebens war, bevor ich diesen Job bei Seed Commons antrat: Ich saß auf der Veranda meiner selbstgebauten Hütte, schnitzte Löffel mit einem Hakenmesser und hörte dabei Hörbücher. Ich war unglücklich und pleite, es herrschte Pandemie und ich war einsam, aber ich habe auch jede Menge Löffel geschnitzt und vermisse das.

Und wenn ich jemals zurückkehren würde, könnte ich ein uraltes holländisches Haus viel besser gegen die Polizei verbarrikadieren. Obwohl ich wahrscheinlich immer noch jemanden bräuchte, der mir das Schweißen beibringt.

Quelle: „With Our Hands and Our Bodies or: if you work on a computer for a living, do physical hobbies“ von Margaret Killjoy, 08. Juli 2026

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Buchvorstellung & Diskussion: »Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft«

Das Buchcover zeigt neben Angaben zum Titel und Autoren eine Erdkugel als Fußball

Ein Fest der Völkerfreundschaft, die Aussicht auf eine Welt von morgen: Die Verheißungen der Fußball-WM finden sich etwa in Uruguay 1930 oder Südafrika 2010. Mitunter spiegeln sie sich auch auf dem Rasen – etwa in Mexiko 1970 und ’86.

Doch schon oft wurde das Turnier auch zur Bühne weltpolitischer Zerwürfnisse: 1934 im Italien Mussolinis; 1938 im linksregierten Frankreich, als die „großdeutsche“ Elf mit Hitlergruß auflief; 1966 beim geschlossenen Boykott afrikanischer Mannschaften; oder 1978 im Argentinien einer Militärdiktatur.

Mit dem Ende des Kalten Krieges war auch die FIFA im Goldrausch. Bald mit von der Partie: Katar und Saudi-Arabien. Und die WMs in Nordamerika 1994 und 2026? US-geführte Kriege, ein dramatischer Rechtsrutsch: Bleibt die Friedensfrage beim „Völkerfest“ WM virulent? Ist die massive Ausweitung des Teilnehmerfelds, so sehr sie auch kommerziell getrieben ist, auch Ausdruck einer entstehenden multipolaren Weltordnung?

Buchvorstellung und Diskussion mit Co-Autor Carlos Gomes

Freitag 12. Juni um 20 Uhr

Buchladen Schwarze Risse
Gneisenaustr. 2a
2. Hinterhof
Metro-Station Mehringdamm
Eintritt: frei!

Buchladen Schwarze Risse

Wer kennt schon MKULTRA?

Das Foto zeigt einen Menschen in einem ABC Schutzanzug, der einen Kaninchenkäfig trägt. Darin sitzt ein Kaninchen zur Überprüfung auf Undichtigkeiten in einer Sarin-Nervengas-Produktionsanlage im Rocky Mountain Arsenal, Commerce City, Colorado, 20. März 1970
Kaninchen zur Überprüfung auf Undichtigkeiten in einer Sarin-Nervengas-Produktionsanlage im Rocky Mountain Arsenal, Commerce City, Colorado, 20. März 1970
Es hört sich an wie die schönste Verschwörungstheorie, ist aber weit davon entfernt, sondern im Gegenteil von verschiedenstens Seiten wissenschaftlich dokumentiert, vom US-Kongress und verschiedenen Untersuchungsausschüssen von allen Seiten beleuchtet, verurteilt und verdammt:

Wissenschaftler füllten heute vor sechzig Jahren Glühbirnen mit Bacillus-globigii-Bakterien aka "BG" und heute als Bacillus atrophaeus geläufig und zerschlugen sie anschließend auf den Gleisen der New Yorker U-Bahn. Die Bakterien verbreiteten sich kilometerweit im gesamten U-Bahn-Netz, wurden von Tausenden von Zivilisten eingeatmet und setzten sich auf deren Kleidung ab. Bis zum 10. Juni waren 1 Million New Yorker dem Bakterium ausgesetzt. Dies war nur eines von vielen Experimenten zur biologischen und chemischen Kriegsführung, die an US-Zivilisten durchgeführt wurden. Natürlich gab es Tausende von US-Soldaten, Gefangenen, Zivilisten und Indigenen, die während Atomwaffentests absichtlich und/oder versehentlich Strahlung ausgesetzt waren und im Rahmen des MKULTRA-Programms unwissentlich starken psychedelischen Drogen ausgesetzt wurden.

Das US-amerikanische Programm für biologische Versuche begann offiziell 1943 mit der Gründung der U.S. Army Biological Warfare Laboratories in Camp Detrick (heute Fort Detrick) in Frederick, Maryland. Die Regierung begann mit der Bevorratung von Bacillus anthracis (Anthrax), Francisella tularensis (Tularämie), Brucella spp. (Brucellose), Coxiella burnetii (Q-Fieber), das venezolanische Pferdeenzephalitis-Virus, Botulinumtoxin (Botulismus) und Staphylokokken-Enterotoxin B. Allerdings hatte die Regierung bereits während des Ersten Weltkriegs Ricin getestet.

1950 führte die US-Marine vor der Küste von San Francisco die Operation Sea-Spray durch, bei der zwei Bakterienarten, Bacillus globigii und Serratia marcescens, in die Luft versprüht wurden. Elf Menschen wurden nach dem Test in San Francisco mit schweren bakteriellen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert. Fast jeder Einwohner der Stadt war dem Erreger ausgesetzt gewesen. Einer von ihnen starb. 1951 wurden im Norfolk Naval Supply Center in Virginia Tests durchgeführt, bei denen Pilzsporen unter der überwiegend afroamerikanischen Belegschaft verteilt wurden, um die rassistische Theorie zu überprüfen, dass Schwarze anfälliger für Pilzerkrankungen seien als Weiße. Ebenfalls in den 1950er Jahren wurde Zinkcadmiumsulfid per Flugzeug über eine Reihe von Städten, darunter St. Louis und Minneapolis, versprüht. Ebenfalls in den 1950er Jahren wurden mehrere Journalisten wegen Aufruhrs vor Gericht gestellt, weil sie berichtet hatten, dass die USA während des Koreakriegs biologische Waffen eingesetzt hatten. Im Rahmen der Operation Whitecoat (1954–1973) wurden freiwillige Siebenten-Tags-Adventisten der Tularämie ausgesetzt.

Die Freilandversuche wurden bis in die 1960er Jahre fortgesetzt. 1965 verbreiteten sie Bakterien im gesamten Washingtoner National Airport, und 1966 führten sie einen Test in der New Yorker U-Bahn durch. Präsident Nixon soll 1969 dem offensiven Biowaffenprogramm der Vereinigten Staaten ein Ende gesetzt haben. Biowaffen sind gemäß den Genfer Protokollen von 1925 verboten, die die USA jedoch erst 1975 ratifizierten – im selben Jahr, in dem sie auch die Biowaffenkonvention ratifizierten.

Die Existenz solcher Programme ist hierzulande eher politisch und geschichtlich interessierten Menschen bekannt und erreichte das Bewußtsein eher im kulturellen Bereich: Ken Kesey verarbeitete seine Erfahrungen als Testperson in dem 1962 erschienenen Buch Einer flog über das Kuckucksnest, das 1975 unter demselben Namen verfilmt wurde. Der 2003 veröffentlichte Roman Shutter Island von Dennis Lehane thematisiert ebenfalls Menschenversuche in den Vereinigten Staaten dieser Zeit und wurde 2010 verfilmt. Die 2017 erschienene Serie Wormwood beschäftigt sich mit den Todesumständen von Frank Olson. Stephen Kings Roman Feuerkind von 1980 thematisiert ebenfalls als harmlose Medikamentenstudien getarnte Menschenversuche mit starken Halluzinogenen durch einen Geheimdienst ähnlich der CIA, wodurch zwei Probanden übersinnliche Fähigkeiten entwickeln und diese auch (in Form von Pyrokinese) an ihre Tochter vererben.

Über MKULTRA entstanden die Dokumentationen von Stefan Albrecht und Johannes Schäfer Die Dressierten Killer (4. August 2002/ZDF) sowie Deckname Artischocke von Egmont R. Koch und Michael Wech (12. August 2002/ARD) und eine Reihe von Spielfilmen, darunter Fletcher’s Visionen (1997), Experiment Killing Room (2009) und American Ultra (2015). Auch die TV-Serie Stranger Things nimmt auf das MKULTRA-Programm Bezug.


MKULTRA ist allerdings nicht das einzige derartig menschenverachtende Programm. So existierte bekanntlich mit COINTELPRO und dem ähnelnde Programme wie Operation CHAOS aber auch die anderen (selbstredend "rechtswidrigen") CIA Programme HTLINGUAL (HGLINGUAL), Project 2, Project MERRIMAC, Project RESISTANCE, Domestic Contact Service etc. bis hin zum inflationären Einsatz von Heroin und anderen Drogen zur Heroin gezielt gegen die die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Zerstörung des afroamerikanischen Widerstandes beispielsweise der Black Panther Party (BPP).

Aber das ist eine andere Geschichte...

Quelle: Mike Dunn, WikiPedia, eigene Ergänzungen


Berlin: Protest gegen Tag der Immobilienwirtschaft

Das Foto von © neukoellnbild zeigt mehrere Personen an einem Transparent mit dem Text: "Stop - Wohnen darf keine Ware sein!" Eine Person trägt eine Papptafel mit dem Text "Unser Zuhause ist nicht Euer (Bild eines Scheißhaufens) Eigentum". Eine weitere Person trägt eine Plakattafel mit dem Mobiplakat zur Demo am 5.9.
Foto: © neukoellnbild via Umbruch Bildarchiv
Am 19. Mai traf sich die Immobilienlobby im Berliner Admiralspalast zum sogenannten „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Der ZIA steht dabei exemplarisch für eine Branche, die wie keine andere für steigende Mieten, Verdrängung und Gentrifizierung steht und sich frecherweise zugleich als Teil der Lösung inszeniert.  Während drinnen Vertreter*innen von Konzernen, Fonds und Politik über den Wohnungsmarkt diskutierten, demonstrierten vor dem Admiralpalast Aktivist*innen vom Bündnis gegen Mietenwahnsinn und anderen stadtpolitischen Gruppen. Der Protest ist Teil der Mobilisierung für eine große Demo vor den Wahlen am 5. September unter dem Motto: Her mit den Wohnungen – runter mit den Mieten.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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