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»Das sind meine Prinzipien, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.« Julius Henry "Groucho" Marx

Majestätsbeleidigung

Eine Toilettenbürste, bestehend aus einer Trump Figur und orangefarbenen Borsten
Jeder Mensch, und sei er noch so schlecht, ist für irgendetwas gut.

k9 » größenwahn » politischer fiimabend: „Der Austausch“- Die Entführung des Peter Lorenz

Der Flyer zum Filmabend zeigt das bekannte Foto von Peter Lorenz als Gefangener der Bewegung 2. Juni sowie die Eckdaten zum Filmabend aus dem Beitragstext
Flyer zum Film
Dies war die erste und einzige Entführung eines Politikers in der BRD, die die Freilassung gefangener Genoss:innen revolutionär durchsetzte.

Am 27. Februar 1975 entführt ein Kommando der Bewegung 2. Juni im Westberliner Wahlkampf den Spitzenkandidaten der CDU Peter Lorenz der 5-einhalb Tage im „Volksgefängnis“ verbringt. Im Austausch mit Lorenz werden die fünf BRD Guerilla-Gefangenen Ina Siepmann, Rolf Heißler, Rolf Pohle, Gabi Kröcher-Tiedemann, Verena Becker, begleitet von Pfarrer Heinrich Albertz in die Volksrepublik Südjemen ausgeflogen, und sie werden dort aufgenommen, sowie zwei nach dem Tod von Holger Meins inhaftierte Demonstranten, befreit.

Die damaligen Aktivisten Ralf Reinders, Klaus Viehmann u.a. sind heute hier, fragt sie.

„Wir begreifen unseren Kampf als Teil des allgemeinen Widerstandes. Stadtguerilla bedeutet Phantasie und Tatkraft; Fähigkeiten, die das Volk besitzt. Auch wir sind listig, das heißt wir schlagen nicht wild um uns, sondern schätzen unsere Möglichkeiten realistisch ein, um dann zu handeln. Wir lernen aus der Praxis. Nur deshalb ist die Lorenzentführung eine „perfekte“ Aktion gewesen. Wir sind keine Phantome u. auch nicht „krankhaft genial“, wie Parteien, Presse und Polizei, sich und der Bevölkerung einreden wollen um ihre eigene Erbärmlichkeit zu bemänteln.

Wir haben erkannt, dass man zusammenhalten, sich organisieren muss, wenn man was erreichen will. Zuerst ist man allein und daher kann man auch nicht viel machen, aber das heißt nicht resignieren, sondern sich umschauen nach Leuten, die auch so denken u. was verändem wollen. Davon gibt es Zigtausende. Und dann zusammen beginnen, aus eigenen Fehlern lernen, sich aber nicht entmutigen lassen, auch wenn es zunächst und oft aussichtslos erscheint...“

Das waren Ausschnitte aus: Die Entführung aus unserer Sicht, März 1975 - Die Zeitung von der Bewegung 2. Juni, die gleich 20 Tage nach der Entführung 30 000 mal in Westberlin verteilt wurde.

Aus dem Schlußwort von Klaus Viehmann - Oktober 1981:

"Ich will mich hier weder als juristischer Kaffeesatzleser betätigen, noch will ich in die Mottenkiste vergangener glorreicher oder auch finsterer Tage greifen.
Schließlich ist es unser Bestreben immer nach vorne zu gehen und nicht der Vergangenheit hinterher zuheulen.

Die grundsätzlichen Fragen sind dabei immer die Gleichen: Wo stehen wir jetzt? Was wollen wir erreichen? Wer ist unser Feind? Wie — und mit wem zusammen - kämpfen wir, um ans Ziel zu kommen?

Wenn die neuen Feuer unter den Sesseln der Herrschenden nicht nur ein Strohfeuer sein sollen, müssen wir sowohl aus dem Vergangenen lernen, als auch einen Blick in das Bevorstehende bekommen. Deshalb müssen alle versuchen über ihre
unmittelbare Umgebung hinauszusehen.

Alle müssen dahin kommen, sich selbst wieder als Teil des Ganzen zu sehen, der gesamten Linken und ihrer Bündnispartner und nicht das Ganze nur als Teile. Eine Frage, die bei den kommenden Kämpfen sicher eine Rolle spielen wird, ist
die nach der Anwendung von Gewalt von unserer Seite aus - die andere Seite diskutiert ja nicht mal über Gewalt.

Die Methoden unseres Kampfes müssen wir moralisch wie politisch selber festlegen, niemand anders.

Linke Politik machen, heißt gegen die Massenloyalität zu kämpfen, u. das falsche Bewusstsein in den Köpfen der Menschen zerstören, wonach ‚alle in einem Boot‘ sitzen würden.

Revolutionäre Praxis ist immer konkret, das heißt, sie bestimmt sich immer an den jeweiligen Gegebenheiten und Bedingungen des Kampfes. Internationalismus ist ein Schnittpunkt vieler Widerstandslinien, aber es ist nicht möglich, aus dieser abstrakten Kategorie die jeweils notwendige Strategie und Taktik abzuleiten.

Die Wege zur Revolution verlaufen je nach Geschichte, Kultur, politischer und ökonomischer Entwicklung eines jeden Landes unterschiedlich. Praxis entsteht vom Konkreten ausgehend hin zum allgemeinen, vom Nationalen hin zum Internationalen: Revolutionen lassen sich zwar von außen unterstützen, aber niemals fernsteuern oder schlicht vereinheitlichen. Ein Versuch in dieser Richtung würde den historischen Prozess von den Füssen auf den Kopf stellen:"

Sonntag 2. März 2025 19:00 Uhr

combatiente zeigt geschichtsbewußt: revolucion muß sein! filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen

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Vergesst Trump – Netanjahus Zustimmung zu einem Waffenstillstand war seine eigene Berechnung

In Israel ist der Krieg in Gaza zu einer Belastung für die Regierung, das Militär und die Gesellschaft insgesamt geworden. Trump lieferte Netanjahu nur einen Vorwand, um seine Verluste zu begrenzen.

Fast unmittelbar nach der Bekanntgabe, dass Israel und die Hamas einem Waffenstillstand in Gaza zugestimmt hatten, zeichnete sich in den internationalen und den israelischen Medien ein Konsens ab: Druck und Drohungen des designierten Präsidenten Donald Trump haben den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu dazu gebracht, endlich einem Abkommen zuzustimmen, das bereits seit Mai 2024 auf dem Tisch lag. Die Geschichte über Steven Witkoff, Trumps Gesandten für den Nahen Osten, der am Samstagmorgen in Jerusalem eintraf und Netanjahu mitteilte, dass er nicht bis zum Ende des Sabbats warten wolle, um mit ihm zu sprechen, wird schnell zur Legende.

Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu reichen sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz am 15. Febrtuar 2017 im East Room des Weißen Hauses die Hand.
Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu reichen sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz am 15. Febrtuar 2017 im East Room des Weißen Hauses die Hand.
Foto: U.S. Department of State
„Es gäbe kein Abkommen, wenn der große und mächtige Donald Trump nicht Netanyahus Hand genommen, sie hinter seinem Rücken gebeugt, dann noch ein wenig mehr gebeugt, dann noch ein wenig mehr gebeugt, dann seinen Kopf auf den Tisch gedrückt und ihm dann ins Ohr geflüstert hätte, dass er ihm gleich in die Eier treten würde“, twitterte der Haaretz-Journalist Chaim Levinson am Mittwoch und fasste damit die allgemeine Stimmung zusammen. “Es ist eine Schande, dass Biden das nicht schon vor langer Zeit erkannt hat.“

Wir wissen nicht genau, was während des Gesprächs zwischen Witkoff und Netanjahu gesagt wurde. Es ist möglich, dass Trump Netanjahu bedroht hat und dass der israelische Premierminister den Zorn des designierten Präsidenten fürchtete. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass eine andere Dynamik im Spiel ist. In Wirklichkeit scheint die Entscheidung, das Waffenstillstandsabkommen zu akzeptieren, weniger mit Trump zu tun zu haben als mit der sich wandelnden Wahrnehmung des Krieges innerhalb Israels.

Gehen wir zurück: Unmittelbar nach seiner Rückkehr von seinem ersten Besuch in Israel nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober warnte Präsident Biden Israel davor, Gaza erneut zu besetzen. Er sagte auch, er sei überzeugt, dass „Israel alles in seiner Macht Stehende tun wird, um die Tötung unschuldiger Zivilisten zu vermeiden“, und dass er zuversichtlich sei, dass die Bevölkerung des Gazastreifens Zugang zu Medikamenten, Nahrungsmitteln und Wasser haben werde. Biden warnte außerdem Israel davor, die Fehler zu wiederholen, die die Vereinigten Staaten nach dem 11. September begangen hatten, und sich nicht vom Wunsch nach „Gerechtigkeit“ leiten zu lassen. Netanjahu hörte sich das alles an und tat dann das Gegenteil.

Während des gesamten Krieges ignorierte Israel kurzerhand die amerikanischen Warnungen, selbst wenn sie mit ausdrücklichen Drohungen verbunden waren, Waffenlieferungen einzustellen – wie vor der israelischen Invasion in Rafah im vergangenen Mai und als Israel in den letzten Monaten den Norden des Gazastreifens aushungerte. Und obwohl es möglich ist, dass Trump Netanjahu mehr Angst einjagt als Biden, müssen wir uns fragen: Wenn Netanjahu sich geweigert hätte, dem Abkommen jetzt zuzustimmen, hätte Trump dann die Waffenlieferungen an Israel gestoppt oder das Veto der USA gegen antiisraelische Resolutionen bei den Vereinten Nationen aufgehoben?

Trumps Kandidat für den Posten des US-Botschafters in Israel, Mike Huckabee, unterstützt den territorialen Maximalismus der israelischen Rechtsextremen und glaubt nicht an das Wort „Besatzung“. Würde die Trump-Regierung wirklich etwas tun, was noch keine amerikanische Regierung zuvor getan hat? Obwohl Trumps Druck zweifellos erheblich ist, sollten wir uns ansehen, was in Israel vor sich geht.

Wie ich vor weniger als zwei Monaten, kurz vor dem Waffenstillstand im Libanon, vorhergesagt habe: „Die Beendigung des Krieges im Norden wird die Aufmerksamkeit der israelischen Öffentlichkeit unweigerlich wieder auf den Krieg im Gazastreifen lenken, und es werden erneut Fragen über die Durchführbarkeit seiner Fortsetzung aufkommen. Selbst wenn Trump grünes Licht für die Fortsetzung der ethnischen Säuberung in Gaza gibt, ist es nicht sicher, dass dies ausreicht, um die israelische Öffentlichkeit zu überzeugen. Unabhängig davon, ob Israel dies beabsichtigt oder nicht, könnte die Beendigung des Krieges im Libanon das Ende des Krieges in Gaza beschleunigen.“ Meiner Meinung nach ist genau das eingetreten.

Einige werden argumentieren, dass die Vereinbarung das Ergebnis einer veränderten Denkweise der Hamas war, nachdem sie nach der Entscheidung der Hisbollah, das Feuer einzustellen, und dem Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien mit der israelischen Kriegsmaschinerie allein gelassen wurde. Aber wenn die Hamas jemals geglaubt hat (und es ist fraglich, ob sie das wirklich getan hat), dass die Drohung einer Verschärfung der Angriffe der Hisbollah Israel davon abhalten würde, in Gaza zu tun, was immer es wollte, hat die Invasion von Rafah wahrscheinlich das Gegenteil bewiesen. Außerdem stand das Assad-Regime der Hamas feindlich gegenüber, und das neue Regime in Syrien könnte tatsächlich wohlwollender sein – wie der jüngste Besuch des katarischen Premierministers in Damaskus vermuten lässt.

Es gibt keinen Grund, an der Behauptung von National Security Minister Itamar Ben Gvir zu zweifeln, dass der politische Druck, den er auf Netanyahu ausübte, im vergangenen Jahr wiederholt ein Abkommen vereitelt hat. Die Vorstellung, dass das Abkommen zustande kam, weil die Hamas aufgrund von Netanyahus Sturheit alle ihre Forderungen aufgab, ist „eine nette Geschichte, aber sie ist nicht wahr. Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil der Realität“, schrieb der israelische Journalist Ronen Bergman in Ynet, der wiederholt aufgezeigt hat, wie Netanjahu selbst das Abkommen sabotierte, nachdem die Vereinigten Staaten und die Hamas vor acht Monaten einer Einigung zugestimmt hatten.

Es war fast peinlich, dem nationalen Sicherheitsberater der USA, John Kirby, auf dem israelischen Sender Channel 12 zuzusehen, wie er erklärte, dass die Hamas nur deshalb nachgegeben und dem Waffenstillstand zugestimmt habe, weil Israel ihren ehemaligen Anführer Yahya Sinwar getötet habe – nur wenige Tage nachdem Außenminister Antony Blinken in einem Interview mit der New York Times erklärt hatte, dass die Ermordung von Sinwar die Verhandlungen tatsächlich erheblich erschwert habe. Washington wäre besser beraten, sich für eine Lüge zu entscheiden und diese dann untereinander abzustimmen.

Ein zunehmend unpopulärer Krieg

In Israel ist der Krieg im Gazastreifen zu einer Belastung für die Regierung, das Militär und die Gesellschaft insgesamt geworden. In allen jüngsten Umfragen spricht sich eine klare Mehrheit – zwischen 60 und 70 Prozent oder sogar mehr – für ein Ende des Krieges aus. Entgegen den Erwartungen hat die Beendigung des Libanonkrieges den Wunsch nach einem Ende des Krieges im Gazastreifen sogar noch verstärkt.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die wöchentlichen Demonstrationen, die von den Familien der Geiseln angeführt werden, erreichen vielleicht nicht das Ausmaß der Proteste, die nach der Entdeckung der Leichen von sechs Geiseln, die im September von der Hamas ermordet wurden, ausgebrochen sind, aber die Herausforderung, die sie für die Regierung darstellen, hat nicht abgenommen. Im Gegenteil, noch nie haben so viele Israelis an so großen Protesten teilgenommen und so unverblümt ein Ende des Krieges gefordert, während Israel ihn führt.

In einer Rede, die Einav Zangauker, eine prominente Aktivistin, deren Sohn Matan in Gaza gefangen gehalten wird, kürzlich während einer dieser Proteste hielt, sagte sie voraus, dass eine weitere israelische Delegation, die sich auf den Weg zu Waffenstillstandsverhandlungen in Katar machte, mit der Forderung der Hamas nach einem Ende des Krieges zurückkehren würde und Netanjahu behaupten würde, die Hamas habe ihre Positionen verhärtet. „Glaubt diesen Lügen nicht“, sagte sie der Menge.

Auch beim Militär zeigen sich Ermüdungserscheinungen. Obwohl die Hamas seit Anfang Oktober erhebliche Anstrengungen zur ethnischen Säuberung des nördlichen Gazastreifens unternimmt, ist sie noch lange nicht besiegt und fügt der israelischen Armee immer noch Verluste zu. Erst letzte Woche wurden in Beit Hanoun 15 Soldaten getötet – einem Gebiet, das das Militär zu Beginn der Bodeninvasion vor über 14 Monaten erstmals besetzt hatte.

Die Mission zur Rettung der Geiseln scheint, wie Soldaten ausgesagt haben, unmöglich zu sein. Es bleibt nur noch die Zerstörung des nördlichen Gazastreifens um ihrer selbst willen. Ein Reserveoffizier, der mehr als 200 Tage in Gaza gedient hat, sagte mir, dass die vorherrschende Stimmung unter den Soldaten ist, dass der Krieg nirgendwohin führt – nicht wegen moralischer Ablehnung (62 Prozent der Israelis stimmen der Aussage „Es gibt keine Unschuldigen in Gaza“ zu, laut einer aktuellen Umfrage des aChord Center), sondern weil die Ziele unklar sind.

Noch wichtiger ist, dass Netanjahu selbst wahrscheinlich begonnen hat, die Vorstellung zu überdenken, dass er durch die Beendigung des Krieges nichts zu gewinnen hat und nur verlieren kann. Man hätte annehmen können, dass seine Popularität nach den von praktisch allen israelischen Medien als umfassende Siege Israels im Libanon, in Syrien, im Iran und im Gazastreifen bezeichneten Ereignissen in die Höhe geschossen wäre. In Wirklichkeit ist das Gegenteil eingetreten. Jüngste Umfragen zeigen, dass Netanyahus Koalition auf 49 von 120 Sitzen gefallen ist, was in etwa dem Stand unmittelbar nach dem 7. Oktober entspricht, während der Mitte-Links-Block auch ohne die in der Knesset verbliebenen palästinensischen Parteien eine Mehrheit bilden könnte.

Insgesamt scheint es, dass die Proteste der Familien der Geiseln – die jedes Mal an Fahrt gewinnen, wenn das Militär eine weitere Geisel in einem Leichensack nach Hause bringt – zusammen mit der Erschöpfung und dem Motivationsverlust innerhalb des Militärs, der Unbeliebtheit des Krieges in der Öffentlichkeit und Netanyahus sinkende Umfragewerte den Premierminister zu dem Schluss gebracht haben, dass eine unbegrenzte Fortsetzung des Krieges seine Chancen, die nächste Wahl zu gewinnen – die in einem Jahr und zehn Monaten ansteht – so gering bis nicht existent machen würde.

Daher hat Netanjahu möglicherweise beschlossen, dass es an der Zeit ist, die Verluste zu begrenzen. Selbst wenn Ben Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich beschließen, die Regierung zu stürzen, hat Netanjahu eine gute Chance, bei vorgezogenen Wahlen erfolgreich zu sein, indem er die Skalps von Sinwar und Nasrallah in der einen Hand präsentiert und die zurückkehrenden Geiseln mit der anderen umarmt.

Die perfekte Ausrede

Sollte dies der Fall sein, dient Trumps Druck – ob real oder übertrieben – als perfekte Ausrede für Netanjahu, um seinen Anhängern zu erklären, warum er vom Baum des „totalen Sieges“ heruntergeklettert ist. Wenn Channel 14, Netanjahus Propagandanetzwerk, über das „schwierige Gespräch“ zwischen Netanjahu und Witkoff berichtet, liegt der Verdacht nahe, dass die Quelle der Informationen das Büro des Premierministers ist, nicht die Amerikaner. Netanjahu hat ein klares Interesse daran, diese Erzählung zu verstärken: Auf diese Weise kann er behaupten, er habe tapfer gegen die „Linken“ in der Biden-Regierung gekämpft, sei aber machtlos gegen den unberechenbaren und leicht zu verärgernden Republikaner aus Mar-a-Lago gewesen.

Der Beweis dafür, dass sowohl der Krieg als auch seine Beendigung eine innerisraelische Angelegenheit sind, wird wahrscheinlich in 42 Tagen erbracht, wenn die erste Phase des Abkommens abgeschlossen ist und die zweite Phase beginnt, die den vollständigen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen beinhalten soll. Nach der Unterzeichnung des Abkommens in Katar sagte Trump, es sei ein Beweis dafür, dass seine Regierung im Nahen Osten „Frieden suchen und Abkommen aushandeln“ werde, was darauf hindeutet, dass er erwartet, dass dieser Waffenstillstand den Krieg beenden wird. Der Wortlaut des Abkommens – das vorsieht, dass die Verhandlungen für die zweite Phase am 16. Tag der ersten Phase beginnen und dass der Waffenstillstand so lange in Kraft bleibt, wie diese Verhandlungen andauern – deutet in die gleiche Richtung.

Dennoch macht Smotrich seine derzeitige Entscheidung, in der Regierung zu bleiben, davon abhängig, dass Israel den Krieg wieder aufnimmt, Gaza vollständig erobert und die humanitäre Hilfe nach Abschluss der ersten Phase des Abkommens stark einschränkt. Bei der Kabinettssitzung am Freitag, bei der das Abkommen gebilligt wurde, sagte Netanjahu, er habe von Trump die Zusicherung erhalten, den Krieg wieder aufzunehmen, falls die Verhandlungen vor der zweiten Phase scheitern sollten. Dies widerspricht zwar offenbar Trumps Willen, aber unter dem Druck der Rechten könnte Netanjahu einer Wiederaufnahme der Kämpfe durchaus zustimmen – was bedeutet, dass der amerikanische Druck selbst unter dem „großen und mächtigen“ Trump Grenzen hat.

Es ist also nicht die Angst vor Trump, die Netanjahu davon abhält, den Krieg wieder aufzunehmen, zumindest nicht allein. Die Angst vor der Wut der Familien der Geiseln, die in Gaza zurückgelassen wurden, wird ein wichtigerer Faktor sein. Die Bedenken der Armee, Gaza-Stadt wieder zu besetzen, nachdem in der ersten Phase des Abkommens Hunderttausende Palästinenser zurückgekehrt sind, könnten ebenfalls Auswirkungen haben. Die israelische Öffentlichkeit, die mit der Rückkehr der Geiseln Momente der Euphorie erleben wird, wird eine Rückkehr zum Krieg nicht so leicht akzeptieren – ganz zu schweigen von den Reservisten der Armee, die bereits weniger zum Dienst erscheinen, den wirtschaftlichen Kosten und dem allgemeinen Wunsch, zur Normalität zurückzukehren.

Bei allem gebührenden Respekt für den designierten Präsidenten könnte Einav Zangaukers nächster Schritt genauso bedeutsam sein, wenn nicht sogar bedeutender als der von Trump.

Eine Version dieses Artikels wurde erstmals auf Hebräisch in Local Call veröffentlicht. Lest ihn hier.

Quelle: Meron Rapoport via +972 Magazine 17. Januar 2025: "Forget Trump - agreeing to a ceasefire was Netanyahu’s own calculation"
Meron Rapoport ist Redakteur bei Local Call.

Übersetzung [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

Über die „Opfer der Opfer“: Edward Saids ethischen Humanismus im Kontext des Völkermords in Gaza neu betrachtet

Das Foto zeigt ein Schwarzweiss Foto von Edward Said in einen gestickten Bilderrahmen montiert
Edward Said
In den 15 Monaten seit dem 7. Oktober 2023 habe ich mich mit Edward Saids Behauptung befasst, dass Palästinenser die „Opfer der Opfer“ seien. Der renommierte Literaturtheoretiker fasste diese „komplexe Ironie“ in der Ausgabe seines wegweisenden Buches The Question of Palestine aus dem Jahr 1992 prägnant zusammen. Er schrieb, dass „die klassischen Opfer jahrelanger antisemitischer Verfolgung und des Holocaust in ihrer neuen Nation zu Tätern gegenüber einem anderen Volk geworden sind“. Wie er dem Schriftsteller Salman Rushdie 1986 sagte: „Jede Art von Kritik an Israel wird als Deckmantel für Antisemitismus behandelt . . . Besonders in den Vereinigten Staaten wird man als Araber aus einer muslimischen Kultur, wenn man überhaupt etwas sagt, als Anhänger des klassischen europäischen oder westlichen Antisemitismus angesehen.“ Dennoch hatte sich Said als einer der ersten Intellektuellen hervorgetan, der die tiefe Kluft überwand, die die antagonistischen Diskurse über das historische Trauma, das durch die Nakba bzw. den Holocaust geprägt wurde, voneinander trennte; er blieb bei seiner Überzeugung, dass ein mitfühlendes Verständnis der modernen jüdischen Erfahrung antisemitischer Verfolgung in Europa mit einer positiven Anerkennung der palästinensischen Geschichte und der nationalen Rechte verbunden war. Für Said bot das Einfühlen in das „verhängnisvolle Problem des Antisemitismus“, wie er es in seinem 1979 erstmals veröffentlichten Werk The Question of Palestine nannte, einen Ausweg aus dem Sumpf konkurrierender Opferrollen. Diese Verflechtung von Empathie spiegelte seine Überzeugung wider, dass das Schicksal und die Zukunft der Palästinenser und Israelis durch die Palästinafrage unweigerlich miteinander verbunden sind.

Heute, nach 76 Jahren akribischer Grausamkeit, die jeden Aspekt des palästinensischen Lebens im gesamten historischen Palästina betrifft, während Israel eine völkermörderische Kampagne in Gaza durchführt, die zum Zeitpunkt des Schreibens schätzungsweise 64.260 Palästinenser getötet und Zehntausende weitere verwundet hat, bin ich beunruhigt von der Frage: Ist die „Opfer der Opfer“ als ethisch-historische Formulierung noch sinnvoll? Said starb zwei Jahrzehnte vor dem Völkermord in Gaza und konnte sich, wie so viele von uns, nicht vorstellen, wie schrecklich die Gräueltaten in Echtzeit übertragen werden würden. „Es ist, als würden wir Auschwitz auf TikTok sehen“, wie der Holocaust-Überlebende Gabor Maté es ausdrückte. Darüber hinaus hätte Said nicht ahnen können, in welchem Ausmaß westliche Institutionen, Führungspersönlichkeiten und wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens solche Gräueltaten so vehement unterstützen würden. Weder die Verbreitung von Bildern und Videos des Völkermords noch die vom Internationalen Strafgerichtshof ausgestellten Haftbefehle gegen israelische Staats- und Regierungschefs wegen ihrer Vernichtungs- und Massenhungerprogramme (die Offensichtlichkeit der Brutalität hat endlich, wenn auch verspätet, eine Schwelle erreicht, die für dieses Gremium lesbar ist) noch die Anklage Südafrikas nach der Apartheid vor dem Internationalen Gerichtshof, dass der israelische Staat einen Völkermord begeht, haben den demonstrativen Philozionismus der meisten westlichen Regierungen ins Wanken gebracht. Stattdessen haben sie die palästinensische Menschlichkeit im Namen der Trauer und der Verteidigung israelisch-jüdischer Gewaltopfer völlig ignoriert. Im Gegensatz zu der Empathie, die Said forderte, hat sich der liberale Westen kategorisch geweigert, Palästinenser als Opfer von moralischer oder historischer Bedeutung zu betrachten.

Aber sind Israelis wirklich Opfer im kollektiven nationalen Sinne, wenn Palästinenser im Namen der Sicherheit Israels rücksichtslos abgeschlachtet werden? Gibt es nicht einen wesentlichen Unterschied zwischen Jüdischsein und Isrealischsein und damit zwischen einer langen Geschichte jüdischen Leidens durch antisemitische Verfolger im christlichen Westen und dem jüngeren israelischen Leid im Zusammenhang mit der antikolonialen Gewalt, die durch die eigene Kolonisierung Palästinas provoziert wurde? Ist es sinnvoll, den rassistischen israelischen Politiker Itamar Ben-Gvir, der eine anti-arabische Partei namens Otzma Yehudit (Jüdische Macht) anführt, als Opfer zu betrachten? Inwiefern sind israelische Soldaten im Jahr 2025 Opfer? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie bis an die Zähne bewaffnet sind, mit Milliarden Dollar an US-Waffen und scheinbar unbegrenzter diplomatischer Deckung der USA ausgestattet sind, um der internationalen Empörung über den Völkermord im Gazastreifen zu trotzen? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie genüsslich Fotos von sich selbst in der von ihnen zerstörten Landschaft von Gaza verbreiten – Fotos, auf denen sie lächeln, während sie die gestohlenen Dessous staatenloser und erneut enteigneter palästinensischer Frauen tragen, deren Leben sie zerstört, deren Häuser sie abgerissen und deren Kinder sie abgeschlachtet haben? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie Videos von sich selbst verbreiten, in denen sie lachen, während sie palästinensische Universitäten und Bibliotheken zerstören? Inwiefern sind die israelischen jüdischen Siedler Opfer, wenn sie sich versammeln, um zu verhindern, dass Lebensmittel zu Kindern gelangen, die verhungern?

Was ist mit den Israelis, die die Bombardierung des Gazastreifens im Jahr 2014 beobachteten und dabei lässig dasaßen, als würden sie ein Theaterstück und keine menschliche Katastrophe betrachten? Was ist mit denen, die 2006 während der Bombardierung des Libanon durch Israel zusahen, wie ihre Kinder Artilleriegeschosse signierten? Oder diejenigen, die am Tantura-Massaker während der Nakba von 1948 beteiligt waren oder es vertuschten? Irgendwann ist es absurd, diese Israelis weiterhin als Opfer zu betrachten, außer in dem Sinne, dass sie wirklich glauben, sie kämpften, um die „barbarischen“ Monster in ihrem Kopf zu besiegen. Das ist sicherlich nicht das, was Edward Said meinte, als er die Palästinenser als „Opfer der Opfer“ bezeichnete.

Tatsächlich versuchte Said zwar, einen Weg zu finden, auf dem israelische Juden und Palästinenser das kollektive Trauma des jeweils anderen anerkennen könnten, aber er machte deutlich, dass es ihm nicht um eine oberflächliche Gleichsetzung ging, die die außerordentliche Macht der ersteren über die letzteren verschleiert und den epistemischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Schaden verschleiert, der aus dieser anhaltenden Vorherrschaft resultiert. Während die Juden in Europa Opfer des westlichen Antisemitismus waren, der im Holocaust gipfelte, bleiben die Palästinenser Opfer israelisch-jüdischer Zionisten und ihrer Unterstützer, Befürworter und Verbündeten im Westen, einschließlich christlicher Zionisten. Während die Palästinenser nichts mit dem antijüdischen Rassismus der Nazis zu tun hatten, der für die Charakterisierung des modernen Antisemitismus entscheidend ist, haben israelische Juden von 1948 bis heute eine Schlüsselrolle bei der Entmenschlichung der Palästinenser und der Auslöschung der palästinensischen Gesellschaft, Geschichte und Lebensweise gespielt. Es gibt große Unterschiede in der Chronologie, der Position und in den Beziehungen zwischen Handlungsfähigkeit, Ursache und Wirkung.

Auch wenn seine Formulierung „Opfer der Opfer“ die Brutalisierung, die beide Bevölkerungsgruppen erlitten haben, in einem einzigen Bild zusammenfasst, betont Said, dass sie auch die besondere Schwierigkeit der Palästinenser benennt, die, wie er in The Question of Palestine schreibt, „das außerordentliche Pech hatten, . . . den moralisch komplexesten aller Gegner zu haben, die Juden, mit einer langen Geschichte der Viktimisierung und des Terrors im Rücken. Das absolute Unrecht des Siedlerkolonialismus wird stark verwässert und vielleicht sogar aufgelöst, wenn es ein leidenschaftlich geglaubtes jüdisches Überleben ist, das den Siedlerkolonialismus nutzt, um sein eigenes Schicksal zu bestimmen.“ Israelische Politiker bedienen sich regelmäßig der Geschichte des Holocaust und der jüdischen Erfahrung mit Antisemitismus als Keule, um ihre Kritiker zu schlagen, die Aufmerksamkeit von den Schrecken ihrer Entmenschlichung der Palästinenser abzulenken und die extreme Gewalt des kolonialen Zionismus zu rechtfertigen. Israel verletzt fortlaufend das Völkerrecht, indem es palästinensisches Land enteignet und ein „Regime der jüdischen Vorherrschaft und Apartheid vom Jordan bis zum Mittelmeer“ einführt, wie es die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem nennt. Aber wenn wir den Mythos des zeitlosen Opferstatus ablehnen, so Said, ergibt sich ein viel klareres Bild: „Die Opfer in Afrika und Palästina sind auf die gleiche Weise verwundet und vernarbt.“

Saids berühmter Ausspruch ist zwar nach wie vor eine scharfe Kritik, die diese Verschleierung der Machtverhältnisse aufzeigt, aber der Versuch, einen Weg nach vorne durch gegenseitiges Mitgefühl zu finden, scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Vielleicht ist es an der Zeit, Saids ethischen Humanismus mit dem des großen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish zu verbinden. In seinem Gedicht „Murdered and Unknown“ schreibt Darwish in der Übersetzung von Fady Joudah:

„Ich bin das Opfer.“ „Nein, ich allein bin
das Opfer.“
Sie haben dem Autor nicht gesagt: „Kein
Opfer tötet ein anderes. In der
Geschichte gibt es ein Opfer und einen Mörder.“
Darwish bringt auf den Punkt, worauf Said nur anspielte: So sehr sie in der Vergangenheit auch Opfer waren und so sehr sie auch den Stempel dieser Vergangenheit tragen, so sehr haben sich israelische Juden durch ihr eigenes Handeln in eine neue Art von Subjekt verwandelt. Mit wichtigen Ausnahmen wie dem Historiker Ilan Pappé, der uns daran erinnert, dass die säkulare Zugehörigkeit zur Macht eine Wahl ist, die getroffen und wieder verworfen werden kann, sind israelische Juden nun in der Position, Unterdrücker zu sein. Sie sind dabei, Palästinenser zu Opfern zu machen. Sowohl israelische Juden als auch Palästinenser sind offensichtlich Menschen, beide verdienen Gleichheit und Freiheit, und beide sind miteinander verbunden. Aber derzeit ist nur einer der Unterdrücker, der andere ist der Unterdrückte. Wenn wir diese grundlegende, offensichtliche ethische Unterscheidung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten, Kolonisator und Kolonisierten nicht aufrechterhalten können, wird die Geschichte zu einem Idol des Anachronismus und nicht zu einem Werkzeug, um den Narzissmus des ewigen Opferdaseins zu durchbrechen. Wie Said in „The Question of Palestine“ schrieb: „Es gibt keine Möglichkeit, ein Leben zufriedenstellend zu führen, dessen Hauptanliegen darin besteht, eine Wiederholung der Vergangenheit zu verhindern. Für den Zionismus sind die Palästinenser nun das Äquivalent einer vergangenen Erfahrung, die in Form einer gegenwärtigen Bedrohung wiedergeboren wurde. Das Ergebnis ist, dass die Zukunft der Palästinenser als Volk an diese Angst gebunden ist, was eine Katastrophe für sie und für die Juden ist.“ Darwish bringt diese Formulierung auf den Punkt und weist uns an, direkt zu betrachten, welche Menschen tatsächlich unter wessen Hand leiden und warum. Gemeinsam erinnern uns Said und Darwish daran, dass wir nicht Gefangene der Vergangenheit sein müssen – sonst sind wir alle Opfer, und im Namen unseres eigenen Opferdaseins können und werden wir anderen die schrecklichen Dinge antun, die uns einst angetan wurden.

Ussama Makdisi, 17. Januar 2025 für Jewish Currents: "On the “Victims of the Victims” Revisiting Edward Said’s ethical humanism in the context of the Gaza genocide"
Übersetzung: [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

Israel stürmt letztes Krankenhaus im nördlichen Gazastreifen, während die verbliebenen Bewohner in den Süden vertrieben werden

Der Angriff auf Kamal Adwan markiert den Höhepunkt einer dreimonatigen Kampagne der ethnischen Säuberung und Zerstörung in der nördlichen Stadt Beit Lahiya.

Palästinenser verlassen den nördlichen Gazastreifen unter israelischer Belagerung, 4. Dezember 2024. (Omar El-Qattaa)
Palästinenser verlassen den nördlichen Gazastreifen unter israelischer Belagerung, 4. Dezember 2024. (Omar El-Qattaa)
In den Morgenstunden des 27. Dezembers stürmten israelische Streitkräfte das Gelände des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Beit Lahiya und beendeten damit die fast einwöchige Belagerung des letzten noch funktionierenden Krankenhauses im nördlichen Gazastreifen.

Die Soldaten brachten die Patienten des Kamal Adwan gewaltsam in das weiter südlich in der Stadt gelegene Indonesische Krankenhaus, das selbst einige Tage zuvor einem Evakuierungsbefehl des Militärs unterworfen worden war.

„Die chirurgischen Abteilungen, das Labor, die Wartungs- und Notfalleinheiten sind vollständig ausgebrannt, und das Feuer breitet sich nun aus“, heißt es in einer Erklärung des Krankenhauspersonals, in der davor gewarnt wird, dass Patienten ‚jeden Moment sterben könnten‘. Der Krankenhausdirektor Dr. Hossam Abu Safiya teilte den palästinensischen Medien mit, dass er von der Armee eine ‚klare und direkte Warnung‘ erhalten habe, dass er verhaftet werden würde.

In einer Erklärung behauptete die israelische Armee, sie habe im Krankenhaus operiert, „nachdem sie zuvor Informationen über die Anwesenheit von Militanten, terroristische Infrastruktur und terroristische Aktivitäten vor Ort erhalten hatte“, und habe „Patienten und Mitarbeitern des Krankenhauses ermöglicht, das Gebiet in geordneter Weise zu evakuieren“.

Am Donnerstag sollen bei einem israelischen Luftangriff auf ein Gebäude in der Nähe von Kamal Adwan 50 Menschen getötet worden sein. Darunter waren laut Dr. Abu Safiya, der diese Woche zweimal mit +972 sprach, fünf Krankenhausmitarbeiter.

„Die Welt muss verstehen, dass dieses Krankenhaus vorsätzlich angegriffen wird. Die Menschen hier sind nicht nur Patienten – sie sind Opfer eines systematischen Versuchs, unsere Fähigkeit, Leben zu retten, zu zerstören“, sagte er am 23. Dezember gegenüber +972.

„Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, schnell zu intervenieren und humanitäre Korridore zu öffnen, um Hilfe zu leisten und das Gesundheitssystem, die Mitarbeiter und die Patienten zu schützen.“



Der Angriff auf medizinische Einrichtungen in Beit Lahiya ist die jüngste Eskalation in Israels brutaler Kampagne der ethnischen Säuberung im nördlichen Gazastreifen, durch die in den letzten drei Monaten die überwiegende Mehrheit der in der Region lebenden Palästinenser gewaltsam vertrieben wurde.

Eine von ihnen, die 68-jährige Bader Al-Hout, war Augenzeugin der Zerstörung ihres Viertels in Beit Lahiya. Bis Ende Oktober blieben sie und ihre Familie in ihrem Haus in der Nähe des Kamal-Adwan-Krankenhauses. Nachdem das Haus jedoch durch einen israelischen Luftangriff beschädigt worden war, zogen sie zu Verwandten in einem anderen Teil der Stadt.

„Wir haben uns von Konserven und Mehl ernährt, das wir noch hatten. Meine Enkel weinten vor Hunger, aber wir hatten nichts mehr, was wir ihnen hätten geben können“, berichtete Al-Hout gegenüber +972. “Viele unserer Nachbarn wurden getötet, als sie versuchten, sauberes Wasser aus den leeren Häusern oder dem Krankenhaus zu holen. Uns blieb nichts anderes übrig, als salziges Wasser zu trinken.“

In der Anfangsphase der Belagerung nahmen israelische Streitkräfte das Flüchtlingslager Jabalia ins Visier und verwandelten das am dichtesten besiedelte Gebiet des Gazastreifens in eine „Geisterstadt“. Wie +972 Ende November berichtete, verlagerte sich die Aufmerksamkeit anschließend auf Beit Lahiya, wo Hunderte Einwohner der Stadt getötet und Tausende weitere vertrieben wurden – durch Luftangriffe auf große Wohngebäude, ferngesteuerte Quadrocopter und Panzerfeuer sowie durch die Verhinderung des Zugangs zu praktisch jeder humanitären Hilfe.

Vor Beginn der israelischen Offensive Anfang Oktober waren 400.000 Palästinenser im nördlichen Gazastreifen eingeschlossen. Heute sind es laut Mahmoud Basal, Sprecher des palästinensischen Zivilschutzes in Gaza, nur noch etwa 20.000. Die jüngsten Daten der UNRWA gehen von einer noch niedrigeren Zahl zwischen 10.000 und 15.000 aus.

Zu Beginn der israelischen Militäroperation wurden zunächst die Häuser der Nachbarn von Al-Hout ins Visier genommen – die Familien Amin und Al-Amri. Am 29. Oktober, so erinnert sich Al-Hout, wurden „der [Vater] der Familie Amin, seine schwangere Frau und ihre zweijährige Tochter getötet. Im Haus der Familie Alamri befanden sich 27 Personen [als es getroffen wurde]; die meisten wurden getötet und andere schwer verletzt."

„Die Splitter und Trümmer des Bombenangriffs trafen unser Gebäude und zerstörten die Wohnung meines Sohnes“, fügte sie hinzu. “Er hat 12 Jahre lang daran gearbeitet, sie zu bauen.“

Zerstörte Gebäude in Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen. 28. November 2024. (Oren Cohen/Flash90)
Zerstörte Gebäude in Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen. 28. November 2024. (Oren Cohen/Flash90)
Nachdem sie zu Verwandten gezogen waren, weigerten sich Al-Hout und ihre Familie mehrere Wochen lang, nach Gaza-Stadt zu evakuieren. Sie hatte von Verwandten, die evakuiert worden waren, gehört, dass israelische Truppen junge Männer festnahmen, selbst solche, die mit keiner der palästinensischen politischen Fraktionen in Verbindung standen, und sie befürchtete, dass dasselbe Schicksal ihren Ehemann und ihre Söhne erwartete.

Als jedoch in der Nacht vom 21. Dezember auch das Haus, in dem sie Zuflucht gefunden hatten, bombardiert wurde, erkannte Al-Hout, dass es zu gefährlich war, dort zu bleiben. „Die Geräusche der automatischen Explosionen und Luftangriffe waren ohrenbetäubend, anders als alles, was wir bisher gehört hatten. Die Fenster und Türen zersplitterten durch die Explosionen in der Nähe. Wir dachten, es könnte unsere letzte Nacht sein, in der wir noch am Leben sind“, berichtete sie. „Meine fünfjährige Enkelin Lina weinte und fragte mich: 'Warum bombardieren und töten sie uns so?'“

Am nächsten Morgen verließen sie und 17 ihrer Verwandten Beit Lahiya in Richtung Süden nach Gaza-Stadt, ohne zu wissen, wo sie die erste Nacht verbringen würden. Als sie sich auf den Weg machten, erfuhren sie, dass einer ihrer Nachbarn am Morgen bei einem Fluchtversuch getötet worden war.

„Auf den Straßen von Beit Lahiya lagen Leichen“, berichtete Al-Hout gegenüber +972 und beschrieb den Beginn ihrer Reise. “Ich kann keine langen Strecken laufen, aber wenn ich stehen bliebe, wäre ich tot.“

An einem Militärkontrollpunkt auf dem Weg hielten israelische Soldaten die Familie an. „Sie nahmen meine vier Söhne und meinen kranken Ehemann mit“, erinnert sich Al-Hout. In der Hoffnung, dass sie sofort freigelassen würden, wollte sie auf sie warten, aber die Soldaten befahlen ihr, mit den anderen Frauen zu gehen. Schließlich wurden ihr Ehemann und ihr ältester Sohn freigelassen, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist das Schicksal ihrer beiden jüngeren Söhne noch unbekannt.

Als sie das Zentrum von Gaza-Stadt erreichten, fanden sich Al-Hout und ihre Familie im Yarmouk-Stadion wieder, wo Hunderte vertriebene Palästinenser aus dem Norden in provisorischen Zelten leben. Trotz der starken Überbelegung gelang es der Familie nicht, ein Zelt oder auch nur einen Platz zum Aufstellen eines Zeltes zu finden.

Zelte für vertriebene Palästinenser im Yarmouk-Stadion in Gaza-Stadt, 24. November 2024. (Omar El-Qattaa)
Zelte für vertriebene Palästinenser im Yarmouk-Stadion in Gaza-Stadt, 24. November 2024. (Omar El-Qattaa)
Während sie auf Neuigkeiten von ihrem Mann und ihren Söhnen wartete, dachte Al-Hout darüber nach, wie es zu dieser Situation für ihre Familie kommen konnte. „[Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu] behauptet, er sei aus einem bestimmten Grund hier, aber er ist nur hier, um zu zerstören“, sagte sie. „Aber er trägt nicht die alleinige Schuld – Amerika ist verantwortlich, da es ihm grünes Licht gegeben hat.“

„Ich bin eine ältere Frau – bitte erklärt mir: Was haben wir Amerika angetan, dass wir die Zerstörung unseres Landes, unserer Ländereien und unserer Häuser verdient haben?“

„Wenn ich zusammenbreche, bricht auch meine Familie zusammen“

Wie Al-Hout floh auch die 47-jährige Nada Hammam am 22. Dezember aus ihrer Heimat in Beit Lahiya in Richtung Gaza-Stadt. „Der Tag des Jüngsten Gerichts“, so beschrieb sie die Erfahrung.

Zwei Monate lang ertrug die Mutter von sieben Kindern die Schrecken, die sich im Norden des Gazastreifens abspielten, und hoffte verzweifelt auf einen Waffenstillstand und den Abzug der israelischen Streitkräfte. Doch die Situation verschlechterte sich mit jedem Tag.

Der Gesundheitszustand ihres 71-jährigen Vaters, der an Bluthochdruck und Diabetes litt, verschlechterte sich rapide, da ihm die Medikamente ausgingen. Auch Hammams eigenes Knorpelmittel, das sie wegen ihrer Rückenprobleme einnahm, war aufgebraucht.

Am 8. Dezember nahm die Situation eine tragische Wendung. Hammam knetete gerade Brot in ihrem Haus, als ein Nachbar hereinstürzte, um sie zu informieren, dass Hussain, ihr Bruder, bei dem Versuch, Lebensmittel zu finden, von einem israelischen Luftangriff getroffen wurde. „Wir brachen zusammen“, berichtete sie.

Hammam, die älteste ihrer Geschwister, rief keinen Krankenwagen; sie hörte, dass es im Kamal Adwan Hospital sowieso keinen gab. „Ich bat meine Brüder, bei unserem Vater zu bleiben, während ich einen langen Weg zurücklegte, um meinen verletzten Bruder [unter Beschuss] nach Hause zu bringen“, erzählte sie +972. „Ich trug ihn in einem Rollstuhl, während Quadrocopter um uns herum schossen.“

Als sie zu Hause ankamen, erlag Hussain seinen Verletzungen. Die Familie begrub ihn im Erdgeschoss ihres Hauses.

Trotz des verheerenden Verlusts und der anhaltenden israelischen Bombardierung wollten Hammam und ihre Familie unbedingt in ihrem Haus in Beit Lahiya bleiben. Aber wie Al-Hout und unzählige andere wurde ihr bald klar, dass die Risiken dafür viel zu hoch waren.

Palästinenser verlassen den Norden des Gazastreifens unter israelischer Belagerung, 24. November 2024. (Omar El-Qattaa)
Palästinenser verlassen den Norden des Gazastreifens unter israelischer Belagerung, 24. November 2024. (Omar El-Qattaa)
„Am Morgen des 21. Dezembers erreichten die Bombenangriffe unsere Nachbarschaft“, berichtete Hammam gegenüber +972. Aufgrund der dichten Wolke aus Trümmern und Schrapnell konnten sie nicht sehen, was sich vor ihrem Fenster abspielte. Aber sie konnten hören, wie die Explosionen immer näher kamen, und die Schreie der Nachbarn, die um Hilfe flehten. „Vier junge Schwestern aus einem nahe gelegenen Haus wurden bei einem israelischen Luftangriff getötet, als sie versuchten, Wasser vom Dach zu holen“, erinnert sie sich.

Hammam sagte, dass die Bombardierung in der Nacht zunahm. “Wir blieben von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens wach, erstarrten vor Angst und konnten nicht einmal auf die Toilette gehen. Wir warteten nur auf den Moment, in dem das Feuer aufhören würde.“

Am nächsten Tag beschloss die Familie, nach Gaza-Stadt zu evakuieren. Als sie die Tür öffneten, um zu gehen, fanden sie drei Leichen auf der Straße liegen. „Wir konnten sie nicht einmal begraben“, sagte Hammam mit trauriger Stimme.

Auf ihrem Weg durch das verwüstete Beit Lahiya in Richtung Süden wurden Hammams Ehemann, ihre vier Söhne und ihr 71-jähriger Vater an einem Militärkontrollpunkt festgehalten. Die israelischen Soldaten zwangen sie, mit den anderen Frauen weiterzugehen. Wie es den beiden Söhnen von Al-Hout geht, ist noch immer ungewiss.

Nach einer beschwerlichen fünfstündigen Reise erreichten Hammam und ihre Verwandten schließlich Gaza-Stadt und fanden Unterschlupf in einem provisorischen Zelt auf dem Bürgersteig der Al-Wihda-Straße im Stadtzentrum. „Ich bin so erschöpft“, sagte sie gegenüber +972. „Ich versuche, meine Tränen zu verbergen, denn wenn ich zusammenbreche, bricht auch meine Familie zusammen.“

Systematischer Angriff auf medizinische Einrichtungen

Am 24. Dezember umzingelten israelische Truppen das indonesische Krankenhaus in Beit Lahiya, damals eine der letzten drei medizinischen Einrichtungen im Norden des Gazastreifens. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza zwangen sie etwa 65 medizinische Mitarbeiter und Patienten zur Evakuierung – viele von ihnen legten die kilometerlange Strecke zu einem Krankenhaus in Gaza-Stadt zu Fuß zurück.

In den letzten Tagen haben israelische Panzer und Bulldozer, begleitet von schwerem Geschützfeuer, auch das weiter nördlich gelegene Kamal-Adwan-Krankenhaus eingekesselt, was palästinensische Gesundheitsbeamte als „beispiellosen“ Angriff bezeichneten. Es gab auch Berichte über israelische Truppen, die Sprengfallen an Robotern außerhalb des Krankenhauses zündeten, bevor die Armee in den frühen Morgenstunden des Freitags mit der gewaltsamen Räumung der Einrichtung begann.

Laut Krankenhausdirektor Dr. Hossam Abu Safiya wurden bei dem Angriff in der Nähe des Krankenhauses am Donnerstagabend unter anderem der Kinderarzt Dr. Ahmad Samour, die Labortechnikerin Esraa Abu Zaidah, die Rettungssanitäter Abdul Majid Abu Al-Eish und Maher Al-Ajrami sowie der Wartungstechniker Fares Al-Houdali getötet.

Am 23. Dezember berichtete Dr. Abu Safiya +972, dass das Krankenhaus unter direkten Beschuss geraten sei. „Die Kugeln haben kritische Bereiche getroffen, darunter unsere Intensivstation, die Entbindungsstation und die Chirurgie. Drohnen haben Bomben auf das Dach und den Innenhof abgeworfen, und wir haben fast unsere Sauerstoffversorgung aufgrund von Treibstoffmangel und Bränden verloren.“ Die Schüsse trafen auch einen der Hauptgeneratoren des Krankenhauses, der Feuer fing und den Betrieb der Einrichtung weiter gefährdete.




Bis Donnerstag, den 26. Dezember, verschlechterte sich die Situation erheblich, so Dr. Abu Safiya. „Leider war die letzte Nacht noch schlimmer als die Nacht zuvor. Die Art der Sprengkörper war alarmierend; es ist klar, dass die Menge der verwendeten Sprengstoffe dieses Mal deutlich größer war.“

„Die Splitter dieser Explosionen drangen in das Gebäude ein und trafen eines der Patientenzimmer, wobei der Pfleger Hassan Al-Dabous verletzt wurde. Er erlitt eine schwere Kopfverletzung mit Schädelbruch und Frakturen im Gesicht und am Kiefer. Er befindet sich derzeit auf der Intensivstation und sein Zustand ist sehr ernst.“

„Kamal Adwan verfügt nicht über die Ressourcen, um solche schweren Fälle angemessen zu behandeln“, fügte er hinzu. “Wir bemühen uns, die Patienten in andere Krankenhäuser zu verlegen.“

Die letzte Explosion ereignete sich laut Dr. Abu Safiya gegen 4:30 Uhr morgens. „Sie war so stark, dass sie fast alles im Krankenhaus zerstörte – Türen, Fenster, interne Barrieren und Glas – und die Intensivstation fast funktionsunfähig machte“, sagte er gegenüber +972. „Erst vor kurzem wurde ein Mitarbeiter durch Schrapnell eines Sprengkörpers verletzt, der von einem Quadrocopter abgeworfen wurde.“

Vor dem Evakuierungsbefehl am Freitag beherbergte das Krankenhaus „75 Verwundete und ihre Begleiter sowie 180 medizinische Mitarbeiter, sodass sich die Gesamtzahl der Personen im Krankenhaus auf etwa 350 belief“, sagte Dr. Abu Safiya.

„Die internationale Gemeinschaft muss jetzt handeln, um diesen Angriff zu stoppen. Die Menschen in unserer Obhut sind in Gefahr, vertrieben zu werden, oder Schlimmeres, da unsere Fähigkeit, sie zu behandeln, von Stunde zu Stunde schwindet.“

In seiner Antwort auf Anfragen zu diesem Artikel behauptete ein Sprecher der israelischen Armee, die Operationen der Armee im nördlichen Gaza zielten auf „terroristische Ziele ab, nachdem die Hamas versucht hat, ihre operativen Fähigkeiten in der Region wiederherzustellen“, und bestritt, Angriffe auf Zivilisten oder zivile Einrichtungen durchgeführt zu haben.

Er wies die Vorwürfe, Sprengstoff in der Nähe des Kamal-Adwan-Krankenhauses platziert zu haben, als „Hamas-Propaganda“ zurück und rechtfertigte die Inhaftierung von „Personen, die der Beteiligung an terroristischen Aktivitäten verdächtigt werden“, in Kampfgebieten mit der Aussage, dass diejenigen, die als unbeteiligt eingestuft würden, freigelassen würden. Er erklärte ferner, dass alle Vorwürfe von Fehlverhalten durch seinen internen Untersuchungsmechanismus überprüft würden.

Quelle: Israel storms northern Gaza’s last hospital as remaining residents forced south von Ahmed Ahmed, 27. Dezember 2024 via +972mag.

Hinweis: Ahmed Ahmed ist das Pseudonym eines Journalisten aus Gaza-Stadt, der aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen anonym bleiben möchte.

Übersetzung [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

Ergänzung, 29.12.2024: Israelische Streitkräfte verhafteten Dr. Abu Safiya am Samstag, dem 28. Dezember, zusammen mit Dutzenden anderen Krankenhausmitarbeitern und Pflegekräften bei der Razzia, die das Krankenhaus vollständig schloss. Sein Aufenthaltsort ist seit seiner Inhaftierung unbekannt. Siehe auch: Alles »Terroristen« (Ina Sembner in "junge Welt", 30.12.2024)

Tausende blockieren Neonaziaufmarsch in Berlin

Das Foto zeigt eine Sitzblockade, verdeckt mit einem Transparent mit dem Text: "Auch wenn Bullen sie exkortieren: Faschos kommen = Faschos blockieren!"
Foto: © Kinkalitzken via Umbruch Bildarchiv
Über 3.000 Menschen stellten sich am 14.12.2024 in Friedrichshain einem Naziaufmarsch entgegen. Die etwa 60 überwiegend jungen Nazis standen knapp 2 Stunden am Ostkreuz, da die Strecke durch eine Sitzblockade versperrt war. Rundherum kam es zu zahlreichen Aktionen von Antifaschist:innen. Die Strecke der Nazidemo wurde mit Gittern und einer riesigen Polizeiarmee weiträumig abgesperrt. Trotzdem mussten die Nazis ihren Aufmarsch, der bereits im Vorfeld stark verkürzt und nur noch am Rande Friedrichshains nach Lichtenberg führen sollte, an der Frankfurter Allee beenden. 2.000 Menschen blockierten die Kreuzung und die Nazis wurden von der Polizei in den U-Bahnhof geleitet.

Während der Protestaktionen setzten Polizist:innen zeitweise ohne Vorwarnung massiv Reizgas ein und traten auf Demonstrant:innen ein. Demosanitäter:innen mussten zahlreiche Menschen (vor allem wegen Reizgas) behandeln.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

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Die Farbe Braun: Entkolonialisierender Anarchismus und die Herausforderung der weißen Hegemonie

Das Auftauchen des ägyptischen Schwarzen Blocks in Kairos Straßen im Januar 2013 löste in westlichen anarchistischen Kreisen leichtgläubige Begeisterung aus. Über die politische Vision des ägyptischen Schwarzen Blocks - oder das Fehlen einer solchen -, seine Taktiken oder seine sozialen und wirtschaftlichen Positionen wurde wenig nachgedacht. Für die meisten westlichen Anarchisten reichte es aus, dass sie aussahen und sich kleideten wie Anarchisten, um unkritische Bewunderung zu rechtfertigen. Die Facebook-Seiten israelischer Anarchisten wurden mit Bildern ägyptischer Black-Bloc-Aktivisten überschwemmt; wer in dieser Zeit die anarchistische Blogosphäre in den USA überflog, konnte den Eindruck gewinnen, der Black Bloc sei Ägyptens erste Begegnung mit Anarchismus und Antiautoritarismus überhaupt. Doch wie der amerikanische Schriftsteller Joshua Stephens anmerkt, wirft die jubelnde Reaktion vieler westlicher Anarchisten auf den Black Bloc wenig schmeichelhafte Fragen auf, was ihre Besessenheit von Form und Darstellung statt von Inhalt und Aktionen betrifft. Und in dieser Hinsicht unterscheiden sich diese Anarchisten nicht von den Islamisten, die den Schwarzen Block schnell als blasphemisch und ungläubig anprangerten, nur weil sie wie Westler aussahen. Darüber hinaus entlarven viele Reaktionen westlicher Anarchisten auf den Schwarzen Block eine tief verwurzelte orientalistische Tendenz. Ihre Missachtung Ägyptens und der reichen Geschichte des Anarchismus im Nahen Osten ist ein Ausdruck davon. Wie der ägyptische Anarchist Yasser Abdullah veranschaulicht, reicht der Anarchismus in Ägypten bis in die 1870er Jahre zurück, als Reaktion auf die Einweihung des Suezkanals; italienische Anarchisten in Alexandria nahmen an der Ersten Internationale teil, veröffentlichten 1877 eine anarchistische Zeitschrift und beteiligten sich an der Urabi-Revolution von 1881; griechische und italienische Anarchisten organisierten auch Streiks und Proteste mit ägyptischen Arbeitern. Diese Kämpfe werden jedoch von denjenigen, die heute so tun, als wäre der Schwarze Block die erste wirklich radikale Gruppe, die ägyptischen Boden betritt, nonchalant ignoriert.

Dieser Artikel argumentiert, dass die oberflächliche Rezeption des Black Bloc nur ein Beispiel dafür ist, dass der „weiße Anarchismus“ sich noch von orientalistischen Vorurteilen lösen muss, die die westliche Linke im Allgemeinen plagen. Ich werde hier zeigen, dass dieses Versagen auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Anarchismus den vollständigen Prozess der Entkolonialisierung nicht durchlaufen hat. Ich beginne damit, dass ich zeige, dass die kolonialen Einstellungen die Republikaner der Spanischen Revolution dazu veranlassten, den spanischen Kolonialismus in Nordafrika zu vernachlässigen und sich ausschließlich auf den Kampf gegen den Faschismus im eigenen Land zu konzentrieren. Da die Spanische Revolution nach wie vor als wichtige Referenz für die heutigen anarchistischen Bewegungen dient, ist es nicht überraschend, dass ähnliche koloniale Einstellungen die heutigen Bewegungen dazu veranlassen, Jahrhunderte des antiautoritären Kampfes in Asien, Afrika und im Nahen Osten abzuschreiben. Ein derart unvollständiger Dekolonisierungsprozess bedeutet auch, dass viele westliche anarchistische Bewegungen und der vorherrschende anarchistische Diskurs überwiegend weiß bleiben und People of Colour ausschließen. Ich werde auch zeigen, dass der „weiße Anarchismus“ nicht nur dazu neigt, People of Colour auszugrenzen, sondern dass seine Betonung von Image und Stil auch zur Marginalisierung von Menschen mit Behinderungen und solchen führt, die sich nicht unbedingt als Anarchisten identifizieren, obwohl sie vehement antiautoritär sind. Schließlich wird in diesem Artikel „Anarchists Against the Wall“ als konkretes Beispiel für die verschiedenen Mängel des weißen Anarchismus angeführt, nämlich Exklusivität, Elitedenken und das Versäumnis, weiße koloniale Privilegien angemessen in Frage zu stellen.

Ein Rückblick auf die spanische Revolution

Trotz ihrer letztendlichen Niederlage betrachten Anarchisten die spanische Revolution als inspirierendes Modell für Anarchosyndikalismus und nicht-hierarchische Selbstverwaltung gegen alle Widerstände; es war ein äußerst asymmetrischer Krieg gegen eine massive Militärmaschinerie, die vom faschistischen Italien und Nazi-Deutschland bis an die Zähne bewaffnet und unterstützt wurde. Dennoch ist kein anarchistisches Modell, keine anarchistische Persönlichkeit und kein anarchistisches Wahrzeichen vor Kritik gefeit (eine Tugend, die den Anarchismus von einem Großteil der traditionellen Linken unterscheidet). Die spanische Revolution ist zwar ein inspirierendes Modell, aber weit davon entfernt, eine Utopie zu sein, und von vielen Mängeln und Unzulänglichkeiten geprägt. Obwohl es notwendig ist, diese Mängel anzuerkennen - einschließlich der schweren Menschenrechtsverletzungen, die von den Republikanern begangen wurden, der erzwungenen Allianz mit der Bourgeoisie und den Stalinisten, der vergeblichen Machtkämpfe und anderer taktischer Fehler - würde dies den Rahmen dieses Artikels sprengen. Revolutionäre haben oft nicht den Luxus, sich ihre Verbündeten aussuchen zu können. Da sie keine andere Wahl haben, sind sie oft gezwungen, die Unterstützung von Kräften zu akzeptieren, die sie ideologisch ablehnen. Aber obwohl man anerkennen muss, dass man nicht erwarten kann, dass eine Revolution völlig rein ist, heißt das keineswegs, dass man Massenhinrichtungen und das harte Durchgreifen gegen die Religionsfreiheit gutheißt. Der einzige strategische und moralische „Fehler“, auf den ich hier eingehen möchte, ist, dass die Frage des spanischen Kolonialismus in Marokko und der Westsahara in der Heimat vollständig und vollständig unter den lodernden Flammen der Revolution begraben wurde.

Die Revolutionäre waren so sehr in ihren Kampf gegen Faschismus und Tyrannei in Spanien vertieft, dass sie Spaniens Kolonialismus, Faschismus und Tyrannei auf der anderen Seite des Mittelmeers ignorierten. Das Ausmaß der Entmenschlichung gegenüber dem „Anderen“ war so hoch, dass den kolonisierten Marokkanern nach den meisten pro-revolutionären Erzählungen nur die Rolle von Söldnern zugedacht war, die von General Franco zur Niederschlagung der Volksfront herbeigeholt wurden. Viele Pro-Revolutions-Stimmen gingen so weit, sich auf rassistische Weise auf Marokkaner zu beziehen. Es ist zwar schwer zu argumentieren, dass die gegenseitige Solidarität zwischen spanischen Revolutionären und kolonisierten Marokkanern den Ausgang des Krieges hätte ändern können, aber es ist auch schwer zu sagen, ob diese Art von Solidarität überhaupt jemals möglich war. Wie der verstorbene amerikanische Historiker Howard Zinn es ausdrückt: „Kurzfristig (und bisher bestand die Menschheitsgeschichte nur aus kurzfristigen Ereignissen) wenden sich die Opfer, die selbst verzweifelt und von der Kultur, die sie unterdrückt, geprägt sind, gegen andere Opfer.“ Andererseits bedeutet Anarchismus im Wesentlichen, jede Form von Autorität und Unterwerfung abzulehnen und zu bekämpfen, einschließlich Kolonialismus und Besatzung. Um wirklich antiautoritär zu sein, sollte daher jeder Kampf gegen Faschismus und Diktatur im eigenen Land internationalistisch sein und kann nicht vom Kampf gegen Faschismus und Tyrannei im Ausland in seiner Rolle als Kolonialmacht getrennt werden.

Die Rückkehr zur Spanischen Revolution ist passend, da wir ihren 77. Jahrestag begehen, denn es scheint, dass viele Anarchisten eine ihrer wichtigsten Lehren noch verinnerlichen müssen. Abgesehen von Ausnahmen sind die anarchistischen Bewegungen im Westen nach wie vor überwiegend weiß, unbewusst (oder vielleicht auch bewusst) orientalistisch, westlich zentriert, sogar elitär und nicht offen für Menschen, die nicht so aussehen wie sie. Daher werden antiautoritäre Kämpfe im Nahen Osten, in Afrika und Asien in der Regel verschwiegen. Es sollte jedoch klargestellt werden, dass Anarchisten of Color zweifellos einen großen Teil der Verantwortung für ihre relativ schlechte Dokumentation tragen. Maia Ramnaths ausgezeichnetes Buch „Decolonizing Anarchism: An Antiauthoritarian History of India's Liberation Struggle“ und Ilham Khury Makdissis „The Eastern Mediterranean and the Making of Global Radicalism, 1860-1914“ sind zwei der wenigen Versuche, eine alternative Geschichte des Antiautoritarismus in Regionen zu bieten, die wenig Beachtung finden.

Kein Etikett

Diese Bücher liefern Beweise dafür, dass antiautoritäre Kämpfe in Entwicklungsländern schon lange vor dem Auftauchen des Schwarzen Blocks auf den Straßen Ägyptens existierten. Anarchismus ist kein Etikett, keine Marke oder ein Warenzeichen, und ihn in ein modisches Statement zu verwandeln, fügt der Bewegung vielleicht einen unübertroffenen Schaden zu. Anarchismus ist der unerschütterliche Glaube, wie Alexander Berkman schreibt, dass „du frei sein solltest; dass niemand dich versklaven, dir befehlen, dich berauben oder dich unterdrücken sollte. Es bedeutet, dass du frei sein solltest, die Dinge zu tun, die du tun willst; und dass du nicht gezwungen werden solltest, das zu tun, was du nicht tun willst.“ Die weiße intellektuelle Besessenheit von „-ismen“ und die Tendenz, alles zu stark zu konzeptualisieren und Menschen in statische Kategorien einzuordnen, führt jedoch dazu, dass viele Anarchisten ausgeschlossen werden, nur weil sie sich nicht als solche bezeichnen oder nicht „anarchistisch“ aussehen.

Die Unbeschrifteten

Das im Beitrag erwähnte Foto von Rouya Hzayel zeigt eine junge Frau mit Kopftuch in Handschellen, die vor einer Wand mit zwei vergitterten Fenstern auf einer violetten gepolsterten Bank  sitzt und mit einer Hand das Siegeszeichen macht.
Rouya Hzayel, Foto via Random Shelling قصف عشوائي
Quelle: Facebook
Dies wird perfekt durch die Frauen verkörpert, die ich bei der Protestkundgebung am 15. Juli in Be’er Scheva getroffen habe. Der Protest war Teil des palästinensischen Generalstreiks gegen den Prawer-Plan zur ethnischen Säuberung, ein Gesetzesentwurf der israelischen Knesset, der vorsieht, 30.000 bis 40.000 palästinensische Beduinen aus der Wüste Naqab zu vertreiben, 800.000 Dunum ihres Landes zu beschlagnahmen und 35 sogenannte „nicht anerkannte“ palästinensische Dörfer unter dem Deckmantel der „Entwicklung“ zu zerstören. Die Proteste wurden von einheimischen Frauen angeführt, die Sprechchöre anstimmten, die Straße blockierten und sich heldenhaft gegen israelische Besatzungspolizisten und Spezialeinheiten der Polizei zur Wehr setzten, die sie schlugen und mit Schlagstöcken angriffen. Die fünfzehnjährige Rouya Hzayel lächelte mit großer Würde, als sie verhaftet wurde - ein ikonisches Bild, das den Trotz der palästinensischen Frauen einfing. Nach dem ersten Angriff der israelischen Besatzungspolizei auf den Protest sammelten sich die Demonstranten unter weiblicher Führung neu und riefen erneut militante Parolen. Patriarchalische politische „Führer“ mit männlicher Energie, die normalerweise alle Proteste im besetzten Palästina diktieren, versuchten, den Protest aufzulösen, um weitere Zusammenstöße mit der israelischen Polizei zu vermeiden. Aber wieder waren es die palästinensischen Beduinenfrauen, die sich weigerten, nach Hause zu gehen oder sich zum Schweigen bringen zu lassen, und die forderten, dass der Protest so lange weitergehen müsse, bis alle Inhaftierten freigelassen würden. Gegen Ende der eher kleinen, aber vor feministischer Energie knisternden Protestkundgebung sagte eine ältere Palästinenserin aus Al-Araqib, einem palästinensisch-beduinischen Dorf, das in den letzten drei Jahren 53 Mal von der israelischen Besatzung zerstört wurde: „Wenn sie unsere Häuser zerstören, machen wir den Friedhof des Dorfes zu einem Zuhause. Sie drohen, auch ihn zu zerstören. Selbst wenn sie das tun, werden wir mit unseren eigenen Händen Gräber ausheben und darin leben. Wir werden unsere Toten schützen und sie werden uns schützen.“

Mit diesem einen Protest trotzten die Frauen des besetzten Naqab der Kolonialmacht des Besatzerstaates und der lokalen patriarchalischen Vorherrschaft. Sie machten sich über die orientalistischen Stereotypen lustig, die Beduinenfrauen als stimmlos und handlungsunfähig betrachten. Sie bestanden darauf, dass sie frei und nicht gezwungen seien, das zu tun, was sie nicht tun wollten. Die meisten dieser Frauen haben vielleicht noch nie von Emma Goldman gehört oder Peter Kropotkins Pamphlete gelesen; einige von ihnen können kein Englisch. Dennoch verkörpern sie alles, wofür Antiautoritarismus im Wesentlichen steht. Dennoch werden diese Frauen und viele andere wie sie vom vorherrschenden westlichen anarchistischen Diskurs ausgeschlossen, weil sie nicht in die engen und komplexen Definitionen, Bezeichnungen und Lebensstile passen.

Wo sind die Behinderten?

Eine weitere Gruppe, die in vielen anarchistischen Kreisen typischerweise ausgegrenzt wird, sind Menschen mit Behinderungen. Menschen mit einer körperlichen Behinderung sind möglicherweise nicht in der Lage, Molotow-Cocktails zu werfen oder Black Blocs zu bilden. Sie sind möglicherweise nicht in der Lage, einen „anarchistischen“ Lebensstil zu führen oder die Zivilisation abzulegen, weil ihr funktionierendes Leben stark von moderner Technologie abhängt. Das bedeutet nicht, dass sie nicht wie jede andere nicht behinderte Person antiautoritär sein können. Es bedeutet, dass sie besondere Umstände und Bedürfnisse haben, die respektiert und in die Bewegung integriert werden müssen. Sie können direkte Aktionen organisieren, an Sitzstreiks teilnehmen, zivilen Ungehorsam anführen und ihre Behinderung zu einem Attribut und Vorteil für die gesamte Gruppe machen. Sie sollten nicht bevormundet oder ausgegrenzt werden. Anstatt ihnen zu sagen, sie sollen nach Hause gehen oder hinten bleiben, sollten ihre Mitstreiter sich bemühen, den Protestraum für sie zugänglich zu machen, wenn möglich. Menschen mit körperlichen Behinderungen werden in der Regel von anarchistischen Bewegungen ausgeschlossen oder fühlen sich nicht willkommen und angenommen. Damit der Anarchismus jedoch wirklich inklusiv und heterogen ist, muss er alle integrieren und annehmen: People of Colour, Menschen mit Behinderung, Arme, nicht organisierte Rebell*innen und diejenigen, die nicht unbedingt in die allgemein akzeptierten westlichen Definitionen des Anarchismus passen, wie wir am Beispiel im Naqab oben gesehen haben.

Anarchisten gegen die Mauer

Die weithin als radikalste und revolutionärste linke Gruppe Israels gefeierte und gelobte Gruppe „Anarchisten gegen die Mauer“ (AATW) ist ein perfektes Beispiel für viele der oben genannten Fehler und Mängel des „weißen Anarchismus“. Wir mögen politisch auf derselben Seite stehen, da die Mitglieder der AATW den Zionismus ablehnen, das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge unterstützen und an ein demokratisches Land im historischen Palästina glauben. Die meisten von ihnen haben sich jedoch nicht kritisch mit der Realität ihrer weißen kolonialen Privilegien auseinandergesetzt. Diese Kritik zielt nicht darauf ab, die Arbeitsleistung oder das Engagement der Gruppe zu bewerten oder zu unterschätzen, und stellt auch nicht ihren moralischen Mut und ihre Ausdauer in Frage. Vielmehr soll sie die Fehler und Mängel beleuchten, die die meisten radikalen linken weißen Gruppen gemeinsam haben. Diese Kritik an AATW ist zweigeteilt: (1) auf institutioneller Ebene und (2) durch die Infragestellung der Teilnahme der Gruppe an Protesten im besetzten Westjordanland.

Anarchists Against the Wall ist eine Gruppe, die stark von weißen, bürgerlichen, gebildeten und privilegierten Aschkenasim-Israelis aus der Tel-Aviv-Blase dominiert wird. Es handelt sich um einen geschlossenen VIP-Club, in dem keine direkte Demokratie herrscht. Mehrere Aktivisten, die eng mit der Gruppe zusammenarbeiteten, beklagten sich darüber, dass Entscheidungen von einigen wenigen ausgewählten Veteranenmitgliedern getroffen werden. Sie betonen immer, dass sie „ihre Privilegien überprüfen“, aber sie erkennen nicht, dass ihre Privilegien ihr tägliches Leben durchdringen und ihnen eine größere Auswahl bei der Wahl ihres Wohnortes ermöglichen. So ist beispielsweise die Fahrt auf der 433 Road, einer nur für Siedler zugänglichen Straße, von Tel Aviv zu einem Protest im Westjordanland weder revolutionär noch eine Herausforderung für das israelische Privileg. Auch die Rückreise von Ramallah nach Jerusalem über den Hizmeh-Checkpoint, einen speziellen Kontrollpunkt für Menschen mit israelischer Staatsbürgerschaft, ist nicht revolutionär. Die Reise zu Protesten im Westjordanland, um ihren weißen Retterkomplex zu besänftigen, passt nicht ganz zu „Überprüfe deine Privilegien“. Jeden Freitag zu den „coolen“ und liberalen Protesten von Nabi Saleh zu fahren und den größten Teil des Tages in der Nähe der Tankstelle unter Tränengaswolken auf Hebräisch zu plaudern, scheint kontraproduktiv zu sein.

Israelische Anarchisten glauben, dass ihre bloße Anwesenheit den Dörfern und dem Protest zugutekommt, als ob ihre weiße Haut und ihre israelischen Ausweise an und für sich schon die besten Eigenschaften wären. Aber selbst das ist nicht wirklich wahr. Das Dorf mit der größten Protestbeteiligung im Westjordanland ist Kafr Qaddoum, und an den wöchentlichen Protesten nehmen kaum fünf israelische Aktivisten teil. Die Behauptung, die Anwesenheit israelischer Anarchisten schütze die palästinensischen Demonstranten vor Ort, ist ebenfalls absurd, da Palästinenser immer an vorderster Front stehen und die Anwesenheit israelischer Aktivisten die israelischen Besatzungstruppen nicht weniger gewalttätig macht. Dank ihrer Staatsbürgerschaft sind israelische Anarchisten per Gesetz gegenüber Palästinensern privilegiert, selbst wenn sie verhaftet oder verletzt werden, was bedeutet, dass das ganze Mantra des „Mit-Widerstands“ eine Farce ist. Am Ende des Tages, nachdem sie einigen Kugeln ausgewichen sind, Tränengas und Stinktier-Spray gerochen haben und einige dramatische Fotos gemacht haben, kehren israelische Anarchisten in die Kolonie Tel Aviv zurück, manchmal über Straßen, die nur für Juden zugänglich sind, und verbringen eine gute Nacht in einer Bar. In der Zwischenzeit sind palästinensische Dorfbewohner, mit denen sie jeden Freitag „gemeinsam Widerstand leisten“, immer der drohenden Gefahr von Nachtangriffen und Vergeltungsmaßnahmen durch israelische Besatzungssoldaten ausgesetzt.

Israelische Anarchisten müssen verstehen, dass die Teilnahme an Protesten im Westjordanland in ihrer jetzigen Form keine Bedrohung für das System darstellt. Eine echte Ablehnung ihrer Privilegien würde bedeuten, dass sie sich dem Leben und Tod der Kolonisierten aussetzen. Das heißt, es würde ihrerseits Handlungen erfordern, die den Kolonisator unfähig machen würden, zwischen ihnen und den palästinensischen Dorfbewohnern, mit denen sie „gemeinsam Widerstand leisten“, zu unterscheiden.

Darüber hinaus würde dies auch den Abbau ihrer Privilegien innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften bedeuten. Noch bevor sie an einer Protestveranstaltung im Westjordanland teilnehmen, sollten sie zunächst das System der Privilegien, in dem sie leben, erkennen und daran arbeiten, es abzubauen; sich bemühen, in ihren eigenen Gemeinschaften Veränderungen herbeizuführen; die langen und unsichtbaren Kämpfe zu führen, die nicht auf YouTube gefilmt werden; und sich von ihrer „Bürde des weißen Mannes“ befreien. Palästinenser sind ohne sie besser dran. Bis dahin werden sie ein fester Bestandteil des Systems bleiben, das Palästinenser unterdrückt, kolonisiert und erstickt. Sie werden es bleiben, weil ihr Leben, so wie sie es leben, weiterhin von genau diesem System abhängt.

Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Trueten

Quelle: Budour Hassan / The colour brown: de-colonising anarchism and challenging white hegemony via Random Shelling قصف عشوائي

Französische Fassung, übersetzt von Dyhia Tadmut, ebenda.


Solidarität und Widerstand - Das Seenotrettungsboot Imara

Das Foto zeigt das Boot auf See mit 4 Personen, die in Richtung Kamera blicken. Der Rumpf des Bootes ist bemalt, dazu der Text "Feel welcomed" und "Resistance"
Foto: © Gabriele Di Maria/RYC via Umbruch Bildarchiv
Am Hafen von Licata/Sizilien gestalteten Künstler*innen und Aktivist*innen zusammen mit der Initiative r42 im Frühling 2024 das Seenotrettungsboot Imara. Die Bemalung des Bootes sollte den Inhalten der Seenotrettung mehr Sichtbarkeit geben und darauf aufmerksam machen, dass das Massensterben von Geflüchteten im Mittelmeer keine zufällige Tragödie ist. Sie ist Folge der politischen Entscheidung, die EU-Außengrenzen gewaltsam abzuschotten.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

In einem gemeinsamen Austausch über etwa ein Jahr entwickelten die Künster*innen mit der Boots-Crew ein Gestaltungskonzept, überlegten zentrale Motive und Sprüche. Das Boot soll für Geflüchtete in Seenot schon von weitem klar als solidarische Hilfe erkennbar sein u.a. durch große gelb leuchtende Aufschriften in arabischer Sprache („Wir sind für euch da“). Die zentralen großen Aufschriften sind „Solidarity“ und „Resistance“, eine Anspielung auf die Abkürzung SAR (Search And Rescue). Auf das vordere Segel wurde eine geballte Faust gedruckt, die aus mehr als 2000 Namen von Menschen zusammengesetzt ist, die wegen der Abschottungs-Politik der EU ihr Leben verloren haben.

Möglich gemacht wurde das Projekt u.a. durch Spenden vom „Beyond Borders Festival“. Es fand am 24. August 2024 zum zweiten Mal im Görlitzer Park in Kreuzberg statt, um Initiativen zu unterstützen, die sich an den Grenzen oder in Berlin für die Rechte von Migranten und Menschen auf der Flucht einsetzen.

Die Imara fährt seit Spätsommer 2021 als Beobachtungs- und Hilfsschiff Einsätze im zentralen Mittelmeer zwischen Sizilien und Libyen. Wie andere zivile Organisationen wollen auch sie vor Ort helfen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. r42 ist Teil eines stetig wachsenden Netzwerks von zivilen SearchAndRescue-NGOs.

Die Repression gegen Seenotrettungs-Initiativen nimmt stetig zu, Fluchtwege werden durch brutale Abschottungs-Maßnahmen immer weiter blockiert. In vielen europäischen Ländern sind zunehmend rechte bis faschistische Parteien an der Regierung.

Natürlich ist die Bemalung eines Rettungsbootes unbedeutend im Vergleich zur tatsächlichen Rettung von Menschen. Aber sie ist eine gute Ergänzung. Falls die zivile Seenotrettung eines Tages nicht mehr möglich sein sollte, wird es zumindest Bilder vom Tatort Mittelmeer geben – mit den vor Ort platzierten Forderungen und Inhalten von Menschen, die diese Zustände nicht hinnehmen wollen.
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100 Jahre Rote Hilfe - 100 Jahre Solidarität: Ausstellung, Vortrag & Film in Stuttgart

Vortrag und Ausstellungseröffnung mit Silke Makowski (Hans-Litten-Archiv)

Das SharePic zum 100. Jahrestag der Roten Hilfe zeigt eine Collage verschiedener Stationen in der Geschichte der Roten Hilfe sowie den Hinweis auf die AusstellungVor 100 Jahren wurde die Rote Hilfe Deutschlands als parteienübergreifende Solidaritätsorganisation gegründet. Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung von der Weimarer Republik und der Illegalität ab 1933 über die Neugründung von Rote-Hilfe-Strukturen in den 1970ern bis zur heutigen Roten Hilfe e. V.. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung in Stuttgart und der Region.

Dienstag, 17.12., 20 Uhr
Stadtteilzentrum Gasparitsch
Rotenbergstr. 125, S-Ost


Ausstellung von 17.12. – 10.01.2025:
Die Ausstellung zeigt die Geschichte der Roten Hilfe(n) und deren Solidaritätspraxis.